Karthauses Bücherwelt …

2. Oktober 2010

Stieg Larsson – Verblendung

Einsortiert unter: 2010,Krimi/Thriller — Karthause @ 12:22
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Verblendung
1. Teil Millennium-Trilogie
Stieg Larsson
Taschenbuch: 704 Seiten
Verlag: Heyne Verlag
ISBN-13: 978-3453432451

1. Teil der Millenium-Trilogie

Mikael Blomkvist, Journalist und Hauptherausgeber der Zeitschrift Millennium, wurde vom Gericht zu einer 3-monatigen Haftstrafe und einer empfindlichen Geldstrafe wegen Verleumdung des Großindustriellen Wennerström verurteilt. Zu seiner Verteidigung unternahm er nichts. Damit schien seine Karriere vorerst gescheitert zu sein. Aber Herdrik Vander wurde durch diesen Prozess auf Blomkvist aufmerksam, holte durch Lisbeth Salander Informationen über ihn ein und engagierte ihn unter dem Vorwand, er solle seine Biografie schreiben. In Wirklichkeit sollte Blomkvist dem seit fast 40 Jahren ungeklärten Verschwinden von Harriet Vander, Hendriks Nichte, auf die Spur kommen.

„Verblendung ist der erste Teil der ursprünglich auf zehnteilig geplanten Millenium-Trilogie. Es folgen „Verdammnis“ und „Vergebung“. Stieg Larsson konnte dieses Projekt nicht zu Ende bringen, da er im Jahr 2004 infolge eines Herzinfarktes starb.

Die ersten 100 Seiten führten den Leser ausgesprochen langsam in die Handlung ein. Für mich war zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, wie sich die Story entwickeln würde, eine nette Familiengeschichte war ebenso möglich wie ein packender Thriller. Gleich vorweg, der Roman hatte von allem etwas, leider aus meiner Sicht auch von allem etwas zu wenig. Der Teil, der die wirtschaftlichen Verhältnisse der Industriellen widerspiegelte, war zu einfach und zu oberflächlich. Wenn man so leicht zu Milliarden käme, gäbe es wohl kaum noch Armut. Der Protagonist Mikael Blomkvist, der mit fast allen weiblichen Personen des Krimis nicht nur den Kaffee, sondern gleich auch noch sein Bett teilte, war recht klischeehaft dargestellt. Aber zum Glück (für ihn und den Leser) gab es ja die junge, unorthodox ermittelnde Lisbeth Salander mit schwerer Vergangenheit. Mit sehr unkonventionellen und auch nicht immer gesetzeskonformen Methoden (um deren Glaubhaftigkeit einzuschätzen, fehlt mir der fachliche Hintergrund) griff sie dem Journalisten unter die Arme, rette sein Leben und seine Deputation. Sowohl Mikael Blomkvist als auch Lisbeth Salander erzählen diese Geschichte aus ihrer jeweiligen Sicht und schildern ihre Erlebnisse. Mein Kampf mit dem Buch hielt noch bis etwa auf Seite 250 an. Die Einführung der Personen dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Dann war allerdings der Punkt gekommen, an dem bei mir Interesse erwachte. Die Ermittlungen begannen und die Familiengeschichte der Vanders nahm Konturen an. Das Buch ist einfach geschrieben und ist dadurch auch leicht und schnell zu lesen. So wurden die 704 Seiten dann doch keine Quälerei. Die Idee an sich hat mir auch gut gefallen. Aber die Längen die Larsson in die Handlung durch eine Überfülle an nebensächlichen Details einbaute, störten mich. Ich mag zwar sehr gern dicke Wälzer lesen, für diesen Krimi wären aber 350 Seiten ausreichend gewesen. Dazu hätte sich der Autor lediglich auf die Ermittlungen in Hedeby beschränken müssen. Eine letzte Frage bewegt mich und das ist die nach der Titelwahl. „Verblendung“ kann ich nur mit viel Phantasie nachvollziehen. Warum wurde der schwedische Titel nicht einfach ins Deutsche übersetzt. (Männer, die Frauen hassen)

Dieser erste Teil der Millennium-Trilogie von Stieg Larsson ist ein solider Thriller, der eine Krimihandlung mit einer Familiengeschichte und etwas Gesellschaftskritik vereint. Wer ein langsames Einsteigen in die Handlung mag, wir diesen Thriller lieben. Den beiden anderen Teilen werden von mir auch noch eine Chance bekommen.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

Stieg Larsson, 1954 in Umeå, Schweden, geboren, war Journalist und Herausgeber des Magazins EXPO. 2004 starb er an den Folgen eines Herzinfarkts. Er galt als einer der weltweit führenden Experten für Rechtsextremismus und Neonazismus. 2006 wurde er postum mit dem Skandinavischen Krimipreis als bester Krimiautor Skandinaviens geehrt. Die Bücher aus seinem Nachlass erscheinen bei Heyne.

24. September 2010

Michael Köhlmeier – Madalyn

Einsortiert unter: 2010,Belletristik — Karthause @ 17:16
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Madalyn
Michael Köhlmeier
Gebundene Ausgabe: 172 Seiten
Verlag: Hanser
ISBN-13: 978-3446235977

Sebastian Lukasser, erfolgreicher Schriftsteller, kennt die 14jährige Madalyn schon seit ihrer Geburt. Sie wohnt in der Wohnung unter ihm. Als sie fünf Jahre alt war, rettete er ihr nach einem Fahrradunfall das Leben. Das verbindet. Mit der Zeit entwickelt sich eine enge Freundschaft. Sebastian Lukasser hat für ihre Sorgen und Kümmernisse immer ein offenes Ohr und nimmt sich für die Heranwachsende Zeit, anders als ihre Eltern. Die sind hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt und können (oder wollen) ihrer Tochter nur selten mit Wärme begegnen. Dann lernt Madalyn Moritz kennen und verliebt sich in ihn. Moritz hat schon schwere Zeiten durchlebt. Aber was von seinen Erzählungen ist Lüge und was nicht?

„Madalyn“ ist das zweite Buch, dass ich nach seinem großen Roman „Abendland“ von Michael Köhlmeier gelesen habe. Zwischen beiden Bücher gibt es als Verbindungsglied den Erzähler Sebastian Lukasser, den ich auch in diesem Buch sofort mit dem Autor selbst personifizierte. Aber anders als bei „Abendland“, wo Köhlmeier eine Fülle von Schauplätzen und Personen ins Spiel brachte, bleibt „Madalyn“ überschaubar, fast intim. Es erscheint geradliniger, weil Köhlmeier sich auf die Kerngeschichte beschränkt. In 34 teilweise kurzen Kapiteln berichtet er über die väterliche Freundschaft des Schriftstellers zu der Schülerin, die ihm vertraut, ihn aber auch ausnutzt und hintergeht. Sie schüttet ihm ihr Herz aus, erzählt ihm von ihrer ersten Liebe und ihrem Liebeskummer. Madalyn zieht ihn zu Rate, wenn es wieder einmal Schwierigkeiten mit ihren Eltern gibt, mit denen Lukasser nie richtig warm wurde. Er erwähnt schreckliche Streitereien, die für das Mädchen sehr qualvoll gewesen sein mussten. Es wird aber auch deutlich, wie überfordert Lukasser mitunter in diesen Situationen ist. Auch in diesem Buch zeigt sich welch großartiger Beobachter und Erzähler Michael Köhlmeier ist. Er beschreibt seine Protagonisten in ihrer Gesamtheit, mit all dem Guten und dem Negativen, dass ihren Charakter ausmacht und schnell hat man das Empfinden, die auf dem Papier skizzierten Wesen als Menschen wahrzunehmen und persönlich zu kennen. Schauplätze beschreibt er so bildhaft und klar, dass ich mich gleich nach Wien in die Nähe des Naschmarktes versetzt fühlte. Seinen Stil empfinde ich als unverkennbar. Das Ende des Buches kommt dann abrupt. Aber auch das ist wie aus dem Leben gegriffen, glaubhaft. In „Abendland“ (Seite 166 Hanser Verlag) schrieb Michael Köhlmeier: “Wann ist eine Geschichte eine gute Geschichte? Wenn sie gebaut ist wie das Leben.” Genau das trifft auf diesen Roman zu.

Mein Fazit: Michael Köhlmeier erzählt mit Madalyn die Geschichte der ersten Liebe eines Teenagers, sehr gefühlvoll und berührend, aber gleichzeitig sehr glaubwürdig und nachvollziehbar. Allerdings ist dieser Roman viel mehr als eine einfache Liebesgeschichte, er ist ein Roman über Jugend und Alter, Wahrheit und Lüge und er ist äußerst lesenswert.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Michael Köhlmeier wurde 1949 in Hard am Bodensee geboren und lebt heute in Hohenems/Vorarlberg. Er studierte Germanistik und Politologie in Marburg sowie Mathematik und Philosophie in Gießen und Frankfurt. Michael Köhlmeier schreibt Romane, Erzählungen, Hörspiele und Lieder und trat sehr erfolgreich als Erzähler antiker und heimischer Sagenstoffe und biblischer Geschichten auf. Er erhielt für seine Bücher zahlreiche Auszeichnungen, u.a. mit dem Rauriser Literaturpreis, dem Johann-Peter-Hebel-Preis, dem Manès-Sperber-Preis, dem Anton-Wildgans-Preis und dem Österreichischen Würdigungspreis für Literatur.

16. September 2010

Anita Shreve – Eine Hochzeit im Dezember

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Klappentext:

Die winterlichen Berkshire Hills in Neuengland sind der Schauplatz einer besonderen Begegnung: Nach 27 Jahren treffen sich sieben alte Schulfreunde wieder, um die späte Hochzeit von Bill und Bridget zu feiern. Doch statt Ausgelassenheit herrscht angespannte Nervosität. Denn nun wird in ihnen allen das tragische Ereignis wieder lebendig, das sie seit ihrer Schulzeit auf schicksalhafte Weise miteinander verbindet und ihr Leben für immer verändert hat.

