Karthauses Bücherwelt …

29. April 2011

Arno Geiger – Der alte König in seinem Exil

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Der alte König in seinem Exil
Arno Geiger
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Hanser
ISBN-13: 978-3446236349

Für uns alle ist die Welt verwirrend, und wenn man es nüchtern betrachtet, besteht der Unterschied zwischen einem Gesunden und einem Kranken vor allem im Ausmaß der Fähigkeit, das Verwirrende an der Oberfläche zu kaschieren. Darunter tobt das Chaos.” (Arno Geiger „Der alte König in seinem Exil“, Seite 57)

Arno Geigers Vater ist an Alzheimer erkrankt und seit einem Jahr im Pflegeheim. Nach und nach verliert der 1926 geborene August Geiger seine Erinnerung. Lange bemerkte die Familie nichts von dem schleichenden Ausbruch der Krankheit, erste Anzeichen wurden als Schusseligkeit bewertet und mit Ermahnungen wie „Reiß’ dich zusammen!“ abgetan. Das Verhältnis von Arno Geiger zu seinem Vater war nicht immer unproblematisch, aber nun im Angesicht der fortschreitenden Krankheit baut er Brücken zu ihm und es erwächst ein ganz neues Verhältnis zwischen Vater und Sohn. So zeigt auch dieses Buch, im Leben hat alles zwei Seiten.

Es ist ungemein schmerzhaft, mitzuerleben, wie ein Vater ins Vergessen sinkt und auch seine Kinder nicht mehr erkennt. Für Arno Geiger ist dies Anlass, offen über die Krankheit, aber auch über seine Familie zu schreiben. Er nutzt die Gelegenheit, das Leben seines Vaters aufzuarbeiten, erzählt aus dessen Leben, von den Höhen und Tiefen der väterlichen Krankengeschichte, sehr warmherzig von schweren, aber notwendigen Entscheidungen, die die Familie treffen musste und von dem schlechtem Gewissen der Angehörigen dem Kranken gegenüber. Durch diese Auseinandersetzung mit der Krankheit, dem Vater und letztlich mit sich selbst, kommen sich Vater und Sohn wieder näher, sie lernen einander auf eine andere, freundschaftliche Weise neu kennen. Geiger erzählt viele Geschichten und Anekdoten, anhand derer sich der Leser ein eigenes Bild vom Menschen August Geiger machen kann. Er ist nicht ohne Fehler, aber er ist wohl das, was man einen guten Menschen nennt. Obwohl der Leser deutlich spürt, die Krankheit hat den Vater voll im Griff, wirkt dieses Buch nie mitleidhaschend oder gar weinerlich geschrieben, sondern eher unterhaltend und erstaunlich leicht. „Der alte König in seinem Exil“ habe ich trotz der ernsten Thematik von Beginn an genossen. Besonders beeindruckt bin ich wieder von Geigers Einfühlungsvermögen und der Art wie es ihm gelingt, mit Worten Emotionen zu transportieren. Das Buch verströmte für mich von der ersten Seite an eine große Ruhe und Wärme und obwohl er das Schicksal des Vaters der Öffentlichkeit preisgab, hat er ihm seine Würde belassen und ihn nie bloß gestellt.

Über den Autor (Quelle: buecher.de)

Arno Geiger, geboren 1968 in Bregenz, Vorarlberg, wuchs in Wolfurt/Österreich auf. Er studierte Deutsche Philologie, Alte Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck und Wien. Seit 1993 lebt er als freier Schriftsteller. 1986 bis 2002 war er im Sommer auch als Videotechniker bei den Bregenzer Festspielen tätig. 1996 und 2004 nahm Arno Geiger am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen. 2008 wurde Arno Geiger mit dem “Johann-Peter-Hebel-Preis” geehrt.

27. April 2011

Buch der Woche (17. KW 2011)

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In dieser Woche empfiehlt der mdr figaro „Finito. Schwamm drüber“ von Kathrin Schmidt.

