Karthauses Bücherwelt …

4. Juni 2012

Husch Josten – Das Glück von Frau Pfeiffer

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Das Glück von Frau Pfeiffer

Josten, Husch

Gebundene Ausgabe: 212 Seiten

Verlag: Berlin University Press

ISBN-13: 978-3862800247

 

London während der Finanzkrise. Lee und Bruno sind Freunde, dicke Freunde. So verwundert es auch nicht, dass Lee ihren Freund in die Geschichte mit Frau Pfeiffer hineinzog. Auf der Straße schnappte Lee, deren Marotte es seit einiger Zeit war, die öffentlich geführten Telefonate ihrer Mitmenschen zu protokollieren, ein Gespräch von Emma, Frau Pfeiffers Haushälterin, auf. Dabei erfuhr sie, dass Emma, nun schon seit Jahrzehnten bei der inzwischen 99-jährigen Frau Pfeiffer in Diensten, die Nase voll hat, die alte Dame sich selbst überlassen und nun ihre eigenen Wege gehen will. Lee war entsetzt und sah in Gedanken die alte Frau schon qualvoll sterben. Sie setzte alles daran, sie ausfindig zu machen. Das gelang ihr auch recht schnell. Gemeinsam mit Bruno eilten sie zu Frau Pfeiffer und wurden von ihr, zu Lees großer Verwunderung, schon erwartet. Die alte Dame war putzmunter, hatte jedoch ein Problem, sprich, eine Leiche im Keller und Lee sollte ihr helfen.
„Das Glück von Frau Pfeiffer“ war mein erstes Buch dieses Verlages und es bestach zuerst durch sein geschmackvolles Äußeres. Nur ein Lesebändchen hätte ich mir noch gewünscht, aber bei dem nicht so dicken Buch braucht man es auch nicht unbedingt. Auch Husch Josten war mir als Autorin nur dem Namen nach bekannt. Nachdem ich den Klappentext gelesen hatte, war ich auf einiges gefasst, aber dieses unterhaltsame, zu Herzen gehende, teilweise skurril-komische, dann wieder todernste Buch hat mich auf Angenehmste überrascht. Mit sehr viel Empathie zu ihren vier Hauptfiguren baute Husch Josten unzählige Geschichten und Anekdoten in die Handlung ein und so nach und nach verdichtet sich das Ganze zu diesem wunderbaren Buch. Als Leser findet man eine sehr ausgewogene Mischung aus feinem Humor und Tiefgang vor. Es ist aufgrund der schönen, leichten und warmherzigen Sprache der Autorin sehr flüssig zu lesen, es gibt viele Ansatzpunkte, um seinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Als ich das Buch nach seinen 212 Seiten zuklappte, machte sich zwar eine gewisse Nachdenklichkeit, aber auch eine große Zufriedenheit in mir breit.
„Das Glück von Frau Pfeiffer“ ist eines meiner Jahreshighlights, gedanklich kehre ich gern zurück zu Lee und Bruno, Frau Pfeiffer und Emma. Sie waren mit ihren runden Charakteren, in der natürlichen Melange von Stärken und Schwächen, so lebensecht beschrieben, dass sie mir zu guten Bekannten wurden, die ich nur ungern gehen ließ. Wer angenehme Unterhaltung mit Tiefgang sucht, wird mit diesem Buch sicher angenehme Lesestunden verbringen können.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Husch Josten, geboren 1969 in Köln, reist und schreibt als freie Autorin. Ihr erster Roman In Sachen Joseph erschien 2010 bei der bup und wurde für den aspekte-Literaturpreis nominiert.

Ich danke der Berlin University Press für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

3. Juni 2012

Joyce Carol Oates – Vergewaltigt. Eine Liebesgeschichte

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Vergewaltigt. Eine Liebesgeschichte

Oates, Joyce Carol

Originaltitel: Rape. A Love Story

Broschiert: 165 Seiten

Verlag: Fischer (Tb)

ISBN-13: 978-3596167074

 

“In dem Moment, da deine Mutter und du ins Bootshaus im Rocky Point Park geschleift wurdet, fing dein Leben im Danach an. Nie wieder würdest du im Davor leben. Die Zeit deiner Kindheit war für immer vorbei, weit weg wie eine Szenerie, die man von ferne betrachtet, die wie Nebel entschwindet vor deinen sehnsüchtigen Augen.”

Am 4. Juli, dem Unabhängigkeitstag der USA, wird in Niagara Falls gefeiert. Für Teena Maguire und ihre 12-jährige Tochter, Bethie ist es spät geworden, sie sind auf dem Weg nach Hause, als sie in einem dunklen Park einer Gruppe unter Drogen stehender junger Männer begegnen. Es wird gepöbelt, gerempelt, gegrapscht, beide werden in ein Bootshaus gezerrt und schließlich wird Teena von den Männern auf brutalste Weise vergewaltigt und danach, als sie nicht einmal mehr wimmern konnte, blutüberströmt, dem Tod näher als dem Leben, liegengelassen. Bethie konnte einen unachtsamen Moment der Täter ausnutzen und sich verstecken. Sie war es auch, die, nach dem die Männer verschwunden waren, Hilfe holte. So konnte Teena Maguire überleben.

Dies ist nicht das erste Buch, in dem sich Joyce Carol Oates mit dem Thema Gewalt auseinandersetzt, in diesem Fall geht es um Gewalt gegenüber Frauen. Teena ist Opfer und das in mehrfacher Hinsicht, da ist zum einem die Gruppenvergewaltigung, andererseits ist sie ein Opfer der Menschen, die auf die Geschehnisse, mit Worten, wie: sie hat es ja herausgefordert und sie wollte es nicht anders oder sie hat es für Geld getan, reagieren und damit psychisch gegenüber Teena Gewalt anwenden. Aber für mich ist sie auch ein Opfer us-amerikanischer Justiz, sie kann schließlich nicht beweisen, dass sie es nicht wollte.

Joyce Carol Oates erzählt ihre 165 Seiten umfassende Novelle in einem stakkatoartigen Stil in kurzen und kürzesten Kapiteln aus unterschiedlichen Blickwinkeln, hauptsachlich aber aus der Sicht Bethies. Der Erzählstil war zu Beginn ein wenig gewöhnungsbedürftig. Aber dann las ich fast atemlos die Schilderungen der Tat und der Zeit danach. Die endgültige Wirkung setzte jedoch erst ein, als ich das Buch beendet hatte und über das Gelesene nachdachte. Es hallt noch heute in mir nach. Es ist eines dieser Bücher, die man nicht so schnell vergisst. Die Autorin beschreibt das Geschehen direkt, ohne zu beschönigen, ohne ein Blatt vor dem Mund zu nehmen und ohne den Leser zu schonen, aber auch ohne das letzte Detail der Tat zu erwähnen. Sie verurteilt nicht nur Gewalt und Voreingenommenheit, sie prangert auch das Rechtssystem der USA an, in dem scheinbar noch ausschließlich die Männer das Sagen haben. Sehr gerieben habe ich mich an der Figur des John Dromoor. Einst kämpfte er im Golfkrieg, heute ist er als Cop im Einsatz. Er ist die Lichtgestalt, der Helfer in der Not und der allgegenwärtige Heilsbringer. Bethie verliebt sich schlagartig in ihren Retter und für ihn wird der Fall schnell mehr als nur ein Fall, er wird immer tiefer in das Geschehen involviert. So kommt es zu einem Ende, das ich so nicht erwartet hätte und das mich nicht so richtig zufrieden stellt. Warum das so ist, kann ich an dieser Stelle leider nicht ausführen, da ich auf Spoiler verzichten möchte. Der von einem Widerspruch geprägte Titel erschließt sich dem Leser bei der Lektüre, ob er in jedem Fall nachvollziehbar ist, sei dahingestellt. Er war wirkungsvoll genug, mich zum Kauf dieses Buches anzuregen.

“Vergewaltigt. Eine Liebesgeschichte“ ist ein Buch, das berührt, erschüttert und tief unter die Haut geht. Wer sich dem stellen möchte, dem möchte ich es empfehlen und ans Herz legen.

 Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Joyce C. Oates, geb. 1938 in Lockport (NY), zählt zu den bedeutendsten amerikanischen Autorinnen der Gegenwart. Für ihre zahlreichen Romane und Erzählungen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem National Book Award. Joyce C. Oates lebt in Princeton, New Jersey, wo sie Literatur unterrichtet.

5. Mai 2012

T. C. Boyle – Wenn das Schlachten vorbei ist

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Wenn das Schlachten vorbei ist

T. C. Boyle

Originaltitel: When the Killing`s Done

Gebundene Ausgabe: 464 Seiten

Verlag: Carl Hanser Verlag

ISBN-13: 978-3446237346

Naturschützer vs. Tierschützer

Der Mensch als Schützer von Natur und Umwelt, so sieht T. C. Boyle seine Helden in seinem neuen Roman mit dem martialisch anmutenden Titel „Wenn das Schlachten vorbei ist“. Auf den Channel Islands vor der kalifornischen Küste ist die Umwelt empfindlich gestört worden. Das ökologische Gleichgewicht wurde durch eingeschleppte Ratten und Schweine aus dem Gleichgewicht geraten. Zwei Gruppen von Umweltschützern mit entgegengesetzten Auffassungen liefern sich nun einen erbitterten Kampf. Soll man die eingeschleppten Tiere gnadenlos töten oder hat jedes Tier, auch das eingeschleppte, letzten Endes eine Daseinsberechtigung, auch wenn das die Vernichtung des ursprünglichen Tierbestands und der Pflanzenwelt zur Folge hätte.

