Karthauses Bücherwelt …

5. Oktober 2012

Susanne Goga – Das Leonardo-Papier

Einsortiert unter: 2011,History — Karthause @ 16:38
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Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

Wenn ein einzelnes Blatt Papier den Tod bedeuten kann …

England 1821: Georgina Fielding ist im besten heiratsfähigen Alter, interessiert sich aber mehr für Geologie als für potenzielle Ehemänner. Als sie eine wertvolle Fossiliensammlung und ein rätselhaftes Notizbuch erbt, ist ihre Neugier geweckt. Mithilfe des Reiseschriftstellers Justus von Arnau begibt sie sich auf die Spurensuche. Rätsel gibt ihnen insbesondere eine einzelne Manuskriptseite auf. Sie ist in Spiegelschrift geschrieben wie die Werke Leonardo da Vincis – und hat einen brisanten Inhalt…

Susanne Goga lässt uns an den Anfängen jener revolutionären Wissenschaft teilhaben, die im frühen 19. Jahrhundert an den Grundfesten des Glaubens rüttelte: der Geologie. Zugleich aber ist »Das Leonardo-Papier« die packende Geschichte einer jungen Frau, die sich über Konventionen hinweg setzt und ihren guten Ruf riskiert, um das Geheimnis ihrer Herkunft zu lösen – und ihr persönliches Glück zu erobern.

Ein fesselnder historischer Roman, in dem Leonardo da Vincis »Codex Leicester«, das teuerste Buch der Welt, eine entscheidende Rolle spielt.

Meine Meinung

Geologie ist für mich nicht unbedingt ein Wissensgebiet, das ich mir als Hintergrund für eine Romanhandlung gewünscht hätte. Wahrscheinlich ist auch dies der Grund, neben dem Titel, der mich eine der unzähligen Verschwörungsgeschichten vermuten lies, weswegen ich dem Roman über Jahre hinweg keine Beachtung schenkte. Umso mehr war ich überrascht, als sich dieser Roman als ein wirklich gut recherchierter historischer Roman entpuppte. Schon der Prolog zog mich in seinen Bann. Er warf Fragen auf und versprach Spannung. Aber mindestens ebenso spannend war das, was Susanne Goga an Geologischem in den Roman einbaute. Diese Wissenschaft war noch recht jung und befand sich im Aufbruch. Vieles war noch nicht bekannt, aber sie stand schon im klaren Konflikt zu dem, was die Bibel lehrte. Dieses Erwachen der Wissenschaft verband die Autorin sehr gekonnt mit dem Erwachen der Georgina Fielding, die auf eigenen Beinen stehen wollte und von ihrer Tante aber in eine gute Ehe gedrängt werden sollte. So wie die Wissenschaftler an dem althergebrachten Glauben rüttelten, so kämpfte Georgina gegen altgediente Moralvorstellungen.

Susanne Goga verfügt über eine sehr bildliche Sprache, so dass zusammen mit der eigenen Vorstellungskraft die Handlung förmlich wie in einem Film abläuft. Sie versteht es wunderbar, Wissensvermittlung und Unterhaltung zu verbinden.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
SUSANNE GOGA, 1967 geboren, ist eine renommierte Literaturübersetzerin. Sie schrieb zwei historische Kriminalromane, bevor sie sich mit „Das Leonardo-Papier” (2009 im Diana Verlag erschienen) dem klassischen historischen Roman zuwandte. Susanne Goga lebt mit ihrer Familie in Mönchengladbach.

11. Januar 2012

Gegen alle Zeit – Tom Finnek

Einsortiert unter: 2011,History — Karthause @ 18:55
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Nach der Premierenfeier der „Bettleroper“ wird Henry Ingram mit einem unvorstellbaren Kater wach – und um fast 300 Jahre in der Zeit zurückversetzt. Er erwacht in einem stinkenden Keller in der illustren Gesellschaft von Dieben, Gaunern und Huren im London des Jahres 1724 als Captain Machead. Gemeinsam mit ihnen erlebt er spannende Abenteuer. Dabei kommt auch Henry selbst über kurz oder lang mit dem Gesetz in Konflikt und wird zum gesuchten Verbrecher.
Bisher ernteten Zeitreiseromane nie viel Lob von mir, um ehrlich zu ist sein, ich habe noch nie einen beendet. So griff ich ein wenig skeptisch zu dem neuen historischen Roman Tom Finneks. Meine Zweifel erwiesen sich jedoch als haltlos. „Gegen alle Zeit“ ein Abenteuerroman, eine Gaunergeschichte, ein Zeitreiseroman, aber vor allem ein sehr gut geschriebener historischer Roman. Als Leser konnte man das Gefühl bekommen, der Autor hat selbst so einen Zeitensprung hinter sich, so detailliert und bildhaft schildert er das alte London, mit all seinen Einwohnern, Gerüchen und Geräuschen. Mit dem Finger auf dem im Buch enthaltenen Stadtplan Londons wusste ich mich schnell in der Stadt zu orientieren und konnte den Protagonisten auf ihren Wegen folgen. Sehr gelungen waren auch die von Henry Ingram gezogenen Vergleiche vom heutigen und damaligen Aussehen der Stadt. Der Autor zeichnet mit seiner Geschichte ein hervorragendes Panorama Londons im frühen 18. Jahrhundert.
„Gegen alle Zeit“ ist keine Fortsetzung von Finneks knapp 60 Jahre vorher spielenden Roman „Unter der Asche“, aber manch Bekannter begegnet dem Leser auch in diesem Buch und die eine oder andere Begebenheit des Vorgängerromans kommt auch in diesem zur Sprache. Die Protagonisten des Romans gehören nicht zur Oberschicht. Es sind die kleinen Ganoven, Diebe, Betrüger und Huren, die dem Roman das menschliche Kolorit verleihen. Sie alle sind Persönlichkeiten mit Eigenheiten, Stärken und Schwächen, aber auf ihre ganz besondere Art doch liebenswert. Wie ein roter Faden zieht sich die Bettleroper von John Gay durch diesen Roman. Deren Figuren sind es, denen Tom Finnek mit seinem Roman Leben eingehaucht hat. Das Buch ist sehr flüssig zu lesen, die Sprache ist sehr angenehm und der Zeit angepasst. Leider mag man das Buch kaum aus der Hand legen und ist so viel zu schnell auf der letzten Seiten angelangt. Ein ausführlicher Epilog tröstet über das fehlende Nachwort ein wenig hinweg. Darin wird deutlich, welche Figuren der Fantasie des Autors entspringen und welche einen realen Hintergrund haben.
Auch vom optischen Aspekt ist dieses Buch etwas Besonderes, ein wahrer Hingucker. Der zur Handlung passende Schutzumschlag, der enthaltene Stadtplan, das Lesebändchen und nicht zuletzt die wunderschönen Illustrationen von Tina Dreher vor jedem neuen Teil und Kapitel runden den äußerst positiven Leseeindruck ab.
Mein Fazit: „Gegen alle Zeit“ ist ein farbenprächtiger und detailreicher Schmöker, im positivsten Sinne des Wortes. Man taucht als Leser ab in die damalige Zeit und ist bei der Rückkehr in die Gegenwart traurig, das Henry, Bess, Blueskin und all die anderen in ihrer Welt geblieben sind. Ich wünsche diesem Roman viele begeisterte Leser.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Tom Finnek, 1965 in Westfalen geboren, lebt als Filmjournalist und Schriftsteller in Berlin. Als Autor (unter dem Namen Mani Beckmann) beschäftigt er sich schon länger mit historischen Stoffen, insbesondere zum Münsterland. Für ihn ist London mit seiner langen, wechselhaften Geschichte genauso faszinierend wie Berlin. Tom Finnek ist verheiratet und hat zwei kleine Söhne, auf die er sehr stolz ist.
Weitere Informationen: http://www.tomfinnek.de

4. Januar 2012

Ursula Poznanski – Saeculum

Einsortiert unter: 2011,Bücher,Jugendbuch — Karthause @ 19:10
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Bastian, Medizinstudent und der Sohn eines bekannten Chirurgen, wird von seiner Freundin zu einem im Mittelalter angesiedelten Live-Rollenspiel eingeladen. Eigentlich fühlt er sich verpflichtet, seinem Studium die entsprechende Aufmerksamkeit zu widmen, aber schon um sich von seinem erfolgs- und karriereorientierten Vater abzugrenzen, sagt er zu. Erst als die Gruppe schon unterwegs ist, wird der Ort für diese Convention bekannt und ein erster Schatten fällt auf das Vorhaben. Schnell macht eine alte Sage die Runde, der zu Folge auf dem Wald ein Fluch liegen soll. Im Wald angekommen, müssen sich die Teilnehmer von den Utensilien der Gegenwart trennen, erlaubt sind nur noch Gegenstände, die es auch schon im 14. Jahrhundert gab, Handy, Feuerzeug, Brillen, Medikamente – alles ist verboten. Jeder der Teilnehmer schlüpft in eine von ihm festgelegte Rolle und die entsprechende Kleidung, damit kann das Spiel beginnen, 5 Tage werden sie nun wie in der Vergangenheit leben. Aber schon bald kommt es zu mysteriösen Vorfällen, Spieler verschwinden spurlos, immer wieder finden die Verbliebenen rätselhafte Nachrichten. Der Fluch scheint sich zu bewahrheiten, langsam kippt die Stimmung im Team und mit ernster werdender Situation zeigen die Spieler ihren wahren Charakter, das Ganze läuft aus dem Ruder.

