Karthauses Bücherwelt …

31. März 2008

Tom Rob Smith – Kind 44

Einsortiert unter: 2008,Krimi/Thriller — Karthause @ 18:13

Kind 44
Tom Rob Smith

 

OT: Child 44
Gebundene Ausgabe:
512 Seiten
Verlag: Dumont Buchverlag
ISBN-13: 978-3832180560

 

 

Zu Beginn der 50er Jahre werden in verschiedenen Städten der Sowjetunion tote Kinder aufgefunden. Offiziell heißt es, nur Unfälle können zu deren Tod geführt haben. Denn Gewaltverbrechen, so behaupten oberste Stellen vehement, gibt es in der kommunistischen Gesellschaft nicht. So soll Leo Demidow, Geheimdiestoffizier, seinen Kollegen davon überzeugen, dass der Tod dessen Sohnes Andrej, ein tragischer Unfall war.

Aber auch Leo bekommt seine Zweifel an der Sache, er forscht heimlich nach, und entdeckt 44 Fälle, bei denen Kinder zu Tode gekommen sind und deren Leichen sich auf grausamste Weise gleichen. Leo wird jedoch selbst überwacht. Solch eigenmächtiges Handeln ist alles andere als erwünscht. Er muss sich bewähren und soll seine Frau an die Geheimdienstchargen verraten. Aber innerlich hat er sich von dieser Organisation, der er immer treu gedient hat, gelöst. Sein Tun hat ernste Folgen.

Im Laufe der Geschichte erzählt Tom Rob Smith von der Gewaltherrschaft während der Stalinära. Unbescholtene Bürger werden als Staatsfeinde, Dissidenten und Regimegegner beschuldigt. Jeder kann jederzeit denunziert werden, ein Vorwand findet sich immer. Erpressung, Folter, Mord sind die Methoden der Geheimdienstler. Stalins Motto für den Überwachungsstaat ist „Kontrolliere die, denen du vertraust!“.

Die Stimmung in der damaligen Sowjetunion, die Ängste der Bürger, die unbeschreibliche Brutalität und Rücksichtslosigkeit des Geheimdienstes und die Funktionsweise des Stalinregimes hat Smith m. E. hervorragend eingefangen und beschrieben. Die Kriminalfälle dagegen und das Ende des Buches erschienen mir etwas zu konstruiert.

Die Sprache ist einfach und gut zu lesen. Dadurch rücken aber die Grausamkeiten, die beide Szenarien verbindet sehr deutlich in den Vordergrund. Beklemmung und Erschütterung ließen mich während des Lesens nicht los. Hinzu kommt das der Roman so geschickt aufgebaut ist, dass die Spannung stetig wächst und der Leser in der Handlung gefangen ist.

Ich würde dieses Buch empfehlen, aber immer darauf hinweisen, dass kaum vorstellbare Gräueltaten dieses Buch prägen.

 

 

 

29. März 2008

Günter Grass – Katz und Maus

Einsortiert unter: 2008,Klassiker/Weltliteratur — Karthause @ 09:29

Günter Grass
Katz und Maus

/

Gebundene Ausgabe: 195 Seiten
Verlag: Suhrkamp
ISBN-13: 978-3518223321

 

 

 

 

Der Ich-Erzähler Pilenz berichtet im Jahr 1959, aus seinem schlechtem Gewissen heraus, über Joachim Mahlke, seinen Schulfreund aus Danzig zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. War er doch daran beteiligt, dass die Katze auf Mahlkes ständig zuckenden Adamsapfel angesetzt wurde und diesen der Lächerlichkeit preisgab.

Joachim Mahlke, durch seinen übergroßem Kehlkopf gezeichnet, war zu Beginn des Krieges 14 Jahre alt. Er lebte als einziger Mann mit seiner Mutter und deren Schwester zusammen. Sein Vater, ein Lokomotivführer, kam schon Jahre vorher bei einem Unfall ums Leben. Weil Joachim ein kränkelndes Kind war, wurde er erst ein Jahr später eingeschult und hatte aus dem gleichen Grund eine Turnbefreiung. Er war ein guter Schüler, aber kein Streber. Wurde er damals gefragt, was er werden wolle, antwortete er: Clown.

