Karthauses Bücherwelt …

31. Oktober 2007

Sabine Thiesler – Der Kindersammler

Einsortiert unter: 2007,Krimi/Thriller — Karthause @ 16:28

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Geh’ nicht mit Fremden mit!“ Diesen Satz hat wohl fast jedes Kind schon mehrfach gehört. Es ist die Horrorvorstellung für Eltern, das eigene Kind könnte nicht mehr nach Hause kommen, weil ihm etwas unbeschreibliches widerfahren ist. Sabine Thiesler widmet sich diesem brisanten Thema in ihrem Debutroman.

Im Abstand von etwa 3 Jahren verschwinden in verschiedenen deutschen Orten kleine Jungen, alle sind blond und für ihr Alter recht zierlich. Alles weist auf den gleichen Täter hin. Seine Handschrift ist eindeutig und lässt keine Zweifel zu.

Auch in einer abgelegenen Gegend in der Toskana werden in den folgenden Jahren drei Jungen vermisst. Durch eine Reportage im Fernsehen wird die mit den deutschen Fällen betraute Kommissarin darauf aufmerksam und entdeckt Parallelen.

Der Roman beginnt dramatisch. Es gibt kein „Einlesen“, kein vorsichtiges Herantasten. Der Leser ist gleich mitten im Geschehen. Die Thematik bewegt, erschüttert, geht tief unter die Haut. Sabine Thiesler lässt den Leser an den Gedankengängen des Täters teilhaben, dieser ist von Anfang an bekannt. Sie schildert die Unbekümmertheit der Jungen ebenso wie ihre Todesängste. Aber auch das Entsetzen der Eltern, ihre Panik, ihre Trauer und Selbstvorwürfe werden nachvollziehbar aufgezeigt.

Die Dramaturgie dieses Buches ist meines Erachtens gut gelungen. Einem spannungsreichen Beginn folgt ein ruhiger Mittelteil, der sich gut und flüssig lesen lies. Gerade diese Ruhe lässt erahnen, das ist nur die Ruhe vor dem Sturm. Das Ende wird dann wieder rasant – und erstaunlich.

Meine Kritikpunkte an diesem Roman sind die etwas konstruiert wirkende letzte Tat und die in allen Einzelheiten beschriebenen Tathergänge. Meine Fantasie hätte mir genügend Grauen geliefert. Sabine Thiesler untermauerte dies durch Details.

Mein Fazit: „Der Kindersammler“ ist das beeindruckende Debut der Autorin. Spannung, Entsetzen und tiefe Betroffenheit begleiteten mich durch das Buch, das für zart besaitete Leser sicher nicht geeignet ist. Ich freue mich schon darauf, ihr neues Buch „Hexenkind“ zu lesen.

Taschenbuch: 528 Seiten
Verlag: Heyne
ISBN-13: 978-3453024540
Gelesen: Oktober 2007

 

 

30. Oktober 2007

Mark Nykanen – Totenstarre

Einsortiert unter: 2007,Krimi/Thriller — Karthause @ 18:01

8O 8O 8O 8O 8O

Ashley Stassler ist einer der weltbesten Bildhauer. Diesen Ruhm erwarb er sich durch seine Skulpturenserie „Family-Planning 1-8“ In seinen Werken thematisiert Stassler den Schmerz und das Entsetzen, was den Gesichtern seiner Skulpturen lebensecht anzusehen ist. Für die Realisierung seiner Projekte benötigt er Familien, aber nicht als Modelle, sondern als Opfer. Bei der Auswahl ist er besonders „sorgfältig“. Er entführt sie und bringt sie auf seinem Anwesen in einem im Keller errichteten Käfig unter. Stassler lässt sie trainieren bis ihre Körper seinen Vorstellungen entsprechen. Während der Gefangenschaft lässt er keine psychologischen Tricks aus, um die Familienmitglieder gegeneinander auszuspielen. Dann, wenn Entsetzen, Angst und Schmerz nicht mehr zu steigern sind, macht er Abgüsse von ihren Körpern und bringt sie mit perfider Perfektion, die für ihn in Genuss mündet, um.

Die Kunststudentin Kerry kann ihr Glück kaum fassen, sie hat ein Praktikum bei Ashley Stassler, ihrem Idol, ergattert und reist erwartungsvoll auf die abgelegene Ranch des Meisters. Aber schon nach wenigen Tagen meldet Stassler sie als vermisst.

Mark Nykanen bedient sich in seinem Roman zweier verschiedener Erzählebenen. Ashley Stassler lässt er seine Gedanken, Gefühle und grausamen Pläne in der Ich-Form erzählen. Die Geschehnisse um die Stundentin Kerry , ihre Professorin und die anderen an der Handlung beteiligten werden aus der Sicht eines Dritten geschildert.

Ich habe die Romane von Mo Hayder und Tess Gerritsen begeistert gelesen. Sie waren blutig und brutal. Mark Nykanen eröffnet mit seinem Buch „Totenstarre“ eine für mich neue Dimension im Genre des Psychothrillers. Seine Fantasien sind krank, grenzwertig, abartig. Er beschreibt einen Täter, dem seine Einzigartigkeit zur Obzession geworden ist.

Obwohl ich von Beginn an den Täter kannte, baute Nykanen einen Spannungsbogen auf, der mich an dieses Buch fesselte. Fast atemlos las ich mich von Grausamkeit zu Grausamkeit und konnte den Roman erst nach dem wahrlich explosiven Ende aus der Hand legen.

Totenstarre“ ist auf seine Weise einzigartig. Aber wer den geschliffenen, facettenreichen, feinen Kriminalroman liebt, sollte dieses Buch lieber im Regal stehen lassen. Ich glaube, dieses Buch wird die Meinungen der Leserschaft auseinander driften lassen.

OT: Bone Parade
Broschiert: 416 Seiten
Verlag: Blanvalet (April 2007)
ISBN-13: 978-3442366248
Gelesen: Oktober 2007

 

Vladimir Nabokov – Lolita

Einsortiert unter: 2007,Klassiker/Weltliteratur — Karthause @ 18:00

   Abbruch nach 125 Seiten :(

Kurzbeschreibung www.amazon.de

Der Roman schildert die unselige Leidenschaft des 1910 in Frankreich geborenen Literaturwissenschaftlers und Privatlehrers Humbert Humbert zu der kindhaften und gleichzeitig frühreifen 12-jährigen Dolores (Lolita) Haze. Humbert Humbert ist Mädchen zwischen neun und vierzehn Jahren verfallen; deren vollkommene Inkarnation findet er in Lolita. Um in ihrer Nähe bleiben zu können, heiratet er ihre Mutter, die Witwe Charlotte Haze; er verursacht indirekt deren Tod und beginnt mit Lolita – aus Furcht vor Entdeckung seiner verbotenen Leidenschaft – ein unstetes Reiseleben durch die USA. Humbert Humbert stellt bald fest, dass sie verfolgt werden, und eines Tages ist Lolita, offenbar mit dem Verfolger im Bunde, verschwunden. Als er sie nach Jahren wiedersieht – verheiratet, schwanger und in ärmlichen Verhältnissen lebend -, weigert sie sich, zu ihm zurückzukehren, doch gelingt es ihm, den Namen des damaligen Nebenbuhlers zu erfahren. Es ist der Dramatiker Clare Quilty, den er in einer furiosen Racheszene erschiesst. Mit sprachlicher und stilistischer Virtuosität geschrieben, zahlreiche literarische Anspielungen aufweisend und mit distanzierender Ironie unterlegt, ist der Roman weder Schilderung der Überschreitung moralischer Schranken noch Diagnose einer dekadenten Epoche, sondern am ehesten die Geschichte einer tragischen Leidenschaft, die ihren Gegenstand – wenn überhaupt – nur um den Preis der Zerstörung erreichen kann. Versuche, den Roman allegorisch zu deuten, wonach sein Thema v. a. in der Konfrontation des alten Europa (Humbert Humbert) mit dem jungen Amerika (Lolita) zu sehen sei, hat Nabokov zurückgewiesen.

