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12. November 2014 / Karthause

Husch Josten – Der tadellose Herr Taft

Herr Taft1Gebundene Ausgabe: 240 Seiten

Verlag: Berlin University Press

ISBN-13: 978-3862800698

Daniel Taft ist Brite mit deutscher Mutter, in Frankreich hat er studiert und dort arbeitet er für ein internationales Unternehmen, für das er quer durch Europa reist. Er hat Europa im Blut. Als er von einer seiner Reisen zurückkehrt, hat ihn Veronika, seine Frau, wort-, und aus seiner Sicht, grundlos verlassen. Nichts deutete im Vorfeld darauf hin. Taft verliert förmlich den Boden unter den Füßen. Er kann nicht mehr klar denken, seine Gedanken drehen sich im Kreis. Nach Wochen beantragt er bei seinem Arbeitgeber eine Auszeit von einem Jahr.

Der Schmerz machte ihn paranoid. Er fühlte sich beobachtet, bildete sich ein, Veronikas Anwesenheit zu spüren, dann stürzte er zum Fenster, aus der Tür, suchte nach ihr wie ein Getriebener, ein halluzinierender Geisteskranker, um festzustellen, dass er einer ahnungslosen Passantin hinterhergejagt war. In manchen Nächten löschte er alle Lichter in seinen Appartement, setzte sich ans Fenster und suchte mit einem Fernglas die gegenüberliegenden Wohnungen ab, ob Veronika in einer darin wohnte. In seinem Zustand konnte er nicht mehr gewissenhaft arbeiten.“ S. 28/29

Es zieht ihn förmlich in die Heimatstadt seiner Frau. Dort lässt er sich nieder, in der Hoffnung, sie eines Tages dort zu treffen. Er mietet eine Wohnung und ein Ladenlokal an und verkauft, angeregt durch Gedächtnisstützen auf losen Zetteln, Themen. Seinen Laden nennt er „Theorie“ und hat damit überraschenderweise Erfolg. Die Medien berichten über die sonderbare Geschäftsidee und schnell wird der Laden zur Touristenattraktion. Dann lernt er Olivia kennen. Für viele Menschen mutet die Soldatin ebenso exotisch an wie Daniel Taft mit seinem ungewöhnlichen Laden. Es entwickelt sich eine ganz besondere Freundschaft und eines Tages stellt ihm Olivia, die unmittelbar vor einem Afghanistan-Einsatz steht, eine grundlegende Frage: „Wofür würdest du kämpfen?“

In letzter Zeit habe ich einige kluge und intelligent geschriebene Romane gelesen, aber keiner war dabei, in dem der Leser zum Hinterfragen eigener Standpunkte förmlich aufgefordert wird. Husch Josten stellt Fragen, unbequeme Fragen und berührt damit den Puls unserer Zeit. So schneidet sie als Themen Europa und die deutsche Politik an, bezieht die Afghanistan-Problematik im Speziellen und den Krieg im Allgemeinen ein den Roman ein. Aber auch ganz allgemeine Denkanstöße, z.b. den das Nachdenken der Menschen betreffend, fand ich ebenso interessant wie unterhaltsam dargelegt. Gerade die offenen Fragen regen unwahrscheinlich zum Nachdenken an, man positioniert sich selbst und hinterfragt eigene Standpunkte.So wie Daniel Taft seine Ehefrau suchte, dem mit der Frau sein Lebenssinn abhanden gekommen war, der sich vollkommen neu orientieren musste, so sucht auch der Leser nach Antworten auf die aufgeworfenen Fragen.

Wie ein roter Faden zieht sich die Musik durch den Roman. In jedem Kapitel wird ein Song angesprochen, der mit dem Geschehen harmoniert.

Husch Josten hat einen ganz hervorragenden Roman geschrieben, einen der mich voll und ganz überzeugt. Sprachlich ist er kraftvoll und wortgewaltig, aber gleichzeitig sehr feinsinnig und empathisch. Inhaltlich breit gefächert, gesellschafts- und sozialkritisch, bleibt er trotzdem immer eng an der Handlung, die auch mit unvermuteten Wendungen aufwartet. Es gibt keine störenden Längen oder gar ein Abdriften ins Banale.

