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19. Dezember 2014 / Karthause

Kazuaki Takano – Extinction

Originaltitel: Genocide

Broschiert: 560 Seiten

Verlag: C. Bertelsmann Verlag

ISBN-13: 978-3570101858

Kurzbeschreibung (Quelle: buecher.de)

Ist die nächste Stufe der Evolution das Ende von uns allen?

Jonathan Yeager wird im Auftrag der amerikanischen Regierung in den Kongo geschickt. Bei einem Pygmäenstamm sei ein tödliches Virus ausgebrochen. Die Verbreitung muss mit allen Mitteln verhindert werden. Doch im Dschungel erkennt Yeager, dass es um etwas ganz anderes geht: Ein kleiner Junge, der über unglaubliche Fähigkeiten und übermenschliche Intelligenz verfügt, ist das eigentliche Ziel der Operation. Kann es sein, dass dieses Geschöpf die Zukunft der Menschheit bedroht? Yeager weigert sich, das Kind zu töten. Er setzt alles daran, den Jungen in Sicherheit zu bringen. Eine gnadenlose Jagd auf die beiden beginnt.

Über den Autor (Quelle: buecher.de)

Kazuaki Takano, geb. 1964 in Tokio, arbeitet in Hollywood und Japan als Drehbuchautor. Für seine Romane erhielt er renommierte Preise. »Extinction« stand in Japan monatelang auf den Bestsellerlisten und wurde u.a. als bester Thriller des Jahres ausgezeichnet.

Meine Meinung

Der us-amerikanische Präsident Gregory S. Burns wird informiert, dass sich eine neue Evolutionsstufe der Menschheit, eine höhere Intelligenz als sie uns gegenwärtig vorstellbar ist, entwickelt hat. Diese gilt es nun auszulöschen. Dazu werden vier Söldner unter der Leitung von Jonathan Yaeger rekrutiert und unter dem Vorwand einen von einem tödlichen, die gesamte Menschheit bedrohenden Virus befallenden Pygmäenstamm im Urwald des Kongo zu exekutieren. Gleichzeitig setzt in Japan der junge Pharmakologiestudent Kento Koga die geheime wissenschaftliche Arbeit seines Vaters fort und sucht nach einem Medikament gegen Lungensklerose. Dabei gerät er ins Visier des amerikanischen Geheimdienstes. Diese drei Handlungsebenen bilden die Säulen des Romans und nach und nach wird deutlich, wie diese zusammenhängen.

„Extinction“ ist schwer einem einzigen Genre zuzuordnen. Wenn, dann müsste man dieses wohl als einen wissenschaftlich-dystopischen Thriller mit Sci-Fi-Elementen bezeichnen. Das Verbindende und Genreübergreifende ist die Spannung. Die ergreift den Leser zwar nicht sofort auf den ersten Seiten, man muss ein wenig Geduld aufbringen und die eine oder andere wissenschaftliche und politische Situationsbeschreibung verinnerlichen, um sich ganz auf die Handlung einlassen zu können. Dabei ist es für das Verständnis sicher von Vorteil, wenn der Leser zumindest an den naturwissenschaftlich geprägten Abschnitten interessiert ist.

Nachdem der Autor seine Figuren positioniert hat, nimmt die Handlung Fahrt auf und wird zunehmend spannend. Zwar blitzt stellenweise das Thrillerkonstrukt etwas durch, trotzdem würde ich die geschilderte Szenerie nicht als unmöglich oder unvorstellbar ansehen. Auch Assoziationen zu lebenden Personen der US-Adminstration sind sicher eher gewollt denn zufällig.

Völlig ohne jegliche Erwartungen habe ich mit der Lektüre dieses Thrillers begonnen und wurde dermaßen überrascht, dass ich ihn jetzt sogar als eines der Jahreshighlights dieses Genres ansehe. Ich empfehle ihn gern weiter, wer die Romane von Michael Crichton oder Andreas Eschbach mag, wir auch Gefallen an diesem spannenden Roman haben.