Meine Meinung:

Die Presse feierte diesen Roman als explosiven Gefühlscocktail, der elegant, mitreißend und pointiert erzählt wird. Das nenne ich doch mal eine Ankündigung. Ich las dieses Buch bereits im Juni diesen Jahres. Aufgrund von mangelnder Zeit kam ich erst jetzt dazu, die Eindrücke in eine entsprechende Form zu bringen. Dabei merkte ich mit Erstaunen, dass ich zu diesem Buch ohne meine Notizen nicht einmal mehr den Inhalt erzählen könnte. Aus diesen entnahm ich dann, dass die Geschichte Längen hatte und mich nicht wirklich begeisterte. Deshalb belasse ich es bei diesem knappen Statement.

8. September 2010

Nicole Vosseler – Sterne über Sansibar

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Sterne über Sansibar
Nicole Vosseler
540 Seiten Verlag: Bastei Lübbe GmbH & Co.KG
ISBN-13: 978-3785723814

Sansibar, Mitte des 19. Jahrhunderts. Sayyida Salima bint Said, Sultanstochter aus Sansibar, hat eine recht unbeschwerte Kindheit, die zwar vom Islam geprägt wurde, aber bei weitem nicht den strengen Regeln unterlag wie das Leben ihrer Verwandten im Oman. Allerdings sind unterschwellig Neid, Missgunst und Eifersucht zwischen den Ehefrauen und deren Kindern deutlich zu spüren. Schon in der Kindheit hat Salima einen starken Willen. Regeln sind für sie nur akzeptabel, wenn sie deren Sinn auch versteht. Sie lernt zwar lesen, das Schreiben ist ihr als Mädchen jedoch untersagt, deshalb lernt sie es heimlich. Als ihr Vater, der Sultan, stirbt, brechen offen Machtkämpfe aus. Majid, der neue Sultan, hat nicht zuletzt wegen seiner angeschlagenen Gesundheit viele Gegner. Es werden Intrigen gesponnen und kommt zur offenen Revolte, in die sich auch Salima, die inzwischen eine junge Frau ist, verstrickt. Der misslungene Umsturzversuch hat für Salima zwar keine Strafe zur Folge, aber sie wird jetzt als Verräterin angesehen. So flieht sie aus dem Palast auf die von ihrer Mutter geerbten Plantagen. Als sie nach einiger Zeit wieder in die Stadt zurückkehrt, lernt sie den deutschen Kaufmann Heinrich Ruete kennen und lieben. Um diese verbotene Liebe mit einem Ungläubigen leben zu können, flieht sie von der Insel. Sie konvertiert zum Christentum, trägt von nun an den Namen Emily und geht nach der Geburt ihres ersten Sohnes gemeinsam mit ihrem Ehemann und der Hoffnung auf ein glückliches Leben nach Hamburg.

Die Geschichte der Emily Ruete, Prinzessin von Sansibar, ist eine wahre Geschichte. In ihrem Leben gibt es so viele Zufälle und schicksalhafte Wendungen, dass ich bei einem fiktiven Roman dem Autor wohl eine blühende Fantasie bescheinigt und das Buch als unglaubhaft abgestempelt hätte. Aber die besten Geschichten werden noch immer vom Leben geschrieben. Nicole Vosseler griff für die Recherche die von Emily Ruete selbst verfassten Aufzeichnungen als Fäden auf, die sie dann zu dieser äußerst gelungenen Romanbiografie verwob. Die Autorin nähert sich ihrer Protagonistin sehr liebe- und rücksichtsvoll, stellt sie nie bloß und versucht immer, die Hintergründe ihrer Handlungen schlüssig zu erläutern, versäumt es aber nicht ihren Charakter in seiner ganzen Kompliziertheit darzustellen. Aber auch die Nebenfiguren leben, haben gute und schlechte Eigenschaften und verleihen damit dem Roman die volle Authenzität. Sie arbeitet unauffällig anhand der Erlebnisse von Emily Unterschiede zwischen der christlichen und moslemischen Kultur heraus und erklärt sie ohne dabei zu dozieren und öffnet dem Leser damit ein Fenster in eine fremde Welt voller Exotik. Wie schon in ihren anderen Büchern konnte ich auch bei diesem Buch die Augen schließen und mich in die Welt der Protagonistin versetzen. So begleitete ich Salima durch das exotische Sansibar, konnte den Geruch von Gewürznelken und Meer spüren, fröstelte mit ihr in Hamburg und hörte das Klappern der Pferdekutschen. Besonders gut gelang es der Autorin die innere Unruhe Emilys, ihr Getriebensein und ihre Heimatlosigkeit darzustellen. Wenn für mich auch als im Hier und Jetzt fest verwurzelter Mensch nicht jede Handlung der Protagonistin nachvollziehbar war, war es mir doch möglich, diese zu respektieren.

Bisher habe ich alle historischen Romane (mit Ausnahme der Jugendbücher) von Nicole Vosseler gelesen, aber mit keinem habe ich mich im Nachhinein so intensiv auseinandergesetzt. Bewundernswert finde ich es immer wieder, wie detailliert sie dem Leser Eindrücke und Empfindungen beschreibt, ohne sich dabei zu verzetteln und ins Langatmige abzudriften. Mit diesem Buch beweist die Autorin, dass auch ein schwieriges Thema so umsetzbar ist, dass es für den Leser einfach zu lesen und leicht verständlich ist, daneben aber auf äußerst informative und unterhaltsame Weise Wissen vermittelt.

Mein Fazit: Gut geschriebene Romanbiografien gehören zu meinem Lieblingsgenre, die der Emily Ruete gehört für mich zu den Besten. Ich mochte bisher alle Bücher von Nicole Vosseler, aber mit diesem hat sie die Latte, an der sich die zukünftigen Romane der Autorin messen lassen müssen, sehr hoch gelegt.

Über den Autor

Nicole Vosseler stammt aus Villingen-Schwenningen. Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Psychologie in Tübingen und Konstanz. Sie lebt und arbeitet in Konstanz.

Mehr über Nicole Vosseler und ihre Bücher ist auf ihrer Homepage zu finden. Dort gibt es auch noch jede Menge Zusatzmaterial zu ihren Büchern.

20. August 2010

Kristof Magnusson – Das war ich nicht

Einsortiert unter: 2010,Belletristik — Karthause @ 10:58
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Das war ich nichtKristof MagnussonGebundene Ausgabe: 288 SeitenVerlag: KunstmannISBN-13: 978-3888975820

Meike ist Übersetzerin. Sie verlässt ihren Partner, ihr Leben ist ihr zu weichgespült, sie nimmt den Notausgang. In Nordfriesland kauft sie sich ein ziemlich heruntergekommenes Häuschen direkt hinter dem Deich. Dort will sie auf den neuen Roman von Henry LaMarck warten, den sie übersetzen soll. Als ihre Finanzen zur Neige gehen, reist sie kurz entschlossen von ihrem letzten Geld nach Chicago, um das Manuskript persönlich abzuholen

Anlässlich des 60. Geburtstags von Henry LaMarck hat sein Verlag in Chicago eine Überraschungsparty ausgerichtet. Von allen Seiten wird er auf den erwarteten Roman angesprochen, der den 11. September zum Thema haben soll. Schon wird er mit dem Pulitzerpreis in Verbindung gebracht, den er bereits einmal erhielt. Aber er hat noch nicht einmal damit begonnen, er wird wohl auch nie damit beginnen. Deshalb verlässt er die Party durch die Hintertür und taucht ab.

Jasper Lüdemann, ein junger Banker, der es von Bochum bis nach Chicago geschafft hat, wurde nach Jahren im Back-Office-Bereich einer großen Investmentbank in den Tradersaal befördert. Nun will er zeigen, was er kann. Hilfsbereit übernimmt er einen kleinen Verlust, den ein Kollege bei einem Geschäft erwirtschaftet hat und will ihn ausgleichen. Damit bringt er einen Stein ins Rollen, der als Lawine endet.

In Chicago trifft Meike Jasper, Jasper trifft Henry und auch Meike und Henry treffen sich und im Folgenden werden die Abhängigkeiten geschildert, die die Drei miteinander verbinden.

Auf diesen Roman wurde ich durch einen Wirtschaftstalk im TV aufmerksam, ein recht ungewöhnlicher Ort für Literaturtipps. Aber ich wurde nicht enttäuscht. Noch nie habe ich einen Roman gelesen, der die Börse mit ihren Finanztransaktionen und -manipulationen so allgemeinverständlich erklärt und dabei noch sehr unterhaltsam ist. Die Story ist intelligent konstruiert und spannend geschrieben. Die drei die Handlung bestimmenden Charaktere, die sich in gewissen gegenseitigen Abhängigkeiten befinden, sind recht einfach gehalten. Aber genau das macht den Reiz dieses Romans aus. Sie sind in ihrem Tun berechenbar und so hat der Leser keine Probleme , sich in die Protagonisten hinein zu versetzen. In nicht zu langen Kapiteln erzählen die drei Hauptdarsteller, andere Personen sind wirklich nur Randfiguren, abwechselnd in der Ich-Form ihre Sicht der Ereignisse und lassen den Leser so an ihrem Denken und Handeln teilhaben. Dadurch kommt es mitunter zu Überschneidungen, um die persönliche Sichtweise zu unterstreichen. So beschreibt der Autor auf sehr anschauliche Weise den Mikrokosmos seiner Helden. Dabei sind manche Szenen schon fast Slapsticks, andere lassen den Laien staunen, was an der Börse alles möglich ist. Humor und Ernst haben sich in diesem Roman im rechten Maß gefunden und geben eine wunderbare Paarung ab. Die finanzwirtschaftlichen Schilderungen zeugen davon, dass der Autor intensiv recherchiert hat. Inhaltlich korrekt und trotzdem amüsant zu lesen, haben besonders diese Szenen mich vom Können des Autors überzeugt.

