Karthauses Bücherwelt …

24. September 2008

Muriel Barbery – Die Eleganz des Igels

Einsortiert unter: 2008,Belletristik — Karthause @ 18:08

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In der Pariser Rue de Grenelle 7 wohnen auch die 12jährige Paloma und die verwitwete 54 jährige Renée. Paloma ist die jüngste Tochter einer reichen Familie. Renée ist die Concierge des noblen Hauses. Beide verbindet ihre ungewöhnliche Intelligenz. Beide versuchen, diese so gut wie möglich zu verbergen. Sie wollen nicht auffallen. So vertrauen sie ihre Gedanken lediglich ihren Tagebüchern an und spielen im Alltag die Rolle, die von ihnen erwartet wird. Das fällt Renée deutlich schwerer, sie ist im Haus eine öffentliche Person, so hat sie in dem den Blicken der Hausbewohner ausgesetzten Bereich Bücher von Barbara Cartland liegen, in ihren privaten Räumen dagegen liest sie Tolstoi. Paloma sieht in dem Leben, das die Erwachsenen führen, keinerlei Sinn, sie will für sich die Konsequenzen daraus ziehen.

Egoismus, Dekadenz, Eitelkeit und Selbstverliebtheit prägen das Bild, das man sich über die begüterten Bewohner dieses Hauses macht. Erst als der Japaner Ozu in dieses Haus einzieht, halten mit ihm Menschlichkeit, Verständnis und Wärme Einzug.

Auf den ersten 100 Seiten habe ich mich mit diesem Buch etwas schwer getan. Einzig die wirklich schöne Sprache hat mich davon abgehalten, es zur Seite zu legen. Stellenweise fühlte ich mich belehrt. Mir waren die Kapitel zu kurz. Die philosophischen Gedanken waren nicht immer zu Ende gedacht. Das Buch fühlte sich für mich an, als hätte sich die Autorin, die selbst Philosophin ist, von „Sophies Welt“ inspirieren lassen. Aber mit Eintritt des Herrn Ozu in die Handlung, gab es für mich beim Lesen die Wende. Erschien mir „Die Eleganz des Igels“ bis dahin etwas blutleer, so las ich von nun an mit viel Freude und Begeisterung weiter. Für meine Anfangsschwierigkeiten wurde ich entschädigt. Der wirklich schöne Stil der Autorin, der durch die Übersetzung nicht gelitten hat, zog sich konsequent durch das gesamte Buch. Das Buch endete für mich unerwartet. Der Schluss erschien mir aber ein wenig zu pathetisch.

Mein Fazit: „Die Eleganz des Igels“ ist ein empfehlenswertes Buch, allerdings hatte ich höhere Erwartungen und war vielleicht deshalb zu Beginn etwas enttäuscht. Es beinhaltet viele Denkanstöße und Gedankengänge, die es wert sind, weiter gesponnen zu werden.

Broschiert: 360 Seiten * Verlag: Dtv * ISBN-13: 978-3423246583

 

23. September 2008

Hans-Joachim Noack – Helmut Schmidt. Die Biografie

Einsortiert unter: 2008,Biografie/Erfahrungen — Karthause @ 17:51

Der bevorstehende 90. Geburtstag von Helmut Schmidt, Bundeskanzler a. D., am 23. Dezember 2008 ist für den Politikjournalisten Hans-Joachim Noack Anlass, über das bewegte Leben des Staatsmannes zu berichten. Bereits seit Jahren sind beide eng vertraut und für diese Biografie öffnete Helmut Schmidt sein Privatarchiv.

 

Hans-Joachim Noack berichtet kurz über die Kindheit und die Jugendjahre Helmut Schmidts. Sein Ehrgeiz und seine Zielstrebigkeit sind bereits in jungen Jahren deutlich erkennbar. Sehr früh lernt Helmut Schmidt Hannelore (Loki) Glaser kennen, beide hat schon in Kindertagen eine enge Freundschaft verbunden. Nach dem Abitur leistet er seinen Wehrdienst ab, kurz vor Beendigung dessen beginnt der Zweite Weltkrieg, den der junge Mann zwar voller Ehrgeiz , aber mit wenig nationalsozialistischer Überzeugung mitmacht. Später sagt er über diese Zeit, er sei zwar kein Held aber eben auch kein Schwein gewesen. 1942 heiratet er Hannelore. Zum Ende des Krieges entkommt er wegen kritischer Äußerungen nur knapp und mit Hilfe seiner direkten Vorgesetzen einer Verurteilung. Das Ende des Krieges erlebt er in britischer Kriegsgefangenschaft. Dort lernt er Hans Bohnenkamp kennen, der ihm bezüglich des Nationalsozialismus die letzten Illusionen nimmt und ihn politisch prägt. So wird er 1945 Mitglied der SPD.

 

Nach seiner Entlassung studiert Helmut Schmidt Volkswirtschaftslehre und arbeitet nach erfolgreichem Abschluss in verschiedenen Positionen im Hamburger Senat. 1962, als Schmidt, inzwischen Innensenator der Hansestadt, während der Sturmflut die Rettungsmaßnahmen organisiert, legt er den Grundstein für seinen Ruf als Krisenmanager. Innerhalb der Partei macht er, immer noch brennend vor Ehrgeiz, schnell Karriere. Schon als junger Politiker ist er ein Meister der Selbstinszenierung und ein hervorragender Rhetoriker. Bewusst bricht er manch innerparteilichen Konflikt vom Zaun. Er ist in seinem „Verein“ – wie er die SPD nennt – ein unbequemes Mitglied, einer, der immer etwas arrogant und belehrend wirkt. Das Verhältnis zu Willy Brandt war stets problembehaftet, zeitweise sogar zerrüttet. Zahlreiche Beispiele führt der Autor an, um zu belegen, dass Pragmatismus für Helmut Schmidt immer wichtiger als politische Linientreue ist. Trotz politischer Disharmonien wird er im Mai 1974 zum 5. Bundeskanzler der Bundesrepublik gewählt. Die Ämter, die er zuvor innehatte, Bundesverteidigungsminister, Bundeswirtschaftsminister und Bundesfinanzminister, befähigen ihn dazu wie keinen anderen. Besondere Herausforderungen während seiner Kanzlerschaft sind der Antiterrorkampf gegen die „Rote Armee Fraktion“, die Verbesserung des internationalen Ansehens Deutschlands, die Abrüstungsbemühungen und der damit eng verbundene NATO-Doppelbeschluss, infolge dessen er 1982 gestürzt wird.

 

Seit 1983 ist Schmidt Mitherausgeber der Wochenzeitschrift „Die Zeit“, seine umfangreichen Erfahrungen fließen in eine Vielzahl von Büchern ein und noch heute hält er weltweit Vorträge zu aktuellen politischen Problemen. Hans-Joachim Noack würdigt aber auch Schmidts große Liebe zur Kunst.

 

In seinem Buch gelingt es Noack, das Leben und das Werk des ehemaligen Regierungschefs zu würdigen und historisch einzuordnen. Diese von Sympathie geprägte, aber auch Kritik nicht aussparende Biografie ist das, was Kenner der Szene als biografisches Psychogramm bezeichnen. Zahlreiche Fotos aus dem Archiv des Altkanzlers runden dieses Werk ab.

 

Helmut Schmidt ist mir vor der Lektüre dieser Biografie natürlich kein Unbekannter gewesen. Der Mann mit der Prinz-Heinrich-Mütze, (fast) immer mit Zigarette und hanseatisch kühl hat mich schon in jungen Jahren beeindruckt, war er doch in seiner Art so anders als alle bundesdeutschen Kanzler vor ihm. Hans-Joachim Noack versucht zu erklären, warum Schmidt ist wie er ist. Dabei verzichtet er auf boulevardjournalistische Berichte, er bringt mir den Politiker und ein Stück auch den Menschen Helmut Schmidt näher, sein Privatleben bleibt weitgehend verborgen. Mir hat diese Mischung sehr gut gefallen.

 

Gebundene Ausgabe: 320 Seiten * Verlag: Rowohlt Berlin Verlag GmbH * ISBN-13: 978-3871345661

 

21. September 2008

Clemens Meyer – Als wir träumten

Einsortiert unter: 2008,Belletristik — Karthause @ 12:24

Klappentext

Nach den Kinderspielen kommen die Kämpfe: Rico, Marc, Paul und Daniel wachsen auf im Leipzig der Nachwendejahre, zwischen Autoklau, Alkohol und Angst, zwischen Wut und Zerstörung. Jede Nacht ziehen sie durch die Straßen. Sie feiern, sie klauen, Sie fahren ihr Leben gegen die Wand. Sie sind frei und dem Leben ausgeliefert. Mit direkter, wütender, sensibler und authentischer Stimme erzählt dieser Roman von diesem Traum, dass irgendwo ein besseres Leben wartet.