„Der tadellose Herr Taft“ ist ein sehr lesenswerter, kluger Roman, der zum Denken anregt, zum Diskutieren verleitet und einen langen Nachhall hat. Für mich ist er das Jahreshighlight. Ich wünsche mir, dass dieser Roman viele, viele Leser erreicht und diese genau so begeistert wie mich.

Der Verlag über die Autorin

Husch Josten, Jahrgang 1969, lebt als Schriftstellerin in Köln. Ihr Debütroman „In Sachen Joseph“ (2010) wurde für den aspekte-Literaturpreis nominiert. Der vielgelobte zweite Roman „Das Glück von Frau Pfeiffer“ (2012) erschien in drei Auflagen. Zuletzt veröffentlichte sie unter dem Titel „Fragen Sie nach Fritz“ Kurzgeschichten (2013).

6. November 2014 / Karthause

Nachdenkenswertes aus Romanen

Zur Zeit lese ich den neuen Roman von Husch Josten. Dabei stieß ich auf folgendes Zitat, das uns den ganzen gestrigen Abend in sehr angeregte Diskussionen bescherte:

“Wir entfliehen der Langeweile und Selbstbezogenheit unseres geordneten, sicheren Lebens durch Voyeurismus. Wir entkommen unserem eigenen Drama, der gedanklichen Leere, indem wir in die Banalität rennen – ins Internet, in Fernsehshows, in Mobilfunkchats. Videos über die Missgeschicke anderer werden im Internet häufiger angeklickt als ernstzunehmende Nachrichten, … Wir lassen uns ausspionieren und überwachen und regen uns ein bisschen darüber auf, machen aber weiter wie bisher. Wir sind völlig abgestumpft. … Das Triviale bewahrt uns vorm Nachdenken. Nachdenken können wir nicht mehr. … Die Leute fürchten das Nachdenken, fürchten die Wahrheiten und die vermeintliche Unlösbarkeit der Probleme. Im Trivialen liegt keine Gefahr für unseren Geist, denken sie, im Gegenteil: Wir alle glauben, das Triviale übertrumpfen zu können, lachen darüber und fühlen uns überlegen. Das ist heute unser Beitrag fürs große Ganze.”

S. 62/63 „Der tadellose Herr Taft“ von Husch Josten, Berlin University Press

Herr Taft1

4. November 2014 / Karthause

Lutz Seiler – Kruso

Gebundene Ausgabe: 484 Seiten

Verlag: Suhrkamp Verlag

ISBN-13: 978-3518424476

Es ist inzwischen schon für mich eine Art Tradition geworden, das Gewinnerbuch des Deutschen Buchpreises zu lesen. In „Kruso“ nimmt Lutz Seiler den Leser mit auf die Ostseeinsel Hiddensee, die ich aus eigenem Erleben gut kenne. Im Jahr 1989 zieht es Edgar Bendler dort hin, nicht um, wie viele andere, dort einen Urlaub zu verleben, sondern um vor seinem bisherigen Leben zu fliehen, das ein Unglück förmlich aus der Bahn warf. Unterschlupf findet Ed zunächst als Abwäscher im Klausner, einer Inselgaststätte und zugleich einer Art Arche Noah für alle Gestrandeten. Dort lernt er auch Kruso, Alexander Krusowitsch, kennen, in dem er einen Freund findet und der ihn in die Gepflogenheiten, Riten und Regeln der Esskas (Saisonkräfte) einweiht. Aber Kruso bringt ihm auch seinen Traum von der Freiheit nahe. Aber dann kommt der geschichtsträchtige Herbst 1989…

