Karthauses Bücherwelt …

8. Februar 2010

Edlef Köppen – Heeresbericht

Einsortiert unter: 2009,Belletristik — Karthause @ 20:30
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Heeresbericht
Edlef Köppen
Taschenbuch: 401 Seiten
Verlag: List Tb
ISBN-13: 978-3548605777

Adolf Reisinger ist Student als der Erste Weltkrieg beginnt. Voller Freude und Euphorie meldet er sich freiwillig an die Front. Dem Soldat sein haftet in seinen Augen etwas heroisches an, er muss unbedingt dabei sein, er will nicht nur davon hören, er will es erleben. Und er erlebt es; unter anderem erfährt er am Frontabschnitt 96 am eigenen Leib, wie es sich Krieg anfühlt. Endloses Hocken im Schützengraben, Dauerbeschuss durch die Artillerie, Stellungskrieg, Sperrfeuer, Trommelfeuer, Schnellfeuer, Gasangriffe, Verwundung und Tod der Kameraden.

Durch Zufall bin ich zu diesem Buch gekommen, ein glücklicher Zufall. Denn dieses Buch dokumentiert das Leben zu dieser Zeit, weit ab von Kriegsverherrlichung und patriotischem Geschwafel. Es braucht den Vergleich mit Remarques „Im Westen nichts Neues“ in keiner Weise scheuen. Edlef Köppen hat selbst den 1. Weltkrieg miterlebt, das Schicksal des Protagonisten Adolf Reisinger ist dem des Autors ähnlich. So schildert Köppen sehr anschaulich das Soldatenleben. Er berichtet von der Langeweile und vom Warten, als über Wochen an der Front Ruhe herrscht. Aber er schildert auch die Angriffe unverblümt, erzählt von sich überschlagenden Ereignissen, Ängsten, Gräueln, Verstümmlungen und Sterben ohne den Leser zu schonen. In die Handlung wurden Zeitdokumente eingefügt, Zitate des Kaisers und hoher Militärs, Zensurverfügungen und Zeitungsausschnitte. Diese zeigen auf, in welchem Maße Manipulationen erfolgten und wie perfide die Menschen benutzt wurden. Dadurch wird die authentische Wirkung des Romans deutlich gesteigert. Der Gegensatz zum Erleben des Adolf Reisinger wird offensichtlich, welcher Lügen und Beschwichtigungen sich die Heeresberichterstatter bedienten. Ist Reisinger noch begeistert, enthusiastisch, und voller jugendlicher Unbesorgtheit in den Krieg gezogen, so wird er im Verlauf des Buches immer mehr und nachvollziehbar zum Realisten. Aber Köppen schreibt nicht nur über den Kriegsalltag an der Front. Er zeichnet auch ein Bild vom Leben an der Heimatfront, an der Frauen längst Männerarbeiten übernahmen und die Lebensmittel rationiert waren. „Heeresbericht“ ist in einer klaren, knappen eindringlichen Sprache geschrieben. Schade, dass dieses Buch in der Öffentlichkeit kaum bekannt ist. Ich kann es all jenen empfehlen, die an realistischer Literatur über diese Zeit interessiert sind.

Über den Autor (Quelle: Wikipedia)

Edlef Köppen wurde 1893 in Genthin als Sohn eines Arztes geboren. 1907 zog die Familie nach Potsdam, wo er das Viktoria-Gymnasium besuchte, das er 1913 abschloss.

Nachdem Köppen drei Semester Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte zuerst an der Universität Kiel und anschließend an der Universität München studiert hatte, trat er als Kriegsfreiwilliger ins preußische Heer ein und nahm von Oktober 1914 bis Oktober 1918 am Ersten Weltkrieg teil. Bei Kriegsende war er Reserveoffizier.

Nach dem Krieg beendete er sein Studium und arbeitete seit 1921 als Lektor im Gustav Kiepenheuer Verlag. Nebenher schrieb er Romane.

Seit 1925 war Edlef Köppen literarischer Mitarbeiter der Funk-Stunde Berlin, dem ersten deutschen Radiosender, an dem er sich auch als Regisseur der Hörspiele Hermann Kasacks einen Namen machte. 1932 wurde Köppen Leiter der Funk-Stunde.

1933, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, wurde Köppen als Leiter der Funk-Stunde Berlin abgesetzt. Er schlug sich in der Folgezeit mit Rezensionen und Kurzgeschichten durch. Als Chefdramaturg der Filmfirma TOBIS wurde er erneut in politische Auseinandersetzungen verstrickt, nachdem die Firma dem Reichspropagandaministerium unterstellt wurde.

1934 verarbeitet Köppen humoristisch seinen Hausbau in Wilhelmshorst am Friedensplatz 6-9 in dem Buch Vier Mauern und ein Dach. 1935 wird sein Roman Heeresbericht von den Nazis verboten. Köppen lehnt es ab der NSDAP beizutreten und sich für ein antisemitisches und pronazistisches Filmprogramm zu engagieren.

Edlef Köppen starb 1939 in Gießen an den Folgen seiner Kriegsverletzung. Sein Grabstein ist auf dem Waldfriedhof in Wilhelmshorst zu finden.

17. Januar 2010

Lew Tolstoi – Anna Karenina

Einsortiert unter: 2009,Klassiker/Weltliteratur — Karthause @ 11:06
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Anna Karenina
Lew Tolstoi
Gebundene Ausgabe: 1284 Seiten
Verlag: Hanser
ISBN-13: 978-3446234093

Anna Arkadjewna Karenina kommt von Petersburg nach Moskau, um im Ehestreit ihres Bruders Stepan Oblonski (Stiwa) zu vermitteln. Kitty, Stiwas Schwägerin, ist in den Grafen Wonski verliebt und hat in Erwartung seines Antrages den Heiratsantrag des Gutsbesitzers Konstantin Lewin abgelehnt. Auf einem Ball trifft Anna Wronski wieder, er hat nur noch Augen für die verheiratete Anna und die junge Kitty versinkt in ihrem Unglück. Anna, nur nach außen hin  glücklich scheinend, mit dem hohen Staatsbeamten Alexej Karenin verheiratet, stürzt sich in eine Affäre mit dem jungen Offizier. Diese Liaison bleibt nicht ohne Folgen, Anna bringt ein Mädchen zur Welt. Mit ihrem Ehemann kann sie nicht weiter zusammenleben, sie verlässt ihn und den gemeinsamen Sohn, lässt alle Konventionen hinter sich und ist bereit den Preis zu zahlen. Für die Gesellschaft ist sie damit untragbar geworden. Gesellschaftlich fallen gelassen, moralisch verurteilt und isoliert lebend, den Sohn vermissend und die Tochter nicht liebend, wartet sie auf die Einwilligung des Ehemannes in die Scheidung. Doch er versagt ihr diese. Auch in der Beziehung zu Wronski ist große anfängliche Verliebtheit gewichen, Eifersucht, Unverständnis, Wut haben im Alltag Einzug gehalten. Man spürt ihre innere Zerrissenheit. Für Anna erscheint die Situation ausweglos.

Kitty hat nach einem längeren Kuraufenthalt in Deutschland erkannt, dass ihr Herz doch für Lewin schlägt. Beide heiraten und schon bald wird der  Sohn geboren. Er ist zwar glücklich, die Frau, die er aufrichtig liebt, geheiratet zu haben, zufrieden ist aber auch er nicht. Er strebt nach Veränderungen im Landleben und arbeitet an einem Buch über seine sehr fortschrittlichen Visionen zur Modernisierung Landwirtschaft.

Stiwa und Dolly Oblonski stellen das Bindeglied zwischen diesen zwei Handlungssträngen dar. Beide haben sich arrangiert, der Ehebruch Stiwas, der zu Beginn des Romans die Ehe fast hat zerbrechen lassen, ist kein Thema mehr. Beide leben mehr oder weniger ihr eigenes Leben, geprägt durch ständige Geldprobleme, denn Stiwa ist noch immer der Lebemann, inzwischen nur diskreter.

„Anna Karenina“ ist für mich ein Meisterwerk, das Buch der Bücher, schon x-mal gelesen ist mir dafür kein Superlativ zu platt. Tolstoi ist ein begnadeter Beobachter und meisterhafter Erzähler. Er schafft es Szenen so mit Worten zu illustrieren, dass sie einem wie ein Film vor Augen ablaufen, genannt seien dafür stellvertretend das Pferderennen, Lewins Jagd im Schnepfensumpf und Dollys Besuch bei Anna. Seine Protagonisten sind alle lebensechte Menschen, sie haben Stärken und Schwächen. Kein einziger ist nur gut oder nur schlecht. Dabei beschreibt er die Charaktere ausgefeilt, facettenreich und psychologisch fundiert, so dass der Leser bei ihnen mühelos eine Entwicklung verfolgen kann. Lew Tolstoi breitet in diesem Mammutwerk verschiedene Lebensphilosophen und Lebensstile aus. Setzt sich mit der Familie und dem Sinn des Lebens an sich auseinander und baut darum die Geschichte um die drei adligen Familien auf.

Der Roman hat mehrere Handlungsstränge, zwischen denen wechselt Tolstoi immer wieder in seiner Erzählung, so dass das Schicksal seiner Hauptpersonen auch aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird. Aber er arbeitet auch deutlich das Verbindende und Trennende zwischen den einzelnen Familien heraus, so dass wirklich der Eindruck entsteht, man kenne alle Protagonisten schon seit Jahr und Tag. Die Beschreibungen von Personen und Szenarien sind meist sehr umfangreich, bildhaft und detailliert. Aber beim Lesen der fast 1.300 Seiten kam nie Langeweile oder Ermüdung auf. Ich habe immer den Drang verspürt, mehr zu erfahren und weiter am Leben der Familien teilzunehmen. So wird dann letzten Endes deutlich, dass die glücklichen Familien einfach nur glücklich sind, sich die unglücklichen Familien jedoch in ihrem Unglück von einander unterscheiden.