 

 

Meine Meinung

In meiner Taschenbuchausgabe habe ich die ersten 3 Kapitel (55 Seiten) gelesen. Damit beende ich dieses Werk. Bewusst habe ich bisher noch keinen Wende-/Nachwenderoman gelesen, dabei hätte ich es auch belassen sollen. Selten habe ich so viele Klischees aneinandergereiht gelesen. Das Klientel, dass Meyer zu seinen Protagonisten macht, der dazugehörige Jargon, das ist nicht meine Welt. Außerdem konnte ich bisher so gar keine Chronologie bzw. richtige Zusammenhänge erkannt. Tut mir Leid, ich hatte mir von diesem Buch mehr versprochen.

 

 

Broschiert: 528 Seiten * Verlag: Fischer (Tb.) * ISBN-13: 978-3596173051

 

 

10. September 2008

Tanja Kinkel – Säulen der Ewigkeit

Einsortiert unter: 2008,History — Karthause @ 16:29

http://www.amazon.de/S%C3%A4ulen-Ewigkeit-Tanja-Kinkel/dp/3426198169/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books&qid=1232555805&sr=1-1 

Tanja Kinkel führt den Leser in diesem Roman in das Ägypten des 19. Jahrhunderts. Die Archäologie steckt noch in den Kinderschuhen und nur wenige Mutige wagen sich nach den Schätzen der Pharaonen zu suchen.

Sarah, die Heldin des Romans, wächst in einem Waisenhaus auf. Sie ist klug und so unterrichtet sie bereits als Jugendliche andere Kinder im Heim. Später arbeitet sie als Gesellschafterin bei einer alten Dame, bis sie den italienischen Artisten Giovanni Belzoni kennen lernt, den sie heiratet und mit den sie halb Europa bereist, bevor sie als eine der ersten Frauen im Jahr 1815 mit ihm in Ägypten ankommt. Belzoni versucht sich zuerst mit dem Bau einer Wasserpumpe, als er damit scheitert, beginnt er, angeregt durch den französischen Konsul Drovetti, nach Altertümern zu suchen. So birgt er den Kopf des Memnon. Wenig später legt er Abu Simbel frei und öffnet die zweite Pyramide als erster Mensch der damaligen Zeit. Alles geschieht im Wettlauf um Ansehen und Ehre mit Drovetti, der erst ein Freund war, dann zum Konkurrenten und später zum Feind wurde. Denn dieser kämpft nicht nur um die Altertümer Ägyptens, er kämpft auch um Sarah Belzoni, die ungewöhnliche Frau hat ihn mit ihrer pragmatischen Art stark beeindruckt.

Säulen der Ewigkeit“ ist ein hervorragend recherchierter Roman. Die Protagonisten sind reale Personen und nur ganz wenige Details wurden im Sinne einer stimmigen Geschichte von der Autorin angepasst. Der historische Hintergrund und die sehr gut beschriebenen landestypischen Eigenheiten ließen ein farbenprächtiges Bild Ägyptens vor meinem inneren Auge entstehen. Die Autorin brachte mir die Lebensweise der Einheimischen, aber auch die Schwierigkeiten im Alltag der Ausländer in diesem Land näher. Sie beschrieb anschaulich das Leben und die Religion der Moslems und der Christen, deren Eigenheiten und Traditionen.

Sarah Belzoni nahm nachgewiesenermaßen eine ganz ungewöhnliche Entwicklung. War sie mit ihren Ansichten zu Beginn des Romans noch in England der damaligen Zeit fest verwurzelt, so entwickelte sie sich zur eigenständig denkenden und handelnden modernen Frau in Ägypten. Die Rolle der duldsamen Ehefrau füllte sie nicht aus. Ihr Leitspruch ist: „Was immer du tun willst, fang damit an.“ Sie lebt ihn. Sarah Belzoni ist in diesem Roman in eine Dreiecksbeziehung verstrickt, für die es in der Historie keine Beweise gibt, allerdings gibt es Hinweise, die darauf hindeuten, dass es so gewesen könnte. Diese Geschichte ist sehr gut in das Geschehen eingebaut. Sie ist vollkommen frei von Herz-Schmerz und Kitsch.

Tanja Kinkel bedient sich einer einfachen, aber sehr einfühlsamen Sprache. Die historischen Fakten verknüpft sie geschickt mit der Romanhandlung. Man könnte ihren Roman auch problemlos als Romanbiografie bezeichnen, so eng hält sie sich an die von der Geschichte vorgegebenen Eckdaten. Die Spannung bleibt fast durchgängig erhalten, in nur ganz wenigen Szenen schleichen sich Längen in die Handlung ein. Dem Buch sind noch hilfreiche Karten und Zeichnungen sowie eine umfangreiche Bibliografie beigefügt.

Mein Fazit: „Säulen der Ewigkeit“ ist ein äußerst interessanter, detailgetreuer, historischer Roman, den ich sehr gern gelesen habe. Die enge Bindung an belegte Fakten machte das Buch an keiner Stelle lehrbuchhaft oder gar schwer lesbar. Wer sich für ägyptische Geschichte, Archäologie und historische Romane interessiert, kommt an diesem Buch sicher nicht vorbei.

Vom Verlag wurde noch eine Homepage für das Buch eingerichtet, die noch viele interessante Informationen bereit hält.

Gebundene Ausgabe: 688 Seiten * Verlag: Droemer/Knaur * ISBN-13: 978-3426198162

8. September 2008

Louis Begley – Mistlers Abschied

Einsortiert unter: 2008,Belletristik — Karthause @ 15:51

Krebs im Endstadium. Inoperabel. Medikamente können das Leben verlängern, sie können ihn aber nicht heilen. Ohne medizinische Hilfe bleiben ihm nur noch Monate zu leben. Mit dieser Diagnose wird der erfolgreiche Chef einer Werbeagentur bei seinem Arztbesuch konfrontiert. Ohne die Familie zu informieren, nutzt Mistler eine Europareise, um noch einmal Venedig zu besuchen. Unverhofft trifft er dort auf ein flüchtige Bekannte. Eine kurze, aber intensive Affäre ist die Folge dieses Zusammentreffens. Mistler ist aber zu sehr in seiner Gedankenwelt verstrickt, als dass er sich völlig auf die junge Frau einlassen könnte. Das schnelle Ende dieser Beziehung ist unumgänglich. Mistlers Tagträume geben viel von ihm und seiner Gedankenwelt preis. Ehrgeizig, war er, rücksichtslos, berechnend und in seinen Augen ein ganz passabler Liebhaber. So hat er nur noch zwei Wünsche: Schmerzfrei zu sterben und keine Rechenschaft über Sünden abgeben zu müssen.

“Mistlers Abschied” ist ein sehr berührendes Buch. Mistler, ein Leben lang erfolgreich, wird seinen letzten Kampf, den gegen den Krebs, verlieren. Er tritt eine Reise an, um zu sich zu finden, lässt in Venedig sein Leben Revue passieren und genießt noch einmal die Liebe. Familiäre Unstimmigkeiten sieht er nun aus einem anderen Blickwinkel. Er kann sogar seinen Sohn bitten, nach Hause zu kommen und auch die ungeliebte Schwiegertochter mitzubringen. Es war wieder der bekannte Stil von Begley, der mich gefangen genommen hat und doch ist dieses Buch anders alle anderen, die ich von diesem Autor bisher las, es ist ruhiger, nachdenklicher. Bereits zu Beginn dieses Buches machte ich mir Gedanken, wie Begley die Handlung letztendlich auflösen würde. Ich hatte Angst vor großem Pathos. Aber auch das hat er sehr einfühlsam und mit großer Symbolkraft gelöst. Einen Begley lese ich immer wieder gern.