Leider konnte ich mich an dieses Buch nicht gewöhnen. Der schwülstige Stil, das Thema an sich … nein. Ich habe es wieder ins Regal gestellt.

Charlotte Thomas – Die Madonna von Murano

Einsortiert unter: 2007,History — Karthause @ 17:59

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Venedig1475: In der Lagunenstadt wird ausgelassen Karneval gefeiert. Nur eine junge hochschwangere Frau versucht vergeblich, ihren Häschern zu entkommen. Kurz vor ihrem Tod bringt sie ihr Kind zur Welt. Das Mädchen, Sanchia, wird von dem Glasbläser Piero aufgenommen und liebevoll wie ein eigenes Kind aufgezogen. Das Rätsel um ihre Herkunft begleitet Sanchia noch über viele Jahre. Denn die mächtigen Feinde ihrer Mutter haben ihre Verfolgung nicht aufgegeben und schrecken auch vor dem Mord an Sanchias Zieheltern nicht zurück. Daraufhin wird das Kind in ein Kloster gegeben, wo sie von der Äbtissin schon früh an die Heilkunde herangeführt wird. Dadurch ist es dem wissensdurstigen Mädchen möglich zu lernen, was den meisten Frauen in der damaligen Zeit verwehrt bleibt.

Die Jahre vergehen und Sanchias Leben läuft keineswegs in ruhigen Bahnen. Liebe, Intrigen, Abenteuer, Hass, Gewalt, schwere Schicksalsschläge und ihre Tätigkeit als Hebamme und Heilerin prägen sie. Das Buch endet nach über 1.000 Seiten fulminant, damit lüftet die Autorin auch das Geheimnis um Sanchias Herkunft.

Neben einer flüssig geschriebenen Geschichte erfährt der Leser viele Details über das Leben in der Serenissima im ausgehenden 15. Jhd. Dabei trifft man historische Persönlichkeiten wie u.a. Leonardo da Vinci, Albrecht Dürer, Vertreter der Familien Borgia und Medici sowie Girolamo Savonarola. Gekonnt verknüpfte Charlotte Thomas das Leben dieser realen Personen mit dem der fiktiven in ihrem Roman. Das gelingt ihr so gut, dass ich den Eindruck bekommen konnte, als stiller Beobachter in die Handlung involviert zu sein. Schließlich lebte ich mit den Protagonisten, lachte, weinte liebte und litt mit ihnen und versuchte ihre Gedanken zu ergründen. Das viel genannte Kopfkino schaltete sich bereits nach wenigen Seiten ein.

Sehr gut gefallen haben mir Erläuterungen zum Alltagsleben in der damaligen Zeit, wie z. B. zur Glas- und Spiegelherstellung, zur Medizingeschichte und zum Klosterleben. Dadurch, dass die handelnden Personen in diesem Roman so unterschiedlichen Schichten und Verhältnissen entstammen, entstand mit diesem Buch ein glaubwürdiges, weil durch sorgfältige Recherche fundiertes, Zeit- und Sittenbild der venezianischen Renaissance.

Die Madonna von Murano“ist in einer einfachen, der Handlungszeit angepassten, schönen Sprache geschrieben. Der Spannungsbogen wurde von Beginn an konsequent aufgebaut und wurde durch ein grandioses Finale gelöst. Trotz der 1.028 Seiten gab es keine Längen. Im Gegenteil, der Wunsch weiterzulesen, mehr zu erfahren wurde ständig stärker.

Auf dem Schutzumschlag wird dieser Roman als „Ein prächtiger historischer Bilderbogen voller Abenteuer, Intrigen und Leidenschaft – ausgebreitet vor der einzigartigen Kulisse Venedigs“ angepriesen. Dem kann kaum noch etwas hinzugefügt werden. Für mich ist dieses Buch ein Highlight in meinem Lesejahr.

Aber nicht nur der Inhalt überzeugte mich, auch die Aufmachung des Buch ist erwähnenswert, schönes Papier, ein Lesebändchen, ein Personenverzeichnis, ein Glossar und liebevolle Illustrationen machen das Buch zu einem „Hingucker“.

Gebundene Ausgabe: 1040 Seiten
Verlag: Ehrenwirth; Auflage: 2 (20. Februar 2007)
ISBN-13: 978-3431036992
Gelesen: Oktober 2007

 

Anne Tyler – Damals als wir erwachsen waren

Einsortiert unter: 2007,Belletristik — Karthause @ 17:56

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Wieder einmal ist es Baltimore, wo Anne Tyler die Geschichte um Rebecca und ihre Familie angesiedelt hat. Rebecca ist 53 Jahre alt und der Überzeugung, dass die Person zu der sie geworden ist, nicht zu ihr passt. Sie ist das weibliche Oberhaupt einer skurril-chaotischen Familie und richtet Partys für andere Leute aus. In Gedanken unternimmt sie eine Reise in ihre Vergangenheit Sie hinterfragt ihre sehr schnell geschlossene Ehe. Mit ihrer Jugendliebe nimmt sie wieder Kontakt auf und dazwischen bekommt der Leser einen recht umfassenden Eindruck vom hektischen und mitunter unübersichtlichen Leben der Familie Davitch.

Rebecca selbst machte auf mich eher den Eindruck einer etwas unreifen Frau. Ihre Entscheidungen waren für mich nur selten nachvollziehbar.

Das Buch war flüssig zu lesen, im typischen Anne-Tyler-Stil, den ich eigentlich gern mag. Trotzdem konnte mich dieses Buch nicht in dem Maße in den Bann ziehen wie andere der Autorin. Diesem Roman fehlte das gewisse Etwas, das sich so schwer beschreiben lässt. Es war mir ein wenig zu amerikanisch, zu chaotisch und zu oberflächlich.

Anne Tyler ist eine meiner Lieblingsautorinnen. Deshalb war sicher die Erwartungshaltung, mit der ich an dieses Buch ging, deutlich höher.

Gebundene Ausgabe: 368 Seiten
Verlag: Krüger, Frankfurt; Auflage: 1 (Februar 2003)
ISBN-13: 978-3810519252
Gelesen: September 2007

Jonathan Safran Foer – Extrem laut und unglaublich nah

Einsortiert unter: 2007,Belletristik — Karthause @ 17:55

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Dieses Buch ist eines der ungewöhnlichsten Bücher, welches ich bisher gelesen habe, das betrifft nicht nur die Typographie, es betrifft auch den Protagonisten.

“Extrem laut und unglaublich nah” hat mich ziemlich schnell gepackt. Mit klugen und schön gesetzten Worten führte Foer den Leser förmlich in einen Irrgarten, der sich langsam zum Ende hin entwirrte.

