Karthauses Bücherwelt …

19. August 2008

Joseph Roth – Die Kapuzinergruft

Einsortiert unter: 2008,Klassiker/Weltliteratur — Karthause @ 10:23
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Der Ich-Erzähler Franz Ferdinand Trotta, Enkel des Bruders des Helden von Solferino und somit aus dem nicht geadelten Zweig der Familie, erzählt die Geschichte der Trottas weiter. Er beginnt kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges und endet mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Dieser Roman ist faktisch die Fortsetzung von Roths „Radetzkymarsch“.

War der Untergang der Donaumonarchie im „Radetzkymarsch“ das bestimmende Thema, greift Roth in „Kapuzinergruft“ weiter und die Zeit nach dem Ende der Monarchie wird als ein schwieriger Neuanfang mit melancholischen, teils traurigen, aber immer sehr schönen Worten beschrieben.

Franz Ferdinand erbte von seinem Vater ein nicht unerhebliches Vermögen, welches dieser während seiner Zeit in Amerika machte. Franz Ferdinand liebte das Leben, besonders die Freuden desselben. Er war leichtsinnig, genoss es, Geld zu haben und dieses ohne nachzudenken ausgeben zu können. So lebt er die Nacht und verschläft den Tag. Erst nach dem Besuch seines Vetters, dem Maronibrater Joseph Branco Trotta, wird er etwas nachdenklicher. Als während seines Besuches in Zlotogrod der Krieg ausbricht, entschließt sich Franz Ferdinand, mit Joseph Branco und dessen Freund, dem Fiaker Reisinger, Seite an Seite zu kämpfen und sich von seinen alten Lebefreunden zu trennen.

Franz Ferdinand Trotta zeigt nie großen Elan, wenn es gilt etwas zu bewältigen. Aber nach seiner Rückkehr aus dem Krieg verharrt er förmlich in Erstarrung. Seine größte Tat scheint mir die Zeugung seines Sohnes zu sein. Auch sein gesamtes Umfeld wirkt verstört, ratlos, als hätte es den Boden unter den Füßen verloren. Alle diskutierten mehr als sie sich betätigen. Man versucht zwar einen Neuanfang nachdem das Kurzwarengeschäft missglückt war. In einem zweiten Anlauf wird mit dem Umbau des Hauses der Trottas zur Pension begonnen. Aber ständig hatte ich den Eindruck, alles geschehe halbherzig, eine gewisse Resignation und die Trauer um die gute alte Zeit, die so unwiderruflich vorüber ist, war spürbar. Recht sorglos wurden Hypotheken aufgenommen und Schecks ausgestellt. Glücksritter hatten ihre große Stunde und die Gutgläubigen zahlten drauf. So ganz kann man sich noch nicht von der dekadenten Lebensweise der Vorkriegszeit lösen, wo es ums Leben ging und nicht ums Geld. Von letzteren gab es genug, die Lebenszeit war schließlich begrenzt.

Eine ganz besondere Rolle kommt der Mutter des Franz Ferdinand zu. Sie lebt ihr Leben in festen Ritualen und Ansichten. Sie lebt die Tradition, das Althergebrachte. Sie darf ehrwürdig sterben, während eine hoffnungs- und ziellose Generation planlos zurück bleibt.

So steht auch die Kapuzinergruft, die letzte Ruhestätte der österreichischen Kaiser, für den Untergang des Reiches. Die ehemaligen Untertanen bleiben gefühlt führerlos zurück. Mit der neuen Republik können sie nicht anfangen. Alles ist im Zerfall begriffen. Kulturelle Werte und Traditionen gelten nicht mehr, sogar die Adelstitel wurden abgeschafft. Auch das Geld, von dem in früheren Zeit immer ausreichend vorhanden war, verliert unaufhaltsam seinen Wert.

„Kapuzinergruft“ empfand ich als noch melancholischer als „Radetzkymarsch“. Bei Letztgenanntem spürte ich noch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. So endet dieses Buch mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich und für mich steht das gleich mit Hoffnungslosigkeit. Sehr deutlich wurde die Sehnsucht nach der Monarchie.

Wieder hat mich die sprachliche Gestaltung eines Joseph-Roth-Romans fasziniert. Die Emotionen, die er mit ein paar Sätzen zu erwecken vermag, finde ich bei manch anderem Autoren nicht in ganzen Büchern. Mit seinen Worten und den ausgefeilten, manchmal auch verschachtelten Sätzen lässt der Autor Bilder in meinen Gedanken entstehen und verleiht den Personen seines Romans Leben. Die von einer dichten Atmosphäre getragene Traurigkeit war für mich körperlich greifbar.

Ein wenig haben mich die Namensgleichheiten zu Personen aus „Radetzkymarsch“ irritiert, die aber personell nicht untersetzt waren. Einen Grafen Chojnicki und einen Diener namens Jacques gab es in beiden Romanen, es waren aber nicht die gleichen Personen. Mir ist nicht recht klar geworden, was Joseph Roth mit diesem Kunstgriff bezwecken wollte.

