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31. Juli 2014 / Karthause

Edgar Rai – Die Gottespartitur

Gebundene Ausgabe: 304 Seiten Verlag: Berlin Verlag ISBN-13: 978-3827011497

Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
Verlag: Berlin Verlag
ISBN-13: 978-3827011497

„Grundsätzlich … scheint es so zu sein, dass Musik und Musikalität in jedem von uns angelegt sind. Entwicklungsgeschichtlich war die Musik dem Menschen wahrscheinlich noch vor der Sprache eigen. Zugleich ist der Hörsinn der letzte, der uns flöten geht – entschuldigen Sie die musikalische Anspielung –, wenn ein Mensch stirbt. Und dass bislang keine eindeutig identifizierbare Todesmusik gefunden wurde, bedeutet – zumindest theoretisch betrachtet – nicht, dass es keine geben kann…“ (S.245)

Gabriel Pfeiffer, erfolgreicher Literaturagent, ist in einer tiefen Sinnkrise. Im Trubel der Frankfurter Buchmesse – Pfeiffers Klient Sven Broschinsky erhält für seinen Roman „Sauerkirschregen“ den Deutschen Buchpreis – sucht ihn Matthias Göttker auf. Der 17-jährige Seminarist glaubt, eine bedeutende Entdeckung gemacht zu haben. Zunächst tut Pfeiffer das als Wichtigtuerei ab, hat kein Ohr dafür, schließlich will er sich aus dem Literaturgeschäft zurückziehen. Trotzdem ist er als Literaturagent als Mittler zwischen den Autoren und den Verlagen, im Messedauerstress, um beiden Seiten gerecht zu werden. Als Gabriel dann vom überraschenden Tod Matthias Göttkers erfährt, wird das Thema für ihn dann doch bedeutungsvoll und er beginnt die Fäden, die ihm durch den jungen Mann mit einem Brief in die Hand gelegt wurden, zu verfolgen. Es geht um nicht weniger als um einen Gottesbeweis, der sich aus den Aufzeichnungen des englischen Musikgelehrten Charles Burney ergeben soll.

„Den erhaltenen Schriften nach zu urteilen, soll es ein Dokument geben, das den Beweis für die Existenz Gottes enthielt. Und Burney reiste dieser Spur nach. Schon in einer Quelle aus dem siebzehnten Jahrhundert findet sich die Aussage, dass man durch dieses Dokument »Gottes wahrhaftigen Wesens ansichtig werde«. Dass es also eine Art Test beinhalte. Allerdings muss, wer darauf besteht, diesen Test zu machen, für seine Zweifel büßen, indem Gott den Sünder zu sich ruft …“(S. 97)

Musik und Literatur sind die Künste, die mich schon immer stark beeindruckten und auch geprägt haben. Edgar Rai versteht es meisterlich, beide in einem spannenden Roman zu verbinden. Daneben gewährt er dem Leser einen glaubhaften und interessanten, wenngleich zynischen Einblick hinter die Kulisse des Literaturbetriebes. Auf die Frage, was man demnächst in den Bahnhofsbuchhandlungen finden wird, antwortet er:

„Drachenporno. Ein frivol flotter Dreier aus Fantasy, Historienschinken und Sex. Ich nenne es: Histomagstacy! Ein Forscher aus der Jetztzeit stolpert in eine Zeitfalle, findet sich auf einer mittelalterlichen Burg wieder, wo lauter lesbische Feen sich in Tantrasex-Ritualen von Orgasmus zu Orgasmus schwingen, wird Nakaki geopfert, einem weiblichen Drachen, der ihn als männlichen Sexsklaven missbraucht. Lustvolle Unterwerfung 2.0. Natürlich wird er durch eine Fee gerettet, die sich dafür selbst zum Opfer bringen muss, Gut gegen Böse und immer weiter so.“ (S 55/56)

Ein Sympathieträger ist der Protagonist Gabriel Pfeiffer nicht. Er ist allem überdrüssig, will seinen Beruf so nicht mehr, will sein Leben so nicht mehr, weiß gar nicht was er wirklich noch vom Leben will, außer dass es anders sein soll. Alles ist für ihn zur Gewohnheit geworden, die Gespräche mit den Verlagen und den Klienten, die aufopferungsvolle Arbeit seiner Assistentin, der Tradition gewordene Messedonnerstagabendbeischlaf mit der Gattin eines Verlegers und der Whiskey, der ihn mit nichts versöhnt, aber manches erträglich macht. Der Tod von Matthias Gröttker holt ihn aus seiner Lethargie und alles andere wird für ihn unwichtig, er will das fehlende Teil finden und das Puzzle zusammensetzen. Ich empfand seinen Charakter als sehr komplex und verständlich gezeichnet.

