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23. Oktober 2014 / Karthause

Das blaue Sofa

Am Freitag, 24. Oktober 2014, strahlt das ZDF eine neue Folge der Literatursendung „Das blaue Sofa“ um 23.00 Uhr aus. Wolfgang Herles stellt zu später Stunde wieder interessante Bücher nach seiner ganz persönlichen Auswahl vor.

Hier nun die Bücherliste zur Sendung:

Hilary Mantel
Die Ermordung Margaret Thatchers
Erzählungen
Dumont Verlag, 2014
ISBN 978-3-8321-9768-1
18,00 Euro

Die Erzählungen der doppelten Booker Prize-Gewinnerin sind das Beste, was derzeit in englischer Sprache zu lesen ist. Die Titelstory hat das konservative England provoziert. Mantel imaginiert das Attentat auf die Premierministerin, die sich einer Augenoperation unterziehen muss. Weil die mitleidlose Eiserne Lady nicht weinen kann, kommentiert Mantel. Von exzentrischem und sarkastischem Witz sind Mantels Storys, scheinbar realistisch, doch mit lustvoll verwirrenden surrealen Momenten. Mantel erfüllt den Alltag mit der Magie ihrer Phantasie. Wie etwa auch in der Geschichte der Frau, die, wie Mantel selbst, mit ihrem Mann in Saudi-Arabien lebt. Es ist sterbenslangweilig, bis ein seltsamer Besucher erscheint, und die Möbel verrutschen.

Bodo Kirchhoff
Verlangen und Melancholie
Frankfurter Verlagsanstalt, 2014
ISBN: 978-3627002091
24,90 Euro

Ein glänzender Roman über die Liebe. Lektüre für Fortgeschrittene, was die Liebe angeht und die Literatur. Hinrichs Frau Irene sprang vor neun Jahren in den Tod. In der Erinnerung wird die Liebe seines Lebens ungemein lebendig. Denn die Liebe ist immer untrennbar verbunden mit süßer Wehmut. Aber auch mit Sex. Die erotischen römischen Fresken im alten Pompeji am Fuß des Vesuv spielen eine wichtige Rolle. Liebe im Schatten einer tödlichen Gefahr. Und wie immer bei Kirchhoff ist auch dieser Roman, ein überzeugender Versuch, eine Sprache für Sexualität zu finden.

Stephanie Bart
Deutscher Meister
Hoffmann und Campe, 2014
ISBN: 978-3-455-40495-1
22,00 Euro

Eine wahre Geschichte – ein mitreißender Roman. Ein packendes Panorama des 1933 von der Nazi-Diktatur erfassten Berlin. Der populäre, brillante Boxer Johann Trollmann gewinnt die Deutsche Meisterschaft, darf aber den Titel nicht behalten, weil er „Zigeuner“ ist. Literarisch hochklassige Kampfszenen zeichnen das Buch aus. Es folgt dem Leben eines lange vergessenen Sportlers. Aber der Roman ist nicht bloß ein politisch und historisch korrektes Denkmal, sondern eine lebensprall und bewegend erzählte Geschichte.

Nuruddin Farah

Links
Suhrkamp Verlag, 2008
ISDN: 978-3518459393
24,80

Netze
Suhrkamp Verlag, 2009
ISDN: 978-3518421031
28,80 Euro

Gekapert´
Suhrkamp Verlag, 2013
ISDN: 978-3518423622
26,95 Euro

Nuruddin Farah, der „wichtigste afrikanische Autor der Gegenwart“ (New York Times), hat die Schrecken des Bürgerkriegs in seiner Heimat Mogadischu in zahlreichen Romanen eingefangen. Betroffen vom Tod seiner Schwester, die kürzlich Opfer eines Terroranschlags wurde, geht sein Blick aber weit über Afrika hinaus.

Zwei dieser hier vorgestellten Bücher habe ich bereits mit viel Begeisterung gelesen:
Quelle: ZDF, Das blaue Sofa, Newsletter

 

19. Oktober 2014 / Karthause

Delphine Bertholon – Am Anfang war der Frost

Originaltitel: Grâce

Gebundene Ausgabe: 320 Seiten

Verlag: Limes Verlag

ISBN-13: 978-3809026273

Über das Buch (Quelle: Limes Verlag)

Am Anfang war der Frost – und ein zerrissenes Herz

1981. Grâce Bataille führt in ihrem malerischen Familienhaus in der französischen Provinz ein Leben wie aus dem Bilderbuch – mit zwei wunderbaren Kindern und einem Mann, den sie abgöttisch liebt. Doch die Fassade bröckelt, als eines Tages ein neues Au-Pair-Mädchen bei ihnen anfängt.