Eigentlich habe ich „Kruso“ recht gern gelesen, auch wenn der Roman nicht immer leicht und eingängig zu lesen war. Um wirklich alles zu 100 Prozent verstehen und nachvollziehen zu können, muss man wohl zu jenem eingeweihten Klientel gehören, das dort zu Zeiten des real existierenden DDR-Sozialismus den gesellschaftlichen Ausstieg versuchte. Mich hat die Geschichte schon beeindruckt. Die Namensähnlichkeit zum Klassiker „Robinson Crusoe“ ist deutlich mehr als purer Zufall. Handelt es sich bei den Esskas doch auch fast ausschließlich um Gestrandete, die den Traum von der Freiheit und der Flucht von der Insel träumen. Sprachlich ist „Kruso“ sehr ausgereift. Die Highlights waren für mich die Beschreibungen der Stimmungen, der teils angespannten Atmosphäre und die der Landschaft. Denn es war unverwechselbar das Flair von Hiddensee, das ich im Roman vorfand. Aber auch in Dialogen weiß der Autor durchaus zu überzeugen. Eine Vielzahl von Themen und Personen werden im Laufe der Handlung eingefügt. Allerdings treten einige nur kurz in Erscheinung und werden nicht weiter verfolgt. In solchen Momente wünschte ich mir, Lutz Seiler hätte auf ein paar von ihnen verzichtet. So bliebt mancher Charakter nur schemenhaft in Erinnerung. Aber auch das könnte natürlich auch vom Autor bewusst so gestaltet worden sein.

Alles in allem habe ich „Kruso“ gern gelesen, auch wenn es stellenweise ein bisschen an Arbeit erinnerte, an diesem Buch zu bleiben und durchgehend Lesefreude zu empfinden. Ein kleines Quäntchen Wortwitz und Humor hätten dem „Kruso“ keineswegs geschadet. So fehlt dem Roman ein wenig an Charme, um ihn zu einem wirklich großen Roman werden zu lassen. Den Liebhabern deutscher Gegenwartsliteratur empfehle ich diesen Roman aber sehr gern.

Der Verlag über den Autor

Lutz Seiler wurde 1963 in Gera/Thüringen geboren, heute lebt er in Wilhelmshorst bei Berlin und in Stockholm. Nach einer Lehre als Baufacharbeiter arbeitete er als Zimmermann und Maurer. 1990 schloß er ein Studium der Germanistik ab, seit 1997 leitet er das Literaturprogramm im Peter-Huchel-Haus.

Er unternahm Reisen nach Zentralasien, Osteuropa und war Writer in Residence in der Villa Aurora in Los Angeles sowie Stipendiat der Villa Massimo in Rom.

Für sein Werk erhielt er mehrere Preise, darunter den Ingeborg-Bachmann-Preis, den Bremer Literaturpreis, den Fontane-Preis und den Uwe-Johnson-Preis. (Anmerkung: Sein Roman „Kruso“ wurde mit dem Deutschen Buchpreis 2014 ausgezeichnet.)

23. Oktober 2014 / Karthause

Das blaue Sofa

Am Freitag, 24. Oktober 2014, strahlt das ZDF eine neue Folge der Literatursendung „Das blaue Sofa“ um 23.00 Uhr aus. Wolfgang Herles stellt zu später Stunde wieder interessante Bücher nach seiner ganz persönlichen Auswahl vor.

Hier nun die Bücherliste zur Sendung:

Hilary Mantel
Die Ermordung Margaret Thatchers
Erzählungen
Dumont Verlag, 2014
ISBN 978-3-8321-9768-1
18,00 Euro

Die Erzählungen der doppelten Booker Prize-Gewinnerin sind das Beste, was derzeit in englischer Sprache zu lesen ist. Die Titelstory hat das konservative England provoziert. Mantel imaginiert das Attentat auf die Premierministerin, die sich einer Augenoperation unterziehen muss. Weil die mitleidlose Eiserne Lady nicht weinen kann, kommentiert Mantel. Von exzentrischem und sarkastischem Witz sind Mantels Storys, scheinbar realistisch, doch mit lustvoll verwirrenden surrealen Momenten. Mantel erfüllt den Alltag mit der Magie ihrer Phantasie. Wie etwa auch in der Geschichte der Frau, die, wie Mantel selbst, mit ihrem Mann in Saudi-Arabien lebt. Es ist sterbenslangweilig, bis ein seltsamer Besucher erscheint, und die Möbel verrutschen.