Gefallen hat mir die Suche Oskars nach Mr. bzw. Mrs. Black. Die Personen, die Foer beschrieb, waren alle auf ihre Art einzigartig, teilweise waren sie skurril, andere waren wieder ganz normale Mitmenschen. Auch die Geschichte, die die Großeltern zu erzählen hatten, hat mich berührt, obwohl deren Beziehung schon äußerst merkwürdig war. Oft ertappte ich mich dabei, dass ich eigentlich immer von ihnen mehr erfahren wollte als von Oskar.

Mein einziger Kritikpunkt an diesem Buch betrifft Oskar. Er ist für einen 9-jährigen nicht wirklich altersgerecht dargestellt. Besonders störten mich seine sexuellen Gedanken, Äußerungen und Fragen. Hätte mein Sohn in diesem Alter solche Gedanken geäußert, wäre ich hoch besorgt mit ihm zum Psychologen gegangen. Ehrlicherweise muss ich aber auch schreiben, dass mich dies in der 2. Hälfte des Buches nicht mehr so gestört hat. Vielleicht war es eine Art Gewöhnung. Ich habe leider nicht erkannt, was Jonathan Safran Foer bewogen hat, den Jungen dermaßen zu überzeichnen.

In diesen Roman baut der Autor eine den Atombombenabwurf auf Hiroshima betreffende Episode ein, diese konnte ich bis zum Ende nicht eindeutig in diesen Roman einordnen.

Die Erinnerungen an den Vater waren sentimental und Foer drückte schon auf die Tränendrüse. Aber es ist der Vater eines 9-jährigen ums Leben gekommen. Dieser Vater wird für den Jungen immer auf einer Art Sockel stehen. Alles was den Vater betrifft, gerät ins Licht von etwas ganz Besonderem. Für mich war es nicht zu sentimental. Und als Oskar dem William Black dann erzählte, er konnte um 10.26 Uhr nicht ans Telefon gehen als sein Dad zum letzten mal anrief und er das was dann geschah wirklich live am Anrufbeantworter mithörte, musste ich auch mit den Tränen kämpfen.

Die Fotos haben das Buch abgerundet, nur die auf den letzten Seiten fand ich grausam, nachdem ich nicht umhin kam Daumenkino zu spielen. Das ging mir durch und durch.

Mein Fazit: “Extrem laut und unglaublich nah” ist ein ungewöhnliches Buch, das aus der Masse der Bücher herausragt. Es zählt für mich zu den Büchern, die mit jedem Lesen besser werden, weil man neue Details erkennt, die vorher einfach überlesen wurden. Dieser Roman ist vielschichtig und gut geschrieben. Er macht Lust auf weitere Foers.

Broschiert: 436 Seiten
Verlag: Fischer (Tb.)
ISBN-13: 978-3596169221
Gelesen: September 2007

 

John Boyne – Der Junge im gestreiften Pyjama

Einsortiert unter: 2007,Jugendbuch — Karthause @ 17:53

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Gerade habe ich dieses Buch beendet, ein Gänsehautgefühl blieb zurück und auch gedanklich kann ich mich momentan noch nicht so ganz von diesem Buch lösen.

Als erstes fiel mir der ungewöhnliche Klappentext auf, der ausnahmsweise gar nichts verrät, sondern explizit darauf hinweist, dass es für den Leser besser ist, wenn er nichts vorher weiß.

Unter dem Titel stand “Fabel”. Hmmm. Ich erwartete ja einen Roman und mit der entsprechenden Verwunderung und Neugier begann ich das Lesen. Über den Inhalt will ich hier auch nichts weiter schreiben, nur über die Wirkung. Das Buch las sich schnell und flüssig und nur ungern unterbrach ich. Schnell stellte ich auch fest, es ist wirklich eine Art Fabel.

Der Stil von John Boynes Buch ist geprägt durch Vergleiche, Auslassungen, Andeutungen und durch die große Naivität des Protagonisten. Vieles bleibt unausgesprochen, doch der Leser weiß, es ist das Grauen für das es keiner Worte bedarf. Gerade das war es, was mich in den Bann dieses Buches zog. Viele Romane über das 3. Reich habe ich bereits gelesen. Aber meistens zeichneten die sich durch detailgetreue Schilderungen von Gräueltaten und den Zuständen in Konzentrationslagern aus. “Der Junge im gestreiften Pyjama” ist wegen des bewussten “Wegblendens” nicht weniger intensiv. Denn die eigene Phantasie beginnt dann aktiv zu werden, wenn der Autor aufhört zu beschreiben. Es muss den jugendlichen Lesern der Schrecken nicht detailliert präsentiert werden. Sicher werden die Jugendlichen dazu Fragen haben, dann sollten die Eltern, Großeltern oder auch die Lehrer entscheiden, in wie weit die Jugendlichen mit Einzelheiten konfrontiert werden können. Ich persönlich würde dieses Buch einem Schüler erst als Lektüre empfehlen, wenn der Geschichtsunterricht die notwendigen Grundlagen gelegt hat. Empfehlenswert ist es auf jeden Fall für Jung und Alt.

OT: The boy in the striped Pyjama
Gebundene Ausgabe: 272 Seiten
Verlag: Fischer, S., Verlag GmbH
ISBN-13: 978-3596852284
Gelesen: September 2007

Iris Kammerer – Der Pfaffenkönig

Einsortiert unter: 2007,History — Karthause @ 17:51

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Iris Kammerer führt den Leser ins mittelalterliche Thüringen. Heinrich Raspe von Thüringen kam schwer verletzt von seinem letzten Feldzug zurück auf die Wartburg. Im Sterben liegend erinnert er sich an die Stationen seines Lebens, die die Autorin mittels eingefügter Rückblenden in dem Roman verarbeitet. Er erzählt seiner Frau Beatrix davon und lässt mit seinem Getreuen Wigo die Vergangenheit Revue passieren.

Er berichtet vom Leben seiner Schwägerin, der Frau seines älteren, aber bereits verstorbenen Bruder Ludwig, die als die Heilige Elisabeth in die Geschichte einging. Heinrich hat sie sehr geliebt. Diese Liebe wurde von ihr aber nicht erwidert. Elisabeth widmete ihr Leben nach dem Tod Ludwigs nur noch Gott und den Armen.

Heinrich erinnert sich an Fehden und Intrigen zwischen Herrschern und der Kirche. Dieser Zwist mündet letztlich darin, dass Heinrich sich zwischen Kaiser und Papst entscheiden muss.

Iris Kammerer hat einen Roman geschrieben, der sich nicht einfach nebenbei lesen lässt. Ich musste mich auf dieses Buch konzentrieren und mich durch manches Kapitel quälen. Erschwerend kam für mich hinzu, dass einige historisch bedingte Namensgleichheiten auftraten. So gab es die eine Elisabeth in Gestalt der Elisabeth von Thüringen und die andere als Gemahlin von Heinrich. Ein Personenverzeichnis wäre hilfreich gewesen.

Der sprachliche Stil Iris Kammerers ist bestechend klar und der Zeit angepasst. Bei manchen Redewendungen und längst in Vergessenheit geratenen Begriffen war ich dankbar, dass „Der Pfaffenkönig“ ein Glossar enthielt.

In diesem Roman finden eine Unmenge historischer Fakten ihren Niederschlag. Für den Hobby-Historiker mag dies ein Leckerbissen sein. Für den interessierten Leser ist es stellenweise ein wenig zu viel des Guten. Auf jeden Fall aber ist das Beweis für eine äußerst sorgfältige Recherchearbeit und die Liebe fürs Detail von Iris Kammerer.