Der Roman besticht durch eine sehr prägnante, direkte Sprache. Zielsicher formuliert der Autor, bringt zynisch-bissig Dinge auf den Punkt. Auch seine Art von Humor, die diesem Roman durchaus eigen ist, kann ich gut teilen. Dabei bedient er viele Themen, stellenweise hatte ich Bedenken, er würde sich verzetteln, dem entging er aber immer haarscharf. Edgar Rai ist ein Autor, der viel zu erzählen hat und gern hätte ich noch ein paar hundert Seiten mehr aus seiner Feder gelesen. Auf eine selten erlebte Art wurde ich durch das Buch getragen. Das lag aber vielleicht auch an der Musik, die ich beim Lesen im Hintergrund hatte.

Mich hat dieser durchaus spannende und temporeiche Roman Edgar Rais überzeugt. Es ist eines der Highlights in diesem Jahr. Da dies der erste von mir gelesene Roman dieses Autors war, werde ich nun nach seinen anderen bereits erschienenen Werken Ausschau halten.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Edgar Rai, geboren 1967 in Hessen, studierte Musikwissenschaften und Anglistik. Von 2003 bis 2008 Dozent für kreatives Schreiben an der FU-Berlin. Seit 2012 Mitinhaber der Buchhandlung Uslar & Rai in Berlin. Mit seinem Bestseller »Nächsten Sommer« (2010) gelang ihm der Durchbruch als Autor. Außerdem erschienen »Die fetten Jahre sind vorbei« (Roman zum Film von Hans Weingartner 2004) ), »Vaterliebe« (Roman, 2008), »Salto Rückwärts« (Roman, 2010), »88 Dinge, die Sie mit Ihrem Kind gemacht haben sollten, bevor es auszieht« (Sachbuch zus. mit Hans Rath, 2011), »Sonnenwende« (Roman, 2011), »Wenn nicht, dann jetzt« (Roman, 2012) sowie »Der sixtinische Himmel« (Historischer Roman unter dem Pseudonym Leon Morell, 2012). Er lebt mit seiner Familie in Berlin.

Diese Musik habe ich gehört: (Quelle: Youtube, Verein der Orgelfreunde an St. Joseph, Bonn-Beuel)

22. Juli 2014 / Karthause

Ines Thorn – Wolgatöchter

Wolgatöchter Ines Thorn Gebundene Ausgabe: 384 Seiten Verlag: Wunderlich  ISBN-13: 978-3805208628

Wolgatöchter
Ines Thorn
Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: Wunderlich
ISBN-13: 978-3805208628

Die historischen Romane von Ines Thorn lese ich sehr gern. Maßstab für alle ist „Der Maler Gottes“, eines meiner Lieblingsbücher. Nun liegt ihr neuer Roman vor, wieder geht es um die Malerei und er führt mich als Leser auch noch ins alte Russland, ein von mir bevorzugter Handlungsort.

Die Handlung beginnt in Frankfurt am Main im Jahr 1765. Georg Reiche ist zwar ein begnadeter Maler, da er seine Familie aber hauptsächlich durch seine Fälschungen bekannter Gemälde über Wasser hält, ist die Familie ständig auf der Flucht. Kurz: Den Reiches geht es schlecht. Als er dann in einer Wirtschaft Boris Kolbe, Werber von Katharina der Großen, trifft, fasst er einen Entschluss:

„Wir gehen nach Russland … Ich bekomme eine eigene, gut ausgestattete Werkstatt, 150 Rubel und Aufträge in Hülle und Fülle. Aber das ist noch nicht alles! Außerdem leben wir für dreißig Jahre steuer- und abgabenfrei in einem eigenen kleinen Häuschen.“ (S. 40)

Ganz so, wie der Werber der Zarin die Zukunft versprach, wurde es erwartungsgemäß nicht. Das wird den Reiches bereits auf der Überfahrt klar. Es kommt auf dem Schiff zu Massentrauungen, des Geldes wegen. So wird auch Lydia, die älteste Tochter der Reiches, verheiratet. Als sie nach langer Reise sich endlich dem Ziel nähern, weicht die anfängliche Euphorie Skepsis und Angst. Zudem erfahren sie von blutigen Überfällen der Kalmücken. Einem solchen fiel auch die Familie, die das Haus bewohnte, das die Reiches nun beziehen sollen, zum Opfer.