Dieser Roman war mein erster des Autors T. C. Boyle. Nicht sofort konnte ich mich in der Handlung zurechtfinden. Begann der Roman doch mit einem in der Vergangenheit liegenden Schiffbruch. Aber schnell wurden die Zusammenhänge klar und das Buch ließ mich nicht mehr los. Die Grundfrage des Romans ‘Wie viel Tierschutz verträgt die Natur?’ mag auf den ersten Blick etwas verwirrend klingen. Aber je weiter man sich durch den Roman liest, desto nachvollziehbarer werden die Positionen von Natur- und Tierschützern. Als Leser beginnt man, sich selbst Fragen zu stellen und wird schnell feststellen, dass deren Beantwortung alles andere als leicht ist. Und somit ist auch die Lektüre dieses Romans nicht unbedingt leichte Kost. Das bezieht sich aber keineswegs auf den Schreibstil des Autors, sondern ausschließlich auf das Thema, bei dessen Behandlung es schon mal “gut zur Sache geht”. Der Roman ist in zwei Teile untergliedert. Kern des ersten sind die Bemühungen, die Insel Anacapa von eingeschleppten Ratten zu befreien. Im zweiten Teil sollen die Schweine, die durch Siedler auf die Nachbarinsel Santa Cruz gebracht wurden, entfernt werden. Beide Tierarten haben sich durch ihre invasive Vermehrung, es fehlte ihnen an natürlichen Feinden, den Lebensraum erobert und bedrohen inzwischen die einheimische Fauna und Flora. In immer wieder eingeschobenen kleinen Geschichten, wird berichtet, wie diese Tiere auf die Inseln kommen und dort Fuß fassen konnten.

Die beiden Hauptpersonen, Alma und Dave, sind in ihren völlig konträren Ansichten sehr glaubhaft beschrieben. Bei beiden hat man das Gefühl, sie handeln aus innerer Überzeugung, aus Berufung. Dabei sind sie lebensecht mit Stärken, Schwächen und Ängsten gezeichnet. Boyle schreibt neutral und für den Leser erscheinen die Positionen beider Seiten gut nachvollziehbar.

Das Buch hatte ein paar Längen, aber wirklich gelangweilt habe ich mich beim Lesen nie, denn Boyle ist ein guter, sprachgewaltiger Erzähler und weiß auch mit scheinbar Nebensächlichem den Leser gut zu unterhalten.

Wie nebenbei vermittelt T. C. Boyle dem Leser umfangreiches Wissen über Ökologie, das Zusammenspiel von Fauna und Flora. Er regt zum Nachdenken an, will aber an keiner Stelle belehren. Ich vermag nur ansatzweise zu erahnen, welch umfangreiche Recherchen hinter diesem Roman stecken mögen.

Romane, die den Erhalt des Ökosystems unserer Erde thematisieren scheinen gegenwärtig gefragt zu sein. Wenn sie es schaffen, die Menschen ein wenig wachzurütteln, haben sie ihre volle Daseinsberechtigung. Dieser Roman macht das und ist dazu äußerst lesens- und empfehlenswert.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

T. C. Boyle, geb. 1948 in Peekskill, New York im Hudson Valley, war Lehrer an der dortigen High-School und publizierte während dieser Zeit seine ersten Kurzgeschichten. Heute lebt er in Kalifornien und unterrichtet an der University of Southern California in Los Angeles Creative Writing.

Dieses Buch habe ich mit einer sehr lieben Lesefreundin begonnen, leider konnten wir es nicht gemeinsam beenden.

Servus, liebe Christine, danke für deine Freundschaft, ich werde dich immer in bester Erinnerung behalten,
du warst so eine starke Frau.

30. April 2012

Téa Obreht – Die Tigerfrau

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Die Tigerfrau

Téa Obreht

Originaltitel: The Tiger`s Wife

Gebundene Ausgabe: 416 Seiten

Verlag: Rowohlt Berlin

ISBN-13: 978-3871347122

“Alles, was nötig ist, um meinen Großvater zu verstehen, liegt zwischen zwei Geschichten: der von der Tigerfrau und der von dem Mann, der nicht sterben konnte.” (S. 43)

Natalia Stépanovic ist eine junge Ärztin und gerade in humanitärer Mission in einem Waisenhaus im Südosten Europas im Einsatz, als sie durch einen Anruf ihrer Großmutter vom Tod des Großvaters erfährt. Natalia wusste von seiner Krebserkrankung, trotzdem kam sein Tod für sie überraschend, so wie der Tod eines geliebten Menschen immer zu früh kommt. So gehen ihre Gedanken immer wieder zurück zu der gemeinsam verbrachten Zeit, dabei tauchen immer wieder die geheimnisumwitterten Geschichten vom Mann, der nicht sterben konnte und der Tigerfrau in ihrem Kopf auf, die ihr der Großvater einst erzählte.

Eine Weile habe ich wegen der angekündigten fantastischen und mystischen Elemente gezögert, bevor ich zu diesem Buch griff. Aber dieses Zögern war vollkommen überflüssig. Téa Obreht legt mit „Die Tigerfrau“ ein beachtliches Romandebüt vor. Sie schafft es, dem Leser eine geheimnisvolle Welt zu eröffnen, in der Mythen zur Tradition gehören und diese fest im Leben der Menschen verankert ist. Obwohl Natalia, ihre Hauptfigur, eine moderne, gebildete junge Frau ist, hat auch sie tief in ihrem Herzen Platz für die alten Geschichten des Großvaters, aus dessen Leben die Autorin Episoden heraufbeschwört. Dieses Buch lebt von den Gegensätzen, Tradition und modernes Leben, Krieg und Hoffnung, Leben und Tod, die durch den Großvater eng miteinander verbunden sind. Dieser Roman, den ich für mich in die Liste meiner „Wohlfühlbücher“ aufgenommen habe, ist sprachgewaltig und kraftvoll erzählt, trotzdem voller Poesie und tiefer philosophischer Gedanken. Immer wieder schweifen beim Lesen die Gedanken ab und folgen den in der Geschichte verwendeten Metaphern. Téa Obreht hat es geschafft mit ihren Worten Bilder zu malen, die in meinem Kopf lebendig wurden. Die von ihr geschaffenen Figuren sind voller Leben. In ihrer Erzählung bewegt sie sich auf verschiedenen Zeitebenen, das macht die Geschichte so besonders reizvoll. Ich wage nach meiner ersten Lektüre dieses Buches zu behaupten, dies ist einer dieser Romane, die mit jedem Lesen besser werden. Man wird immer wieder neue Details erkennen, denen man zuvor nicht die Bedeutung beigemessen hat. Die Magie des Buches wird den Leser immer mehr in seinen Bann ziehen.

„Die Tigerfrau“ ist ein Roman von Leben und Tod, eine Familiengeschichte, eine Liebesgeschichte – kurz, ein wunderbares, psychologisch ausgefeiltes, reifes Werk einer jungen Autorin.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Téa Obreht, geboren 1985 in Belgrad, lebt seit ihrem zwölften Lebensjahr in den USA. Dort veröffentlichte sie erste Erzählungen u.a. im “New Yorker”, in “Harper‘s” und der “New York Times”. Ihr Debütroman “Die Tigerfrau” (2011), der in den USA und England zu einem sensationellen Überraschungserfolg wurde, erscheint in mehr als dreißig Sprachen. Im Sommer 2011 erhielt Téa Obreht den Orange Prize for Fiction, im Herbst wurde “Die Tigerfrau” für den National Book Award nominiert.

16. April 2012

Maurizio Maggiani – Himmelsmechanik

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Himmelsmechanik

Maurizio Maggiani

OT: Meccanica Celeste

Gebundene Ausgabe: 368 Seiten

Verlag: Edition Nautilus

ISBN-13: 978-3894017514

“Wenn wir über das sprechen, was kommen wird, erzählen wir von dem, was gewesen ist, und je weiter wir uns voranwagen, desto mehr graben wir im Vergangenen.” (S. 57)

Der im gesamten Roman unbekannt bleibende Erzähler zeugte mit seiner Frau Nita in der Nacht, in der Barack Obama zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt wurde, ein Kind. Nita geht fest davon aus, dass das Kind, sie rechnet fest mit einer Tochter, an Maria Himmelfahrt, am 15. August 2009, zur Welt kommt. In dieser Zeitspanne berichtet der Erzähler über die Menschen und ihre Geschichte(n) in seinem Umfeld, die eng zusammen gehören und eine eingeschworene Gemeinschaft bilden. Dabei sind historische Ereignisse lediglich Eckpunkte der Handlung.

Marizio Maggiani führt den Leser nach Norditalien, in ein Tal, in dem die Uhren noch anders ticken, in dem die Menschen noch Zeit haben und für einander da sind. Er erzählt mit viel Liebe zum Detail vom bescheidenen Leben der einfachen Leute. Mir wuchsen die Dorfbewohner mit ihren Eigenheiten schnell ans Herz. Immer wieder schweifte der Erzähler mit seinen Gedanken ab in die Vergangenheit. Er schwelgt in Erinnerungen und bringt dem Leser damit die Lebensart in der abgelegenen Garfagnana nahe. Er erzählt von den Ereignissen die die Einwohner prägten, die sie zu dem machten was sie sind. Wie mit Hilfe der Himmelsmechanik in der Astronomie die Bewegung von Himmelskörpern beschrieben wird, so beschreibt Maurizio Maggiani die Bewegungen und Beziehungen der Bewohner der norditalienischen Garfagnana für den außerhalb dieses Kosmos stehenden Leser. Schnell hatte ich das Gefühl, der Unbekannte erzählt mir persönlich die Geschichten, die ihm von Land und Leuten wichtig sind.

Dieses Buch ist mehr als nur ein schön geschriebener Roman, es ist eine wundervolle Liebeserklärung an eine Region und deren Menschen mit einer sehr ansprechenden wunderbaren Sprachmelodie. Es enthält ein Glossar und ist von der Gestaltung her sehr ansprechend.

Ich empfehle diesen Roman jedem, der eher die leisen Töne bevorzugt, dem der Sinn nach Tiefe in den Gedanken steht und der Menschen mit all ihren Eigenarten und Schrullen in einer abgeschiedenen Region begegnen möchte. Mit diesem Roman wurde mein Augenmerk auf einen Autor gelenkt, von dem ich mir noch viele ähnlich bezaubernde Bücher erhoffe.

Ich danke Edition Nautilus für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Maurizio Maggiani, geb. 1951 in Castelnuovo Magra, hat u.a. als Gefängnislehrer, Erzieher von blinden Kindern, Fotograf, Kameramann und Regieassistent gearbeitet, bevor er fast zufällig ein erfolgreicher Schriftsteller wurde. Bei Edition Nautilus erschienen der Roman Reisende in der Nacht (2007), die Erzählungen Die Liebe ist ein Schwindel (2004, Literaturpreis »Scrivere per amore«) und der Roman Königin ohne Schmuck (2001).

