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2. September 2014 / Karthause

Bodo Kirchhoff – Verlangen und Melancholie

Cover Verlangen und MelancholieVerlag: Frankfurter Verlagsanstalt

ISBN-13: 978-3627002091

Gelesen: August 2014 RE

Der Verlag über das Buch

Hinrich, dem ein “e” zum eleganteren Heinrich fehlt, findet an einem sonnigen Maitag einen Brief mit schwarzem Rand in seinem Briefkasten. Wer mag da gestorben sein? Hinrich wagt nicht, den Umschlag zu öffnen. Seit seine Frau vor neun Jahren bei einem Sturz aus 43 Metern Höhe ums Leben gekommen ist, lebt er allein. Seine Zeit als Kulturkorrespondent bei einer großen Frankfurter Zeitung liegt hinter ihm. Und so gehören seine Tage den Erinnerungen an Irene, der geliebten Mutter seiner Tochter Naomi, der Übersetzerin anspruchsvoller italienischer Literatur. Da gab es die gemeinsamen Sommer in Italien, ihre Reisen nach Pompeji, wo sie vor den berühmten Fresken der Villa dei Misteri stundenlang stehenbleiben konnten, um deren Bedeutung zu enträtseln. Und ihre Liebe zum Kino; sie mochten das Schwermütige der Schwarzweißbilder, aber ließen sich auch verführen von etwas Leichtem. Doch was geschah wirklich vor neun Jahren, vor ihrem Sturz? Und was steht in diesem Brief mit dem schwarzen Rand? Aufklärung bringt erst eine Reise nach Warschau, wo Hinrich sowohl das Leben mit Irene als auch die Zeit mit einer früheren Geliebten in einer Weise einholt, die alles auf den Kopf stellt, woran er geglaubt hat.

“Verlangen und Melancholie”, der neue große Roman von Bodo Kirchhoff, ist ein mit einer hintergründigen Spannung geladener Roman, der den Leser mitnimmt auf eine Spurensuche, bei der langsam, aber unerbittlich die Aufdeckung des großen „Warum“ geschieht und der Held die Wahrheit über den Tod seiner Frau erkennt. Bodo Kirchhoff erzählt dabei auch von einem Älterwerden, ohne dass die Wünsche mitaltern, von einem ewig jungen Verlangen und einer letztlich hilfreichen Melancholie.

Der Verlag über den Autor

Bodo Kirchhoff, geboren 1948, lebt in Frankfurt am Main und am Gardasee. Zuletzt erschien in der Frankfurter Verlagsanstalt sein von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeierter Roman Die Liebe in groben Zügen (FVA 2012). Mehr Informationen zu Leben und Werk finden Sie auf der Webseite des Autors.

Meine Meinung

Wann endet ein leben, wenn das Herz nicht mehr schlägt oder es sinnlos erscheint, dass es noch schlägt?“ (S. 11)

Hinrich, Ich-Erzähler, Rentner und ehemaliger Zeitungsredakteur, ist Witwer. Seine Frau Irene nahm sich vor neun Jahren das Leben. Er ist einsam. Melancholisch wendet er seinen Blick auf das Vergangene, gleichzeitig gewinnt jedoch sein Verlangen danach, Antworten zu finden, Antworten auf das im Raum stehende Warum? immer mehr an Bedeutung.

Ich war abends allein, ein Stütze nur der grüne Tee und gelegentlich die Sechste von Bruckner, weil Irene sie gern gehört hatte; ich stand in der Küche bis der Tee getrunken war, und später am Fenster, ich konnte nicht sitzen, nur stehen und schauen. Ich suchte über der Stadt nach Sternen, wie ein Bemühen um Nichterfolg, weil zu viel Licht von den Hochhäusern kam, höchstens ein paar Pünktchen am Nachthimmel flimmerten, schäbige Sonnen, auch wenn es sonst wo im All noch die hellsten waren. Und immer weder die Frage Warum. Warum hat sie das gemacht, was war der letzte Anstoß?“ (S. 92)