Als er dann für seine Mitschüler überraschend Schwimmen lernte, wurde er der beste Schwimmer und überlegener Taucher. Während eines Kriegssommers verbrachten die Jugendlichen viel Zeit auf einem gesunkenen polnischen Minensuchboot. Mahlke brachte diverse Gegenstände aus dem unter Wasser liegenden Rumpf des Bootes ans Tageslicht, darunter Orden, ein englischer Schraubenzieher und eine Kette mit Marien-Medaillon. Schraubenzieher und Medaillon trug Mahlke von nun an um den Hals, um von der Größe seines Adamsapfels abzulenken.

Mahlke hatte an Mädchen nur wenig Interesse, lediglich für die Jungfrau Maria schwärmte er. Am pubertären Imponiergehabe beteiligte er sich nur, wenn es unumgänglich war.

Eines Tages hielt ein Absolvent des Conradiums, das Danziger Gymnasium, das auch Mahlke besuchte, einen kriegsverherrlichenden Vortag. Dieser war inzwischen Kapitänleutnant eines U-Bootes und Träger des Eisernen Kreuzes. Dem Vortrag folgte eine gemeinsame Turnstunde, nach der dem Kriegshelden das EK fehlte. Mehr möchte ich zum Inhalt an dieser Stelle nicht verraten.

Die erste Hälfte von Grass’ Novelle (bis zum Diebstahl des Ordens) konnte mir noch gefallen. Die auf den ersten Blick oberflächlich erscheinende Geschichte des Joachim Mahlke ließ Platz für Interpretationen. Im zweiten Teil des Buches fand ich deutlich weniger Zugang zu der Lektüre. Längen wechselten mit Wiederholungen und Andeutungen. Hätte ich „Katz und Maus“ nicht gemeinsam mit anderen Lesebegeisterten gelesen, hätte ich mir wohl die letzten 50 Seiten erspart. Denn was mich am meisten störte, war die Sprache, sie war für mich mehr als gewöhnungsbedürftig. Die Harmonie im Klang der Sätze fehlte mir. Es häuften sich Sätze, die aus rein grammatikalischer Sicht, diese Bezeichnung nicht verdienten. Mag es als künstlerisches Stilmittel bezeichnet werden, oder auch als künstlerische Freiheit. Mir als Leserin hat der Stil nicht gefallen. Das Thema der Novelle dagegen hat mir zugesagt.

Was bleibt nach dieser Lektüre? Es bleibt ein gewisse Ratlosigkeit, was wollte Grass wirklich aussagen? Habe ich die Grundaussagen herausgefunden? Auf jeden Fall habe ich wieder einmal etwas von einem Literatur-Nobelpreisträger gelesen. Einige meiner Vorurteile konnte ich abbauen, aber Sehnsucht nach einem weiteren Grass verspüre ich momentan nicht.

 

25. März 2008

Bücherstadt Wünsdorf

Einsortiert unter: Allgemeines — Karthause @ 19:43

Seit langer Zeit hatten wir es uns schon vorgenommen und heute nun endlich in die Tat umgesetzt. Wir besuchten die Bücher- und Bunkerstadt Wünsdorf. Eigentlich war uns der Ort lediglich als Garnisonsstandort bekannt, bis wir von den Antiquariaten hörten. Neugierig geworden, machten wir uns heute auf den Weg. Dort angekommen schlug das Leserattenherz beim Anblick der verschiedenen Antiquariate gleich höher. Zuerst besuchten wir das Märkische Antiquariat von Dr. Minx.. Dieser wirklich liebenswürdige alte Herr könnte sicher zu vielen seiner Bücher auch noch Geschichten erzählen. Schnell war eine Stunde verschwatzt, die dann beim Bücherschauen fehlte. Ich kann nicht einmal annähernd schätzen, wieviele Bücher ich in die Hand genommen habe. Dabei waren vom Kochbuch über Militärliteratur bis hin zur Belletristik alle möglichen Genres vorhanden. Aber auch der Bücherstall hatte seinen Charme. Für das leibliche Wohl war auch gesorgt. Neben einer Teestube standen noch zwei weitere Restaurants zur Auswahl. Bunkerbesichtigungen werden dort auch angeboten, die wir aber nicht mitmachten. Es war ein rundum gelungener Ausflug, de wir gern wiederholen werden.

