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22. April 2014 / Karthause

Sabine Kornbichler – Das Verstummen der Krähe

Das Verstummen der Krähe

Sabine Kornbichler

Taschenbuch: 432 Seiten

Verlag: Piper Taschenbuch

ISBN-13: 978-3492302036

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Nach dem Verschwinden ihres Bruders Ben bricht Kristina Mahlo ihr Jurastudium ab und arbeitet als Nachlassverwalterin. Sie soll das Testament Theresa Lenhardts vollstrecken – eine Angelegenheit, die an Bedingungen geknüpft ist. Theresa Lenhardts beachtliches Vermögen soll unter den 5 Freunden der Verstorbenen aufgeteilt werden. Dazu muss Kristina den Verdacht, einer der fünf Begünstigten könnte der Mörder des Journalisten Konstantin Lischka sein, ein Mord, für den ihr Mann verurteilt wurde, ausräumen. Eine Spur in diesem „Fall“ scheint mit dem Verschwinden von Ben zusammenzuhängen. Die Klärung dieser Sache wird komplizierter als zunächst erwartet, denn Kristina gerät selbst in Gefahr…

Fünf Freunde, ein Mord, ein verschwundener junger Mann, ein Selbstmord und der letzte Wille einer eines natürlichen Todes Verstorbenen bilden das Grundgerüst dieses Kriminalromans. Dazu kommt eine sehr ungewöhnliche Ermittlerin, als Nachlassverwalterin ist Kristina Mahlo die „Anwältin der Toten“. Es war erfrischend über diese ganz andere Form der Ermittlungen zu lesen. Auch kam dieser Krimi ohne Blutvergießen aus, weshalb er nicht weniger spannend war. Interessante Charaktere, menschliche Schwächen, persönliche Geheimnisse und ein guter Plot machten diesen Kriminalroman zu einem Leseerlebnis. Der Roman ist leicht und flüssig zu lesen, die Spannung ist von Beginn an gegeben und wird auch bis zum Ende hin gehalten. An keiner Stelle empfand ich Längen, was sicher auch der großen Themenvielfalt, zu verdanken ist. Trotz der diversen angeschnittenen Themen hatte ich nie das Gefühl, der Krimi wäre überladen davon oder gar unlogisch. Der Leser weiß nie genau, er kann nur ahnen, wie der Handlungsfortschritt sich gestaltet. Zum Schluss fügt sich alles schlüssig zu einem glaubhaften Ganzen.

Sabine Kornbichler hat mit „Das Verstummen der Krähe“ einen intelligenten Kriminalroman vorgelegt, der der erste Teil einer Reihe um die Nachlassverwalterin Kristina Mahlo sein soll. Eigentlich lese ich nur ungern Serien, in diesem Fall könnte ich mir aber gut vorstellen, auch noch weitere Teile zu lesen.

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Über die Autorin (Quelle: amazon.de)

Sabine Kornbichler, Jahrgang 1957, wuchs an der Nordsee auf. Nach einem Volkswirtschaftsstudium arbeitete sie unter anderem als Texterin und Beraterin in einer Frankfurter PR-Agentur, bis sie sich 1997 dem kreativen Schreiben zuwandte. Noch im selben Jahr erhielt Sabine Kornbichler für ihre erste Kurzgeschichte den Limburgpreis. Im Jahr darauf schrieb sie ihren ersten Roman, der im Mai 2000 bei Knaur unter dem Titel “Klaras Haus” veröffentlicht wurde. Es folgten mehrere Romane, bis mit dem Roman “Im Angesicht der Schuld” ihr erster Krimi – ebenfalls bei Knaur – veröffentlicht wurde. Zuletzt erschien im Piper Verlag der Kriminalroman “Das Verstummen der Krähe”.

Sabine Kornbichler lebt in München und arbeitet dort als Autorin.

Sabine Kornbichlers Kriminalroman “Das Verstummen der Krähe” wurde für den Friedrich-Glauser-Preis 2014 nominiert.

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Mehr über die Autorin findet man auf der Homepage von Sabine Kornbichler.

