Karthauses Bücherwelt …

31. Oktober 2008

Muriel Barbery – Die letzte Delikatesse

Einsortiert unter: 2008,Belletristik — Karthause @ 16:46
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DER französische Gastronomiekritiker liegt im Sterben. Sein Herz versagt ihm den Dienst. In den letzten Stunden gehen seine Gedanken zurück zu den vielen Geschmackserlebnissen, die ihm sein Beruf beschert hat. Aber er tut sich schwer die Delikatesse seines Lebens klar zu benennen. Ganz langsam nähert er sich dieser jedoch.

Auch aus dem Umfeld des Kritikers kommen in diesem Roman Stimmen, die ihm nicht immer freundlich gesonnen sind. Die Concierge des Hauses in Rue de Grenille, seine Familie, ein Bettler, alle machen sich ihre Gedanken über ihn.

Die letzte Delikatesse“ ist der erste Roman der Autorin Muriel Barbery. Es ist ein nur dünnes Büchlein von 141 Seiten. Aber sein Inhalt bietet weit mehr als nur eine kurze Unterhaltung. Einige der Handelnden sind mir aus der Lektüre von „Die Eleganz des Igels“ bereits bekannt. So fiel es mir nicht schwer, mich sofort in diesem Buch zurechtzufinden. Vom Stil her war ich auch an den Nachfolger erinnert. Jede Person bekam einen eigenen Abschnitt für seine Gedanken über den Sterbenden. Dabei war das Buch so strukturiert, dass die Gedanken derer, mit denen er sein Leben teilte sich mit seinen eigenen zu den verschiedensten Dingen abwechselten. Mir hat dies sehr gut gefallen, obwohl ich solch kurze Abschnitte eigentlich nicht so mag. Hier war es passend.

Ich bin kein Kenner der Feinschmeckerszene, fand aber die Abschnitte über die diversen Lebensmittel und die Gastronomie sehr interessant. Erstaunt war ich über die teilweise recht bissige Sprache, besonders in den Gedanken der Mitmenschen über den Kritiker. Aber er war auch nicht der liebenswerteste Zeitgenosse.

Mein Fazit: „Die letzte Delikatesse“ ist ein unterhaltsamer und nachdenklich stimmender Ausflug in das Reich der Genüsse, der vom nahenden Tod des Gastrokritikers überschattet wird. Es war eine leicht zu lesende und interessante Lektüre, die ich allen, denen „Die Eleganz des Igels“ gefallen hat, empfehlen kann.

Broschiert: 141 Seiten * Verlag: Fischer (Tb.) * ISBN-13: 978-3596160846

Katharina Hagena – Der Geschmack von Apfelkernen

Einsortiert unter: 2008,Belletristik — Karthause @ 13:46
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Und ich stellte fest, dass nicht nur das Vergessen eine Form des Erinnerns war, sondern auch das Erinnern eine Form des Vergessens.“ (S. 169)

Nach dem Tod von Bertha treffen sich sich die Töchter noch einmal in ihrem Haus, welches Iris, ihre Enkelin erbt. Nach der Trauerfeier bleibt Iris allein zurück und zunächst weiß sie nicht, was sie mit dem Erbe tun soll. So geht sie durch die Räume und den verwilderten Garten des Hauses, in dem sie gemeinsam mit ihrer Mutter die Ferien verbrachte. Mit jedem Zimmer, das sie betritt und jedem Schrank, den sie öffnet, werden Erinnerungen wach, vielleicht in gleichem Maße, wie die Großmutter sie während ihrer Krankheit verloren hat.

Der Geschmack von Apfelkernen“ ist ein Roman über das Leben und den Tod, über Erinnern und Vergessen. Es ist ein Familienroman und schon nach wenigen Sätzen hatte mich der besondere Charme dieses Buches erreicht. Mit ruhigen Worten erzählt Katharina Hagena die Geschichte von Iris, ihrer Mutter Christa, der „elektrischen“ Tante Inga, der exzentrischen Tante Harriet, von Bertha, von Anna und Rosemarie, die beide zu jung gestorben sind. Die Erinnerungen an die verschiedenen Episoden, die bei Iris wach werden, sind allesamt liebenswert und frei von Gefühlsduselei und Kitsch. Auffällig ist jedoch, dass in dieser Familie Stürze und Äpfel eine recht große Bedeutung haben. Ein leichter Hauch von Magie zieht sich durch das Buch, da gibt es beispielsweise rote Johannisbeeren, die aufgrund eines tragischen Ereignisses über Nacht weiß werden und von der Familie als konservierte Tränen bezeichnet wurden.

