Karthauses Bücherwelt …

18. Mai 2013

Kevin Powers – Die Sonne war der ganze Himmel

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Die Sonne war der ganze Himmel

Powers, Kevin

Originaltitel: The Yellow Birds

Gebundene Ausgabe: 240 Seiten

Verlag: S. FISCHER

ISBN-13: 978-3100590299

Kurzbeschreibung

Das aufsehenerregendste amerikanische Debüt seit Jahren: die ergreifende Geschichte einer Freundschaft im Irakkrieg

Die beiden jungen Amerikaner John Bartle, 21, und Daniel Murphy, 18, haben keine Zeit erwachsen zu werden. Als Soldaten werden sie gemeinsam in den Irak geschickt, in einen Krieg, auf den sie niemand vorbereitet hat. Was John und Daniel in der glühenden Hitze der Wüste am Leben hält, ist ihre Angst – und ein Versprechen, das John Daniels Mutter gegeben hat: Er wird auf Daniel aufpassen, was immer kommen mag…
Ein großer Roman, wie wir ihn noch nicht gelesen haben, der uns ein Land im Krieg von seiner nahbaren, verletzlichen Seite zeigt. Vor allem aber die Geschichte einer Freundschaft: klar, poetisch und schmerzlich schön erzählt.

Über den Autor

Kevin Powers war von 2004 bis 2005 als US-Soldat im Irak stationiert, wo er als Maschinengewehrschütze in Mosul und Tal Afar kämpfte.
Aufgewachsen in Richmond, Virginia, studierte er an der Virginia Commonwealth University und der University of Texas, Austin, wo er Poetry Fellow am Michener Center war. ›Die Sonne war der ganze Himmel‹ ist sein Romandebüt. Es wurde zum New York Times-Bestseller und mit dem Guardian First Book Award, dem Hemingway Foundation/PEN Award, dem Flaherty-Dunnan First Novel Prize und dem American Academy of Arts and Letters’ Sue Kaufman Prize for First Fiction ausgezeichnet.

Meine Meinung

“Der Krieg wollte uns im Frühling töten.”

Mit diesen Worten beginnt dieser beeindruckende und aufwühlende Roman. Aber schnell wird deutlich, er tötet nicht nur im Frühling, er ist allgegenwärtig und mit ihm der Tod. Das wird dem Leser auf beklemmende Weise deutlich gemacht. Der 21-jährige John Bartle war schon vor dem Kriegseinsatz bei der Army, als es plötzlich ernst wurde:

„Es war eine ganz gute Zeit gewesen, die Army bot mir die Möglichkeit, abzutauchen. Ich muckte nicht auf und tat, was man mir auftrug. Niemand erwartete viel von mir, und ich verlangte wenig. Ich hatte so gut wie nie einen Gedanken an einen Kriegseinsatz verschwendet, und nun, da er kurz bevorstand, suchte ich vergeblich nach einem Gefühl innerer Dringlichkeit, das den Ereignissen entsprach, die sich in meinem Leben zu entfalten begannen.“

John Bartle, Protagonist des Romans, kann ohne weiteres als Alter Ego des Autors angesehen werden. Kevin Powers war wie er von 2004 bis 2005 im Irak stationiert. In diesem Roman verarbeitet er seine eigenen Erfahrungen auf literarische Weise. Beeindruckend ist der sprachliche Stil, der durch die Übersetzung ins Deutsche kaum Schaden genommen zu haben scheint. Der Übersetzer Henning Ahrens hat ausgezeichnete Arbeit geleistet. Auf schon fast poetische Weise beschreibt der Autor die Schrecken des Irak-Krieges, die Gluthitze in der Wüste und die Ängste der Soldaten und ihrer Angehörigen. Dies scheint auf den ersten Blick ein Widerspruch zu sein, Kevin Powers beweist aber eindringlich, auch das Grauen hat schöne Worte verdient und wird dadurch nur noch empathischer und bedrückender. Ich kann mich nicht erinnern in den letzten Jahren einen Roman gelesen zu haben, bei dem sich Schönheit und Gräuel so hervorragend ergänzten.

Der Leser begleitet den Private John Bartle in der Zeit von 2003 bis 2009 und bekommt Einblicke ins Leben und Sterben der us-amerikanischen Kampfeinheit. Aber das Leben ist ein blanker Überlebenskampf und das Sterben ein Verrecken. Powers entreißt dem Irak-Krieg jede Art von Glorifizierung und Mythos, er stellt ihn dar, wie er ist, grauenvoll, brutal, unmenschlich.

Diese Geschichte erzählt Kevin Powers nicht chronologisch, sondern wechselt zwischen den verschiedenen Zeitebenen. In den Kapiteln, die die Zeit nach Bartles Irakeinsatz betreffen, wird deutlich, dass der Krieg die Soldaten nicht nur physisch, sondern auch psychisch zerstört.

Kevin Powers hat mit „Die Sonne war der ganze Himmel“ ein beeindruckendes Romandebüt abgeliefert. Er schont den Leser nicht und führt sie sprachgewaltig in die Welt des Krieges, des Tötens und getötet Werdens, der Angst und des Schreckens. Dieser unglaublich intensive Roman hat mich tief berührt und nachhaltig beeindruckt. Dieser wichtige Roman ist eine unbedingte Leseempfehlung von mir.

17. Mai 2013

Buch der Woche (16. KW 2013)

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Der mdr figaro empfiehlt in dieser Woche: „Ein Hologramm für den König“ von Dave Eggers.

Amazon schreibt dazu:

Kurzbeschreibung

Alan Clay ist ein Mann der Old Economy, der nicht ganz ohne eigenes Zutun so gut wie ausrangiert ist und nun darum kämpft, die Studiengebühren seiner Tochter bezahlen und einen Rest seiner Würde bewahren zu können. Er hat noch eine Chance, um seiner Finanzlage und damit seinem Leben die entscheidende Wendung zu geben: Für eine amerikanische IT-Firma fliegt er mit einem Team von jungen Leuten nach Saudi-Arabien. Dort, wo mitten in der Wüste eine funkelnde Wirtschaftsmetropole entstehen soll, wollen sie dem saudischen König ihre hochentwickelte IT-Technik vorführen, mit der sie die Stadt versorgen möchten. In einem Zelt am Rande der riesigen Baustelle, aus der eines Tages die Stadt erwachsen soll, kämpfen sie nicht nur mit drückender Hitze und wackligem WiFi, sondern warten auf einen König, der einfach nicht kommt.»Ein Hologramm für den König« ist ein Roman über das, was die globalisierte Wirtschaft mit dem Menschen macht. Mit großer Empathie und herrlich absurder Komik erzählt, zielt er mitten ins Herz der heutigen Zeit. Vielschichtig, traurig, rührend. Ein literarischer Meilenstein. »Packend, wunderschön und traurig.« The New York Times Book Review

Über den Autor

Dave Eggers hat bislang sechs Bücher veröffentlicht, die zahlreiche literarische Auszeichnungen erhalten haben. Für »Zeitoun« wurde ihm u.a. der American Book Award und der Albatros-Preis der Günter-Grass-Stiftung verliehen. »Weit Gegangen« schildert das Schicksal von Valentino Achak Deng, einem Überlebenden des Bürgerkriegs im Sudan, und führte zur Gründung der Valentino Achak Deng Foundation, die eine von Mr Deng geleitete Mittelschule im Südsudan betreibt. Eggers ist Gründer und Herausgeber von McSweeney’s, einem unabhängigen Verlag mit Sitz in San Francisco. 2002 rief er ein gemeinnütziges Schreib- und Förderzentrum für Jugendliche ins Leben, 826 Valencia, das heute Ableger in mehreren amerikanischen Städten hat. Eggers stammt aus Chicago und lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Nordkalifornien.

14. Mai 2013

Das blaue Sofa

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Am Freitag, 17.05.2013, strahlt das ZDF eine neue Folge der Literatursendung „Das blaue Sofa“ um 23.00 Uhr aus. Wolfgang Herles stellt zu später Stunde wieder interessante Bücher nach seiner ganz persönlichen Auswahl vor.

Marie Darrieussecq
Prinzessinnen
Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky
Fester Einband, 304 Seiten
Hanser Verlag, 2013
ISBN 978-3-446-24120-6
19,90 Euro

Ein frecher, anstößiger, brillanter Roman über die lustvolle Mühe junger Mädchen, erwachsen zu werden

Unerschrocken, cool, neugierig ergreifen die „Lolitas“ der 80er Jahre die Initiative; vital, unerschrocken und alles andere als unschuldig leben sie die Neugier auf ihre Sexualität aus. Explizit wie „Feuchtgebiete“, doch literarisch hochklassig, liefert der Roman eine moderne Version des berühmten Klassikers „Die Prinzessin von Clèves“ der Madam de La Fayette aus dem 17. Jahrhundert. Die Psychoanalytikerin Marie Darrieussecq zählt zu den angesehensten Schriftstellerinnen Frankreichs.

Peter Schneider
Die Lieben meiner Mutter
Gebundene Ausgabe, 304 Seiten
Kiepenheuer & Witsch, 2013
ISBN: 978-3-462-04514-7
19,99 Euro

Verblüffend offen und bedingungslos liebt eine vom Krieg entkräftete, verzweifelte Frau zwei Männer

Peter Schneider, einst einer der Wortführer der 68er-Bewegung, hat die Briefe seiner Mutter entdeckt und mit ihrer Hilfe ein mitreißendes, romanhaftes Erinnerungsbuch verfasst, das Sittenbild einer wilden Zeit. Die letzten Monate des Krieges: Mit vier kleinen Kindern ist Schneiders Mutter durch ganz Deutschland geflohen und am Fuß der Zugspitze gestrandet: zersprengte SS-Truppen, die einrückende US-Armee, Hungersnot, Sodom und Gomorra. Der Krieg verändert alle Regeln.

