Karthauses Bücherwelt …

29. Januar 2009

Elinor Lipman – Als sie mich fand

Einsortiert unter: 2009,Belletristik — Karthause @ 21:34
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April Epner wurde als Säugling adoptiert, sie liebte ihre Adoptiveltern und hat sich über ihre leibliche Mutter nie besondere Gedanken gemacht. Diese jedoch hat die Entwicklung ihrer Tochter aus der Ferne verfolgt. Nach dem Tod der Adoptiveltern meldet sie sich bei April und will nun alles nachholen, was sie in den vergangenen dreißig Jahren versäumt hat. Die leibliche Mutter ist die extrovertierte Bernice Graverman, ein Fernsehsehstar. Zurückhaltung und Feingefühl kennt sie nicht, für ihre Begriffe erscheint ihr der Beruf der Tochter, diese ist Lateinlehrerin, ziemlich bieder und gern möchte sie Aprils Lebensumstände von Grund auf umkrempeln. Bernice überschüttet die Tochter mit Aufmerksamkeiten und Geschichten aus der Vergangenheit. Sie schönt ihre Lebensgeschichte, lange bleibt offen, was ist wahr und was der besseren Wirkung wegen erfunden. Die beiden Frauen sind grundverschieden und es ist über weite Strecken des Buches ungewiss, ob beide sich finden werden oder auf welcher Ebene sie sich arrangieren.

Dieses Buch las ich als Zwischenlektüre, weil ich bei einem Krimi ins Stocken gekommen bin. Für mich war es in diesem Moment das richtige Buch zur richtigen Zeit. In einen locker leichten Stil geschrieben, hat es sich wunderbar schnell weggelesen. Es war unterhaltsam und amüsant die Annäherung der beiden Frauen zu verfolgen. Schließlich kommt noch eine Liebesgeschichte ins Spiel, aber das gehört bei solchen amerikanischen Stories dazu. Der Titel „Als sie mich fand“ ist bezeichnend für das Buch. Ich habe es gern gelesen. Es gehört sicher nicht zur großen Literatur, mich hat es aber gut unterhalten.

Dieses Buch wurde bereits 1994 unter dem Titel „Lieber ohne meine Mutter“ veröffentlicht.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

Elinor Lipman ist Autorin vieler erfolgreicher Romane und veröffentlicht in allen wichtigen Presseorganen der USA. Außerdem unterrichtete sie Kreatives Schreiben an verschiedenen Colleges. Sie lebt mit Mann und Sohn in Massachusetts.

Broschiert: 363 Seiten * Verlag: Dtv * ISBN-13: 978-3423210874

26. Januar 2009

Jo Nesbø – Schneemann

Einsortiert unter: 2009,Krimi/Thriller — Karthause @ 16:41
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Harry Hole ist ein erfahrener Osloer Polizist mit seinen kleinen Eigenheiten. In seinem 7. Fall jagt er einen äußerst brutalen Serienmörder, der es auf auf junge Frauen mit Kindern abgesehen hat. Vier tötet er auf bestialische Weise. Als Markenzeichen hinterlässt er einen Schneemann in den Gärten der Opfer. Nach und nach wird klar, dass die Morde direkt mit den Kindern im Zusammenhang stehen müssen. Aber Hole ist bei diesem Fall auch persönlich involviert, der Täter hat seine Geliebte im Visier.

Dies war der erste Roman, den ich von Jo Nesbø gelesen haben. Dass es bereits der 7. Fall des Ermittlers Harry Hole war, beeinträchtigte mein Lesevergnügen keineswegs. Auch bei der Person des Ermittlers wurden keine Kenntnisse vorausgesetzt, sondern Informationen über dessen Vergangenheit geschickt mit der Handlung verbunden. Der Autor hat einen fantastischen Spannungsbogen hergestellt und gehalten. Die Taten waren realistisch beschrieben und forderten vom Leser schon eine gewisse Härte. Die Idee des Krimis war komplex, gut ausgefeilt und sorgte für einige Überraschungen. Bereits in der ersten Hälfte des Buches hatte ich einen Verdacht, wer der Schneemann sein könnte. Aber im Verlauf der Handlung kam mir diese so abstrus vor, dass ich sie verwarf – nur, um am Ende festzustellen, so falsch lag ich nicht. Genau das machte diesen Krimi aus. Unverhoffte Wendungen, die nicht an den Haaren herbeigezogen waren, sondern vom Autor logisch gefügt wurden. Die Sprache war so wie ich sie mir für einen Kriminalroman wünsche, leicht und flüssig zu lesen, schnörkellos, nichts soll den Lesefluss hemmen. Einzig kritikwürdig empfand ich das Ende, das war mir – wie bei vielen anderen Büchern dieses Genres – zu actionlastig. Hatte da der Autor vielleicht ein eventuelles Drehbuch im Hinterkopf?