12. Dezember 2014 / Karthause

Druckfrisch

Am kommenden Sonntag gibt es wieder einmal Druckfrisches aus der ARD.

Laut Newsletter der Sendung gibt es:

  • George R.R. Martin: Der Fantasy-Meister aller Klassen

  • Jürgen Dollase: Himmel und Erde

  • Denis Scheck empfiehlt …

  • und er kommentiert wieder die aktuelle SPIEGEL-Bestsellerliste Belletristik

 

Also merkt euch den Termin, 14. Dezember 2014 um 23:35 Uhr.

(Quelle für Text und Foto: Newsletter vom 12. Dezember 2014)

7. Dezember 2014 / Karthause

Christina Baker Kline – Der Zug der Waisen

Originaltitel: Orphan Train

Gebundene Ausgabe: 352 Seiten

Verlag: Goldmann Verlag

ISBN-13: 978-3442313839

Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

Ein bewegender Roman über ein vergessenes Kapitel der amerikanischen Geschichte

New York, 1929: Mit neun Jahren verliert Vivian Daly, Tochter irischer Einwanderer, bei einem Wohnungsbrand ihre gesamte Familie. Gemeinsam mit anderen Waisen wird sie kurzerhand in einen Zug verfrachtet und in den Mittleren Westen geschickt, wo die Kinder auf dem Land ein neues Zuhause finden sollen. Doch es ist eine Reise ins Ungewisse, denn nur die wenigsten von ihnen erwartet ein liebevolles Heim. Und auch Vivian stehen schwere Bewährungsproben bevor … Erst viele Jahrzehnte später eröffnet sich für die inzwischen Einundneunzigjährige in der Begegnung mit der rebellischen Molly die Möglichkeit, das Schweigen über ihr Schicksal zu brechen.

Über die Autorin (Quelle: amazon.de)

Christina Baker Kline wuchs in England und in den Vereinigten Staaten auf. Sie hat Literatur und Kreatives Schreiben unterrichtet und sich als Buchautorin und Herausgeberin von Anthologien einen Namen gemacht. Ihr Roman “Der Zug der Waisen” war in den USA ein großer Erfolg und hielt sich monatelang an der Spitze der New-York-Times-Bestsellerliste. Mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen lebt die Autorin in Montclair, New Jersey.

Meine Meinung

1929 – 1943. Vivian kam mit ihren Eltern als Niamh aus Irland nach New York und verlor ihre Familie 1929 im Alter von 9 Jahren durch einen Wohnungsbrand. Infolge dessen wurde sie mit anderen Waisen in einem der berüchtigten Orphan Trains nach Minnesota gebracht. Dort warteten angebliche Pflegefamilien auf die Kinder. Aber in den meisten Fällen sahen man in den Waisen nur billige Arbeitskräfte. Für Vivian begann eine Odyssee durch verschiedene Familien. Ihr Name wurde geändert, sie musste hart arbeiten und wurde nicht geliebt. Erst nach Jahren wurde sie von einem Ehepaar aufgenommen, die ihr eine Familie waren und ihr ein Heim boten.

2011. In einer zweiten Erzählebene lernt der Leser die 17-jährige Molly kennen, die ähnlich wie Vivian von einer Pflegefamilie zur anderen geschickt wird. Nachdem sie beim Diebstahl eines alten Buchs erwischt wird, muss sie Sozialstunden ableisten und soll bei der inzwischen über 90-jährigen Vivian den Dachboden entrümpeln. Molly, die sonst niemanden in ihre Gefühlswelt blicken ließ, fasst zu Vivian, wegen ihres Einfühlungsvermögen und ihrer lebensweisen Art, langsam Vertrauen.

Christina Baker Kline öffnet, begründet auf eine belegte, akribische Recherche, dem Leser ein Fenster in ein bislang weitgehend unbekanntes Kapitel amerikanischer Geschichte. Sie schildert eher sachlich-nüchtern die beiden Lebensgeschichten. Sie beschreibt, was beschrieben werden muss und wird dabei nie rührselig. Trotzdem gab es immer wieder Szenen, die mich emotional sehr berührten.