Was ich wirklich kritisch anmerken möchte – dafür kann allerdings die Autorin nichts – ist die schlechte Papierqualität. Dieses raue, dicke Papier mag für eine Fibel im 1. Grundschuljahr geeignet sein, jedoch nicht für einen Roman, der auch an seine Leserschaft bestimmte Ansprüche stellt. Da wurde vom Aufbau Verlag an der falschen Stelle gespart.

Mein Fazit: „Der Pfaffenkönig ist ein anspruchsvoller, sprachlich sehr gelungener historischer Roman, der seinem Leser einiges an Geduld und Konzentration abverlangt.

Broschiert: 420 Seiten
Verlag: Aufbau Tb; Auflage: 2., Aufl. (Dez. 2006)
ISBN-13: 978-3746622958
Gelesen: September 2007

 

Günter Ogger – Die Abgestellten

Einsortiert unter: 2007,Fach- und Sachbuch — Karthause @ 17:50
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Fast täglich berichten die Medien im Wirtschaftsteil der Nachrichten von Stellenabbau , Unternehmensverlagerungen oder Verschlankung von Organisationsstrukturen. Einkäufer und Vertriebsmitarbeiter, Buchhalter und Controller werden durch moderne Informationstechniken verdrängt. Können Abläufe nicht automatisiert werden, verlagert man sie in Länder in denen die Personalkosten weitaus geringer sind. Von den 18 Millionen Angestelltenjobs in Deutschland ist jeder zweite in Gefahr.

Kritisch betrachtet Günter Ogger die Zustände in den verschiedenen Branchen. An konkreten Beispielen und unter Nennung von Personen und Firmen zeigt er auf, wie Stellenabbau betrieben wird und die Mitarbeiter häufig vor die Entscheidung gestellt werden, entweder länger für weniger Geld zu arbeiten oder den Job zu verlieren. Dabei beleuchtet er die Rollen, die Manager, Gewerkschaften und auch Politiker dabei spielen und findet auch Bezüge zu den aktuellen Korruptionsskandalen.

Die Zukunft der abgestellten Angestellten sieht der Wirtschaftsjournalist in Zeitarbeitsfirmen, in befristeter und Teilzeitarbeit und in der weiteren Verbreitung von Minijobs. Eine Zunahme von so genannten „prekären“ Arbeitsverhältnissen, die kaum soviel abwerfen, dass es zum Leben reicht, ist unausweichlich. Der Mittelstand bricht langsam weg und wie zum Hohn für die Betroffenen werden und wurden Entlassungen mit Kursgewinnen an den Börsen belohnt.

Der Niedergang der Arbeiterklasse erscheint harmlos im Vergleich zu dem Drama, das die rund 18 Millionen Angestellten erfasst hat: Die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes wird unser Land gründlicher verändern als die Wiedervereinigung.“

Um den Verfall des Angestelltentums zu erklären, blickt Günter Ogger in der Geschichte weit zurück und beschreibt den kontinuierlichen Aufstieg und die Entwicklung dieses Standes. Er nennt Privilegien, die den Angestellten in vergangenen Zeiten sicher waren und beschreibt die Ängste, die diese Beschäftigten heute begleiten.

Der Autor zeigt nicht nur mit dem Finger auf eine Wunde der deutschen Wirtschaft. Er analysiert, hinterfragt, sucht Ursachen und findet Antworten. „Die Abgestellten“ ist ein sehr zeitnahes aktuelles Buch. Viele Sachverhalte sind zwar aus Presse, Rundfunk und Fernsehen bekannt. Die Hintergründe dazu verdeutlicht Günter Ogger auf verständliche und nachvollziehbare Weise.

Ich empfand dieses Buch als sehr nachdenklich machend und fast schon bedrückend. Denn eine Problemlösung zeichnet sich nur dahingehend ab, dass die Angestellten selbst durch deutlich mehr Flexibilität, Spezialisierung und den Verzicht auf traditionelle Karrieren eine Zukunft haben.

Günter Oggers Werk ist aber keine Anklageschrift gegen ein Wirtschaftssystem bzw. dessen Manager. Er untertitelte sein Buch als „ein Nachruf auf den festen Arbeitsplatz“. Diesem Untertitel wird es zweifelsfrei gerecht.

Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: C. Bertelsmann
ISBN-13: 978-3570009604


Khaled Hosseini – Tausend strahlende Sonnen

Einsortiert unter: 2007,Belletristik — Karthause @ 17:43

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Mit großen Erwartungen begann ich diesen neuen Roman von Khaled Hosseini und gleich vorweg, ich wurde nicht enttäuscht.

Mariam wurde im Jahr 1959 unehelich in Herat geboren. Mit ihrer Mutter, Nana, lebte abgeschieden und die für das Mädchen viel zu seltenen Besuche des geliebten Vaters, er besuchte sie jeden Donnerstag, waren die Höhepunkte in Mariams Leben. Als sie 15 war, nahm sich die Mutter das Leben. Mariam suchte Zuflucht bei ihrem Vater und dessen Familie. Kurzzeitig nahm er seine uneheliche Tochter auf, wollte seine Familie aber nicht ständig mit dem Zeugnis seiner Schande konfrontieren und verheiratete sie mit dem dreißig Jahre älteren Kabuler Schuhmacher Raschid.

Die Ehe verlief von Beginn an nicht glücklich. Als nach mehreren Fehlgeburten klar wurde, dass Mariam ihrem Mann keinen Sohn schenken konnte, wurde ihr Leben zur Hölle.

Fast zwanzig Jahre später nahm Raschid die verwaiste, junge Laila ins Haus und heiratete auch sie. Laila stammte aus einer Familie, in der Bildung, auch für Mädchen als sehr wichtig angesehen war. Für sie tat sich im Hause Raschids eine ganz andere Welt auf als sie bisher kannte. Ganz langsam, bedingt durch die gemeinsamen zu ertragenden Qualen des Alltags, kamen die so unterschiedlichen Frauen sich näher. Im täglichen Kampf ums Überleben entwickelte sich schließlich eine tiefe Freundschaft.

Die gesamte Handlung wurde fest mit den historischen Ereignissen in Afghanistan verknüpft. Diese wurden aber von Khaled Hosseini nicht als Rahmenhandlung abgetan. Er ließ uns die Auswirkungen des politischen Geschehens auf die Bevölkerung und die Protagonisten spüren. So der Leser Zeuge des Einmarsches sowjetischer Truppen in das Land, aber auch als Afghanistan zur Islamischen Republik Afghanistan wurde, zeigte er die Folgen, die vor allem die Frauen betrafen, ungeschönt auf.

Khaled Hosseini beschrieb eindrucksvoll den schwierigen Alltag, der von den Frauen zu meistern war. Es wurde sehr deutlich gemacht, wie das tägliche Leben für alle immer problematischer wurde. Das Ganze fand seinen dramatischen Höhepunkt mit der Schreckensherrschaft der Taliban. Öffentliche Hinrichtungen waren an der Tagesordnung, Frauen wurden von Sittenwächtern geprügelt, wenn sie sich ohne männliche Begleitung in der Öffentlichkeit bewegten oder nicht den Bekleidungsvorschriften entsprechend gekleidet waren.

Die Handlung wurde begleitet von Kampf, Gewalt und Blutvergießen. Trotzdem zeichnete Hosseinis Roman kein düsteres Bild seines Landes, ganz zum Schluss schloss sich der Kreis des Geschehens und ein Funke Hoffnung für eine friedliche und freie Zukunft wurde sichtbar.