2010. Nathan kehrt nach Hause zurück, um wie immer mit Mutter und Schwester Weihnachten zu feiern. Doch dieses Jahr ist alles anders … Sein Vater, der dreißig Jahre zuvor wortlos verschwand, taucht wieder auf. Und plötzlich geschehen seltsame Dinge im einst idyllischen Haus …

Über die Autorin (Quelle: Limes Verlag)

Delphine Bertholon, geboren 1973, arbeitet als Drehbuchautorin in Paris. Nach zwei Romanen, die in der französischen Presse hochgelobt wurden, gelang ihr mit Am Anfang war der Frost der internationale Durchbruch.

Meine Meinung

Der Roman wird abwechselnd in zwei Zeitebenen erzählt. Im Jahr 1981 lernt der Leser die heile Welt von Grâce Bataille kennen, die durch die Anwesenheit des neuen polnischen Au-Pair-Mädchen langsam zu bröckeln beginnt. Der zweite Handlungsstrang setzt knapp 30 Jahre später ein. Die Kinder sind erwachsen und plötzlich taucht der Vater wieder aus der Versenkung auf.

Von Anfang an konnte mich dieses Buch nicht in seinen Bann ziehen. Schon der Liebesbrief an den Vermissten, mit dem die Geschichte eingeleitet wird, fand ich nur schwer erträglich. Der Schreibstil ist äußerst einfach und hätte ich dieses Buch nicht von den Buchflüsterern zur Rezension erhalten, hätte ich es wohl zeitig zur Seite gelegt. Die Geschichte an sich ist so banal und ohne jegliche Spannung, die Personen bleiben durchgehend blass und unscheinbar. Sie werden nicht mit Leben erfüllt, riefen bei mir keinerlei Emotionen außer Langeweile hervor, von sich entwickelnden Sympathien zu den Charakteren möchte ich erst gar nicht sprechen. Als einzig Positives kann ich bemerken, dass am Ende versucht wird, die Geschichte einer halbwegs stimmigen Lösung zuzuführen, welche allerdings auch wieder vorhersehbar war.

Familiengeschichten lese ich eigentlich recht gern – wenn sie gut geschrieben sind. Diese ist es leider nicht und für mich ist es nicht nachvollziehbar, wie der Autorin damit ihr internationale Durchbruch gelang. Eine Leseempfehlung kann ich leider nicht geben.

10. Oktober 2014 / Karthause

Stephanie Bart – Deutscher Meister

Gebundene Ausgabe: 384 Seiten

Verlag: Hoffmann und Campe VerlagGmbH

ISBN-13: 978-3455404951

Gelesen: September 2014 Vine

Der Verlag über das Buch

Berlin, 9. Juni 1933: Johann Rukelie Trollmann ist ein talentierter, unkonventionell kämpfender Boxer und charismatischer Publikumsliebling. Er steht im Kampf um die Deutsche Meisterschaft. Seinem Gegner ist er überlegen. Doch Trollmann ist Sinto. SA steht am Ring. Funktionäre und Presse tun alles, um seine Karriere zu zerstören und ihn endgültig auf die Bretter zu schicken.

Stephanie Barts Roman “Deutscher Meister” führt ins Innerste der nationalsozialistischen Machtentfaltung und an ihre Grenzen.

Der Verlag über die Autorin

Stephanie Bart, geboren 1965 in Esslingen am Neckar, studierte Ethnologie und Politische Wissenschaften an der Universität Hamburg. Seit 2001 lebt sie in Berlin. Für die Arbeit an ihrem Roman Deutscher Meister erhielt sie das Stipendium des Deutschen Literaturfonds 2011 und 2012.

Meine Meinung

Auch wenn ich nicht der unbedingte Boxfan bin, manche Kämpfe habe ich mit Interesse verfolgt, Mike Tysons Biografie habe ich mit Begeisterung gelesen und so lag es für mich nicht fern, meine Aufmerksamkeit auf diesen Teil deutscher Boxgeschichte zu richten.