 

 

19. März 2008

Diane Broeckhoven – Ein Tag mit Herrn Jules

Einsortiert unter: 2008,Belletristik — Karthause @ 18:46

Seit über 50 Jahren sind Alice und Jules verheiratet, liebgewonnene Rituale haben sich in dieser Zeit eingeschlichen. So steht zum Beispiel Jules früh auf, bereitet das Frühstück und Alice genießt in ihrer halben Stunde noch die Wärme des Bettes. Erst wenn der Kaffeeduft bis zu ihr dringt, steht sie auf. So ist es auch an diesem von Diane Broeckhoven beschriebenen Tag, aber doch ist alles anders. Es hat geschneit und Jules sitzt bewegungslos am Fenster. Eine Weile dauert es, bis Alice realisiert, Jules ist tot. Sie ruft nun aber nicht nach ihrem Sohn, nach dem Notarzt oder dem Bestattungsinstitut, sie will diesen letzten Tag noch mit ihrem Mann verbringen. Es gibt Dinge, die sie nach Jahren endlich einmal aussprechen möchte, sie nimmt Abschied auf ihre Art und Weise.

Dann um zehn Uhr kommt der autistische David zum täglichen Schachspiel zu Herrn Jules. Alice hatte vor der Reaktion des Jungen ein wenig Angst, aber er reagiert anders als erwartet, sieht nur noch Herrn Jules Hülle.

Eigentlich sollte dieses knapp 100 Seiten dünne Büchlein nur eine Zwischenlektüre zwischen zwei Büchern sein, ein Lückenfüller sozusagen. Es wurde aber viel mehr. Auf diesen wenigen Seiten gelang es der Autorin den Ablauf eines Tages zu schildern. Dabei entstanden trotz des ruhigen gefühlvollen Stils von Diane Broeckhoven keine Längen. An keiner Stelle kam Rührseligkeit auf. Trotz der Thematik des Todes und des Abschiednehmens, den tiefen Gedanken und der Trauer war das Buch sehr leicht zu lesen und vor allem nachzuempfinden. Diane Broeckhoven hat wieder einmal den Beweis erbracht, um Tiefe und Emotionalität zu erzeugen bedarf es nicht vieler Seiten, sondern nur einfühlsamer, unspektakulärer und sachlicher Worte. Aber meisten beeindruckte mich, wie sie es schaffte, den Leser zum Ende des Buches nicht in Trauer, sondern recht hoffnungsvoll zurückzulassen.

Elke Heidenreich nannte Ein Tag mit Herrn Jules „ein liebenswertes Buch“, dem kann ich mich in meiner Bewertung nur anschließen.

Inzwischen ist die Fortsetzung dieses Buches unter dem Titel Eine Reise mit Alice erschienen.

Taschenbuch: 96 Seiten
Verlag: Rowohlt Tb
ISBN-13: 978-3499241550

17. März 2008

Andrea Schacht – Göttertrank

Einsortiert unter: 2008,History — Karthause @ 19:41

Göttertrank
Andrea Schacht

/

Gebundene Ausgabe: 635 Seiten
Verlag: Blanvalet
ISBN-13: 978-3764502737

 

 

 