Fawwaz Haddad
Gottes blutiger Himmel
Übersetzt von Günther Orth
Gebundene Ausgabe, 352 Seiten
Aufbau Verlag, 2013
ISBN: 978-3-351-03522-8
22,99 Euro

Ein atemberaubender politischer Thriller über den islamischen Terror

Ein verzweifelter Vater geht durch die Hölle, um seinen Sohn davor zu bewahren, sich den Gotteskriegern von Al Khaida anzuschließen. Er reist ihm hinterher, wird zum Spielball von Geheimdiensten, wird entführt, gefoltert, bis er den Sohn im Irak endlich aufspürt. Fawwaz Haddad, eine der wichtigsten Stimmen arabischer Sprache, über den unüberbrückbaren Gegensatz zweier Weltverbesserer und über Fundamentalismus auf allen Seiten des Konflikts.

Jamil Ahmad
Der Weg des Falken
Aus dem Englischen von Ditte und Giovanni Bandini
Gebundene Ausgabe, 192 Seiten
Hoffmann und Campe, 2013
ISBN: 978-3-455-40394-7
19,99 Euro

Eines der erstaunlichsten Bücher der Saison über die gefährlichste Gegend der Welt, in der die Taliban herrschen

Erzählungen über den Zusammenstoß uralter Stammesriten und staatlicher Regeln im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan, über die Ursachen der heutigen Konflikte. Vor 40 Jahren schon schrieb Jamil Ahmad sein Buch, doch erst heute wurden die faszinierenden Geschichten des inzwischen 82-Jährigen entdeckt und international gefeiert.

(Quelle: Newsletter “Das blaue Sofa”)

13. Mai 2013

Buch de Woche (15. KW 2013)

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Der mdr figaro empfiehlt in dieser Woche: „Ein Sonntag auf dem Lande“ von Pierre Bost.

Amazon schreibt dazu:

Kurzbeschreibung

Ein zartes impressionistisches Juwel, voller Charme und mit einem Hauch von MelancholieMonsieur Ladmiral, ein erfolgreicher, wenn auch konventioneller Maler, hat sich außerhalb von Paris niedergelassen, wo ihn wie jeden Sonntag der Sohn Gonzague mit seiner Familie besucht. Man isst, man spaziert, alles ist wie immer, bis Irène, die Tochter, auftaucht. Während Gonzague ein eher langweiliges bürgerliches Leben führt, geht Irène undurchschaubaren, doch umso lukrativeren Geschäften nach und lässt sich von niemand in die Karten ihres (Liebes-)Lebens blicken. Der Familiensonntag wird in Pierre Bosts kleinem Roman zu einem Panorama der Gefühle, wie sie in Familien nicht nur kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges unter der Oberfläche brodeln. Rivalität unter Geschwistern, Eifersucht und die Angst vor dem Tod des Vaters treten zutage nur die Mitglieder der Familie würden sich dies nie eingestehen.

Über den Autor
PIERRE BOST, 1901 in Lasalle geboren, wuchs in Le Havre auf und kam kurz nach dem Ersten Weltkrieg nach Paris. Zwischen 1924 und 1945 veröffentlichte er mehr als ein Dutzend Romane, Erzählbände und Essays. Er gehörte zu den bedeutendsten Literaten und Journalisten der Zwischenkriegszeit. Zu seinen wichtigsten Werken gehören »Faillite« (1928), »Le scandale« (1931), »Porte-Malheur« (1932) und »Monsieur Ladmiral va bientôt mourir«. Mit diesem kleinen Roman verabschiedete er sich 1945 aus der Literatur, um fortan als Drehbuchschreiber zu arbeiten. Pierre Bost starb 1975 in Paris. 1984 wurde »Monsieur Ladmiral va bientôt mourir« von Bertrand Tavernier unter dem Titel »Ein Sonntag auf dem Lande« verfilmt. Das Werk wurde bei den Filmfestspielen von Cannes mit dem Preis für die Beste Regie ausgezeichnet.

7. Mai 2013

Jordi Punti – Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz

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Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz

Punti, Jordi
Originaltitel: Maletes Perdudes
Gebundene Ausgabe: 608 Seiten
Verlag: Kiepenheuer&Witsch
ISBN-13: 978-3462045239

Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)
Gabriel, der in einem Waisenhaus aufwuchs, fährt mit seinem Möbel­wagen kreuz und quer durch Europa. Die Nächte verbringt er bei seinen jeweiligen Familien – die nichts voneinander wissen. Erst als Gabriel spurlos verschwindet und sein katalanischer Sohn Cristòfol die Wohnung in Barcelona durchsucht, stößt er auf die Existenz seiner drei Brüder: Christopher, Christof und Christophe. Aus den Hunderten von Geschichten, die sich die vier Brüder erzählen, entsteht nach und nach das schillernde Bild eines Mannes, der auf vielen Hochzeiten tanzte. Lebt Gabriel noch, und hat er eine Erklärung für sie parat? Ein wunderbar erzählter Roman, fabulierend und sprühend, über einen charmanten und liebenswerten Lebenskünstler.

Über den Autor

Jordi Puntí, geboren 1967 in Manlleu, Barcelona, veröffentlichte 1998 seinen ersten Erzählband. 2007 erschien bei KiWi »Erhöhte Temperatur«. Er schreibt für »El País« und übersetzt unter anderem Daniel Pennac, Amélie Nothomb und Paul Auster ins Katalanische. Puntí ist eine der interessantesten Stimmen der katalanischen Literatur und erhielt für diesen Roman zahlreiche Preise. Er lebt mit seiner Frau, der Autorin Stefanie Kremser, in Barcelona.

Meine Meinung

Was für eine kuriose Geschichte! Als der Polizei Barcelonas Gabriel Delacruz als vermisst gemeldet wird, wendet diese sich an dessen Sohn Cristòfol. Bei seiner Recherche entdeckt dieser, dass er in Paris, London und Frankfurt/Main noch drei weitere Halbbrüder hat, deren Vornamen sich lediglich durch landestypische Schreibweise von seinem eigenen unterscheiden. Alle vier Christofs treffen sich, erzählen sich gegenseitig von den wenigen Erlebnissen mit dem Vater, von dem sie jedoch seit 30 Jahren nichts mehr hörten. Es beginnt eine unterhaltsame Spurensuche. Warum haben alle den gleichen Namen? Wie konnte er vier Familien haben, ohne dass sie voneinander erfuhren? Warum hatte er überhaupt vier Familien? Warum ist er verschwunden, was ist geschehen? Fragen über Fragen bewegen die vier Männer und den Leser. Die vier Christophs befragen ehemalige Gefährten des Vaters und ganz allmählich bekommt man in dem 608 Seiten langen Roman Antworten.

„Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz“ ist der erste Roman, den ich von Jordi Punti las. Er ist unterhaltsam, amüsant und regt zum Nachdenken an. Die Erlebnisse von Gabriel, Bundó, seinem Begleiter seit den Kindertagen im Waisenhaus, und Petroli, dem dritten Mann im Umzugswagen, muten zum Teil skurril und abenteuerlich an und wirkten auf mich ebenso ruhelos, wie das Leben dieser Männer. Mitunter gerät der Autor bei den Erzählungen ins Plaudern, er spannt einen weiten Bogen, ehe er zum Kern der Sache kommt. Dadurch empfand ich den Roman stellenweise als ein wenig langatmig. Darüber trösteten dann aber wieder die unverhofften Wendungen hinweg, die diesen Roman so interessant machten, so dass letzten Endes ein kunterbuntes Bild des Lebens des Gabriel Delacruz entstand. Die Figuren charakterisierte der Autor sehr ausdrucksstark und facettiert. Sie wirkten lebendig und werden schnell zu „guten Bekannten“.

„Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz“ ist ein Roadmovie der besonderen Art. Wer ungewöhnliche Geschichten mag, wird seine Freude an diesem Roman haben. Ich habe mich mit diesem Buch sehr wohlgefühlt und werde nach weiteren Romanen des Autors Ausschau halten.

22. April 2013

Jeffery Deaver – Die Angebetete

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Die Angebetete

Deaver, Jeffery

Originaltitel: XO (K.Dance 3)

Gebundene Ausgabe: 576 Seiten

Verlag: Blanvalet Verlag

ISBN-13: 978-3764504700

Kayleigh Towne ist Vollblutmusikerin. „Your Shadow“ ist ihr aktueller Hit. Auf ihren Konzerten wird sie von den Fans gefeiert, aber einer von ihnen fühlt sich von ihren Songs ganz besonders angesprochen und meint an ihn gerichtete Botschaften in den Texten zu finden. Edwin Sharp ist besessen von Kayleigh, er stalkt sie. Die Sängerin hat aber noch ein anderes Problem, ihr Vater. Dieser war selbst Musiker, hat inzwischen seine Stimme durch zu viel Alkohol und Nikotin ruiniert und setzt nun seinen gesamten Ehrgeiz und Einfluss daran, die Tochter bestmöglich zu vermarkten. Kathryn Dance, Körpersprache-Expertin, nutzt ihren Urlaub, um für ihre Musik-Homepage neue Titel aufzunehmen und Zeit mit ihrer Freundin Kayleigh zu verbringen. Als sie von dem Stalker erfährt und zugleich noch ein Mord geschieht, beginnt sie mit den Ermittlungen…

„Die Angebetete“ ist der 3. Teil der Reihe um die Kinesiologin Kathryn Dance, die immer noch am Ordnen ihrer privaten Probleme ist. Wie in allen seinen Thrillern hat Jeffery Deaver routiniert eine spannende Handlung mit einem interessanten, aktuellen Thema verknüpft. Hier übt der Autor, der selbst Hobbymusiker ist und Songtexte schreibt, massive Kritik an der Musikindustrie. Den Spannungsbogen baut der Autor ungewohnt langsam auf. Erst im letzten Drittel des Thrillers überschlagen sich dann die Ereignisse, es gibt unverhoffte Wendungen und als mitfiebernder Leser tappt man in die vom Autor ausgelegten Denkfallen. Stellenweise wirken diese aber ein bisschen zu gewollt und konstruiert. Als kleines Schmankerl gibt es einen kurzen Auftritt von Lincoln Rhyme, der Kathryn Dance kurz seine Sichtweise auf den Fall erläutert.