Mein Fazit: „Das war ich nicht“ ist eine gelungene Mischung aus Wirtschaftskrimi und Komödie. An keiner Stelle trocken oder langweilig, sondern stets spritzig witzig und gut zu lesen. Voller Sachverstand, erklärt Kristof Magnusson in seinem Roman ganz nebenbei die Hintergründe der Wirtschafts- und Finanzkrise. Dieses Buch empfehle ich gern weiter.

Über den Autor

Kristof Magnusson, geboren 1976 in Hamburg, machte eine Ausbildung zum Kirchenmusiker, arbeitete in der Obdachlosenhilfe in New York, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Lebt als Autor und Übersetzer aus dem Isländischen in Berlin. Seine Komödie »Männerhort« lief an über 30 Theatern im In- und Ausland, unter anderem in Berlin mit Christoph Maria Herbst und Bastian Pastewka. Sein Debütroman »Zuhause« (Kunstmann 2005) wurde 2006 mit dem Rauriser Literaturpreis ausgezeichnet.

„Das war ich nicht“ wurde auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis nominiert.

10. August 2010

Jo Nebø – Headhunter

Einsortiert unter: 2010,Krimi/Thriller — Karthause @ 17:39
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Headhunter
Jo Nesbø
Originaltitel: Hodejegerne
Broschiert: 301 Seiten
Verlag: Ullstein Tb
ISBN-13: 978-3548280455

Als Headhunter ist Roger Brown eine Berühmtheit. Seine Kunden vertrauen ihm blind. Seiner Frau finanziert er eine Galerie und sein extravaganter Lebensstil übersteigt seine Einkünfte bei weitem. Lebensart ist für ihn wichtig, er braucht sie, um seine recht geringe Körpergröße zu kompensieren. Geschickt nutzt er die Gespräche mit den Bewerbern, um in Erfahrung zu bringen, ob diese Kunstgegenstände besitzen. Dieses Wissen nutzt er dann für sein „Hobby“ – Kunstraub. Nur durch diesen Nebenverdienst schafft er es, seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Als er einem Rubensgemälde auf der Spur ist, laufen die Dinge allerdings nicht so wie geplant.

Jo Nesbø ist für mich ein Synonym für spannende Unterhaltung mit dem Kommissar Harry Hole. In diesem Thriller steht der Täter im Mittelpunkt des Geschehens. Der Leser begleitet den Ich-Erzähler Roger Brown und hat somit einen ganz anderen als den von Nesbø sonst verwendeten Zugang zu dem Geschehen. Da dieser Thriller sich so von den bisherigen des Autors unterscheidet, verbietet sich ein Vergleich mit den Harry-Hole-Fällen von allein. Aber nichts desto trotz ist auch Headhunter ein spannender und rasanter Thriller, den man gern und schnell liest. Unverhoffte Wendungen, ausdrucksvolle Charaktere und versteckte Hinweise auf das wirkliche Geschehen machen den Unterhaltungswert dieses Thrillers aus. Allerdings wirkt die Handlung stellenweise ein wenig unglaubwürdig. Die Headhunter-Szene bildet einen interessanten Hintergrund für diesen Kriminalfall. Die Auflösung des Falles lies mich zwar schmunzeln, irgendwie hatte Nesbø es doch geschafft mich auf die Seite von Brown zu ziehen, trotzdem fand ich sie fast etwas einfallslos.

Mein Fazit: „Headhunter“ ist ein gut zu lesender, aber kein überragender Thriller, der den Leser schnell in den Bann zieht. Mir hat er, bis auf das Ende, recht gut gefallen. Wer spannende Unterhaltung sucht, ist bei diesem Nesbø sicher nicht gänzlich falsch.

Über den Autor

Jo Nesbø, geb. 1960, ist Ökonom, Schriftsteller und Musiker. Er ist der erfolgreichste Autor Norwegens, in 17 Ländern mit seinen Büchern vertreten, darunter die USA und England.

7. August 2010

David Grossman – Eine Frau flieht vor einer Nachricht

Einsortiert unter: 2010,Belletristik — Karthause @ 15:14
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Eigentlich war Ofers Militärdienst gerade zu Ende und er wollte gemeinsam mit Ora, seiner Mutter, eine Wanderung durch Galiläa machen. Eigentlich. Doch dann meldet er sich freiwillig für weitere 28 Tage zu einem Kriegseinsatz ins Westjordangebiet. Ora weiß was der Krieg und seine Folgen aus den Menschen machen kann. Sie ist entsetzt und denkt an das Schlimmste, das eintreten könnte. Aber ihre Gedanken gehen weiter. Was ist, wenn sie nicht daheim ist, wenn die Nachricht kommt? So überredet sie Avram, ihren alten Freund, Geliebten und Vater von Ofer, dazu, mit ihr gemeinsam zu wandern. Sie will über Ofer sprechen und Avram den Sohn näher bringen, den er so gar nicht kennt. Sie denkt, so lange sie über ihn spricht, muss er am Leben sein, eine gegenteilige Nachricht kann sie ja nicht erreichen. Avram ist ein gebrochener Mann, die Kriegsgefangenschaft hat ihn psychisch und physisch schwer zugesetzt. Aber diese Wanderung, die auch etwas von einer Pilgerreise hat, bringt die beiden einander wieder näher. Anfangs hört Avram nur zwangsläufig die Erzählungen Oras über ihr Leben mit Ofer, seinen Bruder Adam und ihrem Mann, Ilan, von dem sie inzwischen getrennt ist und der wiederum auch mit Avram befreundet war. Aber nach und nach wächst sein Interesse an der Unterhaltung. Er trägt seinen Teil dazu bei, erzählt von seinen schrecklichen Erlebnissen im Krieg und in der Gefangenschaft. So laufen sie fernab aller Nachrichten und ein wenig auch jenseits der Zeit.

Mit diesem Buch, meinem ersten des Autors, legt David Grossman ein beeindruckendes Werk gegen den Krieg und für die Aussöhnung vor. Eindrucksvoll schildert er förmlich nebenbei den Alltag in Israel. Er berichtet vom schwierigen Leben der Palästinenser, von der ständigen Angst vor Terroranschlägen in der israelischen Bevölkerung und von den Ängsten, die Frauen und Mütter ausstehen, wenn ihre Männer und Söhne zu Kriegseinsätzen gehen und er widmet den Problemen der Palästinenser, die sich illegal in Israel aufhalten, einen kurzen Abschnitt. Aber er schildert eben auch die andere Seite. Er macht die Schrecken des Krieges am Beispiel von Avram und Ilan deutlich. Was die beiden erleben müssen, kommt dem Begriff Hölle schon recht nahe.

Besonders imponiert mir jedoch, wie der Autor es schafft, sich in die Gefühls- und Gedankenwelt seiner Protagonistin Ora, die ihr Leben lang zwischen den zwei Männern steht, hineinzuversetzen. Psychologisch feinfühlig beschreibt er ihre Gemütsverfassung, ihre Ängste und Hoffnungen.

Die Wanderung zieht sich als roter Faden durch die Handlung, immer wieder wird sie durch Dialoge und Monologe unterbrochen. Aber ich fühlte mich ständig als stiller Begleiter und Zuhörer an der Seite von Ora und Avram. „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ ist ein äußerst intensiver und dichter Roman, der von Beginn an eine gewisse bedrückende Stimmung vermittelt, die jedoch immer wieder durch charmante Anekdoten aus der Vergangenheit unterbrochen wird. Trotzdem ist die alltäglich Bedrohung fast körperlich spürbar. Dabei urteilt oder verurteilt David Grossman nicht. Er ergreift nicht Partei. Er führt allerdings dem Leser die Sinnlosigkeit von Kriegen eindrucksvoll vor Augen, nachdrücklich, prägnant, greifbar. Auf der anderen Seite schreibt er über die Kraft der Liebe, einfühlsam, sensibel, mitfühlend. Er bedient sich eines ganz wunderbaren Sprachstils, der auch durch die Übersetzung nicht abgeschwächt wurde.

Mein Fazit: „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ ist eines der Bücher, die mich bisher am meisten beeindruckten. Es hat mich in jeder Hinsicht überzeugt. Ich wünsche dem Buch eine große, weltweite Leserschar.

Über den Autor

David Grossman, 1954 in Jerusalem geboren, ein dezidierter Verfechter einer friedlichen Lösung des Nahostkonflikts, gehört wegen seiner differenzierten politischen Haltung und ungewöhnlichen Erzählphantasie zu den herausragenden Schriftstellern der jüngeren Generation.

Originaltitel: Ischa borachat me-bessora * Gebundene Ausgabe: 736 Seiten * Verlag: Hanser Belletristik * ISBN-13: 978-3446233973

6. August 2010

Jan Zweyer – Goldfasan

Einsortiert unter: 2010,Krimi/Thriller — Karthause @ 17:40
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2. Teil der Reihe um den Kriminalkommissar Peter Goldstein/Golsten

1943 im Ruhrgebiet. Der Kriminalkommissar Peter Goldstein, bekannt aus dem Krimi „Franzosenliebchen“ hat in Anbetracht der Zeiten seinen Nachnamen in Golsten geändert und ist inzwischen Mitglied der NSDAP und der SS. Das alles natürlich nur, weil er Karriere machen will, Kriminalrat zu werden, ist sein ehrgeiziges Ziel.

Der stellvertretende Kreisleiter Walter Munder, aufgrund der Farbe seiner Uniform der Goldfasan genannt, meldet das Verschwinden seiner polnischen Fremdarbeiterin mit zwei Tagen Verspätung. Golsten übernimmt den Fall und stößt bei seinen Ermittlungen schon bald auf Ungereimtheiten und Widersprüche. Die Vermisstensache Maria Slowacki ist alles andere als ein Routinefall.