Bodo Kirchhoff
Verlangen und Melancholie
Frankfurter Verlagsanstalt, 2014
ISBN: 978-3627002091
24,90 Euro

Ein glänzender Roman über die Liebe. Lektüre für Fortgeschrittene, was die Liebe angeht und die Literatur. Hinrichs Frau Irene sprang vor neun Jahren in den Tod. In der Erinnerung wird die Liebe seines Lebens ungemein lebendig. Denn die Liebe ist immer untrennbar verbunden mit süßer Wehmut. Aber auch mit Sex. Die erotischen römischen Fresken im alten Pompeji am Fuß des Vesuv spielen eine wichtige Rolle. Liebe im Schatten einer tödlichen Gefahr. Und wie immer bei Kirchhoff ist auch dieser Roman, ein überzeugender Versuch, eine Sprache für Sexualität zu finden.

Stephanie Bart
Deutscher Meister
Hoffmann und Campe, 2014
ISBN: 978-3-455-40495-1
22,00 Euro

Eine wahre Geschichte – ein mitreißender Roman. Ein packendes Panorama des 1933 von der Nazi-Diktatur erfassten Berlin. Der populäre, brillante Boxer Johann Trollmann gewinnt die Deutsche Meisterschaft, darf aber den Titel nicht behalten, weil er „Zigeuner“ ist. Literarisch hochklassige Kampfszenen zeichnen das Buch aus. Es folgt dem Leben eines lange vergessenen Sportlers. Aber der Roman ist nicht bloß ein politisch und historisch korrektes Denkmal, sondern eine lebensprall und bewegend erzählte Geschichte.

Nuruddin Farah

Links
Suhrkamp Verlag, 2008
ISDN: 978-3518459393
24,80

Netze
Suhrkamp Verlag, 2009
ISDN: 978-3518421031
28,80 Euro

Gekapert´
Suhrkamp Verlag, 2013
ISDN: 978-3518423622
26,95 Euro

Nuruddin Farah, der „wichtigste afrikanische Autor der Gegenwart“ (New York Times), hat die Schrecken des Bürgerkriegs in seiner Heimat Mogadischu in zahlreichen Romanen eingefangen. Betroffen vom Tod seiner Schwester, die kürzlich Opfer eines Terroranschlags wurde, geht sein Blick aber weit über Afrika hinaus.

Zwei dieser hier vorgestellten Bücher habe ich bereits mit viel Begeisterung gelesen:
Quelle: ZDF, Das blaue Sofa, Newsletter

 

19. Oktober 2014 / Karthause

Delphine Bertholon – Am Anfang war der Frost

Originaltitel: Grâce

Gebundene Ausgabe: 320 Seiten

Verlag: Limes Verlag

ISBN-13: 978-3809026273

Über das Buch (Quelle: Limes Verlag)

Am Anfang war der Frost – und ein zerrissenes Herz

1981. Grâce Bataille führt in ihrem malerischen Familienhaus in der französischen Provinz ein Leben wie aus dem Bilderbuch – mit zwei wunderbaren Kindern und einem Mann, den sie abgöttisch liebt. Doch die Fassade bröckelt, als eines Tages ein neues Au-Pair-Mädchen bei ihnen anfängt.

2010. Nathan kehrt nach Hause zurück, um wie immer mit Mutter und Schwester Weihnachten zu feiern. Doch dieses Jahr ist alles anders … Sein Vater, der dreißig Jahre zuvor wortlos verschwand, taucht wieder auf. Und plötzlich geschehen seltsame Dinge im einst idyllischen Haus …

Über die Autorin (Quelle: Limes Verlag)

Delphine Bertholon, geboren 1973, arbeitet als Drehbuchautorin in Paris. Nach zwei Romanen, die in der französischen Presse hochgelobt wurden, gelang ihr mit Am Anfang war der Frost der internationale Durchbruch.

Meine Meinung

Der Roman wird abwechselnd in zwei Zeitebenen erzählt. Im Jahr 1981 lernt der Leser die heile Welt von Grâce Bataille kennen, die durch die Anwesenheit des neuen polnischen Au-Pair-Mädchen langsam zu bröckeln beginnt. Der zweite Handlungsstrang setzt knapp 30 Jahre später ein. Die Kinder sind erwachsen und plötzlich taucht der Vater wieder aus der Versenkung auf.