„Die Angebetete“ ist ein, bis auf wenige Stellen, an denen man kleine Längen empfindet, ein flüssig zu lesender und besonders durch den Bezug auf die Musikbranche interessanter Thriller. Es ist ein guter Roman, wenn auch nicht der beste des Autors.

Das besondere Highlight jedoch ist das 40 Seiten umfassende Zusatzmaterial mit den Songtexten der Protagonistin Kayleigh Towne. In die dazugehörige Musik kann man auf der Seite www.jefferydeaverxomusic.com hineinhören und diese downloaden.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Jeffery Deaver gilt als einer der weltweit besten Autoren intelligenter psychologischer Thriller. Wie kaum ein anderer beherrscht der von seinen Fans und den Kritikern gleichermaßen geliebte Jeffery Deaver den schier unerträglichen Nervenkitzel, verführt mit falschen Fährten, überrascht mit blitzschnellen Wendungen und streut dem Leser auf seine unnachahmliche Art Sand in die Augen. Seit dem ersten großen Erfolg als Schriftsteller hat er sich aus seinem Beruf als Rechtsanwalt zurückgezogen und lebt nun abwechselnd in Virginia und Kalifornien. Seine Bücher, die in 25 Sprachen übersetzt werden und in 150 Ländern erscheinen, haben ihm bereits zahlreiche renommierte Auszeichnungen eingebracht. Die kongeniale Verfilmung seines Romans “Die Assistentin” unter dem Titel “Der Knochenjäger” (mit Denzel Washington und Angelina Jolie in den Hauptrollen) war weltweit ein sensationeller Kinoerfolg und hat dem faszinierenden Ermittler- und Liebespaar Lincoln Rhyme und Amelia Sachs eine riesige Fangemeinde erobert.

21. April 2013

Buch der Woche (14. KW 2013)

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Der mdr figaro empfiehlt in dieser Woche: „Der Kalte“ von Robert Schindel.

Amazon schreibt dazu:

Kurzbeschreibung

Österreich in den »Waldheimjahren« zwischen 1985 und 1989. Drei »Kulturkämpfe« toben nebeneinander und sind doch untrennbar miteinander verbunden: der Kampf um einen neuen Staatspräsidenten, der Kampf um ein Antifaschismusdenkmal und der Kampf um »das« Theater, »die Burg«. Und inmitten dieser Auseinandersetzungen kämpft ein Einzelner, kämpft gegen das Vergessen und Verdrängen der NS-Zeit: der Spanienveteran und KZ-Überlebende Edmund Fraul. Dieser Fraul ist das Zentrum aller Bewegung: Dem Lager nie entkommen, bis ins Mark kalt, merkt er selbst, dass er Gefühle nicht äußern, nicht einmal spüren kann. Bis er auf seinen ziellosen Wanderungen durch Wien einem ehemaligen KZ-Aufseher begegnet und mit ihm ins Gespräch kommt: über Auschwitz. In seinem lang erwarteten zweiten Roman nach »Gebürtig« führt uns Robert Schindel erneut in den Wiener Kosmos: in eine Welt politischer, künstlerischer und menschlicher Gegensätze, Feindschaften, Amouren, Bindungen und Zerreißproben. In ein Geflecht von Tragödien und Liebesgeschichten, die so gut glücklich enden können wie tödlich. Figurenreich und vielperspektivisch ist dieser Roman, weltstädtisch und detailverliebt, so kämpferisch wie sanft und von großer sprachlicher Schönheit – und getragen von der Hoffnung, dass Blut und Wärme einer neuen Zeit in die gefrorenen Charaktere und in den Körper einer veränderten Gesellschaft zurückkehren.

Über den Autor

Robert Schindel, geboren 1944 in Bad Hall bei Linz, ist Lyriker, Autor und Regisseur. 2009 wurde er als Professor an die Wiener Universität für angewandte Kunst berufen. Mehrere Literaturpreise. Werke u. a.: Gebürtig. Roman (1992), Mein liebster Feind. Essays, Reden, Miniaturen (2004), Fremd bei mir selbst. Die Gedichte (2004)

18. April 2013

Yejide Kilanko – Der Weg der Töchter

Einsortiert unter: 2013,Belletristik — Karthause @ 06:49
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Der Weg der Töchter

Kilanko, Yejide

Originaltitel: Daughters Who Walk This Path

Gebundene Ausgabe: 384 Seiten

Verlag: Graf Verlag

ISBN-13: 978-3862200375

Kurzbeschreibung
Ein mutiges, mitreißendes Romandebüt über eine Kindheit in Nigerias Millionenstadt Ibadan. Das Mädchen Morayo erlebt das Erwachsenwerden behütet, aber voller Tabus: es wird eine Odyssee, aus der sie stark und voller Zukunftspläne hervorgeht. Sie ist pfiffig und temperamentvoll, die kleine Morayo, die mit ihrer geliebten Schwester in einer modernen nigerianischen Familie aufwächst. Eine herrliche Großfamilie, wo viel gekocht und gefeiert, aber auch hart gearbeitet wird. So ist es das Normalste der Welt, dass Bros T, der charmante, etwas halbstarke Cousin der Mädchen hier aufgenommen wird. Anfänglich ist Morayo begeistert von diesem Familienzuwachs, aber dann überfordert, als Bros T sie nachts bedrängt… Ein dichtes Netz des Schweigens legt sich plötzlich über das Haus, und Morayo erfährt von ihren Eltern keinen Trost, im Gegenteil, es ist, als sei sie selbst schuld. Bei Morenike, die seinerzeit ein ähnliches Schicksal erlitten hat, findet sie ein neues Zuhause und eine weibliche Verbundenheit, die sie zu einer starken und engagierten Persönlichkeit werden lässt. Das erkennt auch Kachi, Morayos erste Liebe aus der Schulzeit…

Über den Autor
Yejide Kilanko, geboren 1975 in Ibadan, Nigeria, wuchs als Tochter eines Universitätsprofessors und seiner Frau auf. Als Jugendliche entdeckte sie für sich Autoren wie Nadine Gordimer, Wole Soyinka und Chinua Achebe. Sie studierte Politikwissenschaften in Ibadan und zog 2000 mit ihrem Mann in die USA, später nach Kanada, wo sie heute als Kindertherapeutin arbeitet. Sie hat selbst drei Kinder. DER WEG DER TÖCHTER ist ihr erster Roman.

Meine Meinung
Morayo ist ein lebenslustiges Mädchen. Als sie 5 Jahre alt war, kam ihre Schwester zur Welt, sie war von Albinismus betroffen. Beide wuchsen behütet im Schoß einer eng zusammenhaltenden großen Familie im nigerianischen Ibadan auf. Die Zeit verging und Morayo wurde langsam zur Frau, war den Kinderschuhen aber noch nicht ganz entwachsen. Die Eltern nahmen ihren Neffen, Bros T. in die Familie auf, da seine Mutter mit dem schwierigen Halbwüchsigen nicht mehr zurechtkam. Eines Nachts schlich er sich in Morayos Bett, bedrängte und missbrauchte sie, dieses Mal und immer wieder. Als Morayo endlich den Mut fand und ihr Problem mit dem Cousin ansprach, wurde ihr die Schuld an den Vorfällen zugewiesen. Einzig bei ihrer Tante Morenike fand sie Verständnis und Trost…

Der Leser begleitet Morayo von über 25 Jahre und erlebt ihre Entwicklung vom kleinen Mädchen hin zur selbstbewussten jungen Frau. Obwohl die Familie äußerlich recht weltoffen wirkt, ist sie noch eng verstrickt in traditionelle Ansichten und Konventionen, die Morayo nach den Übergriffen ihres Cousins hart treffen. Der Autorin ist es sehr gut gelungen, das Leben in dieser Großfamilie zu beschreiben. Man taucht in das Leben in der afrikanischen Großstadt ein, lernt die Familienmitglieder mit allen ihren guten und schlechten Eigenschaften und das sie umgebende Netzwerk von Freunden und Nachbarn kennen. Yejide Kilanko erzählt sehr persönlich, einfühlsam, warmherzig und in einer äußerst lebendigen Sprache. Die der Autorin eigene Kenntnis des Landes, seiner Besonderheiten und Traditionen werden auf jeder Seite des Romans spürbar und sorgen für eine atmosphärisch dichte Stimmung. So werden letztlich auch moralische Fragen aufgeworfen, die überall auf der Welt ihre Berechtigung haben. Letztlich zeigt es aber deutlich auf, welchen Herausforderungen sich junge Frauen in Nigeria stellen müssen, die ihren eigenen Weg gehen wollen.
„Der Weg der Töchter“ ist ein wirklich beeindruckendes Debüt der in Kanada mit nigerianischen Wurzeln lebenden Autorin. Man darf auf weitere Romane von Yejide Kilanko gespannt sein. Ihr Erstling ist ausgesprochen beeindruckend und nachhallend. Es bescherte mir eine sehr angenehme und interessante Lesezeit. Ich empfehle es sehr gern weiter.