Nach „Erebos“ war ich sehr gespannt auf den neuen Roman von Ursula Poznanski. Schon das Äußere sprach mich an. Das Cover ist ganz einfach in schwarz und weiß gehalten, der Buchschnitt ist schwarz eingefärbt. Es macht zwar einen etwas düsteren Eindruck, der passt aber ausgezeichnet zur Atmosphäre des Romans, der dunkle Wald, das Wetter, die zunehmend sich verschlechternde Stimmung der Spieler. Den Einstieg in die Handlung gestaltete die Autorin ruhig, aber stetig. Sie ließ sich Zeit ihre Figuren vorzustellen und zu positionieren. Die Charaktere wurden von der Autorin sehr vielfältig gestaltet. Es gab kaum Stereotypen. Einzig Bastian war mir ein wenig zu sehr als Sympathieträger angelegt. Aber in ihrem Handeln und Denken wirkten sie glaubhaft und lebensecht. Der Spannungsbogen wurde recht konsequent aufgebaut. Allerdings wandelte sich etwa ab der Mitte des Buches die Stimmung, das Flair vom Mittelalter konnte in der Konfliktsituation von den Spielern nicht weitergetragen werden. Aber das scheint logisch, schließlich nahmen sie an einem Spiel teil, aus dem plötzlich bitterer Ernst wurde. Mir war eigentlich die ganze Lesezeit über klar, dass es für die sich ereignenden Mysterien eine logische Erklärung gab. Deshalb überkam mich auch nicht das Gruseln und der letztendlichen Lösung kam ich in Gedanken überraschend nahe. Allerdings bin ich auch den Altersempfehlungen des Verlags etwas entwachsen und darüber hinaus geübte Thrillerleserin. Trotzdem fühlte ich mich sehr gut unterhalten und von der Autorin sehr angenehm durch die Welt des Rollenspiels geleitet. Sehr eindrucksvoll beschrieb sie neben den Empfindungen ihrer Protagonisten, auch deren Umfeld, die Natur, und die örtlichen Gegebenheiten. Als Leser konnte ich mich sehr gut in die Teilnehmer der Saeculum-Convention hineinversetzen. Dieses Jugendbuch von Ursula Poznanski war sehr angenehm und unterhaltsam und spannend zu lesen, nicht nur Jugendlichen, auch ihren interessierten Eltern und Großeltern empfehle ich es gern.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Ursula Poznanski, geboren in Wien, studierte sich einmal quer durch das Angebot der dortigen Universität, bevor sie nach zehn Jahren die Hoffnung auf einen Abschluss begrub und sich als Medizinjournalistin dem Ernst des Lebens stellte. Nach der Geburt ihres Sohnes begann sie Kinderbücher zu schreiben. Mit ihrer Familie lebt sie im Süden von Wien.

16. Dezember 2011

Rudolf Lill – Die Macht der Päpste

In seinem Buch „Die Macht der Päpste“ widmet sich Rudolf Lill der Geschichte des Papsttums. Er informiert über die einzelnen Päpste ebenso wie über das langsame Wachstum und die Ausdehnung der päpstlichen Macht von der späten Antike bis in die heutige Zeit und widmet seine besondere Aufmerksamkeit den Umbrüchen durch Konzile und Reformen in der Kirchengeschichte. Dabei möchte ich besonders die große Aktualität dieses Sachbuches hervorheben, schließt es doch die Amtszeit von Benedikt XVI. mit ein. Hochinteressant empfand ich die bemerkenswert kritischen Gedanken des Autors bezüglich des von den letzten beiden Päpsten zelebrierten Zentralismus und der doch recht rigiden Personalpolitik der katholischen Kirche. Die daraus die gezogenen Schlussfolgerungen begründet Lill sachlich und überaus kompetent.

Dieses Buch ist sicher nicht geeignet, um eine katholische Grundbildung zu erlangen, über diese sollte man bei der Auseinandersetzung mit dem Inhalt schon verfügen. Um einen komplexen Überblick über die päpstliche Macht im Wandel der Geschichte zu bekommen, ist es sehr zweckdienlich. Ich sehe Rudolf Lills Werk eher als eine Art Kompendium, in dem man bei Bedarf nachschlagen kann. Denn eine Lektüre von Anfang bis Ende fand ich trotz der nur 288 Seiten ein wenig beschwerlich. Das Buch ist klar und logisch gegliedert, ausführliche, als Anmerkungen beigefügte Quellen, zeigen, welchen Aufwand Rudolf Lill bei der Recherche zu diesem fundierten Sachbuch betrieb. Darüber hinaus sind im Anhang die Karrieren der Päpste und Kardinalssekretäre ab 1800 aufgeführt. „Die Macht der Päpste“ besticht nicht nur durch die Fülle der aufbereiteten Informationen, es ist auch augenscheinlich ein sehr ansprechendes Buch.

Ich kann das vom Butzon & Bercker Verlag veröffentlichte Buch, das mir von BloggdeinBuch als Rezensionsexemplar – vielen Dank dafür – zur Verfügung gestellt wurde, guten Gewissens den Lesern weiterempfehlen, die sich von einem anspruchsvollen Sachbuch nicht abschrecken lassen. Ich bewerte „Die Macht der Päpste“ mit 4 von 5 Sternen. Bestellt werden kann es *hier*.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Rudolf Lill ist Professor emeritus für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Karlsruhe, wo er die Forschungsstelle “Widerstand gegen den Nationalsozialismus im deutschen Südwesten” leitete. Als Gastprofessor lehrte er an mehreren italienischen Universitäten und ist Lehrbeauftragter für italienische Geschichte der Universität Bonn.

10. Dezember 2011

Tracy Chevalier – Das Mädchen mit dem Perlenohrring

Einsortiert unter: 2011,History,Uncategorized — Karthause @ 18:10
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Das Mädchen mit dem Perlenohrring
Tracy Chevalier
Originaltitel: Girl with a Pearl Earring
Taschenbuch: 349 Seiten
Verlag: List Taschenbuch
ISBN-13: 978-3548600697

Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

Delft 1664. Als der Vater bei einem Arbeitsunfall sein Augenlicht verliert, wird die junge Griet, um die Familie zu unterstützen, als Dienstmagd in den Haushalt des angesehenen Malers Johannes Vermeer gegeben. Die Schikanen von Vermeers eifersüchtiger Gattin ließen sich kaum ertragen, wären da nicht die faszinierenden Bilder des Meisters, die Griet auf magische Weise in ihren Bann ziehen. Immer häufiger ruht der Blick des Künstlers auf ihr; schließlich beginnt Vermeer, sie heimlich zu malen. Doch als er Griet bittet, einen Perlenohrring anzulegen, beschwört er damit eine Katastrophe herauf, die nicht nur für Griet ungeahnte Folgen hat …

Meine Meinung

Wer kennt nicht das Gemälde Vermeers, auf dem ein Mädchen mit großen Augen, einem blau-weißen Tuch ums Haar und einem Perlenohrring zu sehen ist. Tracy Chevalier erzählt um dieses Gemälde die fiktive Geschichte der Dienstmagd Griet, die in diesem Roman als Ich-Erzählerin fungiert. Sie berichtet über die Umstände, die sie ins Hause Vermeer geführt haben, von der eifersüchtigen Gattin des Malers und von der Kunst des Malens. Die Autorin schildert auf eine ganz ruhige, stille und einfühlsame Art das Leben in diesem Künstlerhaushalt. Als Leser nimmt man am täglichen Leben teil, besucht mit der Magd den Markt und bewirtet die wohlhabenden Gäste. Damit entsteht ein beeindruckend authentisches Alltags- und Sittenbild über das Leben in Delft in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts. Das überaus Besondere sind aber die Beschreibungen der Bilder, die Vermeer in dieser Zeit schuf. Da ich viele seiner Gemälde kenne, hatte ich das Gefühl, bei deren Entstehung stiller Beobachter zu sein.

Die Charaktere sind sehr feinfühlig beschrieben. Die Personen wirken auffallend lebendig und deren Gefühle sind nachvollziehbar. So wird die Eifersucht von Vermeers Ehefrau ebenso glaubhaft beschrieben, wie die Leidenschaft, der Egoismus und Feigheit des Malers oder die Rolle der schüchternen Griet als seine Muse.

Ich habe dieses Buch sehr gern gelesen. Es nahm mich mit auf eine äußerst interessante Reise in die Vergangenheit.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Tracy Chevalier, geboren 1962, wuchs in Washington D. C. auf. 1984 zog sie nach England, wo sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn auch heute noch lebt. Ihr Roman Das Mädchen mit dem Perlenohrring wurde ein internationaler Bestseller und ein großer Kinoerfolg.

2. Dezember 2011

Frank Schätzing – Der Schwarm

Einsortiert unter: 2011,Krimi/Thriller — Karthause @ 17:10
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In Peru und Argentinien verschwanden Fischer auf hoher See. Vor der mittelamerikanischen und australischen Küste sterben Menschen, weil sie in Kontakt mit in Massen auftretenden hochgiftigen Quallen kamen. In Frankreich platzten in einem Sterne-Restaurant Hummer, verbreiteten eine gallertartige Masse, Menschen starben. Gastanker explodierten, ein Forschungsschiff verschwand spurlos. Wale trafen verspätet auf ihren Wanderungen vor der kanadischen Westküste ein. Als sie dann doch endlich ankamen, waren sie aggressiv und griffen Menschen und Schiffe an. Im norwegischen Schelfgebiet vermehrten sich massenhaft Borstenwürmer, die sich von methanabbauenden Bakterien ernährten, die ihrerseits das eisförmige Methanhydrat in großen Mengen abbauten. Dadurch wurde der Kontinentalhang vor Norwegens Küste instabil, kam ins Rutschen und verursachte einen gewaltigen Tsunami, der die Küstenregionen Nordeuropas verwüstete. Der Golfstrom kam zum Erliegen. In der Tiefsee verlegte Glasfaserkabel wurden zerstört, eine Kommunikation zwischen den Kontinenten war nur noch eingeschränkt möglich. Das freigesetzte Methan beschleunigte den Treibhauseffekt. Vor der Ostküste der USA wanderten Krebse mit giftigen Bakterien besetzt an Land. Das Gift gelangte ins Abwasser, giftige Gase stiegen auf und töteten die Menschen in ihren Häusern. Vor den Kanaren droht die instabile Westflanke des Cumbre Vieja durch die methanfressenden Bakterien abzurutschen und einen Megatsunami zu verursachen. Die Menschheit ist in ihrer Existenz bedroht. Wissenschaftler und Praktiker aus verschiedenen Ländern, unter Federführung der USA, führen einen fieberhaften Kampf gegen die Bedrohung. Immer klarer wird, dass diese im Zusammenhang mit der überall gefundenen gallertartigen Masse, die von den Forschern Yrr genannt wurde, steht. Die Forschung läuft auf Hochtouren.