15. April 2014 / Karthause

Uticha Marmon – Die vier Sommersprossen

Ein Stadtradieschen zieht aufs Land

Uticha Marmon

Gebundene Ausgabe: 156 Seiten

Verlag: Egmont Schneiderbuch

ISBN-13: 978-3505132896

Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 8 Jahren

Gelesen: April 2014 Vine

Die 10-jährige Mali, eigentlich heißt sie Amalia Sommer, verlässt gemeinsam mit ihrem Vater Köln und zieht mit ihm nach Tide an die Nordsee. Im letzten Urlaub hat der Vater dort Miriam Sprosse kennengelernt. Sie ist Tierärztin und lebt mit ihren Söhnen Luk und Ole dort. Gemeinsam wollen sie auf Gut Storchennest als Patchwork-Familie in eine gemeinsame Zukunft starten. Mali wünscht sich sehnlichst den Hund, den sie in der Wohnung mitten in der Großstadt nicht haben durfte. Auf einmal taucht wie aus heiterem Himmel ein Hund auf, der dem auf ihrem Namensschild zum Verwechseln ähnlich sieht…

Kinderbücher lese ich eher selten. Bei diesem sprach mich schon das farbenfrohe Cover an, dass es dann auch noch eine kindgerechte Alltagsgeschichte beinhaltete, machte mich neugierig. Vom Verlag ist dieses Buch für Leser ab 8 Jahre deklariert worden. Ich denke, in diesem Alter können die jungen Leser mit dieser Geschichte schon recht gut umgehen. Allerdings sollte man überlegen, ob man sie Kindern in diesem Alter nicht lieber vorlesen sollte. Sind die LeserInnen dann in etwa im gleichen Alter wie die Protagonistin sollte auch das selbständige Lesen kein Problem darstellen. Die Kapitel haben eine angenehme Länge, die Schrift hat eine kindgerechte Größe, sodass die Kinder beim Lesen in ihrer Konzentration nicht überfordert werden. Jedes Kapitel beginnt mit einer ganz kurzen Vorschau, die nicht zuletzt die Neugier der Kinder auf das kommende Geschehen weckt.

Uticha Marmon hat in den vier Sommersprossen eine sehr lebensnahe und glaubwürdige Geschichte erzählt. Wie viele Kinder sind davon betroffen, sich in eine neue Familiensituation einfügen zu müssen. Diesen Prozess stellt die Autorin auch nicht rosarot verklärt dar, sie zeigt schon auf, dass zwischen den Kindern einer Patchworkfamilie nicht nur eitel Sonnenschein herrscht, sie malt aber die neue Situation auch schwarz.

Das Buch wurde von Ute Krause liebevoll illustriert, wobei die Illustrationen sich deutlich dem Textanteil unterordnen, es handelt sich keinesfalls um ein Bilderbuch.

Die Geschichte um Mali, die in diesem ersten Teil der Reihe um „Die vier Sommersprossen“ an die Küste zieht, wird mit den bereits erhältlichen Büchern „Wirbel um den Winzling vom Watt“ und „Ein Schaf namens Ursula“ und dem im August erscheinenden Band „Kleines Schlappohr, großes Herz“ fortgesetzt.

Über den Autorin (Quelle: amazon.de)

Uticha Marmon, geboren 1979, studierte Dramaturgie, Literaturwissenschaften und Pädagogik in Mainz, Wien und München. Sie arbeitete als Dramaturgin am Theater und war im Anschluss einige Jahre als Lektorin und Regisseurin bei einem Hörbuchverlag tätig. Inzwischen schreibt sie auch eigene Konzepte und Geschichten. Die Reihe um Mali Sommer-Sprosse ist ihr Debüt auf dem Kinderbuchmarkt.

Mehr über die Autorin findet man auf ihrer Internetseite Wörterland

14. April 2014 / Karthause

Bernhard Aichner – Totenfrau

Gebundene Ausgabe: 448 Seiten
Verlag: btb Verlag
ISBN-13: 978-3442754427

 