Amazon schreibt dazu:

Kurzbeschreibung

Eine Meisterin des Erzählens in jeder Form.Mit “Du stirbst nicht”, ihrem ausgezeichneten Roman über die Rückkehr ins Leben nach einer Hirnblutung, hat sich Kathrin Schmidt ein großes Lesepublikum erobert. Mit dem darauf folgenden Gedichtband “Blinde Bienen” hat sie die literarische Kritik begeistert, und nun folgt ein spätes Debüt: “Finito. Schwamm drüber.” ist ihr erster Band mit Erzählungen. Und auch diese sind von besonderer Qualität und einer beeindruckenden Vielfalt, sowohl im Ton als auch in den Themen und Perspektiven. Sie spannen den Bogen von der Zeit des geteilten Deutschlands bis in die Gegenwart, führen in Familien und Singlehaushalte, zeigen starke Frauen in schwachen Momenten und Männer, die nie so stark geworden sind, wie sie sich immer empfanden. Dabei beweist Kathrin Schmidt, wie groß das Repertoire ihrer erzählerischen Mittel ist und wie nah sie damit ihren Figuren kommen kann. Aus der Epikerin, die mit bildmächtiger Sprache und oft langen, kunstvoll gebauten Satzgefügen den Leser mitreißt, ist eine Meisterin der Verknappung geworden. Der Leser findet sich sofort in einer Szene, einer Stimmung, einem Konflikt – und geht mit. Titel wie “Laubers Lachen”, “Der Kirschgott” oder “Frau Ypsi und Herr Lon” zeigen, dass eines in jedem Fall nicht zu kurz kommt: der Humor. – Das neue Buch der Trägerin des Deutschen Buchpreises 2009

Über den Autor

Kathrin Schmidt, geboren 1958 in Gotha, arbeitete als Diplompsychologin, Redakteurin und Sozialwissenschaftlerin. Sie erhielt zahlreiche Preise, darunter den Leonce-und-Lena-Preis 1993. Ihr 1998 erschienener Roman “Die Gunnar-Lennefsen-Expedition” wurde mit dem Förderpreis des Heimito von Doderer-Literaturpreises und dem Preis des Landes Kärnten beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 1998 ausgezeichnet, ihr Roman “Du stirbst nicht” 2009 mit dem Preis der SWR-Bestenliste und mit dem Deutschen Buchpreis. Sie lebt in Berlin. 2010 erschien “Blinde Bienen”, Gedichte.

25. April 2011

Sina Beerwald – Das Mädchen und der Leibarzt

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Quedlinburg im Jahre 1802. Die Schwarzen Blattern forderten viele Opfer unter der Bevölkerung. Auch Helena, eine junge Hebamme, muss den Tod ihrer geliebten Großmutter beklagen. Ihr sehnlichster Wunsch war es, ähnlich wie Dorothea Erxleben, sich der Medizin zu widmen zu können und ein Mittel gegen diese Seuche zu finden. Nach einem heftigen Streit mit ihrem Verlobten verließ sie überstürzt Wernigerode. Auf der Flucht kam Helena der Fürstäbtissin vom Stift Quedlinburg nach einem Unfall zu Hilfe. Diese war beeindruckt vom resoluten Handeln Helenas und ermöglichte ihr die Lehre beim Stiftsarzt, Monsieur Dottore Tobler. Dieser war jedoch von seiner neuen Aufgabe alles andere als begeistert. Für ihn war es unvorstellbar, einer Frau sein Wissen weiterzugeben.

Vor dem Hintergrund der Napoleonischen Kriegen und der drohenden Säkularisation führt die Autorin den Leser in das Quedlinburger Stift. Sehr gut gelingt es Sina Beerwald, die Situation zu schildern, in der sich die dort lebenden Damen befinden. So wird auch schnell deutlich, dass Neid, Missgunst, Ränkespiele und Intrigen zum Tagesgeschehen gehören. Davon ist auch Helena, die ja nur Gast im Stift ist, betroffen. Helena, die fest davon überzeugt war, ein Mittel gegen die Schwarzen Blattern zu finden, geht mit ihren Theorien einen Weg, den der Stiftsarzt, der in seinem traditionellen Medizinerdasein verwachsen ist, nicht gehen will, gern aber einen möglichen Heilerfolg als den seinen verbuchen möchte. Für mich ist dieser griesgrämige, missmutige, egoistische Doktor der herausragende Charakter in dem Roman. Er war so facettenreich und glaubhaft beschrieben, da mussten die anderen Protagonisten – wenn auch nur ein wenig – zurückstecken. Besonders haben mich die medizinhistorischen Passagen erfreut. Der Konflikt zwischen der Anwendung althergebrachter Heilmethoden und der Suche nach neuen wurde von der Autorin sehr unterhaltsam gelöst. Dieser historische Roman war sehr angenehm zu lesen, bot gute Unterhaltung und ließ den Leser die Zeit vor gut 200 Jahren erleben. Einzig der Schluss des Romans hat mir nicht so gut gefallen. Das betrifft weniger die Romanhandlung, sondern vorrangig die Dramaturgie. Die letzten Kapitel erschienen mir etwas ereignisüberfrachtet und ein paar Szenen ein wenig widersprüchlich zu sein.