Die Menschen fliegen ins All, suchen nach intelligentem Leben außerhalb der Erde. Aber wie gut kennen sie den eigenen Planeten? Die Tiefsee ist mehr oder weniger unerforschtes Gebiet. Das nutzt Frank Schätzing in seinem Roman und siedelt eine unbekannte Lebensform mit kollektiver Intelligenz in den Tiefen der Ozeane an. Gekonnt verknüpft er verschiedene Wissenschaftsgebiete wie Meeresbiologie, Zoologie, Ökologie, Vulkanologie und Klimaforschung und erklärt die angerissenen Themen allgemeinverständlich. Außerdem werden philosophische und völkerkundliche Ansätze, religiöse Gedanken und ausführliche Informationen zu technischen Fragen der Ölförderung und der Tiefseeforschung nicht ausgelassen. Auch an Handlungsorten mangelt es in Schätzings „Der Schwarm“ nicht. Trotz der beeindruckenden Themenfülle und Schauplatzvielfalt wird der Leser nicht überfordert. Der Roman ist gut strukturiert, in 5 Teile, einen Prolog und einen Epilog untergliedert. Zwischenüberschriften geben dem Leser Auskunft über den Zeitverlauf und der Ort der Handlung. Ein Kritikpunkt sind die recht eindimensional gestalteten Charaktere, die schon so manch gängigem Klischee entsprechen und sich grob in gut und böse einordnen lassen, das wird durch die abwechslungsreiche Handlung aber gut kompensiert. Denn den Hauptprotagonisten an sich gibt es nicht. Es sind etwa ein Dutzend Personen, davon einige real existierende, die die Handlung maßgeblich vorantreiben. Aus einer umfangreichen Recherche schöpfend, die auch noch in „Nachrichten aus einem unbekannten Universum“ einflossen, schuf Frank Schätzing einen äußerst interessantern und spannungsgeladenen Thriller. Den ersten Teil, in dem die Welt zunächst mit unerklärlichen Erscheinungen konfrontiert wurde, fand ich nahezu genial. Als dann in der zweiten Hälfte der Existenzkampf der Menschheit geschildert wurde, konnte mich der Autor nicht mehr hundertprozentig packen. Da gab es Szenen, die mir zu konstruiert und zu hollywoodlike erschienen und damit einfach nicht ganz meinem Geschmack entsprachen. Das Buch ließ sich gut und flüssig lesen, die wissenschaftlichen Fakten erdrückten die Handlung nicht. Ich empfehle „Der Schwarm“ gern weiter.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Frank Schätzing, Jahrgang 1957, lebt gleich mehrere Leben. Als Kreativchef einer Werbeagentur, Musiker und Musikproduzent, begeisterter Hobbykoch und seit Mitte der Neunziger als Schriftsteller. Mit „Der Schwarm“ hat sich Schätzing, selber ausgebildeter Taucher, einen Traum erfüllt, nachdem er die Idee der Geschichte tatsächlich Jahre zuvor geträumt hatte. Frank Schätzing lebt und arbeitet in Köln.

25. November 2011

Mani Beckmann – Moorteufel

Einsortiert unter: 2011,History — Karthause @ 12:35
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Moorteufel
Mani Beckmann
Taschenbuch: 528 Seiten
Verlag: Bastei Lübbe
ISBN-13: 978-3404142729

Ahlbeck im Münsterland, 1814. Der junge Jeremias Vogelsang, Sohn des Ahlbecker Magisterbauern, hat sich in die Tochter des Amtmannes verliebt. Trotz der Standesunterschiede träumt er von einer gemeinsamen Zukunft. Doch dann gerät die Welt der Ahlbecker ins Wanken. Der Amtmann beginnt eine Hetzjagd auf die jungen Männer, die sich dem Kriegsdienst entzogen haben. Auch Jeremias ist einer dieser Deserteure. Der Amtmann möchte nun zwei Fliegen mit einer Klappe fangen, kann er Jeremias festnehmen, ist er auch gleichzeitig den unstandesgemäßen Verehrer seiner Tochter Lotte los. Jeremias flüchtet ins Moor. Im alten Gesindehaus des abgebrannten Moorbauernhofs findet er Unterschlupf, allerdings muss er schnell feststellen, diese Behausung ist auch schon von anderen zwielichtigen Gestalten entdeckt worden. Während Jeremias sich nun im Moor versteckt hält, kommt er alten Geschichten auf die Spur, die auch ihn selbst und die Umstände seiner Geburt betreffen.

Vor dem Hintergrund der napoleonischen Befreiungskriege erzählt Mani Beckmann vom Konflikt zwischen den Nachbardörfern Ahlbeck und Oldendorf. Eine Geschichte, die besonders von deren Hauptpersonen, den einfachen Dorfbewohnern, lebt. Sehr bildhaft stellt er die schwierige Lebenssituation der Bauern dar. Die Armut wird greifbar, das Leben ist alles andere als leicht, sie haben nur das Notwendigste zum Überleben. Marodierende Banden nehmen von dem Wenigen noch das, was sie brauchen oder zu brauchen denken. Sehr gut hat mir auch die Beschreibung der einzelnen Schauplätze gefallen. Das Moor, die Höfe, alles entstand klar und deutlich in meiner Fantasie. Jeremias Vogelsang, der Hauptakteur und Ich-Erzähler, ist ein gelungener Charakter, gegen den es die anderen Personen etwas schwer haben, richtig zur Geltung zu kommen. Er war ein junger Mann, mit Träumen, die zerplatzten und aus denen wieder neue entstanden. Allerdings war er mir manchmal ein wenig zu naiv. Sein „Da hätte ich selbst drauf kommen können“ wurde etwas zu sehr strapaziert. Dagegen hätte ich mir den historischen Hintergrund ein wenig mehr beleuchtet gewünscht. Das hätte die Geschichte „runder“ gemacht. Das Geschehen wurde sehr ruhig erzählt, trotzdem fehlte es nicht an Spannung. Als Leser wusste man nie mehr als der Protagonist, so konnte man mit ihm ahnen, spekulieren und wieder Gedanken verwerfen.

„Moorteufel“ habe ich recht gern gelesen, mich hat das Buch gut unterhalten. Der Roman führte mich in eine Gegend, die eher selten zum Handlungsort auserkoren wird. So werde ich mich in absehbarer Zeit wieder auf die literarische Reise nach Ahlbeck begeben und den beiden Folgebänden („Die Kapelle im Moor“ und „Teufelsmühle“) meine Beachtung schenken.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Mani Beckmann, 1965 in Alstätte/Westfalen geboren, studierte Film- und Fernsehwissenschaft und Publizistik in Berlin. Er ist freier Filmjournalist und Drehbuchlektor sowie Autor von Kriminalromanen und historischen Romanen. Mani Beckmann ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen. Er lebt mit seiner Familie in Berlin.

19. November 2011

Marcel Reich-Ranicki – Mein Leben

Einsortiert unter: 2011,Biografie/Erfahrungen — Karthause @ 11:55
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Mein Leben
Marcel Reich-Ranicki
Gebundene Ausgabe: 568 Seiten
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt DVA
ISBN-13: 978-3421051493

Die Literatur ist mein Lebensgefühl. Das lassen, glaube ich, alle meine Ansichten und Urteile über Schriftsteller und Bücher erkennen, vielleicht auch die abwegigen und verfehlten. Letztlich ist es ja die Liebe zur Literatur, die mitunter sogar ungeheuerliche Leidenschaft, die es dem Kritiker ermöglicht, seinen Beruf auszuüben, seines Amtes zu walten. Und bisweilen mag es diese Liebe sein, die anderen die Person des Kritikers erträglich und in Ausnahmefällen sogar sympathisch macht. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Ohne Liebe zur Literatur gibt es keine Kritik.“ (S. 437 Marcel Reich-Ranicki in „Mein Leben“)

Marcel Reich-Ranicki erzählt in seiner Autobiografie gelebte Geschichte. Sie ist spannend wie ein Roman und doch weiß man, das sind die existenten Erlebnisse eines Mannes. Als Jude in Polen geboren, kam er als 9jähriger Junge ins „Land der Kultur“ nach Berlin. Schon in jungen Jahren lernte er die Literatur und das Theater lieben. Aber nur wenige Jahre später erlebte er ein ganz anderes Berlin. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten lebte er nun in einem Land, in dem Juden zunächst schikaniert, dann verfolgt, deportiert und vergast wurden. Auch seine geliebten Bücher sah er brennen. Er selbst wurde nach Warschau ausgewiesen. Dem Warschauer Ghetto, in dem er mit seiner Frau Tosia unter unmenschlichen Bedingungen ums Überleben kämpft, entkamen beide nur mit viel Glück den deutschen Exekutionskommandos und fanden Unterschlupf bei einem polnischen Ehepaar. Nach dem Ende des Krieges blieben die Reichs zunächst in Polen, unter anderem war er für den Geheimdienst tätig, aber nie verlor er die Literatur aus den Augen. Bis er dann die sich ihm bietende Gelegenheit nutzte und mit Frau und Sohn nach Deutschland zurückkehrte. Beeindruckend ist besonders seine Art, sein Leben zu schildern, in einfachen Worten, unmissverständlich, schnörkellos, ohne Bitterkeit, selbstkritisch und – wie ich finde – sehr berührend und trotzdem unterhaltend. Die Jahre, in denen er ständig um sein und das Leben seiner Lieben bangen musste, beschreibt er mit großer Distanz, dafür sehr detailliert. Wie ein roter Faden zieht sich die Literatur durch sein Leben und letztlich gelang es ihm, auch ohne akademische Ausbildung, seinen Kindheitstraum, Literaturkritiker zu werden, verwirklichen. Er machte sich schnell einen Namen, wurde und wird von den Autoren eher gefürchtet als geliebt. Durch seine Literatursendung „Das literarische Quartett“ wurde er auch in der breiten Öffentlichkeit bekannt, seine Verrisse sind teilweise legendär. Neben den historischen Ereignissen, die Reich-Ranicki in seiner Autobiografie so prägnant beschreibt, gibt er gleichzeitig auch einen Abriss über die deutsche Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts, den ich in dieser Form bisher nirgendwo fand. Habe ich MRR als Kritiker schon immer geschätzt, habe ich jetzt auch den Menschen Marcel Reich-Ranicki im Blick und sehe ihn ein wenig mit anderen Augen. Er lebt zurückgezogen, Freundschaften scheinen immer nur Nähe auf Zeit zu sein. Er ein polarisiert, hat eine eigene Meinung und vertritt diese vehement, auch wenn er andere damit gelegentlich brüskiert.