„Angst habe ich … Hier ist alles so fremd! Hast du gehört, wie die Leute sprechen? Das ist keine Sprache. Es hört sich an, als würden sie mit Salzwasser gurgeln. Und wie sie aussehen! Die Männer tragen Kleider! Und Dolche!“ (S. 68)

Das war wieder ein Roman von Ines Thorn, wie ich ihn gern lese. Geschichte und Unterhaltung geben ein gutes Duo ab und bescherten mir kurzweilige Lesestunden. Der flüssige und eingängige Stil trug das Seine dazu bei, dass ich förmlich durch diesen Roman getragen wurde. Die eingefangenen Stimmungen, die Gedanken, die Sorgen, Nöte und Ängste der Protagonisten spiegelten sehr gut die Widrigkeiten dieses Neuanfangs an der Wolga wider. Unter den Siedlern sagt man:

„In den ersten zehn Jahren der Tod, in den zweiten zehn Jahren noch Not, in den dritten zehn Jahren endlich Brot.“ (S. 102)

Für mich war Georg Reiche die liebste Figur in diesem Roman. Sein Schicksal ging mir sehr nahe. Er wollte die Familie ernähren, aber seine Kunst war nicht gefragt, sodass ihm aus seiner Sicht auch in der neuen Heimat gar nichts anderes übrigblieb, als begehrte Werke zu fälschen. Er schwankte zwischen Stolz und Demütigung als ihm die Zeichnungen seiner Tochter förmlich aus den Händen gerissen wurden.

Der Roman ist in einen Prolog, 43 recht kurze Kapitel einen Epilog gegliedert und wird chronologisch abwechselnd aus der Sicht der Mitglieder der Familie Reiche erzählt. Wie auch die anderen historischen Romane der Autorin zeichnet sich auch dieser durch die Nähe zur Historie aus. Einzig eine kleine Ungenauigkeit schlich sich ein, die meine Meinung über den Roman nicht wesentlich beeinflusste.

„Wolgatöchter“ ist ein Roman, der von der in einem Neuanfang steckenden Hoffnung getragen wird. Der Leser erlebt, wie Träume begraben werden und neue entstehen. Ich habe ihn sehr gelesen und konnte mich gut in die örtlichen und historischen Begebenheiten einfühlen.

Über die Autorin (Quelle: Rowohlt Verlag)
Ines Thorn wurde 1964 in Leipzig geboren. Nach einer Lehre als Buchhändlerin studierte sie Germanistik, Slawistik und Kulturphilosophie. Sie lebt und arbeitet in Frankfurt am Main. Bei Wunderlich erschienen zuletzt ihre Romane “Teufelsmond” und “Das Mädchen mit den Teufelsaugen”.

15. Juli 2014 / Karthause

Sabahattin Ali – Yusuf

Gebundene Ausgabe: 300 Seiten
Verlag: Dörlemann
ISBN-13: 978-3038200024

 

Kurzbeschreibung (Quelle: Dörlemann Verlag)
Yusuf wacht neben seinen ermordeten Eltern, als ihn Salahâttin Bey in einer Herbstnacht des Jahres 1903 findet. Der Landrat zögert nicht und nimmt den Jungen an Sohnes statt bei sich auf. Was gut gemeint, wenn auch nicht selbstlos ist, bedeutet für Yusuf vor allem Demütigung. Er gehört nicht hierher, er ist und bleibt ein Fremder. Yusuf ist ein Kämpfer, wenn auch ein schweigsamer. Er widersetzt sich dem Sohn des Fabrikanten wie seiner Stiefmutter. Früh verbündet er sich mit Muazzez, seiner Stiefschwester, die er später gegen den Willen aller nur nicht gegen ihren zur Frau nimmt.
In einer bilderreichen Sprache erzählt Sabahattin Ali in seinem ersten Roman Yusuf diese Geschichte eines Mannes, der alles aufs Spiel setzt und am Ende gewinnt und verliert.

