Skip to content
18. August 2014 / Karthause

Philipp Meyer – Der erste Sohn

Der erste Sohn Philipp Meyer Originaltitel: The Son Gebundene Ausgabe: 608 Seiten Verlag: Albrecht Knaus Verlag ISBN-13: 978-3813504798

Der erste Sohn
Philipp Meyer
Originaltitel: The Son
Gebundene Ausgabe: 608 Seiten
Verlag: Albrecht Knaus Verlag
ISBN-13: 978-3813504798

„Ein großes Epos über die Besiedlung von Texas, so packend erzählt wie von Karl May, aber frei von falscher Romantik.“, so Wolfgang Herles in seiner Literatursendung “Das Blaue Sofa” am 30. Mai 2014 im ZDF.

Eigentlich könnte ich es mir leicht machen und sagen, der Beurteilung von Herrn Herles schließe ich mich 100 prozentig an. Philipp Meyer ist aber mit „Der erste Sohn“ ein wirklich beeindruckender Roman gelungen, über den man gern noch ein paar Worte mehr verlieren sollte. Die Familiengeschichte der McCulloughs wird über einen Zeitraum von guten 150 Jahren, eng verwoben mit der texanischen Geschichte, erzählt. Dazu nutzt er drei verschiedene Zeitebenen. Die am weitesten zurückliegende lebt durch Eli McCullough. Als Junge wird er von Indianern entführt. Er durchlebt schreckliche Situationen, wird aber von den Comanchen auch stark geprägt. So wird aus Eli der Gründer einer Dynastie, die zu Reichtum und Macht kommt. Peter, Elis Sohn und in dessen Augen ein Schwächling, steht im Mittelpunkt der zweiten Zeitebene. In diesem Part geht es um die Auseinandersetzungen mit den Mexikanern. Und schließlich taucht der Leser in das Leben von Elis Enkelin Jeanne Anne McCullough ein. Sie ist eine starke, geschäftstüchtige Frau, die erkennt, die Zukunft der Familie und damit eng verbunden die von Texas, liegt nicht in der Rinderzucht sondern in der Förderung von Öl. Eines zeigen aber alle drei, ihr Leben ist ein Kampf, dem sie sich auf ganz individuelle Art stellen.

Philipp Meyer hat eine wirklich großartige Familiensaga geschrieben. Seine Charaktere sind vielschichtig, ausgefeilt und nicht in schablonenhaft. Sie entsteigen gefühlt dem wahren Leben, haben gute und schlechte Eigenschaften und nicht alle ihre Entscheidungen sind vom Leser in Gänze nachvollziehbar. Aber auch mit den historischen Ausführen langweilt Meyer seine Leser nicht, sie sind interessant und haben immer einen Bezug zur Familie McCullough.

“Der erste Sohn“ hat mich von der ersten Seiten angesprochen und gefesselt hat. Es hat alles, was ich von einem guten Roman erhoffe, einen interessanten Plot, eine gute Charakterisierung der Personen und eine lebendige Sprache. Es ist einer jener Romane, die man aufgrund ihrer Vielfältigkeit, gern auch einem Re-read unterziehen kann.

Der Verlag über den Autor (Quelle: Knaus Verlag)

Philipp Meyer, geboren 1974, stammt aus einer Künstlerfamilie, verließ vorzeitig die Schule und hielt sich mit diversen Jobs – unter anderem als Fahrradmechaniker – über Wasser. Mit 20 entschloss er sich zu einem Literaturstudium und schaffte die Aufnahmeprüfung an der Cornell University. Nach seinem Abschluss arbeitete er als Broker an der Wall Street, um seine Schulden zu bezahlen. In dieser Zeit begann er zu schreiben. Ein Stipendium ermöglichte ihm einen Aufenthalt an der University of Texas, wo er seinen ersten Roman „American Rust“ (dt. “Rost”) begann. Das Buch gewann den Los Angeles Times Book Prize, war das Washington Post Book of the Year, schaffte es auf diverse Bestsellerlisten und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Philipp Meyer gilt seither als einer der hoffnungsvollsten amerikanischen Nachwuchsautoren. An „Der erste Sohn“ arbeitete er über fünf Jahre. Zur Zeit ist er ein Guggenheim Fellow und lebt in Austin, Texas und New York.