Brünhilde Blum wurde als Kind von einem Bestatterehepaar adoptiert. Aber sie hatte alles andere als eine schöne Kindheit. So muss sie Leichen waschen und für die Bestattung vorbereiten, mit allem, was dazu gehört – Dinge, die man Kindern nicht zumuten sollte. Erfüllt sie ihre Aufgaben nicht, sperrt der Vater sie in einem Sarg Sarg ein. Aber eines Tage, die Familie ist auf einem Segeltörn, lässt Blum ihre Eltern kaltblütig ertrinken. Als erster nach der Tat ist Mark bei ihr, er ist Polizist und bestätigt ihre Aussage. Beide verlieben sich, heiraten wenig und haben acht Jahre später zwei Töchter. Blum führt das Bestattungshaus weiter. Man gönnt ihr das Glück von ganzem Herzen. Aber dann fährt Mark mit dem Motorrad los, es kommt zum Unfall, an dessen Folgen er verstirbt. Für Blum bricht eine Welt zusammen. Als sie Marks Sachen ordnet, findet sie sein Handy. Sie hört die Sprachnotizen ab, weil sie einfach seine Stimme hören will. Dabei erfährt sie erstaunliches über einen Fall, an dem Mark gerade gearbeitet hat und plötzlich ist fraglich, ob es wirklich ein Unfall war, oder ob weit mehr dahinter steckt. Blum beginnt auf eigene Faust mit den Nachforschungen und ihrem ganz persönliche Rachefeldzug…

„Totenfrau“ wird in 49 eher kurzen Kapiteln erzählt, die von einem Rückblick auf die Geschehnisse, die sich acht Jahre zuvor ereigneten, eingerahmt werden. Von Beginn an wird Spannung auf gebaut, diese steigert sich im Verlauf der Handlung und flacht erst ganz zum Ende hin ein ganz klein wenig ab. Vielleicht habe ich das auch nur so empfunden, weil ich schon sehr zeitig eine Vermutung hatte und sich alles dann genau in diese Richtung entwickelte, da fehlte mir ein wenig das Unverhoffte.

Dramaturgisch ist dieser Thriller, wie viele andere auch – spannend. Er unterscheidet sich jedoch von den anderen durch die Sprache. Atemlos, stakkatoartig, in kurzen Sätzen wird diese Geschichte erzählt, schnell kommt Bernhard Aichner auf den Punkt, es gibt nichts Beschönigendes, nichts Angedeutetes. Der Autor spricht Klartext und nennt die Dinge beim Namen und beschreibt Taten wie sie sind. Dabei verlangt er seinen Lesern einiges ab. Zimperlich darf man nicht sein, grauenhafte und auch ekelerreegende Szenen muss man mit der Protagonistin überstehen. Eigentlich müsste man einer jungen Frau, die kaltblütig tötet und stringent ihrem Racheplan folgt, mit Abscheu und Abneigung begegnen. Das konnte ich nicht. Der Autor erwischt seine Leser ganz brutal auf der emotionalen Ebene. Da man mit Blum mitfühlen kann, entwickelt man Verständnis für ihr Tun, fiebert mit ihr mit, hofft, dass ihr nichts passiert, damit sie ihren Plan in die Tat umsetzen kann.

Bernhard Aichner verzichtet auf die grammatikalisch korrekte Kennzeichnung der wörtlichen Rede. Gespräche finden stets nur zwischen zwei Beteiligten statt. Mittels Aufzählungsstrich ordnet der Autor diesen die einzelnen Gesprächsteile zu.

Mich hat „Totenfrau“ schnell in den Bann gezogen, innerhalb von zwei Tagen habe ich diesen Thriller gelesen. Er hat mich gefühlsmäßig sehr beansprucht. Aber ich habe ihn sehr gern gelesen. Die kleinen Kritikpunkte haben den Unterhaltungswert dieses Thrillers nicht geschmälert. Ich empfehle ihn gern weiter.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Bernhard Aichner (geb. 1972) lebt als Schriftsteller und Fotograf in Innsbruck/Österreich. Aichner schreibt Romane, Hörspiele und Theaterstücke. Für seine Arbeit wurde er mit mehreren Literaturpreisen und Stipendien ausgezeichnet. Nach den Spannungsromanen Nur Blau (2006) und Schnee kommt (2009) erschienen bei Haymon die Max-Broll-Krimis Die Schöne und der Tod (2010), Für immer tot (2011) und Leichenspiele (2012). Totenfrau ist der erste Thriller, der bei btb erscheint. Für die Recherche dazu arbeitete Aichner ein halbes Jahr bei einem Bestattungsinstitut als Aushilfe.