Von Anfang an konnte mich dieses Buch nicht in seinen Bann ziehen. Schon der Liebesbrief an den Vermissten, mit dem die Geschichte eingeleitet wird, fand ich nur schwer erträglich. Der Schreibstil ist äußerst einfach und hätte ich dieses Buch nicht von den Buchflüsterern zur Rezension erhalten, hätte ich es wohl zeitig zur Seite gelegt. Die Geschichte an sich ist so banal und ohne jegliche Spannung, die Personen bleiben durchgehend blass und unscheinbar. Sie werden nicht mit Leben erfüllt, riefen bei mir keinerlei Emotionen außer Langeweile hervor, von sich entwickelnden Sympathien zu den Charakteren möchte ich erst gar nicht sprechen. Als einzig Positives kann ich bemerken, dass am Ende versucht wird, die Geschichte einer halbwegs stimmigen Lösung zuzuführen, welche allerdings auch wieder vorhersehbar war.

Familiengeschichten lese ich eigentlich recht gern – wenn sie gut geschrieben sind. Diese ist es leider nicht und für mich ist es nicht nachvollziehbar, wie der Autorin damit ihr internationale Durchbruch gelang. Eine Leseempfehlung kann ich leider nicht geben.

10. Oktober 2014 / Karthause

Stephanie Bart – Deutscher Meister

Gebundene Ausgabe: 384 Seiten

Verlag: Hoffmann und Campe VerlagGmbH

ISBN-13: 978-3455404951

Gelesen: September 2014 Vine

Der Verlag über das Buch

Berlin, 9. Juni 1933: Johann Rukelie Trollmann ist ein talentierter, unkonventionell kämpfender Boxer und charismatischer Publikumsliebling. Er steht im Kampf um die Deutsche Meisterschaft. Seinem Gegner ist er überlegen. Doch Trollmann ist Sinto. SA steht am Ring. Funktionäre und Presse tun alles, um seine Karriere zu zerstören und ihn endgültig auf die Bretter zu schicken.

Stephanie Barts Roman “Deutscher Meister” führt ins Innerste der nationalsozialistischen Machtentfaltung und an ihre Grenzen.

Der Verlag über die Autorin

Stephanie Bart, geboren 1965 in Esslingen am Neckar, studierte Ethnologie und Politische Wissenschaften an der Universität Hamburg. Seit 2001 lebt sie in Berlin. Für die Arbeit an ihrem Roman Deutscher Meister erhielt sie das Stipendium des Deutschen Literaturfonds 2011 und 2012.

Meine Meinung

Auch wenn ich nicht der unbedingte Boxfan bin, manche Kämpfe habe ich mit Interesse verfolgt, Mike Tysons Biografie habe ich mit Begeisterung gelesen und so lag es für mich nicht fern, meine Aufmerksamkeit auf diesen Teil deutscher Boxgeschichte zu richten.

Johann Rukelie Trollmann war mir vor der Lektüre dieses biografischen Romans vollkommen unbekannt. Die Autorin brachte mir mit ihrem Buch aber den Boxer und den Menschen Trollmann sehr nahe. Sie beschreibt ihn als facettenreichen Mann, talentierten Boxer, Frauenschwarm und großen Publikumsmagneten. Aber er war auch Sinto und das kostete ihn erst den Deutschen Meistertitel im Mittelgewicht und zuletzt auch noch das Leben. Ich hätte gern noch mehr über diesen Boxers erfahren, der für die damalige Zeit eigenwillig boxte und so gar nicht ins nationalsozialistische Bild eines deutschen Sportlers passte.

Obwohl sich Stephanie Bart in diesem Roman auf nur drei Monate im Leben des Johann Trollmann beschränkt, ist ihr mit diesem Roman ein sehr komplexes Werk gelungen. In dieser kurzen von ihr betrachteten Zeitspanne schafft sie es, ein gutes und untermauertes Zeitbild zu zeichnen, in dem deutlich wird, warum Johann Rukelie Trollmann im Ring nicht nur gegen seinen Gegner, sondern auch gegen ein politisches System kämpft. Die SA-Schergen stehen nicht nur am Ring, sie wollen dieses Rassenproblem lösen und beeinflussen das Geschehen. Sprachlich so gut es ging an Ort und Zeit angepasst, versteht sie es, die Aura dieses in Vergessenheit geratenen Sportlers wieder aufleben zu lassen und ihm ein Denkmal zu setzten.