16. August 2014 / Karthause

Adieu Peter Scholl-Latour

Er war für mich einer der großen Welterklärer. Die Nachricht über seinen Tod hat mich sehr traurig gemacht.

Peter Scholl-Latour 1924-2014

 

7. August 2014 / Karthause

Barry Lancet – Japantown

Originaltitel: Japantown
Taschenbuch:
592 Seiten
Verlag: Heyne Verlag
ISBN-13: 978-3453437807

 

 

Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

Mein Name ist Jim Brodie. Ich bin in Tokio aufgewachsen, lebe in San Francisco und verbringe meine Zeit vor allem damit, antike Vasen zu reparieren. Ab und zu helfe ich der Polizei. Heute Nacht haben sie mich nach Japantown gerufen. Eine japanische Familie wurde auf brutale Weise hingerichtet. Doch das ist nicht alles. Am Ort des Verbrechens fand ich ein japanisches Schriftzeichen – dasselbe Zeichen, das vor drei Jahren bei meiner ermordeten Frau entdeckt wurde. Dies wird der Fall meines Lebens, der Fall, den ich lösen muss, koste es, was es wolle …

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Barry Lancets große Liebe zu Japan nahm vor über 30 Jahren ihren Anfang. Nach einer ersten Asienreise beschloss Lancet, seine Heimat Kalifornien zu verlassen und für längere Zeit in Tokio zu leben. Er blieb über 20 Jahre in Japan, arbeitete bei einem großen Verlag und entwickelte zahlreiche Bücher vor allem über die japanische Kunst und Kultur. Als Lancet eines Tages aufgrund eines Missverständnisses stundenlang von der Tokio Metropolitan Police verhört wurde, beschloss er, einen Thriller zu schreiben: Japantown war geboren.

Meine Meinung

Jim Brodie, in Japan geboren und in San Francisco mit seiner kleinen Tochter lebend, ist eigentlich Kunstkenner und Restaurator alter Vasen. Er hat aber auch, als Erbe seines Vaters, eine 50 Prozentbeteiligung an einer Ermittlerfirma in Tokio. Dadurch und wegen seiner umfassenden Kenntnisse der japanischen Kultur wurde er vom SFPD zu den Ermittlungen in einem Mordfall herangezogen. Eine japanische Familie wurde förmlich hingerichtet und am Tatort fand man das gleiche Kanji, das auch beim unaufgeklärten Mord an Brodies Ehefrau, drei Jahre zuvor, am Tatort gefunden wurde.

Ein wenig schwer tat ich mich damit, mich in das Buch einzulesen. Durch viele Rückblenden auf den ersten 100 Seiten, kam zunächst nicht der richtige Lesefluss auf. Aber die interessanten Beschreibungen der japanischen Kultur ließen mich weiterlesen und das habe ich letztendlich nicht bereut. Jim Brodie ist schon ein harter Hund, er kann körperlich vieles wegstecken, was den normalen Menschen wohl umgehend in die Notaufnahme eines Krankenhauses bringen würde, er beherrscht mehrere Kampfsportarten und hat auch oft das berühmte Quäntchen Glück. Als dann auch noch seine kleine Tochter ins Visier der japanischen Geheimorganisation kommt, wird es für Brodie eng. Dennoch ist er nicht der typische Superheld.

„Japantown“ ist ein actionreicher und spannender Thriller mit nur wenigen Längen, den ich nach ein paar Startschwierigkeiten sehr gern gelesen habe. Er ist blutig und brutal, zu zart besaitet sollte man beim Lesen nicht sein. Wirklich beeindruckt haben mich aber die Ausführungen zur Kultur und Mentalität der Japaner, die ideenreich in die Handlung impliziert wurden. Er ist logisch aufgebaut, jeder Ermittlungstag entspricht einem Kapitel.