War mir der Kommissar Peter Goldstein in „Franzosenliebchen“  recht sympathisch, so hegte ich für Peter Golsten deutlich weniger Sympathien. Hat er sich doch zu einem ausgemachten Opportunisten gemausert, der für die Karriere auch bereit ist, Überzeugungen aufzugeben. Mit dieser Figur hat der Autor einen recht häufig in der damaligen Zeit vorkommenden Zeitgenossen in Szene gesetzt. In seiner Familie stößt Peter Golsten mit seinem Handeln nicht auf Gegenliebe, denn sein Schwiegervater ist aktiv im Widerstand tätig, er versteckt einen Juden. Sehr gut hat der Autor gezeigt, wie die Nazibonzen sich gegenseitig aus der Patsche helfen, eine Hand wäscht schließlich die andere und so hat es der eifrige Ermittler, für die Nazigrößen ist er schon zu dienstbeflissen, schwer. Aber er hat auch beschrieben, was geschieht, wenn Parteigenossen unbequem werden.

Auch „Goldfasan“ ist ein sehr gut recherchierter Kriminalroman, der sich leicht und flüssig liest. Die Kriminalhandlung ist wie auch im Vorgängerroman unaufdringlich in die Schilderung der Zeit und des Lebens im Nationalsozialismus in Herne eingebettet. Besonders haben mir die Charaktere gefallen, die Jan Zweyer regelrecht mit Leben erfüllt. Sie haben in meiner Fantasie alle ein Gesicht und ein menschliches Wesen bekommen. Aber Zweyer wertet oder moralisiert nicht. Und so bekommt man als Leser den Eindruck, an einer realen Geschichte teilhaben zu dürfen. Sein Kriminalroman ist einer der ruhigeren Art, ohne wilde Verfolgungsjagden und großes Blutvergießen.

Mein Fazit: „Goldfasan“ ist die gelungene Fortsetzung der Peter-Golstein-Reihe. Ich freue mich schon auf den hoffentlich bald erscheinenden dritten Teil.

Über den Autor

Jan Zweyer, geboren 1953 in Frankfurt am Main, lebt schon seit vielen Jahren in Herne. Sein halbes Leben war er in unterschiedlichen Funktionen bei verschiedenen Industrieunternehmen beschäftigt, heute ist Zweyer freier Schriftsteller. Nach zahlreichen zeitgenössischen Kriminalromanen und -kurzgeschichten erschien 2007 das erste Buch der geplanten Trilogie um Peter Goldstein, das zur Zeit der Weimarer Republik spielt: Franzosenliebchen. Mit Goldfasan erscheint nun der zweite Band, der sich mit der Nazizeit auseinandersetzt.

27. Juli 2010

Jan Zweyer – Franzosenliebchen

Einsortiert unter: 2010,Krimi/Thriller — Karthause @ 13:03
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Teil 1 der Peter Goldstein-Reihe

1923 im Ruhrgebiet. Noch nicht einmal zwei Wochen ist es her als das Ruhrgebiet von französischen Truppen besetzt wurde. Agnes Treppmann hatte ein Anstellung als Dienstmädchen. Erst sehr spät kann sie ihre Arbeitsstelle verlassen. Zu Hause kommt sie nie an. Als man ihre Leiche entdeckt, liegt daneben ein Koppel einer französischen Uniform. Für die deutsche Polizei ist der Fall schnell klar. Aber die Besatzer übernehmen den Fall, umgehend kommt es zum Gerichtsverfahren, in dem die beiden verdächtigen französischen Soldaten freigesprochen werden. In der Berliner Polizeizentrale schenkt man den Untersuchungen kein Vertrauen und schickt den Kriminalkommissar Peter Goldstein ins Ruhrgebiet. Er ist für diesen Auftrag aufgrund seiner Zweisprachigkeit prädestiniert und soll dort verdeckt ermitteln. Das ist ein nicht ungefährlicher Auftrag. Denn nicht nur von Seiten der Besatzer gehen für ihn Gefahren aus.

„Franzosenliebchen“ ist ein Kriminalroman, dessen Handlung in einer Zeit angesiedelt ist, über die man nicht so häufig liest. Dem Roman ist deutlich anzumerken, wie intensiv sich der Autor mit dieser noch relativ jungen Geschichte auseinandergesetzt hat. Überzeugend weiß er vom Widerstand der Bergleute zu berichten, ebenso von der Behandlung der Frauen, die den Besatzern zu freundlich gesinnt waren. So schafft er es, ein authentisch wirkenden Bild der Bergarbeiterkolonie Teutoburgia zu zeichnen. Seine Charaktere sind Menschen, die mit ihren Moral- und Wertvorstellungen wunderbar in das damalige Zeitbild passen. So tritt die kriminalistische Handlung zeitweise zu Gunsten der historischen Handlung in den Hintergrund. Das ist der Geschichte aber keinesfalls abträglich. Der Roman wirkt authentisch und der Spannungsbogen ist fast durchgehend erhalten. Die kleinen Längen innerhalb des Kriminalfalles werden aber durch die Realitätsnähe der Handlung voll kompensiert.

„Franzosenliebchen“ ist der 1. Teil einer auf 3 Teile angelegten Serie um den Kriminalkommissar Peter Goldstein.

Über den Autor

Jan Zweyer, geb. 1953 in Frankfurt am Main, lebt schon seit vielen Jahre in Herne. Sein halbes Leben war er in unterschiedlichen Funktionen bei verschiedenen Industrieunternehmen beschäftigt, heute ist er freier Schriftsteller. Nach zahlreichen zeitgenössischen Kriminalromanen erschien 2007 das erste Buch der geplanten Trilogie um Peter Goldstein, das zur Zeit der Weimarer Republik spielt: Franzosenliebchen. Mit Goldfasan erscheint nun der zweite Band, der sich mit der NS-Zeit auseinandersetzt.

Homepage des Autors

9. Juli 2010

Titus Müller – Die Jesuitin

Einsortiert unter: 2010,History — Karthause @ 19:04
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Die Jesuitin von Lissabon
Titus Müller
Gebundene Ausgabe: 453 Seiten
Verlag: Rütten & Loening
ISBN-13: 978-3352007828

Lissabon 1755. Antero Moreira de Mendonça, einst die rechte Hand des Jesuitenführers Gabriel Malagrida, kehrt nach längerer Abwesenheit in die Stadt am Tejo zurück. Bei den Jesuiten hat er eine naturwissenschaftliche Ausbildung genossen. Seit er sich von dem Orden jedoch abwandte, weil dieser Schuld am Tod seiner geliebten Julie trägt, muss er den Hass des vom Volk als Prophet verehrten Ordenmannes fürchten. So ist er schon seit Jahren auf der Flucht. Unmittelbar nach seiner Rückkehr bemerkt er eigenartige Erscheinungen, so sind z. B. Quellen plötzlich schwefelhaltig, die Tiere reagieren verstört. Für ihn deutet alles auf eine bevorstehende Naturkatastrophe hin. Er will noch warnen, aber es ist zu spät. Ein verheerendes Erdbeben zerstört die Stadt, tausende Menschen kommen ums Leben. Antero sorgt sich um seine Tochter, Samira, die er bei der deutschen Kaufmannsfamilie Oldenburg versteckt hält. Sowohl Leonor, älteste Tochter des deutschen Kaufmannes, als auch seine Tochter haben das Erdbeben überlebt. Gemeinsam mit Leonor versucht er nun zu beweisen, dass ein Erdbeben nicht gottgewollt ist. Aber Leonor ist auch für Anteros ärgsten Widersacher, Malagrida, keine Unbekannte. Der nennt sie freundschaftlich seine Jesuitin.

Der Klappentext verspracht eine Liebesgeschichte zwischen Antero und Leonor. Also die bekannte Konstellation in einem der momentan inflationär auf dem Buchmarkt zu findenden „Die …in“-Romane. Ich war dementsprechend auf leichte und wohl auch seichte Unterhaltung eingestellt. Titus Müller war mir als Autor unbekannt. Wohl nur deshalb verfiel ich in diesen Irrglauben. Schon der zu Beginn geschilderte Sturm ließ mich aufhorchen und weckte sofort mein Interesse an diesem Roman. Realitätsnah, kraftvoll und wortgewandt beschrieb der Autor dieses Naturereignis und diesem Stil blieb er bis zum Ende treu. So gab es keine rührseligen Szenen, kein Liebesgeflüster und auch keinen kitschigen Herzschmerz. Dafür zeichnete der Autor auf beeindruckende Weise, das Bild einer von einer Katastrophe ungeahnten Ausmaßes heimgesuchten Stadt. Die Ängste der Menschen wurden nachvollziehbar, deren Reaktionen und Handlungen waren verständlich. Immer wieder gab es Verweise auf die politische Situation und den damaligen Stand der Technik und der Wissenschaft. Das machte den gesamten Roman so authentisch und glaubwürdig. Die im Roman enthaltenen Erklärungen zur politischen Lage, zum Jesuitenorden, zur Erdbebenforschung und die technischen Details wurden so geschickt in die Handlung integriert, dass sie zwar hervorragende Recherche belegten, jedoch nie dozierend wirkten.

Titus Müllers Protagonisten waren nicht nur Charaktere, sie besaßen auch Charakter und durchliefen in Handlungsverlauf eine Entwicklung. Zudem wurde von der ersten Seite an kontinuierlich ein Spannungsbogen aufgebaut, der bis zum Ende hin gehalten werden konnte.

Das Buch enthielt ein aufschlussreiches und erklärendes Nachwort. Die Gestaltung ist ansprechend. Als einzigen Kritikpunkt sehe ich die Wahl des Titels an, der meines Erachtens aus rein im Marketing verankerten Gründen so gewählt wurde. Für „Die Jesuitin von Lissabon“ war eindeutig zu wenig Jesuitin enthalten. Wer einen Liebesroman vor historischer Kulisse erwartete, wird bitter enttäuscht werden. Liebhaber guter historischer Romane kommen dagegen voll auf ihre Kosten.