Taschenbuch: 283 Seiten * Verlag: Suhrkamp * ISBN-13: 978-3518396131

3. September 2008

Jeffery Deaver – Der gehetzte Uhrmacher

Einsortiert unter: 2008,Krimi/Thriller — Karthause @ 18:06
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Kurzbeschreibung (www.amazon.de)

Er mordet mit der unfehlbaren Präzision eines Schweizer Uhrwerks

“Der kalte Vollmond scheint die Erde an: Das Ende der Reise, die mit der Geburt begann.” Der Uhrmacher

Blutige Handabdrücke auf einem Pier – die Leiche fortgerissen von den eiskalten Fluten des Hudson River. Ein toter Mann in einer dunklen Seitengasse des Broadway – sein Brustkorb zerquetscht von einem tonnenschweren Eisenquader … Lincoln Rhyme und Amelia Sachs können zwar kein Motiv für die quälend grausamen Morde entdecken, doch dafür hat der Täter an beiden Tatorten deutliche Spuren hinterlassen: kleine, laut tickende Standuhren, die unerbittlich die letzten Sekunden im Leben der Opfer herunter zählten – die unverwechselbare Visitenkarte des “Uhrmachers”. Fieberhaft machen sich die beiden Ermittler auf die Jagd und erhalten dabei unschätzbare Hilfe von einer neuen Kollegin: Kathryn Dance, eine weltweit anerkannte Spezialistin für Körpersprache, entlarvt Falschaussagen präziser als jeder Lügendetektor. Und tatsächlich scheint mit ihrer Unterstützung der Täter schon bald entlarvt. Doch dann wird klar: Der Uhrmacher ist seinen Verfolgern längst einen entscheidenden Schritt voraus, und irgendwo im Verborgenen tickt ein Zeitzünder unerbittlich gegen Null … Der siebte Fall für den genialen gelähmten Ermittler Lincoln Rhyme und seine Partnerin Amelia Sachs!

Meine Meinung

“Nichts ist, wie es scheint.”

Der gehetzte Uhrmacher“ ist der 7. Fall des Ermittlerduos Rhyme/Sachs.

In New York treibt ein Mörder sein Unwesen, der seine Opfer scheinbar willkürlich auswählt und an jedem Tatort eine laut tickende Uhr als persönliches Markenzeichen hinterlässt. Lincoln Rhyme ist wieder gefordert und in altbekannter Manier lässt Deaver den Leser direkt an den Ermittlungen teilnehmen. Die Ermittlungslisten werden von Kapitel zu Kapitel umfangreicher, aber dem Täter scheinen weder Rhyme noch der Leser näher zu kommen. Gleichzeitig ist Amelia Sachs dabei, ihren ersten eigenen Fall als Ermittlerin zu bearbeiten. So steht sie Rhyme nicht in dem Maße zur Verfügung, wie er sie benötigt. Dafür kommt ihm Kathryn Dance zu Hilfe, sie ist Spezialistin für die Analyse der Körpersprache. Rein zufällig stehen die beiden Fälle, dann aber doch in einem direkten Zusammenhang. Der Thriller nimmt noch einige unverhoffte, manchmal auch unnötige Wendungen, aber am Ende kommen Rhyme und Sachs ans Ziel und beide Fälle werden gelöst.

Jeffery Deavers Thriller um das Ermittlerpaar Rhyme/Sachs standen für mich immer als Garanten für Spannung und gute Unterhaltung. In dieser Hinsicht war ich von diesem etwas enttäuscht. Der Thriller hatte unerwartete Längen und auch der Spannungsbogen konnte nicht durchweg gehalten werden. Immer wieder flachte die Geschichte ab, obwohl der Plot an sich gut war. Einige Seiten weniger hätten die Handlung gestrafft und wären sowohl für das Buch als auch für mich als Leser von Vorteil gewesen. Etwas gestört haben mich auch die manchmal einfach zu durchschauenden Handlungskonstrukte. Überzeugt hat mich dieser Thriller nicht. Vielleicht hat sich nach den 7 Fällen die Story um die beiden Ermittler auch einfach nur abgenutzt. Vieles von der Genialität, mit der die beiden in den vorherigen Fällen brillierten, war unauffindbar.

Mein Fazit: „Nichts ist, wie es scheint.“ Und nicht in jedem Deaver ist die erwartete Spannung drin, die der Klappentext verspricht. Leider. Vielleicht bin ich auch mit zu hohen Erwartungen an dieses Buch gegangen. Aber der nächste Thriller „Die Menschenleserin“ ist schon in der Warteschleife. Ich bin gespannt.

Gebundene Ausgabe: 480 Seiten * Verlag: Blanvalet * ISBN-13: 978-3764502027

Arthur Schnitzler – Traumnovelle

Einsortiert unter: 2008,Klassiker/Weltliteratur — Karthause @ 17:58

 

Kurzbeschreibung (www.amazon.de)

Die Geschichte einer Ehe in faszinierenden und beklemmenden Bildern: Nach den unheimlichen erotischen Erlebnissen einer Nacht, seinen in einer traumhaften Wirklichkeit und ihren im Traum, erkennen beide ihre unerfüllten Wünsche und Begierden und finden einen Weg aus der Krise.

Faszinierend schildert Arthur Schnitzler das parallele, stark erotisch bestimmte Erleben des Paares Fridolin und Albertine. Er ließ sich auf mysteriöse Weise in eine orgiastische Gesellschaft führen – sie ist in die Erregung eines unvergleichbaren Traumes geglitten. Die Fremde, die Fridolin in dieser leidenschaftlichen Nacht kennenlernt, opfert sich für ihn, weil in dieser bacchantischen Runde jeder Uneingeweihte zum Tode verurteilt ist. Albertine gibt sich im Traum einem eher zufälligen Bekannten hin und sieht ruhig zu, wie ihr Mann für seine Treue zu ihr sich kreuzigen lässt. Fridolin erkennt, als sie ihm dies erzählt, in der Fremden seine eigene Frau.

Das Buch diente als Vorlage für den Film “Eyes Wide Shut” von Stanley Kubrick mit Tom Cruise und Nicole Kidman in den Hauptrollen.

Meine Meinung

Lange, viel zu lange, stand dieses Meisterwerk ungelesen in meinem Regal. Fast schon in minimalistischen Stil beschreibt Schnitzler die Szenen einer Ehe. Mit wenigen Worten vermag er beeindruckende Bilder zu zeichnen, er führt den Leser immer dicht an der Grenze zwischen Traumwelt und Realität. Kein Wort ist zu viel oder überflüssig. Erstaunlich welche Tiefe und Fülle er auf nur 95 Seiten bannen kann. Schnitzler bediente sich dabei vieler zu deutender Traumbilder – Freud lässt grüßen – die ich zugegebenermaßen oft sicher nur unzureichend zu interpretieren vermochte. Für seine Zeit erzählt Schnitzler erstaunlich frei von den offenen und versteckten erotischen Wünschen der Eheleute; von den Erlebnissen Fridolins, der in allen Frauen immer nur Albertine suchte und von der Wehmut, die Albertine befiel, wenn sie daran dachte, ohne jegliche erotische Erfahrung in die Ehe gegangen zu sein.

Traumnovelle“ ist trotz der Kürze, wahrscheinlich aber gerade deswegen, ein äußerst komplexes Werk, das mich zwar fasziniert, aber sich mir in seiner Gänze noch nicht völlig erschlossen hat. Es wartet also auf ein „noch einmal Lesen“, das wird aber erst geschehen, nachdem ich mich ein wenig in die Welt Sigmund Freuds eingelesen habe.

Gebundene Ausgabe: 95 Seiten * Verlag: Anaconda * ISBN-13: 978-3938484562

Sabine Prilop – Das Mühlengrab

Einsortiert unter: 2008,Krimi/Thriller — Karthause @ 17:50

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Kurzbeschreibung (www.amazon.de)

Der schöne Rostocker Kommissar mit dem schicken Roadster, der Leidenschaft fürs Kochen und dem flotten Schlagstock beim Trommeln in seiner Jazzband ist schwer angeschlagen. Thomas Bellroth trauert um die Frau, die er heiraten wollte. Rache an Sonjas Mörder ist der einzige Gedanke, für den sein Kopf noch zu taugen scheint bis man ihn in Urlaub schickt, in die Provinz zwischen Gifhorn und Braunschweig, zu seinem Vater. Dort beginnt eine ganz andere Art von Jagd: eine Schatzsuche in alten Mühlen. Thomas ist nicht der einzige in diesem mörderischen Spiel, in dem sich Gegenwart und Vergangenheit verweben. Aber was er zuerst dabei zu Tage fördert, hatte er nie wiederfinden wollen: Erinnerungen an seine Kindheit. Der Tag, an dem sein Vater in den Westen floh …Vor dem Hintergrund der Atmosphäre der ländlichen Kleinstadt Gifhorn und der Faszination ihres Mühlenmuseums entwickelt Sabine Prilop ganz nebenher eine deutsch-deutsche Familiengeschichte und eine Vater-Sohn-Beziehung, die ebenso spannend ist wie der Kriminalfall, in den Bellroth in Meine hineingezogen wird. Es ist nicht nur ihr Insiderwissen über die Polizeiarbeit, die Prilops Romanfiguren authentisch macht.