Ich bin mit Jim Brodie gern zwischen Japan und San Francisco gependelt. Wer gute, spannende Unterhaltung sucht und auch Interesse an der japanischen Kultur hat, wird mit diesem Thriller gut beraten sein.

31. Juli 2014 / Karthause

Edgar Rai – Die Gottespartitur

Gebundene Ausgabe: 304 Seiten Verlag: Berlin Verlag ISBN-13: 978-3827011497

Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
Verlag: Berlin Verlag
ISBN-13: 978-3827011497

„Grundsätzlich … scheint es so zu sein, dass Musik und Musikalität in jedem von uns angelegt sind. Entwicklungsgeschichtlich war die Musik dem Menschen wahrscheinlich noch vor der Sprache eigen. Zugleich ist der Hörsinn der letzte, der uns flöten geht – entschuldigen Sie die musikalische Anspielung –, wenn ein Mensch stirbt. Und dass bislang keine eindeutig identifizierbare Todesmusik gefunden wurde, bedeutet – zumindest theoretisch betrachtet – nicht, dass es keine geben kann…“ (S.245)

Gabriel Pfeiffer, erfolgreicher Literaturagent, ist in einer tiefen Sinnkrise. Im Trubel der Frankfurter Buchmesse – Pfeiffers Klient Sven Broschinsky erhält für seinen Roman „Sauerkirschregen“ den Deutschen Buchpreis – sucht ihn Matthias Göttker auf. Der 17-jährige Seminarist glaubt, eine bedeutende Entdeckung gemacht zu haben. Zunächst tut Pfeiffer das als Wichtigtuerei ab, hat kein Ohr dafür, schließlich will er sich aus dem Literaturgeschäft zurückziehen. Trotzdem ist er als Literaturagent als Mittler zwischen den Autoren und den Verlagen, im Messedauerstress, um beiden Seiten gerecht zu werden. Als Gabriel dann vom überraschenden Tod Matthias Göttkers erfährt, wird das Thema für ihn dann doch bedeutungsvoll und er beginnt die Fäden, die ihm durch den jungen Mann mit einem Brief in die Hand gelegt wurden, zu verfolgen. Es geht um nicht weniger als um einen Gottesbeweis, der sich aus den Aufzeichnungen des englischen Musikgelehrten Charles Burney ergeben soll.

„Den erhaltenen Schriften nach zu urteilen, soll es ein Dokument geben, das den Beweis für die Existenz Gottes enthielt. Und Burney reiste dieser Spur nach. Schon in einer Quelle aus dem siebzehnten Jahrhundert findet sich die Aussage, dass man durch dieses Dokument »Gottes wahrhaftigen Wesens ansichtig werde«. Dass es also eine Art Test beinhalte. Allerdings muss, wer darauf besteht, diesen Test zu machen, für seine Zweifel büßen, indem Gott den Sünder zu sich ruft …“(S. 97)

Musik und Literatur sind die Künste, die mich schon immer stark beeindruckten und auch geprägt haben. Edgar Rai versteht es meisterlich, beide in einem spannenden Roman zu verbinden. Daneben gewährt er dem Leser einen glaubhaften und interessanten, wenngleich zynischen Einblick hinter die Kulisse des Literaturbetriebes. Auf die Frage, was man demnächst in den Bahnhofsbuchhandlungen finden wird, antwortet er:

„Drachenporno. Ein frivol flotter Dreier aus Fantasy, Historienschinken und Sex. Ich nenne es: Histomagstacy! Ein Forscher aus der Jetztzeit stolpert in eine Zeitfalle, findet sich auf einer mittelalterlichen Burg wieder, wo lauter lesbische Feen sich in Tantrasex-Ritualen von Orgasmus zu Orgasmus schwingen, wird Nakaki geopfert, einem weiblichen Drachen, der ihn als männlichen Sexsklaven missbraucht. Lustvolle Unterwerfung 2.0. Natürlich wird er durch eine Fee gerettet, die sich dafür selbst zum Opfer bringen muss, Gut gegen Böse und immer weiter so.“ (S 55/56)