Beide Handlungsstränge werde fast durchgängig abwechselnd erzählt, so verknüpft die Autorin geschickt Vergangenheit und Gegenwart und ermöglicht ein Teilhaben am Schicksal der beiden Protagonistinnen. Die Charakterisierung der beiden Frauen gelang ihr auch sehr gut, wo hingegen andere Figuren nicht so facettenreich vorgestellt wurden.

Trotz der Schwere des Themas ließ sich das Buch sehr angenehm und flüssig lesen, weil auf Angriffe auf die Tränendrüsen durchweg verzichtet wurde. Einzig die sich zum Ende hin entwickelnde Hektik in den Ereignissen störte mich ein wenig. Im Anhang des Buches wird kurz und mit Fotos versehen, die Geschichte der Orphan Trains dargelegt.

„Der Zug der Waisen“ ist ein hochinteressantes Buch, das ich sehr gern gelesen habe. Es brachte mir ein Stück amerikanischer Geschichte nahe, die mir so bisher noch nicht bekannt war.

4. Dezember 2014 / Karthause

Benjamin Monferat – Welt in Flammen

Gebundene Ausgabe: 784 Seiten

Verlag: Wunderlich;

ISBN-13: 978-3805250696

 

Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

Der Himmel im Osten war flüssiges Feuer

Mai 1940: Deutsche Panzer rollen westwärts. Während in Paris die Angst um sich greift, bricht der Simplon Orient Express ein letztes Mal nach Istanbul auf. An Bord des Zuges eine schicksalhafte Reisegesellschaft. Jeder der Fahrgäste mit einem ganz eigenen Grund, diese letzte Fahrt unter allen Umständen anzutreten: Ein Balkanfürst will die Herrschaft über sein Land zurückfordern. Seine jüdische Geliebte fürchtet um ihre Liebe – und um ihr Leben. Ein deutscher Spion setzt alles daran, sie zu beschützen. Ein russischer Großfürst ist auf der Flucht, die Sowjetmacht ihm längst auf den Fersen. Eine Stummfilmdiva fürchtet das Vergessenwerden mehr als den Krieg. Ebenfalls an Bord – Agenten aller kriegführenden Mächte. Was niemand ahnt: Im Zug befindet sich etwas, nach dem Hitler seine Truppen in ganz Europa suchen lässt. Die Fahrt steht von Anfang an unter einem schlechten Stern. Jeder Grenzübertritt kann das Ende bedeuten. Jeder der Passagiere fürchtet den nächsten Tag. Schließlich bricht Feuer aus. Und während Europa in Dunkelheit versinkt, rast der Express als lodernde Fackel durch die Nacht …

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Benjamin Monferat ist ein Pseudonym, hinter dem sich der deutsche Autor Stephan M. Rother verbirgt. Als Schriftsteller und Historiker hat er sich ganz der Geschichte verschrieben – in all ihren Bedeutungen. Neben einem Kleinbahnhof an der innerdeutschen Grenze aufgewachsen, gehört das Schnaufen historischer Dampflokomotiven zu seinen ältesten Erinnerungen. Die Lebensgeschichte seines Großvaters, der im Dritten Reich am Bau luxuriöser Salonwagen beteiligt war und gleichzeitig tätigen Widerstand gegen das Regime übte, war einer der Impulse, aus denen heraus «Welt in Flammen» entstand.

Meine Meinung

Mai 1940. Die Deutschen stehen vor den Toren von Paris, sie greifen nach ganz Europa und der Simplon Orient Express startet zu seiner letzten Fahrt. An Bord befindet sich eine illustre Gesellschaft. Carol, der ehemalige König von Carpatien, der in der Heimat wieder den Thron besteigen will; der russische Großfürst Constantin Romanow, mit Ehefrau Katharina und ihren Kindern Alexej, Xenia und Elena; Betty Marshall, die amerikanische Stummfilmdiva; Eva Heilmann, eine deutsche Jüdin, die von ihrem Geliebten, eben jenem im Exil lebenden König Carol verlassen wurde; Ludvig Mueller/Ingolf Hembrecht, offiziell als Student geltend, aber offensichtlich in geheimer Mission unterwegs und ein amerikanisches Millionärsehepaar. Dazu kommen noch diverse, die Handlung nicht nur in Nebenpositionen bestimmende Charaktere und Agenten aus allen in den Krieg involvierten Nationen.