Johann Rukelie Trollmann war mir vor der Lektüre dieses biografischen Romans vollkommen unbekannt. Die Autorin brachte mir mit ihrem Buch aber den Boxer und den Menschen Trollmann sehr nahe. Sie beschreibt ihn als facettenreichen Mann, talentierten Boxer, Frauenschwarm und großen Publikumsmagneten. Aber er war auch Sinto und das kostete ihn erst den Deutschen Meistertitel im Mittelgewicht und zuletzt auch noch das Leben. Ich hätte gern noch mehr über diesen Boxers erfahren, der für die damalige Zeit eigenwillig boxte und so gar nicht ins nationalsozialistische Bild eines deutschen Sportlers passte.

Obwohl sich Stephanie Bart in diesem Roman auf nur drei Monate im Leben des Johann Trollmann beschränkt, ist ihr mit diesem Roman ein sehr komplexes Werk gelungen. In dieser kurzen von ihr betrachteten Zeitspanne schafft sie es, ein gutes und untermauertes Zeitbild zu zeichnen, in dem deutlich wird, warum Johann Rukelie Trollmann im Ring nicht nur gegen seinen Gegner, sondern auch gegen ein politisches System kämpft. Die SA-Schergen stehen nicht nur am Ring, sie wollen dieses Rassenproblem lösen und beeinflussen das Geschehen. Sprachlich so gut es ging an Ort und Zeit angepasst, versteht sie es, die Aura dieses in Vergessenheit geratenen Sportlers wieder aufleben zu lassen und ihm ein Denkmal zu setzten.

3. Oktober 2014 / Karthause

Roope Lipasti – Ausflug mit Urne

Originaltitel: Perunkirjoitus

Gebundene Ausgabe: 320 Seiten

Verlag: Karl Blessing Verlag

ISBN-13: 978-3896675286

Wo bringt man in einem alten Renault am besten eine Urne unter? Mit diesem Problem haben sich Teemu und Janne zu Beginn des Buches auseinandersetzen. In der Urne befindet sich die Asche von Jalmari, dem Lebensgefährten ihrer Großmutter. Jalmari führte ein unruhiges Leben, mehr als fünfzigmal zog er um.

Er war eher ein Mann von Welt gewesen, kein typisch finnischer Mann, der vor seiner Familie oder sich selbst in seine Garage, sein selbst geschaffenes Minireich, flüchtet. Jalmari war ein Kaufmann und eine unruhige Seele gewesen, ein Verharren an Ort und Stelle wäre für ihn einem Gefängnisurteil gleichgekommen. Ihm hätte niemals das kleine Stück Himmel gereicht, das durchs Fenster der Garage zu sehen war.“ (S. 9)

Nun machen sich seine „Stiefenkel“ auf den Weg nach Imatra zur Testamentsvollstreckung. Auf dem Weg dorthin pilgern sie an die Orte, an denen Jalmari gelebt hat und spekulieren über ihr mögliches Erbe. Es ist für sie auch eine Reise in die Vergangenheit, bei der alte Konflikte wieder aufbrechen und sie letztlich doch trotz allem Trennenden Gemeinsamkeiten entdecken. Nach und nach erfährt der Leser Episoden aus dem Leben der Brüder, aber auch das von Jalmari setzt sich langsam wie ein Puzzle zusammen.

Janne und ich hatten natürlich eine gemeinsame Vergangenheit und gleichgeartete Probleme …, aber es gab so viele Dinge, die uns trennten, dass ohne Weiteres ein Ozean zwischen uns gepasst hätte.“ (S. 78)

Diese unterhaltsame, teils abstruse, teils skurrile Geschichte wird von Teemu, dem Ich-Erzähler, auf lakonisch-bildhafte Art erzählt. Die Gedanken darüber werden Bilder und im Kopf läuft beim Lesen gefühlt ein Road-Movie ab. Sprachlich finde ich „Ausflug mit Urne“ sehr gelungen, es vereint amüsante Unterhaltung und gedankliche Tiefe. Die Zahl der Charaktere im Roman ist überschaubar, diese  sind aber so gut gezeichnet, dass man als Leser schnell den Eindruck hat, alte Bekannte auf ihrer Tour zu begleiten. Das Beste allerdings kam für mich zum Schluss – ein absolut nicht vorhersehbares Ende.

„Ausflug mit Urne“ ist für mich eine echte Neuentdeckung. In Finnland ist Roope Lipasti als Autor einer Kolumne längst kein Unbekannter mehr. Sein Roman über zwei so unterschiedliche Brüder, über eine Reise in die Vergangenheit, über das Älterwerden, über das Leben ist eine erfrischende, witzige und doch tiefgründige Familiengeschichte, die ich mit Freude und Begeisterung gelesen habe.