Vielfältig ist das Themenspektrum, welches Bodo Kirchhoff in seinem Roman bedient, es geht ihm nicht nur um Liebe und Trauer, es geht um das Älterwerden und das sich in den wünschen noch jünger Fühlen, aber auch um Schwarzgeld in der Schweiz, um das Für und Wider der Anschaffung eines Haustiers, um Musik und Literatur und nicht zuletzt um die Familienbande. Wie ein roter Faden ziehen sich Gedanken an Eros in Pompeji durch den Roman, zum einen durch die gemeinsamen Erlebnisse mit Irene und zum anderen wegen der Ausstellung, die Naomi, Hinrichs und Irenes Tochter, im Museum für alte Kulturen organisiert hat. Wobei man zwischen Pompeji und Hinrichs und Irenes Ehe durchaus Analogien sehen kann. In diesem Themen-Kaleidokop gibt es kein Verzetteln oder sich Verlieren. Bodo Kirchhoff ist ein Sprachkünstler, ein Wortjongleur, der mit einem ungeheuren Sprachgefühl jedes Wort abgewogen und genau platziert hat.

„Verlangen und Melancholie“ ist ein beeindruckender Roman, der für mich sowohl sprachlich als auch thematisch vollends überzeugt hat. Hinrich, der Protagonist, wurde äußerst facettenreich charakterisiert wie er als liebes- und lebenserfahrener Ruheständler mit dem Verlust eines geliebten Menschen und der Trauer darüber sowie dem Verlangen, das Unabänderliche zu verstehen und im eigenen Weiterleben einen Sinn zu sehen. Tiefgreifende Gedanken, gepaart mit Wortwitz und kleinen gezielten Sticheleien gegenüber den örtlichen Printmedien machten diesen mich doch sehr nachdenklich stimmenden Roman zu einem ganz besonderen Leseerlebnis.

28. August 2014 / Karthause

Der erste Satz

Wieder lese ich einen Roman, dessen erster Satz mich tief nachdenklich stimmt.

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“Wann endet ein Leben, wenn das Herz nicht mehr schlägt oder es sinnlos erscheint, dass es noch schlägt.”

(aus “Verlangen und Melancholie” S. 11, Bodo Kirchhoff, Frankfurter Verlagsanstalt)

Verlangen und Melancholie - Bodo Kirchhoff Gebundene Ausgabe: 448 Seiten Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt ISBN-13: 978-3627002091

Verlangen und Melancholie – Bodo Kirchhoff
Gebundene Ausgabe: 448 Seiten
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
ISBN-13: 978-3627002091

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23. August 2014 / Karthause

Bücher Neuerscheinungen gesucht – schnell gefunden im BücherTreff

BT1Bald ist es wieder soweit, die Verlagsvorschauen der einzelnen Verlage stehen vor der Tür und präsentieren die zukünftigen Bücher Neuerscheinungen. So war für mich bisher mindestens zweimal im Jahr das Wälzen der Verlagsvorschauen angesagt. Seit einiger Zeit kann ich die ganze Sache jedoch deutlich entspannter angehen. Fester Bestandteil meiner Leseleidenschaft ist seit vielen Jahren nämlich BuecherTreff.de, eine Community von Lesern und Buchliebhabern.

In der dortigen „Stöber“-Rubrik findet man eine umfangreiche Auswahl an Bücher Neuerscheinungen, verbunden mit einer komfortablen Suchfunktion. Voreingestellt sieht man die am aktuellen Tag erscheinenden Novitäten. Man kann aber auch Monat und Jahr auswählen und so sehr gut filtern. Zusätzlich kann man das Medium (Bücher, E-Books, Hörbücher) wählen oder man lässt sich gleich alle zusammen anzeigen. Dabei kann man aber nicht nur in die Zukunft blicken, sondern auch recherchieren, welche Titel in den vergangenen Jahren erschienen sind. Hat ein Buch das Interesse geweckt, hat man die Möglichkeit, dieses gleich in die persönliche Wunschliste zu übernehmen und dort mit Prioritäten zu versehen. Zusätzlich zur Auflistung innerhalb der Stöber-Rubrik findet sich im Forum ein weiterer Bereich für Bücher Neuerscheinungen, in dem Mitglieder ihre favorisierten Neuerscheinungen auflisten können. Dort ist das Ganze nach Genres sortiert.

