Karthauses Bücherwelt …

24. Februar 2010

Buch der Woche (8. KW)

Einsortiert unter: Allgemeines,Empfehlungen — Karthause @ 19:05
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Alissa Walsers “Am Anfang war die Nacht Musik” wurde vom mdr figaro in dieser Woche als das Buch der Woche vorgestellt.

Amazon schreibt dazu:

Kurzbeschreibung

Als Franz Anton Mesmer das blinde Mädchen in sein magnetisches Spital aufnimmt, ist sie zuvor von unzähligen Ärzten beinahe zu Tode kuriert worden. Mesmer ist überzeugt, ihr endlich helfen zu können, und hofft insgeheim, durch diesen spektakulären Fall die ersehnte Anerkennung der akademischen Gesellschaften zu erlangen. Auch über ihre gemeinsame tiefe Liebe zur Musik lernen Arzt und Patientin einander verstehen, und bald gibt es erste Heilerfolge … In ihrer hochmusikalischenSprache nimmt Alissa Walser uns mit auf eine einzigartige literarische Reise. Ein Roman von bestrickender Schönheit über Krankheit und Gesundheit, über Musik und Wissenschaft, über die fünf Sinne, über Männer und Frauen oder ganz einfach über das Menschsein.

Über den Autor

Alissa Walser, geboren 1961, studierte in New York und Wien Malerei. Seit 1987 lebt sie in Frankfurt am Main. Für ihre Erzählung »Geschenkt« wurden ihr 1992 der Ingeborg-Bachmann-Preis und der Bettina-von-Arnim-Preis verliehen. 1994 erschien ihr Buch »Dies ist nicht meine ganze Geschichte«, im Frühjahr 2000 folgte der Erzählband »Die kleinere Hälfte der Welt«. Als Übersetzerin hat Alissa Walser außerdem die Tagebücher von Sylvia Plath sowie Theaterstücke u. a. von Joyce Carol Oates, Edward Albee, Marsha Norman und Christopher Hampton ins Deutsche übertragen. 2009 erhielt sie für Ihre Übersetzung der Gedichte Sylvia Plaths den Paul-Scheerbart-Preis. Ihre eigenen Erzählungen wurden in englischer Übersetzung u.a. in literarischen Zeitungen wie Open City und Grand Street veröffentlicht. Zuletzt erschien ihr Roman »Am Anfang war die Nacht Musik«.

21. Februar 2010

Sara Gruen – Wasser für die Elefanten

Einsortiert unter: 2010,Belletristik — Karthause @ 19:35
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Wasser für die Elefanten
Sara Gruen
Broschiert: 416 Seiten
Verlag: Rowohlt Tb.
ISBN-13: 978-3499248450

Jacob Jankowski ist 90 Jahre alt oder ist er doch schon 93? Aber das ist für ihn auch nicht wichtig. Als eines Tages ein Zirkus seine Zelte vor dem Heim aufbaut, werden Erinnerungen in Jacob geweckt, der tapfer und kauzig zugleich gegen den Einheitsbrei im Altenheim aufbegehrt, der die junge Pflegerin Rosemarie (auch sie hat die 40 schon eine Weile hinter sich gelassen) in sein Herz geschlossen hat und der sehnsüchtig auf die Besuche seiner Angehörigen wartet, obwohl er nie weiß, wer nun eigentlich kommt. Aber an diesem Tag, an dem der Zirkus da ist, wartet er besonders ungeduldig. Und immer wieder gehen seine Gedanken zurück in die Vergangenheit.