Der Verlag über den Autor

Roope Lipasti, geboren 1970, hat Literatur und Philosophie studiert und ist als Journalist und Kolumnist für große finnische Tageszeitungen und Magazine tätig. Er ist Autor von mehreren Kinderbüchern und erlangte mit seinem Blog “Pihalla”, in dem er satirisch den Alltag seiner Mitmenschen beschreibt, in Finnland große Popularität. Roope Lipasti lebt mit seiner Familie in Lieto, in der Nähe von Turku.

23. September 2014 / Karthause

Bernard Minier – Kindertotenlied

Originaltitel: Le Cercle

Gebundene Ausgabe: 656 Seiten

Verlag: Droemer HC

ISBN-13: 978-3426199800

 

Der Verlag über das Buch

Hochsommerliche Hitze und heftige Gewitter belasten die Menschen im Süden Frankreichs, als ein brutaler Mord geschieht. Eine Professorin der Elite-Universität Marsac liegt ertrunken und grausam gefesselt in der Badewanne. In ihrem Rachen steckt eine Taschenlampe. Ohrenbetäubende Musik von Gustav Mahler schallt durch die Nacht. Kindertotenlieder. Beklemmung macht sich in Kommissar Martin Servaz breit. Ist Mahler doch der Lieblingskomponist des hochintelligenten und seit Monaten flüchtigen Serienmörders Julian Hirtmann. Hauptverdächtig ist jedoch ein Student: ausgerechnet der Sohn von Kommissar Servaz` Jugendliebe. Die Ermittlungen führen den Kommissar zu einem mysteriösen Studentenzirkel und zwingen ihn zu einer Reise in die eigene Vergangenheit. Amicus mihi Plato, sed magis amica veritas – Platon ist mir lieb, aber noch lieber ist mir die Wahrheit, lautet sein Motto. Doch die Wahrheit wird ihn in diesem Fall schmerzhaft an die Grenzen des Vorstellbaren bringen.

Der Verlag über den Autor

Bernard Minier, Jahrgang 1960, ist im Südwesten Frankreichs, in den Ausläufern der Pyrenäen, aufgewachsen. Für seine Thriller wurde er mit zahlreichen renommierten Preisen ausgezeichnet. Neben dem Spannungsliteraturpreis Prix Polar de Cognac gewann er unter anderem den Prix polar pourpre sowie den Publikumsleserpreis der Zeitschrift Elle. Monatelang standen „Schwarzer Schmetterling“ und „Kindertotenlied“ in Frankreich auf der Bestsellerliste. Auch in Deutschland hat Bernard Minier erfolgreich den Sprung auf die Spiegel-Bestsellerliste geschafft. Der Autor lebt mit seiner Familie in der Nähe von Paris.

Meine Meinung

„Kindertotenlied“ ist der zweite Fall für Kommissar Martin Servaz. Er wird an einen Tatort gerufen, an dem eine Professorin einer Elite-Universität brutal ermordet wurde. Gefesselt wurde sie in ihrer Badewanne ertränkt und in ihrem Rachen steckte eine Taschenlampe. Die grausige Szenerie wurde von den Kindertotenliedern Gustav Mahlers beschallt. Diese Musik ließ bei Martin Servaz Assoziationen zu einem vorherigen Mordfall aufkommen, bei dem genau diese Musik, die Lieblingsmusik des immer noch flüchtigen Täters war. Dieser Fall, der hintergründig die gesamte Handlung beeinflusst, war der erste der Reihe um Kommissar Servaz. Um die sich daraus ergebenden Zusammenhänge besser verstehen zu können, wäre es vorteilhaft, die Thriller in der richtigen Reihenfolge zu lesen, aber auch ohne Kenntnis des Vorgängers ist dieser zweite Teil verständlich, die unverzichtbaren Informationen hat Bernard Minier so geschickt in diesen Thriller eingeflochten, dass es auch für diejenigen, die den ersten Fall bereits kennen, nicht zu Längen in der Handlung kommt.