BT2

Besonders spannend finde ich jedoch die Funktion, sich eine Rangliste der zukünftigen Neuerscheinungen anzeigen zu lassen, auf welche die anderen Mitglieder warten. Das Ganze nennt sich “Sehnsüchtig erwartet” und findet sich ebenfalls in der Stöber-Rubrik. Dort beim Punkt “Interessen”. Denn gerne schaue ich auch über den eigenen Buchrand hinaus und finde es interessant, was andere LeserInnen interessiert und welche Vorfreuden sie haben.

Wenn euch also das Durchschauen der Verlagsvorschauen auch ab und an zu lästig ist oder ihr gerne mal einen schnellen Blick in die Bücher Neuerscheinungen des aktuellen Monats werfen wollt, schaut mal bei BuecherTreff.de vorbei.

BT3

18. August 2014 / Karthause

Philipp Meyer – Der erste Sohn

Der erste Sohn Philipp Meyer Originaltitel: The Son Gebundene Ausgabe: 608 Seiten Verlag: Albrecht Knaus Verlag ISBN-13: 978-3813504798

Der erste Sohn
Philipp Meyer
Originaltitel: The Son
Gebundene Ausgabe: 608 Seiten
Verlag: Albrecht Knaus Verlag
ISBN-13: 978-3813504798

„Ein großes Epos über die Besiedlung von Texas, so packend erzählt wie von Karl May, aber frei von falscher Romantik.“, so Wolfgang Herles in seiner Literatursendung “Das Blaue Sofa” am 30. Mai 2014 im ZDF.

Eigentlich könnte ich es mir leicht machen und sagen, der Beurteilung von Herrn Herles schließe ich mich 100 prozentig an. Philipp Meyer ist aber mit „Der erste Sohn“ ein wirklich beeindruckender Roman gelungen, über den man gern noch ein paar Worte mehr verlieren sollte. Die Familiengeschichte der McCulloughs wird über einen Zeitraum von guten 150 Jahren, eng verwoben mit der texanischen Geschichte, erzählt. Dazu nutzt er drei verschiedene Zeitebenen. Die am weitesten zurückliegende lebt durch Eli McCullough. Als Junge wird er von Indianern entführt. Er durchlebt schreckliche Situationen, wird aber von den Comanchen auch stark geprägt. So wird aus Eli der Gründer einer Dynastie, die zu Reichtum und Macht kommt. Peter, Elis Sohn und in dessen Augen ein Schwächling, steht im Mittelpunkt der zweiten Zeitebene. In diesem Part geht es um die Auseinandersetzungen mit den Mexikanern. Und schließlich taucht der Leser in das Leben von Elis Enkelin Jeanne Anne McCullough ein. Sie ist eine starke, geschäftstüchtige Frau, die erkennt, die Zukunft der Familie und damit eng verbunden die von Texas, liegt nicht in der Rinderzucht sondern in der Förderung von Öl. Eines zeigen aber alle drei, ihr Leben ist ein Kampf, dem sie sich auf ganz individuelle Art stellen.

Philipp Meyer hat eine wirklich großartige Familiensaga geschrieben. Seine Charaktere sind vielschichtig, ausgefeilt und nicht in schablonenhaft. Sie entsteigen gefühlt dem wahren Leben, haben gute und schlechte Eigenschaften und nicht alle ihre Entscheidungen sind vom Leser in Gänze nachvollziehbar. Aber auch mit den historischen Ausführen langweilt Meyer seine Leser nicht, sie sind interessant und haben immer einen Bezug zur Familie McCullough.

“Der erste Sohn“ hat mich von der ersten Seiten angesprochen und gefesselt hat. Es hat alles, was ich von einem guten Roman erhoffe, einen interessanten Plot, eine gute Charakterisierung der Personen und eine lebendige Sprache. Es ist einer jener Romane, die man aufgrund ihrer Vielfältigkeit, gern auch einem Re-read unterziehen kann.