Mein Fazit: „Das Mädchen und der Leibarzt“ ist ein angenehm zu lesender und gut unterhaltender historischer Roman, der dem Leser ein Fenster in die Vergangenheit öffnet und interessantes Stück Medizingeschichte präsentiert. Bei mir wurde das Interesse an den weiteren Romanen der Autorin geweckt.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Sina Beerwald, 1977 in Stuttgart geboren, studierte Wissenschaftliches Bibliothekswesen. Nach ihren erfolgreichen Romanen „Die Goldschmiedin“, „Die Herrin der Zeit“ und „Das blutrote Parfüm“ liegt mit “Das Mädchen und der Leibarzt” nun ihr vierter historischer Roman vor.

21. April 2011

Buch der Woche (16. KW 2011)

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In dieser Woche empfiehlt der mdr figaro „Schutzengel“ von Paul Coelho.

Amazon schreibt dazu:

Kurzbeschreibung

Den Kampf um eine neue Welt trägt jeder zuerst in sich selbst aus. Bist Du dazu bereit? Nur etwas kann verhindern, dass wir unsere Träume verwirklichen: unsere eigene Angst. Schutzengel ein modernes spirituelles Abenteuer, in dem ein Mann mit seinen Zweifeln ringt und seine Ängste überwindet.

Über den Autor

Paulo Coelho, geboren 1947 in Rio de Janeiro, Studium der Rechtswissenschaften, danach Reisen nach Südamerika, Europa und Nordafrika. Zurück in Brasilien, Veröffentlichung von Theaterstücken und provokativer Rocksongs, die ihm über die Militarjunta der 70er Jahre dreimal ins Gefängnis einbrachten. Er ist Herausgeber einer Untergrundzeitschrift, eines Musikmagazins sowie Direktor von Polygram und CBS, Brasilien. Ab 1980 (Stellenverlust) 5 Jahre Studium in einem alten spanischen Orden und Zurücklegung des Pilgerwegs nach Santiago de Compostela. 2006 wurde Paulo Coelho mit dem mexikanischen Literaturpreis “Las Pergolas” ausgezeichnet.Maralde Meyer-Minnemann, geboren 1943 in Hamburg, lebt heute als Übersetzerin in Hamburg. 1997 erhielt sie den Hamburger Förderpreis für literarische Übersetzungen, 1997 den Preis Portugal-Frankfurt, 1998 den Helmut-M.-Braem-Preis.

19. April 2011

Sabrina Capitani – Das Spiel der Gauklerin

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Das Spiel der Gauklerin
Sabrina Capitani
Taschenbuch: 416 Seiten
Verlag: Piper
ISBN-13: 978-3492258258

Die Musik gehört allen

Leipzig 1573/74. Pauline Schwan, eine fahrende Spielfrau, ist gemeinsam mit dem kleinwüchsigen Jacobus von Antwerpen, Besitzer einer mobilen Wunderkammer, auf dem Weg nach Leipzig. Seit drei Jahren versucht sie sich allein durchzuschlagen, aber ausschließlich von ihrer Kunst leben zu können, gestaltet sich sehr schwierig. Deshalb ist die Leipziger Neujahrsmesse ihre letzte Chance zu Geld zu kommen, um den Winter unbeschadet zu überstehen. Ihr größter Wunsch wäre eine Anstellung als Hausmusikerin. Als Gauklerin muss sie vielen Vorurteilen begegnen. Aber vor allem will sie nur ihre Musik verkaufen, nicht sich selbst. Nach anfänglichen Vorbehalten der Wirtin gegenüber der Fahrenden ist sie im „Goldenen Rad“ untergekommen und darf dort abends musizieren. Gleich zu Beginn scheint ihr das Glück hold zu sein, sie bekommt einen Auftrag von Susanna Salet. Aber dann wird Moritz, der Sohn der Wirtin, entführt und nur wenig später wird bekannt, auch Daniel Salet ist verschwunden. Schnell fällt der Verdacht auf Jacobus, der daraufhin verhaftet wird. Als dann auch noch eine musizierende Hübschlerin, mit der Pauline kurz zuvor einen Streit hatte, tot aufgefunden wird, steckt auch die Spielfrau in Schwierigkeiten…