29. März 2012

Abbas Khider – Die Orangen des Präsidenten

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Die Orangen des Präsidenten

Abbas Khider

Gebundene Ausgabe: 160 Seiten

Verlag: Edition Nautilus

ISBN-13: 978-3894017330

“Meine Mutter weinte, wenn sie sehr glücklich war. Sie nannte diesen Widerspruch “Glückstränen”. … Ich erfand eine neue, melancholische Art des Lachens. Man könnte es als “Trauerlachen” bezeichnen. Diese Entdeckung machte ich, als mich das Regime packte und in Ketten warf.” (S. 5)

 Irak 1989. Nach der letzten Abiturprüfung wurde Mahdi Hamama von seinem Freund Ali zur Feier des Tages zu einer Spritztour eingeladen. Ali hatte sich ein Auto geborgt – von den falschen Freunden. Bei einer Polizeikontrolle wurden beide festgenommen und inhaftiert. Eine Verhandlung oder ein Urteil gab es nicht. Mahdi verbringt 2 Jahre im Gefängnis voller Schikanen, Demütigungen, Hunger und Folter bevor. Er flüchtet in seine Rolle als Geschichtenerzähler und kann so wenigstens in Gedanken den Schrecknissen entfliehen.

Abbas Khider hat mit „Die Orangen des Präsidenten“ einen wirklich beeindruckenden Roman vorgelegt. Betrachtet man die Biografie des Autors, so wird deutlich, wie nahe an der Realität dieses Buch angelegt sein muss. Denn Abbas Khider war selbst aus politischen Gründen zwei Jahre in irakischer Haft. Wortgewaltig und ausdrucksstark beschreibt er die elenden Verhältnisse, die Schrecken der Folter, die Erniedrigung, den ständigen Hunger, die Ausweglosigkeit und das Ausgeliefertsein. Dabei liest sich der Roman ausgenommen flüssig. Die Geschichte ist in zwei sehr gegensätzliche Handlungsstränge aufgeteilt. Man erlebt den entsetzlichen Gefängnisalltag einerseits, andererseits folgt der Leser der den Geschichten aus Mahdis Kindheit, wie der von Sami, dem Taubenzüchter, oder der des Geschichtslehrers und Übersetzers Razaq’s. Diese schrecklichen Erlebnisse verbunden mit den Erzählungen aus unbeschwerten und sorglosen Kindertagen machen in ihrem Zusammenspiel den besonderen Reiz dieses wunderbaren Romans aus, der ein Stück irakischer Zeitgeschichte widerspiegelt und der auch Tage nach Beendigung der Lektüre aufgrund seiner Glaubwürdigkeit noch nachwirkt.

„Die Orangen des Präsidenten“ gibt ein bewegendes Zeugnis von Willkür und Gewaltherrschaft ab, das den Leser aber nicht in der Hoffnungslosigkeit zurücklässt. Es ist ein sehr informatives und zugleich äußerst lesenswertes Buch, das nachhaltig beeindruckt. Ich kann es uneingeschränkt empfehlen.

Mein besonderer Dank gilt der Edition Nautilus für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

 Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren. 1996 floh er nach einer Verurteilung aufgrund »politischer Gründe« und nach einer zweijährigen Gefängnisstrafe aus dem Irak. Von 1996 bis 1999 hielt er sich als illegaler Flüchtling verschiedenen Ländern auf, seit 2000 lebt er in Deutschland. Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft in München und Potsdam. Lyrik in verschiedenen Publikationen. Zurzeit lebt Abbas Khider in Berlin. Mit seinem vielbeachteten Debütroman Der falsche Inder (Herbst 2008), den er in deutscher Sprache verfasste, war er auf vielen Literaturveranstaltungen zu Gast, so auf dem Erlanger Poetenfestival 2008, der LitCologne 2009, den 6. Coburger Literaturtagen 2009, dem Internationales Literaturfestival Berlin 2009. Von der Heinrich-Böll-Stiftung erhielt er eine Einladung zu einem Festival in Beirut (April 2009), vom Goethe-Institut zu Lesungen in Jordanien und Syrien (Mai 2009). 2009 erhielt er das Alfred-Döblin-Stipendium der Akademie der Künste Berlin, vom Deutschen Literaturfonds bekam er außerdem ein Arbeitsstipendium der Autorenförderung (2009-2010). Seit 2010 ist Abbas Khider Mitglied des PEN. Im März 2010 wurde Abbas Khider mit dem Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis geehrt.

25. März 2012

Titus Müller – Tanz unter Sternen

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Tanz unter Sternen

Titus Müller

Gebundene Ausgabe: 400 Seiten

Verlag: Karl Blessing Verlag

ISBN-13: 978-3896674562

1912. Schon in Berlin kreuzen sich die Wege der Barfußtänzerin Nele Stern, des Pastors Matheus Singvogel, seiner Frau Cäcilie und deren gemeinsamen Sohn Samuel sowie des undurchsichtigen britischen Jounalisten Lyman Tundales. Die Ehe von Matheus und Cäcilie steckt in einer tiefen Krise, wenn nicht gar in einer Sackgasse. Cäcilie ist die Tochter des kaiserlichen Hofbankiers Dellbrück und hat weit unter ihrem gesellschaftlichen Stand geheiratet. Sie wollte beweisen, dass ihr Geld und dekadenter Lebenswandel nichts bedeuten. Aber in ihrer Rolle als Frau eines Pastors ist sie auch nicht glücklich. Der Ehemann geht voll und ganz in seinem Beruf auf und kann weder ihr noch dem Sohn die nötige Aufmerksamkeit zukommen lassen. Sie sehnt sich aber nach einem starken Mann, an den sie sich lehnen kann. Matheus wird aber immer mehr zum eingebildeten Kranken. Ihre Streitereien tragen sie auf den Schultern des Jungen aus, der unter Gleichaltrigen ein Außenseiter ist und unter der familiären Situation leidet. Sehr gelegen kommen Cäcilie da die Avancen des Briten Lyman Tundale. Als Matheus eine Einladung des Moody Bible Instituts in Chicago erhält, kauft er für die Überfahrt Tickets 2. Klasse für die Jungfernfahrt der Titanic und ist stolz, seiner Frau auch ein wenig Luxus bieten zu können. Nele Stern ist eine ehrgeizige Tänzerin. Aber bei ihrem ersten Soloauftritt im Berliner Varieté Wintergarten scheitert sie, für das Publikum ist sie zu prüde. Als sie auch in Paris kein Engagement bekommt, kauft sie für die Titanic ein Ticket 3. Klasse und will in Amerika einen Neuanfang wagen. Auch Lyman Tundale, der sich schnell als britischer Spion entpuppt ist auf der Titanic und versucht Cäcilie mit den Annehmlichkeiten der 1. Klasse zu beeindrucken.

Zum 100. Jahrestag des Untergangs der „Titanic“ legt Titus Müller seinen neuen Roman „Tanz unter Sternen“ vor. Bisher spielten seine Romane in früheren Zeiten, aber auch diesem jüngeren Thema hat er sich gekonnt genähert. Sehr bildhaft schildert er das Leben und den Alltag im Berlin des Jahres 1912. Man bekommt durch Nele Stern und ihr Umfeld einen Einblick in das Alltagsleben der armen Leute, die ihr tägliches Brot hat arbeiten müssen. Die Mittelschicht, vertreten durch die Familie Singvogel, hat bereits einen viel höheren Lebensstandard erreicht. Es geht nicht mehr nur um das Sattwerden, sie können sich auch schon kleinen Luxus leisten. Die Eltern von Cäcilie Singvogel, die Bankiersfamilie Dellbrück, stehen für die Dekadenz und das ausschweifende Leben der Oberschicht. So rundet sich aus sozialer Sicht das Bild, das in meinem Kopf entstand, vollends ab. Deutlich wird auch der Ehrgeiz der „kleinen“ Leute, die die gesellschaftliche Treppe empor steigen möchten und die Arroganz der Oberen, die zu ihrem Reich keinen Zutritt gewähren wollen. Über all dem schwebt die latente Kriegsstimmung und die sich zuspitzende Situation zwischen den Großmächten. Durch seine gekonnte, der Zeit angemessene Wortwahl und die angenehme sprachliche Gestaltung des Romans kommt auch beim Leser das Gefühl für die Zeit auf, nach wenigen Seiten fühlte ich mich dazugehörig. Ich hörte die Champagnergläser klingen und das Rascheln edler Stoffe in der 1. Klasse ebenso, wie ich die bedrückende Enge der 3. Klasse empfand. Auch seine Protagonisten hat Titus Müller sehr facettenreich charakterisiert. Alle hatten Stärken und Schwächen. Ihr Handeln war nachvollziehbar und, was ich ganz besonders schätze, sie machten im Laufe der Handlung eine Entwicklung durch. Sie durchlebten innere Kämpfe und mussten sich in der Katastrophe auf ihre eigene charakteristische Weise bewähren. Einzig Lyman Tundale erschien mir etwas stereotyp. Sehr geschickt flocht der Autor die Ereignisse, die zum Untergang der Titanic führen in die Handlung mit ein.

„Tanz unter Sternen“ ist in 5 logische Abschnitte gegliedert, die zum inhaltlich Geschehen sehr gut gewählt sind. Lediglich den letzten Abschnitt, in dem der Autor die Geschichte der das Unglück Überlebenden zu Ende bringt, hätte ich mir etwas weniger skizzenhaft gewünscht. Aber da ich mich oft an den Schlussszenen von Romanen reibe, ist das wohl meinem persönlichen Geschmack zuzuschreiben.

„Tanz unter Sternen“ ist ein wirklich gelungener Roman über ein ziemlich bekanntes Thema. Trotzdem fand ich den Reiz des Unbekannten, weil der Autor die Szenerie aus neuen Blickwinkeln betrachtete. Dieser historische Roman bietet alles was ich von einem solchen erwarte, historische Genauigkeit, Spannung, Unterhaltung und neue Erkenntnisse.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Titus Müller, geboren 1977 in Leipzig, studierte in Berlin Literatur, Geschichtswissenschaft und Publizistik. 1998 begründete er die Literaturzeitschrift “Federwelt”. 2002 war er Mitbegründer des Autorenkreises Historischer Roman “Quo vadis”. Im gleichen Jahr veröffentlichte er, 24 Jahre jung, seinen ersten Roman: “Der Kalligraph des Bischofs”. Es folgten sechs weitere historische Romane wie “Die Brillenmacherin” (2005), “Das Mysterium” (2007) und zuletzt “Die Jesuitin von Lissabon”. Titus Müller wurde mit dem C. S. Lewis- Preis und den Sir Walter-Scott-Preis ausgezeichnet.