Mein Fazit: „Schneemann“ ist ein sehr spannender Kriminalroman, der Lust auf seine Vorgänger gemacht hat. Für Krimileser ist er ein absoluter Buchtipp. Für mich war es nicht der letzte Nesbø.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

Jo Nesbø, 1960 geboren, ist Ökonom, Schriftsteller und Musiker. Der erfolgreichste Autor Norwegens ist längst auch international ein Bestsellerautor, seine Romane um Kommissar Harry Hole werden in dreißig Sprachen übersetzt. Schneemann wurde – wie schon Nesbøs Debüt Der Fledermausmann – in der Kategorie “Bester Kriminalroman des Jahres” mit dem “Buchhändler-Preis” (Bokhandlerprisen) ausgezeichnet sowie mit dem “Buchclub-Leserpreis” (Bokklubben Nye Bøkers leserpris) als “Bester Roman des Jahres”. Jo Nesbø lebt in Oslo.

Zur Reihe um den Ermittler Harry Hole gehören:

  1. Der Fledermausmann (Flaggermusmannen)
  2. Kakerlaken (Kakerlakkene)
  3. Rotkehlchen (Rødstrupe)
  4. Die Fährte (Sorgenfri)
  5. Das fünfte Zeichen (Marekors)
  6. Der Erlöser (Frelseren)
  7. Schneemann (Snømannen)

OT: Snømannen * Gebundene Ausgabe: 512 Seiten * Verlag: Ullstein Hc * ISBN-13: 978-3550087578

14. Januar 2009

Andreas Eschbach – Quest

Einsortiert unter: 2009,SF/Fantasy — Karthause @ 17:11
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“Die wohl erstaunlichste Entdeckung, die Menschen machten, als sie aufbrachen, um den Weltraum zu erkunden, war die, dass alles Leben im Universum miteinander verwandt ist.”

Im Jahr 18012 ist das Universum von zahllosen Lebensformen dicht besiedelt. Die Herkunft der Menschen ist nur noch Legende und so macht es sich der todkranke Kommandant des Raumschiffes MEGATAO, Eftalan Quest, unter Missachtung aller Befehle und Gesetze zu seiner letzten Aufgabe, diesen Planeten des Ursprungs zu finden, auf dem der Legende nach alles Leben begonnen haben und Gott leben soll. Auf der Suche nach diesem Planeten überfällt er eine alte Bibliothek, von der er sich Antworten auf seine Fragen zum Planeten des Ursprungs erhofft. Um die alten Texte übersetzen zu können, muss der junge Novize Bailan den Eindringlingen folgen und die Reise mit antreten. Nach kurzem Raumflug birgt die Mannschaft ein manövrierunfähiges kleines Raumschiff aus längst vergangen Zeiten. Smeeth, der einzige Überlebende, gibt freiwillig nur sehr ungenau Auskunft über seine Herkunft und das Schicksal der anderen Besatzungsmitglieder. Langsam kommen Zweifel bei der Crew der MEGATAO an den Befehlen ihres Kommandanten Quest und auch an den Aussagen und den Zielen des Fremden Smeeth auf.