Mein Fazit: „Die Jesuitin von Lissabon“ ist ein gut durchdachter, logisch aufgebauter historischer Roman, der dem Leser bildhaft eine vergangene Zeit mit einer entsetzlichen Katastrophe vor Augen führt. Dieser verband gekonnt Unterhaltung und Wissenserwerb und entgegen meiner Erwartung nie trivial. Ich empfehle dieses Buch sehr gern weiter.

Über den Autor

Titus Müller, 1977 in Leipzig geboren, studierte Neuere deutsche Literatur, Mittelalterliche Geschichte und Publizistik in Berlin. 2002 rief er mit Kollegen den Autorenkreis Historischer Roman “Quo Vadis” ins Leben. 2005 wurde er mit dem C.S. Lewis-Preis ausgezeichnet. Im selben Jahr belegte er den zweiten Platz beim Würth-Literaturpreis. Seit 2007 moderiert Titus Müller die Literatursendung Auserlesen auf rheinmaintv. Er lebt im Weserbergland. Bei Aufbau sind bisher von ihm erschienen: “Der Kalligraph des Bischofs”, “Die Priestertochter”, “Die sieben Häupter”, “Der zwölfte Tag”, “Die Brillenmacherin”, “Das Mysterium” und “Die Todgeweihte”.

Homepage von Titus Müller

29. Juni 2010

Beth Harbison – Kaufrausch

Einsortiert unter: 2010,ChicLit — Karthause @ 12:48
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Kaufrausch
Beth Harbison
Originaltitel: Secrets of a Shoe Addict
Broschiert: 356 Seiten
Verlag: Fischer (Tb)
ISBN-13: 978-3596183364

Tiffany, Abby und Loreen begleiteten ihre Kinder zu einem Wettbewerb nach Las Vegas. Tiffany war bis zu ihrer ausufernden Shoppingtour eine ganz normale amerikanische Hausfrau und Mutter, bis sie für Designermode ein Vermögen ausgibt. Loreen lässt sich etwas naiv auf einen Gigolo ein, nach dem sie ihn bezahlen musste, versuchte sie, den Verlust beim Glücksspiel auszugleichen, es wird aber alles noch viel schlimmer. Abby, die Ehefrau eines Pfarrers, wird in der Wüstenmetropole von ihrer unrühmlichen und von ihr geheim gehaltenen Vergangenheit eingeholt. Damon, ihr früherer Liebhaber, erkennt und erpresst sie. So haben die drei Frauen binnen kürzester Zeit einen Schuldenberg von insgesamt 20.000 Dollar angehäuft. Geld muss herangeschafft werden. Der Verkauf von selbstgebackenem Kuchen oder eine Autowäscheaktion wird kaum in der kurzen Zeit zum Erfolg führen. Dann wird ihnen ein Vorschlag unterbreitet. Können sie durch Telefonsex ihre Schulden tilgen? Die „Happy Housewives“ geben alles.

Chic-Lit ist eigentlich nicht das Genre, in dem ich mich wohl fühle. So stand ich diesem Buch mit etwas gemischten Gefühlen gegenüber. Aber vielleicht haben gerade meine kaum vorhandenen Erwartungen dazu beigetragen, dass ich mich beim Lesen doch recht gut amüsiert habe. Klar, mit den drei Weibchen, die jedem Klischee entsprechen, habe ich relativ wenig Gemeinsamkeiten. Aber die Sicht auf die Frauen, wenn diese auch ziemlich überspitzt war, bot recht nette, leichte Unterhaltung. Der Roman ist sehr dialoglastig und aufgrund des flüssigen Schreibstils war das Buch schnell gelesen. Für ein wenig Spannung war durch die zwielichtige Vergangenheit Abbys gesorgt. Die großen Überraschungen und Wendungen blieben aus und wie vorhergesehen, gestaltete sich dann auch das Ende.

Mein Fazit: Wer „Sex in the City“ oder „Desperate Housewives“ gern sieht, wird dieses Buch mit Sicherheit mögen. Anderenfalls bietet es leicht verdauliche Unterhaltung sowie den einen oder anderen Lacher und kann über ein verregnetes Wochenende gut hinweg trösten.

Über den Autor

Elizabeth (Beth) Harbison stammt aus der Nähe von Washington, D.C. Sie studierte Kunstgeschichte, Literatur- und Theaterwissenschaften in London und Washington. Dann arbeitete sie als Koch in der amerikanischen Hauptstadt und veröffentlichte drei Sachbücher zu diesem Thema. Seit ihrer Kindheit schreibt sie Geschichten und ist als Autorin mehrerer romantischer Komödien erfolgreich.

Sie lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Washington, D.C.

21. Juni 2010

Jodi Picoult – Das Herz ihrer Tochter

Einsortiert unter: 2010,Belletristik — Karthause @ 18:27
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Das Herz ihrer Tochter
Jodi Picoult
Originaltitel: Change of Heart
Gebundene Ausgabe: 480 Seiten
Verlag: Piper Verlag GmbH
ISBN-13: 978-3492053006

New Hampshire 1996. Die schwangere June Nealson wurde vom Schicksal schwer getroffen. Ihr erster Ehemann kam vor einigen Jahren bei einem Autounfall ums Leben. Ihr zweiter Mann, der Polizist Kurt, und ihre Tochter Elizabeth wurden von Shay Bourne ermordet, der im Haus der Familie kleinere und größere liegen gebliebene Reparaturen durchgeführt hat. Von einem Geschworenengericht wurde er zum Tod durch die Giftspritze verurteilt.

11 Jahre später. Junes Tochter Claire, die kurz nach dem schrecklichen Ereignis geboren wurde, ist schwer herzkrank, sie wartet auf ein Spenderorgan und die Zeit wird knapp. Unterdessen wartet der Todeskandidat Shay auf die Vollstreckung des Urteils. Er erfährt von der Krankheit des Mädchens und fühlt sich berufen, ihr sein Herz zu spenden, das rein zufällig nach Größe und medizinischen Parametern bestens geeignet ist. Nur die Giftspritze macht sein Herz für eine Transplantation unbrauchbar. In einem erneuten Prozess soll entschieden werden, ob die Art der Vollstreckung noch geändert werden kann.

Wie auch schon in ihren anderen Romanen erzählt Jodi Picoult diese Geschichte abwechselnd in relativ kurzen Kapiteln aus der Perspektive von vier unmittelbar beteiligten Personen, wodurch der Roman gut strukturiert wirkt. Da ist June, die gleichzeitig die Stimme ihrer todkranken Tochter ist und zweifelt, ob das Herz eines Mörders wirklich ihre Tochter retten soll. Maggie, die Gegnerin der Todesstrafe, berichtet von ihrer Arbeit als Shay’s Anwältin. Michael war bereits Geschworener bei Shay’s 1. Prozess und jetzt kümmert er sich als Pfarrer um dessen Seelenheil. Und Lucius, Shay’s aidskranker Zellennachbar, lässt den Leser am Gefängnisalltag teilhaben. Shay selbst kommt nicht zu Wort.

Auch in diesem Roman greift die Autorin wieder interessante und brisante Themen auf, für meinen Geschmack sind es allerdings zu viele. Während die Todesstrafe und die Organspende noch halbwegs glaubwürdig, wenn auch sehr zufallsbehaftet, behandelt wurden, war für mich die Messiasgeschichte um Shay an den Haaren herbei gezogen und nur schwer zu ertragen. Die von ihm ausgehenden Wunder waren unglaubwürdig, abstrus und nicht nachvollziehbar. Auch ihr angenehmer Schreibstil half nicht über jede Länge hinweg, so dass ich doch manche Seite nur noch oberflächlich las. Wie auch in ihren anderen Romanen kommt es auch in diesem zur (inzwischen erwarteten) unerwarteten Wendung. Von Jodi Picoult habe ich schon einige Romane gelesen, die jedoch alle dem gleichen Muster entsprachen, mit der Zeit verliert das jeden Reiz, dieser Roman war mit Abstand ihr schwächster.

Mein Fazit: „Das Herz ihrer Tochter“ ist ein thematisch überladener Roman, der von Zufällen und Wundern lebt. Eine Leseempfehlung kann ich nicht aussprechen.

Über den Autor

Jodi Picoult, geb. 1967 auf Long Island, veröffentlichte 1992 ihren ersten Roman, der sofort zu einem großen Erfolg wurde. 2003 wurde sie mit dem New England Book Award ausgezeichnet. Sie lebt zusammen mit ihrem Mann und drei Kindern in Hanover, New Hampshire. Mit dem Roman ‘Beim Leben meiner Schwester’, der wochenlang auf den Bestsellerlisten stand, gelang ihr der Durchbruch in den USA. Sie gehört inzwischen zu den erfolgreichsten amerikanischen Erzählerinnen weltweit und wurde 2007 in England zur Autorin des Jahres gewählt.

13. Juni 2010

Johanna Adorján – Eine exklusive Liebe

Eine exklusive Liebe
Johanna Adorján
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
ISBN-13: 978-3630872919

Vera und István haben als ungarische Juden den Holocaust überlebt. Infolge des ungarischen Aufstandes im Jahre 1956 flohen sie nach Dänemark. Dort zogen sie gemeinsam ihre Kinder groß und als István dann 1991 schwer erkrankte planten sie den gemeinsamen Tod. Als am 13. Oktober 1991 der Tag dann gekommen war, brachte Vera den Hund zu Freunden, denen sie von einer Reise erzählte, räumte die Wohnung auf und kümmerte sich ein letztes Mal um die Rosen. Tage später fand man die beiden, die miteinander alt wurden und sich so liebten, dass der Tod sie nicht scheiden konnte, Hand in Hand in ihrem Bett.