Als Jacob mit 23 Jahren kurz vor der Abschlussprüfung zum Tierarzt stand, verunglückten seine Eltern tödlich. Planlos ging er an den Bahngleisen entlang und sprang aus Verzweiflung ohne groß zu überlegen auf den erstbesten Zug auf. So kam er zu „Benzini`s spektakulärster Show der Welt“, einem Wanderzirkus, der schon bessere Zeiten gesehen hatte. Da er ja fast Tierarzt war, der Abschluss war für Onkel Al nur eine reine Formsache, konnte er bleiben. Er fasste schnell Fuß und nach ein paar anfänglichen Problemen fand er auch Freunde. So lernte er die Dressurreiterin Marlena und deren paranoid schizophrenen und äußerst eifersüchtigen Ehemann August kennen, diesen näher als es ihm lieb sein konnte. Eines Tages kaufte Al aus der Konkursmasse eines anderen Zirkus die Elefantendame Rosie. Damit begannen aber erst die richtigen Probleme im Zirkus.

Sara Gruen erzählt die Geschichte des Jacob Jankowski auf zwei Zeitebenen. Sie schildert gegenwärtig sein Leben im Altenheim und blickt immer wieder 70 Jahre zurück und berichtet von Jacobs Leben im Zirkus. Beide Erzählstränge hat sie glaubwürdig mit Leben gefüllt. Die Eintönigkeit des Heimalltages wird so eindringlich geschildert, dass man sich als Leser freut, wenn Jacob seine Lieblingspflegerin zu Gesicht bekommt. Die kleinen Zänkereien zwischen den Heimbewohnern, seine fühlbare Einsamkeit und seine Sehnsucht nach Abwechslung belegen das auf eine sehr einfühlsame Weise. Aber auch das Vergangene wird mit einem sehr ausgeprägten Gespür für die damalige Zeit erzählt. Die Weltwirtschaftskrise und die Prohibition sind mit ihren Auswirkungen auf den um sein Überleben kämpfenden Wanderzirkus überzeugend dargestellt. Als dann noch die verfressene Rosie aufgenommen wurde, die sich zunächst jeder Zurschaustellung ihrer Kunststücke entzog und auch durch August’s Gewaltausbrüche nicht zu Kunststücken bewegt werden konnte, wurden die finanziellen Mittel immer weniger, so dass nicht nur die Arbeiter sondern auch die Artisten nicht mehr bezahlt werden konnten und die Stimmung unter den Zirkusleuten immer angespannter wurde. So werden die Standesunterschiede, die Härten des Zirkusleben, und der Alltag unter wirklich einfachsten, um nicht zu sagen primitivsten, Bedingungen eindringlich dargestellt.

Mit viel Liebe zum Detail lässt die Autorin den Leser am Leben ihres Protagonisten teilhaben, dabei kam aber nie irgendwelche sentimentale Zirkusromantik auf. Sie verstand es gut die gesamte Bandbreite der Emotionen bei mir anzuregen. Das Ende erscheint auf den ersten Blick zwar etwas konstruiert, mir hat es aber trotzdem sehr gefallen. Der Kreis hat sich geschlossen.

Mein Fazit: „Wasser für die Elefanten“ ist ein sehr detailreicher Roman der glaubwürdige Einblicke in das Leben des Jacob Jankowski gibt. Sara Gruen hat es geschafft, mich mit dieser Geschichte zu unterhalten und zu informieren. Für mich war es in diesem Jahr ein erstes Highlight, ein Buch das gern ein paar Seiten hätte mehr haben dürfen.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Sara Gruen schrieb vor »Wasser für die Elefanten« zwei Jugendromane. Sie lebt mit Mann, drei Kindern, vier Katzen, zwei Ziegen, zwei Hunden und einem Pferd in North Carolina. Derzeit arbeitet sie an ihrem vierten Roman.

17. Februar 2010

Buch der Woche (7. KW)

Einsortiert unter: Empfehlungen — Karthause @ 19:35
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“Ich war Hitlers Schutzengel” von Dieter Kühn wird in dieser Woche von mdr figaro empfohlen. Ich habe schon einiges von diesem Buch gehört, vor allem Gutes. Sicher werde ich es irgendwann lesen, aber nicht heute und auch nicht gleich morgen.

