Karthauses Bücherwelt …

13. Juli 2011

Tom Finnek – Unter der Asche

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Unter der Asche
Tom Finnek
Taschenbuch: 656 Seiten
Verlag: Bastei Lübbe
ISBN-13: 978-3404160518

London 1666. Nur wenige Wochen nach dem verheerenden Brand der vier fünftel von London in Schutt und Asche legte, wurde der vermeintliche Täter, der Franzose Robert Hubert, hingerichtet. Aber hatte er sich wirklich der Brandstiftung schuldig gemacht?
Der 13-jährige Geoffrey Ingram lebte unter elenden Bedingungen, sein Vater, ein Säufer, starb an der Pest. Die Mutter verließ die Familie bereits kurz nach Geoffs Geburt, sein älterer Bruder Edward verschwand vor Jahren und Jezebel, seine Schwester, wurde seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen. Nun musste sich der Junge allein durchschlagen. Abends arbeitete er bei einem Spelunkenwirt, der seine Wut über das Verschwinden Jezebels, sie war seine Bedienung, an dem Jungen ausließ. Sonntags besuchte er die kostenlose Armenschule von Master Gerrard, dem Eremit von St. Olave. Dieser animierte den Jungen, dem geheimnisvollen Verschwindens seiner Familienmitglieder auf den Grund zugehen und seine Geschichte aufzuschreiben.
In Rückblicken, in denen abwechselnd der Ich-Erzähler Geoffrey und ein auktorialer Erzähler über die Geschehnisse berichten, erfährt der Leser die wechselvolle Geschichte der Familie Ingram. Dabei kommt es vor, dass bereits bekannte Gegebenheiten auch aus anderer Perspektive noch einmal geschildert werden. Das fand ich sehr gelungen, als Leser bekam man so von allen Aspekten und Sichtweisen des Geschehens Kenntnis, was der Suche nach der Wahrheit sehr dienlich war. Die Geschichten der vielen Protagonisten, die alle aus den unteren Gesellschaftsschichten stammten, waren einerseits so – zum Teil auch ineinander – verworren und verknüpft, wurden aber nicht zuletzt durch die unterschiedlichen Erzählperspektiven so glänzend aufgelöst, dass man diesen historischen Roman nur ungern zur Seite legen wollte. Tom Finneks Charaktere lebten. Kein einziger fiel der schwarz-weiß-Malerei zum Opfer, es waren allesamt Personen, von denen man sich gut vorstellen konnte, dass sie genau so zu dieser Zeit gelebt haben könnten, mit ihren guten und schlechten Eigenschaften, ihren harten Schicksalen und den wenigen kleinen Freuden des Alltags. Der Autor behandelt aber auch ohne sich zu verzetteln eine Unmenge Nebenthemen in seinem Roman, wie zum Beispiel die Pest, die Geschichte der Digger und nicht zuletzt den großen Brand. Er erklärt politische und gesellschaftliche Hintergründe ebenso, wie er gekonnt eine Liebesgeschichte in die Handlung eingebaut hat, die einerseits sehr gefällig zu lesen ist, andererseits nicht aufdringlich oder gar kitschig wirkt. Alle diese detailreichen Handlungsfäden verwebt Tom Finnek zu einem äußerst gelungenen Ganzen, zu einem wirklich gelungenen historischen Romane. Dazu trug besonders der Ich-Erzähler Geoff bei. Er führte mich mit einer liebenswerten Schnodderigkeit im Stil von Huckleberry Finn in eine Welt, die der Feder eines Charles Dickens entstammen könnte. Tom Finnek ist ein Erzähler, der mit seinen Worten Bilder malt, die sich im Kopf des Lesers verselbständigen.
Leider ist das Taschenbuch nicht mit dem Stadtplan Londons ausgestattet, warum der Verlag darauf verzichtete, ist für mich nicht nachvollziehbar. Ein Glossar und eine Karte von der Umgebung von Oxshott sind aber auch in dieser Ausgabe enthalten.
Dieser Roman über Liebe und Hass, Schuld und Sühne, Erbitterung und Rache hat mir äußerst unterhaltsame und kurzweilige Lesestunden beschert. Für mich ist „Unter der Asche“ ein besonderer Roman in der Flut der historischen Romane, den ich sehr gern auch anderen Lesern empfehle.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Tom Finnek, 1965 in Westfalen geboren, lebt als Filmjournalist und Schriftsteller in Berlin. Als Autor (unter dem Namen Mani Beckmann) beschäftigt er sich schon länger mit historischen Stoffen, insbesondere zum Münsterland. Für ihn ist London mit seiner langen, wechselhaften Geschichte genauso faszinierend wie Berlin.
Tom Finnek ist verheiratet und hat zwei kleine Söhne, auf die er sehr stolz ist.
Weitere Informationen: www.tomfinnek.de

5. Juli 2011

Andrea Busfield – Mauertänzer

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Mauertänzer
Andrea Busfield
OT: Born Under a Million Shadows
Gebundene Ausgabe: 334 Seiten
Verlag: Atrium-Verlag
ISBN-13: 978-3855350438

Kabul nach 2001. Nachdem Taliban das Haus der Familie zerstört hatten, Vater und Bruder töteten und die Schwester verschleppten, fanden Fawad und seine Mutter Unterschlupf bei der Tante. Sie hatten nun zwar ein Dach über dem Kopf, aber das Leben war schwierig und die Schwester der Mutter trug nichts dazu bei, es einfacher werden zu lassen. Von der Arbeit der Mutter konnten sie nicht überleben. So war der 11jährige Fawad gezwungen, den Reichtum der Ausländer umzuverteilen. Dann bekam die Mutter Arbeit und Unterkunft im Haus von drei in einer Wohngemeinschaft lebenden Ausländern. Fortan bildeten James, ein dem Alkohol nicht abgeneigter Journalist, Georgie, die sich als Aufbauhelferin um die Kashmirziegen kümmert und die lesbische May ihre Nachbarn und Arbeitgeber. Fawad lernte eine völlig neue, sehr freizügige Welt kennen. Mit Georgie, die seine Sprache sprach, führte er intensive Gespräche und schnell entwickelte der Junge eine Schwärmerei für die Engländerin, die mit einem einflussreichen Paschtunen liiert war.
Andrea Busfield hat über Jahre hinweg in Afghanistan gelebt, sie kennt das Land und die Mentalität der Menschen. Der Erzähler der Geschichte ist der 11jährige Fawad, der Mauertänzer. Mit seinen Augen und den kindlichen Gedankengängen öffnet die Autorin dem Leser ein Fenster in das gerade von den Taliban befreiten Afghanistan. Der Charme der Naivität eines Kindes ist es dann auch, der das Buch zu etwas Besonderem macht. So wie Fawad in seiner Wohngemeinschaft zwischen Tradition und Moderne steht, ist es ein Sinnbild für das heutige Afghanistan. Alte und bewährte Werte wie Tradition, Familienzusammengehörigkeit und Solidarität werden mit dem unbekümmert freien westlichen Leben gemessen und am Beispiel von Georgies Beziehung zu dem Paschtunen wird aufgezeigt, wie schwierig die Verknüpfung beider Welten ist.
Fawad erzählt viele Anekdoten aus dem Leben der afghanischen Familie und wenn es dann zu Missverständnissen in seinem neuen Lebensumfeld kommt entbehrt das nie einer gewissen Komik. Andererseits werden auch die Auswirkungen der langjährigen Kriege, der Drogen und der ärmlichen Lebensverhältnisse thematisiert.
In dieses Buch wurden sehr viele Themen angerissen und nicht alle logisch bis zum Ende geführt. Über die Authenzität des Buches wage ich nicht zu urteilen. Ich habe es als fiktive Geschichte einer Autorin gelesen, die Land und Leute gut kennt und entsprechend in ihrem Roman verarbeitet.
Ich habe das Buch, dass sich sehr leicht lesen lässt, in einem Rutsch durchgelesen und habe es sehr unterhaltsam gefunden.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Andrea Busfield, Jahrgang 1970, ist britische Journalistin. 2005 erfüllte sie sich einen Traum: Sie zog nach Kabul und arbeitete als Redakteurin bei Sada-e-Azadi (Stimme der Freiheit), von der International Security Assistance Force gegründet. Im Anschluss schrieb sie für die Gulf Times in Qatar, bis sie nach Europa zurückkehrte, um in Wien zu leben.