Über den Autor (Quelle: Dörlemann Verlag)
Sabahattin Ali wurde 1907 in Gümülcine geboren. Nach seinem Studium in Berlin und Potsdam lehrte er in der Türkei Deutsch. Ali mußte zeitlebens gegen die staatliche Zensur kämpfen, 1932 wurde er wegen eines Satire-Gedichts über Atatürk für ein Jahr inhaftiert. 1944 gab er in Istanbul das Satire-Blatt Markopasa heraus. Am 2. April 1948 wurde Ali auf der Flucht ins Exil an der bulgarischen Grenze ermordet. Bis heute ist ungeklärt, ob er einem Raubmord oder einem politischen Anschlag zum Opfer fiel.

Meine Meinung
“In einer regnerischen Nacht im Herbst des Jahres 1903 überfielen in der Provinz Aydin Banditen das nahe dem Kreisstädtchen Nazilli gelegene Dorf Kuyucak und töteten einen Mann und seine Frau.”

Mit diesem Satz beginnt Sabahattin Alis wunderbarer Roman. In der Folge findet der Landrat Salahâttin Bey Yusuf, der neben seinen toten Eltern wacht. Mit dieser rührenden Szene beginnt der Roman von Sabahattin Ali. Im weiteren Verlauf der Handlung kann der Leser mit fühlen und ihn durch die Höhen und Tiefen seines Lebens begleiten. Wahrscheinlich durch die Erlebnisse in seiner Kindheit bleibt er immer ein Einzelgänger, einzig seiner Stiefschwester Muazzez ist er gefühlsmäßig nah, den Städtern fühlt er sich nie zugehörig.

„Tatsächlich konnte er sich, sosehr er sich auch bemühte … nicht an die Städter gewöhnen. Immer fühlte er sich fremd und anders geartet als sie. Er verstand einfach nicht, wie diese Menschen dachten und handelten.“

So bleibt auch während der Lektüre eine gewisse Distanz zwischen dem Leser und dem Protagonisten erhalten. Diese wirkte auch mich aber keinesfalls störend, es ermöglicht eher einen weitgehend neutralen Blick auf Yusuf.

Obwohl dieser Roman mit einer anrührenden Szene eingeleitet wird, ist ihm jede Rührseligkeit fremd. Die Geschichte von Yusuf ist einfach eine beeindruckende, wunderbare Beschreibung der Menschen in ihrer Zeit. Durch „Yusuf“ habe ich einen tiefen Einblick in die Lebensweise in den letzten Jahren des osmanischen Reiches und die ersten der jungen Türkei gewonnen. Die detaillierte und bildreiche Sprache des Autors lässt diesen Roman zu einem Leseerlebnis werden.

Dieser Roman war ursprünglich als Fortsetzungsroman konzipiert und erschien im Jahr 1932 in einer türkischen Zeitung. Erst jetzt, im Jahr 2014, erschien er erstmals in deutscher Sprache.
„Yusuf“ ist ein zeitloser Roman, sein Titelheld ist zwar ein Sonderling, ein Eigenbrötler, aber immer bleibt er sich treu. Diesen Roman habe ich unwahrscheinlich gern gelesen, jede Seite habe ich genossen. Es ist ein ganz besonderer Roman, dem ich größtmögliche Beachtung und viele Leser wünsche.

9. Juli 2014 / Karthause

Rosemary McLoughlin – Die Frauen von Tyringham Park

Originaltitel: Tyringham Park

Taschenbuch: 560 Seiten

Verlag: Bastei Lübbe

ISBN-13: 978-3404169306

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Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

Ganz im Süden Irlands befindet sich das prächtige Anwesen von Lord und Lady Blackshaw. Tyringham Park ist ein Ort voller Prunk und Privilegien. Doch ein verhängnisvolles Ereignis im Jahr 1917 zerstört den Frieden des Hauses: Victoria, die jüngste Tochter der Familie, verschwindet spurlos. Wurde sie entführt? Oder gar ermordet? Nicht nur die Blackshaws sind tief getroffen, auch die Dienstboten trauern um das kleine Mädchen. Fortan liegt ein Schatten über Tyringham Park, der das Leben aller verändert, die Victoria gekannt haben. Nur mit der Wahrheit, die schließlich ans Licht kommt, hätte niemand gerechnet …

Über die Autorin (Quelle: lübbe.de)

Rosemary McLoughlin ist gebürtige Austrialierin, lebt nun aber schon seit mehr als vierzig Jahren in Irland. Sie ist nicht nur passionierte Malerin, sondern auch eine talentierte Autorin: Ihr Debütroman Die Frauen von Tyringham Park wurde in gleich zwei Kategorien für den Irish Book Award nominiert. Derzeit schreibt sie an ihrem nächsten Historischen Roman.