Ein Sympathieträger ist der Protagonist Gabriel Pfeiffer nicht. Er ist allem überdrüssig, will seinen Beruf so nicht mehr, will sein Leben so nicht mehr, weiß gar nicht was er wirklich noch vom Leben will, außer dass es anders sein soll. Alles ist für ihn zur Gewohnheit geworden, die Gespräche mit den Verlagen und den Klienten, die aufopferungsvolle Arbeit seiner Assistentin, der Tradition gewordene Messedonnerstagabendbeischlaf mit der Gattin eines Verlegers und der Whiskey, der ihn mit nichts versöhnt, aber manches erträglich macht. Der Tod von Matthias Gröttker holt ihn aus seiner Lethargie und alles andere wird für ihn unwichtig, er will das fehlende Teil finden und das Puzzle zusammensetzen. Ich empfand seinen Charakter als sehr komplex und verständlich gezeichnet.

Der Roman besticht durch eine sehr prägnante, direkte Sprache. Zielsicher formuliert der Autor, bringt zynisch-bissig Dinge auf den Punkt. Auch seine Art von Humor, die diesem Roman durchaus eigen ist, kann ich gut teilen. Dabei bedient er viele Themen, stellenweise hatte ich Bedenken, er würde sich verzetteln, dem entging er aber immer haarscharf. Edgar Rai ist ein Autor, der viel zu erzählen hat und gern hätte ich noch ein paar hundert Seiten mehr aus seiner Feder gelesen. Auf eine selten erlebte Art wurde ich durch das Buch getragen. Das lag aber vielleicht auch an der Musik, die ich beim Lesen im Hintergrund hatte.

Mich hat dieser durchaus spannende und temporeiche Roman Edgar Rais überzeugt. Es ist eines der Highlights in diesem Jahr. Da dies der erste von mir gelesene Roman dieses Autors war, werde ich nun nach seinen anderen bereits erschienenen Werken Ausschau halten.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Edgar Rai, geboren 1967 in Hessen, studierte Musikwissenschaften und Anglistik. Von 2003 bis 2008 Dozent für kreatives Schreiben an der FU-Berlin. Seit 2012 Mitinhaber der Buchhandlung Uslar & Rai in Berlin. Mit seinem Bestseller »Nächsten Sommer« (2010) gelang ihm der Durchbruch als Autor. Außerdem erschienen »Die fetten Jahre sind vorbei« (Roman zum Film von Hans Weingartner 2004) ), »Vaterliebe« (Roman, 2008), »Salto Rückwärts« (Roman, 2010), »88 Dinge, die Sie mit Ihrem Kind gemacht haben sollten, bevor es auszieht« (Sachbuch zus. mit Hans Rath, 2011), »Sonnenwende« (Roman, 2011), »Wenn nicht, dann jetzt« (Roman, 2012) sowie »Der sixtinische Himmel« (Historischer Roman unter dem Pseudonym Leon Morell, 2012). Er lebt mit seiner Familie in Berlin.

Diese Musik habe ich gehört: (Quelle: Youtube, Verein der Orgelfreunde an St. Joseph, Bonn-Beuel)

22. Juli 2014 / Karthause

Ines Thorn – Wolgatöchter

Wolgatöchter Ines Thorn Gebundene Ausgabe: 384 Seiten Verlag: Wunderlich  ISBN-13: 978-3805208628

Wolgatöchter
Ines Thorn
Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: Wunderlich
ISBN-13: 978-3805208628

Die historischen Romane von Ines Thorn lese ich sehr gern. Maßstab für alle ist „Der Maler Gottes“, eines meiner Lieblingsbücher. Nun liegt ihr neuer Roman vor, wieder geht es um die Malerei und er führt mich als Leser auch noch ins alte Russland, ein von mir bevorzugter Handlungsort.