Die ersten Seiten dieses historischen Romanes haben mich sofort in ihren Bann gezogen. Pauline ist keine Schönheit, sie ist nicht vornehm und nicht gebildet. Sie ist eine kratzbürstige junge Frau mit Herz und Mund am rechten Fleck und sie hat eine große Leidenschaft, von der und für die sie lebt – die Musik. So natürlich, wie einem die Protagonistin dieses Buches begegnet, so glaubhaft erscheint ihr Wunsch, mehr über die Musik zu lernen und ihr Können ständig zu verbessern. Aber der Zeit geschuldet bleiben ihr viele Türen verschlossen, denn sie ist „nur“ eine Frau. Dabei befindet sich die Musik gerade im Umbruch. Emotionen erhalten einen bisher ungekannten Stellenwert in der Musik und davon kann die junge Spielfrau viel einbringen. Sehr kompetent führt Sabrina Capitani ihren Lesern das musikalische und handeltreibende Leipzig in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts vor Augen. Äußerst interessant fand ich ihre Ausführungen über die Musik. Aber auch der Marktplatz wurde in meinen Gedanken lebendig. Ich hörte die Marktfrauen feilschen, konnte den Duft förmlich riechen und den Klängen der Musikanten lauschen. Die detailreichen und sachkundigen Beschreibungen sind nicht nur ansprechend und aufschlussreich, sie fügen sich unaufdringlich in die Handlung ein und sind wunderbar zu lesen.

Ein großes Lob gebührt der Autorin auch für die Zeichnung der Charaktere. Neben Pauline wurden auch die anderen Personen lebensecht in die Handlung gefügt. Besonders habe ich die liebenswert rotzigen Straßenkinder ins Herz geschlossen. Die feinfühlige Charakterisierung ihrer Figuren in Verbindung mit der real wirkenden Szenerie gab mir das Gefühl, Geschichte miterleben zu können, etwas, das ich bei historischen Romanen sehr schätze und das sich wohltuend abhebt von den Romanen, in denen Protagonistinnen in Männerrollen gedrängt und dann lediglich in eine verstaubt anmutende Kulisse eingefügt werden.

Sehr gefallen hat mir das Ende des Romans, lässt es doch eine kleine Hoffnung aufleben, Pauline vielleicht noch einmal ein Stück auf ihrem Weg begleiten zu dürfen.

Mein Fazit: „Das Spiel der Gauklerin“ ist ein Buch für Herz und Verstand, für mich war es ein richtiges Wohlfühlbuch. Es hebt sich sehr positiv aus der Masse der historischen Romane ab und bekommt von mir eine unbedingte Leseempfehlung.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Sabrina Capitani, geboren 1953, studierte Germanistik, Publizistik und Kunst in Berlin und arbeitet seit zwanzig Jahren als Autorin für Hörfunk und Fernsehen. Sie schrieb Drehbücher für deutsche Kinderserien, Hörspiele für den SFB, für Radio Bremen und RAI und ist außerdem als freie Malerin tätig. Nach »Das Buch der Gifte« und »Der verborgene Brunnen« ist »Das Lied der Gauklerin« ihr dritter historischer Roman.

15. April 2011

Buch der Woche (15. KW 2011)

Einsortiert unter: Allgemeines,Empfehlungen — Karthause @ 20:34
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In dieser Woche empfiehlt der mdr figaro „Léon und Louise“ von Alex Capus.