Webseite von Bernhard Aichner

9. April 2014 / Karthause

Kate Lord Brown – Das Haus der Tänzerin

Das Haus der Tänzerin

Kate Lord Brown

Originaltitel: The Perfume Garden

Taschenbuch: 528 Seiten

Verlag: Piper Taschenbuch

ISBN-13: 978-3492302326

Kate Lord Brown erzählt die Geschichte von Emma, deren Leben durch den Tod ihrer Mutter, die Trennung von ihrem Freund und den damit verbundenen Ereignissen etwas aus den Fugen geraten ist, in zwei Zeitebenen. Der sich um Emma rankende Handlungsstrang ist in der jüngsten Vergangenheit in den Jahren 2001 – mit Blick auf den 11. September – und 2002 angesiedelt. Ein zweiter Handlungsstrang spielt in der Zeit des Spanischen Bürgerkriegs, in dem man einen weiteren Einblick in die Familie Emmas und deren Umfeld bekommt. Und natürlich gibt es ein totgeschwiegenes Familiengeheimnis. Eine ganz Weile laufen beide Fäden parallel, nach und nach nähern sie sich dann aber immer mehr an und die Zusammenhänge werden klar. Sehr gelungen fand ich die Art und Weise, wie die Autorin historisch verbürgte Persönlichkeiten in ihren Roman integrierte. So ließ sie den Leser beispielsweise miterleben, wie Robert Capa sein weltberühmtes Foto vom ‘Tod eines Soldaten’ „schoss“. Das war auch der eigentliche Grund, weshalb ich zu diesem Buch griff. Ich war neugierig, wie die Autorin den Spagat zwischen der von mir erwarteten Liebesgeschichte und dem Kriegsgeschehen bewältigt. Der Bürgerkrieg wurde von Kate Lord Brown sehr eindringlich beschrieben. Besonderes Augenmerk widmete sie dabei der Situation der Personen, die in der zweiten Linie kämpften.

Ein Krieg ist immer blutig, ein Bürgerkrieg meist noch mehr.“ S.109

Die Geschichte um Emma, die Parfümeurin, war dann aber doch keine rosarote und süßlich-sentimentale Liebesgeschichte, wie von mir anfangs befürchtet. Es wurde von einer jungen Frau erzählt, die das Erbe ihrer verstorbenen Mutter antritt, die um ihren Freund trauert, der am 11. September 2001 in New York ums Leben kam, von dem sie zwar getrennt war, aber dessen Kind sie erwartete und die nun in Spanien einen neuen Anfang wagt.

Ein erstes Verbindungsglied beider Ebenen ist die Parfümherstellung, die auch in Kriegszeiten eine nicht zu unterschätzende Bedeutung hat.

Die Menschen brauchen Dinge wie Parfum und Gedichte, Musik und Kunst in Zeiten wie diesen mehr denn je. Die Menschen müssen sich an die einfachen Freuden im Leben erinnern. Wenn man sie vergisst, wenn das Leben seine Farbe verliert, dann haben sie gewonnen. Dann haben diese feigen, herzlosen Mistkerle gewonnen.“ S. 112/113

Besonders der historische Teil dieses Romans hat mich berührt und begeistert. Emmas Geschichte war für mich immer eine Art Unterbrechung, gut zum Durchatmen und die Emotionen zu beruhigen. Aber trotzdem habe ich auch diesen Part gern gelesen. Wer Familiengeschichten mag, die gut mit historischem Geschehen verknüpft sind, wird mit „Das Haus der Tänzerin“ gut unterhalten werden.

Quelle: wikipedia

Quelle: wikipedia

Über die Autorin (Quelle: amazon.de)

Kate Lord Brown wuchs in der malerischen englischen Grafschaft Devon auf. Nach ihrem Studium der Philosophiean der Universität Durham und am Courtauld Institute of Art war sie zunächst als internationale Kunstberaterin tätig und kuratierte in Europa und dem Mittleren Osten Sammlungen für Botschaften und Paläste. Später zog sie mit ihrer Familie nach Valencia und widmete sich dort dem Schreiben. Im Jahr 2009 war sie eine der Finalistinnen der »People´s Author Competition«, die vom britischen TV-Netzwerk ITV ausgerichtet wird. Sie ist mit einem Piloten verheiratet und lebt heute mit ihrer Familie in Qatar. Ihr Debütroman „The Beauty Chorus“ wurde von den vielen Stunden inspiriert, die sie auf Flugplätzen in Großbritannien verbrachte. Sie verarbeitet darin die Erfahrungen von Piloten aus ihrer Familie während des Zweiten Weltkriegs. Ihr zweiter Roman über den Spanischen Bürgerkrieg, „Das Haus der Tänzerin“, zehrt von den Jahren, die sie in Spanien gelebt hat, und und ist ihr erster auf Deutsch erschienener Roman.