Ich danke dem Graf Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

15. April 2013

Abbas Khider – Brief in die Auberginenrepublik

Einsortiert unter: 2013,Belletristik — Karthause @ 19:09
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Brief in die Auberginenrepublik

Khider, Abbas 

Gebundene Ausgabe: 160 Seiten

Verlag: Edition Nautilus

ISBN-13: 978-3894017705

Kurzbeschreibung

Oktober 1999 im Irak herrscht Saddam Hussein, in Libyen Gaddafi, in Ägypten Mubarak, in Syrien Hafiz al-Assad und in Jordanien König Abdullah II bin Hussein. Die arabische Facebook und Twitter-Revolution gegen die Despoten ist noch fernste Zukunft. Einen Brief an der Zensur vorbeizuschicken, ist ein langwieriges und gefährliches Abenteuer. Das nach dem Golfkrieg verhängte Handelsembargo treibt die irakische Bevölkerung ins Elend einzig Auberginen gibt es im Überfluss, sodass die Iraker ihrem Land den Beinamen »Auberginenrepublik « verpasst haben. Salim, ein ehemaliger Student, schlägt sich im libyschen Exil als Bauarbeiter durch. Er war wegen des Besitzes verbotener Bücher verhaftet worden. Über seinen Onkel ist ihm die Flucht aus dem Irak gelungen, doch er hat nie wieder von seiner Familie, seinen Freunden und vor allem von seiner Geliebten Samia gehört, deren Namen er auch unter Folter nicht preisgegeben hatte. Nun erfährt er in Bengasi von einem die ganze arabische Welt überspannenden Netzwerk von illegalen Briefboten und wagt es, Samia einen Brief mit einem Lebenszeichen zu senden…

Über den Autor

Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren. 1996 floh er nach einer Verurteilung aufgrund »politischer Gründe« und nach einer zweijährigen Gefängnisstrafe aus dem Irak. Von 1996 bis 1999 hielt er sich als illegaler Flüchtling verschiedenen Ländern auf, seit 2000 lebt er in Deutschland. Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft in München und Potsdam. Zurzeit lebt Abbas Khider in Berlin.

Meine Meinung

Salim ist ein ehemaliger Student, der wegen des Besitzes illegaler Bücher im Irak verhaftet wurde. Sein Onkel verhalf ihm zur Flucht aus dem Gefängnis und dem Land. Nach einigen Zwischenetappen ist er in Bengasi gestrandet und verdingt sich dort als Bauarbeiter, wie viele im Exil lebende. Seit zwei Jahren hat er nichts mehr von seiner Familie gehört. Auf offiziellem Weg kann er wegen der Zensur keine Briefe in die Heimat schicken, da erfährt er zufällig von dem Netzwerk illegaler Briefboten. Er schreibt einen Brief an seine Geliebte Samia und schickt ihn auf die Reise.

Der eigentliche Protagonist dieses Romans ist ein Brief, dessen abenteuerlichen Weg der Leser auf seiner Reise von Bengasi über Kairo und Amman bis hin nach Bagdad verfolgen kann. Jedes der 7 Kapitel ist der Person an dem Ort gewidmet, bei der sich der Brief gerade befindet. So lernt der Leser Menschen kennen, die dem Regime, wie der Absender, zum Opfer gefallen sind, aber auch die, die in dem Brieftransport eine Geschäftsidee sehen, mit der sie ihr Geld verdienen und dann gibt es noch die, die sich dem Regime unterworfen haben und für die Zensurbehörde arbeiten. Aber es gibt auch die Menschen, die vollkommen uneigennützig einem Heimatlosen einfach nur helfen wollen.

Man merkt diesem Roman an, dass sein Autor aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen konnte. Denn Parallelen zu dem Exil-Iraker Salim, dem Schreiber der des Briefes, sind kaum zu übersehen. Ob der Roman autobiografisch ist, lasse ich dahingestellt. Inspirationen fand Abbas Khider dazu in seiner eigenen Vergangenheit gewiss genügend. Gekonnt flicht er in seine Erzählung immer wieder Passagen ein, die über die Situation der im Exil lebenden Iraker und die politischen Gegebenheiten in deren Heimat Auskunft geben. Der Roman wirkt dadurch auf mich ungeheuer glaubhaft. Abbas Khider schreibt sehr wortgewaltig, mitunter auch sehr poetisch, nie nur bitterernst, vieles schmückt er mit einem Fünkchen Humor. Sehr gerne lese ich die richtig dicken Wälzer. Aber ein Autor wie Abbas Khider gibt mir dann wieder zu verstehen, es bedarf nicht der vielen Worte für einen wirklich guten Roman, auch 160 Seiten können einem eine ganz Welt nahe bringen, wenn man auch an manchem Ort gern etwas länger geblieben wäre.

Ich danke der Edition Nautilus ganz herzlich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

9. April 2013

Das blaue Sofa

Einsortiert unter: Allgemeines — Karthause @ 13:30
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Am Freitag, 12.04.2013, strahlt das ZDF eine neue Folge der Literatursendung „Das blaue Sofa“ um 23.45 Uhr aus. Wolfgang Herles stellt zu später Stunde wieder interessante Bücher nach seiner ganz persönlichen Auswahl vor.

Martin Walser
Meßmers Momente
Gebundene Ausgabe, 112 Seiten
Rowohlt Verlag, 2013
ISBN 978-3-498-07383-1
14,95 Euro

Andrea Hirata
Die Regenbogentruppe
Deutsch von Peter Sternagel
Gebundene Ausgabe, 272 Seiten
Hanser Verlag Berlin, 2013
ISBN 978-3-446-24146-6
19,90 Euro

Astrid Rosenfeld
Elsa ungeheuer
Gebundene Ausgabe, 288 Seiten
Diogenes Verlag, 2013
ISBN 978-3-257-06850-4
21,90 Euro

Amy Waldman
Der amerikanische Architekt
Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek
Gebundene Ausgabe, 512 Seiten
Schöffling Verlag, 2013
ISBN: 978-3-89561-491-0
24,95 Euro

(Quelle: Newlestter “Das blaue Sofa” vom 08.04.2013)

8. April 2013

Buch der Woche (13. KW 2013)

Einsortiert unter: Allgemeines,Empfehlungen — Karthause @ 15:59
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Der mdr figaro empfiehlt in dieser Woche: „Last Exit to El Paso“ von Fritz Rudolf Fries.

Amazon schreibt dazu:

Kurzbeschreibung

Fritz Rudolf Fries erzählt von einer Reise zweier Männer nach Amerika. Und am Ende werden alle Figuren, die Lebenden wie die Toten, ihre Träume verlassen und sich in den Paradiesen wiederfinden, die sie zu ihren Lebzeiten gesucht haben.Spielen die Herren Pierre Arronax und Archie ein Spiel, als sie sich aufmachen nach Amerika, genauer gesagt nach El Paso? Oder erlaubt sich da jemand einen bösen Scherz?Jedenfalls erfahren die beiden alten Männer, hinfällig schon und “am Ende ihrer Tage”, per Telefon, dass sie eine Weltreise gewonnen haben. Skeptisch zwar, haben sie wenig zu verlieren. Und Lust am Spiel hatten sie immer schon, entwerfen sie doch als ehemalige Bürger der DDR seit langem wild verworrene Szenarien, von denen nicht immer klar ist, ob sie in der Realität oder im Kopf ihren Ort haben. Drehbücher oder Romane, in denen die “Montagetechnik eines Fellini mit der absurden Komik eines Groucho Marx” verbunden wird, entstehen so. Oder wenigstens die Ideen dazu.Getreu dem Motto der Bremer Stadtmusikanten “Etwas Besseres als den Tod findest du überall” machen sich die beiden Männer in Damenbegleitung auf die abenteuerliche Reise, die sich bald als ein von geheimnisvollen Diensten inszeniertes Wettrennen entpuppt: Einer fährt entlang der amerikanischen Ostküste, der andere entlang der Westküste gen Süden. Weitere Weisungen und das Ziel der Reise sollen ihnen erst unterwegs mitgeteilt werden. Nicht genug damit: Fries verwickelt seine Helden in ein fortwährendes Geistergespräch mit den drei Kritikern aus Bolaños Roman “2666″.
Über den Autor

Fritz Rudolf Fries wurde 1936 in Bilbao (Spanien) als Sohn eines deutschen Kaufmanns geboren. 1942 siedelte die Familie nach Leipzig über. Er studierte Anglistik und Romanistik in Leipzig und arbeitete im Anschluß als Übersetzer und Dolmetscher. Von 1960-1966 arbeitete er als Assistent an der Akademie der Wissenschaften in Berlin, DDR. 1972 wurde er Mitglied des Pen-Zentrums der DDR und kurz darauf in dessen Präsidium gewählt. Nach der Wiedervereinigung wurde er Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt sowie der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg.