Mir hat dieser Thriller sehr gut gefallen. Der Autor schaffte eine sehr sehr intensive Atmosphäre, baute Wendungen ein, die nicht vorhersehbar waren und hielt die Spannung bis zum Schluss aufrecht. Die Personen sind für einen Thriller sehr gut charakterisiert, man kann ihnen nahe sein, ohne sie in irgendeiner Art bis in Letzte zu durchschauen. An der einen oder anderen Stelle wurde es dann wenig unrealistisch, da wurde die Handlung ein wenig zu deutlich dem Konstrukt des Thrillers angepasst. Dieser Fakt stört mich Werken dieses Genres allerdings seltener, die lese ich der Spannung und der Unterhaltung wegen und weniger im Hinblick auf den literarischen Anspruch. „Kindertotenlied“ hat mir sehr gut gefallen. Bernard Minier hat damit einen Thriller vorgelegt, der atmosphärisch dicht ist, gelungene Charaktere aufweist und den Leser von der ersten Seite in den Bann zieht.

15. September 2014 / Karthause

Das blaue Sofa

Am Freitag, 19. September 2014, strahlt das ZDF eine neue Folge der Literatursendung „Das blaue Sofa“ um 23.45 Uhr aus. Wolfgang Herles stellt zu später Stunde wieder interessante Bücher nach seiner ganz persönlichen Auswahl vor.

Hier nun die Bücherliste zur Sendung:

Robert Seethaler
Ein ganzes Leben
Gebundene Ausgabe, 160 Seiten
Hanser Verlag, 2014
ISBN 978-3-446-24645-4
17,90 Euro

Eindringlich und doch auch herrlich leicht erzählt Robert Seethaler auf nur 150 Seiten von einem schweren Leben. Andreas Egger, ein einfacher, aber nicht einfältiger Knecht, wird vom Schicksal gebeutelt, aber er versteht, es mit stiller Verwunderung zu meistern.
Erst wird er vom Stiefvater fast zum Krüppel geprügelt, dann nimmt eine Lawine ihm die geliebte Frau und alles, was er besitzt. Er überlebt als Seilbahn-Arbeiter und Bergführer, beobachtet, wie der Fortschritt ins Tal zieht. Robert Seethaler hat sich mit seinem fünften Roman endgültig in die erste Reihe der deutschen Literatur geschrieben.

Paulo Coelho
Untreue
Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann
Gebundene Ausgabe, 320 Seiten
Diogenes Verlag, 2014
ISBN 978-3-257-06908-2
19,90 Euro

Paul Coelhos Heldin wird diesmal nicht spirituell erleuchtet, sondern von erotischen Erfahrungen kuriert. Linda, die schöne, reiche, doch gelangweilte Genferin voller Sehnsucht nach Abenteuern, lebt in derselben Stadt wie der brasilianische Kultautor. Er erlaubt sich kräftige Spitzen gegen die Luxuswelt und kann sich auch nicht verkneifen, dem Hausgott der Genfer, den Reformator Calvin, als einen Vorläufer Bin Ladens zu zeichnen.
Einer der interessantesten Romane des von seiner Gemeinde verehrten, von der Kritikerkaste unterschätzten Bestsellerautors.

Yuri Herrera
Der König, die Sonne, der Tod
Mexikanische Trilogie
Aus dem Spanischen von Susanne Lange
Gebunden Ausgabe, 352 Seiten
S. Fischer Verlag, 2014
ISBN: 978-3-10-002255-4
19,99 Euro

Verstörend poetisch und drastisch zugleich schreibt Herrera. Er ist eine unverwechselbare, erregend neue Stimme der lateinamerikanischen Literatur.
Drei Novellen in einem Band, die einen tiefen Blick in die blutigen Abgründe eines faszinierenden Landes bieten. Vor dem Hintergrund des Kriegs der Drogenkartelle erzählt der mexikanische Autor zum Beispiel von einem Sänger, der von einem Drogenboss engagiert wird wie ein mittelalterlicher Troubadour an den Hof eines Königs. Der mächtige Gangster zahlt nicht nur gut, der Glanz dieses Königs fällt auch auf den Künstler, bis der erkennt, nicht bloß Beobachter bleiben zu dürfen. Es geht also um die Verführbarkeit von Kunst durch Macht.

Rax Rinnekangas
Der Mond flieht davon
Aus dem Finnischen von Stefan Moster
Gebundene Ausgabe, 160 Seiten
Verlag Graf, 2014
ISBN-13 9783862200344
16,99 Euro

Einer der besten finnischen Romane der vergangenen Jahrzehnte, anlässlich des Gastauftritts Finnlands auf der Frankfurter Buchmesse erstmals ins Deutsche übersetzt.
Es ist eines dieser seltenen Bücher, das Sie nie mehr loslassen wird. In den hellen Sommernächten im hohen Norden Finnlands zieht das Mädchen Sonja ihren jüngeren Bruder Leo und ihren Cousin Laurie, den Ich-Erzähler, vollkommen in ihren Bann, führt sie in die Freuden der Sexualität ein. Dann verunglückt Sonja tödlich. Jetzt erst, in der tiefsten Trauer, kommt die Frage der Moral auf. Ist dieser Tod sinnloser Zufall oder eine Strafe? Innerhalb weniger Tage werden die Jungen auf glühendste und schrecklichste Art erwachsen.