Meine Meinung

Auf der Buchrückseite steht: „Wenn Sie Downton Abbey mögen, werden Sie diesen Roman lieben!“ Wer mit großen Worten wirbt, sollte sich daran messen lassen. Von Downton Abbey habe ich alle Staffeln gesehen. Ich würde mich nicht als Fan bezeichnen, gefallen haben sie mit trotzdem. Geht man mit diesen Erwartungen an den Roman von Rosemary McLoughlin, macht sich schnell Ernüchterung breit. Kann man sich beim großen Vorbild sowohl vom Leben der Herrschaft als auch von dem der Bediensteten ein gleichermaßen gutes Bild machen und gibt es eine Vielzahl von agierenden Personen, geht es in „Die Frauen von Tyringham Park“ vorrangig um Charlotte. Der Leser begleitet sie durch ihr Leben von 1917, dem Zeitpunkt des Verschwindens ihrer kleinen Schwester Victoria, bis zum Jahr 1943. Vom Personal spielt lediglich Dixon, das damalige Kindermädchen, eine Nebenrolle. So muss man sich recht schnell von dem Vergleich lösen und diesen Roman für sich allein betrachten. So gesehen ist er ein solider Roman, der besonders durch die Beschreibung der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Irland vorherrschenden Moralvorstellungen lebt. Die Personen waren so beschrieben, dass ich mir ein gutes Bild von ihnen machen konnte und sie in ihrem Tun und Lassen verständlich waren. Sprachlich ist der Roman einfach erzählt, sodass er sich schnell und flüssig lesen ließ. Allerdings gab es an ein paar wenigen Stellen ein paar Ungenauigkeiten, die jedoch auch durch die Übersetzung entstanden sein konnten.

Die Frauen von Tyringham Park“ ist ein solider, unterhaltsamer Roman, den der Vergleich mit der Serie nur belastet. Wer an diesem Roman Gefallen gefunden hat kann sich auf die für Februar 2015 angekündigte Fortsetzung „Rückkehr nach Tyringham Park“ freuen.

28. Juni 2014 / Karthause

Charlotte Roth – Als wir unsterblich waren

Taschenbuch: 576 Seiten Verlag: Knaur TB ISBN-13: 978-3426512067

Taschenbuch: 576 Seiten Verlag: Knaur TB
ISBN-13: 978-3426512067

Kurzbeschreibung (Quelle: Droemer-Knaur Verlag)

November 1989. »Willkommen in Westberlin«, dröhnt es aus einem Lautsprecher, als die Ostberliner Studentin Alexandra von der Menschenmenge in die Arme eines jungen Mannes gedrängt wird. Liebe auf den ersten Blick!

Berlin vor dem Ersten Weltkrieg. Die junge und mutige Paula setzt sich leidenschaftlich für Frauen- und Arbeiterrechte ein. Ihre Träume von einer neuen, gerechteren Welt teilt sie mit dem charismatischen Studentenführer Clemens, mit dem sie Seite an Seite kämpft. Damals, als sie unsterblich waren, beginnt ihre dramatische Geschichte, die auch die Geschichte unseres Landes ist und die Jahrzehnte später Alexandras Welt für immer verändern wird.

Über den Autor (Quelle: Droemer-Knaur Verlag)

Charlotte Roth, Jahrgang 1965, ist Berlinerin, Literaturwissenschaftlerin und seit zehn Jahren freiberuflich als Autorin tätig. Mit diesem Roman, der auf einem Stück ihrer eigenen Familiengeschichte basiert, hat sie sich einen langgehegten Traum erfüllt. Charlotte Roth hat Globetrotter-Blut und zieht mit Mann und Kindern durch Europa, hält an ihrem Koffer in Berlin aber unverbrüchlich fest.