Immer wieder werden „Effi Briest“, „Madame Bovary“ und „Anna Karenina“, die großen Ehebrecherinnen in der Literatur, miteinander verglichen. Für mich ist Tolstois Werk auf Grund seiner Erzählkunst und seines Einfühlungsvermögens in die Charaktere der herausragende Roman.

Mein Fazit: Dieses wunderbare Buch werde ich wohl noch einige Male lesen und genießen. Etwas besseres und ausgereifteres habe ich in der Literatur noch nicht gefunden. Es waren für mich wieder Lesestunden voller Freude und Leselust.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Leo Tolstoi (1828-1910) entstammte einem alten russischen Adelsgeschlecht. Nach ausgedehnten Reisen durch Europa zog er sich auf sein Familiengut zurück und schrieb dort seine großen Werke. Unter dem Eindruck Rousseauscher Ideen verurteilte er Kultur und Zivilisation als das natürlich Menschentum verfälschende Elemente. Werke u.a.: “Krieg und Frieden”, “Anna Karenina”, “Die Kreuzersonate”, “Meine Beichte”.

11. Januar 2010

Charlotte Lyne – Das Haus Gottes

Einsortiert unter: 2009,History — Karthause @ 18:19
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Das Haus Gottes
Charlotte Lyne
Rowohlt TB 704 Seiten
ISBN-13: 978-3499249181

Klappentext

Portsmouth, 1336. Die tatkräftige Dorothy heiratet den gut aussehenden Symond, Sohn des berühmten Schiffsbauers Aimery Fletcher. Doch schon bald zerbricht ihr Traum vom Glück: Symond entpuppt sich als Taugenichts und Frauenheld. Dorothy muss zusehen, wie sie sich und ihre Kinder über die Runden bringt. Da geschieht eine unfassbare Katastrophe: Die Franzosen legen Portsmouth in Schutt und Asche; es ist der Beginn des Hundertjährigen Krieges. In ihrer Verzweiflung wendet sich Dorothy dem Schwiegervater zu. Aber kann ein Mann ihr helfen, von dem es heißt, er habe seine untreue Ehefrau ermordet?

Meine Meinung

Die Handlung dieses historischen Romanes beginnt im Jahr 1336, einer Zeit, in der ich mich literarisch nicht zu Hause fühle, wohl auch deshalb, weil mir der historische Hintergrund nicht ausreichend bekannt ist. In „Das Haus Gottes“ geht es um Schuld und Sühne, um Glauben um Liebe, um den Schiffbau, aber auch um historische Ereignisse, die über die Bewohner von Portsmouth hereinbrechen und deren Folgen, so der Stadtbrand, die Pest, der Krieg. Die historische Seite wurde von Charlotte Lyne auf ganz anschauliche Weise geschildert. Die Leiden und die Not der Bevölkerung waren nachvollziehbar. Über das Alltagsgeschehen konnte ich die Protagonisten kennen lernen, die sehr ausgeklügelte und lebensnahe Charaktere hatten. Ihre Handlungen und Gefühle erschienen echt und nachvollziehbar und waren echte Kinder ihrer Zeit, eng verknüpft mit dem historischen Geschehen. Die immer couragiert zupackende Dotty, der weichliche Symond, der blinde John und nicht zuletzt Aimery sind mir schnell zu vertrauten Personen geworden. Hier ist es der Autorin auf herausragende Art und Weise gelungen, Realität und Fiktion zu einen. Die Passagen über den Schiffbau haben mich persönlich ganz besonders angesprochen, ein Thema, das mich schon seit sehr jungen Jahren interessiert.

Dies war der erste Roman, den ich von der Autorin las. Aber die kraftvolle, direkte, der Zeit angepasste, ausdrucksstarke Sprache lassen mich Ausschau nach den anderen bereits erschienen Romanen von Charlotte Lyne halten.

Die in dem Roman enthaltene Liebesgeschichte ist vollkommen unaufdringlich und frei von jeder Form von Kitsch. Ich würde jedem widersprechen, der behauptet, dies sei ein Liebesroman. Für mich ist Charlotte Lynes Roman ein hervorragender historischer Roman, der den Leser über die Zeit und die Lebensweise im 14. Jahrhundert informiert und dazu gehört natürlich auch die Liebe.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

Charlotte Lyne, geboren 1965 in Berlin, studierte Germanistik, Latein, Anglistik und Italienische Literatur in Berlin, Neapel und London. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in London, und wenn sie nicht gerade schreibt, ist sie Übersetzerin und Lektorin.

7. Januar 2010

Greg Iles – Leises Gift

Einsortiert unter: 2009,Krimi/Thriller — Karthause @ 19:29
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Leises Gift
Greg Iles
Originaltitel: True Evil
Broschiert: 604 Seiten
Verlag: BasteiLübbe
ISBN-13: 978-3404159673

Klappentext

Dr. Chris Shepard hat die junge Frau, die in seine Arztpraxis kommt, nie zuvor gesehen. Alex Morse gibt sich als Agentin des FBI zu erkennen. Sie sei, so sagt sie, auf der Spur eines Scheidungsanwalts, der seinen Klienten einen ganz besonderen Dienst bietet: Ihre Ehepartner sterben auf unerklärliche Weise. “Okay. Aber warum erzählen Sie mir das?” Zum ersten Mal blickte Agentin Morse unbehaglich drein. “Weil …”, sagte sie schließlich zögernd, “vor genau einer Woche Ihre Frau nach Jackson gefahren ist und zwei Stunden im Büro dieses Anwalts verbracht hat.”

Meine Meinung

Greg Iles lässt diesen Thriller mit einem unglaublichen Verdacht beginnen. FBI-Agentin Alex Morse wird am Sterbebett ihrer Schwester mit dem Verdacht konfrontiert, deren Tod sei nicht Folge einer heimtückischen Krankheit, sondern Mord. Als sie auf eigene Faust ermittelt, kommt sie unglaublichen Dingen auf die Spur.

Dieser Thriller beginnt eher bedächtig – jedenfalls für mich, die bei diesem Genre gern zu den etwas blutigeren Stories greift. Aber so unvorstellbar wie diese beginnt, so glaubwürdig-subtil nimmt sie ihren Lauf. Greg Iles versteht es meisterhaft, die Spannung zu halten, den Leser zu fesseln und an der Geschichte zu halten, dabei ist die Mordmethode so originell wie selten, fast schon perfekt. Die Charaktere der Hauptpersonen überzeugen, wenn auch in der üblichen Rollenverteilung von gut und böse, wie (fast) immer in dieser Art Buch fehlt auch hier die Grauzone. Aber darauf kann ich mich problemlos einlassen. Einzig der Schluss kam mir (mal wieder) zu actionlastig daher. Aber Thrillerautoren lieben wahrscheinlich als Ende das groß aufgebotene Finale.

Von Greg Iles habe ich bereits folgende Bücher gelesen:

Blackmail

24 Stunden

29. Dezember 2009

Colum McCann – Die große Welt

Einsortiert unter: 2009,Belletristik — Karthause @ 17:08
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Die große Welt
Colum McCann
Gebundene Ausgabe: 537 Seiten
Verlag: Rowohlt, Reinbek
ISBN-13: 978-3498045111

New York. August 1974. Auf einem zwischen den Twin Towers gespannten Seil balanciert im 110. Stockwerk, etwa 500 Meter über der Erde ein Hochseilartist. Für die Passanten scheint in diesem Moment die große Welt stillzustehen. Fasziniert und wie gebannt schauen sie an den Himmel und betrachten diesen Balanceakt.

Aber unten auf der Erde geht das Leben weiter. Es ist für viele ein nicht weniger riskanter Drahtseilakt. Da ist Corrigan. Der gläubige Ire, hilfsbereit und aufopferungsvoll bis zur Selbstaufgabe. Selbst keusch und in Armut lebend, unterstützt er die Prostituierten der Bronx. Sein Bruder ist gekommen und bemüht sich, Corrigans Leben in andere Bahnen zu lenken, versucht ihn aus diesem gefährlichen Viertel zu holen. Aber dessen Weg ist durch seine Kindheit vorgezeichnet. Tillie, die 38jährige Großmutter und Jazzlyn, ihre Tochter, sind Straßenhuren und nehmen Corrigans Hilfe wie selbstverständlich an. Ihr Leben ist hart und nicht immer bewegen sie sich auf legalen Gebiet. Eine Geschichte von Huren und eine von Heiligen, beide eng verknüpft. Aber auch das Künstlerpärchen Lara und Blain sind durch die Geschehnisse um Corrigan in diese Handlung involviert und stehen ebenso wie alle anderen am Scheideweg.

Eine weitere Geschichte führt den Leser zu den New Yorker Müttern, die ihre Söhne im Vietnamkrieg verloren. Sie haben ein gemeinsames Schicksal, Claire allerdings fühlt sich zu der Gruppe nicht so ganz dazugehörig, sie gehört zur New Yorker Oberschicht. Claires Ehemann ist Richter, und er verhandelt just an diesem Tag den Prozess, in den Tillie und Jazzlyn verstrickt sind und wünscht sich nicht mehr als den Prozess um den Artisten zu übernehmen.

Immer wieder, zwischen den fiktiven Einzelschicksalen, greift Colum McCann die Rahmenhandlung, die auf dem realen Hochseilakt des Philippe Petit fußt, auf und verwebt die einzelnen Handlungsstränge miteinander. Das verbindende Element ist der Abgrund, vor dem alle Protagonisten in ihrer speziellen Situation stehen. Wer stürzt ab, wer kann sich halten? Lest selbst.