14. März 2012

William Boyd – Eine große Zeit

Einsortiert unter: 2012,Belletristik — Karthause @ 18:24
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Eine große Zeit

William Boyd

Originaltitel: Waiting for Sunrise

Gebundene Ausgabe: 480 Seiten

Verlag: Berlin Verlag

ISBN-13: 978-3827010667

1913-1915. Lysander Rief, ein junger und kurz vor der Hochzeit stehender Schauspieler aus London, kam nach Wien, um sich durch eine Psychoanalyse seines sehr speziellen Problems zu entledigen. Im Wartezimmer von Dr. Bensimon lernte er Hettie Bull kennen und verliebte sich in sie. Hettie gewährte Lysander Eintritt die Wiener Künstlerszene und in ihr Bett, zeigte ihn dann aber wegen Vergewaltigung an. Zwei britische Agenten retteten ihn vor der Verurteilung und dem Gefängnis, fordern aber später Spionage für Großbritannien als Gegenleistung von ihm.

Mit „Eine große Zeit“ ist William Boyd ein wirklich großer Roman gelungen. Spannung, Zeitgeschichte und Unterhaltung verbindet der Autor auf sehr gekonnte Art und Weise. So war es nicht schwer, die Zeit um 100 Jahre zurückzudrehen, um sich in Lysander Riefs Welt zu orientieren. Detailliert und authentisch beschreibt Boyd seine Handlungsorte und schon nach kurzer Lesezeit baute sich die Kulisse des Romans vor dem inneren Auge auf. Dem „Kopfkino“ stand nichts mehr entgegen. Mit Lysander Rief wurde ein glaubwürdiger und sympathischer Held geschaffen, den man als Leser gern durch die Stationen seines Lebens begleitet, mit dem man mitfiebert und –hofft. Aber auch die anderen handelnden Personen waren gut gezeichnet und Kinder ihrer Zeit. Die Handlung war spannungsgeladen. Durch die zwei Erzählebenen, in einer berichtet ein Erzähler und in den „Autobiographischen Untersuchungen“ schildert der Protagonist seine persönlichen Eindrücke, erhält der Leser eine komfortable Außen- und Innenwahrnehmung der Handlung und der Persönlichkeiten. Dadurch wurde es förmlich möglich mit den Protagonisten die Handlung zu erleben. Das Zusammenspiel von fein gezeichneten Charakteren, spannender Handlung und hervorragenden Beschreibungen von Ort und Zeit erfüllen den Zeitraum von 1913 – 1915 mit Leben und lassen den Leser in der Vergangenheit auftauchen, so dass er das Gefühl hat, Augenzeuge zu sein. So schafft er es auf beeindruckende Weise ein wirklichkeitsnahes Zeitgefühl zu vermitteln. Wie nebenbei erklärt der Autor dabei auch noch politische Hintergründe und den Stand der Technik zu Beginn des Ersten Weltkrieges.

Sprachlich ist der Roman von William Boyd auf einem hohen Niveau angesiedelt, kraftvoll und mitreißend, das findet man bei diesem Genre eher selten, deshalb ist es besonders erwähnenswert.

„Eine große Zeit“ ist ein echter Boyd. Mich hat das Buch gefesselt und aufs angenehmste unterhalten. Dieser Roman bekommt meine uneingeschränkte Leseempfehlung.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

William Boyd, 1952 in Ghana geboren, gehört zu den überragenden europäischen Erzählern der Gegenwart. Er schreibt Romane, Kurzgeschichten und Drehbücher und wurde vielfach ausgezeichnet.William Boyd lebt mit seiner Frau in London und Südfrankreich.

21. Februar 2012

Jan Brandt – Gegen die Welt

Einsortiert unter: 2012,Belletristik — Karthause @ 14:05
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Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

Ein Dorf in Ostfriesland, Kühe grasen auf den Wiesen, ab und zu zerreißt der Lärm eines Tieffliegers die Stille. Hinter den getrimmten Tujenhecken des Neubauviertels blühen die Blumen, in den Auffahrten glänzen frisch gewachste Neuwagen.

In diese Welt wird Mitte der Siebzigerjahre Daniel Kuper, Spross einer Drogistendynastie, hineingeboren. Ein schmächtiger, verschlossener Junge mit viel zu viel Fantasie und zu wenigen

Möglichkeiten. Doch bald geschehen seltsame Dinge: Mitten im Sommer kommt es zu heftigem Schneefall, ein Kornkreis entsteht, ein Schüler stellt sich auf die Bahngleise, Hakenkreuze tauchen an den Hauswänden auf. Für all das wird Daniel Kuper verantwortlich gemacht. Und je mehr er versucht, die Vorwürfe zu entkräften, desto stärker verstrickt er sich in ihnen. Daniel Kuper beginnt einen Kampf gegen das Dorf und seine Bewohner. Sie sind es, gegen die er aufbegehrt, und sie sind es, gegen die er am Ende verliert. Gegen die Welt ist ein großer deutscher Roman: über die Wende in Westdeutschland, über Popkultur in der Provinz und über Freundschaften, die nie zu Ende gehen.

Meine Meinung

Jan Brandt erzählt in seinem beachtenswerten Debütroman die Geschichte des im fiktiven ostfriesischen Jericho lebenden Daniel Kuper. Der Leser begleitet Daniel rund 20 Jahre lang. Er sieht ihn aufwachsen, beobachtet ihn bei Jungenstreichen und begleitet ihn durch seinen Alltag. Durch häufige Perspektivwechsel ermöglicht es Jan Brandt dem Leser, das gesamte Umfeld des Jungen kennenzulernen und zu erfahren, wie er auf andere Menschen wirkt. Eigentlich ist er ein ganz normales Kind – mit ein bisschen viel Fantasie und nur wenigen Möglichkeiten, diese in die richtigen Bahnen zu lenken. So werden ihm von den Bewohnern Jericho’s schnell alle möglichen sonderbaren Ereignisse zur Last gelegt, Nazischmierereien, Schneefall im Sommer, Kornkreise. Je mehr er versucht, seine Unschuld zu beweisen, umso mehr zieht er die Verdachtsmomente auf sich. Er wird zum Außenseiter und wirkt schon wie ein junger Don Quichote, der einen Kampf gegen Windmühlenflügel oder auch gegen die Welt aufgenommen hat. Mit großer Liebe zum Detail, man kann es auch fast schon als Detailversessenheit nennen, beschreibt der Autor das Leben in der Kleinstadt, charakterisiert die Bewohner, bis man schlussendlich glaubt, man kenne die Gegend, ihre Menschen und wäre den Weg vom Bahnhof zur Drogerie Kuper selbst schon x-mal gegangen. Das mag einerseits ein Vorteil sein, denn es schafft Nähe, andererseits entstehen durch die Ausführlichkeit unweigerlich Längen, die den Lesefluss hemmen. Besonders die schier endlosen und im ganzen Roman vorkommenden Aufzählungen haben meinen guten Gesamteindruck doch etwas getrübt. Ungewohnt, weil unüblich, ist auch das Layout des Romans. Er beginnt und endet mit jeweils 6 unbedruckten Seiten. Andere Seiten sind nur zum Teil mit Text gefüllt. In einer ganzen Passage existieren in einem oberen und einem unteren Teil unterschiedliche Handlungsstränge. Dann wieder verblasst das Druckbild.

Ungezählte Male gibt es Verweise auf Musik, Bücher und Filme der damaligen Zeit. Das lässt das Buch authentisch wirken, denn der Leser begibt sich in Gedanken auf die gleiche Zeitebene wie die Protagonisten.

Für mich ist “Gegen die Welt” ein unkonventionelles, mutiges Buch, das die Experimentierfreudigkeit eines jungen Autors belegt, der zum Teil mit Althergebrachtem und literarischem Einerlei bricht. Trotz meiner Kritik wird Jan Brandt bei mir nicht in Vergessenheit geraten. Auf einen neuen Romanen von ihm bin ich sehr gespannt.

Über den Autor (Quelle: Dumont Verlag)

Jan Brandt, geboren 1974 in Leer (Ostfriesland), studierte Geschichte und Literaturwissenschaft in Köln, London und Berlin und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Seine Erzählungen sind in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und im WOCHENENDE der Süddeutschen Zeitung erschienen.