Der Roman ist zeitlich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert angesiedelt. Als Handlungsorte spielen Gut Evashof in Mecklenburg, Berlin, Köln, Bonn, London, Trinidad und Venezuela eine Rolle. Andrea Schacht erzählt in ihrem Buch die Geschichte von Amara, der unehelichen Tochter der Zuckerbäckerin Birte. Schon als sie noch ein kleines Mädchen war, schaute sie ihrer Mutter bei der Herstellung von diversem Naschwerk zu. Am meisten begeisterte sie schon immer der Duft – nicht der Geschmack – von Kakao. Diese Passion sollte ihr wechselhaftes Leben prägen. Sie half ihr aus mancher Lebenskrise hinaus. Die Autorin hat mit Amara das Bekanntwerden von Kakao – dem Trank der Götter – in deutschen Landen verwoben und dabei auf eine sehr schöne Art und Weise sehr viele interessante Informationen rund um die Kakaobohne integriert. Parallel zur Lebensgeschichte von Amara wird die des Ingenieurs Alexander Masters erzählt. Er steht für die Industrialisierung, die Einführung von Dampfmaschinen und anderen neuen Techniken. Die Widerstände mit denen er zu kämpfen hat und auch die aufkeimende Arbeiterbewegung runden das Buch thematisch ab. Andrea Schachts Roman bewegt sich durch alle Gesellschaftsschichten hindurch, dadurch gelingt es ihr sehr gut, ein ansprechendes und nachvollziehbares Zeitbild zu schaffen. Der Spannungsbogen des Romans wird gehalten durch Intrigen, Ränkespiele, Verwicklungen und Schicksalsschläge. Aber auch Morde, oder waren es doch nur Unfälle, sind ein nicht unwichtiger Part in diesem Buch.

Göttertrank“ steht für mich für 635 Seiten gute Unterhaltung. Dazu kommen die äußerst interessanten Informationen über die Kulturgeschichte des Kakaos und Modernisierung der althergebrachten Technik und Technologien, bei denen die Autorin auch vor Details nicht zurückschreckt. Das zeugt für mich für eine akribische Recherche. Die Sprache empfand ich als gut in die Handlungszeit passend. Besonders aber hat es mich gefreut, dass ich Antonia und Cornelius Waldegg aus ihrem Vorgängerroman „Die Kreuzblume“, der mir so gut gefallen hat, wieder getroffen habe. Hervorheben möchte ich das Vorhandensein eines Personenverzeichnisses. Es erleichtert es dem Leser zumindest zu Beginn des Buches einen Überblick über die Vielzahl der Personen zu behalten. Im weiteren Verlauf des Romans stellt dies kein Problem mehr dar. Denn die Charaktere waren sehr gut beschrieben und hatten alle ihre mehr oder weniger liebenswerten Eigenarten.

Allein die Zusammenführung der einzelnen Handlungsstränge am Ende des Buches hat mir nicht ganz so zugesagt. Es ging mir alles etwas zu glatt und problemlos. Aber das ist sicher reine Geschmackssache.

Andrea Schacht steht für mich als Garant für gut recherchierte Unterhaltung. Auch dieser Roman hat mich überzeugt. Ich freue mich, dass ich noch einige ungelesene Romane von ihr vor mir habe, sie werden mir die Zeit bis zu ihrem nächsten Buch verkürzen.

Über den Autor

Andrea Schacht war lange Zeit als Wirtschaftsingenieurin in der Industrie und als Unternehmensberaterin tätig, hat dann aber dem seit ihrer Jugend gehegten Wunsch nachgegeben, Schriftstellerin zu werden. Andrea Schacht schreibt mit dem Atem der leidenschaftlichen Erzählerin. Ihre historischen Bestseller begeistern durch Detailtreue, atmosphärische Dichte und die starken, klugen und mitreißenden Frauenfiguren. Zuletzt ist im Blanvalet Verlag ihr Roman “Kreuzblume” erschienen. Sie lebt heute als freie Autorin mit ihrem Mann und ihren zwei Katzen in Bad Godesberg.

Bisher habe ich von von Andrea Schacht Kreuzblume gelesen.