Amazon schreibt dazu:

Kurzbeschreibung

Hatte Hitler einen Schutzengel? Ausgerechnet Hitler? In Dieter Kühns ebenso provozierenden wie brillanten historischen Szenarios über das Ende Adolf Hitlers wird der Lauf der Geschichte umgekehrt: die Attentate von Georg Elser, Graf Stauffenberg und Henning von Tresckow gelingen, der Krieg kommt zum Stillstand und Hitlers Schutzengel ins Grübeln. Vier sehr verschiedene Varianten von Geschichte und ein faszinierendes Gedankenspiel gegen alle historische Überlieferung

Über den Autor

Dieter Kühn, 1935 geboren, lebt heute in Brühl bei Köln. Für seine Biographien, Romane, Erzählungen, Hörspiele und Übertragungen aus dem Mittelhochdeutschen (das »Mittelalter-Quartett«) erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Hermann-Hesse-Preis und den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Zuletzt erschienen der Roman »Geheimagent Marlowe«, die biographischen Studien »Ein Mozart in Galizien« und die große Biographie »Gertrud Kolmar«.

15. Februar 2010

Anita Nair – Das Salz der drei Meere

Einsortiert unter: 2010,Belletristik — Karthause @ 13:08
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Das Salz der drei Meere
Anita Nair
Originaltitel: Ladies Coupe
Taschenbuch: 368 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN-13: 978-3423135078

Akhila hat ihr Leben der Familie geopfert. Als der Vater starb, verdiente sie das Geld und verheiratete die jüngeren Geschwister. Für einen Ehemann und die Liebe hatte sie nie Zeit. Als 45-Jährige ist sie immer noch unverheiratet, fühlt sich nun an einem Scheideweg und macht sich deshalb auf die Suche nach sich selbst. Um Abstand zu ihrem bisherigen Leben zu gewinnen, begibt sie sich auf die Reise nach Kanyakumari, dem Küstenort, an dem sich drei Meere treffen.

Den Damen-Schafwagen, wie in Indien zur Zeit der Handlung noch üblich, teilt sie sich mit fünf weiteren Frauen. Alle Frauen berichten freimütig über ihr Leben, von Wünschen und Träumen, erzählen von Höhen und Tiefen ihrer Ehen, oder gar wie es sich als Frau allein ohne männlichen Schutz lebt. Wäre das eine Alternative für Akhilas Zukunft?

In Anita Nairs Roman wird der Blick des Lesers auf das Alltagsleben und die Lebenssituation der Frauen in Indien gelenkt. Wer eine blumige Liebesgeschichte im Bollywoodstyle erwartet, wird sicher bitter enttäuscht sein, in diesem Buch wird vom realen Leben und Erleben der sechs ganz unterschiedlichen Frauen berichtet. Nacheinander schildern sie ihre Erlebnisse, Gedanken und Gefühle. Die Berichte werden nur von Akhilas Gedanken unterbrochen, so dass in dem Romanaufbau die innere Logik schnell ersichtlich ist, da die Kapitel immer abwechselnd von Akhila und einer der Frauen handeln.

„Das Salz der drei Meere“ ist ein sehr gefühlvolles, melancholisches und nachdenklich machendes Buch, in die einzelnen Frauen konnte ich mich gut hinein versetzen. Ihre Erzählungen wirkten auf mich nachvollziehbar und authentisch. Mit den erzählten Geschichten erfuhr ich von unterschiedlichen Traditionen, Moralvorstellungen und Lebensumständen. So wurde nicht nur Ahilas Horizont während dieser Reise erweitert. Auch ich habe einen tiefen Einblick in die indische Gesellschaft und den schwierigen Stand der Frauen in dieser bekommen. Ich konnte dieses Buch kaum aus der Hand legen und habe es innerhalb von zwei Tagen gelesen.