28. Juni 2011

Eve Haas – Das Geheimnis des Notizbuchs

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Das Geheimnis des Notizbuchs
Eve Haas
Taschenbuch: 288 Seiten
Verlag: Heyne Verlag
ISBN-13: 978-3453601703

Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

Vier Frauen, ein Notizbuch und ein unglaubliches Familiengeheimnis

Deutschland 1934: Eve ist neun, als sie mit ihren Eltern von Berlin nach London emigriert. Sie glaubt, aus einer jüdischen Familie zu stammen. Als Eve – Jahre später – beschließt, ihrer Herkunft auf den Grund zu gehen, entdeckt sie jedoch eine ganz andere Geschichte: Ihr Ururgroßvater war Prinz August von Preußen, der seine Tochter zum Schutz vor Neidern als Kind seines jüdischen Schneiders ausgab. Diese Entscheidung, die Eves Urgroßmutter 1843 das Leben rettete, wird ihrer Großmutter – ein Jahrhundert später – zum Verhängnis…

 Meine Meinung

Eve Haas erfuhr von der Existenz des geheimen Notizbuches bereits in jungen Jahren. Gleichzeitig wurde ihr das Versprechen abgenommen, dieses Geheimnis auch weiterhin zu bewahren. Zum Glück für die Leser, aber auch für die Historiker, begann sie doch viele Jahre später mit Nachforschungen, die sie bis in die für die Öffentlichkeit verschlossenen DDR-Archive führte. Das Ergebnis ihrer jahrelangen und unermüdlichen Ahnenforschung glich aber einer kleinen historischen Sensation. Das Leben des August von Preußen, Eve Haas’ Ururgroßvater, erschien in einem ganz neuen Licht, waren seine Ehe mit Emilie und die gemeinsame Tochter Charlotte weitgehend unbekannt. Als Leser begleitete man Eve Haas von dem Zeitpunkt, an dem sie von dem Notizbuch erfuhr, bis hin zu dem Tag, der ihr auch die letzte dunkle Stelle der Familienbiografie erhellte. So setzte man gemeinsam mit der Autorin ein Puzzle zusammen, dass spannend wie ein guter Krimi war. Veröffentlicht hat die Autorin ihr Buch erst im Alter von 85 Jahren, es ist ihr Lebenswerk. Da Eve Haas ihr Buch in der Ich-Form schrieb, fühlt man sich als Leser besonders angesprochen und in die Forschung involviert. So bekamen besonders ihre Nachforschungen im DDR-Archiv den gewissen Kick. Auch wenn mich da ein wenig das Gefühl beschlich, dieser Abschnitt ihrer Suche, sei besonders düster geschildert worden. Aber bei ihrer Vergangenheit empfindet man den Aufenthalt in einem totalitären System mit Sicherheit auch besonders bedrohlich. Mit ihrem Buch bringt Eve Haas dem Leser nicht nur ihre eigene bewegte Familiengeschichte nahe. Sie bereitet damit gleichzeitig ein Stück bisher unbekannter preußischer Geschichte auf, die höchst interessant ist und auch angesehene Historiker beeindruckt hat.
“Das Geheimnis des Notizbuchs” ist eine wahre Familiengeschichte, die ich sehr gern und mit viel Begeisterung gelesen habe. Die angenehme Sprache und die gut aufbereiteten historischen Fakten machten das Buch zu einem Leseerlebnis.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Eve Haas wurde 1924 in Breslau geboren. 1934, ein Jahr nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, emigrierte sie mit ihrer Familie nach England. Schon früh begann sie, zu schreiben und als freie Autorin für Zeitschriften zu arbeiten. Sie war über 42 Jahre verheiratet und hat drei Söhne. Eve Haas lebt in Hampstead bei London.

24. Juni 2011

Zora Del Buono – Big Sue

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Big Sue
Zora del Buono
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Mare
ISBN-13: 978-3866481350

Mit dem Rechercheauftrag zur Sprache westafrikanischer Einwanderer, Gullah, im Gepäck reist die Erzählerin, eine unbenannte deutsche Journalistin, die des Schreibens müde geworden ist und nun Rechercheaufträge ausführt, nach Savannah. Bereits auf dem Flug dorthin lernt sie den schweizer Kunsthistoriker Carl Fenner kennen, der einerseits den Auftrag hat, die Geschichte der Villa auf Humphrey Island und somit die der gesamten Familie aufzuschreiben, andererseits Unannehmlichkeiten in der Heimat aus dem Weg gehen will. Besagte Villa ist, in einem Sumpf liegend, seit Generationen im Besitz der Familie und auch Carl Fenner findet dort Unterkunft. Allerdings muss er mit der Beschränkung leben, die untere Etage nicht zu betreten, auch Bewohner des Hauses trifft er nicht. Nachts dringen aber Geräusche, die eindeutig sexuellen Ursprungs sind, zu ihm durch und er beobachtet das Kommen und Gehen diverser Männer. Die Familiengeschichte der Humphreys erweist sich deutlich komplexer als erwartet.

Mit „Big Sue“ legte Zora del Buono ihren zweiten Roman vor. Auf nur 192 Seiten schafft sie es, eine vielschichtige Familiengeschichte auszubreiten, die manch eine Überraschung für die Beteiligten und die Leser aufweisen kann. Dabei gelingt es ihr , die stickig-schwüle Südstaatenatmosphäre zu transportieren. So ist der Leser schnell gefangen in einem diffizilen Geflecht aus familiären Abgründen, Rache und Leidenschaft. Der Erzählstil ist gefällig und sehr gut lesbar. Sie deutet Irrationales an, das ganz rational erklärt wird. Gezielt eingesetzte Ironie, das Quäntchen Erotik und gelungene Naturbeschreibungen runden das Buch ab. Einzig die Figur des Carl Fenner blieb für mich unzugänglich, farblos, und fremd. Er weckte in mir keinerlei Emotionen, sein Schicksal blieb mir merkwürdig gleichgültig. Da dies aber in totalem Gegensatz zu der Romanhandlung steht, bin ich mir ziemlich sicher, dass dies von der Autorin so beabsichtigt war.

Mit „Big Sue“ wurde ich auf eine mir bisher unbekannte Autorin aufmerksam (gemacht), deren weiteres Schaffen ich mit Interesse verfolgen werden. Dieses atmosphärisch so dichte Buch habe ich mit viel Freude gelesen. Nach dieser Lektüre bleibt mir noch, mich bei meiner lieben Lesefreundin zu bedanken, die mir damit so schöne Lesestunden bescherte.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Zora del Buono, geboren 1962, wuchs in Zürich auf und lebt seit 1987 in Berlin. Nach ihrem Architekturstudium an der ETH Zürich arbeitete sie mehrere Jahre als Architektin und Bauleiterin, bevor sie sich zu einem Berufswechsel entschloss und mit dem Schreiben begann. Sie ist Gründungsmitglied der Zeitschrift mare und betreut das Kulturressort. 2008 erschien im mareverlag ihr erster Roman Canitz Verlangen.

19. Juni 2011

Eric Walz – Die Schleier der Salome

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Judäa um Christi Geburt. Am Tag der Geburt von Prinzessin Salome ließ König Herodes aus Angst vor der angekündigten Geburt eines Messias alle männlichen Neugeborenen töten, auch Salomes Zwillingsbruder, seinen Enkel. Die jüdische Prinzessin wuchs in einem von Neid, Missgunst, Intrigen, Ränkespielen und Angst geprägten Umfeld auf. Schnell erkannte sie, dass sie als Mädchen in der von Männern dominierten Gesellschaft ohne Bildung kaum eine Chance auf eine herausragende Position am Königshof hat. Den Thora-Unterricht erkämpfte sie sich durch eine List und machte sich damit Kephallion zum Feind. Gleichzeitig wurde aber auch Ihre Tante Akme, die einflussreiche Tetrachin von Ashdod, auf sie aufmerksam und förderte die ehrgeizige Prinzessin. Dann kam Timon, ein junger Grieche auf der Suche nach dem Mörder seines Vaters, an den Hof. Von ihm erfuhr Salome wie wichtig es für sie wäre, auch Kenntnisse in anderen Wissenschaften zu erlangen. Beide kamen sich näher und verliebten sich ineinander, aber Timon hatte inzwischen herausgefunden, wer die Schuld am Tode des Vaters trug…

Eric Walz nimmt den Leser mit auf eine gedankliche Zeitreise. Er schildert Judäa, wie es vor 2000 Jahren ausgesehen haben mag, ein fruchtbares, blühendes und reiches Land. Er beschreibt aber auch die historische Situation am Hof, berichtet von Intrigen, Morden, politischen Strömungen, Machtkämpfen und Revolten. In diese authentische Kulisse bettet er die Lebensgeschichte der jüdischen Prinzessin Salome von deren Geburt, über deren betörenden Tanz vor ihrem Stiefvater Antipas, der ihr dafür den Kopf von Johannes dem Täufer präsentierte, bis hin zu ihrer Zeit als Königin ein. Geschickt baut er ein dazu Gerüst aus historisch verbürgten und fiktiven Personen, die er alle sehr lebensecht charakterisiert, so dass sich letztlich dieser historische Roman wie eine Biografie liest. In einem ausführlichen Nachwort erklärt Eric Walz dem Leser wie weit die Realität reicht und wo die Fiktion einsetzt. Die der Fantasie des Autors entsprungene Liebesgeschichte Salomes mit dem jungen Griechen hätte ich mir etwas weniger vordergründig vorstellen können, störend empfand ich sie jedoch nicht. In „Die Schleier der Salome“ wird der Leser mit zahlreichen Informationen zur Geschichte und Kultur Judäas konfrontiert. Das geschieht aber immer auf eine ganz unaufdringliche und nie dozierende Art und Weise. So verbanden sich in dem Roman die Wissensvermittlung, der sehr angenehm zu lesende Stil des Autors und die interessante und zugleich unterhaltsame Geschichte zu einem wirklichen Leseerlebnis, das mich dazu anregte, mehr über diese bewegte Zeit, um die ich im Roman bisher immer einen Bogen machte, erfahren zu wollen. Sehr interessant fand ich auch die Beschreibungen der strengen Sitten und Bräuche der Juden, des Einflusses der Römischen Besatzer auf das Volk sowie die sich aus dem aufkommenden Christentum ergebenden Veränderungen.

Mein Fazit: „Die Schleier der Salome“ ist ein rundum gelungener historischer Roman von dem man sagen kann, wenn sich die Geschichte so nicht zugetragen hat, hätte es auf jeden Fall aber so gewesen sein können. Das ist in meinen Augen das größte Lob, das man einem Roman aus diesem Genre machen kann. Für mich war dieser Autor eine Entdeckung. Auf seine anderen bereits veröffentlichten Romane bin ich sehr neugierig geworden. Ich empfehle dieses Buch gern weiter.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Eric Walz wurde 1966 in Königstein im Taunus geboren. Im Jahr 2002 erfüllte er sich den Jugendtraum, Bücher zu schreiben. Sein Debütroman Die Herrin der Päpste wurde auf Anhieb ein großer Erfolg. Zuletzt erschien von ihm im Oktober 2007 Die Glasmalerin, ein historischer Kriminalroman, der vor dem Hintergrund des Konzils von Trient spielt. Eric Walz lebt nach vielen Jahren in Berlin heute als Schriftsteller im Umland von Stuttgart.