Dem Autor gelang es wunderbar, mir das Leben in Afghanistan nahe zu bringen. Ich konnte mich problemlos in die Protagonisten hinein versetzen und deren Gedanken und Gefühle nachvollziehen, obwohl diese einen mir recht fremden Kulturkreis entstammen. „Tausend strahlende Sonnen“ ist ein atmosphärisch dichter und in einer wunderbaren Sprache geschriebener Roman mit hervorragend ausgearbeiteten Charakteren. Auch die Übersetzung hat dem Buch nichts von seiner Tiefe genommen.

Ich fühlte mich von diesem Roman eingefangen und begab mich auf die Reise in ein fernes Land zu Personen, die mir beim Lesen ans Herz wuchsen, mit denen ich litt und die kleinen Freuden teilte. Es war eine Lesereise auf der ich auch gefühlsmäßig stark gefordert wurde, oft musste ich tief durch atmen, an anderen Stellen war ich nur noch fassungslos, dann wieder konnte ich schmunzeln. Ich habe dieses Buch sehr gern gelesen, es war für mich ein Leseerlebnis, das sich mir nicht allzu oft bietet und immer noch in mir nachklingt.

Gebundene Ausgabe: 381 Seiten
Verlag: Bloomsbury; Auflage: 1 (September 2007)
ISBN-10: 3827006716
ISBN-13: 978-3827006714
Gelesen: August 2007

Bettina Eistel – Das ganze Leben umarmen

Einsortiert unter: 2007,Biografie/Erfahrungen — Karthause @ 17:42

Als Bettina Eistel im Jahr 1961 geboren wurde, herrschte eisiges Schweigen an Stelle von Freude im Kreißsaal. Bettina kam ohne Arme auf die Welt, geschädigt durch Contergan. Doch vom ersten am hat sie einen enormen Willen zum Leben. Unterstützt wurde sie immer von ihren Eltern, die viele Kämpfe mit Ärzten und Behörden durchstehen mussten, um ihrer Tochter ein Leben zu ermöglichen, wie es Kinder ohne Handicap führen. Leider gab es in den 60-er Jahren kaum eine Unterscheidung zwischen körperlicher und geistiger Behinderung. Aber auf ihrem Weg fand die Familie Eistel immer wieder Menschen, die sie unterstützen, so dass es Bettina ermöglicht wurde, ihr Abitur zu machen und ein Studium zu absolvieren.

Durch ihre hochbegabte Schwester wurde sie auf einen Ponyhof mitgenommen, sofort fühlte Bettina sich zu diesen Tieren hingezogen. Aus dem Umgang mit den Pferden zog sie viel Kraft für den oft schwierigen Alltag. Bei den Paralympics in Athen im Jahr 2004 wurde sie die erfolgreichste deutsche Dressurreiterin.

Als ich dieses Buch zu lesen begann, habe ich nicht erwartet, dass mir so viel Lebensfreude entgegen strömen würde.

Bettina Eistel schreibt in einem angenehm unterhaltenden Stil, als würde man mit ihr ein persönliches Gespräch führen. Dazu kommen fundierte Informationen zur Conterganproblematik Das Buch enthält eine Aufstellung mit zu erwartenden Folgen des Contergans in Abhängigkeit davon, an welchem Tag der Schwangerschaft das Medikament eingenommen wurde. Diese Liste erschütternd, ebenso wie einige von Frau Eistel wiedergegebenen Diskussionen mit Mitmenschen, Ärzten oder Mitarbeitern von Behörden.

Ihre Art von Humor und ihre lebensbejahende Einstellung haben mir imponiert. Ganz besonders erwähnen möchte ich ihren Ehrgeiz, der sie zu dieser ungewöhnlichen, beeindruckenden Persönlichkeit machte.

Immer wieder geht Bettina Eistel darauf ein, welche Bedeutung ein unvoreingenommener Umgang mit Behinderten hat und wie wichtig es ist, persönliche Träume zu realisieren.

Dieses Buch habe ich mit viel Interesse gelesen. „Das ganze Leben umarmen“ ist ein Erfahrungsbericht der besonderen Art, informativ und unterhaltsam, beeindruckend und humorvoll.

Gebundene Ausgabe: 299 Seiten
Verlag: Ehrenwirth; Auflage: 1 (Februar 2007)
ISBN-13: 978-3431037104
Gelesen: August 2007

Yi Munyol – Der entstellte Held

Einsortiert unter: 2007,Belletristik — Karthause @ 17:41

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Yi Munyol erzählt in seinem Buch die Geschichte des zu Beginn des Romanes 12jährigen Han Pyongtae. Sein Vater wurde wegen eines Vergehens aus einem Seouler Ministerium in die Provinz strafversetzt. In Han’s neuer Schule ist alles anders als er es von Seoul her kennt. Der Klassensprecher, Om Sokdae, regiert die gesamte Klasse auf diktatorische Weise. Er tyrannisiert die Schüler, lässt sich von ihnen hofieren und bedienen und bedient sich selbst am Eigentum seiner Mitschüler. Kann er seinen Willen nicht durchsetzen, wird sowohl von ihm als auch von seinen Mitläufern Gewalt angewendet.

Han begehrt gegen dieses Unrechtregime auf und unterliegt. Völlig isoliert und ohne Freunde verbringt er sowohl seine Schulzeit als auch seine Freizeit. Doch für alle unerwartet ändert sich die Situation. Ein neuer Lehrer leitet eine „Demokratisierung“ ein.

Munyol zeichnet auf beeindruckende Weise, wie menschliche Charaktere auf veränderte Situationen reagieren. Er beschreibt, wie ehemalige Unterstützer des alten Regimes sich sofort positionieren und ihren Platz in der neuen Gesellschaft finden. Aber auch wie Gegner der des alten Systems nur zögerlich und unentschlossen den neuen Weg beschreiten, wurde eindrucksvoll herausgearbeitet. Verhaltensweisen, wie sie auch zu Zeiten politischer Umbrüche zu beobachten sind, werden hier klar aufgezeigt.

Der entstellte Held“ hat sich für mich leicht und flüssig gelesen. Das Thema war für mich persönlich von besonderem Interesse, da ich die politische Wende in der ehemaligen DDR bewusst miterlebt habe und dabei auch auf die von Munyol so hervorragend beschriebenen Charaktere gestoßen bin. Auf dem Klappentext meiner Ausgabe steht: „In ‚Der entstellte Held’ zeichnet er (Munyol) ein Psychogramm der Macht und spricht damit ein Thema von universeller Gültigkeit an.“ Dem kann ich nur zustimmen. Ich muss sagen, mich hat das Buch sehr beeindruckt, es hat mich nachdenklich gestimmt und meine Gedanken wandern immer wieder zu den Protagonisten des Romans zurück, denn zu alltäglich sind ihre Wesenszüge, als dass man sie nach dem Lesen des Buches einfach vergessen könnte.

Gebundene Ausgabe 128 Seiten
Verlag:
Pendragon (1999)
ISBN-10:
3929096730
ISBN-13:
978-3929096736
Gelesen:
August 2007

Al Gore – Angriff auf die Vernunft

Einsortiert unter: 2007,Fach- und Sachbuch — Karthause @ 17:39

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Die Demokratie ist in Gefahr, politische Entscheidungen sind nicht mehr vernunftbegründet und der mündige, gut informierte Staatsbürger ist eine fast ausgestorbene Spezies. So charakterisiert Al Gore, Vizepräsident unter der Clinton-Regierung und Präsidentschaftskandidat der Demokraten im Wahlkampf 2000 gegen George W. Bush, die US-amerikanische Realität.