Mein Fazit: Der Geschmack von Apfelkernen“ ist eine äußerst liebenswerte Familiengeschichte, die auch die üblichen Zutaten wie Liebe, Missverständnis und Tod enthält, aber mich von der ersten Seite an gefangen nahm, weil der Erzählstil ein so klarer und unsentimentaler war. Auch wenn ich vielleicht den Inhalt vergessen werde, an das Buch, das mir so schöne Lesestunden bereitet hat, werde ich mich gern erinnern.

Gebundene Ausgabe: 256 Seiten * Verlag: Kiepenheuer & Witsch Verlag * ISBN-13: 978-3462039702

28. Oktober 2008

Hans Bergel – Wenn die Adler kommen

Einsortiert unter: 2008,Belletristik — Karthause @ 18:58
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Hans Bergel ist 1925 in Siebenbürgen geboren und lebte bis 1968 dort. Mit diesem Buch nimmt er den Leser in diese in Rumänien liegende Gegend und erzählt von der Zeit zwischen den Weltkriegen. „Wenn die Adler kommen“ ist der erste Teil einer geplanten Trilogie, von der bisher zwei Teile vorliegen.

Peter ist der Ich-Erzähler des Buches. Für den Jungen ist der Sommer die schönste Zeit des Jahres, dann kann er mit dem Hardt-Großvater in die Berge ziehen und bei Schäfer Bade Licus Familie die Tage und die Natur genießen. Er berichtet von seiner glücklichen Kindheit in einer großen Familie, die Freunde sowohl unter den Siebenbürger Sachsen und Rumänen als auch unter den Zigeunern hat. Oberflächlich betrachtet, erscheint das Zusammenleben zwischen den verschiedenen Gruppen harmonisch und freundschaftlich. Aber unter der Oberfläche gibt es spürbare Missstimmungen. In ruhiger und einfühlsamer Art wird der Leser mit dem Leben in der damaligen Zeit vertraut gemacht, dazu zählen u. a. der Alltag, die Jagd, eine Hochzeit und ein Sommerfest. Aber auch eine Audienz beim König und ein großes Feuer sind Bestandteil von Peters Bericht, in den immer wieder Geschichten und Anekdoten über den Vater, die Großväter oder den Krieg eingeflochten werden. Diese erklären dann warum es bestimmte Entwicklungen oder Verstimmungen oder auch Gerüchte gibt. Aber auch die politischen Ereignisse im fernen Deutschen Reich werfen ihre Schatten auf die Siebenbürgen. Und als Leonore trotz hervorragender Leistung ihre Musikprüfung nicht besteht, wird deutlich, dass die Arme der Nationalsozialisten sehr weit reichen.

Mein bisheriges Wissen über Siebenbürgen beschränkt sich auf das, was die Medien seit der Nachwendezeit verbreiten. Deshalb habe ich dieses Buch mit besonderem Interesse gelesen. Hans Bergel beschreibt sehr bildhaft und detailgetreu das Leben der Siebenbürger Sachsen und deren Zusammenleben mit den anderen Volksgruppen. Dabei ist deutlich spürbar, dass Autobiografisches in diesen Roman einfließt. Besonders interessant fand ich die Schilderungen über die Einflussnahme der Nazis, die soweit entfernt gar nicht waren, denn auch unter den Siebenbürgen gab es begeisterte Anhänger.

In der Mitte des Buches tat ich mich etwas schwer mit der Lektüre. Sie hatte spürbare Längen. So baute Bergel ausschweifende Erörterungen über die Geschichte des Scharfrichtertums in die Handlung ein, die mir deutlich zu ausführlich waren. Dagegen gab es sehr schöne Beschreibungen über die Schönheiten der Natur und sehr lesenswerte Dialoge, die mich diesen Kritikpunkt dann doch bald vergessen ließen.