8. Juni 2011

Elke Heidenreich – Passione

Einsortiert unter: 2011,sonstiges — Karthause @ 18:39
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Passione
Elke Heidenreich
Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: Hanser Belletristik
ISBN-13: 978-3446233256

Elke Heidenreichs Liebe zur Musik ist längst nicht mehr unbekannt. In ihrem Buch „Passione. Eine Liebeserklärung an die Musik“ veröffentlichte sie eine Textsammlung zum Thema Musik. Dabei hat sie das Buch in zwei große Abschnitte geteilt, „Über die Oper“ und „Über Musik und Musiker“. Aber diese Abhandlungen sind nicht neu, es sind zum Beispiel Reden zur Eröffnung von Festspielen oder anderweitige Texte, die in „Passione“ lediglich zusammengefasst wurden.
So erzählt Elke Heidenreich wie sie für sich die Oper im Alter von 13 Jahren entdeckt hat und wie daraus eine nicht mehr nur stille Leidenschaft wurde. Inzwischen ist sie eine der größten Förderer der Kölner Kinderoper und schreibt selbst Libretti.
„Passione“ ist eine gelungene Mischung aus Information, Unterhaltung und Begeisterung. Wer Elke Heidenreich kennt, weiß, ihre Liebeserklärung an die Musik muss voller Empathie und Enthusiasmus sein. Sie brennt förmlich für die Musik und so kann dieses Buch nur ein emotionales und entflammtes Plädoyer für die Musik sein, in der Elke Heidenreich zueignen, ganz speziellen Art verfasst und natürlich subjektiv, aber egal wie, man kann sich ihrer Euphorie auch nur schwer entziehen. Und so saß ich mit einem guten Glas Wein bei leisen Violinenklängen und genoss dieses Buch.

Über den Autor (Quelle: Wikipedia)
Elke Heidenreich (* 15. Februar 1943 in Korbach als Elke Helene Rieger) ist eine deutsche Schriftstellerin, Literaturkritikerin, Kabarettistin, Moderatorin, Journalistin und Opern-Librettistin.
Elke Heidenreich wuchs in Essen als Tochter eines Kfz-Mechanikers und Tankstelleninhabers auf, verließ 1958 ihr Elternhaus und bestand 1963 in Bonn das Abitur. Sie studierte von 1963 bis 1969 in München, Hamburg und Berlin Germanistik, Publizistik, Theatergeschichte und Religionswissenschaft. 1965 heiratete sie Gert Heidenreich, trennte sich später von ihm und heiratete 1972 Bernd Schroeder, von dem sie seit 1995 ebenfalls getrennt lebt. Sowohl mit Gert Heidenreich als auch mit Bernd Schroeder arbeitet sie bis heute zusammen. Der Hamburger Pianist und Komponist Marc-Aurel Floros ist seit 2006 ihr Lebensgefährte. Von 1970 an ist Heidenreich als freie Autorin und Literaturkritikerin für Presse, Funk und Fernsehen tätig. Seit 2008 ist sie die Herausgeberin der “Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann”, in der Romane und Sachbücher mit musikalischen Themen erscheinen. Sie begann ihren Berufsweg in den Medien als freie Mitarbeiterin beim Hörfunksender SWF3. Heute lebt Elke Heidenreich in Köln und in der Eifel.

31. Mai 2011

Sara Gruen – Das Affenhaus

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Das Affenhaus
Sara Gruen
Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: Kindler
ISBN-13: 978-3463406022

Isabel Duncan ist Wissenschaftlerin. In einem Institut für Menschenaffen arbeitet sie mit Bonobos, die mittels ASL, einer Gebärdensprache, mit den Menschen kommunizieren können. Über diese Sensation will der Journalist John Thigpen berichten und war deshalb für ein Interview mit Isabel im „Affenhaus“. Als er gerade in die Redaktion zurückgekehrt ist, erfährt er von der Bombenexplosion an dem Institut, in deren Folge Isabel schwer verletzt wurde und die Affen entkamen. War das das Werk der auf dem Parkplatz vor dem Institut demonstrierenden Tierschützer?

Die Grundidee für dieses Buch fand ich großartig und der Roman beginnt, ganz meinen Erwartungen entsprechend, fulminant. Aber dann wurde der Leser immer mehr an Nebenschauplätze geführt und in die sekundäre Handlung verstrickt. Man las von den Karriere- und Eheproblemen des Reporters und von der schwierigen Kindheit Isabels. Diese Handlungsstränge erschienen mir zu ausgedehnt und trotz des guten Plots spielte ich schon mit dem Gedanken, das Buch zur Seite zu legen. Aber dann waren die Bonobos wieder da und die Handlung nahm wieder Fahrt auf. Vieles entwickelte sich zwar vorhersehbar. Aber die Geschichte rund um die Affen hat mich begeistert. Die Idee, die Bobobos im Reality-TV zu präsentieren fand ich stark. Stellenweise hatte ich das Empfinden, Sara Gruen hat ihre tierischen Protagonisten besser charakterisiert als die menschlichen Darsteller. Diese kamen mir mitunter sehr aufgesetzt, manchmal auch farblos vor. Nachdem ich meine Erwartungen etwas zurückgenommen hatte, war das Buch gut zu lesen und bot gute Unterhaltung. Die Geschichte um das Sprachlabor mit den Affen schien mir – als Laien – gut recherchiert zu sein, und wurde von der Autorin spannend umgesetzt. Die Handlung endete mit der gekonnten Zusammenführung aller Handlungsebenen in einem furiosen Finale, das schon filmisch vorbereitet scheint.

Mein Fazit: „Das Affenhaus“ ist ein unterhaltsamer Roman, der mir persönlich zu viel Mensch und zu wenig Affe beinhaltete. Aber er war leicht zu lesen und wäre, würde er in der Mitte um 100 Seiten gekürzt, deutlich besser.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Die gebürtige Kanadierin Sara Gruen zog es zunächst aus beruflichen Gründen in die USA. Als sie dort den Job verlor, begann sie zu schreiben. Ihr dritter Roman, „Wasser für die Elefanten“, wurde einer der größten Überraschungs-Bestseller des Jahrzehnts. Sara Gruen lebt zusammen mit ihrem Mann, drei Kindern, zwei Pferden, zwei Hunden, vier Katzen und einer Ziege in der Nähe von Chicago.

24. Mai 2011

Alex Capus – Léon und Louise

Einsortiert unter: 2011,Belletristik — Karthause @ 12:33
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Léon und Louise Alex Capus Gebundene Ausgabe: 320 Seiten  Verlag: Hanser ISBN-13: 978-3446236301Nur weit weg von Dir bin ich ganz bei mir, nur fern von Dir kann ich es wagen, mich Dir zu öffnen ohne mich zu verlieren.“

 Die Familie nimmt in der Kathedrale Notre Dame de Paris Abschied von Léon, als eine Unbekannte dazu kommt, den aufgebahrten Léon küsst und wortlos wieder geht. Diese Situation ist Anlass für Léons Enkel die Lebensgeschichte des Großvaters zu erzählen.

1918 lernt Léon die lebenslustige Louise kennen. Beide verlieben sich ineinander. Auf der Heimfahrt von einem gemeinsamen Ausflug an den Atlantik werden sie von einem Luftangriff überrascht und schwer verletzt. Jeder glaubt, der andere sei tot. 10 Jahre später, Léon hat inzwischen mit Yvonne eine Familie gegründet und arbeitet im chemischen Labor der Polizei, trifft er seine Jugendliebe wieder. Sie verleben eine gemeinsame Nacht und trennen sich, nachdem Louise von ihm das Versprechen verlangte nicht nach ihr zu suchen

Vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erzählt Alex Capus die Liebesgeschichte von Léon und Louise, die mich so ein wenig an die durch das tiefe Wasser getrennten Königskinder erinnerte. Zwei junge Menschen, die sich ineinander verliebten und doch nicht zueinander finden konnten. Capus zeichnet ein feines Bild von Léon, den der Leser schon in dessen Kindheit kennen lernt und dann durch sein Leben begleitet. Er ist facettenreich charakterisiert, sein Handeln ist nachvollziehbar, wenn auch nicht immer zu verstehen. Anders ergeht es dem Leser mit den weiblichen Protagonisten des Romans. Da Léons Enkel der Erzähler dieser Geschichte ist und er diese schließlich nur durch den Großvater kennt, blieben sowohl Yvonne als auch Louise stets nur konturenhaft dargestellt. Ihre Gedanken und die Beweggründe für ihr Tun mussten oft mehr erahnt als erlesen werden. So lag über die gesamte Handlung der Fokus fast ausschließlich auf Léon und der Wunsch, mehr über die beiden Frauen zu erfahren, blieb unerfüllt.

Trotzdem hat Alex Capus mit diesem Roman eine Liebesgeschichte vorgelegt, wie ich sie mag, schnörkellos, kitschfrei und trotzdem in einem fast poetischen Erzählstil mit einer Prise Humor und sehr gelungenen Dialogen, leicht zu lesen und dabei nicht ohne Anspruch. Viele Gedanken, die es wert waren weitergesponnen zu werden, wurden nur angerissen. Diese hätten auch im Buch gern weitergeführt werden dürfen, 100 Seiten mehr hätten mich nicht gestört, aber wahrscheinlich hätte ich diesen Roman dann als vollkommener empfunden.