Immer wieder geht Al Gores Blick zurück in die Vergangenheit zur Gründungszeit der USA. Er erläutert auf populärwissenschaftliche Weise das Funktionieren der amerikanischen Demokratie, die aus einem „System der gegenseitigen Machtkontrolle und Machtbalance (checks and balances) zwischen den drei staatlichen Gewalten auf der einen und aus dem Vernunftprinzip im politischen Handeln (rules of reason) auf der anderen Seite“ (S.289) besteht. Die Gründerväter der USA schufen mit der Bill of Rights die Grundlage für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Diese seit Generationen geltenden politischen Regeln werden von der Bush-Regierung sträflich vernachlässigt.

Angriff auf die Vernunft“ ist Al Gores glühende Anklageschrift gegen die gegenwärtigen Zustände. Gnadenlos prangert er die Unflexibilität Bushs an, deren Ursache er in dessen reaktionärer Überzeugung, nicht in seinem Glauben sieht. Al Gore bemängelt Korruption und Kungeleien, die Gefährlichkeit von Macht- und Kapitalkonzentration in den Medienkonzernen für die Meinungsbildung, infolge derer die Vielfalt der Meinungen abnimmt.

Der Autor zeigt auf, wie Bush und seine Regierung bewusst Unwahrheiten verwenden und er kritisiert die dadurch erzeugte Atmosphäre der Angst. Als Beweis hierfür beschreibt er, wie Bush aus dem Kampf gegen den Terror heraus die USA in den Irakkrieg führte. Er weist auf die Völkerrechtsverletzungen hin sowie die sich wiederholenden Tötungen und Folterungen von Zivilpersonen.

Al Gores neues Buch ist Abrechnung mit dem Bush-Regime. Unermüdlich legt er Beweise vor, die das Versagen der amtierenden Regierung belegen. Dabei stützt er sich nicht nur auf seine eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse, er greift zurück auf Studien von Psychologen und Verhaltensforschern.

Dieses Buch rüttelt auf, es mahnt zum Handeln, es fordert Aufmerksamkeit und Beachtung. Nach der Lektüre erscheinen politische Tagesnachrichten in einem anderen Licht.

In jedem einzelnen Kapitel ist Al Gores Verärgerung, seine Wut über die Degenerierung der US-amerikanischen Demokratie deutlich zu spüren. Aber mit seinem einfachen und einprägsamen Stil und mit seinem großen Erfahrungsschatz sowie seiner akribischen Recherche, kann er, trotz eines nicht zu verleugnenden Populismus, auch Leser erreichen, deren politische Bildung nicht so ausgeprägt ist.

Ich hätte dieses Buch als ein Dokument der Hoffnungslosigkeit bezeichnet, wäre es Al Gore nicht gelungen zum Schluss noch mit Zuversicht zu beschreiben wie die altbewährten Grundregeln der Demokratie wieder mit Leben erfüllt werden können.

Angriff auf die Vernunft“ ist äußerst informativ und Fragen nach dem Zustand der deutschen Demokratie sind unausweichlich. Ich wünsche diesem Buch viele Leser.

Gebundene Ausgabe
Seiten: 395
Verlag: Riemann (2007)
Sprache:
Deutsch
ISBN-10:
3570500896
ISBN-13:
978-3570500897
Gelesen: August 2007

 

Louis Begley – Ehrensachen

Einsortiert unter: 2007,Belletristik — Karthause @ 17:36
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Harvard zu Beginn der 50er Jahre. Sam, Henry Archie beziehen eine gemeinsame, zum Harvard College gehörende Wohnung. Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft, des ungleichen Werdeganges werden die drei grundverschiedenen jungen Männer Freunde fürs Leben.

Der Ich-Erähler Sam Standisch stammt aus den Berkshires und war bereits lange Jahre in Internaten, das wurde ihm durch den Bruder seines Großvaters ermöglicht, der für den Jungen Trust zur Finanzierung seiner Ausbildung einrichtete. Sam wurde adoptiert, seine wirklichen Wurzeln findet er nie. Zu seinen Eltern hat er ein recht loses Verhältnis, schon früh hatte er sich von ihnen gelöst, dafür war nicht zuletzt das Alkoholproblem der beiden die Ursache.

Henry White ist ein aus Polen stammender Jude. Die Nazi-Zeit überlebten er und seine Eltern dank mutiger Freunde, die sie versteckten. Nach dem 2. Weltkrieg wanderte die Familie nach Amerika aus, wo sie den Familiennamen von Weiß in White änderten und der Vater eine Textilfabrik gründete. Henrys Bindung an das Elternhaus ist sehr eng, hauptsächlich begründet durch die Ängste seiner traditionsbewussten Mutter, die weiß, dass es doch in Amerika zu dieser Zeit noch mehr als ein erheblicher Makel ist, Jude zu sein und deshalb fürchtet, Henry könnte seine jüdische Abstammung verleugnen, denn sein eigenes Selbstverständnis ist ein anderes. Er sagt über sich selbst:

Solange es Leute gibt, die es kümmert, ob ich ein Jude bin, der vorgibt, keiner zu sein, so lange muss ich Jude bleiben, auch wenn ich mir innerlich nicht jüdischer vorkomme als ein geräucherter Schweineschinken. Wenn jemand mich fragt, muss ich sagen, dass ich Jude bin – es sei denn, diese Wahrheit bringt mich in ein Konzentrationslager oder kostet mich das Leben. Das bin ich mir schuldig, sonderbar für einen wie mich, der nicht glaubt, dass er irgendwem irgendwas schuldet. Aber es ist eine Ehrensache für mich.“ (Seite 49)

Archibald P. Palmer III. entstammt einer texanischen Offiziersfamilie. Er genießt das Leben und die Mädchen. Das Studium beschäftigt ihn eher nebenbei.

Louis Begley legt die Geschichte der Freundschaft der drei Männer, in deren Mittelpunkt eigentlich immer Henry steht , über einen Zeitraum an, der fast bis zur Gegenwart reicht. Da bekannt ist, dass auch Begley in Harvard studierte, drängten sich bei mir Parallelen zu seinem Leben auf, die der Autor aber in Interviews jedoch verneint hat. Zumindest verfügt er einen großen Erfahrungsschatz Harvard betreffend, aus dem er beim Schreiben seines Romans schöpfen konnte. Er zeichnet ein grandioses Bild dieser jungen, aufstrebenden und erfolgshungrigen Männer, jeder träumte seinen american dream und realisiert ihn auf ganz individuelle Weise. Sam wird ein erfolgreicher Autor. Henry und Archie gehen nach dem College zur Army. Daran anschließend studiert Henry Jura in Harvard und Archie beginnt ein Studium in Philadelphia, das er jedoch abbricht, um einen Job bei einer Investmentbank an der Wallstreet anzunehmen.

Dieses Buch ist Begley’s Hommage an Amerika, aber trotz aller Ehrerbietung findet auch gesellschaftskritische Worte. „Ehrensachen“ ist ein fantastischer Roman, der mich sehr beeindruckt hat, besonders weil er so vielfältig in den Handlungssträngen ist und die Charaktere der Protagonisten so brillant beschrieben wurden, dass sie mit Leben erfüllt waren. Der gesamte Roman findet seinen uneingeschränkten Bezug zur Realität durch die geschickt in die Handlung integrierten historischen Begebenheiten.