An sich ist dieses Buch gut und flüssig lesbar, allerdings fehlt diesem Buch ein Glossar, das die häufig verwendeten landestypischen Begriffe erklärt. Nicht immer war aus dem Text heraus ersichtlich, welche Bedeutung diese haben. Das störte dann stellenweise den Lesefluss. Nicht so glücklich gewählt, empfinde ich den Titel der deutschen Ausgabe des Romans. „Das Salz der drei Meere“ ist zwar nicht an den Haaren herbeigezogen, aber der englische Titel „Ladies Coupe“ erscheint mir passender.

Mein Fazit: „Das Salz der drei Meere“ ist ein schöner (Frauen)Roman, der dem Leser ein anderes Indien erschließt, als es in vielen Filmen und Büchern beschrieben wird. Wer sich an den unübersetzten Begriffen nicht stört und keinen oberflächlichen Liebesroman erwartet, wird mit einem interessanten, vielschichtigen Buch mit gedanklicher Tiefe belohnt.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Anita Nair lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Bangalore. Geboren und aufgewachsen in Shoranur in der Provinz Kerala, studierte sie englische Sprache und Literatur und lebte danach eine Zeit lang in den USA, bevor sie nach Indien zurückkehrte. Sie arbeitete zunächst als Journalistin, veröffentlichte 1997 ihren ersten Erzählungsband »Satyr of the Subway and eleven other stories« und 2000 ihren ersten Roman, »Ein besserer Mann«. 2001 folgte bereits ihr zweiter Roman, »Ladies Coupé«, der auf Anhieb in sieben Länder verkauft wurde und im Herbst 2002 beim Hoffmann & Campe Verlag unter dem Titel »Das Salz der drei Meere« erscheinen wird. Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit arbeitet Anita Nair als Werbetexterin.

10. Februar 2010

Buch der Woche (6. KW)

Einsortiert unter: Allgemeines,Empfehlungen — Karthause @ 19:16
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In dieser Woche empfiehlt mdr figaro “Sommer des Lebens” von J. M. Coetzee.

Originaltitel: Summertime
Gebundene Ausgabe: 295 Seiten
Verlag: Fischer (S.), Frankfurt
ISBN-13: 978-3100108357
19,95 EUR

Amazon sagt dazu:

Kurzbeschreibung

Mit “Im Sommer” gewährt uns J. M. Coetzee überraschend Einblick in seine entscheidenden Lehrjahre als Schriftsteller. Aus Amerika zurückgekehrt, tuscheln die Verwandten hinter seinem Rücken: warum lebt er nur wieder hier in Südafrika bei seinem Vater und betoniert den Hof? Den Kopf voll Büchern und wilden Plänen, eine akademische Karriere, die nicht ins Laufen kommt, eine verheiratete Frau, die von dem rätselhaften Langhaarigen fasziniert ist, eine brasilianische Tänzerin, deren Tochter Nachhilfe braucht, schließlich die Cousine Margot und ein missglückter Ausflug ins Veld, der großen offenen Steppe, in der die Coetzee schon immer ihr Vieh hüteten.

Voller Ironie und Witz dreht Coetzee die Erzählperspektive um: nicht er schildert die Geschichte, sondern ein junger Autor, der ihn nie kennengelernt hat, aber nun an seiner Biographie schreibt. Um Stoff zu gewinnen, interviewt er die Frauen dieses Sommers. Auf seinem Tonband sammeln sich ungeschminkte Porträts eines Künstlers als junger Mann, der über sein eigenes Begehren stolpert, aber schließlich die Stimme findet, deren Unbestechlichkeit wir so bewundern.

Über den Autor

J.M. Coetzee, geboren 1940 in Kapstadt, stammt aus einer Afrikaaner-Familie, wurde jedoch englischsprachig erzogen. 1962 verließ er erstmals Südafrika, um bei IBM in Großbritannien als Programmierer zu arbeiten. 1965 zog er in die USA, wo er 1969 über Beckett promovierte. Er kehrte 1972 als Literaturprofessor nach Südafrika zurück. Der internationale Durchbruch gelang ihm 1980 mit “Waiting for the Barbarians”. Er wurde für seine Romane mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. zweimal mit dem Booker Prize. 2003 erhielt Coetzee den Nobelpreis für Literatur.Reinhild Böhnke, geb. 1944, Dr. phil., Studium der Germanistik und Anglistik; Übersetzung von Belletristik, Essays und Theaterstücken aus dem Englischen.