Bereits mit der Einführung der Personen in die Handlung, nahm diese Fahrt auf und zog mich in ihren Bann. Das hätte ich so nicht unbedingt erwartet, denn die Handlung wird in sehr kurzen Zeitabschnitten fast minutiös erzählt. Der ganze Roman spielt in der Zeit vom 23. Mai – 4. Juni 1940. Schnell ergab sich aber beim Lesen ein Rhythmus, der schon dem einer Bahnreise entsprach. Man begab sich von Abteil zu Abteil, um den Ablauf der Dinge aus verschiedenen Perspektiven erfassen zu können. Um dem Leser die Orientierung zu erleichtern, ist im Anhang eine Übersicht über die Wagen und die Abteil- und Sitzverteilung enthalten. Jedes neue Kapitel weist auch den momentanen Ort der Handlung und die entsprechende Uhrzeit aus.

Der Roman lebt von und mit den facettenreich gezeichneten Charakteren. Jeder für sich ist einzigartig, steht aber gleichzeitig für die Gesinnung einer Nation oder einer Interessengruppe. Es gibt kein absolutes Gut und Böse, alle wirken sehr menschlich und lebensecht. Auch die Handlung, die mit zunehmender Reisedauer immer actionreicher wird und an Spannung gewinnt, ist durchgängig logisch und glaubhaft.

Beeindruckt haben mich aber auch die Beschreibungen der Schauplätze. Sowohl die des Zuges als auch die der durchquerten Landschaften ließen Bilder in meinem Kopf entstehen, die sich schnell zum sogenannten Kopfkino entwickelten. Ich könnte mir diesen Roman auch sehr gut als eine Vorlage für eine Verfilmung vorstellen.

Einen sehr guten historischen Roman macht in meinen Augen aber der Fakt aus, dass der Autor es vermag, mir mit der Geschichte die Geschichte nahezubringen. Das schafft Benjamin Monferat sehr überzeugend. Er präsentiert nicht nur historische Fakten, er vermittelt Stimmungen, Haltungen, Gefühle und Hintergründe einer weltbewegenden Epoche.

Das Europa, das sie hinter sich gelassen haben, existiert nicht mehr und wird sich nie wieder erheben.“ (S.757)

Ich mochte diesen Roman sehr. Es ist einer der besten historischen Romane, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Er besticht durch eine klare, der Zeit entsprechenden Sprache, ist intelligent konstruiert, wirkt sehr real und ist historisch fundiert. Es ist einer der Romane die man getrost auch ein zweites Mal lesen kann und dabei auf Details stoßen wird, die man zuvor nicht wahrnahm. „Welt in Flammen“ ist ein Roman, der mich vollkommen überzeugt hat.

28. November 2014 / Karthause

Thomas Wolfe – Von Zeit und Fluss

Von Zeit und Fluss von Thomas WolfeOriginaltitel: Of Time and the River

Gebundene Ausgabe: 1200 Seiten

Verlag: Manesse Verlag

ISBN-13: 978-3717523260

Roman einer Suche, eines Aufbruchs, einer Wandlung

Jahre ist es her, seit ich Thomas Wolfes „Schau heimwärts, Engel!“ gelesen habe, in dem er die Jugendgeschichte Eugene Gants erzählt. Diese Geschichte findet in „Of Time and the River“ ihre Fortsetzung. Mit „Von Zeit und Fluss“ veröffentlichte der Manesse Verlag Irma Wehrlis Neuübersetzung des modernen amerikanischen Klassikers.