 

Meine Meinung

Organisierte Kriminalität, eine unaufgearbeitete Familiengeschichte und Heideidyll sind die Zutaten für diesen Krimi. Mein erster Gedanke, nach dem ich den Klappentext las, war: ‚Das geht gar nicht.’ Aber schon nach wenigen Seiten war ich von dem Krimi, der für mich fast mehr eine Familiengeschichte war, gepackt. Ich wollte mehr wissen über den Rostocker Kommissar Thomas Bellroth, sein kompliziertes Verhältnis zu seinem Vater und die geheimnisvollen Geschichten um den Mühlenschatz. Geschickt hat Sabine Prilop Gegenwart und Vergangenheit der Romanfiguren mit einander verbunden, so, dass man die Hintergründe für die Handlungen der einzelnen Personen recht gut nachvollziehen konnte. Die Handlung des Buches war in der Umgebung von Gifhorn angesiedelt. Eine Gegend, die mir durch einen Urlaub nicht unbekannt war und so hatte ich z. B. den Tatort im Mühlenmuseum bildlich vor Augen.

Dies war das erste Buch, das ich von der Autorin gelesen habe, es wird sicher nicht das letzte gewesen sein. „Mühlengrab“ ist flüssig geschrieben und leicht zu lesen. Der Sprachstil hat mir sehr gut gefallen. Besonders die detailgetreuen Beschreibungen der Mühlen haben mich beeindruckt. Trotz der komplizierten Familiengeschichte und der schön beschriebenen Heidelandschaft verlor Sabine Prilop den roten Faden nicht aus den Augen. Die Spannung zog sich konsequent durch das ganze Buch. Den Freunden des ruhigeren Krimis würde ich diesen Heidekrimi ohne Bedenken empfehlen. Ich habe dieses Buch sehr gern gelesen.
Danke, liebe Steffi, für diese Überraschung.

 

Broschiert: 208 Seiten * Verlag: Leda Verlag * ISBN-13: 978-3939689102

19. August 2008

Joseph Roth – Die Kapuzinergruft

Einsortiert unter: 2008,Klassiker/Weltliteratur — Karthause @ 10:23
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Der Ich-Erzähler Franz Ferdinand Trotta, Enkel des Bruders des Helden von Solferino und somit aus dem nicht geadelten Zweig der Familie, erzählt die Geschichte der Trottas weiter. Er beginnt kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges und endet mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Dieser Roman ist faktisch die Fortsetzung von Roths „Radetzkymarsch“.

War der Untergang der Donaumonarchie im „Radetzkymarsch“ das bestimmende Thema, greift Roth in „Kapuzinergruft“ weiter und die Zeit nach dem Ende der Monarchie wird als ein schwieriger Neuanfang mit melancholischen, teils traurigen, aber immer sehr schönen Worten beschrieben.

Franz Ferdinand erbte von seinem Vater ein nicht unerhebliches Vermögen, welches dieser während seiner Zeit in Amerika machte. Franz Ferdinand liebte das Leben, besonders die Freuden desselben. Er war leichtsinnig, genoss es, Geld zu haben und dieses ohne nachzudenken ausgeben zu können. So lebt er die Nacht und verschläft den Tag. Erst nach dem Besuch seines Vetters, dem Maronibrater Joseph Branco Trotta, wird er etwas nachdenklicher. Als während seines Besuches in Zlotogrod der Krieg ausbricht, entschließt sich Franz Ferdinand, mit Joseph Branco und dessen Freund, dem Fiaker Reisinger, Seite an Seite zu kämpfen und sich von seinen alten Lebefreunden zu trennen.

Franz Ferdinand Trotta zeigt nie großen Elan, wenn es gilt etwas zu bewältigen. Aber nach seiner Rückkehr aus dem Krieg verharrt er förmlich in Erstarrung. Seine größte Tat scheint mir die Zeugung seines Sohnes zu sein. Auch sein gesamtes Umfeld wirkt verstört, ratlos, als hätte es den Boden unter den Füßen verloren. Alle diskutierten mehr als sie sich betätigen. Man versucht zwar einen Neuanfang nachdem das Kurzwarengeschäft missglückt war. In einem zweiten Anlauf wird mit dem Umbau des Hauses der Trottas zur Pension begonnen. Aber ständig hatte ich den Eindruck, alles geschehe halbherzig, eine gewisse Resignation und die Trauer um die gute alte Zeit, die so unwiderruflich vorüber ist, war spürbar. Recht sorglos wurden Hypotheken aufgenommen und Schecks ausgestellt. Glücksritter hatten ihre große Stunde und die Gutgläubigen zahlten drauf. So ganz kann man sich noch nicht von der dekadenten Lebensweise der Vorkriegszeit lösen, wo es ums Leben ging und nicht ums Geld. Von letzteren gab es genug, die Lebenszeit war schließlich begrenzt.

Eine ganz besondere Rolle kommt der Mutter des Franz Ferdinand zu. Sie lebt ihr Leben in festen Ritualen und Ansichten. Sie lebt die Tradition, das Althergebrachte. Sie darf ehrwürdig sterben, während eine hoffnungs- und ziellose Generation planlos zurück bleibt.

So steht auch die Kapuzinergruft, die letzte Ruhestätte der österreichischen Kaiser, für den Untergang des Reiches. Die ehemaligen Untertanen bleiben gefühlt führerlos zurück. Mit der neuen Republik können sie nicht anfangen. Alles ist im Zerfall begriffen. Kulturelle Werte und Traditionen gelten nicht mehr, sogar die Adelstitel wurden abgeschafft. Auch das Geld, von dem in früheren Zeit immer ausreichend vorhanden war, verliert unaufhaltsam seinen Wert.

„Kapuzinergruft“ empfand ich als noch melancholischer als „Radetzkymarsch“. Bei Letztgenanntem spürte ich noch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. So endet dieses Buch mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich und für mich steht das gleich mit Hoffnungslosigkeit. Sehr deutlich wurde die Sehnsucht nach der Monarchie.

Wieder hat mich die sprachliche Gestaltung eines Joseph-Roth-Romans fasziniert. Die Emotionen, die er mit ein paar Sätzen zu erwecken vermag, finde ich bei manch anderem Autoren nicht in ganzen Büchern. Mit seinen Worten und den ausgefeilten, manchmal auch verschachtelten Sätzen lässt der Autor Bilder in meinen Gedanken entstehen und verleiht den Personen seines Romans Leben. Die von einer dichten Atmosphäre getragene Traurigkeit war für mich körperlich greifbar.

Ein wenig haben mich die Namensgleichheiten zu Personen aus „Radetzkymarsch“ irritiert, die aber personell nicht untersetzt waren. Einen Grafen Chojnicki und einen Diener namens Jacques gab es in beiden Romanen, es waren aber nicht die gleichen Personen. Mir ist nicht recht klar geworden, was Joseph Roth mit diesem Kunstgriff bezwecken wollte.

Mein Fazit: „Kapuzinergruft“ ist ein äußerst lesenswerter Roman, der ein anschauliches Sittenbild der jungen österreichischen Republik zeichnet. Joseph Roth ist mit diesem Buch nun endgültig in meinen ganz persönlichen Autoren-Olymp eingezogen.

Gebundene Ausgabe: 189 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-13: 978-3462036459

7. August 2008

Jung Chang – Wilde Schwäne

Einsortiert unter: 2008,Biografie/Erfahrungen — Karthause @ 18:28

 

“Mein Buch ist kein Buch über Politik. Es ist ein Buch darüber, wie Politisches sich bis aufs kleinste auf das Leben jedes Einzelnen auswirkt” (Jung Chang)

Jung Chang erzählt in ihrem Roman „Wilde Schwäne“ die Geschichte ihrer Familie im 20. Jahrhundert aus der Sicht der Frauen, welche auch einen tiefen Einblick in die chinesische Geschichte und Politik gestattet.

Yufang, Jung Changs Großmutter, wurde 1909 geboren. Sie ist die einzige, die die Kaiserzeit noch erlebt hat und die Letzte, die sich wegen des geltenden Schönheitsideals der Lotosfüße ihre gesunden Füße brechen und binden lassen musste. Das bereitete ihr lebenslange Qualen. Die soziale Stellung der Familie war nicht sonderlich gut, Yufangs Vater war aber ehrgeizig und so verkaufte er seine Tochter an den mächtigen, aber deutlich älteren General Xue als Konkubine.

Erst nach Jahren, mit dem Tod des Generals, erhielt sie ihre Freiheit und die der 1931 geborenen Tochter, Baoqin, wieder. Später lernt Yufang den Arzt Dr. Xia kennen. Gegen den Willen seiner erwachsenen Kinder heiraten sie.