8. Februar 2010

Edlef Köppen – Heeresbericht

Einsortiert unter: 2009,Belletristik — Karthause @ 20:30
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Heeresbericht
Edlef Köppen
Taschenbuch: 401 Seiten
Verlag: List Tb
ISBN-13: 978-3548605777

Adolf Reisinger ist Student als der Erste Weltkrieg beginnt. Voller Freude und Euphorie meldet er sich freiwillig an die Front. Dem Soldat sein haftet in seinen Augen etwas heroisches an, er muss unbedingt dabei sein, er will nicht nur davon hören, er will es erleben. Und er erlebt es; unter anderem erfährt er am Frontabschnitt 96 am eigenen Leib, wie es sich Krieg anfühlt. Endloses Hocken im Schützengraben, Dauerbeschuss durch die Artillerie, Stellungskrieg, Sperrfeuer, Trommelfeuer, Schnellfeuer, Gasangriffe, Verwundung und Tod der Kameraden.

Durch Zufall bin ich zu diesem Buch gekommen, ein glücklicher Zufall. Denn dieses Buch dokumentiert das Leben zu dieser Zeit, weit ab von Kriegsverherrlichung und patriotischem Geschwafel. Es braucht den Vergleich mit Remarques „Im Westen nichts Neues“ in keiner Weise scheuen. Edlef Köppen hat selbst den 1. Weltkrieg miterlebt, das Schicksal des Protagonisten Adolf Reisinger ist dem des Autors ähnlich. So schildert Köppen sehr anschaulich das Soldatenleben. Er berichtet von der Langeweile und vom Warten, als über Wochen an der Front Ruhe herrscht. Aber er schildert auch die Angriffe unverblümt, erzählt von sich überschlagenden Ereignissen, Ängsten, Gräueln, Verstümmlungen und Sterben ohne den Leser zu schonen. In die Handlung wurden Zeitdokumente eingefügt, Zitate des Kaisers und hoher Militärs, Zensurverfügungen und Zeitungsausschnitte. Diese zeigen auf, in welchem Maße Manipulationen erfolgten und wie perfide die Menschen benutzt wurden. Dadurch wird die authentische Wirkung des Romans deutlich gesteigert. Der Gegensatz zum Erleben des Adolf Reisinger wird offensichtlich, welcher Lügen und Beschwichtigungen sich die Heeresberichterstatter bedienten. Ist Reisinger noch begeistert, enthusiastisch, und voller jugendlicher Unbesorgtheit in den Krieg gezogen, so wird er im Verlauf des Buches immer mehr und nachvollziehbar zum Realisten. Aber Köppen schreibt nicht nur über den Kriegsalltag an der Front. Er zeichnet auch ein Bild vom Leben an der Heimatfront, an der Frauen längst Männerarbeiten übernahmen und die Lebensmittel rationiert waren. „Heeresbericht“ ist in einer klaren, knappen eindringlichen Sprache geschrieben. Schade, dass dieses Buch in der Öffentlichkeit kaum bekannt ist. Ich kann es all jenen empfehlen, die an realistischer Literatur über diese Zeit interessiert sind.

Über den Autor (Quelle: Wikipedia)

Edlef Köppen wurde 1893 in Genthin als Sohn eines Arztes geboren. 1907 zog die Familie nach Potsdam, wo er das Viktoria-Gymnasium besuchte, das er 1913 abschloss.