 

16. März 2008

Elmar Bereuter – Schwabenkinder

Einsortiert unter: 2008,History — Karthause @ 17:57

Die Schwabenkinder
Elmar Bereuter

/
Gebundene Ausgabe: 360 Seiten
Verlag: Herbig
ISBN-13: 97
8-3776623048

 

 

 

Winter 1868. Der Hof der Bauernfamilie Meser im Bregenzer Land ernährt kaum seine Besitzer. Als dann auch noch das Kalb und kurze Zeit später das Schwein stirbt, wissen die Mesers nicht mehr wie es weitergehen soll. Der einzige Ausweg ist, den neunjährigen Sohn Kaspanaze zum Schwabengehen zu schicken. Dort kann er, von reichen Bauern für 8 Monate gekauft, ein bisschen Geld verdienen und neue Sachen bekommen. Außerdem ist am heimischen Tisch ein Esser weniger. Gemeinsam mit 18 anderen Jungen und Mädchen macht er sich auf den Weg nach Ravensburg zum Kindermarkt. Das Glück ist ihm nicht hold und ein als Kinderschinder bekannter Bauer ersteigert ihn. Arbeit und Schläge bekommt er mehr als Essen. Unterstützung findet er einzig bei dem jungen Amerikaner Whitehead, der seine Wurzeln im Schwabenland erforscht. Aber als er es aber gar nicht mehr aushält, flieht er vom Hof der Gebstetters. Kaspanaze läuft soweit er kann und kommt bei einer anderen Bauernfamilie unter. Auch dort muss er schwer arbeiten, aber bekommt ausreichend zu essen und wird freundlich behandelt.

Vor einigen Jahren habe ich den Film „Schwabenkinder“ gesehen, er hat mir schon sehr gut gefallen, aber das Buch war noch einmal deutlich besser. Elmar Bereuter beschreibt mit einfachen aber prägnanten Worten die Not der Vorarlberger Bauernfamilien. Die innere Zerrissenheit der Eltern, ihren Ältesten ins Schwabenland schicken zu müssen, die anfängliche Unbesorgtheit des Kaspanaze, das Heimweh und die Nöte des Jungen werden von Bereuter sehr einfühlsam geschildert. Die Charaktere hat er für mein Empfinden sehr gut herausgearbeitet. Nur Kaspanaze selbst war mir einigen Stellen für einen neunjährigen Jungen vom Bauernhof etwas naiv dargestellt. Wie bei vielen Büchern hätte ich mir das Ende nicht so abrupt gewünscht. Mich hätte schon noch die Reaktion der Eltern bei der Heimkehr des Sohnesinteressiert. So blieben auch hier Fragen offen.

Mein Fazit: „Schwabenkinder“ ist ein sehr gut und flüssig zu lesendes, hochinteressantes aber vom Thema her ein eher etwas bedrückendes Buch. Ich würde es auf jeden Fall weiter empfehlen.

 

Über den Autor

Elmar Bereuter, geboren 1948 als ältestes von vier Kindern einer Bauernfamilie im Bregenzerwald, verbrachte seine Kindheit zwischen Dorfleben, Alpwirtschaft und Internat. Nach einer Karriere als PR-Manager betreibt er seit 1991 eine Werbeagentur und lebt mit seiner Familie in der Nähe des Bodensees. Zuletzt erschien von ihm der Roman »Felders Traum«.

Außerdem habe ich von Elmar Bereuter bisher Die Lichtfänger gelesen.

 

 

11. März 2008

Dave Pelzer – Sie nannten mich ‘Es’

Einsortiert unter: 2008,Biografie/Erfahrungen — Karthause @ 18:08

Sie nannten mich „Es“
Dave Pelzer

Taschenbuch: 158 Seiten
Verlag: Goldmann
ISBN-13: 978-3442150557

 

 

Ein dünnes Büchlein mit nur 158 lag vor mir auf dem Tisch, von dem ich erwartet hätte, dass ich es locker an einem Abend lesen würde. Aber weit gefehlt. Dieses Buch konnte ich nicht in einem Stück lesen, die Grausamkeiten waren zu heftig. Aber der Reihe nach.