26. Januar 2012

22 Britannia Road – Amanda Hodgkinson

Einsortiert unter: 2012,Belletristik — Karthause @ 19:15
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Janusz und Silvana lernen sich Ende der 1930er Jahre in Warschau kennen und lieben. Sie heiraten und bekommen ihren Sohn Aurek. Dann überfällt 1939 Deutschland Polen und nichts ist für die kleine Familie mehr wie es war. Janusz kämpft gegen die Deutschen. Er wird von seiner Truppe getrennt und nutzt die Gelegenheit zur Flucht. Gemeinsam mit seinen zwei Begleitern schlägt er sich über Frankreich bis nach Großbritannien durch. Silvana muss mit ihrem Sohn aus Warschau fliehen, sie ist ganz auf sich gestellt und muss eine lange Zeit mit dem Kind im Wald verbringen. Sie durchlebt eine Zeit unvorstellbarer Schrecken und Ängste.
6 Jahre nachdem sich Janusz und Silvana zum letzten Mal sahen, stehen sie sich nun in England wieder gegenüber. Janusz hat alles daran gesetzt, seine Frau und seinen Sohn zu finden. In Ipswich hat er in der 22 Britannia Road ein Nest für sie vorbereitet. Er hat schon gut Fuß gefasst in der neuen Heimat und will britischer als die Briten selbst sein. Aber die Jahre der Trennung haben beide entfremdet. Aurek ist schwer traumatisiert. Alle haben eine eigene, schwierige Vergangenheit, von der sie sich nur schwer lösen und über die noch schlechter miteinander reden können. Das Gestern liegt wie ein dunkler Schatten über ihnen und auch das Heute legt ihnen große Hürden in den Weg. Der Neustart der Familie gestaltet sich äußerst schwierig. Aber die Probleme liegen nicht nur im Vergangenen, die Folgen der langen Trennung reichen bis in die Gegenwart und bereiten Silvana und Janusz Probleme. Das größte ist wohl die Sprachlosigkeit. Sie hat Schwierigkeiten mit der Eingewöhnung, er will ein perfektes britisches Leben führen. Die Situation beginn zu eskalieren, als Silvana an Janusz gerichtete Briefe einer Frau findet und auch sie von einem anderen Mann umworben wird.
Mit ihrem Erstling legt Amanda Hodgkinson ein starkes, beachtenswertes Buch vor. Sie erzählt die Geschichte einer kleinen polnischen Familie, die nach 6 Jahren Trennung 1946 in Ipswich wieder zusammen findet. Auf eine sehr eindringliche Weise beschreibt sie nachvollziehbar die Entfremdung, die es zwischen den Eheleuten gibt. Sie lässt die Leser in eine kranke Kinderseele schauen und macht damit das Leiden des kleinen Aurek greifbar, der sich an seine Mutter wie ein Ertrinkender klammert und zu dem Janusz nur ganz langsam Zugang bekommt. Für das Verständnis der Protagonisten lässt sie den Leser immer wieder zurück blicken, damit erschließt sich einem ganz langsam die harte Vergangenheit der drei und ihre Gedanken und Reaktionen werden (größtenteils) verständlich, wodurch der Roman eine ganz besondere Tiefe und Kraft erfährt. „22 Britannia Road“ lässt sich trotz der schweren Thematik wunderbar leicht lesen. Diese Familiengeschichte wird von der Autorin ruhig und stetig in der Handlung fortschreitend erzählt. Sie ist emotional, aber keineswegs rührselig geschrieben. Besonders beeindruckt hat mich die Beschreibung der Nachkriegszeit in Ipswich. Amanda Hodgkinson hat mit ihrem Roman ein wirklich gelungenes Sittenbild dieser Zeit gezeichnet. Ein Glücksgriff gelang dem Verlag bei der Auswahl des Coverbildes. Das äußere Erscheinungsbild und der Inhalt des Buches sind vollkommen harmonisch.
„22 Britannia Road“ ist ein Buch, dass sich wie im Flug lesen ließ und dessen Thematik den Leser zwar emotional beansprucht, aber nicht zu gefühlsbetont ist. Ich habe diesen Roman sehr gern gelesen und damit wieder eine Autorin gefunden, deren weitere Werke ich gespannt erwarte.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Amanda Hodgkinson, geboren in Burnham-on-Sea in Somerset/England, aufgewachsen in Essex and Suffolk, studierte Creative Writing an der University of East Anglia. Sie lebt im Süden Frankreichs auf dem Land mit ihrem Mann und zwei Töchtern. »22 Britannia Road« ist ihr erster Roman.

19. Januar 2012

In Zeiten des abnehmenden Lichts – Eugen Ruge

Einsortiert unter: 2012,Belletristik — Karthause @ 19:52
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Alexander Umnitzer hat eine niederschmetternde Diagnose bekommen. Krebs. Inoperabel. Wie soll er sich da noch um seinen demenzkranken Vater kümmern. Wie auf der Flucht reist er überstürzt nach Mexiko, in das Land, in das seine Großmutter Charlotte und ihr Mann Wilhelm Powileit, beides Kommunisten und mit Machtübernahme der Nazis in die Sowjetunion geflüchtet, auf Anordnung der KPdSU im Zweiten Weltkrieg emigrierten. Ihre Söhne Kurt und Werner blieben in der UdSSR zurück. Diese wurden wegen Kritik am Hitler-Stalin-Pakt im Jahr 1941 zu langjähriger Lagerhaft in Sibirien verurteilt. Werner verschwindet dort von der Bildfläche und gilt als verschollen, Kurt heiratet, inzwischen wurde das Urteil in Verbannung gemildert, die Sanitäterin Irina. Mit ihr und dem gemeinsamen Sohn Alexander kommt er 1956 nach Neuendorf bei Berlin zu Charlotte und Wilhelm, die im Jahr 1952 in die DDR kamen, um dort ihren Beitrag zum sozialistischen Aufbau zu leisten.

Mit „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ erzählt Eugen Ruge eine sich an den Geschehnissen in seiner eigenen Familie orientierte Familiengeschichte in zwanzig Kapitel. Dabei geht er nicht chronologisch vor, sondern berichtet episodenhaft, sich in der Geschichte hin und her bewegend. Trotz größerer Zeitsprünge war es nicht problematisch sich zu orientieren, über welche Mitglieder der vier Generationen umfassenden Familie berichtet wird. Dank der mit den Jahreszahlen überschriebenen Kapitel konnte man sich als Leser die Zeitfolge problemlos selbst erlesen. Dreh- und Angelpunkt der Handlung bilden der 1. Oktober 1989 und das Jahr 2001. Zu diesen Daten kehrt Ruge immer wieder zurück, um die Ereignisse an Wilhelm Powileits 90. Geburtstag (1989) und Alexanders Mexiko-Reise (2001) aus verschieden Blickwinkeln zu betrachten.
Mehrfach spiegelt sich der Titel im Roman wieder. Viele der Episoden sind im Herbst angesiedelt. Der Kommunismus, der von Charlotte und Wilhelm als höchstes Ziel angesehen wird, verliert von Generation zu Generation an Bedeutung, bis er für Alexanders Sohn, der in seiner eigenen Computerwelt lebt, nicht mehr existent ist. Auch die Gesundheit der Protagonisten ist ähnlich einer herunterbrennenden Kerze. Alexander ist an Krebs erkrankt, sein Vater Kurt hat die Demenz fest im Griff. Irina war Alkoholikerin und Wilhelm und Charlotte – weil ich zu viel verraten würde, schweige ich dazu an dieser Stelle.
Eugen Ruge erzählt diese Geschichte über die mit der Gesellschaftsordnung untergehenden Familie sehr ruhig und sachlich, aber nicht ohne Wortwitz. Dabei ließ er historische Ereignisse eher am Rande einfließen und achtete mehr auf deren Auswirkungen auf die Familie, deren Mitglieder sehr überzeugend charakterisiert wurden. Das Buch lies sich sehr flüssig lesen, die Sprache Eugen Ruges empfinde ich als ausgesprochen angenehm. Als besonders positiv möchte ich hervorheben, dass der Roman weit ab von jeglicher Ostalgie und der Verklärung alter Zeiten geschrieben wurde. Damit hebt er sich wohltuend von anderen ähnlich gelagerten Romanen ab. Eugen Ruge ist mit „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ ein wirklich großer Familienroman gelungen, dem ich noch viele interessierte und begeisterte Leser wünsche.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Eugen Ruge, 1954 in Soswa (Ural) geboren, studierte Mathematik an der Humboldt-Universität und wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Physik der Erde. Er war beim DEFA-Studio für Dokumentarfilm tätig, bevor er 1988 aus der DDR in den Westen ging. Seit 1989 arbeitet er hauptberuflich fürs Theater und für den Rundfunk als Autor und Übersetzer. 2009 wurde Eugen Ruge für sein erstes Prosamanuskript «In Zeiten des abnehmenden Lichts» mit dem Alfred-Döblin-Preis, 2011 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.

12. November 2011

Andreas Eschbach – Herr aller Dinge

Einsortiert unter: 2011,Belletristik — Karthause @ 16:21
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Herr aller Dinge
Andreas Eschbach
Gebundene Ausgabe: 688 Seiten
Verlag: Bastei Lübbe
ISBN-13: 978-3785724293

Bereits als 10-jähriger lernt Hiroshi Kato Charlotte Malroux kennen. Er ist der Sohn der Wäscherin der französischen Botschaft in Japan und lebt in sehr einfachen Verhältnissen. Sein Vater ist ein US-Amerikaner, weder Hiroshi noch seine Mutter haben Kontakt zu ihm, sie wissen nicht einmal, ob er noch am Leben ist. Charlotte lebt als Tochter des französischen Botschafters dagegen mit allen nur denkbaren Annehmlichkeiten. Trotz der großen Unterschiede in den Lebensverhältnissen und dem Widerstand der Eltern freunden sich beide an. Aber Hiroshi hat eine Vision, könnte er diese verwirklichen, wäre die Armut von der Erde verbannt. Sie lässt ihn nicht mehr los und von nun an arbeitet er ehrgeizig an der Realisierung seines Traums. Jahre später trifft er Charlotte wieder, vor allem ihr möchte er beweisen, dass sein Traum Wirklichkeit werden kann.

Der Roman beginnt mit der Kindheitsgeschichte von Hiroshi und Charlotte. Die Handlung plätscherte gemächlich dahin, gut zu lesen, ein Roman eben, der recht unterhaltsam ist. Andreas Eschbach ließ dem Leser viel Zeit, sich in der Welt seiner Protagonisten zurechtzufinden und ihnen zu nähern. Die Figuren und das Leben, dass sie führen, erscheinen realistisch und leicht nachzuvollziehen. Die Charaktere sind vielfältig, nicht unbedingte Sympathieträger oder Gutmenschen. Sie haben erkennbare Vorzüge und Schwächen. Hiroshi ist ein Einzelgänger und Charlotte findet ihren Platz im Leben nicht. Hiroshi wächst heran, beginnt dann irgendwann sein Studium und die ganze Geschichte erschien mir eigenartig einfach, ohne den Eschbach eigenen, besonderen Kick. Aber nach gut 300 Seiten kommt deutlich mehr Spannung in das Geschehen, spürbar verlagert der Autor den Schwerpunkt auf die Vision Hiroshis, die Armut zu besiegen. Damit führt er eine Vielzahl von Themen ein, die zu besprechen einerseits zu weit gehen würde und andererseits zu viel vorweg nehmen würde. Gleichzeitig löst sich Eschbach auf diese Weise vom Stil seiner bisherigen Bücher. Als Leser wird man in dem Sog der Handlung mitgerissen. Man erlebt die Helden als real agierende Wesen in Situationen und Umgebungen, die so kühn erdacht und beschrieben sind, dass sie schon wieder erschreckend deutlich vorstellbar werden. Ich hätte nie gedacht, dass mich ein Roman der schon offensichtlich zukunftsweisend ausgerichtet und mit so vielen wissenschaftlich-technischen Details behaftet ist, je so fesseln würde. „Herr aller Dinge“ ist ein sehr komplexes Werk, bei dem mich besonders die gut durchdachte Themenvielfalt begeistert hat. Keines der Themen stand abstrakt für sich, alle waren miteinander logisch verbunden und wurden schlüssig abgearbeitet. Auch die actionlastigen Szenen passten gut in das Gesamtkonzept des Buches. Vor allem konnte ich endlich von Andreas Eschbach einen Roman lesen, dessen Ende mich wirklich überzeugte, für mich wäre ein anderes undenkbar, allerdings kam das dann auch wieder ein wenig schnell, bedenkt man die vielen Seiten, die der Autor für die Einführung seiner Personen und Ideen nutzte.