Mein Fazit: „Léon und Louise“ ist eine sehr schöne Dreiecksgeschichte über Liebe und Verantwortung. Die wenigen Kritikpunkte schmälerten meine Lesefreude nur wenig. Ich empfehle dieses Buch gern weiter.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Alex Capus, geb. 1961 in Frankreich, Studium der Geschichte und Philosophie in Basel. Journalist bei verschiedenen Schweizer Tageszeitungen. Der Autor lebt heute als freier Schriftsteller in Olten.

18. Mai 2011

Bernhard Kegel – Der Rote

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Der Rote
Bernhard Kegel
Gebundene Ausgabe: 544 Seiten
Verlag: marebuchverlag
ISBN-13: 978-3866480674

Der anerkannte deutsche Professor Hermann Pauli, eine Koryphäe wenn es um Kopffüßer geht, macht Urlaub in Kaikoura (Neuseeland). Eigentlich will er Abstand zu seinem Leben gewinnen, um den Tod seiner Frau zu verarbeiten. Als er auf einer für den Ort typischen Whalewatching-Tour ist, geschieht Ungewöhnliches. Das Meer brodelt, eine Art Seebeben hat zu Riesenwellen geführt, die auch an Kaikoura nicht spurlos vorübergegangen sind. Aber es kommt noch schlimmer. Die Wale bleiben aus und mit ihnen die Touristen, dafür findet der Wissenschaftler Unmengen toter Cephalopoden am Strand. Aber einer von ihnen ist noch am Leben und der ist etwas ganz Besonderes…
Die Aufmachung und der Klappentext haben mein Interesse an diesem Buch geweckt. So war „Der Rote“ dann der erste von mir gelesene sogenannte Tiefsee-Thriller. So zweigeteilt wie die Genrebezeichnung ist meine Meinung zu diesem Roman. Hervorragend ist es Bernhard Kegel gelungen die Einzigartigkeit der Unterwasserwelt darzustellen. Anschaulich, detailliert, leicht verständlich und kompetent schreibt er über den Arbeitsalltag der Wissenschaftler, über Pottwale und die Vielfalt der Klasse der Kopffüßer. Er hat es geschafft, mein Interesse an einer Spezies zu wecken, der ich ansonsten lediglich im Restaurant meine Aufmerksamkeit schenke. Diese fachlich fundierten Abschnitte haben mich in ihren Bann gezogen, ich fand sie spannend, von ihnen hat das gesamte Buch gelebt. Sobald die Handlung aber die biologische Ebene verließ und es um zwischenmenschliche Probleme ging, war dieses Flair verschwunden. Vielleicht war einfach die Story zu realistisch. Allerdings würde ich diesen Roman nicht dem Genre Thriller zuordnen, dafür entwickelte sich alles zu betulich und mit zu wenig „thrill“. Für meinen Geschmack waren viele Charaktere auch zu einfach gehalten, sie hatten nicht genug Tiefe, auch waren die Dialoge oft zu oberflächlich, da es an echten Auseinandersetzungen mit wirklichen Antagonisten fehlte. Der Wissenschaftler Degenhart schien mir eher pro forma in die Handlung aufgenommen zu sein. Auch auf die wahrscheinlich unvermeidlich dazugehörende Liebesgeschichte hätte ich gut verzichten können.
Alles in Allem habe ich das Buch recht gern gelesen, besonders der biologische Teil begeisterte mich, man merkte, der Autor ist vom Fach und weiß, worüber er schreibt. Ich werde sicher noch die anderen Bücher des Autors lesen, neugierig bin ich schon darauf geworden.
PS: Ein Vergleich mit „Der Schwarm“ kann von meiner Seite nicht kommen. Den Schätzing habe ich (noch) nicht gelesen.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Bernhard Kegel, Jahrgang 1953, ist promovierter Biologe, leidenschaftlicher Jazzgitarrist und Autor mehrerer Bücher, darunter Die Ameise als Tramp, Das Ölschieferskelett und Wenzels Pilz. Seinen packenden Romanen liegen stets die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft zugrunde: «Selten verbindet sich fundierte Sachkenntnis so erfreulich mit erzählerischen Qualitäten» (Frankfurter Allgemeine Zeitung). Bernhard Kegel lebt in Berlin.

11. Mai 2011

Marie-Sabine Roger – Das Labyrinth der Wörter

Einsortiert unter: 2011,Belletristik — Karthause @ 18:21
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Das Labyrinth der Wörter
Marie-Sabine Roger
Originaltitel: La tête en friche
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: Hoffmann und Campe
ISBN-13: 978-3455402544

Der grobschlächtige Germain Chazes, Mitte 40, wird von (fast) allen für einen Dummkopf gehalten und sehr klug ist er wohl wirklich nicht, dafür ist er aber ein guter, einfacher und ehrlicher Kerl. Seine Zeit verbringt er mit Gelegenheitsjobs, mit dem Zählen der Tauben im Park, mit dem Schnitzen von Tierminiaturen und immer wieder setzt er seinen Namen auf die Liste der Kriegsgefallenen am Denkmal. Eines Tages trifft er auf „seiner“ Parkbank Margueritte Escoffier, eine 86jährige Dame aus dem nahegelegenen Altersheim, auch sie zählt die Tauben. So kommen beide ins Gespräch und ohne sich zu verabreden, treffen sie sich nun öfter. Eine ungewöhnliche Freundschaft entsteht. Margueritte ist sehr belesen, liebt die Literatur und nach und nach weckt sie auch Germains Interesse an den Büchern. Sie liest ihm Camus vor, schenkt ihm ein Wörterbuch, lehrt ihn den Umgang damit und versucht ihn feinfühlig aus dem Labyrinth der Wörter herauszuführen.
Marie-Sabine Roger erzählt in „Das Labyrinth der Wörter“ ein modernes Märchen über eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen dem fast Analphabeten Germain und der gebildeten, feinsinnigen Margueritte. Dabei bedient sie sich der Ich-Form aus der Sicht des Germain Chazes. Die Personenbeschreibungen haben mir sehr gut gefallen. Der ungehobelte und ungebildete Recke Germain trifft auf eine 40 Jahre ältere Dame, beide können schon von der Statur unterschiedlicher nicht sein, denn Margueritte reicht, auf der Parkbank sitzend, mit den Füßen nicht einmal bis auf den Boden. Aber auch in ihrer Persönlichkeit sind beide grundverschieden, ebenso wie ihr Umfeld, das sie prägte. Seit ich das Cover der DVD sah, habe ich die Romanfiguren mit Gérard Depardieu und Gisèle Casadesus besetzt. Von und mit diesen Protagonisten lebt das gesamte Buch. Mit ungeheurer Leichtigkeit erzählt die Autorin, wie sich Germain seinen Weg durch die für ihn oft unverständlichen Worte bahnt. Wie in einem Wörterbuch sind immer wieder manche Worte kursiv gedruckt und dazu wurden kurze Worterklärungen eingefügt. So kann sich der der Vielzahl der Wörter mächtige Leser besser in die Situation des des Lesens Ungeübten einfühlen. Ich hätte mir allerdings ein wenig mehr Bezug zu Büchern gewünscht. Der Klappentext hat da wohl etwas zu viel versprochen. Von dieser zugegebenermaßen rührenden Geschichte hatte ich mir auch ein wenig mehr Tiefe versprochen. Die unzähligen im Buch enthaltenen poesiebuchreifen Weisheiten täuschten diesen Anspruch leider nur vor. Viele der angesprochenen Themen wurden nur recht kurz abgehandelt und so war es dem Leser selbst überlassen, seine Gedanken spielen zu lassen. Das empfinde ich meistens sogar als sehr angenehm, dieses Buch hätte ich aber gern etwas ausgearbeiteter gehabt.
„Das Labyrinth der Wörter“ ist eine charmante Fiktion über Respekt, Toleranz, Liebe und Freundschaft, die irgendwo zwischen einem umgekehrten Aschenputtel und Forrest Gump angesiedelt ist. Sie ist leicht lesbar und die eine oder andere Stelle ist es wert, gedanklich weitergesponnen zu werden. Ich habe das Buch gern gelesen und bin gespannt auf die Verfilmung, die als DVD demnächst erscheinen wird.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Marie-Sabine Roger wurde 1957 in Bordeaux geboren und lebt in Südfrankreich. Sie arbeitete einige Jahre als Grundschullehrerin, ehe sie sich ganz der Schriftstellerei widmete. Von ihren Romanen wurden mehrere ausgezeichnet. »Das Labyrinth der Wörter« erhielt den Prix Inter 2009.

29. April 2011

Arno Geiger – Der alte König in seinem Exil

Einsortiert unter: 2011,Biografie/Erfahrungen,Fach- und Sachbuch — Karthause @ 08:08
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Der alte König in seinem Exil
Arno Geiger
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Hanser
ISBN-13: 978-3446236349

Für uns alle ist die Welt verwirrend, und wenn man es nüchtern betrachtet, besteht der Unterschied zwischen einem Gesunden und einem Kranken vor allem im Ausmaß der Fähigkeit, das Verwirrende an der Oberfläche zu kaschieren. Darunter tobt das Chaos.” (Arno Geiger „Der alte König in seinem Exil“, Seite 57)

Arno Geigers Vater ist an Alzheimer erkrankt und seit einem Jahr im Pflegeheim. Nach und nach verliert der 1926 geborene August Geiger seine Erinnerung. Lange bemerkte die Familie nichts von dem schleichenden Ausbruch der Krankheit, erste Anzeichen wurden als Schusseligkeit bewertet und mit Ermahnungen wie „Reiß’ dich zusammen!“ abgetan. Das Verhältnis von Arno Geiger zu seinem Vater war nicht immer unproblematisch, aber nun im Angesicht der fortschreitenden Krankheit baut er Brücken zu ihm und es erwächst ein ganz neues Verhältnis zwischen Vater und Sohn. So zeigt auch dieses Buch, im Leben hat alles zwei Seiten.