Das Buch, eine wahre Begebenheit, beginnt mit der Rettung des Dave Pelzer vor häuslicher Gewalt. Schon in diesem ersten Kapitel wird deutlich, der Junge muss schreckliches durchlitten haben. Aber zu diesem Zeitpunkt hat es mich ein wenig gestört, das Ende der Geschichte bereits zu kennen. Danach erzählt Dave Pelzer sein Leben. Dazu bedient er sich der einfachen Sprache des Kindes, das gelingt ihm auch fast durchgängig sehr gut. Seine Erzählung beginnt in glücklicheren Zeiten. Der Familie ging es gut, er und seine Geschwister wurden gut von der Mutter umsorgt, aber ganz langsam, Dave war 4 Jahre alt, da änderte sich die Situation, der Alkohol hielt Einzug in das Leben der Eltern. Allen Frust, die ganze Wut und den Ärger ließ die Mutter ausschließlich an Dave aus. Die Brüder waren von den Misshandlungen nicht betroffen. Es begann mit Schlägen, setzte sich über massiven Essensentzug fort und fand den Höhepunkt in den Gaskammerspielchen der Mutter. Auf Einzelheiten verzichte ich an dieser Stelle. Der Vater schaute tatenlos zu und ließ den Jungen im Stich. Erst Jahre später verließ er die Familie – ohne zu helfen. Dave hatte keinen Menschen, den er um Hilfe bitten konnte. Er war einsam, auch in der Schule war er der Außenseiter, der anderen Kindern das Essen stahl und erbärmlich roch. Er lebte über Jahre hinweg in der Hölle. Sein Martyrium endete als er 11 Jahre alt war. Ein beherzter Schulleiter informierte die Polizei, die brutalen Misshandlungen und die Unterernährung des Dave Pelzer waren für ihn nicht mehr zu ignorieren. Dave kam in ein Heim.

Nach Beendigung des Buches war ich froh, den Ausgang zu so einem frühen Zeitpunkt erfahren zu haben. Dieses relativ positive Ende von Daves Geschichte ließ mich das Geschehen etwas leichter ertragen. Während des Lesens überkamen mich immer wieder Wellen der Wut und der Fassungslosigkeit – nein nicht nur im Hinblick auf die Mutter. Der Vater hat in dieser Familie eine ganz üble Rolle gespielt. Er hätte eingreifen können. Aber er hat die Augen zu gemacht, er hat ignoriert und verdrängt, nur um seine Ruhe zu haben. Am Ende blieben für mich offene Fragen zurück, als allererstes die Frage nach dem WARUM. Warum hat sich in der so „normalen“ Familie das Leben so sehr verändert? Aber diese werden sicher in den Folgebänden „Der verlorene Sohn“ und „Ein Mann namens Dave“ noch geklärt werden.

Mich hat dieses Buch sehr beeindruckt und bis ins Innerste aufgewühlt. Es ist wohl mit das Schlimmste, was ich bisher gelesen habe. Das Buch habe ich beendet und zur Seite gelegt, die Geschichte des Dave Pelzer wird aber für immer in meinem Gedächtnis bleiben.

Über den Autor

Dave J. Pelzer, geboren 1960, hat sich die Bekämpfung von Kindesmisshandlung unter dem Motto »Hilfe zur Selbsthilfe« zur Lebensaufgabe gemacht. Nach Beendigung seines Dienstes bei der U.S. Air Force unterstützt er die Arbeit verschiedener Kinderschutzorganisationen. Nicht zuletzt durch das detaillierte Offenlegen der eigenen Erfahrungen leistet er einen wichtigen Beitrag zur Sensibilisierung für dieses Thema in der ganzen Welt.

 

 

6. März 2008

E. L. Doctorow – Der Marsch

Einsortiert unter: 2008,History — Karthause @ 19:21

Der Marsch
Doctorow, E. L.

Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-13: 978-3462039177

 

 

 

 

Kurzbeschreibung (www.amazon.de)

E.L. Doctorow erzählt von Liebe in Zeiten der Gewalt, von Idealen im Malstrom der Schlacht und vom Krieg als alles verschlingendem Ungeheuer – gestern wie heute. Ein von der Kritik gefeierter und mit dem PEN/Faulkner Award ausgezeichneter US-Bestseller (Platz 3). 1865, der Amerikanische Bürgerkrieg liegt in den letzten Zügen. General William T. Sherman marschiert mit einer Armee von sechzigtausend Mann durch Georgia, South und North Carolina. Die notdürftig ausgestatteten Rebellen der Südstaaten haben keine Chance gegen die hochgerüstete Union. Und folglich führt Shermans Marsch zum Sieg der Nord- über die Südstaaten und zur Abschaffung der Sklaverei. Doch am Ende ist jeder Opfer des Krieges: einfache Soldaten ebenso wie hochstehende Generäle, befreite Sklaven ebenso wie ihre Unterdrücker, die Bewohner des Nordens wie des Südens. »Der Marsch« eröffnet das eindringliche Panorama einer der schmerzhaftesten Epochen der amerikanischen Geschichte. Mit großem Einfühlungsvermögen folgt er den Protagonisten dieses unfassbaren Dramas und zeigt dem Leser mit ungeheurer Suggestivkraft, mit welcher Wucht jeder Krieg eine zivilisierte Welt in Barbarei und Chaos stürzen kann – aber auch, dass in jedem Chaos der Keim für einen Neubeginn steckt.

Meine Meinung

Die Medien stellen Doctorows „Der Marsch“ auf eine Stufe mit „Krieg und Frieden“ von Tolstoi. Sie feiern das Buch als Meisterwerk. Ich empfinde das ein wenig anders. „Der Marsch“ ist ein solider Antikriegsroman, aber von Beginn an wirkte er auf mich etwas konstruiert. Der Autor lässt in seinem Werk eine Vielzahl von Personen agieren, die sich dann im Laufe der Handlung irgendwann einmal begegnen. Für den Gesamteindruck ist das sicherlich von Vorteil, aber eine Beziehung zu den Protagonisten aufzubauen, fiel mir stellenweise doch etwas schwer. Für mich blieben viele Charaktere dadurch ein wenig farb- und seelenlos.

Äußerst eindrucksvoll schildert E. L. Doctorow die Schrecken des Krieges. Dabei ist sein Fokus nicht unmittelbar auf Gemetzel und Schlachten gerichtet, vielmehr beschreibt er, wie sich die Unionsarmee unter General Shermans ähnlich einem alles zerstörenden Ungeheuer durch Georgia, South and North Carolina frisst und Not, Verzweiflung und Zerstörung hinterlässt. Es wird geplündert, gebrandschatzt, gelyncht und manch persönliches Scharmützel ausgetragen. Um dem zu entgehen, flüchten die Familien mit dem Hab und Gut, das auf Wagen und Karren passt. Die Sklaven schließen sich Shermans Armee an. Entwurzelt sind sowohl die Flüchtenden als auch die Befreiten. Die Sinnlosigkeit des Krieges wird besonders an der Masse der Schicksale, die Doctorow wertungs- und vorurteilsfrei beschreibt, deutlich. Ob Besatzer oder Südstaatler, ob ehemaliger Sklave oder Sklavenhalter, die Leiden der Menschen werden neutral und nachvollziehbar beschrieben. Sie haben alle nur ein Ziel: Überleben.

Die Sprache Doctorows hat mir gut gefallen. Konsequent hält er an seinem sachlich-nüchteren Stil fest . Persönliche Wertungen überlässt er dem Leser. Mit dem Lesefortschritt entstand in meinem Kopf eine Art Panoramabild, zusammengesetzt aus einer Vielzahl kleiner Szenen.

Mein Fazit: „Der Marsch” ist ein gut zu lesender, klischeefreier und interessanter Roman, der meines Erachtens ein gelungenes Abbild der letzten Jahre des amerikanischen Bürgerkrieges aufzeigt.

 

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