Das Kaiserreich ist zerfallen und das Land von den Japanern besetzt. Diese herrschen mit äußerster Gewalt. Es folgt die „Befreiung“ durch die Kuomintang, deren führender Kopf ist Chiang Kai-shek ist. Dieser führte die Menschen in einen erbitterten Bürgerkrieg mit den Kommunisten unter der Führung von Mao Zedong.

Baoqin, Changs Mutter, ist auf der Seite der Kommunisten, sie erhofft sich von ihnen ein Ende von Gewalt und Hunger. Zunächst scheint es auch zu einer Verbesserung der Lebensumstände zu kommen, da sich die Versorgung mit Lebensmitteln deutlich verbessert. Aber langsam werden persönliche Freiheiten immer mehr eingeschränkt, die Rolle des Einzelnen und der Familie wird immer mehr in den Hintergrund gedrängt, dem Staat werden alle Interessen untergeordnet. Mao ist der alleinige Führer. Einen Geheimdienst braucht er nicht. Er benutzt das Volk. Denunziationen, Anklageversammlungen und Verhaftungen sind an der Tagesordnung. Auch Jung Changs Familie ist davon betroffen. Sie werden als Kapitalistenhelfer abgestempelt.

Unter diesen politischen Verhältnissen wächst die 1952 geborene Jung Chang auf. Die Eltern versuchen zwar ihr möglichstes, werden aber auch diffamiert und in Folge dessen inhaftiert. Die Familie leidet unter den Auswirkungen des „großen Sprungs nach vorn“ ebenso wie unter der Kulturrevolution und den ständigen Anklagen, Kapitalistenhelfer zu sein. Ende der 60er Jahre wird die Familie auseinander gerissen und zur Umerziehung aufs Land geschickt.

Die Verhältnisse bessern sich erst nach dem Tod von Mao. Dann erhält Jung Chang die Möglichkeit eines Universitätsstudiums. Unter immer noch widrigen Umständen studiert sie Englisch, aber es stehen vielmehr Propaganda und Politik auf dem Studienplan als die Fremdsprache selbst. Mit viel Eigeninitiative und ungeheurem Ehrgeiz schafft es Jung Chang eine der besten zu werden. Ganz langsam beginnt auch bei der chinesischen Regierung ein Umdenken. Es gibt eine vorsichtige Öffnung des Landes nach außen und Jung Chang wird die erste chinesische Studentin, die ein Stipendium für ein Studium im Ausland bekommt. 1988 verlässt sie China und setzt ihr Studium in London fort.

Wilde Schwäne“ ist ein überaus interessantes Buch. Jung Chang schildert ungeschminkt die Lebensumstände im China des 20. Jahrhunderts. In einer einfachen, sachlich nüchternen Sprache berichtet sie vom Leben ihrer Familie. Manchmal hat mich dieser Stil etwas gestört und ich hätte mir ein mehr an Emotionen gewünscht. Das mindert aber nicht die Bedeutung dieses Buches. „Wilde Schwäne“ ist ein wichtiges Buch, weil es tiefe Einblicke in eine uns doch recht verschlossene Welt gibt. Jung Changs Buch ist auch heute noch in China verboten.

 

Taschenbuch: 732 Seiten
Verlag: Droemer Knaur
ISBN-13: 978-3426711484

 

29. Juli 2008

Joseph Roth – Radetzkymarsch

Einsortiert unter: 2008,Klassiker/Weltliteratur — Karthause @ 18:36
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Inhaltsangabe (Achtung! Hier wird der gesamte Inhalt wiedergegeben.)

1859 rettete der aus bäuerlichen Verhältnissen stammende, junge Infanterieleutnant Joseph Trotta Kaiser Franz Joseph I. in der Schlacht von Solferino das Leben. Die für den Kaiser bestimmte Kugel traf den Leutnant in die Schulter. Aus Dankbarkeit verlieh ihm der Kaiser den Maria-Theresia-Orden, beförderte ihn zum Hauptmann und erhob ihn in den Adelsstand. Jahre später, Joseph von Trotta und Sipolje war inzwischen verheiratet und hatte einen Sohn, Franz. Als er im Lesebuch seines Sohnes die Geschichte seiner Heldentat völlig verändert las. Er bat um eine Audienz beim Kaiser und trug ihm seine Beschwerde vor. Franz Joseph versuchte ihn zu beschwichtigen und riet ihm, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Joseph von Trotta zog für sich die Konsequenzen und schied als Major und in den Freiherrenstand erhoben aus dem Militär aus.

Seinen herangewachsenen Sohn drängte er in eine Beamtenkarriere. Franz studierte Jura und wurde später Bezirkshauptmann in einer Stadt in Mähren. Der Held von Solferino war zwischenzeitlich verstorben, Baron Franz von Trotta und Sipolje führte das regelmäßige Leben eines Beamten der k.u.k. Monarchie. Am Sonntagmorgen erklang der Radetzkymarsch, am Mittag gab es Tafelspitz, am Nachmittag kam der Kapellmeister zu den von Trottas auf Besuch.

Sein Sohn Carl Joseph von Trotta ging nach Beendigung der Schule zum Militär. Bei den Ulanen lebte er zwischen Exerzierplatz und Kasino, auf dem Klavier des Bordells wurde immer wieder der Radetzkymarsch gespielt. Aber Carl Joseph fand in seinem Leben beim Militär keine Erfüllung. Er sehnte sich nach einfachen Arbeiten auf dem Land. In seinem Regiment lernte er den Arzt Max Demant kennen. Beide wurden Freunde. Für Max war das wohl der einzige Freund, den er je hatte. Unglückliche Umstände führten dazu, dass Demant in einem Duell ums Leben kam. Carl Joseph hinterließ er seinen Säbel und seine Taschenuhr. Weil Carl Joseph eine Mitschuld am Tod seines Freundes sah, ließ er sich in das in Grenznähe zu Russland stationierte Jägerbataillon versetzen. Dort tickten die Uhren anders. Der Kaiser wurde salopp nur Franz Joseph genannt, wenn von ihm die Rede war und der Graf Chojnicki sah bereits die Monarchie zerfallen. Carl Joseph tappte blauäugig in eine Schuldenaffäre. Das hatte einen erheblichen Ehrenverlust zur Folge und er musste mit der unehrenhaften Entlassung aus dem Militär rechnen. Aber noch immer schützte der Kaiser die von Trottas. Er ließ die Sache erledigen. Die Heldentat des Großvaters zahlte sich noch immer aus. Nachdem der Kaiser die unsäglich Affäre um Carl Joseph beendet hatte, die Schulden beglichen waren und Kapturak die Garnisonsstadt verlassen hatte, quittierte der Enkel des Helden von Solferino den Dienst. Vom Grafen Chojnicki bekam er ein Häuschen zugeteilt, dass er sich mit dem Förster teilen musste. Er kümmerte sich nun um die Abrechnungen des Grafen. Ich hatte den Eindruck, dass er zum ersten Mal wirklich zufrieden war. Er hatte seine Scholle gefunden. Aber dann kam der Krieg und er nahm die Uniform wieder und ging zu seinem Jägerbataillon zurück. Nach einem langen Marsch war die Truppe durstig. Carl Joseph von Trotta ging zum Brunnen, um Wasser zu holen. Auf dem Rückweg trafen ihn feindliche Kugeln. Er fiel nicht mit dem Gewehr in der Hand, sondern mit zwei Wassereimern. Er war nicht der Held, sondern nur der Enkel des Helden.

Meine Meinung

Radetzkymarsch“ habe ich als ein ganz wunderbares Buch empfunden. Joseph Roth ist ein wahrer Künstler des Wortes. Seine Beschreibungen haben mich tief beeindruckt. Er kann mit einfachen Worten eine Atmosphäre schaffen, die für den Leser spürbar und erlebbar wird. Ich habe lange kein Werk ähnlicher Brillanz gelesen. Die Charaktere sind hervorragend gezeichnet, die Handlungen dieser dazu stimmig. Joseph Roth vermag aber auch hintergründige Ironie, die stellenweise schon ins Satirische überging, gekonnt und bewusst einzusetzen.

Die Protagonisten symbolisieren mit ihrem Stand in der Gesellschaft die Säulen der k.u.k. Monarchie. Der Großvater, Held von Solferino, steht für das noch „gesunde“ Militär, die funktionierende Stütze der Gesellschaft. Franz von Trotta als Bezirkshauptmann verkörpert das Beamtentum, er ist ein treuer Diener des Staates. Der weichliche Carl Joseph von Trotta fühlt sich in seiner Rolle bei der Armee nicht wohl. Er sehnt sich zurück zu den Wurzeln der Familie und repräsentiert so den Untergang des Systems. Roth zeichnet Bilder mit Symbolcharakter in dieses Buch, am meisten beeindruckten mich die Krähen als Prophetenvögel und die Stimmung am Vorabend des I. Weltkrieges. Und durch die ganz gesamte Handlung zieht sich unaufdringlich der Radetzkymarsch.