„Mein Leben“ ist wohl eine der bemerkenswertesten Biografien, die ich bisher las. Dieses Buch bekommt meine unbedingte Leseempfehlung. Marcel Reich-Ranicki hat als einer der letzten Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts viel zu berichten. Deshalb bedaure ich die Lücke, die sich seit der Veröffentlichung seiner Autobiografie bildet.

12. November 2011

Andreas Eschbach – Herr aller Dinge

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Herr aller Dinge
Andreas Eschbach
Gebundene Ausgabe: 688 Seiten
Verlag: Bastei Lübbe
ISBN-13: 978-3785724293

Bereits als 10-jähriger lernt Hiroshi Kato Charlotte Malroux kennen. Er ist der Sohn der Wäscherin der französischen Botschaft in Japan und lebt in sehr einfachen Verhältnissen. Sein Vater ist ein US-Amerikaner, weder Hiroshi noch seine Mutter haben Kontakt zu ihm, sie wissen nicht einmal, ob er noch am Leben ist. Charlotte lebt als Tochter des französischen Botschafters dagegen mit allen nur denkbaren Annehmlichkeiten. Trotz der großen Unterschiede in den Lebensverhältnissen und dem Widerstand der Eltern freunden sich beide an. Aber Hiroshi hat eine Vision, könnte er diese verwirklichen, wäre die Armut von der Erde verbannt. Sie lässt ihn nicht mehr los und von nun an arbeitet er ehrgeizig an der Realisierung seines Traums. Jahre später trifft er Charlotte wieder, vor allem ihr möchte er beweisen, dass sein Traum Wirklichkeit werden kann.

Der Roman beginnt mit der Kindheitsgeschichte von Hiroshi und Charlotte. Die Handlung plätscherte gemächlich dahin, gut zu lesen, ein Roman eben, der recht unterhaltsam ist. Andreas Eschbach ließ dem Leser viel Zeit, sich in der Welt seiner Protagonisten zurechtzufinden und ihnen zu nähern. Die Figuren und das Leben, dass sie führen, erscheinen realistisch und leicht nachzuvollziehen. Die Charaktere sind vielfältig, nicht unbedingte Sympathieträger oder Gutmenschen. Sie haben erkennbare Vorzüge und Schwächen. Hiroshi ist ein Einzelgänger und Charlotte findet ihren Platz im Leben nicht. Hiroshi wächst heran, beginnt dann irgendwann sein Studium und die ganze Geschichte erschien mir eigenartig einfach, ohne den Eschbach eigenen, besonderen Kick. Aber nach gut 300 Seiten kommt deutlich mehr Spannung in das Geschehen, spürbar verlagert der Autor den Schwerpunkt auf die Vision Hiroshis, die Armut zu besiegen. Damit führt er eine Vielzahl von Themen ein, die zu besprechen einerseits zu weit gehen würde und andererseits zu viel vorweg nehmen würde. Gleichzeitig löst sich Eschbach auf diese Weise vom Stil seiner bisherigen Bücher. Als Leser wird man in dem Sog der Handlung mitgerissen. Man erlebt die Helden als real agierende Wesen in Situationen und Umgebungen, die so kühn erdacht und beschrieben sind, dass sie schon wieder erschreckend deutlich vorstellbar werden. Ich hätte nie gedacht, dass mich ein Roman der schon offensichtlich zukunftsweisend ausgerichtet und mit so vielen wissenschaftlich-technischen Details behaftet ist, je so fesseln würde. „Herr aller Dinge“ ist ein sehr komplexes Werk, bei dem mich besonders die gut durchdachte Themenvielfalt begeistert hat. Keines der Themen stand abstrakt für sich, alle waren miteinander logisch verbunden und wurden schlüssig abgearbeitet. Auch die actionlastigen Szenen passten gut in das Gesamtkonzept des Buches. Vor allem konnte ich endlich von Andreas Eschbach einen Roman lesen, dessen Ende mich wirklich überzeugte, für mich wäre ein anderes undenkbar, allerdings kam das dann auch wieder ein wenig schnell, bedenkt man die vielen Seiten, die der Autor für die Einführung seiner Personen und Ideen nutzte.

Was wie ein Jugendbuch beginnt, entwickelt sich im Laufe der Zeit zu einem rasanten, anspruchsvollen, genreübergreifenden Roman, wie ich ihn bisher noch nicht gelesen habe. Es ist kein Buch für zwischendurch. Man muss bereit sich auf diesen Roman einzulassen. Für mich war es ein Leseerlebnis der besonderen Art.

 Autorenporträt (Quelle: buecher.de)
Andreas Eschbachs schriftstellerische Karriere begann mit einem Umweg: In Stuttgart studierte er Luft- und Raumfahrttechnik, wechselte dann ins EDV-Fach und arbeitete als Geschäftsführer einer IT-Beratungsfirma. Obwohl er schon früh mit dem Schreiben begonnen hatte, erschien sein erster Roman, “Die Haarteppichknüpfer”, erst 1995, als Eschbach bereits 36 Jahre alt war. Dann folgten moderne Klassiker wie “Solarstation”, “Das Jesus-Video”, “Kelwitts Stern”, “Das Marsprojekt”, “Quest”, “Eine Billion Dollar”, “Exponentialdrift”, “Der letzte seiner Art”, “Der Nobelpreis” oder “Ausgebrannt”. Eschbach wurde mehrfach mit dem “Deutschen Science Fiction Preis” ausgezeichnet sowie mit dem “Kurd-Laßwitz-Preis”. Auch international ist ihm inzwischen der Durchbruch gelungen, seine Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und sind auch in den USA erfolgreich. Eschbach lebt seit 2003 mit seiner Frau in der Bretagne.

3. November 2011

Michael Köhlmeier – Die Musterschüler

Einsortiert unter: 2011,Belletristik — Karthause @ 17:37
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Die Musterschüler
Michael Köhlmeier
Taschenbuch: 608 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN-13: 978-3423138000

In einem katholischen Heim für männliche Gymnasiasten in Tirol herrschten Anfang der 1960er Jahre harte Sitten. Vor den Ferien mussten sich die Jungen Lateinprüfungen stellen und sich mit guten Noten die Heimfahrt verdienen. Vor den Ferien zu Allerheiligen 1963 fand diese Prüfung für Gebhard Malins Klasse als Folge eines Jungenstreichs gar nicht erst statt. Damit waren die freien Tage für alle gestrichen. Nach drei Wochen intensivstem Lateinstudium wurde die Prüfung nachgeholt. Der Präfekt und Lateinlehrer erwartete sehr gute Leistungen, die auch alle erzielten – außer Gebhard Malin, eigentlich ein sehr guter Lateinschüler, er bekam ein „Nicht genügend“ bescheinigt. Wieder wird vom Präfekten eine Kollektivstrafe verhängt, keine Heimreise bis zum Weihnachtsfest, kein Besuch, kein Essen in den nächsten zwei Tagen, die Jungen sollen beweisen, dass sie eine Gemeinschaft sind. Dann kommt von ihm noch die Aufforderung: „Züchtigt ihn!“
25 Jahre später werden die damals beteiligten Jungen von einem unbenannt bleibenden Erzähler zu dem Vorfall befragt. Keiner will mehr so recht wissen, was damals geschah, wer das Heft in die Hand nahm, die Schuld der Einzelnen ist verdrängt worden, das Erinnern fällt schwer und ist unangenehm.
Michael Köhlmeier ist für mich ein großer Erzähler. Seine Bücher sind schwer vergleichbar, gerade das mag ich an seinem Stil. Mit „Die Musterschüler“ habe ich eine wahre Herausforderung gefunden. Die Seiten flogen nicht so dahin beim Lesen. Ich musste mir das Buch erarbeiten. Mundgerecht war es wirklich nicht, aber trotzdem fand ich es beeindruckend. Köhlmeier erzählt die Geschichte nicht geradlinig, sondern eher verwinkelt und konstruiert. Er weicht immer wieder vom roten Faden ab und schiebt neue, aber auch bereits bekannte Episoden aus dem Schul- und Heimalltag ein. Die häufigen Wiederholungen, die mitunter auch nur um kleinste Informationen verändert wurden, lassen den Roman mitunter etwas zäh erscheinen. Besonders ist auch die Erzählform des Romans, der Autor schrieb ihn in Form eines Interviews. Fragen und Antworten wechselten sich ab. Erst ganz zum Schluss bekommt der Leser einen Hinweis darauf, wer der Fragende sein könnte. Aber worum geht es in diesem Roman? Es geht um Schuld, um die Schuld des Einzelnen, mehr jedoch um die Schuld der Gemeinschaft und es geht um die Verantwortung, die aus der Schuld heraus übernommen werden muss. Es geht aber auch um die Rolle von Außenseitern, die Gruppendynamik und die Schuld von Höherstehenden, in diesem Falle, die des Präfekten. Assoziationen zu Morton Rhue’s „Die Welle“ blieben dabei nicht aus.
Durch die Frage-Antwort-Situation kommt schnell ein Gefühl der Vertrautheit und Nähe zu den ehemaligen Schülern auf. Doch gibt es auch immer wieder Überraschungsmomente, die eine neue Sicht auf die Geschehnisse vor 25 Jahren erlauben.
„Die Musterschüler“ ist ein interessanter, überzeugend real wirkender und nachdenklich machender Roman, der stellenweise dem Leser einiges an Geduld abverlangt. Am Ende hat sich das Durchhalten dennoch gelohnt.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Michael Köhlmeier, geboren 1949, wuchs in Hohenems/Vorarlberg auf, wo er auch heute lebt. Für sein Werk wurde der österreichische Bestsellerautor unter anderem mit dem Man s-Sperber-Preis, dem Anton-Wildgans-Preis und dem Grimmelshausen-Preis ausgezeichnet.

