Leonidas hat reich geheiratet. Ein „geerbter“ Frack ebnete ihm den Eintritt in die Wiener Gesellschaft. Er hat Karriere gemacht und lebt recht sorglos. Aber sein gut organisiertes Leben wird durch einen ganz unerwarteten Brief, den er eines Morgens erhält, erschüttert. Nach 18 Jahren meldet sich bei ihm seine ehemalige Geliebte und bittet ihn, einem nichtarischen 17jährigen Jungen zu helfen, der im Nazideutschland vor größten Problemen steht. Leonidas fühlt sich von der Vergangenheit eingeholt. Wer kann dieser ominöse 17jährige wohl anderes sein als sein Sohn – das Ergebnis einer Affäre, die er schon nicht mehr wahr haben wollte. Er muss Entscheidungen treffen.
Franz Werfel hat die Geschehnisse um diesen mit der blassblauen Frauenschrift geschriebenen Brief in seiner Novelle in einem Tag zusammengefasst. Er beschreibt die Qualen und die Gewissensbisse von Leonidas, aber auch seine Ängste um den Verlust von Ansehen und Stellung und greift damit die Frage nach Wahrheit oder Lüge auf. Die 154 Seiten von Werfels Novelle sind eine einzigartige Charakterstudie des Protagonisten, in die er fast unmerklich die politischen Ereignisse im Österreich des Jahres 1936 einfließen lässt. Die Sprache ist sehr weich, sehr angenehm, aber auch ein wenig altmodisch, was wiederum sehr gut zum Stil dieser Erzählung passt. Werfel benötigt nicht viele Worte, seine Sätze sind prägnant, seine hintergründige Ironie ist wohltuend. „Eine blassblaue Frauenschrift“ ist eine sehr schöne Novelle, die zum Nachdenken anregt und mich deutlich länger als erwartet beschäftigt hat. Aber trotz der schönen Sprache und der feinen Charakterzeichnung konnte der letzte Funke nicht überspringen. Leonidas blieb für mich immer (auf unerklärliche Weise) etwas unnahbar.
Gebundene Ausgabe: 154 Seiten
Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt;
ISBN-13: 978-3596175505

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