Hans Bergel bedient sich einer schönen, leicht zu lesenden Sprache, mit der er eine sehr angenehme melancholische Stimmung auf den Leser überträgt. Eine Stimmung, die ich sonst fast nur bei den russischen Klassikern finden kann.

Der Titel „Wenn die Adler kommen“ ist durch das gesamte Buch zu verfolge und so ist es bezeichnend, dass dieser Roman mit Peters an seinen Vater gerichteter Frage „Tragen die deutschen Soldaten auf ihrer Uniform den Adler?“ endet.

Mein Fazit: „Wenn die Adler kommen“ ist ein sehr informativer und lesenswerter Roman, der mir die Sicht auf die Siebenbürgen und deren Brauchtum auf sehr unterhaltsame Weise erweiterte. Dieses Buch wird durch „Die Wiederkehr der Wölfe“ fortgesetzt, welches im nächsten Jahr auf meinem Leseplan steht.

Gebundene Ausgabe: 400 Seiten * Verlag: Langen/Müller * ISBN-13: 978-3784425825

27. Oktober 2008

Klaus-Peter Wolf – Ostfriesenblut

Einsortiert unter: 2008,Krimi/Thriller — Karthause @ 09:56
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2. Fall

Als Ann Kathrin Klaasen eines Abends nach Hause kommt, findet sie vor der Tür ihres Hauses eine Leiche. Die Ermittlungen beginnen und recht schnell wird die Identität der Toten geklärt. Es handelt sich dabei um Regina Orthner, die früher in einem Kinderheim arbeitete. Auf ihrem Totenschein ist Herzversagen vermerkt, Untersuchungen ergeben jedoch, dass die Frau keineswegs eines natürlichen Todes gestorben ist. Noch während der Ermittlungen in diesem Fall erhält Ann Kathrin Klaasen Hinweise auf weitere Taten.

Wie schon im ersten Teil der in Norddeich handelnden Krimiserie um die Kommissarin Klaasen wird auch in diesem nicht nur der Kriminalfall beleuchtet. Die Person der Kommissarin steht ebenfalls als Mensch im Mittelpunkt. Und menschlich ist sie. Sie macht ihren Job, ist ehrgeizig, aber im Hinterkopf hat sie immer ihre gescheiterte Beziehung und den Sohn, zu dem sie immer weniger Zugang hat. Als dann auch noch die neue Lebensgefährtin ihres Ex verschwindet, wird es für Ann Kathrin Klassen ganz persönlich.

Durch „OstfriesenKiller“ wurde ich auf Klaus-Peter Wolf als Autor aufmerksam. „Ostfriesenblut“ war danach eine Art Pflichtlektüre für mich. Ich wurde auch nicht enttäuscht. Wie schon im ersten Teil sind die Protagonisten sehr lebensecht und natürlich gezeichnet. Sie stehen im Beruf mit all ihren Alltagsproblemen und grenzen sich von Superkommissaren zum Glück deutlich ab. Trotz idyllischer Urlaubslandschaft und sympathischen Polizeibeamten mangelt es diesem Krimi aber weder an Spannung noch an Brutalität. Die Tat selbst ist verknüpft mit der Thematik der schwarzen Pädagogik. Gekonnt ließ der Autor Informationen darüber ein sein Buch einfließen, ohne dabei die Kriminalfälle aus dem Auge zu verlieren.

Die Spannung wurde konsequent aufgebaut und auch durch die privaten Begebenheiten um die Kommissarin nicht abgeflacht. Durch die einfache, schnörkellose Sprache ist das Buch gut und flüssig zu lesen.

Mein Fazit: „Ostfriesenblut“ ist ein raffinierter deutscher Krimi, der mir noch einen Tick besser gefiel als sein Vorgänger. Jedem Krimifan, der ohne große Actionszenen auskommt, ist dieses Buch sehr zu empfehlen.