4. April 2013

Astrid Rosenfeld – Elsa ungeheuer

Einsortiert unter: 2013,Belletristik — Karthause @ 14:52
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Elsa ungeheuer

Rosenfeld, Astrid

Gebundene Ausgabe: 276 Seiten

Verlag: Diogenes

ISBN-13: 978-3257068504

Inhalt (Klappentext):

Lorenz Bauer ist der neue Star der internationalen Kunstszene. Doch kaum einer ahnt, dass hinter seinem kometenhaften Aufstieg nicht nur Talent, sondern der raffinierte Plan zweier einflussreicher Frauen steckt.

Karl Brauer, Lorenz’ jüngerer Bruder, weiß das natürlich. Und auch, dass die verrätselten Bilder des aufstrebenden Malers ihren Ursprung in der Kindheit haben – in der Zeit, als Lorenz und Karl gerade ihre Mutter verloren hatten und Elsa in ihr Leben trat. Elsa mit den Streichholzarmen, dem rotzfrechen Mundwerk, den extravaganten Kleidern. Das Mädchen, an das einer der Brüder sein Herz verlor und der andere seine Illusionen. Das Mädchen, das keiner von beiden vergessen kann.

Meine Meinung

Auf den Klappentext vertrauend hatte ich eigentlich einen Roman aus der Kunstszene erwartet. Diese spielt auch eine gewisse Rolle, aber für mich eben nur eine zweitrangige. Als ich dann verdaut hatte, dass das eigentliche Thema die Geschichte der Dreiecksbeziehung zwischen Elsa, Lorenz und Karl ist, die durch Lorenz in seinem Lebenswerk verarbeitet wird, habe ich mich mit dem Buch doch recht schnell angefreundet.

Die Geschichte um die zu Beginn des Romans 11-jährige Elsa, die von ihrer Mutter beim Vater „abgestellt“ wird, damit diese sich auf einer Weltreise mit dem neuen Mann an ihrer Seite vergnügen kann, wird von Karl aus seiner Sicht erzählt. Elsa, die ihren Kummer und Schmerz nicht zeigen will, verbirgt sich hinter einem Schutzwall aus Starrköpfigkeit, Widerborstigkeit und Frechheit gepaart mit schriller Kleidung. Karl liebt Elsa, er himmelt sie an. Mit Lorenz, Karls älterem Bruder, streitet und schlägt sie sich. Trotzdem hat Karl immer das Gefühl, dass Elsa und Lorenz etwas gemeinsam haben, das ihn eifersüchtig macht.

Astrid Rosenfeld hat gekonnt eine sehr eigentümliche, oft fast schon skurrile Protagonistenschar ins Rennen geschickt. Mein Liebling war natürlich ‘Murmeltier’, auch wenn seine Gutenacht-Geschichten schon sehr speziell waren, erfuhren die Kinder einzig bei ihm Nähe, Wärme und Zuneigung. Sie hat überzeichnet und überspitzt und über viele Dinge mit einem lachenden und einem weinenden Auge berichtet.

„Elsa ungeheuer“ ist ein Roman, der lange nachhallt. Das ist hauptsächlich dem beeindruckenden Stil der Autorin zu verdanken, der Sprachgewalt und Einfühlungsvermögen verbindet und mit Metaphern und Wortwitz geschmückt ist.

Nach der Enttäuschung über den Klappentext habe ich den Roman sehr gern gelesen, er hat mich gut unterhalten und auch nachdenklich gestimmt. Die Autorin ist eine Entdeckung für mich und ihr Erstling „Adams Erbe“ steht bereits auf meinem Leseplan.

Über den Autor

Astrid Rosenfeld wurde 1977 in Köln geboren. Sie hat in diversen Jobs in der Filmbranche gearbeitet, unter anderem als Casterin. Ihr Debütroman “Adams Erbe” erschien 2011 und schaffte es auf Anhieb auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis. Astrid Rosenfeld lebt als freie Autorin in Berlin.

2. April 2013

Buch der Woche (12. KW 2013)

Einsortiert unter: Allgemeines,Empfehlungen — Karthause @ 17:50
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Der mdr figaro empfiehlt in dieser Woche: „Briefsteller“ von Michail Schischkin.

Amazon schreibt dazu:

Kurzbeschreibung

Erscheinungstermin: 1. Oktober 2012

Eine Liebe über die Zeiten hinweg

Eine Frau, ein Mann, eine Sommerliebe. Sascha und Wolodja werden durch einen Krieg getrennt und können sich nur Briefe schreiben. Sie erzählen einander darin von allem und jedem: von Kindheit, Familie, Alltag, von Freud und Leid. Ein normaler Briefwechsel zweier Liebender – bis sich beim Leser Zweifel regen und klar wird, dass die Zeit der beiden ver-rückt ist, dass sie durch Raum und Zeit getrennt sind. Sie lebt in der Gegenwart, er kämpft im Boxeraufstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegen chinesische Rebellen. Er stirbt in einem der ersten Gefechte dieses halb vergessenen Krieges, aber seine Briefe kommen weiterhin an. Sie heiratet, verliert ein Kind – und schreibt ihm unbeirrt weiter, als ob eine Parallelwelt bestünde, als ob die Zeit keine Rolle spielte, ebenso wenig wie der Tod.

Ein großer, anrührender Liebesroman, der die grundlegenden Fragen der menschlichen Existenz behandelt und der durch die Macht des Wortes die Gesetze von Zeit und Raum außer Kraft setzt.

Über den Autor

Michail Schischkin ist einer der meist gefeierten russischen Autoren der Gegenwart. Er wurde 1961 in Moskau geboren, studierte Linguistik und unterrichtete Deutsch. Seit 1995 lebt er in der Schweiz, Moskau und Berlin. Seine Romane wurden national und international vielfach ausgezeichnet, u.a. erhielt er als Einziger alle drei wichtigsten Literaturpreise Russlands. 2011 wurde ihm der Internationale Literaturpreis Haus der Kulturen der Welt in Berlin verliehen. Für seinen neuesten Roman Briefsteller, der weltweit in über 20 Ländern erscheint, bekam er den hoch dotierten Bolshaja kniga (“Das große Buch”) zum zweiten Mal.

30. März 2013

Victor Hugo – Die Elenden

Einsortiert unter: 2013,Klassiker/Weltliteratur — Karthause @ 17:39
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Die Elenden

Victor Hugo

Gebundene Ausgabe: 1352 Seiten

Verlag: Manesse-Verlag

ISBN-13: 978-3717580065

Der Manesse Verlag über das Buch

Victor Hugo war ein engagierter Dichter avant la lettre. Sein großer, visionärer Roman ist eine Verteidigungsrede für die Elenden, für jene, die unter ihrer Not leiden und die ihre Not entehrt.

Im Mittelpunkt des monumentalen Romans steht die Geschichte des entlassenen Häftlings Jean Valjean, der nur durch die selbstlose Hilfe eines Bischofs wieder in die Gesellschaft zurück- und den Glauben an die Menschen wiederfindet. Unter falschem Namen baut er sich in Paris eine neue Existenz auf und sorgt für die junge Cosette, deren Mutter elend an Schwindsucht gestorben ist. Er muss jedoch seine wahre Identität geheim halten. Als Cosette sich in den aufstrebenden Advokaten Marius verliebt, versucht er, die beiden Liebenden auseinanderzutreiben – so sehr fürchtet er die Trennung von seiner Adoptivtochter. Mit dem Beginn der Pariser Arbeiteraufstände von 1832 überschlagen sich die Ereignisse: Marius gerät in den Straßenkämpfen in Lebensgefahr, und Valjeans Vergangenheit wird zur zunehmenden Bedrohung für Cosettes Glück.

Meine Meinung

“Eine Gesellschaft, die das Elend zulässt, eine Menschheit, die den Krieg zulässt, scheint mir minderwertig… Ich verdamme die Sklaverei, verjage das Elend, ich behandle die Krankheit, ich erhelle die Nacht, ich hasse den Hass. Darum habe ich ‘Die Elenden’ geschrieben.” Victor Hugo

Victor Hugo baut seinen großen Roman, sowohl vom Inhalt als auch vom Umfang her, um den Lebensweg des ehemaligen Galeerensträflings Jean Valjean auf. Wegen eines gestohlenen Brotes inhaftiert und nach mehreren missglückten, die Bestrafung verlängernden, Fluchtversuchen dauerte seine Strafe 19 lange Jahre. Nach seiner Entlassung hilft ihm der Bischof von Digne uneigennützig, wieder den rechten Weg zu finden. Valjean schlägt ihn ein, er wird geläutert und entwickelt sich zum Gutmenschen. Trotzdem bleibt er ein Leben lang ein Verfolgter. Von Beginn an sind die Rollen in den Positionen Gut und Böse eindeutig besetzt, das sind die gegensätzlichen Pole, die die Handlung bestimmen. Man findet sie ebenso in Arm und Reich, Mann und Frau, Liebe und Hass sowie im ehrbaren Bürger und im Strafgefangenen. Die sich aus diesen Konstellationen ergebenden Konflikte sind das Konstrukt, um das sich die Geschichte rankt.