24. Oktober 2011

Janne Teller – Krieg. Stell dir vor, er wäre hier

Einsortiert unter: 2011,Jugendbuch — Karthause @ 11:06
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  Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

 Stell dir vor, es ist Krieg – nicht irgendwo weit weg, sondern hier in Europa. Die demokratische Politik ist gescheitert und faschistische Diktaturen haben die Macht übernommen. Wer kann, flieht in den Nahen Osten, wie der 14-jährige Protagonist aus Deutschland. In einem ägyptischen Flüchtlingslager versucht er mit seiner Familie ein neues Leben zu beginnen. Weil er keine Aufenthaltsgenehmigung hat, kann er nicht zur Schule gehen, kein Arabisch lernen, keine Arbeit finden. Er fühlt sich als Außenseiter und sehnt sich nach Hause. Doch wo ist das? Nach dem Bestseller “Nichts” eine neue erschreckende Vision von Janne Teller zu hochaktuellen Themen wie Flucht, Migration und Fremdenfeindlichkeit.

 Meine Meinung

In Form eines EU-Passes präsentiert sich Janne Tellers „Krieg“. Das schafft Nähe. Noch unvermittelter wird das Ganze mit der persönlichen Aufforderung, der Leser wird direkt angesprochen, sich das für uns inzwischen, zum Glück, Unvorstellbare vorzustellen. Zerbombte Häuser, Terror, Verfolgung, Flucht, Tod, Krieg – mitten in Deutschland, eine zerbrochene Europäische Union, Frankreich und Griechenland als Feinde der Deutschen, die Asylsuche in Ägypten. Das Besondere dabei ist, dass dieses Büchlein für die deutsche Übersetzung speziell an die hier herrschenden Bedingungen und die Besonderheiten Deutschlands angepasst wurde. So entsteht eine nahezu lebensechte Fiktion, die einem eine Gänsehaut verursacht. So werden die Themen Flucht und Migration aus einem uns unbekannten Blickwinkel inszeniert. Sehr gut zu diesem Buch passen die Illustrationen von Helle Jensen. Auf nur 64 Seiten schafft es die Autorin, den Leser persönlich anzusprechen, ihn in diese Fiktion aufzunehmen und ihm die Probleme der Migranten in der fremden Kultur, mit unbekannter Sprache und die Ablehnung bei den Einheimischen vor Augen zu führen und unsere „heile Welt“ auf den Kopf zu stellen. Andererseits finde ich es ein wenig schade, dass Janne Teller sich mit diesen wenigen Seiten zufrieden gibt. Der Stoff hat Potential für so viel mehr.

„Krieg“ ist ein sehr dünnes Büchlein, berührt aber ungemein und hat ein hohes Diskussionspotential, es rüttelt auf und macht einem deutlich, wie glücklich wir uns schätzen können, in relativer Sicherheit zu leben. Ich empfehle dieses Buch jungen und erwachsenen Lesern.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Janne Teller, geb. 1964, ist ehemalige UN-Mitarbeiterin und gelernte Ökonomin. Sie lebt derzeit in Paris.

13. Oktober 2011

Louis Begley – Der Fall Dreyfus

Einsortiert unter: 2011,sonstiges — Karthause @ 15:27
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Der Fall Dreyfus
Louis Begley
Originaltitel: Why The Dreyfus Affair Matters
Gebundene Ausgabe: 247 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag
ISBN-13: 978-3518420621

Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

Im September 1894 entdeckte der französische Geheimdienst eine undichte Stelle im Generalstab der Armee: Militärische Geheimnisse wurden verraten, ausgerechnet an die Deutschen. Indizien für eine Täterschaft fehlten, doch ein Verdacht genügte. Nur wenige Wochen später wurde Hauptmann Alfred Dreyfus verhaftet, des Landesverrats für schuldig befunden und zu lebenslanger Verbannung auf der Teufelsinsel verurteilt. Kaum jemand zweifelte an der Richtigkeit des Urteils: Dreyfus war Jude. Dass ein »echter« Franzose einer solchen Tat fähig wäre, schien undenkbar. Louis Begley, der in diesem Buch zum ersten Mal aus seinem reichen Wissen als Anwalt schöpft, rekonstruiert den heute fast vergessenen Fall Dreyfus: die Hintergründe und Intrigen, die kriminellen Manipulationen in höchsten Kreisen, die Spaltung der französischen Gesellschaft in »Dreyfusards« und ihre konservativen Gegner. Begley zeigt, wie Antisemitismus und Rassismus in einer vermeintlich liberalen Gesellschaft funktionieren, damals wie heute: Vorannahmen führen zur Anklage, Racial Profiling ersetzt die Suche nach der Wahrheit, Beweise werden fabriziert. Und Guantánamo liegt der Teufelsinsel näher, als man glauben mag.

Meine Meinung

Nach den Romanen von Louis Begley griff in nun zu diesem Essay. Darin stellt Louis Begley die Affäre um den wegen Landesverrat verurteilten und auf die Teufelsinsel verbannten französischen Juden Alfred Dreyfus den Vorgängen von Guantánamo gegenüber. Dabei deckt er Analogien auf, die man auf Anhieb nicht für möglich hält, trennen diese beiden Geschehnisse doch gut 100 Jahre. Aber Rechtsbeugung, Manipulation von Beweisen und weil nur sein kann, was auch sein darf ist die Wahrheitsfindung in beiden Fällen nicht vorurteilsfrei, die Folgen für die Betroffenen waren und sind jeweils unmenschliche Haftbedingungen. Begley beleuchtet die Dreyfus-Affäre wesentlich ausführlicher als das aktuelle Geschehen. Er sucht die Ursachen für Dreyfus’ Verurteilung bereits im deutsch-französischen Krieg von 1871 und analysiert den zunächst latenten, aber immer stärker werdenden Antisemitismus im Frankreich der damaligen Zeit. Louis Begley greift bei seinem Buch auf seine unfangreichen juristischen Erfahrungen und Kenntnisse zurück. Zwischen dem Schriftsteller und dem Rechtsanwalt kommt es zur fruchtbaren Symbiose. Das schlägt sich besonders in der guten Lesbarkeit und der aufgebauten Spannung dieses doch komplizierten Falles nieder. Die schier unübersichtliche Anzahl von Fakten, Beweisen und Originalzitaten werden durch den gelungenen populärwissenschaftlichen Stil leichter verdaulich. Im Vorwort seines in Buchform erschienenen Essays wird die Hoffnung deutlich, die er in die Präsidentschaft Barak Obamas setzt. Eine aktuelle Einschätzung der Lage im Lager Guantánamo durch Louis Begley würde mich schon sehr interessieren. Dieses Buch kann ich allen Politikinteressieren guten Gewissens empfehlen.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Louis Begley wurde am 6. Oktober 1933 unter dem Namen Ludwik Begleiter als Sohn polnischer Juden in einer kleinen Stadt im Osten Polens (heute Ukraine) geboren. Er selbst und seine Mutter entgingen, als katholische Polen getarnt, dem Holocaust. Nach dem Ende des Krieges kam die Familie wieder zusammen. Vier Monate blieben sie in Paris, wo Vater und Sohn Englisch lernten. Im März 1947 siedelte die Familie Begleiter in die USA über und ließ sich in Flatbush/Brooklyn nieder, wo sie den Namen Begley annahm.1950 erhielt Louis Begley ein Harvard-College-Stipendium und wurde damit zum Harvard College zugelassen; 1954 legte er sein Examen in Englischer Literatur ab. Von 1956 bis 1959 studierte er an der Harvard Law School und arbeitete im Anschluss bis zum Jahr 2004 als Anwalt in der Kanzlei Debevoise & Plimpton. Ende der sechziger Jahre arbeitete er bei der französischen Niederlassung von Debevoise in Paris. 1991 legte Louis Begley seinen ersten Roman vor: Wartime Lies, (Lügen in Zeiten des Krieges), New York 1991 – Suhrkamp 1994. Er gilt als ein wichtiges Dokument der literarischen Erinnerung an den Holocaust. Louis Begley lebt in New York.