Der Verlag über den Autor (Quelle: Knaus Verlag)

Philipp Meyer, geboren 1974, stammt aus einer Künstlerfamilie, verließ vorzeitig die Schule und hielt sich mit diversen Jobs – unter anderem als Fahrradmechaniker – über Wasser. Mit 20 entschloss er sich zu einem Literaturstudium und schaffte die Aufnahmeprüfung an der Cornell University. Nach seinem Abschluss arbeitete er als Broker an der Wall Street, um seine Schulden zu bezahlen. In dieser Zeit begann er zu schreiben. Ein Stipendium ermöglichte ihm einen Aufenthalt an der University of Texas, wo er seinen ersten Roman „American Rust“ (dt. “Rost”) begann. Das Buch gewann den Los Angeles Times Book Prize, war das Washington Post Book of the Year, schaffte es auf diverse Bestsellerlisten und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Philipp Meyer gilt seither als einer der hoffnungsvollsten amerikanischen Nachwuchsautoren. An „Der erste Sohn“ arbeitete er über fünf Jahre. Zur Zeit ist er ein Guggenheim Fellow und lebt in Austin, Texas und New York.

16. August 2014 / Karthause

Adieu Peter Scholl-Latour

Er war für mich einer der großen Welterklärer. Die Nachricht über seinen Tod hat mich sehr traurig gemacht.

Peter Scholl-Latour 1924-2014

 

7. August 2014 / Karthause

Barry Lancet – Japantown

Originaltitel: Japantown
Taschenbuch:
592 Seiten
Verlag: Heyne Verlag
ISBN-13: 978-3453437807

 

 

Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

Mein Name ist Jim Brodie. Ich bin in Tokio aufgewachsen, lebe in San Francisco und verbringe meine Zeit vor allem damit, antike Vasen zu reparieren. Ab und zu helfe ich der Polizei. Heute Nacht haben sie mich nach Japantown gerufen. Eine japanische Familie wurde auf brutale Weise hingerichtet. Doch das ist nicht alles. Am Ort des Verbrechens fand ich ein japanisches Schriftzeichen – dasselbe Zeichen, das vor drei Jahren bei meiner ermordeten Frau entdeckt wurde. Dies wird der Fall meines Lebens, der Fall, den ich lösen muss, koste es, was es wolle …

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Barry Lancets große Liebe zu Japan nahm vor über 30 Jahren ihren Anfang. Nach einer ersten Asienreise beschloss Lancet, seine Heimat Kalifornien zu verlassen und für längere Zeit in Tokio zu leben. Er blieb über 20 Jahre in Japan, arbeitete bei einem großen Verlag und entwickelte zahlreiche Bücher vor allem über die japanische Kunst und Kultur. Als Lancet eines Tages aufgrund eines Missverständnisses stundenlang von der Tokio Metropolitan Police verhört wurde, beschloss er, einen Thriller zu schreiben: Japantown war geboren.

Meine Meinung

Jim Brodie, in Japan geboren und in San Francisco mit seiner kleinen Tochter lebend, ist eigentlich Kunstkenner und Restaurator alter Vasen. Er hat aber auch, als Erbe seines Vaters, eine 50 Prozentbeteiligung an einer Ermittlerfirma in Tokio. Dadurch und wegen seiner umfassenden Kenntnisse der japanischen Kultur wurde er vom SFPD zu den Ermittlungen in einem Mordfall herangezogen. Eine japanische Familie wurde förmlich hingerichtet und am Tatort fand man das gleiche Kanji, das auch beim unaufgeklärten Mord an Brodies Ehefrau, drei Jahre zuvor, am Tatort gefunden wurde.