Auffällig war auch, dass es in diesem Buch kaum Frauen gab, die in die Handlung eingriffen. Das empfand ich jedoch nicht als Mangel, sondern als direkte Folge der doch recht militärlastigen Handlung.

Mein Fazit: „Radetzkymarsch“ ist ein äußerst gelungenes Werk, das den Niedergang der k.u.k. Monarchie auf sehr einprägsame Weise beschreibt. In meiner persönlichen Bestenliste wird es ganz weit oben einen Platz finden. „Kapuzinergruft“ werde ich in kürze lesen. Die Erwartungen daran sind entsprechend hoch.

 

Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-13: 978-3462034622

 

22. Juli 2008

Klaus-Peter Wolf – OstfriesenKiller

Einsortiert unter: 2008,Krimi/Thriller — Karthause @ 17:50

1. Fall

Eine ostfriesische Kleinstadt wird von einer grausamen Mordserie erschüttert. Schnell wird klar, zwischen den Opfern gibt es eine Verbindung, den Verein „Regenbogen“, der sich die Hilfe für Behinderte zur Aufgabe gemacht hat, aber nicht unumstritten ist. Jedoch bleiben das Motiv und der Täter lange unbekannt.

Die Kommissarin Ann Kathrin Klaasen ermittelt auf sehr sympathische Weise. Sie tritt nicht als Super-Women auf, sondern ist eine Frau, der der Spagat zwischen Beruf und Familie nicht so gelingt wie Ehemann und Sohn sich das wünschen. So sucht der Mann Trost bei einer anderen Frau, die so völlig anders ist als seine Ehefrau. Die Ehepartner trennen sich, der Sohn geht mit dem Vater und Ann Kathrin Klaasen steht privat vor dem Nichts.

Eigentlich mag ich die typischen Sonntagabendkrimis im Stil von Tatort und Co. nicht sonderlich. „OstfriesenKiller“ ist aber auf seine Art erfrischend anders. Die Personen sind alle sehr authentisch und lebensecht gezeichnet. Ich empfand sie als glaubwürdig. Sie hatten alle, begonnen bei der Kommissarin über die Vereinsmitglieder bis hin zum Täter, ihre Ecken und Kanten. Auch das Motiv, dass zu dem Morden führte, war überzeugend. Allein die Geschichte um die zerrüttete Ehe der Ann Kathrin Klaasen bietet Stoff für einen eigenen Roman. Gern hätte ich mehr über diese Nebengeschichte gelesen. Klaus-Peter Wolf steigerte die Spannung auf unaufdringliche, leise Weise ohne besonders actionlastig zu sein. Ich wurde förmlich von diesem Krimi erfasst und mit der Handlung mitgezogen. Das Gefühl ein Leser zu sein ging völlig verloren, ich fühlte mich eher wie ein stiller Beobachter.

Dem Autor ist es ausgesprochen gut gelungen, die Besonderheiten Ostfrieslands und seiner Bewohner einzufangen. Er hat die typische Atmosphäre ganz wunderbar transportiert.

Als einzigen Kritikpunkt sehe ich die Ankündigungen, wie lange ein auserkorenes Opfer noch zu leben hat. Das hat ein wenig die Spannung gemildert. Trotzdem war ich über die Auflösung erstaunt, die Hinweise am Anfang des Buches hatte ich nicht erst genommen.

Mein Fazit: „OstfriesenKiller“ ist ein ruhiger, trotzdem blutiger und spannender Krimi, den ich so nicht erwartet hätte. Ich danke dem Zufall, der mir dieses Buch in die Hände spielte. Der nächsten Fall der Kommissarin Klaasen wird mir nicht entgehen.

 

Broschiert: 311 Seiten
Verlag: Fischer
ISBN-13: 978-3596166671

 

21. Juli 2008

Deana Zinßmeister – Das Hexenmal

Einsortiert unter: 2008,History — Karthause @ 16:50

Dieser Roman von Deana Zinßmeister führt den Leser ins Eichsfeld des Jahres 1617. An fünf Schicksalen schildert die Autorin die Zeit kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg.

Die junge Katharina soll nach dem Tod ihrer Schwester an deren Stelle treten, deren Mann heiraten und den Kindern die Mutter sein. Aber sie stellt sich ihr Leben gänzlich anders vor. Ihr Traum ist es, wie einst die heilige Elisabeth von Thüringen, ihr Leben in den Dienst der Armen und Bedürftigen zu stellen. Zudem ist ihr der Schwager zuwider, der wiederum will ihr ihren Einsatz für die Armen verbieten. Als Ausweg bleibt ihr nur die Flucht.

Johannes, der älteste Sohn und somit der Erbe eines reichen Bauern, verliebt sich in die Magd Franziska. Diese ist in den Augen der Eltern nicht standesgemäß. Johann soll seinesgleichen heiraten, Reichtum muss beisammen gehalten und durch günstige Heirat gemehrt werden. Johann will aber seinem Herzen folgen. Vom Vater wird er wegen seiner Sturheit fast zu Tode geprügelt, Franziska flieht als die Gerüchte, sie sei eine Hexe, nicht verstummen, Johann folgt ihr kurze Zeit später.

Clemens lebt gemeinsam mit seiner Schwester Anna und deren Mann auf dem Hof der verstorbenen Eltern. Seinem Schwager geht es nur um Geld und dabei wirtschaftet er den Hof herunter. Clemens und seine Schwester sind ihm bei seinen Plänen im Weg. Anna will er in ein Kloster abschieben und für Clemens bereitet er ein Mordkomplott vor. Er kommt nur knapp mit dem Leben davon und muss fliehen.

Burghart, der Franziskanermönch, kann die Hexenprozesse nicht mehr ertragen, denen er beiwohnen muss. Er ist zwar der Überzeugung, dass den Hexen das Handwerk gelegt werden muss, aber die Vorgehensweise verabscheut er zutiefst. Die Umstände zwingen auch ihn zur Flucht.

Deana Zinßmeister erzählt die Geschichten der Protagonisten parallel. Ich brauchte einige Zeit um mich an diesen Stil zu gewöhnen, musste ich doch zu Beginn eines jeden überlegen, in welcher Geschichte ich mich gerade befinde. Verbindungen zwischen den Hauptpersonen gibt es nicht. Entschädigt dafür wurde ich durch die hervorragende Recherche der Autorin. Ein Quellenverzeichnis am Ende eines Romanes ist schon eher etwas Ungewöhnliches und belegt ihre Exaktheit. So fanden die Fakten zur Denunziation, zur Hexenverfolgung, zur Folter, zur peinlichen Befragung, zu Hexenproben und letztlich auch zur Verbrennung der Hexen in diesem Buch ihre Verwendung. Dies ging meines Erachtens ein wenig zu Lasten der Handlung, die doch ein wenig schwer in Gang kam, in der Mitte des Buches aber begann mich zu packen und sich zum Ende hin dann sehr steigerte.

Mit diesem Roman widmete sich die Autorin einem völlig anderen Thema als in den erfolgreichen Vorgängerromanen. Diesen Schritt fand ich mutig und gelungen. Sprachen ihre ersten beiden Romane vornehmlich Herz und Seele des Lesers an, so wurde in diesem auch der Geist gefordert.

Mein Fazit: „Das Hexenmal“ ist ein flüssig zu lesender, sehr gut recherchierter historischer Roman, der, wenn man in ihn eingetaucht ist, gute Unterhaltung bietet und fundiertes Wissen über die Zeit der Hexenverfolgung vermittelt.