 

31. März 2014 / Karthause

Pat Barker – Tobys Zimmer

Tobys Zimmer

Pat Barker

OT: Toby’s Room

Gebundene Ausgabe: 384 Seiten

Verlag: Dörlemann

ISBN-13: 978-3038200017

Gesichter des Krieges

“Eintausend junge Männer mit ausgehöhlten Augen, weggesprengten Kiefern und klaffenden Löchern, wo ihre Nasen einst waren, hier auf engstem Raum, um zusammengeflickt und mit dem, was die Chirurgen an Gesicht zustande gebracht hatten, entlassen zu werden.” S. 248

Der erste und kürzere Teil des Romans ist im Jahr 1912 angesiedelt. In diesem werden die Figuren eingeführt, die den Leser durch die gesamte Handlung auf aktive oder passive Weise begleiten. Elinor und Toby sind Geschwister. Sie stammen aus gutem Haus stehen und sich gefühlsmäßig so nah, schier unzertrennlich, fast wie Zwillinge. Beide bewahren das Geheimnis einer gemeinsamen Nacht.

Elinor besucht eine Londoner Kunstschule und belegt zusätzlich einen Anatomiekurs. Toby erfüllt seine Pflicht im Royald Army Medical Corps an der Front in Frankreich, bis eines Tages im Jahr 1917 die Nachricht „Vermisst, vermutlich gefallen“ die Familie Brooke darüber in Kenntnis setzt, dass der Sohn und Bruder nicht mehr heimkehren wird. Dieser Verlust schmerzt Elinor maßlos und sie sucht in der Kunst Vergessen. So nimmt sie nach längerem Zögern, sie will nichts mit dem Krieg zu tun haben, das Angebot ihres ehemaligen Dozenten Henry Tonks an, ihm, dem Chirurgen und Maler, bei der zeichnerischen Dokumentation der verstümmelten Gesichter der Soldaten zu assistieren.

“Ich versuche, mit dem Krieg nichts zu tun zu haben. … Weil er böse ist. Vollkommene Zerstörung. Von allem. Nicht nur Leben. Er ist wie so ein Mähdreschergerät, wissen Sie? Nur dass es kein Getreide schneidet. … Das ist wie mit den Pazifisten. Also, einige, die Mehrheit, verrichten Arbeit von ‘nationaler Bedeutung’- … – und arbeiten auf einem Bauernhof oder in einem Krankenhaus. Die anderen allerdings – die Absolutisten – weigern sich.Sie würden eher ins Gefängnis gehen, als etwas, auch nur das Geringste zum Krieg beizutragen. Das halte ich für die stärkere Position, sie ist logischer, weil die anderen doch bloß ihr bisschen Öl auf den Mähdrescher träufeln und sich einreden, an ihren Händen klebe kein Blut, weil sie das elende Gefährt ja nicht selber steuern.” S. 213/214

Auf diese Weise kommt sie auch Kit Neville, dem ehemaligen Kommilitonen näher, der als einziger in Tobys Nähe war, aber über die Geschehnisse schweigt. Aber Elinor muss wissen, was geschehen ist.

Mit „Tobys Zimmer“ greift Pat Barker ein Thema neu auf, das bereits Kern ihrer „Regeneration-Trilogie“ war – der Erste Weltkrieg. Die Autorin schildert jedoch weniger das Kriegsgeschehen an sich, sie zeigt auf, was der Krieg mit den Menschen gemacht hat, wie er sich auf sie ausgewirkt hat. Sie beschreibt grauenvolle Gesichtsverletzungen, die Versuche diese zu behandeln und die Behandlungsverläufe zeichnerisch festzuhalten. Henry Tonk und auch die sogenannte „Blechnasenabteilung“ hat es wirklich gegeben. Pat Barker setzt ihnen mit ihrem Roman ein Denkmal.

