Ghetto von Lodz Ende 1944. Jakob Heym wurde auf der Straße vom Scheinwerferlicht des deutschen Kontrollturms erfasst. Der Posten behauptete, Jakob sein nach der Ausgangssperre ab 20 Uhr unterwegs gewesen. Da der Besitz von Uhren den Juden im Ghetto verboten war, konnte er sich nicht rechtfertigen. Ein Widerspruch hätte auch tödlich sein können. So sollte er sich beim Wachhabenden des Reviers melden. Als eine Tür geöffnet wurde, hörte er folgende Nachricht:
„In einer erbitterten Abwehrschlacht gelang es unseren heldenhaft kämpfenden Truppen, den bolschewistischen Angriff zwanzig Kilometer vor Bezanika zum Stehen zu bringen.“
Diese Information wollte Jakob eigentlich für sich behalten. Denn aus dem deutschen Polizeirevier kam man als Jude entweder als Spitzel oder als toter Mann heraus.
Als am nächsten Tag Mischa, mit dem Jakob auf dem Güterbahnhof Züge entladen musste, aus Hunger und Verzweiflung Kartoffeln stehlen wollte, hielt er ihn aber mit seinem Wissen vom Frontverlauf davon ab. Als Mischa ihm aber nicht glaubte, sagte Jakob: „Ich habe ein Radio!“ Das aber zu besitzen war bei Todesstrafe verboten. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich diese Nachricht und Jakob war in seiner Lüge gefangen. Schnell bemerkte er, die Ghetto-Insassen schöpften neue Hoffnung, sogar die Selbsmordrate sank. Er brauchte jetzt immer neue Meldungen, denn die Nachfragen wurden immer dränger, ebenso wie die Angst seiner Leidgenossen vor der Entdeckung des Rundfunkempfängers durch die Gestapo.
Jurek Becker kennt das Ghetto von Lodz aus eigenem Erleben. Er wuchs dort auf. Mit „Jakob der Lügner“ gelang ihm ein ganz besonderer Roman. Der anonym bleibende Erzähler berichtet in wechselnden Perspektiven in der Ich- und in der Wir-Form. Dabei verfällt er nicht in Pathos, sondern bedient sich eines tragikomischen Erzählstils. Er schildert ungeschönt den Alltag und die Lebensbedingungen im Ghetto, vermeidet dabei aber jegliche Effekthascherei. Die gesamte Erzählung wirkt dadurch so ungemein authentisch.
Mein Fazit: „Jakob der Lügner“ ist ein bewegender Roman über das Leben im Ghetto von Lodz. Dieser ernsten Thematik hat Becker durch seinen Stil eine Leichtigkeit gegeben, die in ihrer Art für mich in der Literatur unerreicht ist.
Über den Autor
Copyright: Aus Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Becker, Jurek dt.-poln. Schriftsteller und Drehbuchautor *30.9.1937 LódzŠ (Polen), †14.3.1997 Berlin Jakob der Lügner, 1969 Jurek Becker hat in vielen Romanen die Erfahrungen seiner polnisch-jüdischen Kindheit und des Lebens in der DDR verarbeitet. Bereits sein erster Roman Jakob der Lügner über den Alltag im Warschauer Ghetto begründete seinen Erfolg weit über die Grenzen der DDR hinaus. Becker wuchs ab 1939 im Warschauer Ghetto auf und war später in den Konzentrationslagern Ravensbrück und Sachsenhausen inhaftiert. Als Mitglied von FDJ und SED studierte er ab 1957 Philosophie in Ostberlin. Dort lebte er bis 1977 als Drehbuchautor und freiberuflicher Schriftsteller. Nachdem er 1976 öffentlich gegen den Ausschluss von Reiner Kunze (*1933) aus dem Autorenverband der DDR sowie gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann (*1936) protestiert hatte, wurde er aus der SED ausgeschlossen. Ab 1977 hielt er sich mit Genehmigung der DDR-Behörden in Westdeutschland auf, wo er u.a. die Drehbücher zur preisgekrönten ARD-Anwaltsserie Liebling Kreuzberg schrieb. Biografie: S.L. Gilman, Jurek Becker, 2002.
Gebundene Ausgabe: 271 Seiten * Club Bertelsmann




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