 

Broschiert: 510 Seiten
Verlag: Goldmann
ISBN-13: 978-3442467051

 

 

12. Juli 2008

Greg Iles – Blackmail

Einsortiert unter: 2008,Krimi/Thriller — Karthause @ 16:39

In Natchez wurde am Ufer des Mississippi die halbnackte Leiche der 17jährigen Kate gefunden. Ein Schock lag über der amerikanischen Kleinstadt und schnell war ein Tatverdächtiger gefunden, der angesehene, verheiratete Arzt Drew Elliot. Er war am Tatort. Er hatte ein Verhältnis mit der Minderjährigen und ein Motiv war auch schnell gefunden. Denn es stellte sich heraus, dass Kate schwanger war. Drew bat seinen langjährigen Freund, den ehemaligen Staatsanwalt Penn Cage, der seit dem Tod seiner Frau sehr zurückgezogen lebt und Romane schreibt, um seine Verteidigung. Doch für Penn wurde sehr schnell klar, dass hinter diesem Mord sehr viel mehr steckt, als auf den ersten Blick zu vermuten war. So ermittelte Penn Cage auf eigene Faust. Die örtliche Polizei war ihm keine echte Hilfe, sie war durch den Streit um Kompetenzen im Tun behindert, außerdem war für sie die Überführung des Mörders nur noch eine Formsache, der mutmaßliche Täter saß schließlich bereits in Untersuchungshaft. Der politisch ambitionierte farbige Staatsanwalt plante, an dem weißen Arzt ein Exempel zu statuieren und mit aller Härte des Gesetzes durchzugreifen. Das sollte ihm den Weg auf den vakanten Bürgermeisterstuhl ebnen, aber auch Penn Cage dachte über seine eigene Bewerbung für diese Position nach. Bei seiner Recherche wirbelt Cage viel Staub auf und macht sich damit, die auch zum letzten Mittel greifen würden.

Greg Iles Thriller spielt in der amerikanischen Kleinstadt Natchez, die schon bedeutend bessere Zeiten gesehen hatte. Mord, Korruption, Drogenkriminalität, organisiertes Verbrechen, politische Intrigen und Erpressung, aber auch Rassenkonflikte und Bandenrivalität spielen in diesem Ort eine nicht unwesentliche Rolle. Der Mord an der Schülerin ist nur die Spitze des Eisberges. Zwischen der detektivischen Arbeit Penns und den Auseinandersetzungen mit der Staatsanwaltschaft fügt Greg Iles sehr glaubwürdige und reale Bilder einer sterbenden Kleinstadt ein. Die Jugendlichen, die im Ort bleiben, haben kaum eine Perspektive. Viele Ältere haben resigniert und sich in die Situation ergeben. So ist die Kriminalität und der Drogenkonsum entsprechend hoch. Eine brisante Thematik, die hochaktuell ist und nicht nur für diese Stadt in den USA Gültigkeit besitzt. Die Aufkläung des Mordfalles im Zusammenhang mit den offensichtlichen Problemen der Stadt fand ich als sehr gelungen.

Blackmail“ ist sehr flüssig zu lesen. Die Spannung bleibt bis zum Schluss erhalten, obwohl ich schon recht zeitig einen Verdacht hegte. Aber es gab immer wieder geschickt eingebaute Wendungen und Verwicklungen, die diesen Thriller nicht vorausschaubar machten. Lediglich das Ende steht in einem doch krassen Widerspruch zu meinem Rechtverständnis. Aber in diesem fiktiven Buch kann ich mit dem Ausgang gut leben.

Broschiert: 640 Seiten
Verlag: Lübbe
ISBN-13: 978-3404158027

4. Juli 2008

Joy Fielding – Flieh, wenn du kannst

Einsortiert unter: 2008,Krimi/Thriller — Karthause @ 16:38

Bonnie Wheeler lebt mit ihrer Tochter Amanda und ihrem Ehemann Rod in einer heilen Welt. Bis sie eines morgens von der geschiedenen Frau ihres Mannes angerufen und diese Bonnie erklärt, sie und Amanda seien in Gefahr. Daraufhin verabreden sich die beiden Frauen. Als Bonnie am verabredeten Ort eintrifft findet sie Joan – sie ist tot.

Die Polizei hat somit eine Verdächtige, die die ungeliebte Vorgängerin aus dem Weg geräumt haben könnte. Aber auch Rod könnte ein Motiv haben. Schließlich hat er die Verdoppelungsklausel in der Lebensversicherung abgeschlossen, die auch bei einem Mord greifen würde. Bonnie beginnt eine Recherche auf eigene Faust und mehr als einmal zweifelt sie Liebe und Freundschaft an.

Joy Fielding kommt in diesem Buch gleich zur Sache. Ohne eine lange Einführung war ich als Leser mitten im Geschehen und der Spannungspfeil hatte mich getroffen. Ein typischer Fielding-Thriller also, den man nur ungern zur Seite legt. Der Stil ist flüssig und leicht zu lesen. Das muss in diesem Fall auch so sein, denn schließlich wollte ich vorankommen, wollte wissen, wer hat Joan umgebracht, warum wurde sie umgebracht, sind Bonnie und Amanda wirklich in Gefahr und wer bedroht sie? Mit meinen Verdächtigungen tappte ich ständig im Dunklen und jede endete immer mit der Erkenntnis, das derjenige nichts mit der Sache zu tun haben könne. Zum Schluss wird der Mord und die Bedrohung aufgelöst. Es kam fast völlig anders als ich erwartet habe.

Angenehm war, dass auch die Protagonistin keine Super-Women war. Sie war glaubhaft gestaltet mit ihren Ängsten, Zweifeln und Nöten. So, wie ich überhaupt sagen kann, dass die Figuren in diesem doch recht typisch amerikanischen Thriller recht gut gezeichnet und psychologisch durchdacht waren.

In der Mitte des Buches kommt Joy Fielding ein wenig ins Erzählen, die Spannung flacht für ein Weilchen etwas ab, aber nur um am Schluss noch einmal Hochspannung zu erzeugen.

Mein Fazit:Bei Joy Fielding finde ich immer spannende Unterhaltung, bei der ich nach einem stressigen Arbeitstag die Welt um mich für einige Zeit verdrängen kann.

Taschenbuch: 411 Seiten
Verlag: Goldmann TB
ISBN-13: 978-3442432622

 

 

1. Juli 2008

Kirsten Schützhofer – Die Kapelle der Glasmaler

Einsortiert unter: 2008,History — Karthause @ 18:59

Frankreich im 13. Jh.. Clément ist ein angesehener Glasmaler. Er träumt davon einmal im Leben etwas zu schaffen, das der Schönheit Gottes angemessen ist. Nach der Beendigung seiner Arbeit in Rouen zieht er mit seiner Familie nach Paris, um als Glasmaler beim Bau der Sainte Chapelle zu arbeiten. Der Meister der dortigen Glasmaler ist Thomas. Beide kennen sich gut. Zu gut. Haben sie doch beide um Edwige geworben, die sich jedoch für Clément entschieden hat. Clément ist aber auf die Arbeit angewiesen und Thomas nutzt jede sich bietende Gelegenheit, um ihm zu zeigen, wer der Meister auf dem Bau ist. Seine Zurückweisung durch Edwige hat er nie verwunden, in seinem verletztem Stolz und seinem unberechenbaren Jähzorn sinnt er nach Rache. Neben diesem Haupthandlungsstrang werden noch die Geschichten des als Kind allein aufgefundenen Ghislain, der sich als Jongleur über Wasser hält und die des Baumeisters Pierre de Monteuil erzählt.

 

Dies war der erste Roman, den ich von der Autorin Kirsten Schützhofer gelesen habe. Wieder ein historischer Roman, in dem es um die Errichtung einer Kathedrale geht. Da schweifen die Gedanken schon mal zu Folletts „Die Säulen der Erde“ ab. Aber diesen Vergleich braucht die Autorin nicht scheuen. Im Gegenteil, mir hat dieser Roman deutlich besser gefallen als der Weltbestseller. Atmosphärisch dicht, in einer sehr schönen Sprache schildert Kirsten Schützhofer den Bau der Kirche. Vor dem inneren Auge habe ich das Werden dieses Bauwerks gesehen. Wie nebenbei erklärt sie das Handwerk. Die Arbeit der Glasmaler beschreibt sie in einer beeindruckenden Detailgenauigkeit. Auch die gewöhnlichsten Alltagssituationen, wie Wasser holen oder heizen, weiß Kirsten Schützhofer in die Handlung einzubauen, so dass der Leser sich gut in die damalige Zeit einfühlen kann. Abgerundet wird das Buch durch die fein gezeichneten Charaktere, denen jede Schwarz-Weiß-Malerei fehlt. Sie wirken wie aus dem Leben gegriffen, jeder hat sowohl gute als auch schlechte Seiten. Bei aller Erzählfreude der Autorin, die ich beim Lesen deutlich spüren konnte, gab es keine nennenswerten Längen in den Beschreibungen oder Handlungen.

 

Mein Fazit: „Die Kapelle der Glasmaler“ ist ein opulenter und farbenprächtiger Mittelalterroman. Kirsten Schützhofer hat es geschafft, diese Zeit für mich mit Leben zu füllen, ich konnte sowohl das Mittelalter sehen, riechen und hören, als auch mit den Protagonisten mitfiebern. Dies ist einer der besten historischen Romane, die ich bisher gelesen habe.