Colum McCann ist ein begnadeter Erzähler. Noch kein Buch von ihm hat mich enttäuscht. Schon nach wenigen Seiten bin ich gefangen von seinem Stil, seiner Sprache, seinen Stories, seinen lebensechten Protagonisten. In seinem Roman „Die große Welt“ hat er es geschafft, den Blick des Lesers vom Mikrokosmos der einzelnen Personen auf das Große alles Verbindende zu lenken. Er lässt gezielt Gegensätze aufeinander prallen, die schon angesprochene Konstellation von Hure und Heilige, aber auch Reich und Arm, Gesetzeshüter und Gesetzesbrecher und nicht zuletzt Leben und Tod. All dies wird stimmig, mit einem guten Auge fürs Detail, geradlinig, sehr feinfühlig, intensiv und authentisch erzählt.

Mein Fazit: Ich wünschte, es würde mehr Bücher dieser Art geben, für die ich eher Feierabend mache, nur schnelle Mahlzeiten zubereite und die Nacht lesend verbringe. All das habe ich für dieses Buch getan. Leider hatte das Buch nur 537 Seiten und die waren viel zu schnell gelesen. Es war mein ganz persönliches Highlight im Jahr 2009.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

Colum McCann wurde 1965 in Dublin geboren. Er arbeitete als Journalist, Farmarbeiter und Lehrer und unternahm lange Reisen durch Asien, Europa und Amerika. für seine Erzählungen erhielt McCann, der heute in New York lebt, zahlreiche Literaturpreise, unter anderem den Hennessy Award for Irish Literature sowie den Rooney Prize.

Von Colum McCann las ich bisher:

Der Tänzer (2005)
Zoli (2007)

21. Dezember 2009

Katja Doubek – Katharina Kepler

Einsortiert unter: 2009,History — Karthause @ 13:49
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Katharina Kepler
Katja Doubek
Gebundene Ausgabe: 414 Seiten
Verlag: Piper
ISBN-13: 978-3492045261

Die Hexenprozesse in Württemberg fanden ihren Höhepunkt im endenden 16. und beginnenden 17. Jahrhundert. Auch Katharina Kepler, die Mutter des großen Astronomen, war davon betroffen. Sie führte in Leonberg ein zurückgezogenes Leben als Heilkundige und Kräuterfrau. Nachdem sie schon früh von ihrem Mann, der gern trank und auch oft gewalttätig wurde, verlassen wurde, musste die zierliche, zähe Frau auf sich allein gestellt, für sich und die Kinder sorgen. Mit eisernem Willen, Entbehrungen und Herz und Mund am rechten Fleck meisterte sie den Alltag. Das brachte ihr jedoch nicht nur Freunde ein. Besonders Luther Einhorn ist sie im Weg und als sich ihm 1617 die Möglichkeit bietet, ihr den Prozess zu machen, ergreift er die Chance.

Katja Doubek ist ein wirklich hervorragender historischer Roman gelungen. Sie erzählt die Lebensgeschichte der Katharina Kepler von ihrer Kindheit an bis hin zu ihrem Tod. Dabei geht sie auf die damaligen Sitten und Gebräuche ein, schildert das Zeitgeschehen sehr anschaulich und beschreibt detailliert das Alltagsleben. Sie erzählt von den Schwierigkeiten der Katharina Kepler in ihrer Ehe, den Misshandlungen, die sie erdulden musste ebenso einprägsam und glaubwürdig, wie von der Suche nach dem verschollenen Ehemann, der ständigen Sorge um die Mitmenschen und das Verhältnis zu ihren vier überlebenden Kindern. Dem Buch ist die minutiöse Recherche anzumerken, dabei wird es an keiner Stelle langatmig. Die Sprache ist einfach gehalten, aber nicht monoton. Glaubte ich nach dem Lesen des Klappentextes, einen Roman, der ausschließlich die Hexenverfolgung zum Thema hat, vor mir zu haben, wurde ich dann zu meiner Freude eines besseren belehrt. Die das Leben des Johannes Kepler betreffenden Abschnitte, seine Ausbildung, seine Arbeit und seine Sorge um die Mutter, haben das Buch abgerundet.

Mein Fazit: Wer sich für realitätsnahe historische Romane interessiert, sollte dieses Buch unbedingt gelesen haben. Da dies der erste Roman war, den ich von Katja Doubek gelesen habe und dieser mich vollkommen überzeugte, habe ich auch schon erfolgreich nach weiteren Werken von ihr Ausschau gehalten.

Über den Autor

Katja Doubek, geboren 1958, studierte Psychologie, Germanistik, Philosophie und Geschichte, ist heute als Psychotherapeutin tätig und verfaßte zahlreiche Sachbücher und besondere Lexika. Sie lebt in München. Zuletzt erschienen von ihr »Das Lexikon der Attentate«, »Blue Jeans. Levi Strauss und die Geschichte einer Legende« und »Katharina Kepler«.

12. Dezember 2009

Oliver Hilmes – Cosimas Kinder

Einsortiert unter: 2009,Biografie/Erfahrungen — Karthause @ 20:34
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Cosimas Kinder
Oliver Hilmes
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Siedler Verlag
ISBN-13: 978-3886808991

Nachdem ich „Die Herrin des Hügels“ mit Begeisterung gelesen habe, griff ich sofort zu der logischen Fortsetzung dieses Buches und wandte mich somit den Nachkommen der Cosima Wagner zu. Der Stil des Vorgängerbuches wird hier konsequent fortgesetzt. Aufbauend auf den Erkenntnissen zu Cosima stellt der Autor nun nacheinander deren Kinder vor. In der Familie Wagner geht es um Geld, die Wahrung des äußeren Scheins, Traditionen, Erwartungen und Intrigen. Oliver Hilmes beschreibt und erläutert die Handlungsweisen der Personen und charakterisiert sie sehr genau. Dabei empfand ich seine wertungsfreie und nicht moralisierende Schreibweise als sehr angenehm. Interpretationen überlässt Hilmes seinen Lesern. Er liefert dafür lediglich die Grundlage, die auf historischen Quellen, die z. beruht. Auch in diesem Buch wird sehr gekonnt auf das Zeitgeschehen eingegangen Die Familie Wagner wird im Spiegel ihrer Zeit betrachtet.

Als ich „Cosimas Kinder“ zu lesen begann – unmittelbar nach „Die Herrin des Hügels“ – überlegte ich schon, ob ich mir ein bisschen viel Wagner auf einmal vorgenommen hatte. Meine Zweifel waren unberechtigt, in diesem Buch entwickelte sich der Wagner-Clan weiter. Es wurde weiterhin „gedient und nicht geliebt“, es gab weiterhin Familienzwist, sowie diverse Anekdoten und Begebenheiten. Ich habe auch in diesem Buch eine lehrreiche Lektüre gefunden, die sehr unterhaltsam war und stellenweise Machenschaften aufdeckte, die einer Seifenoper würdig wären.

Den Anhängern des Wagner-Clans, den Lesern von Biografien und historisch Interessierten kann ich dieses Buch sehr empfehlen. Es ist auch ohne weiteres ohne Kenntnis des Vorgängerbuches zu lesen, da der Autor die Hintergründe von Entwicklungen aus den Vorgängerbuch aufgreift und sehr gut erläutert.

9. Dezember 2009

Oliver Hilmes – Die Herrin des Hügels

Die Herrin des Hügels
Oliver Hilmes
Gebundene Ausgabe: 496 Seiten
Siedler Verlag
ISBN-13: 978-3886808366

Nachdem ich im vergangenen Jahr „Witwe im Wahn“ von Oliver Hilmes gelesen hatte, stand für mich fest, weitere Bücher des Autors unbedingt lesen zu wollen. „Die Herrin des Hügels“ ist die Biografie der von 1837 bis 1930 lebenden Cosima Wagener (geb. Liszt). Es gibt bereits eine Reihe von Lebensbildern dieser doch sehr widersprüchlichen Persönlichkeit. Oliver Hilmes bediente sich in seinem Buch aber den neuen bisher nicht zugänglichen Quellen des Wagner-Clans. Eindrucksvoll und anschaulich berichtet Hilmes über die schwierige Kindheit, ständig wechselten für die uneheliche Tocher von Franz Liszt und der Gräfin Marie d’Agoult die Bezugspersonen, war es erst die Mutter, dann die Großmutter so wurde später eine Gouvernante und ein Pariser Institut mit der Erziehung beauftragt. Der berühmte Franz Liszt, kam seiner Vaterrolle kaum nach. Bereits 1853 lernte sie den Komponisten Richard Wagner kennen, heiratete aber 1857 den besten Schüler Liszt’s, Hans von Bülow. Als ihre Ehe 1870 geschieden wurde lebte sie bereits mit Richard Wagner zusammen, den sie nur wenige Wochen nach der Scheidung heiratete. Cosima Wagner war aber nicht nur die Ehefrau des Komponisten, sie war seine Privatsekretärin, seine Assistentin, seine Vertraute in allen Dingen, seine Muse. So wurde in enger Zusammenarbeit die Idee von Wagner-Festspielen in Bayreuth umgesetzt. Nach Wagners Tod im Jahre 1883 übernahm sie die Festspielleitung und führte das Festspielhaus mit Hartnäckigkeit, Führungsstärke und festem Willen durch schwierige Zeiten erfolgreich bis ins Jahr 1906. Sie sah es als persönliche Berufung an, Richard Wagner ein Denkmal zu setzen und seine Arbeit zu würdigen, indem sie die Bayreuther Festspiele zu einer festen Einrichtung werden lässt.