„Davon sprechen wir nicht.“ Damit verdrängten Vera und István ihre Erlebnisse aus den Zeiten des Holocaust und der Zeit als Kommunisten im Ungarn der Nachkriegszeit. „Davon sprechen wir nicht.“, beschloss auch die Familie der beiden nach ihrem Tod. Aber 16 Jahre danach brach Johanna Adorján ihr Schweigen und setzte sich mit dem gemeinsamen Sterben ihrer Großeltern auseinander. Minutiös rekonstruierte die Autorin den letzten Tag ihrer Großeltern und versuchte weiße Flecken in deren Leben durch die Befragung von noch lebenden Bekannten und Freunden Veras und Istváns mit Wissen zu färben. So entstand die Geschichte der Liebe eines außergewöhnlichen Paares, dass sich aus großem Respekt voreinander ein Leben lang siezte. Eine Liebe, die so außergewöhnlich, so exklusiv war, dass sich darin nur Platz für die Eheleute fand.

Am Anfang hatte ich ein paar Bedenken, da die Schilderungen der Zeitzeugen doch zum Teil sehr oberflächlich waren, dass nicht wirklich klar wird, warum beide den gemeinsamen Tod wählten. Schließlich war Vera an die 10 Jahre jünger als ihr Mann, immer noch eine schöne Frau und für ihr Alter recht gesund. Die Vielzahl der Befragungen schuf jedoch ein wirklich rundes und nachvollziehbares Bild des Ehepaares. Vieles, was erst schwer verständlich erschien, wurde nach und nach greifbar. Manches blieb für immer verloren.

In verschiedenen, abwechselnden Erzählperspektiven berichtet die Autorin ohne zu moralisieren oder zu werten, sie hinterfragt und analysiert die ihr vorliegenden Fakten und rekonstruiert so den letzten Tag im Leben ihrer Großeltern. Sie klärt damit aber auch ihre eigenen Identitätsfragen und sucht nach ihren Wurzel.

Die Sprache von Johanna Adorján ist von angenehmer Leichtigkeit, nüchtern und trotz der Thematik oft mit leisem Humor gespickt.

Beim Lesen bekam ich häufig eine Gänsehaut, so berührte mich das Buch. Ich war beeindruckt von der Tiefe der Gefühle und der Eindringlichkeit der Sprache. Trotz einiger offen gebliebener Fragen, weil ja über vieles nicht gesprochen wurde, ist mir dieses ruhige Buch ans Herz gewachsen.

Mein Fazit: „Eine exklusive Liebe“ ist das außergewöhnliche Liebesgeschichte eines faszinierenden Paares, das einander so nah war, dass sie im Tod nicht getrennt sein wollten.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Johanna Adorján, 1971 in Stockholm geboren, studierte in München Theater- und Opernregie. Seit 1995 arbeitet sie als Journalistin, seit 2001 in der Feuilleton-Redaktion der »FAS«. »Eine exklusive Liebe« ist ihr erstes Buch.

22. Mai 2010

Corina Bomann – Das Krähenweib

Das KrähenweibCorina BomannGebundene Ausgabe: 523 SeitenVerlag: KnaurISBN-13: 978-3426663158

Die Krähen leben dann am besten, wenn sie frei sind.“

Man schreibt das Jahr 1701. Annalena Habrecht, eine Henkerstochter und als Kind schon wegen ihrer Herkunft gehänselt, wurde mit dem Henkersgehilfen Peter Mertens verheiratet. Diese Ehe war alles andere als glücklich. Glück empfand der brutale Mertens nur, wenn er seine Frau misshandeln und erniedrigen und ihr die Furcht im Gesicht ablesen konnte. Aber dann kam der Tag, an dem Annalena sich wehrte. Sie flüchtete und kam über Umwege in das aufstrebende Berlin, wo sie im Hause des Gewürzhändlers Röber eine Anstellung als Magd fand. Kurze Zeit später lernt sie den Apothekerlehrling Johann Friedrich Böttger kennen. Dieser betätigt sich im Geheimen als Alchimist. Er versucht sich in der Kunst, Gold herzustellen. Als seine Versuche publik werden und vom Preußenkönig ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt wird, flüchtet er mit Annalena nach Wittenberg und gelangt dort in die Gefangenschaft von Kurfürst August dem Starken. Annalena bekommt zunächst eine Anstellung als Küchenmagd am sächsischen Hof und wird bald von ihrer Vergangenheit eingeholt.

Wie der Zufall es so wollte, begegnete ich zum zweiten Mal in diesem Jahr in meiner Lektüre einer Henkerstochter. Doch die Geschichten sind grundverschieden. Corina Bomann verknüpft die spannende fiktive Geschichte der Henkerstochter Annalena eng mit der wahren Lebensgeschichte des Johann Friedrich Böttger. Dabei führt sie den Leser an historische Stätten, die sie so real beschreibt, dass man nur die Augen schließen muss, um sie vor sich zu sehen. Die Verbindung von Fiktion und Wirklichkeit ist fließend und nicht spürbar. So bekommt man als Leser den Eindruck, genau so hätte sich das Leben der beiden Protagonisten abspielen können.

Eindrucksvoll, aber nicht voyeuristisch, berichtet die Autorin von der ehelichen Gewalt, die die junge Frau erdulden musste und deren Narben immer wieder die Vergangenheit in ihren Gedanken und Ängsten aufleben ließ.

Den einzelnen Kapiteln sind häufig Abschnitte mit geheimen Aufzeichnungen von Böttger vorangestellt, die aus seinen Briefen und der Phantasie der Autorin entstanden. Diese Passagen lassen den Roman authentisch wirken. Ebenso wirken die im Roman vorkommenden Charaktere, lebensecht, wirklichkeitsnah und nicht schablonenhaft. Mit ihnen kann man mitfühlen und mitfiebern und an den Höhen und Tiefen des Lebens teilhaben.

Das Buch ist in den Prolog und weitere 4 Teile gegliedert. Die Kapitel haben ein angenehme Länge. Wie ein roter Faden ziehen sich die Krähen durch das Buch, deren Bedeutung sich beim Lesen erschließt. Eine kleine Krähe ziert jeweils das Vorblatt für einen neuen Abschnitt, ein Detail, das neben der aussagekräftigen Karte belegt, wie liebevoll das Buch gestaltet wurde. Einzig ein Lesebändchen könnte den Gesamteindruck des Äußeren noch aufwerten. Das aufschlussreiche Nachwort möchte ich nicht unerwähnt lassen. Es gibt Auskunft zu den im Roman vorkommenden historischen Persönlichkeiten und erklärt einige Details und Hintergründe der Handlung näher.

Mein Fazit: „Das Krähenweib“ ist ein empfehlenswerter historischer Roman, der die Geschichte wieder aufleben lässt und dem Leser deutlich mehr als nur eine Liebesgeschichte zu bieten hat.

Über den Autor

Corina Bomann wurde 1974 in Parchim geboren. Heute lebt sie mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern.

Gebundene Ausgabe: 523 Seiten * Verlag: Knaur * ISBN-13: 978-3426663158

16. Mai 2010

Arno Geiger – Alles über Sally

Einsortiert unter: 2010,Belletristik — Karthause @ 12:40
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Seit 30 Jahren sind Sally und Alfred verheiratet. Diese lange Zeit spürt man in ihrer Beziehung, längst haben sich Alltag und Gewöhnlichkeit in der Ehe breit gemacht. Das Leben geht seinen Gang, bis sie im Urlaub in England die Mitteilung erreicht, in ihr Haus in Wien sei eingebrochen worden. Die Wohnung wurde verwüstet. Auch Alfreds Tagebücher, die er seit gefühlten Ewigkeiten akribisch führt, wurden von den Einbrechern nicht verschont. Alfred versinkt in Selbstmitleid und bricht sich schließlich noch ein Bein. Sally dagegen, die Unstete, die Impulsive, die Lebenshungrige, wird aktiv. Sie renoviert das Haus und stürzt sich in eine Affäre mit Erik, dem Freund der Familie. Die Kinder zeigen sich mehr oder weniger desinteressiert. Die Rollen sind in dieser Ehe seit langem verteilt, Sally ist die Starke, Alfred eher schwach, fast schon ein Langweiler. Aber sie haben sich arrangiert.

Mit diesem Buch erging es mir wie in einer langen Beziehung, Höhen und Tiefen wechselten ab. Eintönigen Stellen folgten kurzweiligen, in gegenwärtige Betrachtungen wurden geschickt Rückblenden eingebaut. Die beiden Eheleute wurden so treffend realistisch charakterisiert, dass beim Lesen bald ein vertrautes Gefühl bei mir aufkam. Beeindruckend empfand ich, wie genau Arno Geiger die kleinen alltäglichen Situationen im Ehealltag schilderte und wie gut er sich in das Seelenleben seiner Protagonistin einfühlen konnte.

„Alles über Sally“ ist ein Roman der „Brüche“, neben den handlungsbedingten Brüchen, Einbruch, Beinbruch und Ehebruch, gibt es fast ganz am Ende noch einen Stilbruch. „Alfreds Monolog“ unterscheidet absolut vom Stil der vorangegangenen und dem noch folgenden Kapitel. Damit setzt Geiger einen augenfälligen Kontrast und grenzt Alfred ganz deutlich von Sally ab.

Am Ende zeigt Arno Geiger auf, dass die Ursache für Sallys Ehebruch nicht einzig in ihrer Person begründet liegt. Sie ist zwar die Titelgeberin und Hauptfigur des Romas, aber auch Alfreds Innenleben wird beleuchtet und so zeigt sich, das der penible Tagebuchschreiber auch andere Facetten besitzt und nicht nur ein Langweiler ist.

Bis zum Schluss stellten sich ich mir die Fragen, was hält diese Ehe zusammen, führen die beiden überhaupt eine glückliche Ehe? Für mich habe ich diese Fragen beantwortet. Aber genau diese Antworten können sicher von Leser zu Leser unterschiedlich ausfallen und das ist das, was „Alles über Sally“ ausmacht. Dieses Buch lädt förmlich ein zum Reflektieren, zum Werten, zum Vergleichen.

Mir hat dieser Alltagsroman mit Szenen einer Ehe sehr gut gefallen. Der hintergründige Humor des Autors, die nüchterne Bestandsaufnahme der Ehesituation, die gelungenen Charaktere der Protagonisten und die feinfühligen Beschreibungen derer Gefühle trösteten mich über die oder andere gefühlte Länge hinweg.