„Quest“ ist der zweite SF-Roman, den ich bisher gelesen habe. Denn Science-Fiction ist ein Genre, um das ich gern einen Bogen mache. Aber dem Drängen meines Sohnes gab ich mich irgendwann geschlagen und ich muss zugegeben, die Lektüre hat mir gefallen. Entgegen allen Vorurteilen wurde ich nicht von kleinen grünen Männchen überrannt. Nein, Eschbach baute seinen Roman logisch auf. Bei der Konstruktion der Handlung kam ihm sicher sein Studium der Raumfahrt zugute. So erzählte er schlüssig die Geschichte um die Suche des Planeten des Ursprungs. Dabei griff er ganz nebenbei die Grundfragen nach dem Ursprung an sich, nach dem Sinn des Lebens und die Bedeutung der Wahrheit auf. Er schildert das Leben an Bord des Raumschiffes als sehr klassenbezogen, es gibt Edle, Freie und Niedere. Von einer Klasse in die andere aufzusteigen ist fast aussichtslos. Für den Umgang mit den einzelnen Klassen gibt es äußerst strenge Regeln. Sehr liebevoll beschrieb er die verschieden Menschenwesen. Es war kein Problem, sie bildhaft vor Augen zu haben. Andreas Eschbach war für mich immer ein Garant für Spannung und gute Unterhaltung, diese hohen Erwartungen erfüllte auch „Quest“. Sein Erzählstil war gewohnt flüssig und gut zu lesen. Zu anderen Romanen dieses Genres fehlen mir leider die Vergleiche, aber ich habe dieses Buch sehr gern gelesen.

Über den Autor (Quelle: Wikipedia)

Andreas Eschbach (* 15. September 1959 in Ulm) ist deutscher Schriftsteller und Bestsellerautor. Waren seine Werke zuerst hauptsächlich der Science-Fiction zuzuordnen, sind manche seiner neueren Werke (Eine Billion Dollar, Der Nobelpreis) außerhalb dieses Genres anzusiedeln.Eschbach studierte in Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik, schloss dieses Studium jedoch nicht ab, sondern arbeitete stattdessen als Softwareentwickler und Unternehmer, bis sein Erfolg als Schriftsteller es ihm erlaubte, sich auf das Schreiben zu konzentrieren.Inzwischen hat Eschbach für seine Werke einige wichtige Preise erhalten, den Deutschen Science Fiction Preis (1996, 1997, 1998, 1999, 2004), den Kurd-Laßwitz-Preis (1997,1999, 2000, 2002, 2004, 2008), den Deutschen Phantastik Preis (1999, 2004, 2005), den Prix Bob Morane (Belgien, 2000) und den Grand Prix de l’Imaginaire (Frankreich, 2000, 2004). Er ist damit einer der bedeutendsten europäischen Science-Fiction-Autoren.

Taschenbuch: 523 Seiten * Verlag: Heyne (Juli 2005 – ISBN-13: 978-3453520950

13. Januar 2009

Jodi Picoult – 19 Minuten

Einsortiert unter: 2009,Belletristik — Karthause @ 18:27
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In neunzehn Minuten kann man den Rasen vor dem Haus mähen, sich die Haare färben, Brötchen backen, sich vom Zahnarzt eine Füllung machen lassen oder die Wäsche für eine fünfköpfige Familie zusammenlegen.
Neunzehn Minuten dauert die Fahrt mit dem Auto von der Grenze Vermonts nach Sterling in New Hampshire. In neunzehn Minuten kann man einem Kind eine Gutenachtgeschichte vorlesen oder einen Ölwechsel machen lassen. Man kann eine Meile gehen. Man kann einen Saum nähen.
In neunzehn Minuten kann man die Welt anhalten oder einfach von ihr abspringen.
In neunzehn Minuten kann man Rache nehmen.“

Der Tag in Sterling in New Hampshire begann wie viele andere zuvor auch, nur Peter Houghton wusste bereits am Morgen, dass dieser Tag allen in Erinnerung bleiben würde. Der 17jährige wurde vom ersten Schultag an von anderen Schülern gemobbt. Er hatte keine Freunde, Josie Cormier, in die er verliebt war, gehörte zur Gruppe der Angesehen an der Sterling High School und hatte sich von ihm abgewendet. Von seinen Eltern wurde er geliebt. Aber auch dies stellte er in Frage, denn nach dem Unfalltod seines älteren Bruders hatte dieser in den Herzen der Eltern einen ganz besonderen Platz. So kam es, dass innerhalb von 19 Minuten aus einem ganz normalen Morgen ein grauenhaften Tag werden konnte. Peter lief Amok. 10 Menschen starben, 19 wurden zum Teil schwer verletzt.