Oliver Hilmes ist es mit dieser Biografie gelungen, wertungsfrei ein vollständiges Bild der Cosima Wagner zu zeichnen. Überzeugend hat er ihre Widersprüchlichkeit herausgearbeitet, ihre Mission als Wagners Erbin, ihre antisemitischen Ansichten und auch die Beziehung zu Adolf Hitler, den sie 1923 erstmals traf und von dieseem Zeitpunkt an protegierte, dargestellt. So kann sich der Leser ein umfassendes Charakterbild dieser beeindruckenden Frau, so zwiespältig sie auch war, machen.

Die Biografie ist flüssig und leicht zu lesen, auch die eingefügten Ausschnitte aus Originaldokumenten störten den Lesefluss nicht im Geringsten. Mich hat diese überaus gelungene Biografie veranlasst, auch andere Quellen nachzuschlagen und mich der Musik Richard Wagners nach jahrelanger Abstinenz wieder zuzuwenden.

Mit „Die Herrin des Hügels“ ist für mich das Wagner-Thema noch nicht beendet. Mein nächstes Buch ist „Cosimas Kinder. Triumph und Tragödie der Wagner-Dynastie“ vom gleichen Autor. „Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth“ von Brigitte Hamann wird in Kürze folgen.

Über den Autor (Quelle: Wikipedia)

Oliver Hilmes (* 1971 in Viersen) ist ein deutscher Historiker, Publizist und Autor von Biografien.  Oliver Hilmes studierte Geschichte, Politik und Psychologie an den Universitäten Marburg, Paris und Potsdam. Er promovierte über politische Musikgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts und arbeitete in der Intendanz der Berliner Philharmoniker.
Bekannt wurde er durch seine Biografien über Alma Mahler-Werfel und Cosima Wagner, die es auch in die Spiegel-Bestsellerliste schafften.
Die Zeitschrift Die Welt bezeichnete ihn als das “Wunderkind unter den deutschen Biografen”.

2. Dezember 2009

Armistead Maupin – Stadtgeschichten I.

Einsortiert unter: 2009,Belletristik — Karthause @ 17:53
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Stadtgeschichten I.
Armistead Maupin
Originaltitel: Tales of the City
Taschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Rowohlt Tb
ISBN-13: 978-3499239694

Hätte ich dieses Buch nicht geschenkt bekommen, wäre ich wohl im Buchladen immer daran vorbei gegangen. Ein Jammer. Auch so zierte es noch über ein Jahr ungelesen mein Bücherregal, denn ich wusste nicht, was für eine unterhaltsame und spritzige Lektüre ich noch vor mir hatte.

Amistead Maupin lässt in dem 1. Band seiner Stadtgeschichten, die in der Barbary Lane ihren Mittelpunkt finden, ein Vielzahl von Menschen zu Wort kommen, die alle auf der Suche nach dem großen Glück sind und es in San Francisco finden wollen. Jeder einzelne Charakter wurde detailliert und liebevoll gezeichnet und so dauerte es nicht lange, bis bei mir das Gefühl aufkam, ich würde die Geschichte guter Freunde lesen. Ich fühlte mich als stiller Beobachter einer turbulenten Szene. Da ist Mary Ann Singelton, die nicht nach Cleveland zurückkehren will, ihre Vermieterin, Anna Madrigal, aufgewachsen in einem Bordell, heißt sie mit einem Joint in ihrem Haus willkommen. Ihre Mieter betreut sie überaus fürsorglich, fast so wie eigene Kinder. Das Spektrum der Protagonisten reicht weiter von der bisexuellen Hippiefrau, über den bizarren Gynäkologen, hin zur überdrehten DeDe Halcyon-Day. Alle führen auf ihre Art ein scheinbar oberflächliches Leben. Aber mit der Begegnung von Anna Madrigal und Edgar Halcyon kommt dann spürbar Tiefe in das Buch.

Der Autor gewährt dem Leser in seinem Roman einen tiefen Einblick in das Leben Ende der 70er Jahre in San Francisco. So manche Vorstellung, die ich hatte, fand ich bestätigt. „Stadtgeschichten“ ist ein leicht zu lesender, temporeicher Roman. Einzig die Vielzahl der Personen hatte mich zu Beginn ein wenig irritiert. Aber schon bald wurde das Beziehungsgeflecht verständlich und das Lesen machte nur noch Spaß. Dieses Buch lebt von der Vielzahl der geführten Dialoge, was es einem schwer macht, es zur Seite zu legen. Die Frage „Wie geht es weiter?“ lässt sich nicht verdrängen und am Ende wird auch deutlich, das nicht alles so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Ich freue mich nun schon auf die noch ungelesenen „Stadtgeschichten“ des Autor und hoffe mit ihnen ebenso viel Lesespaß zu haben.

Über den Autor (Quelle: Wikipedia)

Armistead Maupin (* 13. Mai 1944 in Washington, D.C.) ist US-amerikanischer Schriftsteller.

Armistead Maupin studierte Englisch an der University of North Carolina und arbeitete als Reporter und für eine Nachrichtenagentur. Maupin wurde bekannt durch seine Stadtgeschichten („Tales of the City“), die zunächst als Fortsetzungsgeschichten im San Francisco Chronicle erschienen und später als Romanreihe veröffentlicht wurden.

Weitere Werke von Maupin neben den Stadtgeschichten sind „The Night Listener“ und „Maybe the Moon“.

Stadtgeschichten-Zyklus

  1. Tales of the City. 1981 (deutsch: Stadtgeschichten 1993)
  2. More Tales of the City. 1980 (deutsch: Mehr Stadtgeschichten 1993)
  3. Further Tales of the City. 1982 (deutsch: Noch mehr Stadtgeschichten 1993)
  4. Babycakes. 1984 (deutsch: Tollivers Reisen 1993)
  5. Significant Others. 1987 (deutsch: Am Busen der Natur 1993)
  6. Sure of You. 1989 (deutsch: Schluss mit Lustig 1994)
  7. Michael Tolliver Lives. 2007 (deutsch: Michael Tolliver lebt. Die neuesten Stadtgeschichten 2008)

22. November 2009

Siba Shakib – Eskandar

Einsortiert unter: 2009,Belletristik — Karthause @ 13:44
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Eskandar
Siba Shakib
Gebundene Ausgabe: 512 Seiten
Verlag: C. Bertelsmann Verlag
ISBN-13: 978-3570009680

Er hat mit eigenen Augen die erste Ölquelle dieses Landes gesehen, er war dabei, als die Väter unserer Nation für die Verfassung und das Madjless kämpften, er hat sein Brot als Fotograf verdient, als Ladenbesitzer, als Büroangestellter, als Gärtner, und er war sein ganzes Leben lang Geschichtenerzähler.“

Persien im Jahr 1908. Das Dorf ohne Namen litt unter der Dürre. Die Bewohner starben und glaubten, ihnen sei eine Gottesstrafe auferlegt worden, weil der Bach, der das Dorf mit Wasser versorgte, versiegt war. Als Eskandar, das von den Arbab Verbotene wagte und über den Berg kletterte, sah er, dass die nach Petroleum suchenden Ausländer sehr wohl Wasser hatten und der Landbesitzer den Bach nur umgeleitet hatte. Nach dem Tod seiner Mutter ging der Junge wiederum über diesen Berg. Dort lernte er den kanadischen Ingenieur Richard kennen, der Eskandar in seine Obhut nahm. So lernte er die Kultur und die Sprache der Ausländer kennen. Richard schickte den Jungen nach kurzer Zeit zur Familie seiner Geliebten, die ein Kind von ihm erwartete. Dort hatte er die Möglichkeit ein Minimum an Bildung in der örtlichen Koranschule zu erlangen. In der Schule wurde das Talent des Jungen, Geschichten zu erzählen, schnell erkannt und so wurde er als Motivationshilfe beim nationalistischen Sturm auf Teheran eingesetzt. Für kurze Zeit kehrte Eskandar danach ins Camp der Ausländer zurück. So war er als Richards Boy dabei als das erste Erdöl im Iran gefunden und die Anglo-Persische-Oil-Company gegründet wurde. Aber eines Tages verkaufte Richard den Jungen an den Khan.

Siba Shakib erzählt um den Protagonisten Eskandar die interessante Geschichte Persiens von 1908 bis ins Jahr 2002. Mit Eskandar lässt sie den Leser die verschiedenen Abschnitte persischer Geschichte durchleben, er ist mittendrin, immer am Puls der Zeit. Die ersten einhundert Seiten des Buches habe ich mit sehr viel Freude gelesen. Aber dann ließ die Begeisterung für dieses Buch ein wenig nach. Die Autorin führt die Hauptperson als Geschichtenerzähler in den Roman ein, im Verlaufe der Handlung erlebte ich Eskandar allerdings fast ausschließlich als Geschichten“erleber“. Die Sprache des Buches hat mir sehr gut gefallen. Die arabischen Einflüsse waren deutlich spürbar, trotzdem wirkte der Roman nicht zu blumig. Es ist der Autorin auch sehr gut gelungen, zu verdeutlichen, dass aus dem Kind Eskandar langsam ein Erwachsener wird. Sprach Eskandar zu beginn des Romans in kindlich kurzen Sätzen, änderte sich dies mit der Zeit. Das im Buch enthaltene Glossar erleichtert es dem Lesern die unbekannten arabischen Begriffe zu verstehen. Ein wenig hat mich gestört, wie die Handlungsaufteilung im Buch erfolgte. Die ersten Jahre wurden sehr ausführlich beschrieben und je mehr sich die Autorin der Gegenwart näherte, desto schneller und kürzer waren die Beichte darüber, so, dass die letzten 20 Jahre auf weniger als einhundert Seiten abgehandelt wurden. Was mich jedoch ganz massiv an diesem Buch störte, und das ist keineswegs der Autorin anzulasten, sind die doch recht häufigen (Druck-?)Fehler in diesem Buch. Hat der Verlag C. Bertelsmann keine Lektoren?