6. Oktober 2011

Wolfram Fleischhauer – Torso

Einsortiert unter: 2011,Krimi/Thriller — Karthause @ 17:10
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Torso
Wolfram Fleischhauer
Gebundene Ausgabe: 432 Seiten
Verlag: Droemer
ISBN-13: 978-3426198537

In einem Abrisshaus im Osten von Berlin findet die Polizei einen grausig mit Tierteilen dekorierten zur Schau gestellten Frauentorso. Hauptkommissar Zollanger hat so etwas in seiner langjährigen Laufbahn als Kripo-Beamter, sowohl in der ehemaligen DDR als auch im vereinten Deutschland, noch nicht gesehen. Während er mitten in den Ermittlungen steckt, kämpft Elin Hilger darum, die Ermittlungen um den als Selbstmord abgetanen Tod ihres Bruders Eric, er war IT-Spezialist, wieder aufrollen zu lassen. Dazu braucht sie Zellangers Unterstützung, er war mit diesem Fall betraut. Gleichzeitig verschwindet die Bankierstochter Inga Zieten, deren Vater unter allen Umständen die Polizei aus den Ermittlungen heraushalten will.
Wolfram Fleischhauers Genre-Palette ist weit gefächert. Mit „Torso“ gab er sein Debüt als Thriller-Autor. Mit viel Thrill begann er auch die Handlung, die um das Jahr 2002 in Berlin angesiedelt ist. Die Beschreibung des makaber in Szene gesetzten Torsos ist sicher nichts für Zartbesaitete und Leser mit schwachen Nerven, sie ist ungeschönt, grauenhaft und dabei sehr gut vorstellbar. Dann baut er um die drei Handlungsstränge eine intelligent konstruierte, vielschichtige und gleichzeitig komplexe Geschichte auf. So werden Machenschaften in der Finanzwelt, Korruption, organisiertes Verbrechen, Stasivergangenheit thematisiert, ohne den Thriller damit zu überladen. Im Mittelpunkt von „Torso“ steht nicht wie üblich die Ermittlungsarbeit der Polizei, sie wird zwar nie aus dem Auge verloren, es geht aber um mehr, es geht um Moral, Ethik und Verantwortung. So ist auch die auf den ersten Blick recht skurril erscheinende Elin Hilger für diesen Roman in ihrer Andersartigkeit ein Glücksgriff. Weitgehende Konsumverweigerung steht konträr zu der Skrupellosigkeit und der maßlosen Gier der Banker. Auch an anderen Stellen kommt Fleischhauer in seinem Thriller – ungewohnt für dieses Genre, aber deshalb um so bemerkenswerter – ins Philosophieren. Die Charakterisierung der Personen fand ich sehr gelungen. Alle wirkten in ihrem Auftreten ehrlich, echt und glaubwürdig, wenn auch mitunter kauzig, sonderbar und bizarr. Ein wenig vermisst habe ich diesem Thriller den von mir so geschätzten ausgefeilten Sprachstil des Autors, das ist aber wohl eher dem Genre anzulasten als der Schreibkunst Wolfram Fleischhauers. Mich hat dieser Thriller, einschließlich des Nachwortes, sehr gut unterhalten. Lediglich das Ende fand ich etwas zu konstruiert und auch etwas zu schnell herbeigeführt. Nicht alle Fragen wurden direkt geklärt, aber da sei es der Fantasie des Lesers überlassen, die eigenen Schlüsse zu ziehen.

Über den Autor (Quelle amazon.de)
Wolfram Fleischhauer, geboren 1961 in Karlsruhe, ist einer der wenigen deutschen Autoren, denen es gelingt, Anspruch und Spannung für ein großes Publikum zu verbinden. Nach vier Romanen über die Künste (“Die Purpurlinie”, “Die Frau mit den Regenhänden”, “Drei Minuten mit der Wirklichkeit”, “Das Buch, in dem die Welt verschwand”), dem Familienroman “Die Inderin” und dem Universitätsroman “Der gestohlene Abend” ist “Torso” sein erster literarischer Thriller. Mehr Informationen zum Autor unter: www.wolfram-fleischhauer.de

22. September 2011

Susanne Goga – Die Sprache der Schatten

Einsortiert unter: 2011,History — Karthause @ 16:41
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Die Sprache der Schatten
Susanne Goga
Taschenbuch: 448 Seiten
Verlag: Diana
ISBN-13: 978-3453354685

Susanne Goga führt ihre Leser ins Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die Stadt ist im Aufbruch, den einen bietet sie Möglichkeiten des gesellschaftlichen und beruflichen Aufstiegs, den anderen bietet die Anonymität der Großstadt die Möglichkeit, unauffällig ihr Leben zu leben. In „Die Sprache der Schatten“ begegnet wir beiden Welten. Da ist die junge Fabrikantenwitwe Rika, in die sich der nicht viel jüngere Stiefsohn Alexander verliebt hat, die bemüht ist, nach dem Tod ihres Mannes, die Familie zusammenzuhalten und gleichzeitig ihren eigenen Weg weiterzugehen. Alexander hingegen strebt nach gesellschaftlichen Aufstieg und beruflicher Anerkennung. Er ist ehrgeizig und versucht nicht zuletzt durch seine ganz persönliche Familienplanung, seine Ziele durchzusetzen. Unter denen hat besonders die Schwester Anna zu leiden. Sie ist in einen jungen Juden verliebt, soll aber durch ihre Heirat mit einem Adligen, dem Bruder die Wege in die höhere Gesellschaft ebenen. Stephan Rungrath ist im Auftrag des Vaters, eines Stofffabrikanten, in Berlin. Hier sieht er auch die Möglichkeit unbemerkt seine von Gesetz wegen verbotenen sexuellen Neigungen auszuleben. Nicht zuletzt lernt der Leser den Maler Anthonis kennen, der seinen Lebensunterhalt mit Scherenschnitten bestreitet, so ungewöhnliche Bilder malt und an der damals noch unbekannten Prosopagnosie. leidet.
„Die Sprache der Schatten“ war der erste Roman, den ich von der Autorin Susanne Goga gelesen habe. Umso überraschter war ich, welchen Glücksgriff ich damit machte. In diesem historischen Roman werden eine Vielzahl von Themen angeschnitten. Sei es die Modebranche, die zunehmende Industrialisierung, das schwierige Leben der einfachen Arbeiter, die Gesichtsblindheit des Malers, die Probleme Homosexueller und der aufkeimende Antisemitismus, um nur die wesentlichen zu nennen. Diese thematische Fülle lässt den Roman aber keineswegs überfrachtet erscheinen. Alle Probleme werden genau dosiert in die Handlung eingefügt und ergeben in ihrer Gesamtheit, ein harmonisches Zeitbild des damaligen Berlin. Neben Berlin spielt ein Teil der Handlung im ehemaligen München-Gladbach. Damit eröffnet die Autorin ihren Protagonisten nicht nur eine weitere Bühne, sie setzt ihrer Heimatstadt auch in gewissem Sinne ein Denkmal.
Ein weiteres Highlight in diesem Roman ist die Zeichnung der Charaktere. An erster Stelle möchte da Alexander Hesse nennen. Der bei höher gestellten Personen gern buckelt und sich anbiedert, ihm Untergebene aber mit Unbeugsamkeit und Härte behandelt. Er selbst steckt fest in des Vater Fußstapfen, denen er jedoch nicht gewachsen ist. Dieser so spezielle Charakter wurde von Susanne Goga mit bewundernswerter Feinheit beschrieben. Aber auch die Frauen sind nicht nur vorwärtsstrebend. Sie werden liebenswert durch ihre Zweifel, ihre gelegentliche Naivität, aber andererseits bestechen sie durch Charakterstärke und Gewitztheit. Keine der Figuren ist nur gut, Schwarz-Weiß-Malerei ist der Autorin fremd. Die Sorgen und Nöte der Protagonisten sind geschickt in die Handlung eingebunden, sie wirken lebensnah und geben dem Roman das ganz besondere Zeitkolorit. Trotz der anspruchsvollen Themenfülle ist der Roman wunderbar leicht zu lesen. Man taucht ab in einer vergangenen Zeit, egal ob man den Schauplatz kennt oder nicht, die Autorin übernimmt die Führung in eine vergangene Zeit und lässt sie vor dem inneren Auge wieder auferstehen.

18. September 2011

Tom Rob Smith – Agent 6

Einsortiert unter: 2011,Krimi/Thriller — Karthause @ 13:27
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Kurzbeschreibung (Quelle: amazon)

Moskau 1950. Der schwarze amerikanische Sänger Jesse Austin besucht die Sowjetunion, um sein idealistisches Bild des Kommunismus zu überprüfen. Damit Austin nicht hinter die Kulissen des für ihn inszenierten Alltags schauen kann, wird ihm Geheimdienstoffizier Leo Demidow an die Seite gestellt. Doch trotz Leos Einsatz kommt es fast zum Eklat. Fünfzehn Jahre später reist Demidows Frau Raisa mit ihren beiden Töchtern nach New York, wo ein Konzert sowjetischer und amerikanischer Schüler für Entspannung im Kalten Krieg sorgen soll. Auch Jesse Austin wurde eine Rolle in dem Spektakel zugewiesen. Der Abend endet mit mehreren Toten, und nur ein Mann weiß, was wirklich geschah: Agent 6. Und eines Tages wird Leo ihn finden.

 Meine Meinung

„Agent 6“ ist nach „Kind 44“ und „Kolyma“ bereits der dritte Roman um Leo Demidow. Wieder stehen er und seine Entwicklung im Mittelpunkt des Geschehens und der Zuordnung zum Genre des Thrillers kann ich nur bedingt zustimmen. Das ist aber eine Nebensächlichkeit. Betrachte ich den Roman rückblickend, kann ich sagen, dass es Tom Rob Smith gut gelungen ist, die Arbeit der verschiedenen Geheimdienste, neben dem KGB spielen auch die CIA und das pakistanische Pendant ISI eine Rolle, darzustellen. Für mich, die ich nur über literarische Geheimdiensterfahrungen verfüge, stellten sich diese Sachverhalte so dar, als hätte es sie in der Realität so gegeben. Der gesamte Roman, egal ob der Handlungsort die damalige Sowjetunion, die USA oder auch Afghanistan war, wirkte von Beginn an sehr düster und bedrückend auf mich. Die persönliche Entwicklung, die Leo Demidow nahm, war zwar menschlich nachvollziehbar beschrieben, manche Abschnitte wirkten aber trotzdem überzogen auf mich. „Agent 6“ lebt von und mit vielen Zeitsprüngen, Was in diesen ausgesparten Jahren geschah, weiß der Leser teils aus den Vorgängerromanen, teil bleiben die Geschehnisse auch im Dunkeln. Das fand ich ein wenig schade. Aber die Zeit, die der Leser den Protagonisten durch die verschiedenen Schauplätze begleitet, sind großteils spannend, actiongeladen und mitunter schon fast hollywoodlike. Besonders die letzten 100 Seiten waren so geschrieben, als hätte der Autor bereits eine Verfilmung im Hinterkopf, sozusagen ein finale grande, um dann (zu) schnell und einfach einen Schlusspunkt zu setzen.