Auf dieses Buch wurde ich durch die Empfehlung des mdr figaro aufmerksam. Ich wurde nicht enttäuscht.

Über den Autor

Arno Geiger, geb. 1968 in Bregenz, Vorarlberg, wuchs in Wolfurt/Österreich auf. Er studierte Deutsche Philologie, Alte Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck und Wien. Seit 1993 lebt er als freier Schriftsteller. 1986-2002 war er im Sommer auch als Videotechniker bei den Bregenzer Festspielen tätig. 1996 und 2004 nahm Arno Geiger am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen. 2008 wurde Arno Geiger mit dem ‘Johann-Peter-Hebel-Preis’ geehrt.

11. Mai 2010

Oliver Pötzsch – Die Henkerstochter

Einsortiert unter: 2010,History — Karthause @ 18:13
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Die Henkerstochter
Oliver Pötzsch
Broschiert: 511 Seiten
Verlag: Ullstein Tb
ISBN-13: 978-3548268521

Im bayrischen Schongau kam ein Junge auf mysteriöse Art und Weise um Leben und auf der Schulter trug er ein eingeritztes Hexensymbol. Schnell ist wurde die Hebamme Martha Stechlin als Hexe dingfest gemacht und eingekerkert. Aber weitere Morde an Kindern geschahen. Bei allen fand man das ominöse Zeichen. Damit war klar, die Hebamme ist mit dem Teufel im Bunde. Der wurde dann von einigen Schongauern auch leibhaftig gesehen. Einzig der Henker Jakob Kuisl, seine Tochter Magdalena und Simon Fronwieser, der junge Stadtmedicus, glauben an die Unschuld der vormals so beliebten Hebamme. Für die drei begann ein Wettlauf gegen die Zeit, denn die Hexe soll schnellstmöglich brennen.

Oliver Pötzsch, selbst Nachfahre der Kuisl-Dynastie, hat sich in seinem Roman ein interessantes Thema gewählt. Von verschiedenen Seiten wurde mir dieses Buch empfohlen. Nun habe ich es gelesen und könnte meine Meinung kurzfassen: nett.

Dem Autor gelingt es in seinem Roman die Figur des Henkers mit Leben zu erfüllen. Glaubwürdig berichtet er, das dieser am Töten auch keine Freude hat, aber auf Grund seiner Herkunft aus einer Henkersfamilie, keine andere Möglichkeit des Gelderwerbs hat. Die Charakterisierung der anderen Protagonisten fand ich als nicht so gelungen. Sie blieben mir ohne wirkliche Tiefe, dafür aber in manchen Beziehungen etwas überzeichnet, denn in den entscheidenden Momenten gelang ihnen vieles. Mit Hilfe des Zufalls waren es richtige Helden.

Insgesamt gesehen ist „Die Henkerstochter“ ein solider historischer Roman mit einigem Lokalkolorit. Er hat einen starken Anfang und lässt dann aber deutlich nach. Dazu kamen einige Längen, die mich störten. Das Ende empfand ich als sehr simpel. Deshalb werde ich die Folgebände wohl mit großer Wahrscheinlichkeit nicht lesen.

Über den Autor

Oliver Pötzsch, Jg. 1970, arbeitet seit Jahren als Filmautor für den Bayerischen Rundfunk, vor allem für die Kultsendung quer. Er ist ein Nachfahre der Kuisls, die vom 16. bis zum 19. Jahrhundert die berühmteste Henker-Dynastie Bayerns waren. Oliver Pötzsch lebt in München.

4. Mai 2010

Tanja Kinkel – Im Schatten der Königin

Einsortiert unter: 2010,History — Karthause @ 21:35
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Der Schatten der Königin
Tanja Kinkel
Gebundene Ausgabe: 424 Seiten
Verlag: Droemer/Knaur
ISBN-13: 978-3426198179

England im September 1560. Elizabeth I. ist seit zwei Jahren Königin und dabei ihre Macht zu konsolidieren, als Amy Dudley, Ehefrau von Robert Dudley, dem treuen Gefährten der Königin seit Jugendtagen, tot am Fuße einer Treppe aufgefunden wird. Wie kam es dazu? War es ein Unfall, Mord oder Selbstmord?

Amy führte seit Jahren ein Leben im Schatten der jungen Königin. Denn ihr Mann verbrachte die meiste Zeit am Hof und nicht nur das Volk dichtete Robert und der unverheirateten Elizabeth eine Liaison an. Da Amys Tod, den beiden in die Karten spielt, kam schnell der Verdacht auf, Robert hätte seine Frau ermordet oder den Mord in Auftrag gegeben. Um seine Unschuld zu beweisen, schickt Robert seinen engen Vertrauten Thomas Blount an den Ort des Geschehens. Robert selbst kann nichts weiter tun als abzuwarten, denn die Königin hat ihren Günstling auf dessen Besitz verbannt. Thomas folgt diesem Auftrag nur widerwillig, auch ihn verbindet ein Geheimnis mit der Toten. Aber auch die Königin selbst wird in Verbindung mit dem Tod von Amy gebracht. Das ruft ihre Gouvernante Kat Ashley auf den Plan.

Tanja Kinkel nimmt die Leser mit auf eine Reise ins elizabethanische England und stellt den bis heute rätselhaft gebliebenen Tod der Amy Dudley in den Mittelpunkt. Vor diesem realen historischen Hintergrund werden Intrigen und Ränkespiele inszeniert, geht es um Hass, Liebe und Macht. Ihre Protagonisten, historisch verbürgte und fiktive, werden gekonnt in die überlieferte Kulisse eingefügt. Die Sprache ist der Zeit angepasst, aber nicht so verstaubt, dass es beim Lesen Mühe bereitet. Die Geschichte wird aus der Sicht der zwei Ich-Erzähler, Thomas Blount und Kat Ashley, erzählt. Das war für mich ungewöhnlich, aber gut. So offeriert die Autorin dem Leser ein runde, authentisch wirkende Story, die sich so zugetragen haben könnte, aber vielleicht ganz anders war. Die große Realitätsnähe erreicht Tanja Kinkel nicht zuletzt durch ihre dokumentierte akribische Recherche, ein ausführliches Quellenverzeichnis belegt das. Aber auch vom äußeren Eindruck ist dieser Roman sehr gelungen. Leider empfand ich den mittleren Teil des Buches etwas mit Längen behaftet, die Spannung kam mir persönlich etwas abhanden, aber der Schluss versöhnte mich wieder. Als einen kleinen Kritikpunkt möchte ich noch den fehlerhaften Eintrag von Thomas Blount im Stammbaum bemerken. Aber nach dem Wikipedia-Besuch war bei mir die Verwirrung aufgelöst.

Mein Fazit: Tanja Kinkels „Im Schatten der Königin“ ist ein gelungener historischer Roman mit einer an einen Kriminalroman grenzenden Handlung. Auch in diesem Roman bewies die Autorin wieder ihr Gespür für interessante geschichtsrelevante Themen. Für Anhänger der Tudors wird dieser Roman ein Muss sein, für alle anderen Leser ist er eine gute, unterhaltsame Lektüre.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Tanja Kinkel, 1969 in Bamberg geboren, verfaßte bereits im Alter von acht Jahren ihre erste Erzählung. Heute ist die promovierte Germanistin eine der erfolgreichsten Autorinnen historischer Romane, die regelmäßig die Bestsellerlisten erobern und in neun Sprachen übersetzt werden. Schon 1992 wurden ihre ersten beiden Bücher mit dem Bayerischen Staatsförderpreis für junge Schriftsteller ausgezeichnet. “Wenn es nicht wahr ist, dann ist es eine gute Geschichte”, so zitiert Tanja Kinkel ein italienisches Sprichwort und umschreibt damit zugleich ihr persönliches Erfolgsrezept.

26. April 2010

Sabrina Capitani – Der verborgene Brunnen

Einsortiert unter: 2010,History — Karthause @ 15:23
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Der verborgene Brunnen
Sabrina Capitani
Broschiert: 379 Seiten
Verlag: Piper
ISBN-13: 978-3492252027

Ende des 10. Jahrhunderts in der Provence. Kassia, eine Halbsarazenin, ist 16 Jahre alt und schon als Säugling in ein Kloster gekommen. Nun macht sie sich mit dem Pfarrer des Dorfes Roubion auf den Weg, um einen alten Witwer zu heiraten. Als sie ihr Ziel erreichen, ist dieser aber gerade verstorben. Von ihrer Mitgift kauft sie sich ein Stück Land. Aber bald wird die Wasserknappheit zum Problem. Der Quellmeister sucht vergeblich, aber sein Sohn Ramon, von vielen als Dorftrottel verspottet, findet auf dem Land einen verborgenen Brunnen. Als dieser von beiden wieder hergerichtet wird, gibt er sein Geheimnis preis – das Skelett eines Fremden. Von den Leuten im Dorf will keiner etwas wissen. Als Kassia nachfragt, stößt sie auf eine Mauer aus Schweigen und Ablehnung.

Mit diesem Buch bekam ich einen wunderbaren historischen Roman zu lesen. Sehr liebevoll beschrieb Sabrina Capitani die karge und trockene Landschaft in der Provence. Sie zeigte eindrucksvoll auf, welche Bedeutung es hat, über eine Quelle oder einen Brunnen zu verfügen. Aber sie beschreibt auch das Miteinander, das Angewiesensein auf den Nachbarn, den Zusammenhalt in der Gemeinschaft und die sich für den Ausgeschlossenen ergebenden Probleme. Kassia war eine, die nicht dazu gehörte. Erschwerend kam für sie noch hinzu, dass sie als Halbsarazenin mit Vorurteilen leben musste und so auf Misstrauen und Feindseligkeit stieß. Aber sie meisterte alle Situationen, ohne dabei künstlich zu wirken. Sie war eine sehr sympathische Hauptfigur, mit der man sofort mitfühlen konnte. Mit sehr viel Liebe zum Detail beschrieb die Autorin die Lebensumstände in dem abgelegenen Dorf, das Leben im Einklang mit der Natur und öffnete dem Leser so ein Fenster in eine lang vergangene Zeit. Auch das Zusammentreffen verschiedener Religionen ist ein Thema, das in diesem Roman einen wichtigen Stellenwert hat und dadurch eine Brücke in unsere zeit schlägt.