„Eskandar“ ist meinen hohen Erwartungen nicht ganz gerecht geworden. Es ist aber, trotz meiner Kritikpunkte, ein Buch, das man gut lesen kann und das gute Unterhaltung bietet.

Über den Autor

Siba Shakib wurde im Iran geboren und wuchs in Teheran auf und besuchte dort die deutsche Schule. Seit vielen Jahren arbeitet sie als Autorin und Filmemacherin. Ihr erstes Buch “Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen” war die Nummer 1 der Spiegel-Bestsellerliste und wurde in 16 Länder verkauft. Sie lebt abwechselnd in Deutschland, New York und Italien.

 

18. November 2009

Sabine Weigand – Seelen im Feuer

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Seelen im Feuer
Sabine Weigand
Gebundene Ausgabe: 528 Seiten
Verlag: Krüger
ISBN-13: 978-3810526632

Klappentext

Jeder kann verdächtigt werden, jeder wird verhört, jeder kann brennen. Die Angst geht um in Deutschland. 1626 ist es die Angst vor dem Teufel, der Zauberei, den Hexen. Es ist ein Ringen um Gut und Böse, aber auch ein Kampf um die Macht. Der intrigante Fürstbischof von Bamberg will die freien Bürger der Stadt in ihre Schranken weisen. Neben den einfachen Leuten hat er es deshalb besonders auf die Stadträte abgesehen. Sie werden verhört und verurteilt. Sie werden verbrannt. Mit der jungen Apothekerstochter Johanna schauen wir in eine Welt, in der der Hexenwahn Wirklichkeit ist. Auch sie droht in den Teufelskreis zu geraten, aus dem keiner entrinnt. Gelingt ihr die Flucht ins weltoffene Amsterdam? Bekommen die Bürger von Bamberg endlich Hilfe bei Kaiser und Papst, um dem Brennen ein Ende zu machen?

Meine Meinung

Gleich vorweg, dies war das erste Buch, welches ich von Sabine Weigand gelesen habe, aber auf weitere freue ich mich schon. Der Grund dafür ist die professionelle Recherche, die dem Buch Leben eingehaucht hat. Oft kann man als Leser nur erahnen, welchen Aufwand der Autor bei seinen Nachforschungen betrieben hat. Aber in diesem Buch ist es spürbar. Endlos viele kleine Details, die manchmal nur am Rande vermerkt wurden, lassen die Hexenverfolgung real werden.

„Seelen im Feuer“ beleuchtet ein Zeitfenster von 1626 – 1632. In diesen 6 Jahren, in denen bei der Bevölkerung Angst und Schrecken ständige Begleiter waren. Es wurden so viele Menschen denunziert, angeklagt, gefoltert und verurteilt, dass ganze Straßenzüge ausstarben und ein normales Leben nicht mehr stattfand. Ursache für diese nicht enden wollende Hexenjagd war die Wichtigtuerei des Bürgermeistersohnes Hansi Moorhaupt. Nachdem er die „Historia von D. Johann Fausten…“ gelesen hatte, behauptete er, auch einen Pakt mit dem Teufel geschlossen zu haben. Damit begann ein Schreckenszenario, das über Jahre hinweg, das Leben der Menschen in Bamberg bestimmen sollte und unzählige unschuldige Opfer zur Folge hatte. Gekonnt fügte die Autorin Zeitdokumente in ihren Roman, dadurch wurde die Authentizität nochmals erhöht: Auch wenn diese in altem Deutsch eingefügten Texte den Lesefluss ein wenig hemmten, empfand ich sie als sehr informativ und für den gesamten Roman als bedeutend.

Erschreckend gut nachvollziehbar waren die Schilderungen der Folter, die Qualen und Ängste, die die Beschuldigten durchlebten. Manchmal hatte ich zwar das Gefühl, es ist einfach zuviel, Handlungen wiederholten sich. Aber wie soll andererseits dem Leser klar werden, wie grausam die Hexenjagd war und wie unsagbar viele – nicht nur Frauen – zum Opfer wurden.

Die Charaktere der im Roman vorkommenden Person waren sehr realistisch und fein gezeichnet. Ihr Tun war nachvollziehbar und glaubhaft.

Mein Fazit: „Seelen im Feuer“ ist ein ausgezeichneter historischer Roman, das betrifft sowohl die Erzählweise als auch die Geschichtstreue. Er ist ein Zeitdokument. Auch die in die Handlung aufgenommene Liebesgeschichte schmälert den äußerst positiven Gesamteindruck nicht, sie rundet die Geschichte ab.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

Sabine Weigand stammt aus Franken. Sie ist Historikerin und arbeitet als Ausstellungsplanerin für Museen. Dokumente aus der Stadtgeschichte von Nürnberg waren der Ausgangspunkt ihres Romans »Das Perlenmedaillon«, das wahre Schicksal einer Osmanin am Hof August des Starken liegt dem Roman »Die Königsdame« zugrunde. Schon bei ihrem ersten Erfolgsroman »Die Markgräfin« lieferte die reale Geschichte der Plassenburg bei Kulmbach die historische Vorlage.

12. November 2009

Elke Heidenreich, Bernd Schroeder – Alte Liebe

Einsortiert unter: 2009,Belletristik — Karthause @ 19:39
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Alte Liebe
Elke Heidenreich & Bernd Schroeder
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Hanser
ISBN-13: 978-3446233935

Lore und Harry sind seit 40 Jahren verheiratet und die Zeit hat bei dem alt-achtundsechziger Paar ihre Spuren hinterlassen. Ihre Tochter Gloria steht unmittelbar vor der dritten Hochzeit und die Enkelin Laura ist begeistert von Playstation, Computer und Gameboy. Harry ist pensioniert und ein passionierter Kleingärtner. Lore geht noch arbeiten, in ihrer Bibliothek fühlt sie sich schier unersetzlich, der Umgang mit Büchern, der Kontakt mit Autoren ist ihr Leben und ihre Leidenschaft.

Das Buch hat nur 192 Seiten, aber diese beinhalten den gesamten Kosmos von Lore und Harry. Die Gedanken, die sie sich über ihre Tochter machen, die nun einen reichen Mann, einen Kapitalisten, heiraten will und damit versorgt ist, sind keineswegs von der rosaroten Elternbrille gekennzeichnet. Sie hinterfragen ihre Erziehung, suchen Fehler bei sich und sehen sowohl die Tochter als auch die Enkelin mit kritischem Blick. Beide philosophieren über den Sinn des Lebens, das Altern, das Verständnis der Generationen untereinander, über Reichtum und Armut, über alte Ideale und was davon übrig blieb, über Liebe und Leidenschaft und fragen sich nicht zuletzt, was aus ihrer Beziehung geworden ist, und wie sie in das gemeinsame Altern zukünftig ein bisschen frischen Wind bringen können.

Abwechselnd erzählen die beiden aus ihrem Leben, teilen ihre Gedanken mit und gewähren dem Leser Einblicke in ihre Gefühlswelt. Alle Kapitel werden durch einen Dialog der beiden beendet, diese waren amüsant und spritzig, waren kleinere Geplänkel, waren mal leicht, mal tiefsinnig und waren auch mal grummelig und grantlig, sie zeugten vom jahrelangen Zusammenleben der Partner.

Dieses Buch war wunderschön, es hat mich emotional sehr angesprochen. Ich fand mich wieder in den Gesprächen, Gedanken und Wünschen. Die beiden Protagonisten waren mir sehr nah. Hätte ich das Buch vor 10 – 20 Jahren gelesen, wäre das vielleicht noch anders gewesen.

„Alte Liebe“ umfasst eine Vielzahl von Themen, die bei anderen Autoren auch 500 Seiten füllen könnten. Aber Elke Heidenreich und Bernd Schroeder gelingt es in aller Kürze, den Kern der Sache zu treffen.

Den Höhepunkt findet dieses Buch im Epilog. Ich werde vom Ende nichts verraten, nur so viel, es war absolut stimmig. „Alte Liebe“ ist der Lesehöhepunkt in diesem Jahr für mich. Ich habe gelacht, Parallelen gezogen und geweint. Es wird mich gedanklich sicher noch eine ganze Weile begleiten und das nicht nur weil ich den im Buch enthaltenen „Literaturempfehlungen“ noch ein wenig folgen werde.

Jetzt liest Herr Karthause dieses Buch und ich hoffe, ihm fällt auf, dass auch ein bisschen „Harry“ in ihm steckt.

Über die Autoren (Quelle: Amazon)

Elke Heidenreich, geboren 1943, lebt in Köln. Seit 1970 ist sie freie Autorin und Moderatorin bei Funk und Fernsehen. Seit 1983 ist Elke Heidenreich Kolumnistin bei der Zeitschrift “Brigitte” und schreibt regelmäßig Buchbesprechungen für verschiedene Fernseh- und Rundfunksender. 2008 wurde sie mit dem “Hans-Bausch-Mediapreis” ausgezeichnet. Bernd Schroeder, geboren 1944, aufgewachsen in Bayern, Studium der Theaterwissenschaft und Germanistik in München. Seit 1970 freier Autor. Bis 1992 hat er vorwiegend Fernseh- und Hörspiele geschrieben. 1985 erhielt er den Adolf-Grimme-Preis, 1992 den Deutschen Filmpreis. Seit 1993 hat er verschiedene Romane veröffentlicht. Bernd Schroeder lebt seit 1987 in Köln.