Eugene Gant ist erwachsen geworden. So beginnt der Roman mit einem Abschied, der Protagonist verlässt seine Familie und die Heimat und tritt sein Studium an der Harvard University an. Auf der Zugfahrt nach Boston durchlebt er förmlich eine Wandlung. Mit dieser Zugfahrt beginnt Eugene Gant eine Suche nach dem Sinn des Lebens. Er erkennt, das gesamte Leben ist im Fluss und die ihn ständig treibende Frage, wird er auch durch sein Studium und die Lektüre noch so vieler Bücher nie beantworten können. Nicht nur durch den Tod des Vaters, der ein Trinker war und den er eigentlich verachtete, lernt er die große, den Menschen innewohnende Trauer kennen. Der Roman trägt den Untertitel „Eine Legende vom Hunger des Menschen in der Jugend“ und genau das trifft es. Dem Leser werden die Träume und Sehnsüchte, aber auch die Ängste und Selbstzweifel, die Trauer und Verzweiflung des jungen Mannes offenbart und dies auf eine Art und Weise, die seine Gefühle sehr nachvollziehbar und verständlich macht.

Der junge Mann ertrank im tiefsten Meer – ein Atom, das, ahnungslos, wie er sich schützen könnte, in den Geschosshagel der stürmischen Welt geriet. Der Überzeugung der Gewohnheit, das gedankenlos leichte Leben der vergangenen vier Jahre, in denen er der Welt so viel Vergnügen abgepresst hatte, wie sie hergab, bröckelte ab wie eine Dreckkruste. Er war ein Nichts, ein Niemand – aller Mut, aller Mumm in ihm war verschwunden; er war sich bodenloser Unwissenheit bewusst – des Beginns der Weisheit, wie Sokrates meinte – er war verloren.“ S 149

Aber nicht nur die Entwicklung des Eugene Gant, der für eine Jugend voller Sehnsüchte und Leidenschaften, Wünsche und Emotionen steht, wird in diesem Roman thematisiert. Neben der Lebensgeschichte des Protagonisten steht gleichrangig das von Thomas Wolfe gezeichnete politische und gesellschaftliche Panorama der USA in den 1920er Jahren.

Die Menschen wollen den Krieg vergessen … sie wollen all ihre Opfer und Leiden vergessen …meiner Meinung nach liegen bessere Zeiten vor uns. Ich denke nach der Wahl werden wir eine der bedeutendsten Perioden nationaler Entwicklung und Expansion miterleben, die die Welt je gesehen hat … Pah, wir stehen erst am Anfang! Wir haben noch nicht mal richtig losgelegt.“ S 55

Mit seinen 1.200 Seiten ist dieser Roman schon ein wirklicher, vor Lesebeginn durchaus furchteinflößender Wälzer, der aber sowohl mit Anspruch, als auch mit Unterhaltung, Information und einem brillant gezeichneten Zeitbild zu überzeugen vermag. Wie ein Film lief die Handlung beim Lesen vor meinem geistigen Auge ab. So war die Bewältigung dieses Werkes letztendlich keine Arbeit, sondern eine durchweg lohnende Lektüre, die dem Leser amerikanische Kultur und Geschichte in einer Zeit des Aufbruchs nahe bringt. Diese Neuübersetzung empfinde ich als äußerst gelungen, der Charme des Originals, Schlüsselszenen habe ich parallel gelesen, blieb erhalten.

„Von Zeit und Fluss“ ist ein wunderbarer Roman, der Roman einer Wandlung und Entwicklung im persönlichen und gesellschaftlichen Sinne. Dieses Buch berührt und informiert, es macht eine Zeit des Aufbruchs mit dem Protagonisten gemeinsam erlebbar. Wolfes Roman ist ein Leseerlebnis der besonderen Art, das ich nicht missen möchte.

Der Verlag über den Autor

Thomas Wolfe (1900-1938) wurde als letztes von acht Kindern in Asheville, North Carolina, geboren. Aus bescheidenen Verhältnissen stammend, schaffte es der hochbegabte Junge bis nach Harvard und wurde Dozent für amerikanische Literatur an der New York University. Kaum hatte sein Schaffen weltweit Anerkennung gefunden, als er im Alter von nur siebenunddreißig Jahren starb.