Sehr bewusst habe ich mich für eine möglichst ungekürzte Fassung des Romans entschieden und so kann auch ich nicht abstreiten, dass ich beim Lesen Längen empfand. Den gekürzten Ausgaben wird auch mit Sicherheit nichts an der zentralen Handlung abhanden gekommen sein. Ich vermute jedoch, die Streichungen gehen zu Lasten des Zeitgefühls, der Tiefe und des Gesamteindrucks. Letztlich sind diese Ausschweifungen aber dem Realisten Hugo geschuldet. Detailliert beschreibt er das Leben und die Lebensumstände seiner Figuren. Er schaut sozusagen in jeden Winkel, unter jeden Teppich. Er ist kein Autor, der schnell zum Wesentlichen kommt. Das ist auch gar nicht seine Intention. Er will dem Leser ein Bild seiner Zeit vermitteln, dokumentieren und überliefern. So gibt es ganze Kapitel, die scheinbar nichts mit der eigentlichen Handlung zu tun haben. Trotzdem las sich der Roman für mich flüssig und nicht ohne Spannung. In “Die Elenden” wird aber auch deutlich, dass Victor Hugo ein sehr politischer Mensch war. Dem Pariser Juni-Aufstand im Jahr 1832 widmet er einen großen Teil seines Romans. Die Geschichte des kleinen Gavroche ist es auch, die mich am meisten beeindruckte.

“Die Elenden” ist ein großartiger Roman, einer der besten, den die Weltliteratur zu bieten hat. Dass ich die Ausführlichkeit an einigen Stellen beklage, hat nichts mit der Qualität des Romans zu tun, die ist unbestritten. Es spiegelt lediglich meinen Geschmack wider.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Victor Hugo (1802-1885) lebte nach einem kurzen Studium an der Ecole Polytechnique als Schriftsteller in Paris. Seinen ersten Roman veröffentlichte er bereits 1819, zahlreiche weitere Romane, Theaterstücke und Lyrik folgten. Er gründete zwei literarische Zeitschriften und wurde 1841 Mitglied der Académie française. Ab 1843 engagierte er sich politisch; wegen seiner Opposition gegen Napoléon III musste er 1851 Frankreich verlassen und lebte bis 1870 in Belgien, Jersey und Guernsey. Die Jahre im Exil wurden zu seiner literarisch fruchtbarsten Zeit. Hugo wurde im Panthéon beigesetzt.

24. März 2013

Buch der Woche (11. KW 2013)

Einsortiert unter: Allgemeines,Empfehlungen — Karthause @ 16:49
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Der mdr figaro empfiehlt in dieser Woche: „Unter Freunden“ von Amos Oz.

Amazon schreibt dazu:

Kurzbeschreibung

In seinem neuen Erzählungsband knüpft Amos Oz an seine großen Erfolge an und kehrt zu seinen Wurzeln zurück, zu der Zeit, die ihn am meisten inspiriert hat: seine Kibbuz-Jahre. Die acht Erzählungen spielen im fiktiven Kibbuz Ikat und zeichnen prägnante und feinfühlige Porträts von Frauen und Männern, die ihren ganz eigenen Träumen und ihrem eigenen Schmerz nachhängen, immer im Schatten des großen Traums vom Kollektiv. Da ist Zvi, der pessimistische Gärtner, der alle im Kibbuz mit aktuellen Katastrophenmeldungen versorgt; David, der Lehrer, der die Frauen liebt; Nina, eine eigensinnige junge Frau, die es keine Nacht mehr mit ihrem Mann aushält; und Martin, ein Schuster, der den Holocaust überlebt hat. Oz tastet sich behutsam an seine Figuren heran, beobachtet sie, ihre Ängste, Hoffnungen und Sehnsüchte mit nüchternem Blick und mit großer Empathie. Jede dieser Geschichten ist ein literarisches Kleinod, alle zusammen ergeben sie ein Porträt einer großen Idee und einer ganz spezifischen Zeit.

Über den Autor

Amos Oz wurde am 4. Mai 1939 als Amos Klausner in Jerusalem geboren und wuchs auch dort auf. Seine Eltern waren 1917 von Odessa nach Wilna (damals Polen) geflüchtet und wanderten von dort nach Palästina aus. 1954 trat er dem Kibbuz Chulda bei und nahm den Namen Oz an, der auf hebräisch Kraft, Stärke bedeutet. Von 1960 bis 1963 studierte er Literatur und Philosophie an der hebräischen Universität in Jerusalem und kehrte nach seinem Bachelor-Abschluss in den Kibbuz zurück und lehrte bis 1986 Literatur und Philosophie an der Oberschule Hulda. Seit dem 6-Tage-Krieg war er in der israelischen Friedensbewegung aktiv und befürwortete eine Zwei-Staaten-Bildung im israelisch-palästinensichen Konflikt. Er ist Mitbegründer und herausragender Vertreter der seit 1977 bestehenden Friedensbewegung Schalom achschaw (Peace now). Seit 1987 lehrt er Hebräische Literatur an der Ben-Gurion Universität von Negev, Beesheba. Die Werke von Amos Oz wurden in 37 Sprachen übersetzt. Er hat zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten.

19. März 2013

Michael Köhlmeier – Die Abenteuer des Joel Spazierer

Einsortiert unter: 2013,Belletristik — Karthause @ 17:23
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Die Abenteuer der Joel Spazierer

Köhlmeier, Michael

Gebundene Ausgabe: 656 Seiten

Verlag: Carl Hanser Verlag

ISBN-13: 978-3446241787

Im Jahr 1953 lernt der Leser den in Budapest bei seinen Großeltern lebenden András Fülüp kennen. Die Großeltern werden von Stalins Schergen abgeholt und der Junge ist 5 Tage und 4 Nächte sich selbst überlassen, ehe seine Mutter ihn eher zufällig findet. Das Leben nimmt seinen Lauf, die Familie flieht aus Ungarn, leider vor dem Arbeiteraufstand, sodass sie sich gezwungen sehen noch einmal zu fliehen. Die Familie fasst in Wien langsam Fuß und András ist ein Einzelgänger, obwohl alle ihm zugeneigt sind, und beginnt, ein böses Spiel zu spielen, er lügt, manipuliert seine Mitmenschen und verkauft sich bereits im zarten Alter von 9 Jahren an andere Männer. Als Leser folgt man seinem Lebensweg, der eng mit den Ereignissen der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts verbunden ist, durch halb Europa, nach Dünkirchen, Italien, Liechtenstein, in die Schweiz, die ehemalige DDR und die Sowjetunion, darüber hinaus nach Mexiko und Kuba. Man erlebt ihn, wie er sich der freien Natur durchschlägt und sich durch seinen Gefängnisaufenthalt laviert. Er ist ein Egoist, Manipulierer, Lügner, Betrüger, Fälscher, Philosoph und Mörder. Dabei stellt man sich die Frage, ob er auch einfach nur ein Mensch sein kann.

Michael Köhlmeier hat mit „Die Abenteuer des Joel Spazierer“ einen weiteren großen Roman vorgelegt, in dem auch sein Alter Ego Sebastian Lukasser seinen Platz einnehmen konnte. Dieser lenkt die Gedanken des unterdessen gealterten András Fülip, inzwischen nennt er sich Joel Spazierer, so, dass er diese für ein Buch festhalten kann. Lukasser ist der einzige Freund, den Spazierer je hatte und obwohl er alles über ihn weiß, hält er ihm die Treue. Wie bei allen seinen Romanen bewegt sich der Autor auch bei diesem auf einem sprachlich hohen Niveau. In diesem Roman gab es unglaublich skurrile Passagen und auch die ganz leisen, nachdenklich stimmenden. Gelegentlich ist der Leser von den Erzählungen des Protagonisten genarrt, weil man ihm vertraute und nun feststellen muss, alles ist dann doch anders. Michael Köhlmeier nennt seinen Roman selbst einen Schelmenroman und trifft es damit im Großen und Ganzen ziemlich genau. Der Protagonist erzählt seine Autobiografie, begibt sich auf Reisen, durchläuft verschieden gesellschaftliche Schichten, schafft es jedoch immer sich aus brenzligen Situationen zu retten und wird oft am Ende geläutert. Ob letzteres auch bei Joel Spazierer der Fall ist, lasse ich an dieser Stelle offen.

Der Roman wird nicht streng chronologisch erzählt. Der Autor springt mit Joel Spazierer durch dessen Leben. Die einzelnen Erlebnisse werden in einen Rahmen aus gegenwärtigen Betrachtungen des in zwischen über 60jährigen Protagonisten in 12 Kapiteln eingeflochten.

„Die Abenteuer des Joel Spazierer“ ist ein Roman, der gute, abwechslungsreiche und kurzweilige Unterhaltung bietet und obendrein zum Nachdenken anregt. Dabei gibt es Anlehnungen an andere literarische Werke. Der Autor selbst nennt Grimmelshausen, ich meine auch noch Günter Grass und John Irving erkannt zu haben. Michael Köhlmeier beweist einmal mehr, welch begnadeter Autor er ist. Bisher wurde ich von seinen Büchern noch nie enttäuscht, obwohl die Erwartung von Mal zu Mal höher ist. Wer gern einem, einen ganzen Roman bestimmenden, Protagonisten durch sein bewegtes Leben folgen möchte, sich auch für die Abgründe menschlicher Charaktere interessiert und dabei das Zeitgeschehen aus dessen Sicht erleben möchte, wird mit diesem Roman gut beraten sein.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Michael Köhlmeier wurde 1949 in Hard am Bodensee geboren und lebt heute in Hohenems/Vorarlberg. Er studierte Germanistik und Politologie in Marburg sowie Mathematik und Philosophie in Gießen und Frankfurt. Michael Köhlmeier schreibt Romane, Erzählungen, Hörspiele und Lieder und trat sehr erfolgreich als Erzähler antiker und heimischer Sagenstoffe und biblischer Geschichten auf. Er erhielt für seine Bücher zahlreiche Auszeichnungen, u.a. mit dem Rauriser Literaturpreis, dem Johann-Peter-Hebel-Preis, dem Manès-Sperber-Preis, dem Anton-Wildgans-Preis und dem Österreichischen Würdigungspreis für Literatur.