Meine Meinung

Wenn dein Haus über dir zusammenstürzt, hörst du es vorher in den Wänden knacken … das Knacken sollte Warnung genug sein, aber kein Mensch achtet darauf.“

Es ist der 9. November 1989. Die 23-jährige Alexandra lebt in Ost-Berlin bei ihrer Großmutter (Momi ) und lernt in jener historischen Nacht in den Wirren des Mauerfalls den Westberliner Oliver Schramm kennen. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Als sie ihn ihrer Momi vorstellt, reagiert diese jedoch völlig anders als erwartet. In dieser in der jüngsten Vergangenheit angesiedelten Rahmenhandlung wird in einer zweiten Zeitebene die Geschichte von Paula, Clemens und Manfred erzählt. Sie beginnt im Jahr 1912 und wird bis 1933 fortgeschrieben. Es ist eine Geschichte von Freundschaft und Liebe, vom unbeschwerten Leben in Friedenszeiten und vom Überlebenskampf im Ersten Weltkrieg, es wird von Idealen und vom Scheitern, von Auf- und Umbrüchen erzählt, aber in erster Linie steht über allem eine große Hoffnung.

Charlotte Roth erzählt diesen Roman in zwischen den beiden Zeitebenen wechselnden Perspektiven. Dabei gelingt es ihr auf intelligente Weise, mit dem ersten Satz der im Jahr 1989 angesiedelten Abschnitte an die Handlung in der Vergangenheit anzuknüpfen. In diesem Roman agieren eine Vielzahl von Personen. Alle sind sie mit Leben erfüllt, haben eigene Charaktere, Stärken und Schwächen, sie handeln nicht immer wohlüberlegt, sie sind sehr menschlich in ihrem Tun. Und gerade das ist es, was diesen Roman so lebendig wirken und zu einen beeindruckenden Zeitbild werden lässt.

Besonders fasziniert war ich, wie es Charlotte Roth gelang, sich in die an der Front kämpfenden Männer hineinzuversetzen. Endloses Hocken im Schützengraben, Dauerbeschuss durch die Artillerie, Stellungskrieg, Sperrfeuer, Trommelfeuer, Gasangriffe, Verwundung und Tod der Kameraden, all das spart sie nicht aus.

Der Lärm der tausend Geschütze, die die Stadt Verdun unter Feuer nahmen explodierte in Clemens’ Ohren. Er war sicher, nie wieder etwas hören zu können, das leise war, keine Musik, kein Zirpen im Sommergras, kein Liebesgeflüster. Stockstarr, zum Angriff bereit, mussten die Männer im Graben ausharren, während vor ihnen die Welt in Stücke ging. Minen rissen riesige Krater, aus denen der Schlamm in meterhohen Fontänen aufspritzte. Inmitten des Trommelfeuers, zwischen fliegenden Geschossen und Rauchwolken, ließ sich ab und an eine menschliche Gestalt ausmachen, die die Arme hochriss und zu Boden ging. Jedes Mal, wenn der Höllenlärm sich abschwächte, wenn die Hoffnung erwacht, er könnte sich legen, flammte er gleich darauf stärker wieder auf.“ (S.277/278)

Wie ein roter Faden ziehen sich die Ereignisse, die an einem 9. November in der deutschen Geschichte bedeutungsvoll waren durch diesen gut recherchierten Roman, der nicht nur aufgrund des sich zum 100. Mal jährenden Beginn des Ersten Weltkrieges von großer Aktualität ist. Er ist auch ein Stück SPD-Parteigeschichte. Davon sollte sich aber kein Leser abschrecken lassen. „Als wir unsterblich waren“ ist ein äußerst interessanter Roman der die Zeitgeschichte bildhaft vor dem inneren Auge des Lesers aufleben lässt. Aber auch sprachlich hat mich dieser Roman vollkommen überzeugt. Die in ihm vorkommenden Liebesgeschichten sind frei von Kitsch, sondern einfach nur glaubhaft, lebensnah und schön beschrieben. Er spiegelt die ganze Bandbreite von Liebe und Schmerz, Krieg und Frieden, Hoffnung und Enttäuschung wieder, die man sich vorstellen kann. Ich hätte gern mehr solcher Romanen, die so faszinierend, fesselnd und informativ sind. Und diesem Roman wünsche ich viele, viele Leser. Als ich dieses Buch zurück ins Regal stellte, habe ich auch von Personen verabschiedet, denen ich sehr nah war.