Mein Fazit: „Kapuzinergruft“ ist ein äußerst lesenswerter Roman, der ein anschauliches Sittenbild der jungen österreichischen Republik zeichnet. Joseph Roth ist mit diesem Buch nun endgültig in meinen ganz persönlichen Autoren-Olymp eingezogen.

Gebundene Ausgabe: 189 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-13: 978-3462036459

7. August 2008

Jung Chang – Wilde Schwäne

Einsortiert unter: 2008,Biografie/Erfahrungen — Karthause @ 18:28

 

“Mein Buch ist kein Buch über Politik. Es ist ein Buch darüber, wie Politisches sich bis aufs kleinste auf das Leben jedes Einzelnen auswirkt” (Jung Chang)

Jung Chang erzählt in ihrem Roman „Wilde Schwäne“ die Geschichte ihrer Familie im 20. Jahrhundert aus der Sicht der Frauen, welche auch einen tiefen Einblick in die chinesische Geschichte und Politik gestattet.

Yufang, Jung Changs Großmutter, wurde 1909 geboren. Sie ist die einzige, die die Kaiserzeit noch erlebt hat und die Letzte, die sich wegen des geltenden Schönheitsideals der Lotosfüße ihre gesunden Füße brechen und binden lassen musste. Das bereitete ihr lebenslange Qualen. Die soziale Stellung der Familie war nicht sonderlich gut, Yufangs Vater war aber ehrgeizig und so verkaufte er seine Tochter an den mächtigen, aber deutlich älteren General Xue als Konkubine.

Erst nach Jahren, mit dem Tod des Generals, erhielt sie ihre Freiheit und die der 1931 geborenen Tochter, Baoqin, wieder. Später lernt Yufang den Arzt Dr. Xia kennen. Gegen den Willen seiner erwachsenen Kinder heiraten sie.

Das Kaiserreich ist zerfallen und das Land von den Japanern besetzt. Diese herrschen mit äußerster Gewalt. Es folgt die „Befreiung“ durch die Kuomintang, deren führender Kopf ist Chiang Kai-shek ist. Dieser führte die Menschen in einen erbitterten Bürgerkrieg mit den Kommunisten unter der Führung von Mao Zedong.

Baoqin, Changs Mutter, ist auf der Seite der Kommunisten, sie erhofft sich von ihnen ein Ende von Gewalt und Hunger. Zunächst scheint es auch zu einer Verbesserung der Lebensumstände zu kommen, da sich die Versorgung mit Lebensmitteln deutlich verbessert. Aber langsam werden persönliche Freiheiten immer mehr eingeschränkt, die Rolle des Einzelnen und der Familie wird immer mehr in den Hintergrund gedrängt, dem Staat werden alle Interessen untergeordnet. Mao ist der alleinige Führer. Einen Geheimdienst braucht er nicht. Er benutzt das Volk. Denunziationen, Anklageversammlungen und Verhaftungen sind an der Tagesordnung. Auch Jung Changs Familie ist davon betroffen. Sie werden als Kapitalistenhelfer abgestempelt.

Unter diesen politischen Verhältnissen wächst die 1952 geborene Jung Chang auf. Die Eltern versuchen zwar ihr möglichstes, werden aber auch diffamiert und in Folge dessen inhaftiert. Die Familie leidet unter den Auswirkungen des „großen Sprungs nach vorn“ ebenso wie unter der Kulturrevolution und den ständigen Anklagen, Kapitalistenhelfer zu sein. Ende der 60er Jahre wird die Familie auseinander gerissen und zur Umerziehung aufs Land geschickt.

Die Verhältnisse bessern sich erst nach dem Tod von Mao. Dann erhält Jung Chang die Möglichkeit eines Universitätsstudiums. Unter immer noch widrigen Umständen studiert sie Englisch, aber es stehen vielmehr Propaganda und Politik auf dem Studienplan als die Fremdsprache selbst. Mit viel Eigeninitiative und ungeheurem Ehrgeiz schafft es Jung Chang eine der besten zu werden. Ganz langsam beginnt auch bei der chinesischen Regierung ein Umdenken. Es gibt eine vorsichtige Öffnung des Landes nach außen und Jung Chang wird die erste chinesische Studentin, die ein Stipendium für ein Studium im Ausland bekommt. 1988 verlässt sie China und setzt ihr Studium in London fort.

Wilde Schwäne“ ist ein überaus interessantes Buch. Jung Chang schildert ungeschminkt die Lebensumstände im China des 20. Jahrhunderts. In einer einfachen, sachlich nüchternen Sprache berichtet sie vom Leben ihrer Familie. Manchmal hat mich dieser Stil etwas gestört und ich hätte mir ein mehr an Emotionen gewünscht. Das mindert aber nicht die Bedeutung dieses Buches. „Wilde Schwäne“ ist ein wichtiges Buch, weil es tiefe Einblicke in eine uns doch recht verschlossene Welt gibt. Jung Changs Buch ist auch heute noch in China verboten.

 

Taschenbuch: 732 Seiten
Verlag: Droemer Knaur
ISBN-13: 978-3426711484

 

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