24. November 2014 / Karthause

Das blaue Sofa

Am Freitag, 28. November 2014, strahlt das ZDF eine neue Folge der Literatursendung „Das blaue Sofa“ um 23.00 Uhr aus. Wolfgang Herles stellt zu später Stunde wieder interessante Bücher nach seiner ganz persönlichen Auswahl vor.
Don Winslow
“Missing. New York”
Droemer TB, 2014
ISBN-10: 3426304287
Broschiertes Taschenbuch
14,99 Euro

Don Winslow jüngstes Buch “Missing. New York” steht in der Tradition der klassischen Detektivromane des amerikanischen Westens von Raymond Chandler und Dashiell Hammet. Wolfgang Herles besuchte Windslow im Süden Kaliforniens, wo seit Jahrzehnten der Drogenkrieg wütet. Er ist das große Thema des für die Härte wie für den unverwechselbaren Sound seiner Thriller bewunderten Autors.

NoViolet Bulawayo
“Wir brauchen neue Namen”
Suhrkamp Verlag, 2014
ISBN-10: 3518424513
Gebundene Ausgabe
21,95 Euro

An der berühmten Stanford-University im Silicon Valley lehrt NoViolet Bulawayo. Vor 14 Jahren kam die heute vielfach preisgekrönte Autorin aus Zimbabwe in die USA. “Wir brauchen neue Namen”, ihr hochgerühmter Debütroman, schildert die Kindheit in einem Krisen geschüttelten afrikanischen Land und danach die in der Überflussgesellschaft Amerikas.

Arnon Grünberg
“Der Mann, der nie krank wurde”
Kiepenheuer & Witsch, 2014
ISBN-10: 3462046608
Gebundene Ausgabe
18,99 Euro

Wolfgang Herles empfiehlt die tiefschwarze politische Groteske des niederländischen Autors Arnon Grünberg “Der Mann, der nie krank war”. Die Geschichte eines idealistischen Schweizer Architekten, der in Bagdad eine Oper bauen will als Zeichen gegen Krieg und Terror. Er gerät jedoch aussichtslos in die Mühlen der Justiz, weshalb Herles das Buch an Franz Kafkas „Prozess“ erinnert, aber auch an Max Frischs „Homo Faber“. Es ist ein Roman über das Scheitern eines Mannes, der an die Kraft der Vernunft glaubt.

Michael Pollan
“Eine Naturgeschichte der Transformation”
A. Kunstmann, 2014
ISBN-10: 3888979730
Gebunde Ausgabe
29,95 Euro

Zum Jahresende hat Herles ausnahmsweise auch einen Sachbuchautor auf das “Das blaue Sofa” gebeten. Er unterhält sich mit dem Berkeley-Professor Michael Pollan über “Kochen. Eine Naturgeschichte der Transformation”. Themen sind die Transformation von Pflanzen, Pilzen und Bakterien zu Nahrungsmitteln, die Geburt der Zivilisation aus der Entdeckung des Feuers und die Erfindung des Kochtopfs.

Quelle: Newletter Das blaue Sofa

 

 

12. November 2014 / Karthause

Husch Josten – Der tadellose Herr Taft

Herr Taft1Gebundene Ausgabe: 240 Seiten

Verlag: Berlin University Press

ISBN-13: 978-3862800698

Daniel Taft ist Brite mit deutscher Mutter, in Frankreich hat er studiert und dort arbeitet er für ein internationales Unternehmen, für das er quer durch Europa reist. Er hat Europa im Blut. Als er von einer seiner Reisen zurückkehrt, hat ihn Veronika, seine Frau, wort-, und aus seiner Sicht, grundlos verlassen. Nichts deutete im Vorfeld darauf hin. Taft verliert förmlich den Boden unter den Füßen. Er kann nicht mehr klar denken, seine Gedanken drehen sich im Kreis. Nach Wochen beantragt er bei seinem Arbeitgeber eine Auszeit von einem Jahr.