Die Handlung beginnt in Frankfurt am Main im Jahr 1765. Georg Reiche ist zwar ein begnadeter Maler, da er seine Familie aber hauptsächlich durch seine Fälschungen bekannter Gemälde über Wasser hält, ist die Familie ständig auf der Flucht. Kurz: Den Reiches geht es schlecht. Als er dann in einer Wirtschaft Boris Kolbe, Werber von Katharina der Großen, trifft, fasst er einen Entschluss:

„Wir gehen nach Russland … Ich bekomme eine eigene, gut ausgestattete Werkstatt, 150 Rubel und Aufträge in Hülle und Fülle. Aber das ist noch nicht alles! Außerdem leben wir für dreißig Jahre steuer- und abgabenfrei in einem eigenen kleinen Häuschen.“ (S. 40)

Ganz so, wie der Werber der Zarin die Zukunft versprach, wurde es erwartungsgemäß nicht. Das wird den Reiches bereits auf der Überfahrt klar. Es kommt auf dem Schiff zu Massentrauungen, des Geldes wegen. So wird auch Lydia, die älteste Tochter der Reiches, verheiratet. Als sie nach langer Reise sich endlich dem Ziel nähern, weicht die anfängliche Euphorie Skepsis und Angst. Zudem erfahren sie von blutigen Überfällen der Kalmücken. Einem solchen fiel auch die Familie, die das Haus bewohnte, das die Reiches nun beziehen sollen, zum Opfer.

„Angst habe ich … Hier ist alles so fremd! Hast du gehört, wie die Leute sprechen? Das ist keine Sprache. Es hört sich an, als würden sie mit Salzwasser gurgeln. Und wie sie aussehen! Die Männer tragen Kleider! Und Dolche!“ (S. 68)

Das war wieder ein Roman von Ines Thorn, wie ich ihn gern lese. Geschichte und Unterhaltung geben ein gutes Duo ab und bescherten mir kurzweilige Lesestunden. Der flüssige und eingängige Stil trug das Seine dazu bei, dass ich förmlich durch diesen Roman getragen wurde. Die eingefangenen Stimmungen, die Gedanken, die Sorgen, Nöte und Ängste der Protagonisten spiegelten sehr gut die Widrigkeiten dieses Neuanfangs an der Wolga wider. Unter den Siedlern sagt man:

„In den ersten zehn Jahren der Tod, in den zweiten zehn Jahren noch Not, in den dritten zehn Jahren endlich Brot.“ (S. 102)

Für mich war Georg Reiche die liebste Figur in diesem Roman. Sein Schicksal ging mir sehr nahe. Er wollte die Familie ernähren, aber seine Kunst war nicht gefragt, sodass ihm aus seiner Sicht auch in der neuen Heimat gar nichts anderes übrigblieb, als begehrte Werke zu fälschen. Er schwankte zwischen Stolz und Demütigung als ihm die Zeichnungen seiner Tochter förmlich aus den Händen gerissen wurden.

Der Roman ist in einen Prolog, 43 recht kurze Kapitel einen Epilog gegliedert und wird chronologisch abwechselnd aus der Sicht der Mitglieder der Familie Reiche erzählt. Wie auch die anderen historischen Romane der Autorin zeichnet sich auch dieser durch die Nähe zur Historie aus. Einzig eine kleine Ungenauigkeit schlich sich ein, die meine Meinung über den Roman nicht wesentlich beeinflusste.

„Wolgatöchter“ ist ein Roman, der von der in einem Neuanfang steckenden Hoffnung getragen wird. Der Leser erlebt, wie Träume begraben werden und neue entstehen. Ich habe ihn sehr gelesen und konnte mich gut in die örtlichen und historischen Begebenheiten einfühlen.

Über die Autorin (Quelle: Rowohlt Verlag)
Ines Thorn wurde 1964 in Leipzig geboren. Nach einer Lehre als Buchhändlerin studierte sie Germanistik, Slawistik und Kulturphilosophie. Sie lebt und arbeitet in Frankfurt am Main. Bei Wunderlich erschienen zuletzt ihre Romane “Teufelsmond” und “Das Mädchen mit den Teufelsaugen”.