Als wir unsterblich waren“ ist ein historischer Roman für Herz und Verstand, der neben den Geschehnissen im November 1989 Einblick in die Zeit des Ersten Weltkrieges und die wilden 20-er Jahre gibt und das Leben seiner Helden wie ein Bilderbogen vor dem Leser ausbreitet. Es ist eine Geschichte von Freundschaft und Liebe, von Freude und Leid im alltäglichen Leben, vom Entstehen und Sterben von Idealen, von persönlichen und gesellschaftlichen Wendepunkten, aber in erster Linie ist es eine wunderbare, äußerst unterhaltsame Familiengeschichte.

 

21. Juni 2014 / Karthause

Mattias Weik/Marc Friedrich – Der Crash ist die Lösung

Der Crash ist die Lösung
Warum der finale Kollaps kommt und wie Sie Ihr Vermögen retten
Matthias Weik/Marc Friedrich
Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: Eichborn Verlag
ISBN-13: 978-3847905547
Gelesen: Juni 2014 RE

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Kurzbeschreibung (Quelle: Eichborn Verlag)

Es stellt sich längst nicht mehr die Frage, ob der Crash kommen wird – sondern lediglich wann. Denn alle Maßnahmen zur Banken-, Länder- und Eurorettung laufen auf volkswirtschaftliche Schadensmaximierung und den Staatsbankrott Deutschlands hinaus. Die Enteignung der Bürger für diesen Fall wird längst vorbereitet. Staatsanleihen, Renten- und Lebensversicherungen, Konten – das sind die großen Verlierer im Falle eines Crashs, der lieber früher als später kommen soll, denn nur dann sind Politik und Wirtschaft bereit, radikal etwas zu verändern. Wie man sein Geld rechtzeitig in Sachwerte umschichtet, um sein Erspartes nicht zu verlieren, erklären die Finanzstrategen für jeden verständlich.

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Über die Autoren (Quelle: Eichborn Verlag)

Matthias Weik befasst sich seit über zehn Jahren eingehend mit der globalen Wirtschaft und ihren Finanzmärkten. Arbeits- und Studienaufenthalte in Südamerika, Asien und Australien ermöglichten ihm tiefe Einblicke in das Wirtschaftsleben fremder Nationen. Parallel zu seiner Tätigkeit für einen deutschen Konzern hat er einen MBA erworben. Seit mehreren Jahren ist der Querdenker als unabhängiger Honorarberater tätig.

Marc Friedrich studierte Internationale Betriebswirtschaftslehre und beschäftigte sich intensiv mit der Wirtschaft und den Finanzmärkten. Während eines Aufenthalts in Argentinien erlebte er 2001 einen Staatsbankrott und dessen verheerende Folgen selbst mit. In Großbritannien, der Schweiz und den USA sammelte er zahlreiche und wertvolle Arbeitserfahrungen. Gemeinsam mit Matthias Weik hält er Seminare und Fachvorträge bei Unternehmen, Verbänden, an Universitäten und Schulen.

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Meine Meinung

Europa kränkelt. Politisch herrscht keine Einigkeit, wirtschaftlich gibt es gewaltige Unterschiede. Die Krise ist in allen Bereichen spürbar. Besonders im Finanzsektor wird sie offensichtlich. Eurorettung, Rettungsschirme, Schuldenschnitte, Krisensitzungen, Leitzinssenkung sind die Schlagworte, die uns regelmäßig in den Nachrichten begegnen. Matthias Weik und Marc Friedrich stellen sich nun die Frage nach den Folgen dieser Politik, die letzten Endes nur auf einen Staatsbankrott hinauslaufen kann und in dem unausweichlich auf uns zukommenden Crash. Für sie stellt sich lediglich die Frage nach dem Zeitpunkt.

Nach einer Analyse der Ausgangssituation zeigen die Autoren den Anlegern Möglichkeiten auf, ihr Vermögen, oder zumindest einen Teil davon, zu retten, um mit einem Ausblick auf ein neues, anderes Finanzsystem zu schließen.