Was wie ein Jugendbuch beginnt, entwickelt sich im Laufe der Zeit zu einem rasanten, anspruchsvollen, genreübergreifenden Roman, wie ich ihn bisher noch nicht gelesen habe. Es ist kein Buch für zwischendurch. Man muss bereit sich auf diesen Roman einzulassen. Für mich war es ein Leseerlebnis der besonderen Art.

 Autorenporträt (Quelle: buecher.de)
Andreas Eschbachs schriftstellerische Karriere begann mit einem Umweg: In Stuttgart studierte er Luft- und Raumfahrttechnik, wechselte dann ins EDV-Fach und arbeitete als Geschäftsführer einer IT-Beratungsfirma. Obwohl er schon früh mit dem Schreiben begonnen hatte, erschien sein erster Roman, “Die Haarteppichknüpfer”, erst 1995, als Eschbach bereits 36 Jahre alt war. Dann folgten moderne Klassiker wie “Solarstation”, “Das Jesus-Video”, “Kelwitts Stern”, “Das Marsprojekt”, “Quest”, “Eine Billion Dollar”, “Exponentialdrift”, “Der letzte seiner Art”, “Der Nobelpreis” oder “Ausgebrannt”. Eschbach wurde mehrfach mit dem “Deutschen Science Fiction Preis” ausgezeichnet sowie mit dem “Kurd-Laßwitz-Preis”. Auch international ist ihm inzwischen der Durchbruch gelungen, seine Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und sind auch in den USA erfolgreich. Eschbach lebt seit 2003 mit seiner Frau in der Bretagne.

3. November 2011

Michael Köhlmeier – Die Musterschüler

Einsortiert unter: 2011,Belletristik — Karthause @ 17:37
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Die Musterschüler
Michael Köhlmeier
Taschenbuch: 608 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN-13: 978-3423138000

In einem katholischen Heim für männliche Gymnasiasten in Tirol herrschten Anfang der 1960er Jahre harte Sitten. Vor den Ferien mussten sich die Jungen Lateinprüfungen stellen und sich mit guten Noten die Heimfahrt verdienen. Vor den Ferien zu Allerheiligen 1963 fand diese Prüfung für Gebhard Malins Klasse als Folge eines Jungenstreichs gar nicht erst statt. Damit waren die freien Tage für alle gestrichen. Nach drei Wochen intensivstem Lateinstudium wurde die Prüfung nachgeholt. Der Präfekt und Lateinlehrer erwartete sehr gute Leistungen, die auch alle erzielten – außer Gebhard Malin, eigentlich ein sehr guter Lateinschüler, er bekam ein „Nicht genügend“ bescheinigt. Wieder wird vom Präfekten eine Kollektivstrafe verhängt, keine Heimreise bis zum Weihnachtsfest, kein Besuch, kein Essen in den nächsten zwei Tagen, die Jungen sollen beweisen, dass sie eine Gemeinschaft sind. Dann kommt von ihm noch die Aufforderung: „Züchtigt ihn!“
25 Jahre später werden die damals beteiligten Jungen von einem unbenannt bleibenden Erzähler zu dem Vorfall befragt. Keiner will mehr so recht wissen, was damals geschah, wer das Heft in die Hand nahm, die Schuld der Einzelnen ist verdrängt worden, das Erinnern fällt schwer und ist unangenehm.
Michael Köhlmeier ist für mich ein großer Erzähler. Seine Bücher sind schwer vergleichbar, gerade das mag ich an seinem Stil. Mit „Die Musterschüler“ habe ich eine wahre Herausforderung gefunden. Die Seiten flogen nicht so dahin beim Lesen. Ich musste mir das Buch erarbeiten. Mundgerecht war es wirklich nicht, aber trotzdem fand ich es beeindruckend. Köhlmeier erzählt die Geschichte nicht geradlinig, sondern eher verwinkelt und konstruiert. Er weicht immer wieder vom roten Faden ab und schiebt neue, aber auch bereits bekannte Episoden aus dem Schul- und Heimalltag ein. Die häufigen Wiederholungen, die mitunter auch nur um kleinste Informationen verändert wurden, lassen den Roman mitunter etwas zäh erscheinen. Besonders ist auch die Erzählform des Romans, der Autor schrieb ihn in Form eines Interviews. Fragen und Antworten wechselten sich ab. Erst ganz zum Schluss bekommt der Leser einen Hinweis darauf, wer der Fragende sein könnte. Aber worum geht es in diesem Roman? Es geht um Schuld, um die Schuld des Einzelnen, mehr jedoch um die Schuld der Gemeinschaft und es geht um die Verantwortung, die aus der Schuld heraus übernommen werden muss. Es geht aber auch um die Rolle von Außenseitern, die Gruppendynamik und die Schuld von Höherstehenden, in diesem Falle, die des Präfekten. Assoziationen zu Morton Rhue’s „Die Welle“ blieben dabei nicht aus.
Durch die Frage-Antwort-Situation kommt schnell ein Gefühl der Vertrautheit und Nähe zu den ehemaligen Schülern auf. Doch gibt es auch immer wieder Überraschungsmomente, die eine neue Sicht auf die Geschehnisse vor 25 Jahren erlauben.
„Die Musterschüler“ ist ein interessanter, überzeugend real wirkender und nachdenklich machender Roman, der stellenweise dem Leser einiges an Geduld abverlangt. Am Ende hat sich das Durchhalten dennoch gelohnt.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Michael Köhlmeier, geboren 1949, wuchs in Hohenems/Vorarlberg auf, wo er auch heute lebt. Für sein Werk wurde der österreichische Bestsellerautor unter anderem mit dem Man s-Sperber-Preis, dem Anton-Wildgans-Preis und dem Grimmelshausen-Preis ausgezeichnet.

27. August 2011

Theresa Révay – Die weißen Lichter von Paris

Einsortiert unter: 2011,Belletristik — Karthause @ 16:52
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Petersburg, Paris, Berlin 1917-1945. Die im Jahr 1917 15-jährige Xenia Ossolin, Tochter des russischen Gardegenerals Fjodor Sergejewitsch Ossolin, wuchs bis zur Oktoberrevolution behütet und in einer heilen Welt auf. Als dann aber ihr Vater erschossen wurde, war sie gezwungen mit ihrer jüngeren Schwester Mascha, dem neugeborenen Bruder Kyrill, ihrer von Schwangerschaft und Entbindung geschwächten Mutter, die die Flucht nicht überlebte, und ihrem Kindermädchen über Odessa nach Paris zu fliehen. In Paris lebten die Emigranten unter ärmlichsten Verhältnissen, Xenia musste allein für die Familie sorgen und arbeitete als Näherin für ein Pariser Modehaus. Nur mit viel Mühe und mit zusätzlichen Näharbeiten, an denen die ganze Familie saß, schafften sie es zu überleben. Ihre Verhältnisse besserten sich erst als ein Modemacher Xenia kennen lernte und sie unter seine Fittiche nahm. Schnell wurde sie zum gefeierten Mannequin. So traf sie dann den deutschen Fotografen Max von Passau. Für ihn war Xenia die Liebe seines Lebens, aber sie hatte in ihrem Leben schon zu viel Schreckliches erfahren und zu viele Verluste beklagen müssen, um sich ganz auf ihn einlassen zu können.

Liest man die Kurzbeschreibung dieses Romans oder schaut man das Cover an, meint man, einen leichten, kitschigen Liebesroman vor sich zu haben. Aber der in „Die weißen Lichter von Paris“ gespannte Bogen geht weit darüber hinaus und die Liebesgeschichte ist nur ein Teil dieser umfassenden Familiensaga. Die Autorin thematisiert die Russischen Revolution, die Glamourwelt der Pariser Modeszene, die verrückten 1920er Jahre in Paris und Berlin, die politisch aufgeladene Situation der ausgehenden Weimarer Republik, den Fanatismus im Dritten Reich und die Widerstandsbewegung gegen das Naziregime sowie die Okkupation Frankreichs durch Nazideutschland. Der geschichtliche Hintergrund ist sehr gut recherchiert leicht verständlich ausgebreitet worden und so eng mit der Romanhandlung verknüpft, dass der Leser in einer atmosphärisch dichten Erzählung, die immer wieder durch Anekdoten von realen Persönlichkeiten aufgelockert wird, gefangen ist. Theresa Révay ist ein Konglomerat aus einem historisch korrekten Roman, einem Politthriller und einer gefühlvollen Liebesgeschichte gelungen. Sie scheut sich nicht, die Gräueltaten aus den bewegten Zeiten der Oktoberrevolution und dem Dritten Reich zu schildern und die daraus resultieren Ängste darzulegen. Aber auch die zarten Gefühle einer entstehenden Liebe werden von der Autorin sehr feinfühlig beschrieben. Aufgrund ihrer Fähigkeit politische Situationen einfach zu erklären und ihre Protagonisten wirklichkeitsnah agieren zu lassen, ist mit diesem Roman ein beeindruckendes Zeit- und Gesellschaftsbild entstanden. Theresa Révays öffnet dem Leser ein Fenster in die damalige Zeit, indem sie gelebtes und nicht doziertes Geschichtswissen vermittelt. Auch die Charakterisierung der Vielzahl ihrer Figuren ist ausgesprochen gut gelungen, alle sind Menschen mit guten und schlechten Eigenschaften, psychologisch ausgefeilt und nicht schablonenhaft. Dabei ist eine Unterscheidung von Realität und Fiktion kaum möglich. Die Lebensumstände der Protagonisten wirken sehr realistisch, die Gefühle sind nachvollziehbar und glaubhaft. Man kann mit Xenia, Mascha, Kyrill, Max, Sarah, Marietta, Kurt und Gabriel mitfühlen und ihre Entscheidungen, auch wenn sie nicht immer richtig sind, nachvollziehen, nichts wirkt künstlich oder aufgesetzt.

Als einzigen Kritikpunkt sehe ich, die im Buch immer wieder vorkommenden Ausblicke auf künftiges Geschehen. Da verlor sich die leichte, elegante Sprache der Autorin und steigerte sich ein wenig ins Pathoshafte.