10. November 2009

François Lelord – Hector & Hector und die Geheimnisse des Lebens

Einsortiert unter: 2009,Belletristik — Karthause @ 20:25
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Hector & Hector
und die Geheimnisse des Lebens
François Lelord
Gebundene Ausgabe: 222 Seiten
Verlag: Piper
ISBN-13: 978-3492051675

Seit Jahren kenne ich Hector schon, Hector sen., er philosophierte über die Liebe, die Zeit und das Glück und bescherte mir damit sehr schöne Lesestunden. Jetzt gibt es Hector im Doppelpack, Hector sen. und Petit Hector und auch Clara ist dazu gekommen als Ehefrau und Mutter. In diesem Buch sollten wir nun die Welt des kleinen Hectors, die ist schließlich sehr kompliziert, und seine Sicht darauf kennen lernen. Wie sein Vater hat er ein Notizbuch und entdeckt die Welt auf seine eigene Weise.

Auf dieses Buch hatte ich mich gefreut, ja, ich bin bekennender Hector-Leser und -Liebhaber. Aber von der ersten Seite an, war ich irritiert über die Art des Petit Hector. Er sprach zwar Fragen an, die ein Kind schon bewegen können, das Kind in mir konnte er nicht erreichen. Mir kam er viel zu altklug, neunmalschlau und besserwisserisch vor. Die vorherigen Bücher des Autors waren mit Witz und Charme geschrieben, beides vermisste ich hier, ich war einfach nur genervt von der hier offenbarten Naivität. Dabei kann ich nicht einmal eine Aussage über das wirkliche Alter des Jungen machen, ein Schulkind, mehr erschloss sich mir nicht. Allerdings habe ich das Buch ab Seite 100 auch nur noch diagonal gelesen.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

François Lelord, geboren 1953 in Paris, studierte Medizin und Psychologie und wurde Psychiater, schloss 1996 jedoch seine Praxis, um sich und seinen Lesern die wirklich großen Fragen des Lebens zu beantworten. Er ist viel auf Reisen, besonders gerne in Asien, und lebt nach einem Jahr in Kalifornien heute in Paris und Hanoi, wo er seit 2004 Psychiater an der französischen Klinik ist. Seine Bücher »Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück«, »Hector und die Geheimnisse der Liebe« und »Hector und die Entdeckung der Zeit« wurden internationale Erfolge.

2. November 2009

Zülfü Livaneli – Glückseligkeit

Einsortiert unter: 2009,Belletristik — Karthause @ 20:16
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Glückseligkeit – Zülfü Livaneli
Originaltitel: Mutluluk
Gebundene Ausgabe: 313 Seiten
Verlag: Klett-Cotta
ISBN-13: 978-3608937923

Die 15jährige Meryem lebt in einem ostanatolischen Dorf und wird vom Imam vergewaltigt. Sie hat damit Schande über ihre Familie gebracht und es gibt nur zwei Möglichkeiten, wie die Ehre wieder hergestellt werden kann: Selbstmord oder Ehrenmord. Bis zur Entscheidung bleibt das Mädchen im Keller des Hauses eingesperrt.

Cemal, Meryems Cousin, ist Soldat. Er kämpft in den Bergen gegen die PKK-Anhänger. Dabei ist sein Jugendfreund selbst Kurde.

Eine dritte Hauptperson des Buches ist Irfan. Er ist Professor an der Universität von Istanbul, ist wohlhabend und leidet an Depressionen, Ängsten und der Midlife-Crisis. Nach und nach verknüpfen sich die verschiedenen Handlungsstränge miteinander und ein vielschichtiger, interessanter und lebensnaher Roman eröffnet sich dem Leser, der gleichzeitig einen erstaunlich tiefen Einblick in den türkischen Familienalltag gewährt.

Livaneli Zülfü erzählt in „Glückseligkeit“ die Geschichte dieser drei am Scheideweg stehenden Protagonisten, die wie ihr Land, aus dem sie stammen, zwischen Tradition und Moderne hin- und hergerissen werden. So wie die drei Hauptpersonen ganz verschieden Umfeldern entstammen, wird das Leben in der Türkei aus deren grundverschiedenen Sichtweisen geschildert und aufgezeigt, wie westliche und traditionelle Lebensart, Stadt- und Landleben, Fortschritt und Rückständigkeit aufeinander prallen. Deutlich weist der Autor auf Doppelmoral und Falschheit hin und geht weit über die Ehrenmordproblematik hinaus.

„Glückseligkeit“ ist ein atmosphärisch dichter, sehr intensiver Roman, der eindringlich die bekannten Probleme im türkischen Kulturkreis thematisiert. Lediglich die Zeichnung der Charaktere blieb mir häufig zu einfach. Da lag vielleicht auch an der Komplexität der Handlung, die für eine feinere Charakterisierung kaum noch Platz ließ.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, ich las es fast am Stück und war beeindruckt von der mutigen Schilderung der gesellschaftlichen Zustände in der Türkei und der nicht unkritischen Sichtweise. Ich konnte mit den Protagonisten bei der Suche nach ihrer Glückseligkeit mithoffen und –fiebern. Glückseligkeit ist ein Roman, der Anspruch und Unterhaltung auf äußert gelungene Weise vereint.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

Zülfü Livaneli wurde 1946 in Konya-Ilgin (Türkei) geboren. In den 70er Jahren war er wegen seiner politischen Anschauungen gezwungen, die Türkei zu verlassen, erst 1984 kehrte er zurück. Seitdem ist er einer der bekanntesten Sänger der Türkei, der auch international große Erfolge feierte. Einige Jahre war er Mitglied des türkischen Parlaments, besonders setzte er sich dabei für die türkisch-griechische Aussöhnung ein. Seine Bücher werden weltweit gelesen.

27. Oktober 2009

Diane Broeckhoven – Eine Reise mit Alice

Einsortiert unter: 2009,Belletristik — Karthause @ 17:36
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Eine Reise mit Alice - Diane Broeckhoven 92 Seiten Verlag: rororo ISBN-13: 978-3499247712

Eine Reise mit AliceDiane BroeckhovenVerlag: rororo 92 SeitenISBN-13: 978-3499247712

Die Geschichte um und mit Alice geht weiter. Jules Tod hat sie, so gut man es eben kann, verkraftet. Verreisen wollte sie eigentlich nicht mehr, weil sie dieses Glücksgefühl, dass sie bei den Reisen mit Jules empfand, verbannen wollte. Aber dann entschließt sie sich doch noch einmal nach Paris zu fahren, zu schauen, ob es die kleine Pension, in der sie ihre Hochzeitsnacht verbrachten, noch gibt. So fährt sie mit den Thalys von Antwerpen nach Paris. Nur einen Tag soll ihre Reise dauern, am Abend will sie wieder daheim sein. Aber in der unbekannt gewordenen Metropole findet sie sich nicht mehr zurecht. So bleibt sie in einem Café und gibt ihre Suche auf.

Auch auf einer zweiten Reise darf der Leser die alte Dame begleiten. Alice hat ihre Schwester Esther auf deren Drängen nach Ostende begleitet. Hier merkt sie, wie sehr ihr Jules doch fehlt, wie sie seine Rechthaberei, aber auch seine Ruhe vermisst. In der Gegenwart ihrer Schwester fühlt sie sich einsam, das erträgt sie irgendwann nicht mehr, sie packt ihre Sachen und fährt heim und bereitet sich dort innerlich auf eine weitere Reise vor.

Ganz feinfühlig beschreibt Diane Broeckhoven die Beschwerlichkeiten des Alters. Sie zeigt sowohl die körperlichen als auch die psychischen Grenzen von Alice auf, die mit dem Tempo des Lebens vor ihrer Wohnungstür nicht mehr mithalten kann. Dieses Buch zeigt aber auch die Prägnanz von gemeinsamen Erlebnissen, egal wie viel Zeit seitdem verstrichen ist.. Das macht besonders das Kapitel über die Reise mit ihrer Schwester deutlich. Ähnlich wie schon in „Ein Tag mit Herrn Jules“ ist auch dieses ein äußert gefühlvolles, leises Buch. Mit sehr viel Einfühlungsvermögen, Achtung und Verständnis nähert sich die Autorin ihrer Protagonistin, die sich auch mit einer gewissen Portion Selbstironie auf ganz sympathische Weise ihrem Alltag stellt.

„Eine Reise mit Alice“ ist ein Buch der leisen Töne und tiefen Gedanken. Ganz poetisch ist das Ende, das mich mit einen Gänsehautgefühl und einem Kloß im Hals zurück ließ.

Von Diane Brockhoven las und rezensierte ich bisher Ein Tag mit Herrn Jules.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

Diane Broeckhoven, 1946 in Antwerpen geboren, lebt nach 30 Jahren in den Niederlanden wieder in ihrer Geburtsstadt. Sie hat rund zwanzig Jugendbücher veröffentlicht, für die sie mit bedeutenden Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. “Ein Tag mit Herrn Jules” (C.H.Beck, 2005), ihr zweites Buch für Erwachsene, wurde in Deutschland zu einem Bestseller. Außerdem erschien von ihr bei C.H.Beck “Einmal Kind, immer Kind” (2005).