Amazon schreibt dazu:

Kurzbeschreibung

Es ist die große Liebe: Léon und Louise begegnen sich an der Atlantikküste im Ersten Weltkrieg, doch dann reißt ein Fliegerangriff die beiden auseinander. Sie halten sich für tot. Léon heiratet, doch Louise, von leidenschaftlichem Temperament, geht ihren eigenen Weg – bis sie sich 1928 zufällig in der Pariser Métro wiederbegegnen. Der Beginn einer hinreißenden Dreiecks-Geschichte, die den Widrigkeiten des Lebens mit Aufrichtigkeit, Humor und Beharrlichkeit standhält. 

Über den Autor

Alex Capus, geb. 1961 in Frankreich, Studium der Geschichte und Philosophie in Basel. Journalist bei verschiedenen Schweizer Tageszeitungen. Der Autor lebt heute als freier Schriftsteller in Olten.

12. April 2011

Rebecca Skloot – Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks

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Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks
Rebecca Skloot
OT: The Immortal Life of Henrietta Lacks
Gebundene Ausgabe: 512 Seiten
Verlag: Irisiana
ISBN-13: 978-3424150759

Henrietta Lacks war Mutter von fünf Kindern und spürte seit geraumer Zeit einen Knoten am Muttermund. Als es zu Blutungen kam, ging sie zur gynäkologischen Untersuchung ins John Hopkins Hospital. Der Befund war eindeutig: Gebärmutterhalskrebs. Henrietta war Afroamerikanerin und in den Genuss einer über das Allernotwendigste hinausgehenden Bildung kam sie nie. Auch im Krankenhaus erklärte ihr niemand, welche Untersuchungen erforderlich seien, warum sie wie therapiert würde und sie stellte keine Fragen. Ohne ihre Zustimmung wurden ihr zwei Gewebeproben entnommen, mit denen der Wissenschaftler Georg Gey forschte und mit denen es ihm als Ersten gelang, menschliche Zellen am Leben zu erhalten. Henrietta Lacks starb am 4. Oktober 1951, ihre Zellen leben heute noch und sind aus der modernen Medizin nicht wegzudenken.
HeLa-Zellen sind weltweit in allen Forschungslaboratorien unabdingbar. Sowohl die Medizin- als auch die Genforschung sind ohne sie nicht mehr vorstellbar. Sie wurden ins Weltall transportiert, um an ihnen die Wirkung der Schwerelosigkeit zu erforschen und wurden atomarer Strahlung ausgesetzt, um deren Folgen abschätzen zu können. Sie dienen der Erforschung von Impfstoffen ebenso wie der Entwicklung neuer Therapien gegen Krebs und AIDS. Rebecca Skloot hat sich mit ihrem Buch einem äußerst interessanten Thema zugewandt und es für die Leser sehr ansprechend und allgemeinverständlich umgesetzt. Als Sachbuch konzipiert, bietet es neben der Wissensvermittlung noch gute Unterhaltung. Leser, die sich für belletristisch umgesetzte Medizingeschichte interessieren, werden auch an diesem Werk Freude haben, denn es ist gleichzeitig eine Familiengeschichte. Die Impertinenz ehrgeiziger Mediziner wird in diesem Buch ebenso thematisiert wie ethische Fragen der Wissenschaft und der zu damaliger Zeit in den USA vorherrschende Rassismus. Rebecca Skloot macht öffentlich, was bislang nicht bekannt war. Sie schreibt von den immensen Summen, die mit diesen Zellen verdient wurden und werden und von der Armut der Familie Lacks, die davon keinen Cent sah und verdeutlicht damit die Kernfrage, wem gehören diese Zellen. Die Autorin bereitet dieses Thema nicht chronologisch auf. Aber als Orientierung ist zu Beginn eines jeden Kapitels am oberen Seitenrand ein Zeitstrahl abgedruckt, der über die in diesem Abschnitt behandelte Zeit Auskunft gibt. Außerdem enthält das Buch auf Fotos der Familie Lacks, ausführliche Anmerkungen und ein Personenregister.
„Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks“ ist ein wissenschaftliches, spannendes und zutiefst menschliches Buch. Es informiert, macht nachdenklich und lässt sich darüber hinaus noch ausgezeichnet lesen. Ich empfehle es gern weiter.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Rebecca Skloot hat Biologie und Kreatives Schreiben studiert. Sie ist prämierte Wissenschaftsjournalistin und Bloggerin, deren Artikel unter anderem im „New York Times Magazine“, Discover Magazine“ und in „The Oprah Magazine“ veröffentlicht wurden. Als Korrespondentin hat sie für NPR’s RadioLab und PBS’s Nova ScienceNOW gearbeitet. Sie unterrichtet Naturwissenschaftler im kreativen Schreiben an der University of Memphis und an der University of Pittsburgh und hält zahlreiche Vorträge. “Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks“ ist ihr erstes Buch, an dem sie 10 Jahre gearbeitet hat und dem auf Anhieb der Sprung unter die Top Ten der New-York-Times-Bestellerliste gelang.