Der Roman hat meine Erwatungen an ein gutes Buch voll erfüllt. Historische Genauigkeit, durchgehende Spannung, eine unaufdringliche Liebesgeschichte, die zum einem nicht kitschig und zum anderen nicht bis in alle Details ausgearbeitet ist, beiläufige, nicht wertende Wissensvermittlung und ein sehr angenehmer Erzählstil machen diesen Roman aus. Zum Glück liegt schon mit „Der Himmel über den Linden“ für mich bereit, so brauche ich mich von den liebgewonnenen Protagonisten nur ein paar Minuten trennen.

4. August 2011

Zsuzsa Bánk – Die hellen Tage

Einsortiert unter: 2011,Belletristik — Karthause @ 17:30
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Die hellen Tage
Zsuzsa Bánk
Gebundene Ausgabe: 540 Seiten
Verlag: Fischer
ISBN-13: 978-3100052223

Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

In einer süddeutschen Kleinstadt erlebt das Mädchen Seri helle Tage der Kindheit: Tage, die sie im Garten ihrer Freundin Aja verbringt, die aus einer ungarischen Artistenfamilie stammt und mit ihrer Mutter in einer Baracke am Stadtrand wohnt.

Aber schon die scheinbar heile Welt ihrer Kindheit in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts hat einen unsichtbaren Sprung: Seris Vater starb kurz nach ihrer Geburt, und Ajas Vater, der als Trapezkünstler in einem Zirkus arbeitet, kommt nur einmal im Jahr zu Besuch. Karl, der gemeinsame Freund der Mädchen, hat seinen jüngeren Bruder verloren, der an einem hellblauen Frühlingstag in ein fremdes Auto gestiegen und nie wieder gekommen ist.

Es sind die Mütter, die Karl und die Mädchen durch die Strömungen und Untiefen ihrer Kindheit lotsen und die ihnen beibringen, keine Angst vor dem Leben haben zu müssen und sich in seine Mitte zu begeben.

Zsuzsa Bánk erzählt die Geschichte dreier Familien und begleitet ihre jungen Helden durch ein halbes Leben: Als Seri, Karl und Aja zum Studium nach Rom gehen, wird die Stadt zum Wendepunkt ihrer Biographien und zur Zerreißprobe für eine Freundschaft zwischen Liebe und Verrat, Schuld und Vergebung.

 Meine Meinung

Die hellen Tage behalte ich, die dunklen gebe ich dem Leben zurück.“

Zsuzsa Bánk entführt die Leser ihres Buches in süddeutsche Kirchblüt in den 1960er Jahren. Sie erzählt die Geschichte dreier Kinder, besser gesagt, die Geschichten derer Familien. Alle haben eines gemein, sie müssten mit Verlust und Abschied zu leben. Über mehr als 20 Jahre begleitet man die drei Protagonisten auf dem Weg durchs Leben.

Das Buch ist in einer wunderschönen einfühlsamen, fast schon poetischen Sprache geschrieben, die leider nicht über die eine oder andere Länge in der Handlung, besonders in der zweiten Hälfte, hinweg täuschen kann. Ein wenig kritisch sehe ich die Entwicklung der Hauptfiguren, denn dies ist schließlich auch ein Roman über das Erwachsenwerden. Weder ihre Persönlichkeiten noch ihre Freundschaft entwickeln sich weiter, ganz im Gegensatz zu ihren Müttern. Aber alle Kritikpunkte werden überlagert von den schönen Bildern der hellen Kindheitstage, einem Kinderparadies, das es heute nur noch selten gibt. Ich habe das Buch mit viel Freude gelesen und empfehle es gern weiter.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Zsuzsa Bánk, geboren 1965, arbeitete als Buchhändlerin und studierte anschließend in Mainz und Washington Publizistik, Politikwissenschaft und Literatur. Heute lebt sie als Autorin in Frankfurt am Main. Für ihren ersten Roman »Der Schwimmer« wurde sie mit dem aspekte-Literaturpreis, dem Deutschen Bücherpreis, dem Jürgen-Ponto-Preis, dem Mara-Cassens-Preis sowie dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet. Für die Erzählung ‘Unter Hunden’ erhielt sie den Bettina-von Arnim-Preis.

29. Juli 2011

Per Olov Enquist – Kapitän Nemos Bibliothek

Einsortiert unter: 2011,Belletristik — Karthause @ 18:26
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Kapitän Nemos Bibliothek
Per Olov Enquist
Originaltitel: Kapten Nemos bibliotek
Broschiert: 236 Seiten
Verlag: Fischer
ISBN-13: 978-3596176366

Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

In einem kleinen nordschwedischen Dorf, in dem die Armut das Regiment führt, werden 1934 an einem Tag zwei Jungen geboren. Jahre später kommt heraus, dass die beiden vertauscht wurden und bei den falschen Eltern aufwuchsen. Die Kinder werden an die leiblichen Eltern zurückgegeben, was sich aber als Tragödie erweist. Einer der beiden versucht als Erwachsener, sich Klarheit über das tragische Geschehen zu verschaffen. Er hält sich in einer Heilanstalt auf und sieht in seiner verzweifelten Rekonstruktion der Ereignisse einen letzten Versuch zur Selbstrettung.

Meine Meinung

„Kapitän Nemos Bibliothek“ ist die Geschichte zweier Jungen, die nach der Geburt vertauscht und Jahre später aus ihren Familien herausgerissen wurden, damit das Versehen rückgängig gemacht wurde.

Aus Erinnerungsfetzen aneinandergereiht, so setzt sich, je weiter man sich durch dieses Buch liest, Puzzleteil mit Puzzleteil zusammen und erst am Ende des Romans ergibt sich ein (fast) vollständiges Bild. Zu Beginn haderte ich etwas mit dieser Erzählweise, weil ich zu schnell viel mehr erfahren wollte. Man musste sich bewusst auf diesen Stil einlassen und seinen Gedanken Zeit geben. Im Nachhinein betrachtet, finde ich diese fragmentarische Erzählweise genial, spiegelt sie doch nicht zuletzt die innere Zerrissenheit des Erzählers auch Jahre nach dem Rücktausch wider.

Immer wieder flüchtet sich der Ich-Erzähler in seine Suche nach Gott und in seine Fantasiewelt, die Bibliothek von Jules Vernes Kapitän Nemo, weil er sonst das Leben nicht aushalten würde.

Der gesamte Roman war durch eine äußerst bedrückende Atmosphäre gekennzeichnet. Es war kein bisschen Frohsinn oder Hoffnung darin zu finden. Das machte es mir auch schwer eine gewisse Lesefreude zu entwickeln, zumal dieses unendlich traurige, auf mich sehr intensiv und verstörend wirkende Buch seine geballte Wirkung auch erst nach der Lektüre entfaltet. Es hat mich lange, nachdem ich es zurück ins Regal gestellt habe, noch sehr bewegt und wird keineswegs das letzte Buch des Autors gewesen sein, dem ich meine Aufmerksamkeit schenken werde.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Per Olov Enquist, geboren 1934 in Nord-Schweden, lebt in Stockholm. Er arbeitete als Theater- und Literaturkritiker und zählt heute zu den bedeutendsten Autoren Europas. Für seinen international erfolgreichen Roman “Der Besuch des Leibarztes” (Bd. 15404) wurde er in Leipzig mit dem Deutschen Bücherpreis 2002 ausgezeichnet.

22. Juli 2011

Sabrina Janesch – Katzenberge

Einsortiert unter: Bücher,Belletristik — Karthause @ 11:09
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Katzenberge
Sabrina Janesch
Gebundene Ausgabe: 273 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag
ISBN-13: 978-3351033194

Nele Leipert, eine junge, in Berlin lebende Journalistin, hat ihre familiären Wurzel im Oberschlesischen. Als sie die Nachricht vom Tod ihres geliebten Großvaters erhielt, führ sich nach Polen zu dessen Beerdigung. Schnell kommen Fragen nach dessen Vergangenheit auf und so beschloss Nele, weiter Richtung Osten zu reisen, in die Ukraine, dem ehemaligen Galizien. Von dort wurde die Familie nach dem 2. Weltkrieg nach Polen vertrieben.

Sabrina Janesch legt mit „Katzenberge“ einen beachtenswerten Debütroman vor. Sie erzählt einerseits die Geschichte der Nele Leipert, die sich selbst als in Deutschland angekommen betrachtet, von den Deutschen und den Polen jedoch immer der anderen Seite zugeordnet fühlt. Viele der beiderseitig gängigen Vorurteile werden bedient und mit den dazugehörigen Klischees ad absurdum geführt. Die Autorin erzählt aber gleichzeitig die Lebensgeschichte von Neles Großvater. Mit Neles Reise ins frühere Galizien lichten sich nach und nach die Schleier, die über dessen Vergangenheit lagen. Durch die gekonnten Beschreibungen fühlt man sich als Leser schnell in die harte Nachkriegszeit hineinversetzt. Gelegentlich hatte ich den Eindruck, dass die verschiedenen Zeiten ineinander verlaufen, ebenso wie die Grenzen zwischen Realem und Mystischem. Diese etwas rätselhaften Elemente haben mich überhaupt nicht gestört, sie stehen für sich und sind nach der Lektüre des Buches selbsterklärend.
Der Roman ist wegen der angenehmen Sprache und der unterschwelligen Ironie sehr gut und flüssig zu lesen. Er besitzt eine ganz eigene Spannung, die es einem schwer machte, das Buch zur Seite zu legen. Die Charaktere sind lebensnah, wenn auch nicht alle bis zur letzten Konsequenz für mich greifbar waren.
Nicht anfreunden konnte ich mich mit den immer wieder im Buch vorkommenden polnischen Redewendungen und Floskeln. Auch ohne diese wären ihm weder Glaubwürdigkeit noch Authentizität verlorengegangen.
„Katzenberge“ ist eine sehr schöne Reise in die Vergangenheit, in dieser Richtung wird die Geschichte erzählt. Schuld, Vertreibung, ein Familienfluch und die große Liebe einer Enkelin zu ihrem verstorbenen, geheimnisvollen Großvater sind die tragenden Pfeiler in diesem Roman, den ich mit viel Freude gelesen habe und gern anderen Lesern empfehle.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Sabrina Janesch studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim, außerdem Polonistik in Krakau. U. a. Gewinnerin des O-Ton Literaturwettbewerbes des NDR, Stipendiatin des Schriftstellerhauses Stuttgart und des LCB. Sie war erste Stadtschreiberin von Danzig und erntete dabei viel Medienaufmerksamkeit. Zurzeit arbeitet sie an ihrem zweiten Roman. www.sabrinajanesch.de