12. Oktober 2009

Noah Gordon – Der Katalane

Einsortiert unter: 2009,History — Karthause @ 18:42
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Der Katalane Noah Gordon Originaltitel: The Bodega Gebundene Ausgabe  496 Seiten Verlag: Karl Blessing Verlag ISBN-13: 978-3896673671
Der Katalane
Noah Gordon
Originaltitel: The Bodega
Gebundene Ausgabe:
496 Seiten
Verlag: Karl Blessing Verlag
ISBN-13: 978-3896673671

Amazon schreibt über dieses Buch:

“Eine mitreißende Mischung aus Spannungsroman, Familiengeschichte, Liebesdrama und Historienepos

Vier lange Jahre war Josep Àlvarez im fernen Languedoc, um die große Kunst des Weinmachens zu erlernen – und um sich vor den Schergen zu verstecken, die den Grafen von Reus des Nächtens in Madrid kaltblütig ermordet hatten. Nun, zurück in seinem Heimatdorf, hofft Josep, dass er sich seinen Lebenstraum erfüllen kann. Vollmundigen Wein möchte er auf dem Gut seiner Väter kultivieren. Doch die Reben sind vertrocknet, die Geldforderungen seines Bruders für den Erbhof horrend. Tapfer nimmt Josep zusammen mit seiner Geliebten den Kampf ums Überleben auf, bis ihn die Vergangenheit einholt …

Katalonien 1870. Josep erstarrt, als die Schüsse fallen. Der Mann sollte eigentlich nur verhaftet werden. Aus Angst vor den Schergen, die das Leben des Grafen von Reus Juan Prim auf dem Gewissen haben, flieht Josep über die Grenze ins Languedoc. Im französischen Exil entdeckt er seine Leidenschaft für Wein – und träumt schon bald davon, die Kunst des Weinmachens in seine Heimat zu bringen. Als ihn eines Tages die Nachricht vom Tod seines Vaters ereilt, kehrt Josep zurück. Doch ob es ihm gelingen wird, in einer Region, in der Winzer wie sein Vater bisher nur Essig erzeugen konnten, süffigen Wein zu keltern? Außerdem ist das Familiengut heruntergekommen, die Rebstöcke tragen kaum Frucht. Und sein Bruder, der rechtmäßige Erbe des Hofs, presst aus Josep auch noch den letzten cèntim. Josep beginnt gerade, alle Schwierigkeiten zu meistern, er hat eine Frau gefunden, die seinen Traum teilt, da taucht jener Mann im Dorf auf, der weiß, dass Josep als Einziger den Mord an Juan Prim bezeugen kann. Bleibt Josep wieder nur die Flucht?”

Dieses Buch kam als Geschenk zu mir, gemeinsam mit einer wirklich guten Flasche Rotwein. Der Wein war längst getrunken, nur das Buch stand ungelesen im Regal. Mein Unterbewusstsein muss mir wohl geflüstert haben, dass es mit der Lektüre nicht so eilt. Zunächst ging in voller Vorfreude an „Der Katalane“. Zumindest „Der Medicus“ vom gleichen Autor hatte mich vor Jahren begeistert. Aber dieses Buch war eine einzige Enttäuschung. Obwohl mich der Handlungsort und auch das Thema Weinanbau interessieren, wurde ich von Beginn an nicht warm mit diesem Roman. Die Handlung war banal und über den Wein wurde zwar geschrieben, aber nicht viel vermittelt. Die Sprache war äußerst einfach gehalten und so ließ sich „Der Katalane“ ohne große Höhepunkte flott weglesen. Er wirkte auf mich wie ein schnell und lieblos aufs Papier gebrachtes Erzählwerk. Ein bisschen Historienepos, ein wenig Spannungsroman (wo war eigentlich die Spannung?), etwas Familiengeschichte und eine Spur Liebe machen eben doch keinen vollkommenen Schmöker aus. Schade. Von diesem Buch war ich sehr enttäuscht. Der Wein dagegen war sehr gut.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

Noah Gordon, 1926 in Worcester, Massachusetts, geboren, arbeitete lange Jahre als Journalist beim “Boston Herald”. Mit ‘Der Medicus’ gelang ihm ein Weltbestseller, der in Deutschland viele Monate auf der Bestsellerliste stand. Auch seine nachfolgenden Romane wurden sensationelle Erfolge. Zuletzt, vor neun Jahren, erschien bei Blessing ‘Der Medicus von Saragossa’. Noah Gordon hat drei erwachsene Kinder und lebt mit seiner Frau in Boston.

7. Oktober 2009

Erika Pluhar – Er

Einsortiert unter: 2009,Belletristik — Karthause @ 19:24

Er - Erika Pluhar Gebunden 231 Seiten Verlag: Residenz ISBN-13: 978-3701714919
Er – Erika Pluhar
Gebunden 231 Seiten
Verlag: Residenz
ISBN-13: 978-3701714919

Emil Windhackers Körper hat nie Probleme bereitet. Auf ihn war Emil immer besonders stolz – und nun dieser Laborbefund. Von heute auf morgen schaut er dem Tod ins Auge. Emil Windhacker wäre aber nicht er selbst, wenn er die ihm verbleibende Zeit ungenutzt verstreichen ließe. Er beendet die Beziehung zu seiner Freundin Constanze und lernt zeitgleich die Schauspielerin Marie kennen. Sie verbindet nicht nur die gleiche Krankheit – Leukämie. Aber das Schicksal hält für Emil noch eine weitere Überraschung bereit.

„Er“ war das erste Buch, das ich von Erika Pluhar gelesen habe. Es war schnell gelesen, dazu trug nicht nur die recht große Schrift bei. Erika Pluhar erzählt die Geschichte eines Mannes über 50, egoistisch, gefühllos, kalt, kultiviert, erfolgreich im Job, bei Frauen beliebt und gesellschaftlich anerkannt. Aber ich mochte ihn nicht. Er verkörperte so ziemlich alle Eigenschaften, die ein Mann in meinen Augen nicht aufweisen müsste. Trotzdem konnte ich mich gedanklich recht gut in ihn hinein versetzen, obwohl in mir sicherlich nicht die Männerversteherin schlummert. Das Buch umfasst einen Zeitrahmen von nur 3 Tagen, in denen der Held wohl deutlich mehr Veränderungen durchlebte als in den vergangenen 3 Lebensjahrzehnten. Erika Pluhar erzählt die Geschichte des Protagonisten, einfühlsam, mit einem Hauch Ironie und viel Ruhe. Hätte sie ein anderes Ende gewählt, wäre meine Meinung über „Er“ auch eine deutlich bessere. Dieses Ende empfand ich als gekünstelt und aufgesetzt. Da mir der Erzählstil von Erika Pluhar ansonsten doch gut gefiel, werde ich nach weiteren Büchern von ihr Ausschau halten.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

Erika Pluhar ist seit ihrer Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar Schauspielerin am Burgtheater Wien. Sie ist Liedersängerin (die sich ihre Texte selbst schreibt) und hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter “Aus Tagebüchern”, “Lieder”, “Als gehörte eins zum andern. Eine Geschichte” und “Zwischen die Horizonte geschrieben”.

4. Oktober 2009

Michaela Vieser – Tee mit Buddha

Einsortiert unter: 2009,Biografie/Erfahrungen — Karthause @ 17:39
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Tee mit Buddha Michaela Vieser Gebundene Ausgabe: 304 Seiten Verlag: Pendo  ISBN-13: 978-3866122109
Tee mit Buddha
Michaela Vieser
Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
Verlag: Pendo
ISBN-13: 978-3866122109

Michaela Vieser studiert in London Japanologie. Den Studenten wird ein Auslandssemester angeraten, aber Michaela Vierser will weit mehr. Ihr Traum ist es, in ein Zen-Kloster zu gehen. Trotz längerer Recherche sieht sie dafür aber keine Möglichkeit. Kurz davor, ihren Traum zu begraben, macht ein japanischer Mönch, der an der Universität Buddhismus lehrt und von von ihrem Ansinnen erfuhr, ihr das Angebot, ein Jahr in seinem Mutterkloster zu verbringen. Das ist zwar kein Zen-Kloster, sondern gehörte zur Jodo-Shinshu-Strömung und liegt im Süden des Landes. Im Kloster leben ca. 100 Bewohner, Mönche, Familien, japanische Angestellte, Studenten. Das Kloster ist ein Spiegelbild der Gesellschaft im Kleinen. Michaela hat 3 Jahre lang die Sprache studiert und macht sich nun als erste Westeuropäerin auf, ihr Jahr im japanischen Kloster in Angriff zu nehmen.

Lange bevor ich dieses Buch las, war ich mir nicht sicher, ob es etwas für mich ist, oder eher nicht. Und um ehrlich zu sein, ich weiß es nach der Lektüre noch immer nicht.

Die Autorin erzählt von ihrem Leben in der für sie völlig fremden Welt, auch von der Ernüchterung, die sie in der ersten Zeit überkam. Ihre Erwartungen waren durchaus anders als die Realität. Als Leser ließ sie mich am Alltagsleben in diesem Kloster teilhaben, am Tagesablauf, an der Bedeutung der Gebete, an Ritualen, an Grundlegendem und Profanen.  Sie machte mich unter anderem mit der Teezeremonie, Ikebana, Kendo und der Kalligrafie vertraut. Mit viel Witz erzählt sie die verschiedensten Anekdoten und beschreibt die Fettnäpfchen, die sich ihr in den Weg stellten und in die sie trat. Dabei berichtet sie nicht in der zeitlichen Abfolge, sie erzählt, in dem sie in jedem Kapitel des Buches eine Person und die gemeinsamen Erlebnisse vorstellt. So erfuhr ich zwar vieles über Japan und die japanische Denk- und Lebensweise, aber trotzdem sprang der Funke zum Buch nicht über. Mir blieb vieles fremd, auch die Autorin selbst, vor allem weil die Emotionen für mich nicht immer nachvollziehbar waren und mir die gedankliche Tiefe fehlte. Der Sprachstil ist sehr einfach gehalten. Auch hatte ich gehofft, ein paar tiefgründigere Informationen über den Buddhismus zu bekommen. So bleibe ich ein wenig enttäuscht zurück und frage mich nun, ob ich einfach zu viel erwartet habe, oder ob das Buch nicht mehr hergab.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Michaela Vieser, geb. 1972, hat während und nach ihrem Japanologiestudium in Japan gelebt. Sie hat u. a. ein Jahr mit buddhistischen Mönchen verbracht, die Kunst der japanischen Bergasketen erforscht und das Drehbuch zu einem preisgekrönten Dokumentarfilm geschrieben. Zurück in Deutschland, arbeitete sie für Scholz & Friends an der Kampagne »Deutschland – Land der Ideen« mit. Vieser übersetzt außerdem japanische Drehbücher, schreibt u. a. für Geo, Financial Times,Vanity Fair, NZZ und arbeitet als Trendscout. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Berlin.