Der Schmerz machte ihn paranoid. Er fühlte sich beobachtet, bildete sich ein, Veronikas Anwesenheit zu spüren, dann stürzte er zum Fenster, aus der Tür, suchte nach ihr wie ein Getriebener, ein halluzinierender Geisteskranker, um festzustellen, dass er einer ahnungslosen Passantin hinterhergejagt war. In manchen Nächten löschte er alle Lichter in seinen Appartement, setzte sich ans Fenster und suchte mit einem Fernglas die gegenüberliegenden Wohnungen ab, ob Veronika in einer darin wohnte. In seinem Zustand konnte er nicht mehr gewissenhaft arbeiten.“ S. 28/29

Es zieht ihn förmlich in die Heimatstadt seiner Frau. Dort lässt er sich nieder, in der Hoffnung, sie eines Tages dort zu treffen. Er mietet eine Wohnung und ein Ladenlokal an und verkauft, angeregt durch Gedächtnisstützen auf losen Zetteln, Themen. Seinen Laden nennt er „Theorie“ und hat damit überraschenderweise Erfolg. Die Medien berichten über die sonderbare Geschäftsidee und schnell wird der Laden zur Touristenattraktion. Dann lernt er Olivia kennen. Für viele Menschen mutet die Soldatin ebenso exotisch an wie Daniel Taft mit seinem ungewöhnlichen Laden. Es entwickelt sich eine ganz besondere Freundschaft und eines Tages stellt ihm Olivia, die unmittelbar vor einem Afghanistan-Einsatz steht, eine grundlegende Frage: „Wofür würdest du kämpfen?“

In letzter Zeit habe ich einige kluge und intelligent geschriebene Romane gelesen, aber keiner war dabei, in dem der Leser zum Hinterfragen eigener Standpunkte förmlich aufgefordert wird. Husch Josten stellt Fragen, unbequeme Fragen und berührt damit den Puls unserer Zeit. So schneidet sie als Themen Europa und die deutsche Politik an, bezieht die Afghanistan-Problematik im Speziellen und den Krieg im Allgemeinen ein den Roman ein. Aber auch ganz allgemeine Denkanstöße, z.b. den das Nachdenken der Menschen betreffend, fand ich ebenso interessant wie unterhaltsam dargelegt. Gerade die offenen Fragen regen unwahrscheinlich zum Nachdenken an, man positioniert sich selbst und hinterfragt eigene Standpunkte.So wie Daniel Taft seine Ehefrau suchte, dem mit der Frau sein Lebenssinn abhanden gekommen war, der sich vollkommen neu orientieren musste, so sucht auch der Leser nach Antworten auf die aufgeworfenen Fragen.

Wie ein roter Faden zieht sich die Musik durch den Roman. In jedem Kapitel wird ein Song angesprochen, der mit dem Geschehen harmoniert.

Husch Josten hat einen ganz hervorragenden Roman geschrieben, einen der mich voll und ganz überzeugt. Sprachlich ist er kraftvoll und wortgewaltig, aber gleichzeitig sehr feinsinnig und empathisch. Inhaltlich breit gefächert, gesellschafts- und sozialkritisch, bleibt er trotzdem immer eng an der Handlung, die auch mit unvermuteten Wendungen aufwartet. Es gibt keine störenden Längen oder gar ein Abdriften ins Banale.

„Der tadellose Herr Taft“ ist ein sehr lesenswerter, kluger Roman, der zum Denken anregt, zum Diskutieren verleitet und einen langen Nachhall hat. Für mich ist er das Jahreshighlight. Ich wünsche mir, dass dieser Roman viele, viele Leser erreicht und diese genau so begeistert wie mich.

Der Verlag über die Autorin

Husch Josten, Jahrgang 1969, lebt als Schriftstellerin in Köln. Ihr Debütroman „In Sachen Joseph“ (2010) wurde für den aspekte-Literaturpreis nominiert. Der vielgelobte zweite Roman „Das Glück von Frau Pfeiffer“ (2012) erschien in drei Auflagen. Zuletzt veröffentlichte sie unter dem Titel „Fragen Sie nach Fritz“ Kurzgeschichten (2013).

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