9. April 2011

Buch der Woche (14. KW 2011)

Einsortiert unter: Allgemeines,Empfehlungen — Karthause @ 11:23
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In dieser Woche empfiehlt der mdr figaro „Im Museum“ von Peter Handke.

Buecher.de schreibt dazu:

Der große Fall - Peter HandkeBeschreibung

Die Geschichte eines müßiggängerischen Schauspielers, an einem einzigen Tag, vom Morgen bis tief in die Nacht: Das Gehen durch eine sommerliche Metropole, von den Rändern bis in die Zentren. Die Begegnungen: mit den Läufern, den Obdachlosen, den Paaren, dem Priester, den Polizisten. Ein Weg mitten durch Nachbarnkriege, vorbei an überlebensgroßen Leinwandpolitikern, dann inmitten von Untergrundfahrern aus einer anderen Welt. Wetterleuchten in der Stadtmitte. Und das Gesicht einer Frau.
Peter Handke, geb. 1942 in Griffen/Kärnten. Nach seiner Kindheit, die er im Berliner Ostsektor und in Griffen verlebte, studierte er in Graz Jura. 1965 brach er nach der Veröffentlichung seines ersten Romans sein Studium ab und arbeitet seither als freiberuflicher Schriftsteller. Er lebte zunächst in Graz, dann in Düsseldorf und Berlin, Paris, Kronberg im Taunus, in den USA und ab 1979 längere Zeit in Salzburg. Zur Zeit wohnt er in Chaville in Frankreich. 1973 wurde Peter Handke mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet und 2007 erhielt er den Berliner Heinrich-Heine-Preis, 2008 den Thomas-Mann-Literaturpreis, 2009 wurde er mit dem Franz-Kafka-Literaturpreis ausgezeichnet.

 

4. April 2011

Alia Yunis – Feigen in Detroit

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Feigen in Detroit
Alia Yunis
Gebundene Ausgabe: 472 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag
ISBN-13: 978-3351033224

Vor 992 Nächten zog die 82-jährige Fatima von Detroit zu ihrem Lieblingsenkel Amir, der auf die große Karriere als Schauspieler hofft, nach Los Angeles. Seit dem erscheint ihr in jeder Nacht Scheherezade, die jedoch für alle anderen unsichtbar ist und lässt sich von Fatima die Geschichten ihres Lebens erzählen und Fatima hat davon viele. Sie berichtet von ihren beiden Ehemännern, Marwan, der früh verstarb und Ibrahim, von dem sie annahm, er hätte sie nur aus Pflichtgefühl heraus geheiratet und von dem sie sich nach über 50 Ehejahren trennte, von ihren 10 Kindern, die alle ihre eigenen Wege gehen und über die ganzen USA verteilt leben und sie schwelgt in Erinnerungen an ihr Haus in Deir Zeitoun im Libanon. Da sie sich sicher ist, nach der 1001. Nacht sterben zu müssen, hat sie in der verbleibenden Zeit noch viel zu erledigen, sie muss eine Frau für den schwulen Amir finden, damit sie ihm das Haus im Libanon vererben kann und auch für ihre anderen Besitztümer sind geeignete Erben zu finden. Zwischen den nächtlichen Unterhaltungen reist Scheherezade mit ihrem fliegenden Teppich zu den Kindern und Enkeln. Sie schaut wie es ihnen ergeht und begleitet sie auf einem kurzen Stück ihres Lebensweges.