Geschickt baut sie einen Spannungsbogen auf, so dass es dem Leser schwerfällt sich von dem Roman loszureißen. Man fühlt, leidet und trauert mit, man versteht und kann tief in die Seelen der vom Krieg gezeichneten Menschen blicken, egal ob sie selbst im Krieg waren oder zu den Daheimgeblieben gehören.

…, wir fühlen uns alle schuldig. Alle, die überlebt haben.“ S.265

Tobys Zimmer“ hat aber im englischen Original noch eine Vorgeschichte, denn es ist eigentlich die Fortsetzung von „Life Class“. Ich hoffe sehr, dass dieser Roman auch noch den deutschen Lesern zugänglich gemacht wird.

Pat Barkers Roman „Tobys Zimmer“ ist nicht nur vom Inhalt ein hervorragendes Werk, er ist auch noch äußerst schön anzusehen. Ohne den üblichen Schutzumschlag, sozusagen schutzlos, nur mit einem farbigen, gut in die Zeit passenden Foto auf dem Buchdeckel präsentiert es sich dem Leser.

Tobys Zimmer“ war der zweite Roman den ich im Rahmen meines Leseprojektes ‘Erster Weltkrieg’ gelesen habe. Es ist ein eindringliches und bewegendes Buch, in dem der Krieg die Handlung nie vordergründig bestimmt, ihr aber die grundlegende Richtung gibt. Übrigens – Assoziationen zu “Jacobs Zimmer” von Virginia Woolf sind durchaus erlaubt.

Über die Autorin (Quelle: Dörlemann Verlag)

Pat Barker, geboren 1943 in Thornaby-on-Tees, England, erlangte ihren literarischen Ruhm mit der Roman-Trilogie »Regeneration« – Niemandsland, Das Auge in der Tür, Die Straße der Geister (Deutsch von Matthias Fienbork). Pat Barker wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. 1995 gewann sie den renommierten Booker-Preis, 2001 erhielt sie den WELT-Literaturpreis. Pat Barker lebt in Durham.

Für Interessierte hier noch ein weiterführender Link: Face of Battle

25. März 2014 / Karthause

Max Brod – Stefan Rott oder Das Jahr der Entscheidung

Stefan Rott oder Das Jahr der Entscheidung
Max Brod

Gebundene Ausgabe: 562 Seiten
Verlag: Wallstein
ISBN-13: 978-3835313378

Kurzbeschreibung (Quelle: Wallstein Verlag)
Dieser Roman wurde oft als Max Brods »Zauberberg« bezeichnet, spielt er doch 1914, in den letzten Monaten vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, welcher das alte Europa zum Einsturz brachte. Aber nicht ein entlegenes Sanatorium, sondern die kleine deutsche Gemeinde in Prag ist bei Brod das Modell der bürgerlichen Gesellschaft vor dem Kriege. Im Mittelpunkt steht der Gymnasiast Stefan Rott, ein junger Mann aus guter Familie, der sich die Welt zu erklären sucht und seine erste Liebe erlebt – er verehrt Phyllis, die Mutter eines Klassenkameraden und wird schließlich sogar von ihr erhört. Hinter der gutbürgerlichen Fassade aber verbergen sich Lüge und Korruption, wie Stefan nach und nach erkennen muss. Die schöne Phyllis ist dem reichen Advokaten Urban zugetan, und Geld spielt dabei durchaus eine Rolle.Mit dem Attentat von Sarajevo stürzt auch diese kleine Prager deutsche Welt in den Abgrund: Frau Phyllis schießt auf ihren Ehemann, der Anarchist Dlouhy, Stefans Klassenkamerad, wird zum Tode verurteilt. Private und politische Entwicklung sind am selben Punkt angelangt: es wird nicht mehr geredet, es wird geschossen.

Über den Autor (Quelle: Wallstein Verlag)
Max Brod (1884-1968) war vor und nach dem Ersten Weltkrieg einer der bekanntesten Vertreter der Prager deutschsprachigen Literatur, heute ist er vor allem als Herausgeber der Werke Franz Kafkas berühmt.

Meine Meinung
Max Brod war mir bis vor Kurzem als Autor kein Begriff, für mich war er bislang der Herausgeber der Werke Franz Kafkas. Für mein Leseprojekt ‘Erster Weltkrieg’ suchte ich nach Romanen, deren Handlung unmittelbar vor bzw. in dieser Zeit angesiedelt ist, dabei stieß ich auf ihn als Autor.