Es ist ungemein schmerzhaft, mitzuerleben, wie ein Vater ins Vergessen sinkt und auch seine Kinder nicht mehr erkennt. Für Arno Geiger ist dies Anlass, offen über die Krankheit, aber auch über seine Familie zu schreiben. Er nutzt die Gelegenheit, das Leben seines Vaters aufzuarbeiten, erzählt aus dessen Leben, von den Höhen und Tiefen der väterlichen Krankengeschichte, sehr warmherzig von schweren, aber notwendigen Entscheidungen, die die Familie treffen musste und von dem schlechtem Gewissen der Angehörigen dem Kranken gegenüber. Durch diese Auseinandersetzung mit der Krankheit, dem Vater und letztlich mit sich selbst, kommen sich Vater und Sohn wieder näher, sie lernen einander auf eine andere, freundschaftliche Weise neu kennen. Geiger erzählt viele Geschichten und Anekdoten, anhand derer sich der Leser ein eigenes Bild vom Menschen August Geiger machen kann. Er ist nicht ohne Fehler, aber er ist wohl das, was man einen guten Menschen nennt. Obwohl der Leser deutlich spürt, die Krankheit hat den Vater voll im Griff, wirkt dieses Buch nie mitleidhaschend oder gar weinerlich geschrieben, sondern eher unterhaltend und erstaunlich leicht. „Der alte König in seinem Exil“ habe ich trotz der ernsten Thematik von Beginn an genossen. Besonders beeindruckt bin ich wieder von Geigers Einfühlungsvermögen und der Art wie es ihm gelingt, mit Worten Emotionen zu transportieren. Das Buch verströmte für mich von der ersten Seite an eine große Ruhe und Wärme und obwohl er das Schicksal des Vaters der Öffentlichkeit preisgab, hat er ihm seine Würde belassen und ihn nie bloß gestellt.

Über den Autor (Quelle: buecher.de)

Arno Geiger, geboren 1968 in Bregenz, Vorarlberg, wuchs in Wolfurt/Österreich auf. Er studierte Deutsche Philologie, Alte Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck und Wien. Seit 1993 lebt er als freier Schriftsteller. 1986 bis 2002 war er im Sommer auch als Videotechniker bei den Bregenzer Festspielen tätig. 1996 und 2004 nahm Arno Geiger am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen. 2008 wurde Arno Geiger mit dem “Johann-Peter-Hebel-Preis” geehrt.

25. April 2011

Sina Beerwald – Das Mädchen und der Leibarzt

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Quedlinburg im Jahre 1802. Die Schwarzen Blattern forderten viele Opfer unter der Bevölkerung. Auch Helena, eine junge Hebamme, muss den Tod ihrer geliebten Großmutter beklagen. Ihr sehnlichster Wunsch war es, ähnlich wie Dorothea Erxleben, sich der Medizin zu widmen zu können und ein Mittel gegen diese Seuche zu finden. Nach einem heftigen Streit mit ihrem Verlobten verließ sie überstürzt Wernigerode. Auf der Flucht kam Helena der Fürstäbtissin vom Stift Quedlinburg nach einem Unfall zu Hilfe. Diese war beeindruckt vom resoluten Handeln Helenas und ermöglichte ihr die Lehre beim Stiftsarzt, Monsieur Dottore Tobler. Dieser war jedoch von seiner neuen Aufgabe alles andere als begeistert. Für ihn war es unvorstellbar, einer Frau sein Wissen weiterzugeben.

Vor dem Hintergrund der Napoleonischen Kriegen und der drohenden Säkularisation führt die Autorin den Leser in das Quedlinburger Stift. Sehr gut gelingt es Sina Beerwald, die Situation zu schildern, in der sich die dort lebenden Damen befinden. So wird auch schnell deutlich, dass Neid, Missgunst, Ränkespiele und Intrigen zum Tagesgeschehen gehören. Davon ist auch Helena, die ja nur Gast im Stift ist, betroffen. Helena, die fest davon überzeugt war, ein Mittel gegen die Schwarzen Blattern zu finden, geht mit ihren Theorien einen Weg, den der Stiftsarzt, der in seinem traditionellen Medizinerdasein verwachsen ist, nicht gehen will, gern aber einen möglichen Heilerfolg als den seinen verbuchen möchte. Für mich ist dieser griesgrämige, missmutige, egoistische Doktor der herausragende Charakter in dem Roman. Er war so facettenreich und glaubhaft beschrieben, da mussten die anderen Protagonisten – wenn auch nur ein wenig – zurückstecken. Besonders haben mich die medizinhistorischen Passagen erfreut. Der Konflikt zwischen der Anwendung althergebrachter Heilmethoden und der Suche nach neuen wurde von der Autorin sehr unterhaltsam gelöst. Dieser historische Roman war sehr angenehm zu lesen, bot gute Unterhaltung und ließ den Leser die Zeit vor gut 200 Jahren erleben. Einzig der Schluss des Romans hat mir nicht so gut gefallen. Das betrifft weniger die Romanhandlung, sondern vorrangig die Dramaturgie. Die letzten Kapitel erschienen mir etwas ereignisüberfrachtet und ein paar Szenen ein wenig widersprüchlich zu sein.

Mein Fazit: „Das Mädchen und der Leibarzt“ ist ein angenehm zu lesender und gut unterhaltender historischer Roman, der dem Leser ein Fenster in die Vergangenheit öffnet und interessantes Stück Medizingeschichte präsentiert. Bei mir wurde das Interesse an den weiteren Romanen der Autorin geweckt.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Sina Beerwald, 1977 in Stuttgart geboren, studierte Wissenschaftliches Bibliothekswesen. Nach ihren erfolgreichen Romanen „Die Goldschmiedin“, „Die Herrin der Zeit“ und „Das blutrote Parfüm“ liegt mit “Das Mädchen und der Leibarzt” nun ihr vierter historischer Roman vor.

19. April 2011

Sabrina Capitani – Das Spiel der Gauklerin

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Das Spiel der Gauklerin
Sabrina Capitani
Taschenbuch: 416 Seiten
Verlag: Piper
ISBN-13: 978-3492258258

Die Musik gehört allen

Leipzig 1573/74. Pauline Schwan, eine fahrende Spielfrau, ist gemeinsam mit dem kleinwüchsigen Jacobus von Antwerpen, Besitzer einer mobilen Wunderkammer, auf dem Weg nach Leipzig. Seit drei Jahren versucht sie sich allein durchzuschlagen, aber ausschließlich von ihrer Kunst leben zu können, gestaltet sich sehr schwierig. Deshalb ist die Leipziger Neujahrsmesse ihre letzte Chance zu Geld zu kommen, um den Winter unbeschadet zu überstehen. Ihr größter Wunsch wäre eine Anstellung als Hausmusikerin. Als Gauklerin muss sie vielen Vorurteilen begegnen. Aber vor allem will sie nur ihre Musik verkaufen, nicht sich selbst. Nach anfänglichen Vorbehalten der Wirtin gegenüber der Fahrenden ist sie im „Goldenen Rad“ untergekommen und darf dort abends musizieren. Gleich zu Beginn scheint ihr das Glück hold zu sein, sie bekommt einen Auftrag von Susanna Salet. Aber dann wird Moritz, der Sohn der Wirtin, entführt und nur wenig später wird bekannt, auch Daniel Salet ist verschwunden. Schnell fällt der Verdacht auf Jacobus, der daraufhin verhaftet wird. Als dann auch noch eine musizierende Hübschlerin, mit der Pauline kurz zuvor einen Streit hatte, tot aufgefunden wird, steckt auch die Spielfrau in Schwierigkeiten…

Die ersten Seiten dieses historischen Romanes haben mich sofort in ihren Bann gezogen. Pauline ist keine Schönheit, sie ist nicht vornehm und nicht gebildet. Sie ist eine kratzbürstige junge Frau mit Herz und Mund am rechten Fleck und sie hat eine große Leidenschaft, von der und für die sie lebt – die Musik. So natürlich, wie einem die Protagonistin dieses Buches begegnet, so glaubhaft erscheint ihr Wunsch, mehr über die Musik zu lernen und ihr Können ständig zu verbessern. Aber der Zeit geschuldet bleiben ihr viele Türen verschlossen, denn sie ist „nur“ eine Frau. Dabei befindet sich die Musik gerade im Umbruch. Emotionen erhalten einen bisher ungekannten Stellenwert in der Musik und davon kann die junge Spielfrau viel einbringen. Sehr kompetent führt Sabrina Capitani ihren Lesern das musikalische und handeltreibende Leipzig in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts vor Augen. Äußerst interessant fand ich ihre Ausführungen über die Musik. Aber auch der Marktplatz wurde in meinen Gedanken lebendig. Ich hörte die Marktfrauen feilschen, konnte den Duft förmlich riechen und den Klängen der Musikanten lauschen. Die detailreichen und sachkundigen Beschreibungen sind nicht nur ansprechend und aufschlussreich, sie fügen sich unaufdringlich in die Handlung ein und sind wunderbar zu lesen.

Ein großes Lob gebührt der Autorin auch für die Zeichnung der Charaktere. Neben Pauline wurden auch die anderen Personen lebensecht in die Handlung gefügt. Besonders habe ich die liebenswert rotzigen Straßenkinder ins Herz geschlossen. Die feinfühlige Charakterisierung ihrer Figuren in Verbindung mit der real wirkenden Szenerie gab mir das Gefühl, Geschichte miterleben zu können, etwas, das ich bei historischen Romanen sehr schätze und das sich wohltuend abhebt von den Romanen, in denen Protagonistinnen in Männerrollen gedrängt und dann lediglich in eine verstaubt anmutende Kulisse eingefügt werden.