Ein wenig schwer tat ich mich damit, mich in das Buch einzulesen. Durch viele Rückblenden auf den ersten 100 Seiten, kam zunächst nicht der richtige Lesefluss auf. Aber die interessanten Beschreibungen der japanischen Kultur ließen mich weiterlesen und das habe ich letztendlich nicht bereut. Jim Brodie ist schon ein harter Hund, er kann körperlich vieles wegstecken, was den normalen Menschen wohl umgehend in die Notaufnahme eines Krankenhauses bringen würde, er beherrscht mehrere Kampfsportarten und hat auch oft das berühmte Quäntchen Glück. Als dann auch noch seine kleine Tochter ins Visier der japanischen Geheimorganisation kommt, wird es für Brodie eng. Dennoch ist er nicht der typische Superheld.

„Japantown“ ist ein actionreicher und spannender Thriller mit nur wenigen Längen, den ich nach ein paar Startschwierigkeiten sehr gern gelesen habe. Er ist blutig und brutal, zu zart besaitet sollte man beim Lesen nicht sein. Wirklich beeindruckt haben mich aber die Ausführungen zur Kultur und Mentalität der Japaner, die ideenreich in die Handlung impliziert wurden. Er ist logisch aufgebaut, jeder Ermittlungstag entspricht einem Kapitel.

Ich bin mit Jim Brodie gern zwischen Japan und San Francisco gependelt. Wer gute, spannende Unterhaltung sucht und auch Interesse an der japanischen Kultur hat, wird mit diesem Thriller gut beraten sein.

31. Juli 2014 / Karthause

Edgar Rai – Die Gottespartitur

Gebundene Ausgabe: 304 Seiten Verlag: Berlin Verlag ISBN-13: 978-3827011497

Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
Verlag: Berlin Verlag
ISBN-13: 978-3827011497

„Grundsätzlich … scheint es so zu sein, dass Musik und Musikalität in jedem von uns angelegt sind. Entwicklungsgeschichtlich war die Musik dem Menschen wahrscheinlich noch vor der Sprache eigen. Zugleich ist der Hörsinn der letzte, der uns flöten geht – entschuldigen Sie die musikalische Anspielung –, wenn ein Mensch stirbt. Und dass bislang keine eindeutig identifizierbare Todesmusik gefunden wurde, bedeutet – zumindest theoretisch betrachtet – nicht, dass es keine geben kann…“ (S.245)

Gabriel Pfeiffer, erfolgreicher Literaturagent, ist in einer tiefen Sinnkrise. Im Trubel der Frankfurter Buchmesse – Pfeiffers Klient Sven Broschinsky erhält für seinen Roman „Sauerkirschregen“ den Deutschen Buchpreis – sucht ihn Matthias Göttker auf. Der 17-jährige Seminarist glaubt, eine bedeutende Entdeckung gemacht zu haben. Zunächst tut Pfeiffer das als Wichtigtuerei ab, hat kein Ohr dafür, schließlich will er sich aus dem Literaturgeschäft zurückziehen. Trotzdem ist er als Literaturagent als Mittler zwischen den Autoren und den Verlagen, im Messedauerstress, um beiden Seiten gerecht zu werden. Als Gabriel dann vom überraschenden Tod Matthias Göttkers erfährt, wird das Thema für ihn dann doch bedeutungsvoll und er beginnt die Fäden, die ihm durch den jungen Mann mit einem Brief in die Hand gelegt wurden, zu verfolgen. Es geht um nicht weniger als um einen Gottesbeweis, der sich aus den Aufzeichnungen des englischen Musikgelehrten Charles Burney ergeben soll.

„Den erhaltenen Schriften nach zu urteilen, soll es ein Dokument geben, das den Beweis für die Existenz Gottes enthielt. Und Burney reiste dieser Spur nach. Schon in einer Quelle aus dem siebzehnten Jahrhundert findet sich die Aussage, dass man durch dieses Dokument »Gottes wahrhaftigen Wesens ansichtig werde«. Dass es also eine Art Test beinhalte. Allerdings muss, wer darauf besteht, diesen Test zu machen, für seine Zweifel büßen, indem Gott den Sünder zu sich ruft …“(S. 97)

Musik und Literatur sind die Künste, die mich schon immer stark beeindruckten und auch geprägt haben. Edgar Rai versteht es meisterlich, beide in einem spannenden Roman zu verbinden. Daneben gewährt er dem Leser einen glaubhaften und interessanten, wenngleich zynischen Einblick hinter die Kulisse des Literaturbetriebes. Auf die Frage, was man demnächst in den Bahnhofsbuchhandlungen finden wird, antwortet er:

„Drachenporno. Ein frivol flotter Dreier aus Fantasy, Historienschinken und Sex. Ich nenne es: Histomagstacy! Ein Forscher aus der Jetztzeit stolpert in eine Zeitfalle, findet sich auf einer mittelalterlichen Burg wieder, wo lauter lesbische Feen sich in Tantrasex-Ritualen von Orgasmus zu Orgasmus schwingen, wird Nakaki geopfert, einem weiblichen Drachen, der ihn als männlichen Sexsklaven missbraucht. Lustvolle Unterwerfung 2.0. Natürlich wird er durch eine Fee gerettet, die sich dafür selbst zum Opfer bringen muss, Gut gegen Böse und immer weiter so.“ (S 55/56)

Ein Sympathieträger ist der Protagonist Gabriel Pfeiffer nicht. Er ist allem überdrüssig, will seinen Beruf so nicht mehr, will sein Leben so nicht mehr, weiß gar nicht was er wirklich noch vom Leben will, außer dass es anders sein soll. Alles ist für ihn zur Gewohnheit geworden, die Gespräche mit den Verlagen und den Klienten, die aufopferungsvolle Arbeit seiner Assistentin, der Tradition gewordene Messedonnerstagabendbeischlaf mit der Gattin eines Verlegers und der Whiskey, der ihn mit nichts versöhnt, aber manches erträglich macht. Der Tod von Matthias Gröttker holt ihn aus seiner Lethargie und alles andere wird für ihn unwichtig, er will das fehlende Teil finden und das Puzzle zusammensetzen. Ich empfand seinen Charakter als sehr komplex und verständlich gezeichnet.

Der Roman besticht durch eine sehr prägnante, direkte Sprache. Zielsicher formuliert der Autor, bringt zynisch-bissig Dinge auf den Punkt. Auch seine Art von Humor, die diesem Roman durchaus eigen ist, kann ich gut teilen. Dabei bedient er viele Themen, stellenweise hatte ich Bedenken, er würde sich verzetteln, dem entging er aber immer haarscharf. Edgar Rai ist ein Autor, der viel zu erzählen hat und gern hätte ich noch ein paar hundert Seiten mehr aus seiner Feder gelesen. Auf eine selten erlebte Art wurde ich durch das Buch getragen. Das lag aber vielleicht auch an der Musik, die ich beim Lesen im Hintergrund hatte.

Mich hat dieser durchaus spannende und temporeiche Roman Edgar Rais überzeugt. Es ist eines der Highlights in diesem Jahr. Da dies der erste von mir gelesene Roman dieses Autors war, werde ich nun nach seinen anderen bereits erschienenen Werken Ausschau halten.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Edgar Rai, geboren 1967 in Hessen, studierte Musikwissenschaften und Anglistik. Von 2003 bis 2008 Dozent für kreatives Schreiben an der FU-Berlin. Seit 2012 Mitinhaber der Buchhandlung Uslar & Rai in Berlin. Mit seinem Bestseller »Nächsten Sommer« (2010) gelang ihm der Durchbruch als Autor. Außerdem erschienen »Die fetten Jahre sind vorbei« (Roman zum Film von Hans Weingartner 2004) ), »Vaterliebe« (Roman, 2008), »Salto Rückwärts« (Roman, 2010), »88 Dinge, die Sie mit Ihrem Kind gemacht haben sollten, bevor es auszieht« (Sachbuch zus. mit Hans Rath, 2011), »Sonnenwende« (Roman, 2011), »Wenn nicht, dann jetzt« (Roman, 2012) sowie »Der sixtinische Himmel« (Historischer Roman unter dem Pseudonym Leon Morell, 2012). Er lebt mit seiner Familie in Berlin.

Diese Musik habe ich gehört: (Quelle: Youtube, Verein der Orgelfreunde an St. Joseph, Bonn-Beuel)

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