15. Juli 2014 / Karthause

Sabahattin Ali – Yusuf

Gebundene Ausgabe: 300 Seiten
Verlag: Dörlemann
ISBN-13: 978-3038200024

 

Kurzbeschreibung (Quelle: Dörlemann Verlag)
Yusuf wacht neben seinen ermordeten Eltern, als ihn Salahâttin Bey in einer Herbstnacht des Jahres 1903 findet. Der Landrat zögert nicht und nimmt den Jungen an Sohnes statt bei sich auf. Was gut gemeint, wenn auch nicht selbstlos ist, bedeutet für Yusuf vor allem Demütigung. Er gehört nicht hierher, er ist und bleibt ein Fremder. Yusuf ist ein Kämpfer, wenn auch ein schweigsamer. Er widersetzt sich dem Sohn des Fabrikanten wie seiner Stiefmutter. Früh verbündet er sich mit Muazzez, seiner Stiefschwester, die er später gegen den Willen aller nur nicht gegen ihren zur Frau nimmt.
In einer bilderreichen Sprache erzählt Sabahattin Ali in seinem ersten Roman Yusuf diese Geschichte eines Mannes, der alles aufs Spiel setzt und am Ende gewinnt und verliert.

Über den Autor (Quelle: Dörlemann Verlag)
Sabahattin Ali wurde 1907 in Gümülcine geboren. Nach seinem Studium in Berlin und Potsdam lehrte er in der Türkei Deutsch. Ali mußte zeitlebens gegen die staatliche Zensur kämpfen, 1932 wurde er wegen eines Satire-Gedichts über Atatürk für ein Jahr inhaftiert. 1944 gab er in Istanbul das Satire-Blatt Markopasa heraus. Am 2. April 1948 wurde Ali auf der Flucht ins Exil an der bulgarischen Grenze ermordet. Bis heute ist ungeklärt, ob er einem Raubmord oder einem politischen Anschlag zum Opfer fiel.

Meine Meinung
“In einer regnerischen Nacht im Herbst des Jahres 1903 überfielen in der Provinz Aydin Banditen das nahe dem Kreisstädtchen Nazilli gelegene Dorf Kuyucak und töteten einen Mann und seine Frau.”

Mit diesem Satz beginnt Sabahattin Alis wunderbarer Roman. In der Folge findet der Landrat Salahâttin Bey Yusuf, der neben seinen toten Eltern wacht. Mit dieser rührenden Szene beginnt der Roman von Sabahattin Ali. Im weiteren Verlauf der Handlung kann der Leser mit fühlen und ihn durch die Höhen und Tiefen seines Lebens begleiten. Wahrscheinlich durch die Erlebnisse in seiner Kindheit bleibt er immer ein Einzelgänger, einzig seiner Stiefschwester Muazzez ist er gefühlsmäßig nah, den Städtern fühlt er sich nie zugehörig.

„Tatsächlich konnte er sich, sosehr er sich auch bemühte … nicht an die Städter gewöhnen. Immer fühlte er sich fremd und anders geartet als sie. Er verstand einfach nicht, wie diese Menschen dachten und handelten.“

So bleibt auch während der Lektüre eine gewisse Distanz zwischen dem Leser und dem Protagonisten erhalten. Diese wirkte auch mich aber keinesfalls störend, es ermöglicht eher einen weitgehend neutralen Blick auf Yusuf.

Obwohl dieser Roman mit einer anrührenden Szene eingeleitet wird, ist ihm jede Rührseligkeit fremd. Die Geschichte von Yusuf ist einfach eine beeindruckende, wunderbare Beschreibung der Menschen in ihrer Zeit. Durch „Yusuf“ habe ich einen tiefen Einblick in die Lebensweise in den letzten Jahren des osmanischen Reiches und die ersten der jungen Türkei gewonnen. Die detaillierte und bildreiche Sprache des Autors lässt diesen Roman zu einem Leseerlebnis werden.