3. Oktober 2014 / Karthause

Roope Lipasti – Ausflug mit Urne

Originaltitel: Perunkirjoitus

Gebundene Ausgabe: 320 Seiten

Verlag: Karl Blessing Verlag

ISBN-13: 978-3896675286

Wo bringt man in einem alten Renault am besten eine Urne unter? Mit diesem Problem haben sich Teemu und Janne zu Beginn des Buches auseinandersetzen. In der Urne befindet sich die Asche von Jalmari, dem Lebensgefährten ihrer Großmutter. Jalmari führte ein unruhiges Leben, mehr als fünfzigmal zog er um.

Er war eher ein Mann von Welt gewesen, kein typisch finnischer Mann, der vor seiner Familie oder sich selbst in seine Garage, sein selbst geschaffenes Minireich, flüchtet. Jalmari war ein Kaufmann und eine unruhige Seele gewesen, ein Verharren an Ort und Stelle wäre für ihn einem Gefängnisurteil gleichgekommen. Ihm hätte niemals das kleine Stück Himmel gereicht, das durchs Fenster der Garage zu sehen war.“ (S. 9)

Nun machen sich seine „Stiefenkel“ auf den Weg nach Imatra zur Testamentsvollstreckung. Auf dem Weg dorthin pilgern sie an die Orte, an denen Jalmari gelebt hat und spekulieren über ihr mögliches Erbe. Es ist für sie auch eine Reise in die Vergangenheit, bei der alte Konflikte wieder aufbrechen und sie letztlich doch trotz allem Trennenden Gemeinsamkeiten entdecken. Nach und nach erfährt der Leser Episoden aus dem Leben der Brüder, aber auch das von Jalmari setzt sich langsam wie ein Puzzle zusammen.

Janne und ich hatten natürlich eine gemeinsame Vergangenheit und gleichgeartete Probleme …, aber es gab so viele Dinge, die uns trennten, dass ohne Weiteres ein Ozean zwischen uns gepasst hätte.“ (S. 78)

Diese unterhaltsame, teils abstruse, teils skurrile Geschichte wird von Teemu, dem Ich-Erzähler, auf lakonisch-bildhafte Art erzählt. Die Gedanken darüber werden Bilder und im Kopf läuft beim Lesen gefühlt ein Road-Movie ab. Sprachlich finde ich „Ausflug mit Urne“ sehr gelungen, es vereint amüsante Unterhaltung und gedankliche Tiefe. Die Zahl der Charaktere im Roman ist überschaubar, diese  sind aber so gut gezeichnet, dass man als Leser schnell den Eindruck hat, alte Bekannte auf ihrer Tour zu begleiten. Das Beste allerdings kam für mich zum Schluss – ein absolut nicht vorhersehbares Ende.

„Ausflug mit Urne“ ist für mich eine echte Neuentdeckung. In Finnland ist Roope Lipasti als Autor einer Kolumne längst kein Unbekannter mehr. Sein Roman über zwei so unterschiedliche Brüder, über eine Reise in die Vergangenheit, über das Älterwerden, über das Leben ist eine erfrischende, witzige und doch tiefgründige Familiengeschichte, die ich mit Freude und Begeisterung gelesen habe.

Der Verlag über den Autor

Roope Lipasti, geboren 1970, hat Literatur und Philosophie studiert und ist als Journalist und Kolumnist für große finnische Tageszeitungen und Magazine tätig. Er ist Autor von mehreren Kinderbüchern und erlangte mit seinem Blog “Pihalla”, in dem er satirisch den Alltag seiner Mitmenschen beschreibt, in Finnland große Popularität. Roope Lipasti lebt mit seiner Familie in Lieto, in der Nähe von Turku.

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