In der Beschreibung las ich, dieser Roman sei so etwas wie Max Brods „Zauberberg“. Solche Vergleiche hinken oft und doch hoffte ich ein wenig, dass er dem standhalten würde. Ich möchte es auch gleich vorweg nehmen, ich wurde nicht enttäuscht – im Gegenteil. Solch einen großartigen Roman habe ich schon lange nicht mehr gelesen.

Im April 1914 lernt man den Prager Gymnasiasten Stefan Rott kennen. Er ist ein guter Schüler und entstammt einem ebenso guten Hause. Die Welt ist noch in Ordnung. Stefan kümmert sich um die Schule und seinen Freundeskreis. Er führt tiefe Gespräche über die Fragen des Lebens und der Moral mit seinem Religionslehrer, dem Katecheten Professor Werder. Er ist hin- und hergerissen von diesen Gesprächen, denn der Professor warnt ihn eindringlich vor Hochmut und böser Begierde zwei Eigenschaften, die dem 17-jährigen nicht fremd sind, begehrt er doch die Mutter seines engsten Freundes Anton Liesegang innigst.

„Sie glauben nur an sich – an nichts anderes als an sich selbst. Sie sind kein böser, auch kein materiell gesinnter Mensch. Aber Ihnen sind im Grunde nur ihre eigenen, persönlichen Empfindungen wichtig. Und das ist schlimm. Auf solche Art machen Sie sich Illusionen und verschließen sich der Wahrheit, – ich meine der einzig richtigen, objektiven, christlichen Wahrheit – Sie entziehen sich den Ausstrahlungen der absoluten Welt Gottes, und die doch etwas ganz anderes als die lüsternen Spiele ihres Ich.“ (S. 42)

Mit seinem Freund Anton entzweit er sich, kommt ihm später aber wieder näher, noch mehr nähert er sich aber Phyllis Liesegang an.

Max Brod hat einen Roman geschrieben, der sehr ruhig und ausführlich den Alltag im Frühjahr und Frühsommer des Jahres 1914 schildert. Es geschieht nicht sehr viel. Die Schüler gehen in die Schule, haben ihre ganz normalen Probleme, Zwistereien und erste Verliebtheiten. Aber es würde dem Roman nicht gerecht, würde man ihn auf diese Sphäre der Handlung reduzieren. Der Autor gibt ein sehr genaues Zeitbild ab. Ein Erzähler überblickt die Zusammenhänge und vermittelt diese dem Leser in dem Maße, wie es für das Verständnis der Handlung erforderlich ist. Er schildert alltägliche Begebenheiten ebenso wie die vorherrschen politischen Strömungen, dabei bedient sich der Autor einer Sprache, die den verstaubten Charme der k. u. k. Monarchie aufleben lässt. Sein Sprachstil ist durchaus anspruchsvoll. Seine langen und mitunter verschachtelten Sätze, die man sich häufig auf der Zunge zergehen lassen muss, fordern dem Leser Konzentration auf den Text ab. Dafür wird man aber mit einem völligen Eintauchen in die Welt des Stefan Rott in seine Gedanken und Gefühle und die historische Situation entschädigt. Dieser Roman hat etwas sprachlich so Erhabenes, das ihn aus der Massen- und Mainstreamliteratur deutlich hervorragen lässt. Stefan Rott, sein Freund Anton und beider Mitschüler Dlouhý stehen für verschiedene politische Strömungen. So sagt Anton zu Stefan:

„Als taufrischer Intellektueller habe ich Marx und Engels Wort für Wort studiert, mit gutem Willen, aufrichtig. Und doch ist das gar nichts und vor der Wirklichkeit stehe ich wie der Ochs am Berg. Dlouhý aber mit seiner vielleicht falschen Theorie, – er ist nämlich gar nicht Marxist, sondern Anarchist, und kaum das, er verkehrt nur mit ein paar Anarchisten, von denen er nicht einmal viel hält, du weißt ja was er in erster Reihe ist: ein guter Kerl und ein Streber – aber außerdem ist er eben trotz der falschen Theorie (und zwar ist er das mit Leib und Leben) ein Mann der Praxis, ja er ist die Praxis selbst, und wenn er es förmlich gegen seinen Willen ist, – genug, er ist es; also etwas ganz anderes und viel mehr als meine richtige Theorie. Proletarier, damit ist alles gesagt.“ (S. 268)

Das Attentat von Sarajewo hat nicht nur Auswirkungen auf die Weltpolitik, auch der kleine Prager Kosmos um unsere Protagonisten ändert sich schlagartig. Auch im Max Rotts Welt wird jetzt geschossen.