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Die umfangreiche und anschauliche Beschreibung des Ist-Zustands, sowohl von EU-Raum im Allgemeinen und Deutschland im Speziellen, hat für mich die eigentliche Stärke des Buches ausgemacht. Klar und ungeschönt wird erläutert, weshalb die Krisenverursacher gleichzeitig die Krisengewinner sind. Dabei greifen die Autoren häufig auf Diagramme zurück, die ihre Aussagen unterstreichen. Im folgenden Abschnitt wird der Leser (und Anleger) mit zwei schmerzhaften Wahrheiten konfrontiert:

Erstens: die Zeit der Rendite ist vorbei.
Zweitens: Wir alle werden Wohlstand verlieren – oder an andere abgeben müssen.“ S. 203

Also geht es nur noch darum, das Vermögen zu schützen und möglichst zu erhalten. Auf knapp 100 Seiten setzen sich die Autoren mit den beliebtesten Kapitalanlagen auseinander. Dabei wird deutlich, was früher der Fels in der Brandung war, wie Lebensversicherung, Rücklagen auf dem Sparbuch und Festgeldanlagen sind zunehmend unsicher. Was nach der Lektüre des Kapitels über Enteignung, Zwangsabgaben und Inflation wohl kaum noch einer zusätzlichen Erklärung bedarf. Die ultimative Lösung haben die Autoren natürlich auch nicht parat. Sie plädieren unter anderem dafür, schuldenfreies Wohneigentum am besten selbst zu nutzen, damit wäre im Fall eines Crashs ein grundlegendes Lebensbedürfnis gesichert, ohne dass dafür finanzielle Mittel erforderlich sind.

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Spätestens seit den Bankenschließungen in Zypern ist wohl jedem Vermögenden klar, dass im Falle des Falles Bargeld die Flexibilität und Unabhängigkeit innehat, die bislang nur dem Plastikkarten zugesprochen wurde. Investitionen in Sachwerte sind auch nicht unbedingt empfehlenswert, da diese starken Wertschwankungen unterliegen können.

Investieren Sie Ihr Geld nur in Produkte, die Sie verstehen. Die Sie anfassen können. Und die für Sie zu jeder Zeit verfügbar sind.“ S.258

In der Folge gibt es noch viele Tipps die nachdenkens- und beachtenswert sind. Auch eine vernünftige Vorratshaltung von Lebensmittel und die Einlagerung von gut tauschbaren Produkten für den absoluten Ernstfall, in dem die Banken geschlossen sind und ein regulärer Zahlungsverkehr zum Erliegen kommt, sollten nicht außer Acht gelassen werden.

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Der Ausblick auf ein zukünftig mögliches Finanzsystem, ob es besser oder nur anders sein wird, lasse ich mal dahingestellt, ist, wie es Blicke in eine mögliche Zukunft immer sind, eher ein Blick in die Glaskugel, wenn auch ein sehr nachvollziehbarer.

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Der Crash ist die Lösung“ in ein gut lesbares, allgemeinverständliches Sachbuch, in dem zwar nicht der Stein des (Finanz-)Weisen gefunden wurde, das aber sehr gute Ansätze bietet, über die Sicherung der Anlage von Vermögenswerten grundlegend neu nachzudenken.

19. Juni 2014 / Karthause

Einen ersten Eindruck…

… habe ich ja nun schon von Philipp Meyers “Der erste Sohn” bekommen. 100 Seiten sind gelesen. Eine Weile habe ich überlegt, ob ich meine Freude über dieses Buch bereits jetzt öffentlich machen soll, aber ich kann es einfach nicht lassen. Schon der erste Satz gefiel mir sehr gut und weckte die Neugier in mir, was der hundertjährige Eli McCullough, der erste Sohn der am 2. Marz 1836 gegründeten Republik Texas, alles erlebt hat, was es über seine Kinder und Kindeskinder zu erfahren gibt.

“Mir wurde vorhergesagt, dass ich hundert Jahre alt werden würde, und da ich dieses Alter erreicht habe, sehe ich keinen Grund, an dieser Prophezeiung zu zweifeln.”

Bis jetzt hat das Buch alle meine Erwartungen erfüllt. Es wird vom schwierigen Miteinander von Indianern und Siedlern geschrieben. Beide Seiten gehen miteinander alles andere als zimperlich um. Es gibt Überfälle, es wird skalpiert, vergewaltigt, entführt und gemordet. Stellenweise muss man beim Lesen hart im Nehmen sein. Immer wieder schaue ich auf den Familienstammbaum, der mir die Zuordnung der einzelnen erzählenden Personen in die entsprechende Zeit erleichtert. Ich versinke an diesem Feiertagsnachmittag in einem Buch, das mich in Gedanken mitnimmt in eine Zeit als Texas noch der wilde Westen war, in dem aber auch mit einem Blick aus der Gegenwart auf das Vergangene geschaut wird. Ich freue mich auf die noch 500 vor mir liegenden Seiten.

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