Broschiert: 328 Seiten * Verlag: Fischer (Tb.) * ISBN-13: 978-3596166688

26. Oktober 2008

Nicole C. Vosseler – Unter dem Safranmond

Einsortiert unter: 2008,Liebesroman — Karthause @ 11:28
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Oxford 1853. Maya Greenwood ist die älteste Tochter gut situierter Eltern. Eigentlich ist es aber schon längst Zeit, die Zukunft der Tochter zu planen. Aber Maya ist anders als andere Mädchen ihres Alters. Sie will lernen, am liebsten studieren und fremde Länder bereisen. Aber die Universitäten bleiben ihr verschlossen, weil sie kein Mann ist. Als ihr Bruder auf Heimaturlaub nach Hause kommt, ist sie nicht nur von seinen Berichten über für sie exotische Länder fasziniert. Sie verliebt sich auch in seinen Begleiter, Ralph Garret. Als dieser um Mayas Hand anhält, wird er von den Eltern abgewiesen. Daraufhin brennen beide durch, heiraten in Schottland und gehen nach Arabien, wo Ralph seinen Dienst antreten muss. In der Fremde zeigt sich, ob beide wirklich für einander geschaffen sind.

Nach „Südwinde“ und „Der Himmel über Darjeeling“ war „Unter dem Safranmond“ nun der dritte Roman, den ich von Nicole Vosseler las. Wie schon in ihren anderen Romanen ist die akribische Recherche der Autorin auch in diesem Buch deutlich spürbar. Wahre Begebenheiten verknüpft sie gekonnt mit der fiktiven Handlung. Die Protagonisten sind interessant gezeichnet. Sie wirken sehr lebendig und menschlich und ihre Handlungen lassen sich vom Leser gut nachvollziehen. Besonders überzeugend waren der Wunsch Mayas nach Freiheit und deren enormer Wissenshunger geschildert,

Unter dem Safranmond“ ist eine sehr gefühlvolle Liebesgeschichte, die berührt und mitfühlen lässt. Leider haben Liebesgeschichten den Nachteil, dass sie zum Ende etwas vorhersehbar werden.

Nicole Vosseler hat einen ganz ungewöhnlichen Schreibstil. Sie verwendet sehr viele Adjektive. Dadurch werden ihre Geschichten sehr bildhaft geschildert und das Kopfkino setzt schnell ein. So waren Hitze und Sand, Gerüche und Geräusche förmlich spürbar. Stellenweise verlor sich die Autorin aber in ihren Beschreibungen und ihre Erzählung wirkte detailverliebt. Das störte meinen Lesefluss mitunter ein wenig.

Mein Fazit: „Unter dem Safranmond“ ist eine sehr unterhaltsame Liebesgeschichte, die mich an einem verregneten Wochenende mit auf die Reise in ferne Länder nahm. Dieses Buch wird sicher vornehmlich Leserinnen ansprechen und denen, die gern in Gedanken auf gefühlvolle Reisen gehen, kann ich es vorbehaltlos empfehlen.

Gebundene Ausgabe: 588 Seiten * Verlag: Luebbe Verlagsgruppe * ISBN-13: 978-3785723302

22. Oktober 2008

Jodi Picoult – Die Wahrheit meines Vaters

Einsortiert unter: 2008,Belletristik — Karthause @ 17:18

Delia Hopkins ist Anfang dreißig. Sie hat mit Eric eine Tochter und will ihn in kürze heiraten. Sie wuchs behütet auf, allerdings ohne Mutter. Die starb als Delia noch ein kleines Kind war. Ihr fehlte es eigentlich an nichts, denn der Vater überhäufte sie mit seiner Liebe, versuchte, die Mutter zu ersetzen. Aber in ruhigen Momenten, fragte sich Delia doch, wie es wäre, eine Mutter zu haben. Dann wird ihr Vater wegen Kindesentführung festgenommen und ihre gesamte Vergangenheit in Frage gestellt. Auf ihre Frage, wen er denn entführt hätte, antwortet er: „Dich!“. Da ist es doch günstig, dass Eric Anwalt ist und die Unschuld des künftigen Schwiegervaters beweisen will. Dann stellt es sich noch heraus, dass die Mutter gar nicht tot ist, sondern der Vater dies nur als Notlüge gebrauchte.

