Karthauses Bücherwelt …

31. Dezember 2007

Oskar Maria Graf – Das Leben meiner Mutter

Einsortiert unter: 2007,Biografie/Erfahrungen — Karthause @ 12:37

Unser Leben währet siebenzig Jahre, und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig Jahre, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.“ Psalm 90, Vers 10

Am 01. November 1857 wurde Theres (Resl) Heimrath, verheiratete Graf, unweit des Starnberger Sees geboren. Sie war das vierte von neun Geschwistern. Graf erzählt in diesem Buch aber nicht nur vom Leben seiner Mutter, sondern auch vom Leben seines Vaters, seiner Großeltern und seiner Geschwister. Der zweite Teil des Buches ist stark autobiografisch geprägt, denn von da an erzählt Graf auch die Geschichte seines Lebens.

Er beschreibt das Leben der einfachen Leute und zeigt die Härte und Mühsal des Alltags ungeschönt auf. Er berichtet vom Glauben und vom Aberglauben, vom Festhalten wollen an Bewährtem und der Furcht vor Neuerungen. Gleichzeitig beschreibt er in gut bemessenen Einschüben das Zeitgeschehen. Er zeigt auf das ausschweifende Leben am Hof Ludwig II., benennt die Folgen der Politik Bismarcks und der deutschen Kaiser und wirft einen kritischen Blick auf den aufkeimenden Nationalsozialismus einschließlich der Folgen der Machtergreifung der Nazis. All dies verbindet er eng mit dem Leben der Grafs und der Heimraths.

Oskar Maria Graf hat ein sehr ruhiges Buch ohne jede romantische Verklärung geschrieben. Vieles was er beschreibt, erscheint unter heutigen Umständen unvorstellbar (es sind ja nur etwa 100 Jahre vergangen) und die Frage, wie hätte ich mich in der damaligen Zeit unter diesen Bedingungen und mit der entsprechenden Erziehung geschlagen, drängte sich mir mehrmals auf. Aber nicht nur von der Härte der Arbeit wird berichtet, auch die Sitten und der Umgangston sind rau und ungewohnt. Als die Grafs es mit ihrer Bäckerei „geschafft“ hatten, hätte Resl problemlos ein leichteres Leben führen können, aber sie arbeitet unermüdlich. Sie kann nicht anders. Arbeiten und Beten sind für sie der Lebensinhalt.

Sie will gar nicht, daß es ihr einmal gut geht. … sie hat gar nie richtig gelebt wie ein anderer Mensch.“ S. 508/509

Bemerkenswert fand ich wie Graf die Personen in diesem Buch zeichnete. Jeden einzelnen Charakter brachte er mir nahe. Resl mit ihrer Duldsamkeit und Frömmigkeit hat mich ebenso beeindruckt wie ihr derber Maxl.

Das Leben meiner Mutter“ habe ich über die Weihnachtsfeiertage gelesen. Es war ein sehr passendes Buch für diese besinnliche Zeit. Ein Buch, das nachdenklich werden lässt und bei dem man den eigenen Wohlstand schätzen lernt. Es war ein Buch an das ich auch in hektischeren und stressbeladeneren Tagen gern zurück denken werde.

“Wenn alle meine Bücher vergehen, dieses Buch schreibt mir keiner nach und dies Buch bleibt. Dös glaub’ i bestimmt.” Oskar Maria Graf über „Das Leben meiner Mutter“

Taschenbuch: 670 Seiten
Verlag: Dtv
ISBN-13: 978-3423100441
Gelesen: Dezember 2007

Rezi von Heidi Hof

 

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