 

 

 

15. März 2013

Titus Müller – Nachtauge

Einsortiert unter: 2013,Belletristik — Karthause @ 07:48
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Nachtauge

Müller, Titus

Gebundene Ausgabe: 480 Seiten

Verlag: Karl Blessing

ISBN-13: 978-3896674586

Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

Seit drei Jahren macht der britische Geheimdienst MI5 Jagd auf “Nachtauge”. Hinter diesem Codenamen verbirgt sich eine deutsche Spionin, die Schienen und Brücken zerstört und Verfolger kaltblütig umbringt. Jetzt steht sie vor ihrem größten Coup: der Aufdeckung einer womöglich kriegsentscheidenden großen Operation der britischen Luftwaffe. Diese bereitet die Bombardierung der größten deutschen Stauseeanlagen vor. Erstes Ziel: die Möhnetalsperre.

Hier arbeiten über tausend ukrainische Frauen unter entwürdigenden Bedingungen in einer Munitionsfabrik. Im Lager unterstehen sie dem Befehl von Georg Hartmann. Er gerät unter Druck, weil Gerüchte kursieren, dass er nicht hundertprozentig auf Parteilinie sei. Tatsächlich ist er bei den Arbeiterinnen weit weniger gefürchtet als die brutalen Männer vom Werkschutz. Ahnt Hartmann, dass einige Frauen, unter ihnen auch die ihm sympathische Nadjeschka, einen spektakulären Fluchtversuch planen?

Meine Meinung

In „Nachtauge“ gibt es zwei, lange Zeit parallel verlaufende Handlungsstränge, die der Autor geschickt miteinander verknüpft. Lesern, denen die Geschehnisse des 16./17. Mai 1943 im Kreis Soest nicht geläufig sind, erschließt sich erst recht spät der Zusammenhang der beiden Geschichten, so ist Spannung garantiert.

Vor 100 Jahren wurde die Möhnetalsperre erbaut und vor 70 Jahren von der britischen Luftwaffe bombardiert und zerstört. Die Ereignisse im deutschen Neheim und den verzweifelten Kampf der britischen Spionageabwehr thematisiert Titus Müller in diesem Roman. Sehr bildhaft schildert er das Leben und den Alltag im Lager der ukrainischen Zwangsarbeiterinnen und die Versuche Georg Hartmanns, ihnen das Leben wenigstens ein kleines bisschen zu erleichtern. Er versucht, so unauffällig wie möglich Vorschriften zu umschiffen, schmuggelt Romane russischer Klassiker ins Lager, bittet um größere Essensrationen und bessere medizinische Betreuung. Sein Tun bleibt aber nicht lange unbemerkt. Den Blockwart hat er bereits verärgert, weil er es bisher umgehen konnte, zu spenden. Als dieser in daraufhin denunziert, wurde es auch für Axel Rottländer schwer, seine schützende Hand über den Schwager zu halten. Als dieser sich dann auch noch mit der Ukrainerin in der Öffentlichkeit zeigt, läuft die Gestapo-Maschinerie an. Auch der in England angesiedelte Teil der Romanhandlung um die Jagd auf die kaltblütige deutsche Agentin war durchaus überzeugend. Die Angst vor dem Scheitern der kriegsentscheidenden Operation wurde sehr glaubhaft und nachvollziehbar beschrieben.

Durch seine gekonnte, der Zeit angemessene Wortwahl und die angenehme sprachliche Gestaltung des Romans bekommt der Leser ein gutes Gefühl für die Zeit. Seine Protagonisten hat Titus Müller sehr facettenreich charakterisiert. Alle hatten Stärken und Schwächen. Ihr Handeln war nachvollziehbar und, was ich ganz besonders schätze, sie machten im Laufe der Handlung eine Entwicklung durch.

Sowohl die Operation Chastise als auch die Liebesgeschichte von Georg und Nadjeschka haben einen wahren Hintergrund. Letztere wurde sehr gefällig in die Romanhandlung eingefügt und wirkte weder aufgesetzt noch in irgendeiner Weise kitschig, sondern einfach sehr natürlich. Die Angst und Zweifel waren logisch und nachvollziehbar.

„Nachtauge“ las ich fast an einem Stück. Ich konnte den Roman nicht aus der Hand legen bevor die letzte Seite gelesen war. Er war spannend und hat mich von Anfang bis zum Ende gefesselt. Ich hatte das Gefühl, dem Bericht von Zeitzeugen zu lauschen. In dem Buch sind noch Anmerkungen des Autors zu den historischen Ereignissen und Hintergründen enthalten. Dadurch wird die wirklich spannende Lektüre abgerundet. Ich empfehle diesen Roman sehr gern weiter.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Titus Müller, geboren 1977 in Leipzig, studierte in Berlin Literatur, Geschichtswissenschaft und Publizistik. 1998 begründete er die Literaturzeitschrift “Federwelt”. 2002 war er Mitbegründer des Autorenkreises Historischer Roman “Quo vadis”. Im gleichen Jahr veröffentlichte er, 24 Jahre jung, seinen ersten Roman: “Der Kalligraph des Bischofs”. Es folgten weitere historische Romane wie “Die Brillenmacherin” (2005).Titus Müller wurde mit dem C. S. Lewis- Preis und den Sir Walter-Scott-Preis ausgezeichnet. 2011 erschien im Blessing Verlag sein Roman über den Untergang der Titanic: “Tanz unter Sternen”.

Mein besonderer Dank gilt dem Karl Blessing Verlag für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

14. März 2013

Carmen Lobato – Im Tal der träumenden Götter

Einsortiert unter: 2013,History — Karthause @ 17:48
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Im Tal der träumenden Götter

Lobato, Carmen

Taschenbuch: 592 Seiten

Verlag: Knaur TB

ISBN-13: 978-3426509807

„Im Tal der träumenden Götter“ setzt die mit „Im Land der Gefiederten Schlagen“ begonnene Familien- und Liebesgeschichte um die Tochter deutscher Auswanderer Katharina und deren große Liebe Benito fort. Die Handlung beginnt etwa 20 Jahre nach dem 1. Teil. Josefa, Katharinas Tochter, wird volljährig. Sie fühlt sich, nicht nur wegen ihres Aussehens, nicht dazugehörig, nicht verstanden und nicht geliebt und fühlt sich steht hinter Anavera, Benitos leibliche Tochter zurückgesetzt. Sie will ihr eigenes Leben leben und geht nach Mexiko-Stadt. Dort lernt sie den jungen Jaime, Sohn des brutalen und unberechenbaren Großgrundbesitzers Felipe Sanchez Torrija, Nachbar der Alvarez‘, kennen und verliebt sich in ihn, letzten Endes ist sie ihm fast schon hörig. Jaime ist aber vom Hass zerfressen. Er hasst alle Einheimischen, sieht sie als Wilde an und benutzt Josefa nur, um Benito, der inzwischen Gouverneur ist und sich stark für die sozialen Belange der Arme einsetzt, zu kränken und zu brechen.

Dieser Roman ist kein typischer Auswandererroman, wie man aktuell so viele in den Regalen des Buchhandels findet. Dieser Roman ist etwas Besonderes. Er vereint auf sehr angenehme Weise einen gut recherchierten historischen Roman, eine Familien- und eine Liebesgeschichte, die sich in den historischen Rahmen sehr gut einfügen und durch den geschichtlichen Hintergrund beeinflusst werden. Sehr glaubwürdig ist Josefa, die Tochter Katharinas beschrieben, ihre innere Zerrissenheit, die schließlich darin mündet, dass sie sich dem ärgsten Widersacher ihres Stiefvaters an den Hals wirft und alles um sie herum vergisst. Diese ziemlich einseitige Liebesgeschichte ist für mein Verständnis in keiner Weise kitschig. Die Historie, die von der Autorin sehr anschaulich beschrieben und vermittelt wird, dient diesem Roman nicht nur als Kulisse, sie ist das Gerüst, an dem sich die Handlung orientiert und mit der sie sich entwickelt. Dieser historische Roman enthält also alles, was von einer guten Familiensaga erwartet wird. Ich habe dadurch eine Familie kennen lernen dürfen, die mich, trotz aller Widrigkeiten und der diversen persönlichen Schwächen, die die einzelnen aufweisen (oder vielleicht gerade deshalb), sehr beeindruckte. Jede einzelne Figur ist ein Kind ihrer Zeit und hat Charakter, keine ist stereotyp oder hölzern. Alle durchlaufen eine persönliche Entwicklung. Bei der beeindruckenden Zahl von handelnden Personen gebührt der Autorin dafür ein extra dickes extra Lob.

Durch die wechselnden Perspektiven beim Erzählen lenkt Carmen Lobato den Blick des Lesers immer wieder auf die Sichtweise anderer Personen, so dass nach und nach eine Art Vertrautheit zu allen Hauptfiguren aufkommt. Neben all dem überzeugt die Autorin auch durch einen sehr angenehmen gefälligen Sprachstil. Die Handlung war nie vorausschaubar, bis zum Schluss gab es Wendungen und Ereignisse, mit denen ich so nicht gerechnet hätte. In meinem Kopf waren die Karten schon gespielt, als mich die Autorin mit ihrem Ende noch einmal völlig überraschte.

Obwohl das Buch „nur“ ein Taschenbuch ist, überzeugt es doch durch seine Aufmachung. Zusätzlich sind ein Glossar und ein umfangreiches Personenverzeichnis in dem Roman enthalten.