Nachdem Köppen drei Semester Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte zuerst an der Universität Kiel und anschließend an der Universität München studiert hatte, trat er als Kriegsfreiwilliger ins preußische Heer ein und nahm von Oktober 1914 bis Oktober 1918 am Ersten Weltkrieg teil. Bei Kriegsende war er Reserveoffizier.

Nach dem Krieg beendete er sein Studium und arbeitete seit 1921 als Lektor im Gustav Kiepenheuer Verlag. Nebenher schrieb er Romane.

Seit 1925 war Edlef Köppen literarischer Mitarbeiter der Funk-Stunde Berlin, dem ersten deutschen Radiosender, an dem er sich auch als Regisseur der Hörspiele Hermann Kasacks einen Namen machte. 1932 wurde Köppen Leiter der Funk-Stunde.

1933, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, wurde Köppen als Leiter der Funk-Stunde Berlin abgesetzt. Er schlug sich in der Folgezeit mit Rezensionen und Kurzgeschichten durch. Als Chefdramaturg der Filmfirma TOBIS wurde er erneut in politische Auseinandersetzungen verstrickt, nachdem die Firma dem Reichspropagandaministerium unterstellt wurde.

1934 verarbeitet Köppen humoristisch seinen Hausbau in Wilhelmshorst am Friedensplatz 6-9 in dem Buch Vier Mauern und ein Dach. 1935 wird sein Roman Heeresbericht von den Nazis verboten. Köppen lehnt es ab der NSDAP beizutreten und sich für ein antisemitisches und pronazistisches Filmprogramm zu engagieren.

Edlef Köppen starb 1939 in Gießen an den Folgen seiner Kriegsverletzung. Sein Grabstein ist auf dem Waldfriedhof in Wilhelmshorst zu finden.

6. Februar 2010

Alexander von Schönburg – Die Kunst des stilvollen Verarmens

Einsortiert unter: 2010,Fach- und Sachbuch — Karthause @ 14:39
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Die Kunst des stilvollen Verarmens
Alexander von Schönburg
Broschiert: 240 Seiten
Verlag: Rowohlt Tb.
ISBN-13: 978-3499616686

Wie man ohne Geld reich wird

In diesem Buch geht es nicht um die wirklich Armen in der Gesellschaft. Es geht eher um den Personenkreis, der sich nach und nach von seinem Reichtum und Wohlstand verabschieden musste. So beschreibt Autor in seinem Buch den Werdegang seiner Familie. Langsam aber stetig verarmten die von Schönburgs und Unterschlupf bei noch reichen Mitgliedern der Familie zu finden, ist heutzutage kaum möglich. Früher hingegen war das üblich. Man hatte kein Geld und lebte bei der reichen Verwandtschaft wie die Made im Speck. Auch der Alexander von Schönburg war an manchen Luxus gewöhnt. Er arbeitete in der Medienbranche, bis er eines Tages arbeitslos wurde. Am eigenen Leib hat er erfahren müssen, wie es ist, den Gürtel enger zu schnallen und trotzdem „stilvoll“ zu leben. Erfahrungen, die er selbst und auch seine Familie machen mussten, beschreibt und verallgemeinert er in diesem Buch. Aber als einen Ratgeber sehe ich es deshalb noch lange nicht an. Unterhaltsam war es allemal. Der witzige Schreibstil hat mir gut gefallen, so hatte ich das Buch in sehr kurzer Zeit gelesen. Schönburg bedient mit diesem Buch zweifellos den Zeitgeist. Aber sein Verarmen vollzieht sich auf einem recht hohen Niveau. Nicht für jeden ist es eine Chance und ein Glücksfall, sich den Arbeitsweg zu ersparen, weil man ja von daheim auch arbeiten kann. Nicht jeder kann von Champagner auf Mineralwasser umsteigen, weil er noch nie zu der Klientel gehörte, die sich Schampus leisten konnte. Bei vielen ist bei Asti Spumante schließlich schon das Ende der Fahnenstange erreicht. Und wie viele können nicht auf große und weite Urlaubsreisen verzichten, weil sie sich noch nie welche leisten konnten. Das ist nämlich genau das Problem in dem Buch. Den wirklich Armen kann er keine Ratschläge geben, denn dass ein gemütliches Spaghetti-Essen mit Freunden genussvoller sein kann als in ein Sterne-Restaurant „schön essen zu gehen“, ist nicht nur für wirklich Arme eine Binsenweisheit. Aber wenn man Schönburgs Gedanken, dass sich Reich und Arm nicht nur über Geld definiert, weiterverfolgt, gehe ich mit ihm wieder guten Gewissens konform. Denn die wirklich wichtigen Dinge im Leben kann man für Geld sowieso nicht kaufen. Also bleibt die Schlussfolgerung, gut zu überlegen, wofür man sein Geld ausgibt, bringt der gekaufte Luxus wirklich mehr Lebensfreude oder wird er zur Belastung.