Sehr gefallen hat mir das Ende des Romans, lässt es doch eine kleine Hoffnung aufleben, Pauline vielleicht noch einmal ein Stück auf ihrem Weg begleiten zu dürfen.

Mein Fazit: „Das Spiel der Gauklerin“ ist ein Buch für Herz und Verstand, für mich war es ein richtiges Wohlfühlbuch. Es hebt sich sehr positiv aus der Masse der historischen Romane ab und bekommt von mir eine unbedingte Leseempfehlung.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Sabrina Capitani, geboren 1953, studierte Germanistik, Publizistik und Kunst in Berlin und arbeitet seit zwanzig Jahren als Autorin für Hörfunk und Fernsehen. Sie schrieb Drehbücher für deutsche Kinderserien, Hörspiele für den SFB, für Radio Bremen und RAI und ist außerdem als freie Malerin tätig. Nach »Das Buch der Gifte« und »Der verborgene Brunnen« ist »Das Lied der Gauklerin« ihr dritter historischer Roman.

12. April 2011

Rebecca Skloot – Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks

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Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks
Rebecca Skloot
OT: The Immortal Life of Henrietta Lacks
Gebundene Ausgabe: 512 Seiten
Verlag: Irisiana
ISBN-13: 978-3424150759

Henrietta Lacks war Mutter von fünf Kindern und spürte seit geraumer Zeit einen Knoten am Muttermund. Als es zu Blutungen kam, ging sie zur gynäkologischen Untersuchung ins John Hopkins Hospital. Der Befund war eindeutig: Gebärmutterhalskrebs. Henrietta war Afroamerikanerin und in den Genuss einer über das Allernotwendigste hinausgehenden Bildung kam sie nie. Auch im Krankenhaus erklärte ihr niemand, welche Untersuchungen erforderlich seien, warum sie wie therapiert würde und sie stellte keine Fragen. Ohne ihre Zustimmung wurden ihr zwei Gewebeproben entnommen, mit denen der Wissenschaftler Georg Gey forschte und mit denen es ihm als Ersten gelang, menschliche Zellen am Leben zu erhalten. Henrietta Lacks starb am 4. Oktober 1951, ihre Zellen leben heute noch und sind aus der modernen Medizin nicht wegzudenken.
HeLa-Zellen sind weltweit in allen Forschungslaboratorien unabdingbar. Sowohl die Medizin- als auch die Genforschung sind ohne sie nicht mehr vorstellbar. Sie wurden ins Weltall transportiert, um an ihnen die Wirkung der Schwerelosigkeit zu erforschen und wurden atomarer Strahlung ausgesetzt, um deren Folgen abschätzen zu können. Sie dienen der Erforschung von Impfstoffen ebenso wie der Entwicklung neuer Therapien gegen Krebs und AIDS. Rebecca Skloot hat sich mit ihrem Buch einem äußerst interessanten Thema zugewandt und es für die Leser sehr ansprechend und allgemeinverständlich umgesetzt. Als Sachbuch konzipiert, bietet es neben der Wissensvermittlung noch gute Unterhaltung. Leser, die sich für belletristisch umgesetzte Medizingeschichte interessieren, werden auch an diesem Werk Freude haben, denn es ist gleichzeitig eine Familiengeschichte. Die Impertinenz ehrgeiziger Mediziner wird in diesem Buch ebenso thematisiert wie ethische Fragen der Wissenschaft und der zu damaliger Zeit in den USA vorherrschende Rassismus. Rebecca Skloot macht öffentlich, was bislang nicht bekannt war. Sie schreibt von den immensen Summen, die mit diesen Zellen verdient wurden und werden und von der Armut der Familie Lacks, die davon keinen Cent sah und verdeutlicht damit die Kernfrage, wem gehören diese Zellen. Die Autorin bereitet dieses Thema nicht chronologisch auf. Aber als Orientierung ist zu Beginn eines jeden Kapitels am oberen Seitenrand ein Zeitstrahl abgedruckt, der über die in diesem Abschnitt behandelte Zeit Auskunft gibt. Außerdem enthält das Buch auf Fotos der Familie Lacks, ausführliche Anmerkungen und ein Personenregister.
„Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks“ ist ein wissenschaftliches, spannendes und zutiefst menschliches Buch. Es informiert, macht nachdenklich und lässt sich darüber hinaus noch ausgezeichnet lesen. Ich empfehle es gern weiter.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Rebecca Skloot hat Biologie und Kreatives Schreiben studiert. Sie ist prämierte Wissenschaftsjournalistin und Bloggerin, deren Artikel unter anderem im „New York Times Magazine“, Discover Magazine“ und in „The Oprah Magazine“ veröffentlicht wurden. Als Korrespondentin hat sie für NPR’s RadioLab und PBS’s Nova ScienceNOW gearbeitet. Sie unterrichtet Naturwissenschaftler im kreativen Schreiben an der University of Memphis und an der University of Pittsburgh und hält zahlreiche Vorträge. “Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks“ ist ihr erstes Buch, an dem sie 10 Jahre gearbeitet hat und dem auf Anhieb der Sprung unter die Top Ten der New-York-Times-Bestellerliste gelang.

4. April 2011

Alia Yunis – Feigen in Detroit

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Feigen in Detroit
Alia Yunis
Gebundene Ausgabe: 472 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag
ISBN-13: 978-3351033224

Vor 992 Nächten zog die 82-jährige Fatima von Detroit zu ihrem Lieblingsenkel Amir, der auf die große Karriere als Schauspieler hofft, nach Los Angeles. Seit dem erscheint ihr in jeder Nacht Scheherezade, die jedoch für alle anderen unsichtbar ist und lässt sich von Fatima die Geschichten ihres Lebens erzählen und Fatima hat davon viele. Sie berichtet von ihren beiden Ehemännern, Marwan, der früh verstarb und Ibrahim, von dem sie annahm, er hätte sie nur aus Pflichtgefühl heraus geheiratet und von dem sie sich nach über 50 Ehejahren trennte, von ihren 10 Kindern, die alle ihre eigenen Wege gehen und über die ganzen USA verteilt leben und sie schwelgt in Erinnerungen an ihr Haus in Deir Zeitoun im Libanon. Da sie sich sicher ist, nach der 1001. Nacht sterben zu müssen, hat sie in der verbleibenden Zeit noch viel zu erledigen, sie muss eine Frau für den schwulen Amir finden, damit sie ihm das Haus im Libanon vererben kann und auch für ihre anderen Besitztümer sind geeignete Erben zu finden. Zwischen den nächtlichen Unterhaltungen reist Scheherezade mit ihrem fliegenden Teppich zu den Kindern und Enkeln. Sie schaut wie es ihnen ergeht und begleitet sie auf einem kurzen Stück ihres Lebensweges.

Bei Scheherezade laufen die Handlungsfäden dieses Romans zusammen. Sie ist es, die Fatimas Erzählungen lauscht, um sich kurz darauf zu einem der Kinder oder Enkel zu begeben. So lernt der Leser nach und nach die gesamte Familie Fatimas kennen, ein im Buch enthaltener Stammbaum erleichtert dabei die Orientierung. Die Kinder sind sich fremd, nur Amir informiert hin und wieder die „Fatima-Angehörigen“ per E-Mail, in der jedoch das Wetter die bedeutendste Rolle spielt, schließlich will er die Familienmitglieder nicht beunruhigen oder gar mit zusätzlichen Problemen belasten. Zugegebenermaßen hatte ich zu Beginn des Romanes ein kleines Problem mit der durch Scheherezade und ihr Reisegefährt entstandenen Märchenhaftigkeit dieses Buches. Im Laufe der Zeit fand ich aber Gefallen an dieser Erzählweise, kam so doch ein zusätzlicher arabischer Hauch in die Handlung. Das Märchenhafte wurde aber auch dadurch abgemildert, dass die Autorin die zeitgeschichtlichen Aspekte nie ganz aus dem Blick verlor und die Handlung gut damit verknüpfte.

Alia Yunis Romanfiguren sind mit Leben erfüllt. Sie haben eigene Charaktere, wirken mitunter schrullig und sehr speziell und sind die Puzzleteilchen für ein facettenreiches Bild einer Großfamilie, die sich ein wenig aus den Augen und aus dem Herzen verloren hat.

Die Autorin hat mit ihrem Debütroman einen Familienroman geschrieben, der nicht die heile Familie in dem Mittelpunkt rückt. Tief in sich trägt  jedes der Familienmitglieder zwar eine Harmoniesehnsucht, in der Realität sind jedoch Entfremdung, Nichtverstehen, Einsamkeit in der Großfamilie und unterschiedlicher Umgang mit der Familientradition vordergründig. Ein für diesen Roman bedeutungsvolles Thema ist die Integration der arabischen Einwandererfamilie in die us-amerikanische Gesellschaft, von Familienangehörigen, die amerikanischer sind als die Amerikaner, bis hin zu denen, die nur soweit wie nötig integriert sind, findet der Leser alle Abstufungen.

Alia Yunis erzählt Geschichten zum Schmunzeln und Lachen, zum Nachdenken und Weinen. Urkomische Szenen und sehr nachdenklich machende stehen in einem sehr guten Verhältnis und ließen mich diesen Roman sehr gern lesen. „Verhörgerät“ und „Gackermolke“ sind für mich die Wortschöpfungen des Buches. Auch wenn der Roman in der zweiten Hälfte ein wenig abflacht, so steigert die Autorin die Spannung zum Ende hin noch einmal und verabschiedet die Leser mit einem bittersüßen Finale.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Alia Yunis, Tochter eines libanesischen UN-Diplomaten, aufgewachsen im Mittleren Westen der USA und im Mittleren Osten, arbeitete als Journalistin und Filmemacherin in Los Angeles und ist zurzeit Dozentin für Kommunikationswissenschaft an der Universität von Abu Dhabi. Sie ist Mitglied der PEN Emerging Voices.