Dieser Roman war ursprünglich als Fortsetzungsroman konzipiert und erschien im Jahr 1932 in einer türkischen Zeitung. Erst jetzt, im Jahr 2014, erschien er erstmals in deutscher Sprache.
„Yusuf“ ist ein zeitloser Roman, sein Titelheld ist zwar ein Sonderling, ein Eigenbrötler, aber immer bleibt er sich treu. Diesen Roman habe ich unwahrscheinlich gern gelesen, jede Seite habe ich genossen. Es ist ein ganz besonderer Roman, dem ich größtmögliche Beachtung und viele Leser wünsche.

9. Juli 2014 / Karthause

Rosemary McLoughlin – Die Frauen von Tyringham Park

Originaltitel: Tyringham Park

Taschenbuch: 560 Seiten

Verlag: Bastei Lübbe

ISBN-13: 978-3404169306

.

Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

Ganz im Süden Irlands befindet sich das prächtige Anwesen von Lord und Lady Blackshaw. Tyringham Park ist ein Ort voller Prunk und Privilegien. Doch ein verhängnisvolles Ereignis im Jahr 1917 zerstört den Frieden des Hauses: Victoria, die jüngste Tochter der Familie, verschwindet spurlos. Wurde sie entführt? Oder gar ermordet? Nicht nur die Blackshaws sind tief getroffen, auch die Dienstboten trauern um das kleine Mädchen. Fortan liegt ein Schatten über Tyringham Park, der das Leben aller verändert, die Victoria gekannt haben. Nur mit der Wahrheit, die schließlich ans Licht kommt, hätte niemand gerechnet …

Über die Autorin (Quelle: lübbe.de)

Rosemary McLoughlin ist gebürtige Austrialierin, lebt nun aber schon seit mehr als vierzig Jahren in Irland. Sie ist nicht nur passionierte Malerin, sondern auch eine talentierte Autorin: Ihr Debütroman Die Frauen von Tyringham Park wurde in gleich zwei Kategorien für den Irish Book Award nominiert. Derzeit schreibt sie an ihrem nächsten Historischen Roman.

Meine Meinung

Auf der Buchrückseite steht: „Wenn Sie Downton Abbey mögen, werden Sie diesen Roman lieben!“ Wer mit großen Worten wirbt, sollte sich daran messen lassen. Von Downton Abbey habe ich alle Staffeln gesehen. Ich würde mich nicht als Fan bezeichnen, gefallen haben sie mit trotzdem. Geht man mit diesen Erwartungen an den Roman von Rosemary McLoughlin, macht sich schnell Ernüchterung breit. Kann man sich beim großen Vorbild sowohl vom Leben der Herrschaft als auch von dem der Bediensteten ein gleichermaßen gutes Bild machen und gibt es eine Vielzahl von agierenden Personen, geht es in „Die Frauen von Tyringham Park“ vorrangig um Charlotte. Der Leser begleitet sie durch ihr Leben von 1917, dem Zeitpunkt des Verschwindens ihrer kleinen Schwester Victoria, bis zum Jahr 1943. Vom Personal spielt lediglich Dixon, das damalige Kindermädchen, eine Nebenrolle. So muss man sich recht schnell von dem Vergleich lösen und diesen Roman für sich allein betrachten. So gesehen ist er ein solider Roman, der besonders durch die Beschreibung der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Irland vorherrschenden Moralvorstellungen lebt. Die Personen waren so beschrieben, dass ich mir ein gutes Bild von ihnen machen konnte und sie in ihrem Tun und Lassen verständlich waren. Sprachlich ist der Roman einfach erzählt, sodass er sich schnell und flüssig lesen ließ. Allerdings gab es an ein paar wenigen Stellen ein paar Ungenauigkeiten, die jedoch auch durch die Übersetzung entstanden sein konnten.

Die Frauen von Tyringham Park“ ist ein solider, unterhaltsamer Roman, den der Vergleich mit der Serie nur belastet. Wer an diesem Roman Gefallen gefunden hat kann sich auf die für Februar 2015 angekündigte Fortsetzung „Rückkehr nach Tyringham Park“ freuen.

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 69 Followern an