„Stefan Rott oder Das Jahr der Entscheidung“ ist ein ganz wundervoller Roman über eine Jugend und das Zerbrechen einer heilen Welt. Leser, die Freude an ruhiger Erzählweise und grandiosem Sprachgebrauch haben, werden diesen Roman mit Sicherheit mögen. Die Assoziation zu Manns „Zauberberg“ sehe ich auch nicht mehr als abwegig an. Es freut mich ungemein, dass dieser Roman neu verlegt wurde und ich so die Möglichkeit hatte, diesen zu genießen. Ich mochte ihn von der ersten Seite an, es wird sicher nicht bei diesem einen Max Brod-Roman bleiben.

23. März 2014 / Karthause

Franziska Wolffheim – Zweistein oder Das Brummen der Welt

Zweistein oder Das Brummen der Welt

Franziska Wolffheim

Gebundene Ausgabe: 144 Seiten

Verlag: Albrecht Knaus Verlag

ISBN-13: 978-3813506105

 

Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

Philosoph auf vier Pfoten – Kater Zweistein sinniert über die Welt.

Auf den ersten Blick scheint Zweistein ein ganz gewöhnlicher Kater: Er döst viel, spaziert durch sein Revier, nimmt gnädig die Gunstbeweise seiner Besitzerin entgegen. Aber Zweistein ist in Wirklichkeit ein Kater mit ziemlich viel Verstand, ein Philosoph auf vier Beinen, eigensinnig und unabhängig, ein gewitzter Beobachter, der sich über dieses und jenes auf unserer Welt so seine Gedanken macht.

50 Geschichten über einen liebenswerten Kater, voller Tiefsinn, Humor und Zärtlichkeit, spielerisch leicht erzählt von Franziska Wolffheim, kongenial illustriert von Stefanie Clemen.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Franziska Wolffheim, 1962 in Hamburg geboren, ist Journalistin und hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht. Viele Jahre war sie für die Zeitschrift “Brigitte” als Autorin tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

Meine Meinung

Wer Katzen kennt, weiß auch, manchmal scheinen sie, ihrem Blick nach zu urteilen, über Gott und die Welt zu sinnieren. So auch der Kater Zweistein, der irgendwann die Sprache der Welt verstehen möchte. So stellt er Fragen. Wo sind die vergangenen Tage hin? Warum gibt es Unkraut und Unmenschen, aber von Unkatzen hat er noch nie gehört. So kämpft er gegen Fliegen und die Langeweile und glaubt, es gibt sicher Menschen, die sogar ihren Kopf umtauschen würden, weil er ihnen nicht mehr gefällt.

Katzen mag ich sehr, trotzdem begeistern mich Bücher wie das vorliegende eher weniger. Vom Autor werden Gedankengänge, die den Menschen eigen sind, auf das Tier übertragen, was aus meiner Sicht keinen Sinn ergibt. Mögen Katzen noch so klug sein, aber aber zum Philosophieren sind sie doch wohl kaum in der Lage. Trotzdem ist dieses Büchlein bei mir nicht vollkommen durchgefallen. Ich sehe es eher als eine gewitzte Art der Autorin, den Leser aufzufordern selbst Fragen zu stellen und über Alltäglichkeiten nachzudenken. Das ist ihr recht gut gelungen. Immer wieder habe ich beim Lesen innegehalten, habe mir Gedanken gemacht und musste natürlich auch schmunzeln, denn manche Gedankenanstöße sind wirklich amüsant. So waren die 144 Seiten schnell gelesen. Das Buch wird abgerundet von Stefanie Clemens Illustrationen.

Wer sich nicht wie ich daran stößt, philosophische Themen durch die Katerbrille zu betrachten, wird mit „Zweistein“ eine angenehme und bereichernde Lesezeit verbringen können.

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