29. März 2011

Michael Köhlmeier – Nachts um eins am Telefon

Einsortiert unter: 2011,Belletristik — Karthause @ 18:36
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Das Telefon ist der beste Freund des Einsamen, und Telefongespräche nach Mitternacht sind Unterhaltungen mit Geistern.“, so der Klappentext.

Der Ich-Erzähler telefoniert mit Vorliebe nachts um eins. Er telefoniert mir der Nachbarin, mit Richard, mit der Ex-Freundin und auch mit ihm völlig fremden Menschen, nur um zu sprechen und seiner Einsamkeit zu entfliehen. Alle seine Gesprächspartner bleiben imaginär, die Telefonate stehen großteils für sich, nur wenige bilden einen Zusammenhang. Aber alle sind herausgelöst aus der dem Leser unbekannten Alltagswelt des Erzählers. Unterschwellig erkennt man jedoch die Probleme des Erzählers, dessen vermeintlich einzige Schnittstelle zur Außenwelt das Telefon ist.

Michael Köhlmeier ist ja mit jedem Buch, das ich von ihm las, ein wenig mehr zu einem meiner Lieblingsautoren avanciert. „Nachts um eins am Telefon“ hat mich allerdings nicht so begeistert wie zum Beispiel „Madalyn“ oder „Idylle mit ertrinkendem Hund“. Es ist deshalb nicht schlecht, keineswegs. Aber ich empfand es als schade, dass für mich die Figuren nicht greifbar waren, sie blieben unwirklich, – wie im Klappentext schon geschrieben – Geister. Einige der Gespräche erschlossen sich für mich auch inhaltlich nicht, ich fühlte mich nicht dazugehörig, wie ein Außenstehender, ein Lauscher. Vielleicht hat Michael Köhlmeier dies auch genau so bezweckt, aber ich fühlte mich nicht richtig wohl dabei.

„Nachts um eins am Telefon“ ist weder ein Roman noch eine Sammlung von Kurzgeschichten, es sind Fragmente, die durch die Person des Erzählers verbunden sind. Sie wirkten unglaublich traurig und melancholisch auf mich, sodass ich mich fragte, was den Erzähler wohl in diese Einsamkeit getrieben hat. Bestechend ist auch in diesem Buch der Stil Michael Köhlmeiers, poetisch, ausdrucksstark und feinsinnig. Schon allein deshalb ist es lesenswert.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Michael Köhlmeier, geboren 1949 in Hard am Bodensee, studierte Germanistik und Politikwissenschaft, sowie Philosophie und Mathematik. Er erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen, darunter: Rauriser Literaturpreis, J.-P.-Hebel-Preis, Manès-Sperber-Preis, Anton-Wildgans-Preis. In Österreich erlangte er mit seinen Nacherzählungen von Sagen des klassischen Altertums größte Popularität.

24. März 2011

André Pilz – Bataillon d’Amour

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Mayra ist eine lebenslustige und –hungrige junge Kolumbianerin. Sie lebt gemeinsam mit ihrer schwerkranken Mutter und ihrer Schwester in einer elenden Behausung im Slum von Bogotá und träumt von einem besseren Leben. Deutsch hat sie von ihrem Vater gelernt, der zwischenzeitlich aber aus ihrem und dem Leben der Familie verschwunden ist. In einem Internetchat lernt sie einen jungen Deutschen kennen und verliebt sich in ihn. Als sie dann auf eine Stellenanzeige stößt, über die Bedienungen für das Oktoberfest gesucht werden, sieht sie darin eine doppelte Chance, sie könnte den Mann, den sie sie so liebt, kennen lernen und mit diesem Job dem Elend entfliehen. Völlig blauäugig fliegt sie nach Deutschland, dort erfährt sie schmerzhaft, dass sie nicht auf dem Oktoberfest, sondern im d’Amour, einem berühmt-berüchtigten „Club“, arbeiten wird. Sie ist in die Hände skrupelloser Mädchenhändler geraten.

André Pilz ist mit seinem Roman über Mädchenhandel und Zwangsprostitution an die Grenzen des Erträglichen gegangen. Schonungslos, offen und ungeschönt wird dem Leser dieses Milieu nahegebracht. Er scheut sich nicht grausamste Misshandlungen zu beschreiben und dem Leser das Leiden der modernen Sklavinnen nahezubringen. Leider funktionierte der antrainierte Schutz, ‚Es ist ja nur eine fiktive Geschichte’ bei diesem Buch nicht. Dazu waren die Szenen zu lebensecht und unter die Haut gehend. Sicher wird es Leser geben, die diesen Thriller wegen der unmenschlichen Grausamkeiten, der Brutalität, den Vergewaltigungen und den Misshandlungen nicht lesen wollen und nicht lesen können. Lange habe ich überlegt, ob Pilz dieses Thema anders hätte anfassen können und habe mich dann zu einem klaren NEIN durchgerungen. Pilz will bewusst schockieren, er will anklagen und die Augen öffnen.

Auch sprachlich ist das Buch der Thematik angepasst, in einfachem Stil, absichtlich derb, direkt und offen. Nichts wird angedeutet, alles wird beim Namen genannt. Eine besonders schöne und ausgefeilte Sprache würde hierbei nur beschönigen und verdecken. Die Geschichte wird aus der Perspektive Mayras in der Ich-Form erzählt, daneben leitet den Leser ein in der 3. Person berichtenden Erzähler durch die Handlung und deren Hintergründe. Damit erreicht der Autor, dass alle Aspekte ihre Beachtung finden. Die Charaktere passen schon recht gut in die gut-böse-Schablone. Aber ehrlich, ich hatte auch nicht das Bedürfnis die guten Seiten dieser menschlichen Bestien zu erfahren

Mein Fazit: „Bataillon d’Amour“ ist ein unheimlich aufwühlender Thriller, der tief unter die Haut geht, berührt und absolut schonungslos ist. Selten habe ich so viele Unmenschlichkeiten in einem Buch gelesen wie in diesem. Darüber sollte man sich vor der Lektüre im Klaren sein und sich fragen, ob man dazu bereit ist.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

André Pilz, geboren 1972, lebt in München und Vorarlberg. Student, Gitarrist, Briefträger, Museumswärter und Flughafenarbeiter, seit 2007 freier Schriftsteller.

Broschiert: 336 Seiten * Verlag: Haymon Verlag * ISBN-13: 978-3852188478

 

17. März 2011

Tereza Vanek – Chinatown

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Hamburg, Ende der 1920er Jahre. Eigentlich stammte Mai Ling aus einem angesehenen Elternhaus. Dann wurde der Vater politisch verfolgt, die Familie verarmte und Mai Ling wurde die zweite Frau eines chinesischen Händlers. Aufgrund unglücklicher Ereignisse, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte, wurde sie nach Shanghai verkauft und zur Prostitution gezwungen. So erschien es ihr fast schon wie ein Glücksfall, als sie von einem Mädchenhändler an den Zuhälter Liang in Hamburg verkauft wurde. Im Chinesenviertel Hamburgs traf sie auf die junge rothaarige Alexandra. Die wollte als Jazzsängerin Karriere machen, musste aber notgedrungen für ihren Lebensunterhalt als Sekretärin arbeiten, da sich ihre Lebensvorstellungen deutlich von denen der wohlhabenden Eltern unterschieden. Ihnen war das Verhältnis ihrer Tochter zu Sarah, einer jüdischen Anwältin, nicht verborgen geblieben. Nachdem Mai Ling bei einem Besuch bei einem Kunden schwer misshandelt wurde, versteckte Alexandra sie auf Drängen ihrer Freundin bei sich. Langsam kamen sich beide näher.

Romane, deren Handlung hauptsächlich durch eine Liebesgeschichte geprägt sind, finde ich sehr oft langweilig. Ganz anders dieses Buch, denn die erwartete Lovestory entwickelte sich erst recht spät. Zunächst erfuhr der Leser viele Dinge aus dem Leben der Protagonisten, konnte an Höhen und Tiefen ihres Lebens teilhaben und sie in ihrem Handel verstehen lernen. Das Umfeld der Hauptpersonen, das Chinaviertel im Hamburger Hafen, das es wirklich gab, wurde dem Leser ebenso näher gebracht wie die politische Situation. Auch dem Zeitgeist wurde mit Fortschreiten der Handlung immer mehr Rechnung getragen. Empfand ich zu Beginn des Romanes die zeitlichen Gegebenheiten etwas zu wenig betrachtet, so änderte sich das ab der Mitte des Buches grundlegend. Da konnte ich die verrückten 20er Jahre förmlich spüren. Besonders schön und interessant fand ich die Passagen, die sich um den Jazz rankten. Aber auch das Zusammenspiel zwischen den Chinesen und ihre Distanziertheit zu den Einheimischen wurde sehr kompetent beschrieben. Außerordentlich gut hat mir die Charakterisierung von Alexandra gefallen. Sie kämpfte mit allen Mitteln, um die ihr verhasste Stelle als Sekretärin aufgeben und sich ihren Lebenstraum erfüllen zu können. Dazu musste sie eine gescheiterte Beziehung verkraften. Vergessen fand sie im Alkohol. Der Liebesbeziehung zwischen Alexandra und Mai Ling nähert sich Tereza Vanek sehr feinfühlig, vieles wird nur angedeutet und nicht wirklich ausgesprochen. Der Leser darf seine Fantasie bemühen. Abwechselnd wird die Handlung aus der Sicht der beiden Frauen geschildert und immer wieder gibt es höchst interessante und berührende Rückblenden in Mai Lings Vergangenheit.