„Im Tal der träumenden Götter“ ist ein gelungener historischer Roman, der sich sehr positiv von der Masse der Romane dieses Genres abhebt und eine sehr schöne Liebesgeschichte und eine komplexe Familiengeschichte enthält. Er unterhält den Leser über fast 600 Seiten und wenn man das Buch aus der Hand gelegt hat, kann man mit Fug und Recht behaupten, einen Roman für Herz und Verstand gelesen zu haben.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Carmen Lobato ist Romanistin und hat sich zeitlebens für den lateinischen Teil Amerikas interessiert. Durch ihre mexikanisch-andalusische Schwiegermutter entdeckte sie ihre Passion für die faszinierende Vielfalt Mexikos. Carmen Lobato ist als Dozentin tätig und lebt mit ihrer Familie in verschiedenen europäischen Städten. Ihr erster Roman “Im Land der gefiederten Schlange” war ein großer Erfolg.

Mein besonderer Dank gilt dem Knaur Verlag für das freundliche Bereitstellen des Rezensionsexemplars.

13. März 2013

Buch der Woche (10. KW 2013)

Einsortiert unter: Allgemeines,Empfehlungen — Karthause @ 17:40
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Der mdr figaro empfiehlt in dieser Woche: „Leben“ von David Wagner.

Amazon schreibt dazu:

Kurzbeschreibung

«Wann passiert es schon, daß einem die Verlängerung des eigenen Lebens angeboten wird?» Der Anruf kommt um kurz nach zwei. Ein junger, sterbenskranker Mann geht ans Telefon, und eine Stimme sagt: Wir haben ein passendes Spenderorgan für Sie. Auf diesen Anruf hat er gewartet, diesen Anruf hat er gefürchtet. Soll er es wagen, damit er weiter da ist für sein Kind? Er nimmt seine Tasche und läßt sich ins Berliner Virchow-Klinikum fahren. Von der Geschichte und Vorgeschichte dieser Organtransplantation handelt «Leben»: von den langen Tagen und Nächten im Kosmos Krankenhaus neben den wechselnden Bettnachbarn mit ihren Schicksalen und Beichten – einem Getränkehändler etwa, der heimlich seine Geliebte besucht, oder einem libanesischen Fleischer, der im Bürgerkrieg beide Brüder verlor. Beim Zuhören bemerkt er zum ersten Mal, daß auch er schon ein Leben hinter sich hat. Und da, in seinem weißen Raumschiff Krankenbett, unterwegs auf einer Reise durch Erinnerungs- und Sehnsuchtsräume, kreisen die Gedanken: Wen hat er geliebt? Für wen lohnt es sich zu leben? Und welcher Mensch ist gestorben, so daß er weiter leben kann, möglicherweise als ein anderer als zuvor? David Wagner hat ein berührendes, nachdenklich stimmendes, lebenskluges Buch über einen existentiellen Drahtseilakt geschrieben. Ohne Pathos und mit stilistischer Brillanz erzählt er vom Lieben und Sterben, von Verantwortung und Glück – vom Leben, das der Derwisch eine Reise nennt.
Über den Autor

David Wagner, geboren 1971, veröffentlichte 2000 seinen Debütroman «Meine nachtblaue Hose». Sein Roman «Vier Äpfel» stand auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2009. Der Autor wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Walter-Serner-Preis, der Dedalus-Preis für Neue Literatur und der Georg-K.-Glaser-Preis. David Wagner lebt in Berlin.

10. März 2013

Upton Sinclair – Öl!

Einsortiert unter: 2013,Klassiker/Weltliteratur — Karthause @ 10:22
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Öl! Upton Sinclair

Öl! Upton Sinclair

Öl!

Sinclair, Upton

Originaltitel: Oil!

Gebundene Ausgabe: 768 Seiten

Verlag: Manesse Verlag

ISBN-13: 978-3717522546

„Es ist das umfangreichste meiner Bücher und es ist besonders sorgfältig recherchiert. Es ist voller Abenteuer und sozialer Gegensätze, keine Geschichte könnte wahrer sein.“ Upton Sinclair

Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

Ein Schlüsselroman über die Tyrannei des Raubtierkapitalismus.

«Öl!» ist das US-Epos über die legendäre Zeit der Ölbarone: übers schnelle Geld und die Faszination jenes Rohstoffs, der wie kein anderer das Antlitz der modernen Zivilisation geprägt hat. Mit ökonomischer Klarsicht schildert Sinclair den Wettlauf ums «schwarze Gold», skrupellose Verteilungskämpfe und das beispiellose Auseinanderdriften von Arm und Reich. Ein Glanzstück welthaltiger, engagierter Romankunst!

J. Arnold Ross hat es mit Ehrgeiz, Gerissenheit und Glück zum Erdölmagnaten gebracht, Sohn Bunny ist zum Erben seines «schmierigen Reichtums» auserkoren. Doch statt sich seiner Privilegien zu freuen, verbringt er jede freie Minute auf den Erdölfeldern Kaliforniens und entdeckt dort seine Sympathien für die einfachen Leute. Fortan pendelt der junge Idealist zwischen den Sphären, ohne in einer davon je ganz heimisch zu werden: weder in den verschwörerischen Machtzirkeln seines Vaters noch im gärenden Arbeitermilieu, aber auch nicht auf dem Universitätscampus, geschweige denn in Hollywoods Glamourwelt. Zwischen allen Fronten stehend, muss er erkennen, dass das Leben ehernen Gesetzen von Habgier und Betrug gehorcht. Selten ist die Frage nach einer menschenwürdigen Gesellschaft literarisch eindringlicher gestaltet worden als am Schicksal des edelmütigen Ölprinzen Bunny Ross.

Meine Meinung

Der Einstieg in die Handlung erfolgt im Jahr 1912. J. Arnold Ross führt seinen zu diesem Zeitpunkt 12jährigen Sohn J. Arnold Ross jun., genannt Bunny, an das Ölgeschäft heran. Er selbst hat den Aufstieg in die hart umkämpfte Branche geschafft und sein Sohn soll einmal weiterführen, wofür der Vater den Grundstein legte. So erfährt schließlich auch der Leser, worauf es in diesem Geschäft ankommt, auf den Einsatz von Ellbogen, auf Geld, ein gutes Händchen für die Probebohrungen und möglichst wenige Skrupel. Aber Bunny ist anders als sein ehrgeiziger Vater. Die Freundschaft mit Paul, einem 4 Jahre älteren Landarbeiterjungen, lässt ihn die Welt auch aus einer anderen Perspektive sehen. So sympathisiert Bunny offen mit Sozialisten und den entstehenden Gewerkschaften. Er beschwert sich über Missstände und prangert die gewissenlose Habgier der Ölmagnaten an. Upton Sinclair gelingt es meisterhaft beide Seiten ausgezeichnet und überzeugend darzustellen. Er beschreibt die unternehmerischen Risiken ebenso wie die unmenschlichen Arbeitsbedingungen der Lohnarbeiter und deren gnadenlose Ausbeutung. Sinclair erklärt die politischen Hintergründe dieser Zeit und gibt damit ein beeindruckendes Bild der Unternehmenskultur in den USA der 1920er Jahre wieder. Von US-Präsident Roosevelt als Muckraker und von W. I. Lenin als „Gefühlssozialist“ bezeichnet, übt Upton Sinclair in seinem Roman „Öl!“ offene Gesellschaftskritik und thematisiert soziale Gegensätze und Ungerechtigkeiten. Dennoch ist sein Werk sehr unterhaltsam, lässt es doch den Leser auch einen Blick hinter die Kulissen der Roaring Twenties werfen und liefert zu dem auch noch eine hochspannende Familiengeschichte mit hervorragend gezeichneten Figuren, die facettenreich charakterisiert und lebensecht dargestellt wurden. Sie haben Stärken und Schwächen, an denen sich der Leser mit Verständnis oder auch Missfallen reiben kann.

Dieser monumentale Roman über den beeindruckenden Siegeszug des Öls und den ungeheuren Einfluss der Ölmagnaten auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft hat auch in unserer heutigen Zeit nichts an Bedeutung verloren, im Gegenteil, er ist aktueller denn je.

Wer vor dicken Wälzern nicht zurückschreckt, Abhandlungen über technische Gegebenheiten und Technologien nicht scheut, Familiengeschichten mag und gern lebendige Zeitgeschichte erfahren will, wird mit diesem Roman einen Glücksgriff machen. Mich hat er nachhaltig beeindruckt.

Die im Manesse Verlag erschienene Neuübersetzung von Andrea Ott ist sehr dicht an die Entstehungszeit des Romans angelehnt. Auf damals noch nicht ins Deutsche eingesickerte Anglizismen wurde verzichtet. Auch die etwas komplexeren technischen Abschnitte sind leicht lesbar und verständlich. Dieser Ausgabe ist ein äußerst interessantes Nachwort von Ilja Trojanow beigefügt, das den geschichtlichen Hintergrund noch einmal explizit beleuchtet, die Rezeption des Romans in Deutschland beschreibt und näher auf den Autor eingeht.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Upton Sinclair (1878–1968), in einfachsten Verhältnissen aufgewachsen, war seit seinem Erstling „The Jungle“ als „mudraker“ verschrien: als Autor, der mit seinen Werken Dreck aufwühlt. Über „Oil!“ (1927) ließ der Autor stolz verlauten, dieser Roman „voller Abenteuer und sozialer Gegensätze“ sei sein am gründlichsten recherchiertes Werk überhaupt.

Mein Dank gilt dem Manesse Verlag für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

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