“Ehrensachen“ ist ein Zeitzeugnis und ein Loblied an die Freundschaft. „Ehrensachen“ ist ein Roman über das Amerika des ausgehenden 20. Jahrhundert, der hervorragend geschrieben ist und nachdenklich macht, der von tiefen Gedanken geprägt ist, aber den Leser auch schmunzeln lässt.

OT: The Matter of Honor
Gebundene Ausgabe: 444 Seiten
Verlag: Suhrkamp
ISBN-10: 351841870X
ISBN-13:
978-3518418703
Gelesen: August 2007

29. Oktober 2007

Nicole Vosseler – Südwinde

Einsortiert unter: 2007,History — Karthause @ 20:32
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“Südwinde“ von Nicole Vosseler ist ein wunderbar recherchierter historischer Roman. Auszüge aus den Tagebüchern von James Cook machen den Roman zu einem Zeitdokument, das dem Leser das entbehrungsreiche und gefährliche Leben auf See und die Entdeckung unbekannter Gebiete sehr anschaulich nahe brachte. Die Mitglieder der Besatzung haben fast alle wirklich gelebt, einzig Brittany, die weibliche Protagonistin, entsprang dem Kopf der Autorin. Die Liebesgeschichte zwischen Brittany und Hicks belastete die Handlung des Buches nicht, sie war schmückendes Beiwerk zu einem fast Tatsachenroman.

Besonders gut hat mir das Ende gefallen. In einem Epilog wurde auf das spätere Leben der Hauptpersonen kurz eingegangen. So konnte ich noch etwas meinen Gedanken nachhängen und mir die eine oder andere Entwicklung ausmalen.

Dieses Buch war der erste Roman von Nicole Vosseler, einer Autorin, auf deren Bücher ich auch künftig mit großem Interesse schauen werde.

Gebundene Ausgabe: 480 Seiten
Verlag:
Scherz; Auflage: 1 (2001)
ISBN-10:
3502118051
ISBN-13:
978-350211805
Gelesen: Juli 2007

John Irving – Owen Meany

Einsortiert unter: 2007,Belletristik — Karthause @ 20:30


Dieses Buch beschreibt die Geschichte der Freundschaft zwischen Owen Meany, einem kleinwüchsigen Jungen mit Fistelstimme, und John Wheelwhrigt, dem Erzähler, die bis ins Erwachsenenalter hinein andauert. Die Story beginnt in den frühen 50-er Jahren und wird durch Berichte des Ich-Erzählers aus dem Jahr 1987 immer wieder unterbrochen. „Owen Meany“ ist aber auch eine kritische Auseinandersetzung des Autors mit der Politik der USA in diesem Zeitraum. So werden u. a. der Vietnamkrieg, die Rassenunruhen und der Einsatz der USA am persischen Golf unter der Reagan-Regierung thematisiert. John Irving bezieht aber darüber hinaus auch Stellung zu Fragen der Religion und des Glaubens.
Owen Meany ist ein Protagonist an dem ich mich – zumindest zu Beginn des Buches – reiben konnte. Seine Meinung, er sein ein von Gott Auserwählter, konnte ich zu diesem Zeitpunkt weder teilen noch nachvollziehen. Es war mir unverständlich, wie ein 11jähriger auf solche Ideen kommen konnte. Das war auch der Grund, weshalb ich mich beim Lesen der ersten Kapitel etwas schwertat. Diese ersten Kapitel wiesen auch Längen auf, die mir nicht so gefallen haben. Als ich mich dann aber eingelesen hatte, erfasste mich die Handlung wie ein Sog. Die Charaktere wurden von John Irving, wie gewohnt, teilweise stark überzeichnet. Manche wirkten schon fast grotesk oder skurril. Aber alle wurden mit viel Liebe zum Detail geschaffen und die Protagonisten erlebten im Verlauf der Handlung auch erstaunliche Entwicklungen. Owen Meany“ ist ein ausgesprochen politischer Roman. Stellenweise bringt Irving bissigen Sarkasmus und Zynismus ein, er rechnet gnadenlos mit den Militäreinsätzen der USA ab. Obwohl ein breites Spektrum an Themen in diesen Roman einfließen, wirkt er nicht überladen.
Owen Meany“ ist ein wunderbares Buch voller Menschlichkeit, Historie, Verworrenem und dem für John Irving charakteristischen Humor. Die Spannung wird vom ersten Kapitel an ganz langsam aufgebaut und steigert sich kontinuierlich. So, dass ich beim letzten Kapitel traurig war, dass dieses Buch nur 852 Seiten umfasst. Dass Owen Meany wohl der tragische Held dieses Buches sein würde, war wohl so ziemlich von Beginn des Buches an klar. Was für ein unerwartetes, furioses Ende John Irving zu dieser Geschichte inszeniert, hat mich dann aber doch stark beeindruckt. Wie Owen Meany im Verlauf des Romans mehrmals betont, dass es keine Zufälle gibt, wird zum Schluss von Irving eindrucksvoll bewiesen. Alle offenen Frage und Ungereimtheiten sind dann geklärt, alle Handlungsfäden wurden zusammengeführt .
Mich hat, trotz meiner anfänglichen Probleme, dieses Buch nachhaltig beeindruckt. Ich werde es sicher irgendwann noch einmal lesen, denn die Vielfältigkeit dieses Romans ist beim ersten Lesen kaum auszumachen.

Taschenbuch: 852 Seiten
Verlag:
Diogenes Verlag
ISBN-10:
3257224915
ISBN-13:
978-3257224917
Gelesen:
Juli 2007

Marina Nemat – Ich bitte nicht um mein Leben

Einsortiert unter: 2007,Biografie/Erfahrungen — Karthause @ 20:29

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Die 16-jährige Marina wurde im christlichen Glauben erzogen. Seit zwei Jahren ist Ayatollah Khomeini an der Regierung. Seit zwei Jahren gab es islamische Indoktrinierung und Religionswächter. Für Marina Nemat war das gleichbedeutend mit großen Einschränkungen im täglichen Leben, die die Schülerin nur bedingt bereit war hinzunehmen. Sie arbeitete gemeinsam mit anderen Schülern an einer Schülerzeitung, deren Beiträge nicht systemkonform waren, daraufhin stand sie unter Beobachtung und wurde schließlich verhaftet und ins berüchtigte Evin-Gefängnis verschleppt. Dort wurde sie gefoltert und zum Tode verurteilt. Der Vollstreckung des Urteils konnte sie durch ihre Heirat mit einem Aufseher entgehen.

Dieses Buch habe ich fast an einem Stück gelesen, ich konnte es kaum aus der Hand legen. Es ist für mich immer wieder unfassbar was Menschen anderen Menschen unter dem Deckmantel der “einzig richtigen” Überzeugung antun können. Wenn ich dann noch daran denke, dass Marina erst 16 Jahre alt war als sie das Grauen erleben musste, fehlen mir die Worte.

Marina Nemat hat ihre Gefühle sehr eindringlich geschildert. Ihr Bericht ist zutiefst erschütternd. Die einfache Sprache hat ihre Empfindungen meines Erachtens noch verstärkt. Sie ist ihren Weg gegangen, für mich nachvollziehbar, kämpfte mit Stolz und Angst. Bestürzt war ich aber über das Verhältnis zu ihren Eltern, das nach ihrer Entlassung deutlich wurde.