Mein Fazit: „Die Kunst des stilvollen Verarmens“ bringt nicht wirklich Neues ans Tageslicht, es bedient Bekanntes auf unterhaltsame Weise. Mir waren schon vor der Lektüre einige Weisheiten des Autors bekannt, denn ich habe sein Buch nicht gekauft, sondern nur geliehen. Danke, liebe Katha, wir sind auf dem richtigen Weg.

Über den Autor

Alexander von Schönburg, Jahrgang 1969, war lange freier Journalist und hat u.a. für “Esquire”, “Die Zeit” und die “Vogue” geschrieben. Bis 2002 war er Redakteur der Berliner Seiten der FAZ. Außerdem gehörte er dem popliterarischen Quintett an, das 1999 “Tristesse Royale” herausgab. Zurzeit lebt und arbeitet Schönburg als freier Autor in Potsdam und Berlin. 2003 erschien “Der fröhliche Nichtraucher. Wie man gut gelaunt mit dem Rauchen aufhört”.

3. Februar 2010

Buch der Woche (5. KW)

Einsortiert unter: Empfehlungen — Karthause @ 17:01
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„Alles über Sally“ von Arno Geiger ist das Buch, welches der mdr figaro nun zum Buch der Woche kürt. Bei mir liegt der Vorgänger, „Es geht uns gut“,  zwar noch ungelesen im Regal, aber viele der mir bekannten Leseratten werden auch gern zu dem neuem Werk Geiegers greifen, das am 8. Februar 2010 erscheinen soll.

Alles über Sally – Arno Geiger

Gebundene Ausgabe: 368 Seiten

Verlag: Hanser

ISBN-13: 978-3446234840

Kurzbeschreibung (Quelle: Amazon )

Alfred und Sally sind schon reichlich lange verheiratet. Das Leben geht seinen Gang, allzu ruhig, wenn man Sally fragt. Als Einbrecher ihr Vorstadthaus in Wien heimsuchen, ist plötzlich nicht nur die häusliche Ordnung dahin: In einem Anfall von trotzigem Lebenshunger beginnt Sally ein Verhältnis mit Alfreds bestem Freund. Und Alfred stellt sich endlich die entscheidende Frage: Was weiß ich von dieser Frau, nach dreißig gemeinsamen Jahren? Arno Geiger, der international gefeierte Buchpreisträger aus Österreich, schreibt noch einmal den großen Roman vom Liebesverrat. Eine Geschichte von Ehe und Liebe in unserer Zeit.

Über den Autor

Arno Geiger, geboren 1968 in Bregenz, Vorarlberg, wuchs in Wolfurt/Österreich auf. Er studierte Deutsche Philologie, Alte Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck und Wien. Seit 1993 lebt er als freier Schriftsteller. 1986 bis 2002 war er im Sommer auch als Videotechniker bei den Bregenzer Festspielen tätig. 1996 und 2004 nahm Arno Geiger am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen. 2008 wurde Arno Geiger mit dem “Johann-Peter-Hebel-Preis” geehrt.

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