Bei Scheherezade laufen die Handlungsfäden dieses Romans zusammen. Sie ist es, die Fatimas Erzählungen lauscht, um sich kurz darauf zu einem der Kinder oder Enkel zu begeben. So lernt der Leser nach und nach die gesamte Familie Fatimas kennen, ein im Buch enthaltener Stammbaum erleichtert dabei die Orientierung. Die Kinder sind sich fremd, nur Amir informiert hin und wieder die „Fatima-Angehörigen“ per E-Mail, in der jedoch das Wetter die bedeutendste Rolle spielt, schließlich will er die Familienmitglieder nicht beunruhigen oder gar mit zusätzlichen Problemen belasten. Zugegebenermaßen hatte ich zu Beginn des Romanes ein kleines Problem mit der durch Scheherezade und ihr Reisegefährt entstandenen Märchenhaftigkeit dieses Buches. Im Laufe der Zeit fand ich aber Gefallen an dieser Erzählweise, kam so doch ein zusätzlicher arabischer Hauch in die Handlung. Das Märchenhafte wurde aber auch dadurch abgemildert, dass die Autorin die zeitgeschichtlichen Aspekte nie ganz aus dem Blick verlor und die Handlung gut damit verknüpfte.

Alia Yunis Romanfiguren sind mit Leben erfüllt. Sie haben eigene Charaktere, wirken mitunter schrullig und sehr speziell und sind die Puzzleteilchen für ein facettenreiches Bild einer Großfamilie, die sich ein wenig aus den Augen und aus dem Herzen verloren hat.

Die Autorin hat mit ihrem Debütroman einen Familienroman geschrieben, der nicht die heile Familie in dem Mittelpunkt rückt. Tief in sich trägt  jedes der Familienmitglieder zwar eine Harmoniesehnsucht, in der Realität sind jedoch Entfremdung, Nichtverstehen, Einsamkeit in der Großfamilie und unterschiedlicher Umgang mit der Familientradition vordergründig. Ein für diesen Roman bedeutungsvolles Thema ist die Integration der arabischen Einwandererfamilie in die us-amerikanische Gesellschaft, von Familienangehörigen, die amerikanischer sind als die Amerikaner, bis hin zu denen, die nur soweit wie nötig integriert sind, findet der Leser alle Abstufungen.

Alia Yunis erzählt Geschichten zum Schmunzeln und Lachen, zum Nachdenken und Weinen. Urkomische Szenen und sehr nachdenklich machende stehen in einem sehr guten Verhältnis und ließen mich diesen Roman sehr gern lesen. „Verhörgerät“ und „Gackermolke“ sind für mich die Wortschöpfungen des Buches. Auch wenn der Roman in der zweiten Hälfte ein wenig abflacht, so steigert die Autorin die Spannung zum Ende hin noch einmal und verabschiedet die Leser mit einem bittersüßen Finale.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Alia Yunis, Tochter eines libanesischen UN-Diplomaten, aufgewachsen im Mittleren Westen der USA und im Mittleren Osten, arbeitete als Journalistin und Filmemacherin in Los Angeles und ist zurzeit Dozentin für Kommunikationswissenschaft an der Universität von Abu Dhabi. Sie ist Mitglied der PEN Emerging Voices.

2. April 2011

Buch der Woche (13. KW 2011)

Einsortiert unter: Allgemeines,Empfehlungen — Karthause @ 18:12
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In dieser Woche empfiehlt der mdr figaro „Im Museum“ von Hartmut Lange

Amazon schreibt dazu:

Kurzbeschreibung

Das Deutsche Historische Museum in Berlin ein “Schuppen voller Plunder”? Oder ein Ort, der Geschichte sichtbar macht? Mit Sicherheit ein Ort der irritierenden Erscheinungen…

Über den Autor

Hartmut Lange, 1937 in Berlin-Spandau geboren, studierte an der Filmhochschule Babelsberg Dramaturgie. 1960 erhielt er eine Anstellung als Dramaturg am Deutschen Theater in Ostberlin. Von einer Reise nach Jugoslawien kehrte er nicht in die DDR zurück. Er ging nach Westberlin, arbeitete für die Schaubühne am Halleschen Ufer, für die Berliner Staatsbühnen und am Schiller- und am Schloßpark-Theater. Lange schreibt Dramen, Essays und Prosa. 2003 wurde er für sein Werk mit dem Italo-Svevo-Preis ausgezeichnet.

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