(Quelle: Newsletter “Das blaue Sofa”)

Ich wünsche euch ein gutes Durchhaltevermögen bis zur späten Sendung, vielleicht hält euch ein gutes Buch wach, oder ihr programmiert die Sendung, oder nutzt die Möglichkeiten des www.

Quelle: ZDF.de

Quelle: ZDF.de

 

14. September 2014 / Karthause

Philip Teir – Winterkrieg

Originaltitel: Vinterkriget

Gebundene Ausgabe: 384 Seiten

Verlag: Karl Blessing Verlag

ISBN-13: 978-3896675347

Der Blessing Verlag über das Buch:

Max Paul ist Soziologe an der Universität von Helsinki und zugleich erfolgreicher Buchautor. Sein akademisches Steckenpferd sind Sexualität und Ehe – seine eigene Ehe jedoch funktioniert schon lange nicht mehr. Während Max und seine Ehefrau Katriina in eine immer tiefere Krise geraten, hadern auch ihre erwachsenen Töchter mit ihrem jeweiligen Lebensmodell: die Lehrerin und zweifache Mutter Helen genauso wie die Kunststudentin Eva, die mit knapp dreißig ihren Platz im Leben noch nicht gefunden hat. Als Eva eine Affäre mit ihrem Dozenten anfängt und Max eine mit einer jungen Journalistin, spitzt sich in einem kalten Winter in Helsinki die Situation der Familie Paul zu.

Ein brillant erzählter, psychologisch raffinierter Gesellschaftsroman über eine globale Mittelschicht auf der Suche nach dem Lebenssinn, hin- und hergerissen zwischen dem Streben nach Unabhängigkeit und der Sehnsucht nach Sicherheit.

Der Blessing Verlag über den Autor

Der Finnlandschwede Philip Teir, geboren 1980, gilt als einer der wichtigsten Nachwuchsautoren Finnlands. Er hat bereits Gedichte und einen Band mit KurzgeschichMax und Kathten veröffentlicht, und ist Herausgeber von Anthologien. “Winterkrieg” ist sein erster Roman. Philip Teir lebt als freier Journalist und Schriftsteller mit seiner Familie in Helsinki.

Meine Meinung

Gern ließ ich mich von Autor Philip Teir gedanklich nach Finnland mitnehmen. Mit seinem Roman erzählte er nicht nur eine Familiengeschichte, er vermittelte mir gleichzeitig ein interessantes Gesellschaftsbild vom Finnland unserer Zeit. Seine Protagonisten stammen allesamt aus der bürgerlichen Mittelschicht und wurden so charakterisiert und beschrieben, dass man sich gut in sie hineinversetzen konnte und nach kurzer Lesezeit glaubte, Max und Katriina, Eva und Helen sind Menschen, wie man selbst welche kennt. Sie haben sich mit ihrer Sinnsuche und dem inneren Konflikt zwischen Unabhängigkeit und Sicherheit nicht zu weit von meiner Gedankenwelt entfernt. Doch gerade diese Sinnsuche erschien mir dann ein wenig oberflächlich. Da hätte ich mir ein bisschen mehr Tiefe in den Dialogen und Gedanken der Figuren gewünscht. Ein wenig vermisste ich auch, dass der Autor meine eigenen Gefühle für seine Helden anspricht. So blieben zu ihnen trotz allem Verständnis für ihr Tun und Lassen stets eine kühle Distanz. Der Autor zeichnete ein sehr gutes Gesellschaftsbild, von dem die Protagonisten aber gelegentlich in den Hintergrund gedrängt wurden.

„Winterkrieg“ lässt sich gut und recht flüssig lesen und erzählt von alltäglichen Problemen, die weder neu noch fremd sind. Sei es der zweite Frühling oder das sich selbst Finden in jungen Jahren, alles wurde unterhaltsam, manchmal etwas skurril, manchmal mit unterschwelligem Witz an den Leser gebracht. Der Roman wies nur wenige Längen auf und bescherte mir abwechslungsreiche Lesestunden.

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