Dies ist das zweite Buch, das ich von Jodi Picoult gelesen habe und meine Erwartungen daran wurden nicht erfüllt. Der Grundgedanke an sich, ein Vater holt seine Tochter aus der Obhut seiner alkoholkranken Ex-Frau, war nicht schlecht. Aber dann wurden neben der Alkoholproblematik der Ex-Frau auch noch das Alkoholproblem von Eric, esoterische Einflüsse einer Indianerin, die Suche Delias nach ihrem neuen Ich, eine Dreiecksbeziehung zwischen Delia, Eric und Fitz, die Erlebnisse des Vaters während dessen Gefängnisaufenthalt, die Gerichtsverhandlung und weitere Dinge thematisiert, die ich hier nicht aufführen kann, weil sie deutliche Hinweise auf das Ende gäben. So wirkte der Roman inhaltlich überfrachtet. Weniger wäre in diesem Fall deutlich mehr gewesen. Die 5 verschiedenen Perspektiven, aus denen diese Geschichte geschildert wurde, waren für meinen Geschmack auch zu viele. So kam es zu Wiederholungen, die dazu führten, dass ich manche Stellen als etwas langatmig empfand. Auch die Rührseligkeit, mit der die Autorin die Handlung würzte, hat mir nicht gefallen. Der gewollte Druck auf die Tränendrüsen, erzeugte bei mir eher genervtes Stirnrunzeln.

Mein Fazit: „Die Wahrheit meines Vaters“ empfand ich als ein von Themen überladenes, kitschig anmutendes Buch. Wenn ich nicht wüsste, dass aus der Feder der Autorin deutlich bessere Bücher stammen, würde ich zu ihren anderen nach dieser Lektüre wohl eher nicht greifen.

Broschiert: 537 Seiten * Verlag: Piper * ISBN-13: 978-3492251723

 

 

7. Oktober 2008

Tim Pears – Land der Fülle

Einsortiert unter: 2008,Belletristik — Karthause @ 17:23

In der englischen Stadt Northtown übernimmt der junge, ehrgeizige Charles Freeman die Fabrik seiner Eltern. Er hat eine gute Hand bei der Führung seines Unternehmens, er trifft zur rechten Zeit die richtigen Entscheidungen und hat aus der kleinen Metallfabrik schnell ein florierendes Unternehmen gemacht. Er kauft ein großes Haus und heiratet Mary, mit der er im Laufe der Jahre vier Kinder bekommt. Aber die Familie ist nicht so glücklich, wie es scheint. Mary leidet an Depressionen, Charles herrscht über die Seinen. Die Kinder suchen ihre Nischen und versuchen später alles, um den vom Vater auferlegten Zwängen zu entkommen. Über 40 Jahre konnte ich die Freeman’s begleiten. Von 1952 an lernte ich schließlich drei Generationen dieser Familie kennen.

Tim Pears schrieb eine Familiengeschichte, aber was für eine. Diese hebt sich deutlich von den unzähligen anderen Veröffentlichungen ab. Sie ist wohl die beste, die ich bisher las.

Pears hat seinen Protagonisten nicht nur einen fein gezeichneten Charakter gegeben, er gab ihnen auch ein Gesicht. Manchmal hatte ich das Gefühl den ziehenden Schritt von James, auf dem der eigentliche Fokus der Handlung liegt, zu hören. Alle Personen hatten ihre guten und schlechten Seiten, waren mal mehr und mal weniger sympathisch. Aber ich konnte mit ihnen fühlen und ihre Empfindungen teilen.

Es wird aber nicht nur eine Familiengeschichte erzählt, der Autor zeigt mit viel Liebe fürs Detail, dass alle Kinder ihrer Zeit sind. Das gelingt ihm unter anderem mit Verweisen auf damals aktuelle Musiktitel und in den Kinos laufenden Filmen. Er berichtet aber auch von der Hippiezeit, der Emanzipationsbewegung und der politischen und wirtschaftlichen Umgestaltung des Landes unter Margaret Thatcher. So entsteht gleichzeitig ein Zeit- und Sittenbild Englands in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. All das wird von Tim Pears in einer äußerst angenehmen Sprache präsentiert, die mich an das Buch fesselte. Er ist ein großartiger Erzähler. So wechseln sich nachdenklich machende Momente mit witzigen ab, bizarre mit Augenblicken der Normalität.