 

Taschenbuch: 720 Seiten
Verlag: Diana Taschenbuch
ISBN-13: 978-3453351523

 

Carla van Raay – Einmal Hölle und zurück

Einsortiert unter: 2008,Biografie/Erfahrungen — Karthause @ 18:54

Als Kind wurde Carla vom Vater missbraucht. Als junge Frau ging sie ins Kloster und musste die psychischen Quälereien der Nonnen über sich ergehen lassen. Als sie auch das nach Jahren nicht mehr aushält, ist ihr einziger Ausweg die Prostitution.

 

Carla van Raay hat in diesem Buch ihr Leben niedergeschrieben. In wie weit darin Ausschmückungen enthalten sind, kann ich nicht beurteilen und Vermutungen möchte ich nicht anstellen. Eins steht fest, sie hat ein schweres Schicksal in ihrem von großen Kontrasten geprägten Leben hinter sich. Carlas Geschichte hat mich betroffen gemacht, aber nicht so berührt, wie es andere Bücher dieses Genres schon taten. Dafür hatte es einfach zu viele Längen und die Sprache zeigte deutlich, dass das Schreiben nicht der Beruf der Carla van Raay ist. Trotzdem war es interessant zu lesen, wie Carla van Raay ihren Weg fand.

 

Taschenbuch: 464 Seiten
Verlag: Droemer/Knaur
ISBN-13: 978-3426778241

25. Juni 2008

Rita Pohle – Weg damit! Entrümpeln befreit

Einsortiert unter: 2008,Fach- und Sachbuch — Karthause @ 18:29

Wer kennt das nicht, in den Schränken und Regalen sammeln sich im Laufe von Jahren Dinge an, die man unbedingt einmal brauchte und doch nie nutzte. Spätestens wenn die Schränke aus den Angeln gehen, stellt sich jeder wohl die Frage nach der Anschaffung eines weiteren Schrankes oder dem Aufraffen zum Entrümpeln. Frei nach dem Motto ‚Ballast belastet’ gibt Rita Pohle gute oder auch gut gemeinte Ratschläge zur Neuorganisierung. Einige Tipps waren mir schon bekannt, andere werde ich wohl nie anwenden. Aber es gab auch neue Impulse. Letztlich hat dieses Buch schon die Lust aufs Entrümpeln geweckt. Aber von liebgewordenen Dingen werde ich mich nicht trennen, nur um dadurch mehr Freiraum zu erhalten. Auch meine geliebten Bücher wandern nicht in den Altpapiercontainer. Mir war dieses Buch ein wenig zu esoterisch. Räuchern, klären und Energie aufladen sind nicht so meine Denkweise. Aber sicher kann jeder aus diesem Buch ein paar Anregungen entnehmen und sie umsetzen.

 

Taschenbuch: 206 Seiten
Verlag: Goldmann
ISBN-13: 978-3442165278

23. Juni 2008

Charlotte Roche – Feuchtgebiete

Einsortiert unter: 2008,sonstiges — Karthause @ 19:24

Die 18-jährige Helen liegt nach einer missglückten Intimrasur wegen einer Analfissur im Krankenhaus. Diese Situation will sie ausnutzen, damit ihre geschiedenen Eltern wieder zusammenkommen. Als ihre Wunde aber schneller heilt, als sie ihr Vorhaben umsetzen kann, greift sie zum letzten Mittel, um ihren Aufenthalt verlängern zu können. Sie reißt sich ihre frische Operationswunde bewusst selbst auf. Soweit die eigentliche Handlung, dafür würden an sich 2 DIN A4 Seiten genügen. Die 219 Seiten des Buches werden gefüllt mit detaillierten Beschreibungen von Helens Körper, insbesondere der Körperöffnungen, ihres (sehr eigentümlichen) Hygieneverhaltens, ihrer Masturbationstechniken. Mir ist jetzt jeder einzelne Geschmack und Geruch der verschiedenen Körperflüssigkeiten der jungen Frau bekannt. Die Konsistenz würde natürlich nicht ausgelassen.

Nachdem „Feuchtgebiete“ sozusagen in aller Munde war – was für ein zum Buch passendes Wortspiel – wollte ich mir meine eigene Meinung darüber bilden. Ich habe sie mir gebildet. Das Buch empfand ich weder als ekelerregend noch als skandalös. Ich fühlte mich auch nicht provoziert. „Feuchtgebiete“ hat mich einfach nur gelangweilt. Auf gut 200 Seiten wird versucht, gegen Tabus anzuschreiben und dem gegenwärtigen Hygieneverhalten den Kampf anzusagen. Um dies zu erreichen, war die Autorin bemüht, sämtliche Fettnäpfchen zu betreten und dem Leser eine derb-vulgäre, eher gossenhaft wirkende Sprache zu präsentieren. Zwischenzeitlich war ich versucht dieses Buch zur Seite zu legen. Ich habe mich aber dann anders entschieden, nur um festzustellen, ob mir eine Grimmepreisträgerin wirklich nicht mehr zu sagen hat.

Ich gehe jedoch davon aus, dass Charlotte Roche akribisch für dieses Werk recherchiert hat. Das würde mich beruhigen, denn würde das doch beweisen, dass ich bedenkenlos öffentliche Toiletten auf jedwede Weise benutzen kann und mich trotzdem bester, wahrscheinlich sogar noch besserer Gesundheit erfreuen werde.

Mein Fazit: Ich kann Charlotte Roche nur zu ihrem Marketing-Erfolg gratulieren, ein literarischer Erfolg ist es wohl eher nicht. Für mich gehört dieses Buch in die Kategorie „Bücher, die die Welt nicht braucht“. Zum Glück war mein Exemplar nur ein geliehenes.

Broschiert: 219 Seiten
Verlag: Dumont Buchverlag
ISBN-13: 978-3832180577

Charlotte Thomas – Die Lagune des Löwen

Einsortiert unter: 2008,History — Karthause @ 19:17

Venedig zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Laura, Antonio, Valeria und Carlo, der entflohene Sklave, müssen ihr Leben als Straßenkinder fristen. Während sich Valeria als Kinderhure Männern hingibt, sind die anderen als Diebe unterwegs. In dieser gemeinsamen Zeit ist zwischen den Kindern eine tiefe Verbindung gewachsen, die Jahre später noch Bestand hat. Alle vier haben ein schlimmes Schicksal hinter sich. In „Die Lagune des Löwen“ wird in verschiedenen Handlungssträngen deren Lebensweg mit Höhen und Tiefen erzählt. Ihre Wege kreuzen sich immer wieder und alle sind getrieben von dem Wunsch, nie wieder in solcher Armut leben zu müssen. Die Wege, die sie gehen, um ihr Ziel zu erreichen, können verschiedener nicht sein. Ich konnte die Höhen und Tiefen des Lebens der Protagonisten bis hin zu einem fulminanten Ende miterleben.

Auch dieser zweite Roman von Charlotte Thomas führte mich ins Venedig der Renaissance. Mir hat der Vorgängerroman „Die Madonna von Murano“ schon sehr gefallen und in gleich guter Weise wurde auch dieser Roman geschrieben. Wieder entstand in meinen Gedanken ein farbenprächtiges und detailreiches Bild der Serenissima vergangener Tage. Charlotte Thomas hat in ihren Roman eine Vielzahl von Charakteren und Schicksalen eingearbeitet, die fast alle Gesellschaftsschichten berühren. Die Schilderung der verschiedenen Lebensumstände empfand ich als glaubwürdig und die Dialoge waren sehr natürlich und ungekünstelt. Besonders gut hat mir gefallen, dass die Protagonisten eine deutliche Entwicklung durchlebten. Ihre Charaktere waren sehr fein gezeichnet und wirkten sehr lebensecht.

Neben der eigentlichen Handlung bekam ich gut recherchierte Informationen zum historischen Hintergrund von den Lebensumständen und dem Handel in der damaligen Zeit, die geschickt mit dem Geschehen verwoben waren. Der Roman ließ sich sehr leicht lesen. Charlotte Thomas’ leichter, flüssiger Stil, der aber keineswegs seicht ist, hat mich auch in diesem Buch überzeugt. Besonders hervorheben möchte ich die Gestaltung des Buches. Es ist wahrer „Hingucker“. „Die Lagune des Löwen“ hat mich von der ersten Seite in seinen Bann gezogen, es hat mich sehr gut unterhalten und ich hatte sehr schöne Lesestunden.

Gebundene Ausgabe: 960 Seiten
Verlag: Ehrenwirth
ISBN-13: 978-3431037449

 

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