19 Minuten“ hat mich schnell in seinen Bann gezogen, allerdings kann ich nicht so richtig erklären, warum. Viele der Protagonisten sind nicht besonders fein charakterisiert, sondern eher skizziert. Die Autorin nähert sich diesem Amoklauf auf verschiedenen Zeitebenen. Sie betrachtet die Entwicklung Peters vom Kind zum Jugendlichen, die Tat selbst und die Zeit danach. Sie berichtet von der Gerichtsverhandlung, denn der Täter wurde lebend gestellt. Aus Kenntnis anderer Bücher dieser Autorin war mir jedoch klar, so einfach kann die Story nicht ausgehen, sie muss noch einen Haken haben, den hatte sie dann auch, sogar in der Richtung, die ich vermutete. Trotzdem konnte ich von dem Buch nur schwer Finger und Augen lassen, so dass ich es in kurzer Zeit ausgelesen hatte. Wahrscheinlich ist es der Stil von Jodi Picoult, die Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu schildern, der mich immer bei der Sache bleiben ließ. Sie schaffte es die Gefühlswelt der betroffenen Personen so zu schildern, dass der Leser versteht´und nicht pauschal verurteilt. Es gibt bei ihr nicht nur schwarz oder weiß, sondern vorwiegend Grautöne und diese in allen Schattierungen. Besonders beeindruckt hat mich die Schilderung von Lacy Houghton, Peters Mutter. Ihre Gedanken und Gefühle und auch die Selbstvorwürfe konnte ich sehr gut nachvollziehen. Ein bisschen flach fand ich, dass dieses Buch nicht ohne die Liebesgeschichte zwischen der Richterin Alex Cormier und dem Ermittler Patrick DuCharme auskommen konnte, aber das ist sicher reine Geschmackssache.

Mein Fazit: „19 Minuten“ ist ein packender Roman, der mich irgendwo zwischen Verstehen und Verurteilen gepackt hat und der mir einen tiefen Einblick in die Gefühlswelt dieses jungen Amokläufers gab. Wie bisher in allen Büchern von Jodi Picoult bleibe ich mit ein paar Fragen zurück, zu denen ich gern noch Antworten gehabt hätte. Aber alles in allem wurde ich gut unterhalten und hatte spannende Lesestunden.

Über den Autor

Jodi Picoult, geboren 1967 auf Long Island, veröffentlichte 1992 ihren ersten Roman, der sofort zu einem großen Erfolg wurde. 2003 wurde sie mit dem New England Book Award ausgezeichnet. Sie lebt zusammen mit ihrem Mann und drei Kindern in Hanover, New Hampshire. Mit dem Roman »Beim Leben meiner Schwester«, der wochenlang auf den Bestsellerlisten stand, gelang ihr der Durchbruch in den USA. Sie gehört inzwischen zu den erfolgreichsten amerikanischen Erzählerinnen weltweit und wurde 2007 in England zur Autorin des Jahres gewählt. Zuletzt erschienen auf Deutsch »Die Wahrheit meines Vaters« und »Neunzehn Minuten«.

Gebundene Ausgabe: 480 Seiten * Verlag: Piper – ISBN-13: 978-3492050807

11. Januar 2009

“Lesen!” die 40.

Einsortiert unter: Allgemeines — Karthause @ 14:03
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Die neue Sendung „Lesen!“ ist seit heute im Netz abrufbar. Gast von Elke Heidenreich ist Stefan Aust.

 

 

Folgende Bücher werden vorgestellt:

 

 

Der Baader-Meinhof-Komplex – Stefan Aust (wartet bei mir aufs Gelesen werden)

Alles Glück kommt nie – Anna Gavalda (habe ich mir am Freitag aus der Bibliothek mitgenommen)

Paare – Alison Lurie (habe ich gerade bestellt)

Marionetten – John Le Carré

Libelle – John Le Carré (habe ich vor Jahren gelesen – aber fast alles vergessen)

Payback – Margaret Atwood (steht schon auf der Wunschliste)

Draußen scheint die Sonne – Gorkow, Alexander

 

 

Und hier noch der Link zur Sendung: Lesen!