Mein Fazit: „Land der Fülle“ ist für mich ein einzigartiges Buch, geschrieben von einem einzigartigen Erzähler. Tim Pears hat mir nicht nur ein Fenster zur Welt der Freeman’s geöffnet, sondern eine große Tür. Ich hatte das Gefühl dazuzugehören und konnte gleichzeitig in eigenen Erinnerungen schwelgen. Dieses Buch wird von mir uneingeschränkt empfohlen. Ich wünsche ihm viele Leser, die ebenso begeistert sind wie ich.

Gebundene Ausgabe: 699 Seiten * Verlag: Blanvalet * ISBN-13: 978-3764500306

3. Oktober 2008

Theodor Fontane – Effi Briest

Einsortiert unter: 2008,Klassiker/Weltliteratur — Karthause @ 11:01

Effi wuchs behütet im märkischen Havelland auf. Mit 17 Jahren heiratete sie auf Wunsch ihrer Eltern den deutlichen älteren Landrat Baron von Innstetten, der etwa 20 Jahre zuvor bereits mit Effis Mutter befreundet war. Effi folgt ihrem Ehemann in den Badeort Kessin. Dort kann sie sich aber nicht einleben, sie fühlt sich weder in ihrem neuen zu Hause wohl, noch findet sie Anschluss an die dortige Gesellschaft. Einzig mit dem Apotheker verbindet sie eine Freundschaft. Als sie den Major Crampas kennen lernt, ein bekannter Frauenheld, beginnt zwischen beiden eine Affäre. Geert von Innstetten ist auf der Karriereleiter eine Stufe nach oben gestiegen. So kann Effi bereits 1¼ Jahr nach ihrem Umzug nach Kessin den ungeliebten Ort verlassen, um in Berlin eine geeignete Wohnung für sich, ihren Mann und die gemeinsame Tochter zu suchen. Damit hat auch die Affäre mit dem Major für Effi ein Ende gefunden. Jahre später findet Innstetten die aus dieser Liaison stammenden Briefe und erst jetzt hat der Seitensprung Effis Folgen.

Fontane besticht in „Effi Briest“ mit seinem sehr leicht zu lesenden Stil. Schnell war ich in der nicht anspruchsvollen Handlung drin. Die 17 jährige Effi fühlt sich selbst noch mehr Kind als Frau, so ist sie von ihrer kurzfristigen Heirat, die die Eltern veranlassten etwas überfordert. Nach dem Einzug im Haus ihres Mannes fühlt sie sich, als wäre sie aus dem Nest gefallen. Der Mann kommt seinen Dienstpflichten nach, sie findet und sucht keine Betätigung. Für diesen ersten Teil der Handlung nimmt sich Fontane sehr viel Zeit. Die Langeweile und die Unzufriedenheit Effis, die zum Teil auch aus ihrer Unreife resultiert, wurde auch für mich deutlich spürbar und zur Herausforderung. Ich haderte mit der Protagonistin. Aber mit dem Auftreten des Major Crampas wird die Handlung deutlich lebendiger und mit dem Umzug der Innstettens nach Berlin wurde für mich das Buch ein richtig schöner Gesellschaftsroman, in dem zum Ende hin auch noch deutlich Sozialkritik zu erkennen war. „Wanderungen durch die Mark“ prägten mein Fontanebild. Leider fand ich in „Effi Briest“ viel zu wenige seiner wunderbaren Beschreibungen.

In den nächsten Monaten werde ich mich auch noch mit zwei anderen bekannten Ehebrecherinnen der Weltliteratur beschäftigen. Madame Bovary und Anna Karenina erwarten mich schon.

Gebundene Ausgabe: 456 Seiten * Verlag: Fischer (Tb) * ISBN-13: 978-3596509157

 

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