29. September 2009

Andreas Eschbach – Ein König für Deutschland

Einsortiert unter: 2009,Krimi/Thriller — Karthause @ 16:03
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Ein König für Deutschland Andreas Eschbach Gebundene Ausgabe: 491 Seiten Verlag: Lübbe ISBN-13: 978-3785723746
Ein König für Deutschland
Andreas Eschbach
Gebundene Ausgabe:
491 Seiten Verlag: Lübbe
ISBN-13: 978-3785723746

Entscheidend ist nicht, ob wirklich alle Stimmen korrekt gezählt werden; entscheidend ist, dass alle glauben, dass sie korrekt gezählt werden.“

Vincent Wayne Merrit (21) ist ein talentierter Programmierer. In Florida arbeitet er bei einer kleinen Softwarefirma mit einer ambitionierten Chefin und steigt schnell zum 1. Programmierer auf. Dann bekommt er im Jahr 2000 den Auftrag, für einen Abgeordneten ein Programm zu Test- und Studienzwecken zu schreiben, dass die Abstimmungsergebnisse der Wahlcomputer verändern kann. Bereits einmal mit dem Gesetz in Konflikt gekommen, hat er zunächst Skrupel. Seine Chefin zerstreut seine Bedenken und Vincent erfüllt seinen Auftrag. Als er das Ergebnis der US-Präsidentschaftswahlen sieht, kommen Zweifel in ihm auf, ob sein Programm wirklich nur zu Testzwecken genutzt wurde.

Zanetti, der Geliebte der Firmenchefin, erpresst ihn 8 Jahre später mit seinem Wissen über dieses Programm. Vincent soll noch einmal ein solches Programm schreiben. Dieses Mal aber kein zu Testzwecken bestimmtes, sondern ein einsatzfähiges Programm, das bei den Landtagswahlen in Hessen eine Patt-Situation herbeiführen soll.

Vincent gelingt die Flucht, er will sein Programm nicht an Zanetti liefern. Deshalb schickt er es seinem in Deutschland lebenden Vater, Simon König, den er persönlich gar nicht kennt, weil dieser mit Vincents Mutter nur eine sehr kurze Affäre hatte. Simon ist Lehrer an einem Gymnasium, lebt sehr zurückgezogen und weiß von Computern im Prinzip nur, dass es sie gibt. Er soll die CD, die ihm sein Sohn schickte, sicher aufbewahren. Das gelingt ihm nicht einmal einen Tag lang. Und eine Geschichte, die so unvorstellbar gar nicht ist, nimmt ihren Lauf.

Andreas Eschbach setzt seinem Roman das Zitat Stalins voran: „Diejenigen, die wählen, entscheiden gar nichts. Diejenigen, die die Stimmen auszählen, alles.“, das den Leser gedanklich schon auf die hochaktuelle und brisante Handlung vorbereitet.

In gewohnter Manier führt der Autor den Leser auch in seinem neuesten Roman an ein heikles Thema, die Manipulierbarkeit von Wahlen, demokratischen Wahlen mit geheimer Abstimmung mittels Wahlcomputer. Auch in diesem Roman schafft er es, dass man das Buch nur ungern aus der Hand legt. So gefangen ist man in der logisch aufgebauten Handlung und der kontinuierlich gesteigerten Spannung.

Zum besseren Verständnis für die Computerlaien und die normalen Wahlurnenbesucher hat er mittels Fußnoten entsprechende Erklärungen eingebaut, die gleichzeitig die exakte Recherche belegen und die Realitätsnähe dokumentieren. Das gilt auch für die theoretische Möglichkeit, in Deutschland die Monarchie wieder einzuführen.

Andreas Eschbach erzählt seinen Roman in zwei Haupthandlungssträngen, die in den USA angesiedelte Geschichte um Vincent Merrit und den in Deutschland spielenden Teil um den Normalbürger Simon König.

Der einzige Kritikpunkt in diesem Buch ist für mich die Rolle Vincents im letzten Drittel dieses Romans. Für meinen Geschmack hatte der Zufall Vincent den Zugang zum Computer ein bisschen einfach ermöglicht. Diese zusätzliche Action hätte die Romanhandlung nicht erfordert.

Alles in Allem ist es Andreas Eschbach wieder einmal gelungen, den hohen Erwartungen gerecht zu werden, mit denen ich an diesen Roman ging. Ein flüssig geschriebener und spannend zu lesender Thriller entschädigten mich für eine zweieinhalbjährige Wartezeit auf den neuen Eschbach. Ich kann diesen Roman an die Liebhaber dieses Genres ruhigen Herzens empfehlen.

Das Bundesverfassungsgericht urteilte über den Einsatz von Wahlcomputern am 03. März 2009.

Weitere von mir gelesene Bücher des Autors
Quest
Das Jesus-Video
Ausgebrannt
Eine Billion Dollar

10. September 2009

Reinhard Stöckel – Der Lavagänger

Einsortiert unter: 2009,Belletristik — Karthause @ 19:48
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Der Lavagänger   Reinhard Stöckel    Gebundene Ausgabe: 379 Seiten     Verlag: Aufbau-Verlag    ISBN-13: 978-3351032449
Der Lavagänger
Reinhard Stöckel
Gebundene Ausgabe: 379 Seiten
Verlag: Aufbau-Verlag
ISBN-13: 978-3351032449

“Wenn du dir eine Perle wünschest,

such sie nicht in einer Wasserlache.

Wer Perlen finden will,

muss bis zum Grund des Meeres tauchen.”


Henri Helder ist Eisenbahner und die Eisenbahn prägte auch schon das Leben seiner Vorfahren. Und genau so hat er sein Leben eingerichtet. Alles läuft in eingefahrenen Gleisen (auch seine Ehe mit Susanne), gut organisiert, planmäßig, Veränderungen sind unerwünscht, weil sie das System stören. Kurz, er ist ein Langweiler.

Eines Tages erreicht ihn ein Brief von einer Anwaltskanzlei – nein es sind nicht die befürchteten Scheidungsunterlagen von seiner Frau, die inzwischen in Brüssel arbeitet – es geht um eine Erbschaftsangelegenheit. Henris Großvater verschwand vor vielen Jahren spurlos. In der Familie wurde um diese Sache immer ein Geheimnis gemacht. Hans Kasper ist so etwas wie das schwarze Schaf der Familie. Nun erbt jedoch Henri ein paar abgenutzte Schuhe mit eigentümlichen Schriftzeichen. Seine Neugier, was es mit diesen Schuhen auf sich hat, ist geweckt und ganz langsam entkommt Henri bei seinen Nachforschungen seiner Lethargie. Zu guter Letzt macht er sich sogar selbst auf die Reise – nicht nur mit der Eisenbahn – um vor Ort seine Suche fortzusetzen. Ganz nebenbei erfährt er unglaubliche, eigenartige, skurrile, abenteuerliche und geheimnisumwobene Geschichten aus der Vergangenheit seiner Familie.

„Der Lavagänger“ ist ein Abenteuerroman, aber nicht im herkömmlichen Sinne. Es geht nicht um die Entdeckung neuer Kontinente. Der Protagonist begibt sich auf Entdeckungsreise in die Vergangenheit seiner Familie. Der Leser lernt eine Vielzahl von Personen kennen und der Autor schafft das Kunststück, jeden einzelnen mit Leben zu erfüllen, ihm seinen eigenen Charakter und eigene Persönlichkeit zu verleihen. Schon durch die verschiedenen Lebensläufe dieser Personen vermittelt Stöckel ein sehr buntes Bild der Handlungszeit. Dieses verbindet er geschickt mit geschichtlich relevanten Ereignissen und so werden dem Leser mit dieser Familiengeschichte die historischen Eckdaten und bedeutende Ereignisse der letzten 150 Jahre nahe gebracht.

Der Roman ist sehr flüssig und ohne direkte Rede, aber mit viel Witz und Charme geschrieben. Zu Beginn hatte ich noch ein paar kleine Schwierigkeiten, in diese weit verzweigte, vielschichtige und diffizile Geschichte zu finden. Nachdem ich jedoch zu diesem Buch den Zugang gefunden hatte, ließ es mich nicht mehr los und dem Autor gelang es auch, diesen Spannungsbogen bis zum Schluss zu halten. Reinhard Stöckel forderte dem Leser aber auch Konzentration beim Lesen ab. Denn er griff mehrfach kleine Details, die anfangs unwichtig erschienen, auf und baute deren Bedeutung an späterer Stelle deutlich aus.

Das äußere Erscheinungsbild des Buches hat mir sehr gut gefallen. Der Schutzumschlag lässt schon ein wenig Fernweh und Urlaubsstimmung aufkommen. Der im Buch enthaltene Familienstammbaum hat mir während des Lesens gute Dienste geleistet.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

Reinhard Stöckel, geb. 1956, ist gelernter Bibliothekar, studierte am Leipziger Literaturinstitut, war u. a. als Gießereiarbeiter und Publizist tätig. In den achtziger und neunziger Jahren Arbeit in verschiedenen literarischen Zirkeln. Er schrieb für Zeitungen und Zeitschriften und veröffentlichte außerdem in Anthologien sowie den Erzählband »Unten am Fluss« (2002). Er lebt mit seiner Familie in Maust bei Cottbus.

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