 

10. Januar 2009

János Székely – Verlockung

Einsortiert unter: 2008,Belletristik — Karthause @ 10:24
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Béla wurde unehelich in einem ungarischen Dorf geboren. Anna, die Mutter, war arm und arbeitete als Wäscherin in Budapest für den Lebensunterhalt, deshalb gab sie den Sohn in die Obhut von Tante Rozika, die mit der Betreuung von außerehelichen Kindern und mit anderen Liebesdiensten ihr Geld verdiente. Bei Rozika hatten die Kinder ein schweres, von Armut und Lieblosigkeit geprägtes Leben. Da Bélas Mutter des öfteren Schwierigkeiten hatte, den Unterhalt für ihren Sohn zu zahlen, musste er bereits als kleiner Junge für sein Essen hart arbeiten. Den Schulbesuch musste er sich erkämpfen, denn in der Zeit, in der er die Schulbank drückte, konnte er im Haushalt nicht helfen. Irgendwann brach der Kontakt zur Mutter ab, erst acht Jahre später, als Béla das Dorf verlassen musste, trafen sich Mutter und Sohn wieder. Fortan lebten sie in Budapest. Armut und Hunger begleite ihr tägliches Leben. Béla fand in einem Hotel Arbeit als Liftboy und eines Tages tauchte auch der Vater des Jungen auf.

János Székely erzählt in diesem Roman die Geschichte von Béla im Ungarn zwischen den Weltkriegen. Selbst in bitterer Armut lebend, wird Béla in dem Luxushotel mit der Welt der Reichen konfrontiert. Er erfährt, dass auch diese Welt mit Tücken behaftet und nicht ungefährlich ist. Trotzdem verliebt er sich in eine reiche Dame, die im Hotel als Dauergast logiert. Der Autor lässt den Leser in beide Welten schauen. Er beschreibt die Dekadenz der Reichen genauso eindringlich wie den Hunger und die Nöte der Armen. Kommunistische Ideen werden ebenso thematisiert wie Bespitzelungen; Menschen, die die Notlage anderer schamlos ausnutzen stehen denen gegenüber, die in ihrer Abhängigkeit machtlos sind. Sehr realistisch und prägnant sind die Bilder, die der Autor im Kopf des Lesers entstehen lässt. Das liegt aber sicher auch daran, dass dieser Roman autobiografische Züge trägt. Beeindruckend fand ich die Entwicklung Bélas, der von Kindheit an nur größte Armut kennen gelernt hat, aber seine Würde nie verlor.

Verlockung“ ist in einer einfachen, sehr gut lesbaren Sprache geschrieben und bis auf einige Längen im Mittelteil hat mich das Buch gefesselt. Wortwitz wechselt mit sachlicher Erzählung, facettenreiche, bildhafte Beschreibungen runden die Geschichte ab, in der ein eindrucksvolles Bild über das Leben von Arm und Reich im Ungarn der 20er und 30er Jahre gezeichnet wird. Besonders hervorheben möchte ich noch, das trotz der Armut, die ständig präsent ist, keine trübselige, graue Stimmung aufkommt. Es wird weder das Mitleid des Lesers eingefordert noch auf die Tränendrüse gedrückt. Das empfand ich als sehr angenehm. Auch das Ende, das Platz für eigene Spekulationen lässt, fand ich sehr gelungen.

Mein Fazit: „Verlockung“ ist ein bemerkenswerter Roman über Armut, Liebe, Würde und Hoffnung. Mich hat er sehr beeindruckt. Ich habe das Buch sehr gern gelesen und empfehle es ebenso gern weiter.

Über den Autor (Quelle: Auszug aus dem Klappentext)

János Székely, geboren 1901 in Budapest, kam auf der Flucht vor dem Horthy-Regime als Achtzehnjähriger nach Berlin. Er verfasste zahlreiche Drehbücher für Stummfilmstars wie Brigitte Helm, Willy Fritsch, Marlene Dietrich, Emil Jannings. 1934 lädt Ernst Lubitsch ihn zur Arbeit nach Hollywood ein; 1938 wandert Székely endgültig aus. Während der McCarthy-Ära wiederum verfolgt, verbrachte er mit seiner Frau und seiner Tochter einige Jahre in Mexiko, bevor er, bereits schwer erkrankt, 1957 einem Angebot der DEFA nach Berlin folgte. Er starb dort 1958.

Gebundene Ausgabe: 811 Seiten * Verlag: Schirmergraf * ISBN-13: 978-3865550156

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