Sehr gut gefallen hat mir auch der Aufbau des Romans. Zuerst wird die Geschichte von Kassia erzählt, später die der Nonne Douce, die im Kloster eine enge Vertraute unserer Protagonistin war. Da diese beiden Handlungen nicht parallel abliefen, blieb der Spannungsbogen bis zum Ende hin erhalten. In diesem Roman ist aber auch die Geschichte einer Liebe beschrieben, unaufdringlich, mit leisen Worten und wie der gesamte Roman – einfach nur schön.

Mein Fazit: „Der verborgene Brunnen“ ist etwas ganz Besonderes im Genre der historischen Romane, ein Buch das ich von ganzem Herzen empfehlen kann. Im Sommer erscheint ein neuer historischer Roman der Autorin, ich habe ihn mir schon vorgemerkt.

Über den Autor (Quelle Amazon)

Sabrina Capitani, geboren 1953, studierte Germanistik, Publizistik und Kunst in Berlin und arbeitet seit zwanzig Jahren als Autorin für Hörfunk und Fernsehen. Sie schrieb Drehbücher für deutsche Kinderserien, Hörspiele für den SFB, für Radio Bremen und RAI und ist außerdem als freie Malerin tätig.

Homepage der Autorin, die auch unter ihrem Namen Sabine Korsukewitz Romane veröffentlicht hat.

17. April 2010

Deana Zinßmeister – Die Gabe der Jungfrau

Einsortiert unter: 2010,History — Karthause @ 16:57
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Die Gabe der Jungfrau
Deana Zinßmeister
Taschenbuch: 512 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag
ISBN-13: 978-3442470365

Mehlbach in der Kurpfalz um 1525. Die Stimmung war angeheizt, die Welt hatte sich verändert. Es war die Zeit des deutschen Bauernkrieges. Luther hatte vor nicht all zu langer Zeit seine Thesen zur Reformation der Kirche veröffentlicht und Müntzer war in Thüringen und Sachsen der Wortführer der Bauern.

Der freie Bauer Daniel Hofmeister schickte zwei seiner Söhne in den Kampf für die Sache der Bauern. Bevor sie gingen gaben sie jedoch ihrer Schwester Anna Maria das Versprechen, dass einer nicht ohne den anderen heimkehren würde.

Anna Maria besaß die Gabe, sich im Traum von nahestehenden Menschen, deren Tod bevor steht, verabschieden zu können. Eines Nachts sah sie ihre Brüder in verschneiter Landschaft. In großer Sorge und Eile brach sie mit dem Segen des Vaters auf, um Peter und Matthias in den Kriegswirren zu finden und das Schicksal abzuwenden.

Der Leser begleitet die junge Frau auf ihrer abenteuerlichen und nicht ungefährlichen Suche. Dabei verwebt Deana Zinßmeister die verschiedenen Handlungsstränge mit der realen Geschichte so geschickt, dass am Ende die Handlung stimmig ist und der Leser gleichzeitig ein sehr realistisches Bild über das Leben und die Ereignisse dieser bewegten Zeit machen kann. So erfährt man vom Doppelleben des Vaters ebenso wie vom schweren Leben der Bauern und ganz nebenbei, unaufdringlich und mit dem Gespür für das Wesentliche werden die historischen Fakten unterbreitet. Man lernt die Bundschuhbewegung als Wurzel für den Bauernkrieg auf deutschem Boden kennen und die Standpunkte von Luther und Müntzer zu unterscheiden.

Die Beweggründe für das Handeln der Protagonisten werden immer wieder in Rückblenden dargelegt, so wurde den Figuren von Anfang an ein Charakter verliehen und Leben eingehaucht. Sie wuchsen mir ans Herz, ich konnte mit ihnen hoffen und bangen und als ich das Buch schloss, hatte ich das Gefühl gute Bekannte zu verlassen.

In diesem Roman trifft Fiktion auf Realität und es war mir nicht immer möglich reale Personen von denen, die der Feder der Autorin entsprangen, zu unterscheiden.

Das Buch enthält ein umfangreiches Nachwort und ein ausführliches Quellenverzeichnis, das belegt, was beim Lesen schon angenehm auffällt, die Autorin hat eine akribische Recherche betrieben. Ich hätte gern noch ein Personenverzeichnis und eine Karte im Buch gehabt. Solche Beigaben liebe ich. Deren Fehlen laste ich aber keinesfalls der Autorin an.

„Die Gabe der Jungfrau“ ist für mich der beste der bisher von Deana Zinßmeister erschienen Romane. Gut charakterisierte Figuren treffen auf eine interessante und von der Autorin gewohnt gekonnt erzählte Geschichte und sind eingebettet in einen realen historischen Rahmen. Was will man als Leser historischer Romane mehr.

Über den Autor

Deana Zinßmeister hat sich mit dem Schreiben einen Traum erfüllt und ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. Bereits mit ihrem ersten historischen Roman »Das Hexenmal« gelang ihr auf Anhieb ein Erfolg. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern im Saarland.

6. April 2010

Lea Korte – Die Maurin

Einsortiert unter: 2010,History — Karthause @ 15:44
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Die Maurin
Lea Korte
Broschiert: 663 Seiten
Verlag: Droemer/Knaur
ISBN-13: 978-3426502303

Andalusien zum Ende des 15. Jahrhunderts. Das Land wird beherrscht von erbitterten Kämpfen zwischen Mauren und Kastiliern, ein Kampf der Religionen und Kulturen, die letzte Zeit der Reconquista. In diese historische Handlung ist das Schicksal der jungen Maurin Zahra as-Sulami, enge Vertraute der Sultanin Aischa, eingebaut. Ihre Familie, alter maurischer Adel, ist ein Spiegel der Gesellschaft. Moslems, Christen und Juden sind durch Familienbande miteinander verbunden. So kommt es durch die unterschiedlichen politisch-religiösen Ansichten zu familiären Spannungen, bei denen ihr Halbbruder Yazid schon radikal fanatisch für den Heiligen Krieg, auch innerhalb der Familie, eintritt. Aber auch Zahra kämpft ihren ganz eigenen Kampf. In alter maurischer Tradition erzogen, begehrt sie gegen Sitten, Bräuche und Zwänge auf und will sich mit der ihr gebührenden Rolle als Frau in der Familie nicht abfinden. Sie ist eine beherzte und mutige junge Frau, aber immer wieder wird auch deutlich, dass sie doch in ihren muslimischen Traditionen verwurzelt ist. Wiederholt überschreitet sie Grenzen und auch der vom Vater verhängte Hausarrest zeigt nicht die erwartete Wirkung. So bleibt dem Familienoberhaupt nur noch, die geplante Hochzeit vorzuziehen. Zahras Herz schlägt aber nicht für den für sie ausgewählten Mann. So muss sie viele persönliche Kämpfe und Abenteuer bestehen und wird immer wieder von den religiösen Auseinandersetzungen ihrer Zeit eingeholt.

Lea Korte lässt den Leser in die letzten Jahre der maurischen Herrschaft in Spanien reisen. Und eine Zeitreise ist es wirklich. Sehr anschaulich und historisch fundiert beschreibt sie das Leben von Kastiliern und Mauren und lässt den Leser an Glücksmomenten wie auch am Augenblicken großer Trauer und Not teilhaben. Der Leser begleitet die junge Maurin Zahra, Tochter eines maurischen Vaters und einer zum Islam konvertierten Christin, über 15 Jahre. Sie setzt sich durch, auch in schwierigen Situationen. In nur wenigen Passagen erschien sie mir etwas zu tough. In „Die Maurin“ agieren neben fiktiven Personen historisch verbürgte. Alle sind liebevoll mit viel Detailgenauigkeit in Szene gesetzt. Aufschluss darüber, welche Personen wirklich existierten, gibt dem Leser das Personenverzeichnis. Dies war für mich ebenso hilfreich, wie die sich im Buch befindenden Stammbäume, die Zeittafel und das Glossar.

Die Reconquista war alles andere als eine friedliche Zeit. Auch in Lea Kortes Roman kommt man um diverse Schilderungen von Kampfhandlungen nicht herum. Aber diese oft auch brutalen Szenen dienen nicht dem Selbstzweck, sie untermauern die historische Lage und lassen den Leser auch ein Gefühl für das Leben in dieser Zeit bekommen. Auf der einen Seite stehen die kriegerischen Auseinandersetzungen, auf der anderen Seite die davon betroffene notleidende Bevölkerung, die eigentlich auch den Frieden herbei sehnt. Diese Friedenssehnsucht ist sowohl bei Christen als auch bei den Mauren deutlich spürbar. Besonders hervorheben möchte ich, dass die Autorin keine Partei ergreift und sowohl Christen als auch Moslems in ihren Standpunkten wertungsfrei darstellt.

Abschließend kann ich sagen, „Die Maurin“ ist ein sehr gelungener historischer Roman, den ich sehr gern gelesen habe und den ich ebenso gern weiter empfehle. Das Ende lässt sogar auf eine Fortsetzung hoffen, darüber würde ich mich freuen.

Über den Autor

Lea Korte, geboren 1963, wanderte nach Abschluss ihres Studiums nach Spanien aus, wo sie zuerst in Katalonien und später im Baskenland und in Valencia als Übersetzerin und Autorin lebte. Von Anfang an setzte sie sich intensiv mit der Geschichte und Kultur ihrer Wahlheimat auseinander. Zusammen mit ihrem französischen Mann und ihren beiden Kindern lebt sie heute in Südspanien.

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