Mein Fazit: „Agent 6“ ist ein schlüssig aufgebauter Roman, der auf den vorhergehenden Büchern aufbaut und mich trotz des etwas schwachen Endes gut lesen ließ.

Über den Autor (Quelle: amazon)

Tom Rob Smith wurde 1979 als Sohn einer schwedischen Mutter und eines englischen Vaters in London geboren, wo er auch heute noch lebt. Er studierte in Cambridge und Italien und arbeitete anschließend als Drehbuchautor. Mit seinem Debüt »Kind 44« gelang Tom Rob Smith auf Anhieb ein internationaler Bestseller. Er wurde u. a. mit dem »Steel Dagger« ausgezeichnet, für den »Man Booker Prize« nominiert und bisher in 30 Sprachen übersetzt. Nach »Kolyma« legt der Autor mit „Agent 6“ nun den dritten und letzten Band um den Geheimdienstoffizier Leo Demidow vor.

Originaltitel: Agent 6 * Gebundene Ausgabe: 544 Seiten * Verlag: Manhattan * ISBN-13: 978-3442546770

3. September 2011

Klaus-Peter Wolf – Ostfriesengrab

Einsortiert unter: 2011,Krimi/Thriller — Karthause @ 10:28
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Ostfriesengrab
Klaus-Peter Wolf
3. Fall Ann-Kathrin Klaasen
Broschiert: 400 Seiten
Verlag: Fischer (Tb.)
ISBN-13: 978-3596180493

Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)
Im zauberhaften Park von Schloss Lütetsburg wird eine weibliche Leiche gefunden. Der Mörder hat sie wie eine Elfe in den blühenden Sträuchern drapiert. Welche Botschaft will er Kommissarin Ann Kathrin Klaasen und ihrem Team damit übermitteln? Auch der dritte Kriminalroman mit der beliebten Kommissarin verspricht Spannung pur.

Meine Meinung
Nachdem mir die ersten beiden Teile dieser Krimireihe ausgesprochen gut gefielen, waren meine Erwartungen natürlich sehr hoch. Wieder hatte die Kommissarin Ann Kathrin Klaasen einen spektakulären Serienmörder im beschaulichen Ostfriesland dingfest zu machen. Aber die sich auch sonst nicht sklavisch an den Dienstvorschriften festhaltenden Kommissarin begeht einen Fehler, der Verdächtige entkommt und prompt gibt es eine weitere Leiche, die in das Schema des gesuchten Mörders passt. Im weiteren Verlauf nimmt die Handlung, die auch wieder viel die private Seite der Kommissarin und ihres Lebenspartners Frank Weller berührt, immer abstrusere Formen an. Es folgt eine Suspendierung, aber auch die hält die Superkommissarin nicht vom persönlichen Eingreifen in diesen Fall ab. Auch in diesem Teil spielt der Tod ihres Vaters eine nicht unbedeutende Rolle. Aber das hat mich dann schon gar nicht mehr richtig interessiert, ich wollte eigentlich nur noch wissen, ob ich mit meinen „Ermittlungen“ richtig lag. Stilistisch hat sich im Vergleich zu den Vorgängern nichts geändert. Gewohnt routiniert schreibt Klaus-Peter Wolf seinen leicht zu lesenden Kriminalroman. Nur leider konnte er mich mit diesem, sowohl vom Plot als auch von der Dramaturgie her, nicht erreichen.
In Kürze kommt der 4. Teil der Krimi-Reihe „Ostfriesensünde“ zu mir. Ich hoffe, das mir dieser besser gefällt, sonst ist für mich das Kapitel Ann Kathrin Klaasen im Ostfrieslandkrimi abgeschlossen.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Laus-Peter Wolf, 1954 in Gelsenkirchen geboren, lebt als freier Schriftsteller und Drehbuchautor in Norddeutschland. Er schrieb u. a. »Die Abschiebung« (1984), »Traumfrau« (1989) und »Samstags, wenn Krieg ist« (1994) und zählt heute zu den erfolgreichsten Autoren deutscher Sprache. Seine Bücher und Filme wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Anne-Frank-Preis, dem Erich-Kästner-Preis und dem Magnolia Award Shanghai. Seine Bücher wurden bisher in 22 Sprachen übersetzt und über 8 Millionen Mal verkauft.

27. August 2011

Theresa Révay – Die weißen Lichter von Paris

Einsortiert unter: 2011,Belletristik — Karthause @ 16:52
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Petersburg, Paris, Berlin 1917-1945. Die im Jahr 1917 15-jährige Xenia Ossolin, Tochter des russischen Gardegenerals Fjodor Sergejewitsch Ossolin, wuchs bis zur Oktoberrevolution behütet und in einer heilen Welt auf. Als dann aber ihr Vater erschossen wurde, war sie gezwungen mit ihrer jüngeren Schwester Mascha, dem neugeborenen Bruder Kyrill, ihrer von Schwangerschaft und Entbindung geschwächten Mutter, die die Flucht nicht überlebte, und ihrem Kindermädchen über Odessa nach Paris zu fliehen. In Paris lebten die Emigranten unter ärmlichsten Verhältnissen, Xenia musste allein für die Familie sorgen und arbeitete als Näherin für ein Pariser Modehaus. Nur mit viel Mühe und mit zusätzlichen Näharbeiten, an denen die ganze Familie saß, schafften sie es zu überleben. Ihre Verhältnisse besserten sich erst als ein Modemacher Xenia kennen lernte und sie unter seine Fittiche nahm. Schnell wurde sie zum gefeierten Mannequin. So traf sie dann den deutschen Fotografen Max von Passau. Für ihn war Xenia die Liebe seines Lebens, aber sie hatte in ihrem Leben schon zu viel Schreckliches erfahren und zu viele Verluste beklagen müssen, um sich ganz auf ihn einlassen zu können.

Liest man die Kurzbeschreibung dieses Romans oder schaut man das Cover an, meint man, einen leichten, kitschigen Liebesroman vor sich zu haben. Aber der in „Die weißen Lichter von Paris“ gespannte Bogen geht weit darüber hinaus und die Liebesgeschichte ist nur ein Teil dieser umfassenden Familiensaga. Die Autorin thematisiert die Russischen Revolution, die Glamourwelt der Pariser Modeszene, die verrückten 1920er Jahre in Paris und Berlin, die politisch aufgeladene Situation der ausgehenden Weimarer Republik, den Fanatismus im Dritten Reich und die Widerstandsbewegung gegen das Naziregime sowie die Okkupation Frankreichs durch Nazideutschland. Der geschichtliche Hintergrund ist sehr gut recherchiert leicht verständlich ausgebreitet worden und so eng mit der Romanhandlung verknüpft, dass der Leser in einer atmosphärisch dichten Erzählung, die immer wieder durch Anekdoten von realen Persönlichkeiten aufgelockert wird, gefangen ist. Theresa Révay ist ein Konglomerat aus einem historisch korrekten Roman, einem Politthriller und einer gefühlvollen Liebesgeschichte gelungen. Sie scheut sich nicht, die Gräueltaten aus den bewegten Zeiten der Oktoberrevolution und dem Dritten Reich zu schildern und die daraus resultieren Ängste darzulegen. Aber auch die zarten Gefühle einer entstehenden Liebe werden von der Autorin sehr feinfühlig beschrieben. Aufgrund ihrer Fähigkeit politische Situationen einfach zu erklären und ihre Protagonisten wirklichkeitsnah agieren zu lassen, ist mit diesem Roman ein beeindruckendes Zeit- und Gesellschaftsbild entstanden. Theresa Révays öffnet dem Leser ein Fenster in die damalige Zeit, indem sie gelebtes und nicht doziertes Geschichtswissen vermittelt. Auch die Charakterisierung der Vielzahl ihrer Figuren ist ausgesprochen gut gelungen, alle sind Menschen mit guten und schlechten Eigenschaften, psychologisch ausgefeilt und nicht schablonenhaft. Dabei ist eine Unterscheidung von Realität und Fiktion kaum möglich. Die Lebensumstände der Protagonisten wirken sehr realistisch, die Gefühle sind nachvollziehbar und glaubhaft. Man kann mit Xenia, Mascha, Kyrill, Max, Sarah, Marietta, Kurt und Gabriel mitfühlen und ihre Entscheidungen, auch wenn sie nicht immer richtig sind, nachvollziehen, nichts wirkt künstlich oder aufgesetzt.

Als einzigen Kritikpunkt sehe ich, die im Buch immer wieder vorkommenden Ausblicke auf künftiges Geschehen. Da verlor sich die leichte, elegante Sprache der Autorin und steigerte sich ein wenig ins Pathoshafte.

Der Roman hat meine Erwatungen an ein gutes Buch voll erfüllt. Historische Genauigkeit, durchgehende Spannung, eine unaufdringliche Liebesgeschichte, die zum einem nicht kitschig und zum anderen nicht bis in alle Details ausgearbeitet ist, beiläufige, nicht wertende Wissensvermittlung und ein sehr angenehmer Erzählstil machen diesen Roman aus. Zum Glück liegt schon mit „Der Himmel über den Linden“ für mich bereit, so brauche ich mich von den liebgewonnenen Protagonisten nur ein paar Minuten trennen.