5. Juli 2011

Andrea Busfield – Mauertänzer

Einsortiert unter: 2011,Belletristik — Karthause @ 19:11
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Mauertänzer
Andrea Busfield
OT: Born Under a Million Shadows
Gebundene Ausgabe: 334 Seiten
Verlag: Atrium-Verlag
ISBN-13: 978-3855350438

Kabul nach 2001. Nachdem Taliban das Haus der Familie zerstört hatten, Vater und Bruder töteten und die Schwester verschleppten, fanden Fawad und seine Mutter Unterschlupf bei der Tante. Sie hatten nun zwar ein Dach über dem Kopf, aber das Leben war schwierig und die Schwester der Mutter trug nichts dazu bei, es einfacher werden zu lassen. Von der Arbeit der Mutter konnten sie nicht überleben. So war der 11jährige Fawad gezwungen, den Reichtum der Ausländer umzuverteilen. Dann bekam die Mutter Arbeit und Unterkunft im Haus von drei in einer Wohngemeinschaft lebenden Ausländern. Fortan bildeten James, ein dem Alkohol nicht abgeneigter Journalist, Georgie, die sich als Aufbauhelferin um die Kashmirziegen kümmert und die lesbische May ihre Nachbarn und Arbeitgeber. Fawad lernte eine völlig neue, sehr freizügige Welt kennen. Mit Georgie, die seine Sprache sprach, führte er intensive Gespräche und schnell entwickelte der Junge eine Schwärmerei für die Engländerin, die mit einem einflussreichen Paschtunen liiert war.
Andrea Busfield hat über Jahre hinweg in Afghanistan gelebt, sie kennt das Land und die Mentalität der Menschen. Der Erzähler der Geschichte ist der 11jährige Fawad, der Mauertänzer. Mit seinen Augen und den kindlichen Gedankengängen öffnet die Autorin dem Leser ein Fenster in das gerade von den Taliban befreiten Afghanistan. Der Charme der Naivität eines Kindes ist es dann auch, der das Buch zu etwas Besonderem macht. So wie Fawad in seiner Wohngemeinschaft zwischen Tradition und Moderne steht, ist es ein Sinnbild für das heutige Afghanistan. Alte und bewährte Werte wie Tradition, Familienzusammengehörigkeit und Solidarität werden mit dem unbekümmert freien westlichen Leben gemessen und am Beispiel von Georgies Beziehung zu dem Paschtunen wird aufgezeigt, wie schwierig die Verknüpfung beider Welten ist.
Fawad erzählt viele Anekdoten aus dem Leben der afghanischen Familie und wenn es dann zu Missverständnissen in seinem neuen Lebensumfeld kommt entbehrt das nie einer gewissen Komik. Andererseits werden auch die Auswirkungen der langjährigen Kriege, der Drogen und der ärmlichen Lebensverhältnisse thematisiert.
In dieses Buch wurden sehr viele Themen angerissen und nicht alle logisch bis zum Ende geführt. Über die Authenzität des Buches wage ich nicht zu urteilen. Ich habe es als fiktive Geschichte einer Autorin gelesen, die Land und Leute gut kennt und entsprechend in ihrem Roman verarbeitet.
Ich habe das Buch, dass sich sehr leicht lesen lässt, in einem Rutsch durchgelesen und habe es sehr unterhaltsam gefunden.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Andrea Busfield, Jahrgang 1970, ist britische Journalistin. 2005 erfüllte sie sich einen Traum: Sie zog nach Kabul und arbeitete als Redakteurin bei Sada-e-Azadi (Stimme der Freiheit), von der International Security Assistance Force gegründet. Im Anschluss schrieb sie für die Gulf Times in Qatar, bis sie nach Europa zurückkehrte, um in Wien zu leben.

24. Juni 2011

Zora Del Buono – Big Sue

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Big Sue
Zora del Buono
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Mare
ISBN-13: 978-3866481350

Mit dem Rechercheauftrag zur Sprache westafrikanischer Einwanderer, Gullah, im Gepäck reist die Erzählerin, eine unbenannte deutsche Journalistin, die des Schreibens müde geworden ist und nun Rechercheaufträge ausführt, nach Savannah. Bereits auf dem Flug dorthin lernt sie den schweizer Kunsthistoriker Carl Fenner kennen, der einerseits den Auftrag hat, die Geschichte der Villa auf Humphrey Island und somit die der gesamten Familie aufzuschreiben, andererseits Unannehmlichkeiten in der Heimat aus dem Weg gehen will. Besagte Villa ist, in einem Sumpf liegend, seit Generationen im Besitz der Familie und auch Carl Fenner findet dort Unterkunft. Allerdings muss er mit der Beschränkung leben, die untere Etage nicht zu betreten, auch Bewohner des Hauses trifft er nicht. Nachts dringen aber Geräusche, die eindeutig sexuellen Ursprungs sind, zu ihm durch und er beobachtet das Kommen und Gehen diverser Männer. Die Familiengeschichte der Humphreys erweist sich deutlich komplexer als erwartet.

Mit „Big Sue“ legte Zora del Buono ihren zweiten Roman vor. Auf nur 192 Seiten schafft sie es, eine vielschichtige Familiengeschichte auszubreiten, die manch eine Überraschung für die Beteiligten und die Leser aufweisen kann. Dabei gelingt es ihr , die stickig-schwüle Südstaatenatmosphäre zu transportieren. So ist der Leser schnell gefangen in einem diffizilen Geflecht aus familiären Abgründen, Rache und Leidenschaft. Der Erzählstil ist gefällig und sehr gut lesbar. Sie deutet Irrationales an, das ganz rational erklärt wird. Gezielt eingesetzte Ironie, das Quäntchen Erotik und gelungene Naturbeschreibungen runden das Buch ab. Einzig die Figur des Carl Fenner blieb für mich unzugänglich, farblos, und fremd. Er weckte in mir keinerlei Emotionen, sein Schicksal blieb mir merkwürdig gleichgültig. Da dies aber in totalem Gegensatz zu der Romanhandlung steht, bin ich mir ziemlich sicher, dass dies von der Autorin so beabsichtigt war.

Mit „Big Sue“ wurde ich auf eine mir bisher unbekannte Autorin aufmerksam (gemacht), deren weiteres Schaffen ich mit Interesse verfolgen werden. Dieses atmosphärisch so dichte Buch habe ich mit viel Freude gelesen. Nach dieser Lektüre bleibt mir noch, mich bei meiner lieben Lesefreundin zu bedanken, die mir damit so schöne Lesestunden bescherte.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Zora del Buono, geboren 1962, wuchs in Zürich auf und lebt seit 1987 in Berlin. Nach ihrem Architekturstudium an der ETH Zürich arbeitete sie mehrere Jahre als Architektin und Bauleiterin, bevor sie sich zu einem Berufswechsel entschloss und mit dem Schreiben begann. Sie ist Gründungsmitglied der Zeitschrift mare und betreut das Kulturressort. 2008 erschien im mareverlag ihr erster Roman Canitz Verlangen.

31. Mai 2011

Sara Gruen – Das Affenhaus

Einsortiert unter: 2011,Belletristik — Karthause @ 17:33
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Das Affenhaus
Sara Gruen
Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: Kindler
ISBN-13: 978-3463406022

Isabel Duncan ist Wissenschaftlerin. In einem Institut für Menschenaffen arbeitet sie mit Bonobos, die mittels ASL, einer Gebärdensprache, mit den Menschen kommunizieren können. Über diese Sensation will der Journalist John Thigpen berichten und war deshalb für ein Interview mit Isabel im „Affenhaus“. Als er gerade in die Redaktion zurückgekehrt ist, erfährt er von der Bombenexplosion an dem Institut, in deren Folge Isabel schwer verletzt wurde und die Affen entkamen. War das das Werk der auf dem Parkplatz vor dem Institut demonstrierenden Tierschützer?

Die Grundidee für dieses Buch fand ich großartig und der Roman beginnt, ganz meinen Erwartungen entsprechend, fulminant. Aber dann wurde der Leser immer mehr an Nebenschauplätze geführt und in die sekundäre Handlung verstrickt. Man las von den Karriere- und Eheproblemen des Reporters und von der schwierigen Kindheit Isabels. Diese Handlungsstränge erschienen mir zu ausgedehnt und trotz des guten Plots spielte ich schon mit dem Gedanken, das Buch zur Seite zu legen. Aber dann waren die Bonobos wieder da und die Handlung nahm wieder Fahrt auf. Vieles entwickelte sich zwar vorhersehbar. Aber die Geschichte rund um die Affen hat mich begeistert. Die Idee, die Bobobos im Reality-TV zu präsentieren fand ich stark. Stellenweise hatte ich das Empfinden, Sara Gruen hat ihre tierischen Protagonisten besser charakterisiert als die menschlichen Darsteller. Diese kamen mir mitunter sehr aufgesetzt, manchmal auch farblos vor. Nachdem ich meine Erwartungen etwas zurückgenommen hatte, war das Buch gut zu lesen und bot gute Unterhaltung. Die Geschichte um das Sprachlabor mit den Affen schien mir – als Laien – gut recherchiert zu sein, und wurde von der Autorin spannend umgesetzt. Die Handlung endete mit der gekonnten Zusammenführung aller Handlungsebenen in einem furiosen Finale, das schon filmisch vorbereitet scheint.

Mein Fazit: „Das Affenhaus“ ist ein unterhaltsamer Roman, der mir persönlich zu viel Mensch und zu wenig Affe beinhaltete. Aber er war leicht zu lesen und wäre, würde er in der Mitte um 100 Seiten gekürzt, deutlich besser.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Die gebürtige Kanadierin Sara Gruen zog es zunächst aus beruflichen Gründen in die USA. Als sie dort den Job verlor, begann sie zu schreiben. Ihr dritter Roman, „Wasser für die Elefanten“, wurde einer der größten Überraschungs-Bestseller des Jahrzehnts. Sara Gruen lebt zusammen mit ihrem Mann, drei Kindern, zwei Pferden, zwei Hunden, vier Katzen und einer Ziege in der Nähe von Chicago.

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