In einem aufschlussreichen Nachwort klärt die Autorin ihre Leser über die Schnittpunkte ihrer fiktiven Geschichte zur Realität auf, etwas, was ich an historischen Romanen sehr schätze.

Nun freue ich mich auf die weiteren Bücher, die ich von der Autorin noch lesen kann und vielleicht gibt es ja doch einmal einen Roman, der mich als Leser ins ferne China entführt.

 

Über den Autor

Tereza Vanek wurde 1966 in Prag geboren und kam als kleines Kind mit ihren Eltern nach München. Sie studierte Anglistik, Romanistik und Slawistik und promovierte über die Darstellung verbrecherischer Frauen im englischen Drama des 17. Jahrhunderts. Sie arbeitete als Fremdsprachenlehrerin, Übersetzerin, Call Center Agent und Teamassistentin und verkaufte im Internet nostalgische Kleidung, bevor sie sich mit ihrem ersten Roman »Schwarze Seide« einen Traum erfüllte und Schriftstellerin wurde. Tereza Vanek lebt und arbeitet in München.

 

7. März 2011

Sue Harrision – Vater Himmel, Mutter Erde

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Vor etwa 9000 Jahren auf den Aleuten. Chagak war 13 Jahre alt, als ihr Stamm von dem der Kurzen überfallen wurde. Sie musste mit ansehen, wie alle anderen brutal getötet wurden. War ihr Leben bis eben noch glücklich und voller Hoffnung, sie war endlich eine Frau und mit Robbenfänger verlobt worden, so stand sie nun ganz auf sich gestellt in dem zerstörten Dorf vor den Leichen ihrer Lieben. Sie dachte an Selbstmord und bestattete die Toten. Als sie dann noch ihren kleinen Bruder lebend fand, siegte der Lebenswille in ihr, ihm wollte sie das Leben retten und so fuhr sie mit dem Kanu hinaus aufs Meer, um den Jungen zu dem auf einer entfernten Insel lebenden Großvater zu bringen, in ständiger Angst, auf weitere Krieger aus dem Volk der Kurzen zu treffen. Als sie an einem einsam erscheinenden Strand rastete, traf sie auf den alten, seit Jahren allein lebenden Schamanen Shuganan. Er schnitzte aus Elfenbein Figuren, von denen eine ungeheure Kraft ausging, aber auch er konnte den kleinen Bruder von Chagak nicht retten. Diese beschloss, zu bleiben, aber dann kamen auch auf diese Insel Männer vom Stamm der Kurzen und Mann-der-tötet zwang Chagak, seine Frau zu sein…

Wer weiß schon wie sich das Leben der Ureinwohner vor 9000 Jahren auf den Aleuten gestaltete? Sue Harrison weiß sehr genau davon zu berichten und nach dem Lesen dieses Romans habe ich auch eine recht gutes Bild davon bekommen. Die Autorin hat unter anderem die Sprachen der Ureinwohner Amerikas studiert und insgesamt neun Jahre für diesen Roman recherchiert. Dadurch gelingt es ihr sehr gut, dem Leser eine Vorstellung vom Alltagsleben der Ureinwohner zu vermitteln. Beeindruckend fand ich die Beschreibungen von den ganz alltäglichen Arbeiten mit den steinzeitlichen Hilfsmitteln, die das Leben und das Überleben in diesem lebensfeindlich erscheinenden Lebensraum sicherten. Sie berichtet ausführlich von Ritualen und dem Glauben, von Bräuchen und Eigenarten der Eingeborenen. Stellenweise fand ich diese Beschreibungen etwas ausufernd und für die Handlung zu gewichtig. Auch die Charaktere waren mir ein wenig zu einseitig gezeichnet. Es wurde streng unterschieden in Freund und Feind, in gut und böse. Aber insgesamt betrachtet, war dieser Roman gut und flüssig zu lesen, ist spannend geschrieben und bietet interessante Einblicke in das Leben der Vorfahren der Eskimos, wie es sich zu Urzeiten abgespielt haben könnte. Das Buch beinhaltet zudem noch eine Karte und ein sehr nützliches Glossar, das die im Text verwendeten Begriffe der Ureinwohner erklärt.

„Vater Himmel, Mutter Erde“ ist der erste Teil der Ivory-Carver-Trilogie die weiteren Teile sind „Schwester Mond“ und „Bruder Wind“.

 

Über den Autor (Quelle: Klappentext)

Sue Harrison hat englische Literatur und die Sprachen der Ureinwohner Amerikas studiert. Für „Vater Himmel, Mutter Erde“ hat sie neun Jahre lang recherchiert. – Geographie, Archäologie, Antropologie und Kulturgeschichte der Aleuten. Sue Harrison, 1950 geboren, lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Pickford, Michigan.

28. Februar 2011

Irène Némirovsky – Die Hunde und die Wölfe

Einsortiert unter: 2011,Belletristik — Karthause @ 19:34
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Die Hunde und die Wölfe
Irène Némirovsky
Originaltitel: Les chiens et les loups
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Knaus
ISBN-13: 978-3813502831

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ada Sinner wuchs in ärmlichen Verhältnissen im Judenviertel einer unbenannten ukrainischen Stadt auf. Ihre Mutter war tot und so musste sie ihren Vater bei seinen Geschäften als Handelsvertreter begleiten. Nachdem der Bruder des Vaters verstorben war, zogen dessen Witwe Rhaissa mit den Kindern Lilla und Ben bei Ada und Israel Sinner ein. Da der Vater Ada nun von der Tante betreut wusste, ging er in der Folge allein seinen Geschäften nach. Während eines Pogroms flüchteten Ada und Ben in die Oberstadt, das Viertel der Reichen, in ein Haus, das Ada schon seit langem bestaunte, das Haus der reichen Sinners. Hier lernte sie ihren Cousin Harry kennen, es war eine schicksalhafte Begegnung, denn sie konnte ihn danach nicht mehr vergessen.

Jahre vergingen und Rhaissa war mit den erwachsen gewordenen Kindern nach Paris gezogen; Ada und Ben hatten geheiratet. Da erfuhr Ada, die Malerin war, dass sich auch Harry, nicht weit entfernt von ihnen, in Paris aufhielt. Gab es doch noch Hoffnung für ihren geheimen Traum? …

In „Die Hunde und die Wölfe“ erzählt Irène Némirovsky die Geschichte der Jüdin Ada Sinner und ihrer Familie, eine Geschichte von Armut und Reichtum, von Emigration und Anpassung, von der Liebe, von Träumen und von der Angst. Ihr gelingt es, diese großen Themen in das doch relativ dünne Buch zu packen, ohne es überladen wirken zu lassen. So schildert sie gekonnt anhand von Israel und Samuel Sinner, von Ben und Harry, Ada und Laurence die krassen Gegensätze zwischen Arm und Reich und den Versuch Adas, den tiefen Graben zwischen diesen Welten durch ihre große Liebe überbrücken. Sie zeigt aber auch deutlich auf, dass die Situation der Protagonisten um Ada auch in der neuen Heimat nicht unbedingt einfacher wurde. Sie mussten wieder ums Überleben kämpfen und waren auch in Paris nur jüdisches Gesindel, wogegen Harry gleich der Schritt in die bessere Gesellschaft gelang. Sehr stimmungsvoll, immer ein wenig melancholisch überschattet und trotzdem nicht ausschließlich hoffnungslos breitet die Autorin das Schicksal ihrer Protagonisten vor dem Leser aus. So wurden die Träume von einem besseren Leben, der Wunsch einfach dazu zu gehören greifbar und nachvollziehbar. Nicht so überzeugend empfand ich die (Zweck-)Ehe von Ada und Ben. Dramaturgisch passte sie gut ins Geschehen, andererseits passte diese Entscheidung so gar nicht zu Bens Charakter, für den es immer nur um Alles oder Nichts ging, Ada für Alles jedoch nicht bereit war. Ihre Geschichte hat mich, besonders zum Ende hin, sehr berührt. Gern hätte ich sie noch ein Stück auf ihrem Weg begleitet.
Beeindruckt war ich besonders von der Beschreibung der historischen Kulisse, dem armseligen Leben der „kleinen“ Juden im zaristischen Russland, den Problemen der Migranten und deren Angst, ausgewiesen zu werden.

„Die Hunde und die Wölfe“ ist kein Liebesroman im klassischen Sinn. Durch die genaue Darstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse ließe sich dieser Roman schon fast ins historische Genre einordnen, zumal die Liebesgeschichte, die sich durch die Handlung zieht, überhaupt nicht süßlich verkitscht anmutet.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

Irène Némirovsky wurde 1903 als Tochter eines reichen russischen Bankiers in Kiew geboren und kam während der Oktoberrevolution nach Paris. Dort studierte sie französische Literatur an der Sorbonne. Irène heiratete den weißrussischen Bankier Michel Epstein, bekam zwei Töchter und veröffentlichte ihren Roman “David Golder”, der sie schlagartig zum Star der Pariser Literaturszene machte. Viele weitere Veröffentlichungen folgten. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach und die Deutschen auf Paris zu marschierten, floh sie mit ihrem Mann und den Töchtern in die Provinz. Während der deutschen Besetzung erhielt sie als Jüdin Veröffentlichungsverbot. In dieser Zeit arbeitete sie an einem großen Roman über die Okkupation. Am 13. Juli 1942 wurde Irène Némirovsky verhaftet und starb wenige Wochen später in Auschwitz. 2005 entzifferte Némirovskys Tochter Denise Epstein das Manuskript, das als „Suite française“ veröffentlicht und zur literarischen Sensation wurde.

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