13. August 2011

Lisa Moos – Das erste Mal und immer wieder

Einsortiert unter: 2011,Biografie/Erfahrungen — Karthause @ 10:37
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Das erste Mal und immer wieder
Lisa Moos
Broschiert: 320 Seiten
Verlag: Schwarzkopf & Schwarzkopf
ISBN-13: 978-3896029591

Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)
In diesem Buch erzählt Lisa Moos intim, offen und detailliert über ihre Erfahrungen als Prostituierte: Leidenschaft, Hemmungslosigkeit, Schattenseiten und sexuelle Obsessionen – und warum sie die Hoffnung auf “die große Liebe” niemals aufgegeben hat. “In meinem Leben habe ich circa sechstausendmal sexuelle Handlungen jeder Art mit Männern vorgenommen. Fünfmal wurde mir Gewalt angetan, davon zweimal in meiner eigenen Familie.” Bereits in ihrer Kindheit muss Lisa Moos die Vergewaltigung durch den Großvater und die Schläge des Stiefvaters erleiden. Die Erfahrungen von Gewalt, Sex und männlicher Dominanz bestimmen schon früh ihr Leben.
Mit 16 wird Lisa schwanger und braucht Geld für eine Abtreibung. Ohne Schulabschluss und Berufsausbildung bieten sich ihr kaum Perspektiven. In einem Bordell in ihrer Heimatstadt empfängt sie ihren ersten Freier. Viele weitere folgen.
Mit 26 Jahren hat Lisa schon alle Höhen und Tiefen des Hurenlebens kennengelernt: Sie hat sich auf dem Straßenstrich angeboten, in schäbigen Bordellen “angeschafft”, aber auch als Edelhure in Luxus-Etablissements gearbeitet. Sie berichtet, wie sie ihren Körper für fünfzig Mark in Hinterhöfen verkauft, von Sexorgien mit reichen Geschäftsmännern, Sado-Maso-Partys und von den Obsessionen und besonderen Wünschen ihrer Stammkunden und Freier.
Die Trennung von Beruf und Privatleben fällt Lisa nicht leicht, ihre zwei Ehen scheitern, um das Sorgerecht für ihre beiden Söhne muss sie immer wieder kämpfen. Nur der kleine Christopher bleibt ihr. Mit ihm möchte sie ein neues Leben im Süden beginnen. Doch auch hier holt ihre Vergangenheit sie ein …

Meine Meinung

Schonungslos offen und detailliert berichtet Lisa Moos über ihre Vergangenheit als Prostituierte und wenn ich offen und detailliert schreibe, meine ich das genau so. Nicht alle Episoden ihres Lebens sind leicht verdaulich und somit nicht unbedingt sensiblen Gemütern zuzumuten. Die Sprache ist oft derb und direkt. Sie umschreibt nicht und nennt die Dinge beim Namen.
Besonders bewegt haben mich die ganz persönlichen Dinge, z.B. die nicht unbeschwerte Kindheit, die Freigabe ihres zweiten Sohnes zu Adoption und immer wieder ihre Rückkehr zur Prostitution. Letzteres konnte ich nicht nur nicht verstehen, es machte mich fassungslos. Aber Lisa Moor hat für sich diesen Weg gewählt, es steht mir nicht zu über ihr Leben zu urteilen. Ein Urteil bilde ich mir nur zu ihrem Buch und dieses ist durchaus lesenwert.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Lisa Moos wurde in Göttingen geboren. Sie arbeitete mehr als zwanzig Jahre als Prostituierte. Seit zehn Jahren lebt sie mit ihrem Sohn auf Mallorca, wo sie auch ihr Buch geschrieben hat.

4. August 2011

Zsuzsa Bánk – Die hellen Tage

Einsortiert unter: 2011,Belletristik — Karthause @ 17:30
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Die hellen Tage
Zsuzsa Bánk
Gebundene Ausgabe: 540 Seiten
Verlag: Fischer
ISBN-13: 978-3100052223

Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

In einer süddeutschen Kleinstadt erlebt das Mädchen Seri helle Tage der Kindheit: Tage, die sie im Garten ihrer Freundin Aja verbringt, die aus einer ungarischen Artistenfamilie stammt und mit ihrer Mutter in einer Baracke am Stadtrand wohnt.

Aber schon die scheinbar heile Welt ihrer Kindheit in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts hat einen unsichtbaren Sprung: Seris Vater starb kurz nach ihrer Geburt, und Ajas Vater, der als Trapezkünstler in einem Zirkus arbeitet, kommt nur einmal im Jahr zu Besuch. Karl, der gemeinsame Freund der Mädchen, hat seinen jüngeren Bruder verloren, der an einem hellblauen Frühlingstag in ein fremdes Auto gestiegen und nie wieder gekommen ist.

Es sind die Mütter, die Karl und die Mädchen durch die Strömungen und Untiefen ihrer Kindheit lotsen und die ihnen beibringen, keine Angst vor dem Leben haben zu müssen und sich in seine Mitte zu begeben.

Zsuzsa Bánk erzählt die Geschichte dreier Familien und begleitet ihre jungen Helden durch ein halbes Leben: Als Seri, Karl und Aja zum Studium nach Rom gehen, wird die Stadt zum Wendepunkt ihrer Biographien und zur Zerreißprobe für eine Freundschaft zwischen Liebe und Verrat, Schuld und Vergebung.

 Meine Meinung

Die hellen Tage behalte ich, die dunklen gebe ich dem Leben zurück.“

Zsuzsa Bánk entführt die Leser ihres Buches in süddeutsche Kirchblüt in den 1960er Jahren. Sie erzählt die Geschichte dreier Kinder, besser gesagt, die Geschichten derer Familien. Alle haben eines gemein, sie müssten mit Verlust und Abschied zu leben. Über mehr als 20 Jahre begleitet man die drei Protagonisten auf dem Weg durchs Leben.

Das Buch ist in einer wunderschönen einfühlsamen, fast schon poetischen Sprache geschrieben, die leider nicht über die eine oder andere Länge in der Handlung, besonders in der zweiten Hälfte, hinweg täuschen kann. Ein wenig kritisch sehe ich die Entwicklung der Hauptfiguren, denn dies ist schließlich auch ein Roman über das Erwachsenwerden. Weder ihre Persönlichkeiten noch ihre Freundschaft entwickeln sich weiter, ganz im Gegensatz zu ihren Müttern. Aber alle Kritikpunkte werden überlagert von den schönen Bildern der hellen Kindheitstage, einem Kinderparadies, das es heute nur noch selten gibt. Ich habe das Buch mit viel Freude gelesen und empfehle es gern weiter.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Zsuzsa Bánk, geboren 1965, arbeitete als Buchhändlerin und studierte anschließend in Mainz und Washington Publizistik, Politikwissenschaft und Literatur. Heute lebt sie als Autorin in Frankfurt am Main. Für ihren ersten Roman »Der Schwimmer« wurde sie mit dem aspekte-Literaturpreis, dem Deutschen Bücherpreis, dem Jürgen-Ponto-Preis, dem Mara-Cassens-Preis sowie dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet. Für die Erzählung ‘Unter Hunden’ erhielt sie den Bettina-von Arnim-Preis.

29. Juli 2011

Per Olov Enquist – Kapitän Nemos Bibliothek

Einsortiert unter: 2011,Belletristik — Karthause @ 18:26
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Kapitän Nemos Bibliothek
Per Olov Enquist
Originaltitel: Kapten Nemos bibliotek
Broschiert: 236 Seiten
Verlag: Fischer
ISBN-13: 978-3596176366

Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

In einem kleinen nordschwedischen Dorf, in dem die Armut das Regiment führt, werden 1934 an einem Tag zwei Jungen geboren. Jahre später kommt heraus, dass die beiden vertauscht wurden und bei den falschen Eltern aufwuchsen. Die Kinder werden an die leiblichen Eltern zurückgegeben, was sich aber als Tragödie erweist. Einer der beiden versucht als Erwachsener, sich Klarheit über das tragische Geschehen zu verschaffen. Er hält sich in einer Heilanstalt auf und sieht in seiner verzweifelten Rekonstruktion der Ereignisse einen letzten Versuch zur Selbstrettung.

Meine Meinung

„Kapitän Nemos Bibliothek“ ist die Geschichte zweier Jungen, die nach der Geburt vertauscht und Jahre später aus ihren Familien herausgerissen wurden, damit das Versehen rückgängig gemacht wurde.

Aus Erinnerungsfetzen aneinandergereiht, so setzt sich, je weiter man sich durch dieses Buch liest, Puzzleteil mit Puzzleteil zusammen und erst am Ende des Romans ergibt sich ein (fast) vollständiges Bild. Zu Beginn haderte ich etwas mit dieser Erzählweise, weil ich zu schnell viel mehr erfahren wollte. Man musste sich bewusst auf diesen Stil einlassen und seinen Gedanken Zeit geben. Im Nachhinein betrachtet, finde ich diese fragmentarische Erzählweise genial, spiegelt sie doch nicht zuletzt die innere Zerrissenheit des Erzählers auch Jahre nach dem Rücktausch wider.

Immer wieder flüchtet sich der Ich-Erzähler in seine Suche nach Gott und in seine Fantasiewelt, die Bibliothek von Jules Vernes Kapitän Nemo, weil er sonst das Leben nicht aushalten würde.

Der gesamte Roman war durch eine äußerst bedrückende Atmosphäre gekennzeichnet. Es war kein bisschen Frohsinn oder Hoffnung darin zu finden. Das machte es mir auch schwer eine gewisse Lesefreude zu entwickeln, zumal dieses unendlich traurige, auf mich sehr intensiv und verstörend wirkende Buch seine geballte Wirkung auch erst nach der Lektüre entfaltet. Es hat mich lange, nachdem ich es zurück ins Regal gestellt habe, noch sehr bewegt und wird keineswegs das letzte Buch des Autors gewesen sein, dem ich meine Aufmerksamkeit schenken werde.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Per Olov Enquist, geboren 1934 in Nord-Schweden, lebt in Stockholm. Er arbeitete als Theater- und Literaturkritiker und zählt heute zu den bedeutendsten Autoren Europas. Für seinen international erfolgreichen Roman “Der Besuch des Leibarztes” (Bd. 15404) wurde er in Leipzig mit dem Deutschen Bücherpreis 2002 ausgezeichnet.

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