Zu Beginn des Buches sind immer wieder Geschichten aus Marinas Kindheit eingefügt. Das fand ich sehr angenehm. So wurde der Schrecken des Gefängnisalltags immer wieder ausgeblendet und ich konnte durchatmen. Denn was in der Haft geschah, sowohl mit ihr als auch mit ihren Mitgefangenen, ist kaum vorstellbar.

In diesem Buch wurde der Focus auf das Evin-Gefängnis in Teheran gelenkt, aber wie viele Haftanstalten gibt es weltweit, in denen Willkür herrscht, gefoltert und gemordet wird. Mich stimmt das sehr traurig und nachdenklich.

Dieses Buch bekommt meine uneingeschränkte Empfehlung, es ist absolut lesenswert.

Gebundene Ausgabe: 390 Seiten
Verlag: Weltbild Buchverlag; Auflage: 1 (Mai 2007)
ISBN-10: 3898976319
ISBN-13: 978-3898976312
Gelesen: Juli 2007

Petra Gerster – Reifeprüfung

Einsortiert unter: 2007,Biografie/Erfahrungen — Karthause @ 20:25

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Von einer Bekannten wurde mir dieses Buch empfohlen. Ich habe es gelesen und war am Ende doch recht enttäuscht.

Für Petra Gerster war der 50. Geburtstag Anlass Bilanz zu ziehen, zurückzublicken auf ein halbes Jahrhundert, das sie miterlebt hat und vorauszuschauen auf das, was vor ihr liegt.

Der autobiografische Teil war noch recht nett zu lesen. Petra Gerster schrieb mit Wortwitz und viel Charme. Da kam schon die eine oder andere Situation, in der ich dachte, stimmt, daran kann ich mich auch erinnern.

Im zweiten Teil, in dem es dann um die 50+ Problematik geht, blieb das Buch meines Erachtens sehr oberflächlich. Ich hatte mir mehr davon versprochen. Dazu kommt, dass die Autorin aus einem Erfahrungspool schöpft, der mich eigentlich so gar nicht interessiert. Die Fernsehwelt ist für mich eher eine Scheinwelt, eben die Welt des schönen Scheins und von diesem Buch erwartete ich mehr als die Bedienung gängiger Klischees, Schönheitsoperation, Schlanksein, Jugendlichkeit. Sie ging zwar auch auf andere Themen ein, z. B. wie es ist, wenn die Kinder sich abnabeln, oder welche Aussichten frau über 50 noch hat. Das kam mir aber deutlich zu kurz.

Für mich war dieses Buch nur im ersten Abschnitt lesenswert. Dem folgenden Teil konnte ich für mich recht wenig entnehmen. Ich bin mir auch nicht im Klaren in welches Genre ich dieses Buch einordnen kann. Biografie – war es nur zu Beginn. Ratgeber – war es für mich nicht. Sachbuch – trifft es auch nicht.

Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Rowohlt, Berlin
ISBN-10: 3871345334
ISBN-13: 978-3871345333
Gelesen: Juli 2007

Kristin Valla – Muskat

Einsortiert unter: 2007,Liebesroman — Karthause @ 20:23

:) :) :) :) / :)

Zu dem Inhalt des Buches möchte ich nicht mehr schreiben, ich würde einfach zuviel verraten. „Muskat“ ist nur ein recht dünnes Buch, aber es ist von einer Tiefe, die man in so manchem seitenstärkeren Roman vergebens sucht. Sehr einfühlsam beschrieb die Autorin die Stimmungen und Lebenssituationen der Protagonisten. Wundervoll fand ich die Beschreibungen von Landschaften und Kristin Vallas Blick fürs Detail. Mich hat dieser Liebesroman tief berührt. Er ging mir unter die Haut und die intensiven Gedanken über Liebe und Freundschaft beschäftigen noch immer. Ich bin nicht unbedingt ein Freund von Liebesgeschichten. Wäre diese mir nicht empfohlen worden, hätte ich sie wohl nie gelesen. Aber diese Geschichte ist anders, tief, klar, frei von Kitsch und rosaroter Romantik, einfach nur beeindruckend und berührend.

Der Titel „Muskat“ hätte treffender nicht gewählt werden können, denn so wie dem märchenhaften Duft der Muskatblüte die bittere Süße der Frucht folgt, fühlt man in diesem Buch die bittere Süße der Liebe.

Muskat“ ist der vielversprechende Erstling von Kristin Valla. Ich wünsche diesem Buch viele Leser und freue mich auf weitere Bücher der Autorin. Leider gibt es ihr neues Buch noch nicht in deutscher Sprache.

Broschiert: 240 Seiten
Verlag:
Heyne (November 2002)
ISBN-10:
3453863798
ISBN-13:
978-3453863798
Gelesen:
Juli 2007

Iny Lorentz – Das Vermächtnis der Wanderhure

Einsortiert unter: 2007,History — Karthause @ 20:17

:) :) :) / :)

Wieder hat das Schicksal es nicht unbedingt gut gemeint mit Marie. Auf dem Rückweg von einem Besuch bei ihrer Freundin Hiltrud wird die hochschwangere Marie von ihrer Todfeinding Hulda von Hettenheim entführt und nach der Geburt ihres Sohnes an Sklavenhändler verkauft, die sie ins ferne Russland bringen. Der Weg nach Hause ist lang und voller Abenteuer und Gefahren.

Wie auch schon in den beiden anderen Teilen der Trilogie zeichnet Iny Lorentz ein recht realistisches Bild des Mittelalters, in diesem Fall wird die Aufmerksamkeit auf das Leben in Russland gelenkt. Wie von Iny Lorentz bekannt, lebt auch dieses Buch durch eine gute und tiefgründige Recherche. So gibt es wieder unzählige kleine Begebenheiten, die den mittelalterlichen Alltag mit Leben erfüllen. Sehr interessant fand ich die Abschnitte, in denen auf alte russische Traditionen eingegangen wurde. Das Erbrecht spielte dort eine ganz besondere Rolle. Maries gesamte „Reise“ war gepickt mit vielfältigen Informationen, die dem Leser die damalige Zeit nahebrachten. Anmerken möchte ich noch, dass „Das Vermächtnis der Wanderhure“ kein Roman für zartbesaitete Leser ist. Denn das Mittelalter ist eine raue, brutale Zeit, besonders die Frauen mussten darunter häufig leiden. An manchen Stellen waren mir die Vergewaltigungen fast etwas zuviel, zumal sie auch als Bestrafung Anwendung fanden.

Die Charaktere fand ich in diesem Teil etwas schwächer entwickelt als in den beiden vorhergegangenen Romanen. Besonders die männlichen Personen blieben für mich etwas blass und konturenlos.

Als Leser erkennt man das bewährte Muster der Vorgängerromane, die Heldin lebt glücklich, kommt wie aus heiterem Himmel in Schwierigkeiten und meistert diese dann erfolgreich. Das hat meinen Lesespaß nicht gemindert, denn ich hatte es nicht anders erwartet. „Das Vermächtnis der Wanderhure“ ist ein einfach geschriebener, aber gut zu lesender und recht unterhaltsamer und spannender Historienschmöker, der durch die gute Recherche noch einiges an Hintergrundwissen vermittelt.

 

Broschiert: 715 Seiten
Verlag:
Droemer/Knaur; Auflage: 1 (April 2007)
ISBN-10:
3426635054
ISBN-13:
978-3426635056
Gelesen:
Juni 2007

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