Karthauses Bücherwelt …

17. März 2011

Tereza Vanek – Chinatown

Einsortiert unter: 2011,History — Karthause @ 18:36
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Hamburg, Ende der 1920er Jahre. Eigentlich stammte Mai Ling aus einem angesehenen Elternhaus. Dann wurde der Vater politisch verfolgt, die Familie verarmte und Mai Ling wurde die zweite Frau eines chinesischen Händlers. Aufgrund unglücklicher Ereignisse, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte, wurde sie nach Shanghai verkauft und zur Prostitution gezwungen. So erschien es ihr fast schon wie ein Glücksfall, als sie von einem Mädchenhändler an den Zuhälter Liang in Hamburg verkauft wurde. Im Chinesenviertel Hamburgs traf sie auf die junge rothaarige Alexandra. Die wollte als Jazzsängerin Karriere machen, musste aber notgedrungen für ihren Lebensunterhalt als Sekretärin arbeiten, da sich ihre Lebensvorstellungen deutlich von denen der wohlhabenden Eltern unterschieden. Ihnen war das Verhältnis ihrer Tochter zu Sarah, einer jüdischen Anwältin, nicht verborgen geblieben. Nachdem Mai Ling bei einem Besuch bei einem Kunden schwer misshandelt wurde, versteckte Alexandra sie auf Drängen ihrer Freundin bei sich. Langsam kamen sich beide näher.

Romane, deren Handlung hauptsächlich durch eine Liebesgeschichte geprägt sind, finde ich sehr oft langweilig. Ganz anders dieses Buch, denn die erwartete Lovestory entwickelte sich erst recht spät. Zunächst erfuhr der Leser viele Dinge aus dem Leben der Protagonisten, konnte an Höhen und Tiefen ihres Lebens teilhaben und sie in ihrem Handel verstehen lernen. Das Umfeld der Hauptpersonen, das Chinaviertel im Hamburger Hafen, das es wirklich gab, wurde dem Leser ebenso näher gebracht wie die politische Situation. Auch dem Zeitgeist wurde mit Fortschreiten der Handlung immer mehr Rechnung getragen. Empfand ich zu Beginn des Romanes die zeitlichen Gegebenheiten etwas zu wenig betrachtet, so änderte sich das ab der Mitte des Buches grundlegend. Da konnte ich die verrückten 20er Jahre förmlich spüren. Besonders schön und interessant fand ich die Passagen, die sich um den Jazz rankten. Aber auch das Zusammenspiel zwischen den Chinesen und ihre Distanziertheit zu den Einheimischen wurde sehr kompetent beschrieben. Außerordentlich gut hat mir die Charakterisierung von Alexandra gefallen. Sie kämpfte mit allen Mitteln, um die ihr verhasste Stelle als Sekretärin aufgeben und sich ihren Lebenstraum erfüllen zu können. Dazu musste sie eine gescheiterte Beziehung verkraften. Vergessen fand sie im Alkohol. Der Liebesbeziehung zwischen Alexandra und Mai Ling nähert sich Tereza Vanek sehr feinfühlig, vieles wird nur angedeutet und nicht wirklich ausgesprochen. Der Leser darf seine Fantasie bemühen. Abwechselnd wird die Handlung aus der Sicht der beiden Frauen geschildert und immer wieder gibt es höchst interessante und berührende Rückblenden in Mai Lings Vergangenheit.

In einem aufschlussreichen Nachwort klärt die Autorin ihre Leser über die Schnittpunkte ihrer fiktiven Geschichte zur Realität auf, etwas, was ich an historischen Romanen sehr schätze.

Nun freue ich mich auf die weiteren Bücher, die ich von der Autorin noch lesen kann und vielleicht gibt es ja doch einmal einen Roman, der mich als Leser ins ferne China entführt.

 

Über den Autor

Tereza Vanek wurde 1966 in Prag geboren und kam als kleines Kind mit ihren Eltern nach München. Sie studierte Anglistik, Romanistik und Slawistik und promovierte über die Darstellung verbrecherischer Frauen im englischen Drama des 17. Jahrhunderts. Sie arbeitete als Fremdsprachenlehrerin, Übersetzerin, Call Center Agent und Teamassistentin und verkaufte im Internet nostalgische Kleidung, bevor sie sich mit ihrem ersten Roman »Schwarze Seide« einen Traum erfüllte und Schriftstellerin wurde. Tereza Vanek lebt und arbeitet in München.

 

7. März 2011

Sue Harrision – Vater Himmel, Mutter Erde

Einsortiert unter: 2011,Challenge,History — Karthause @ 18:28
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Vor etwa 9000 Jahren auf den Aleuten. Chagak war 13 Jahre alt, als ihr Stamm von dem der Kurzen überfallen wurde. Sie musste mit ansehen, wie alle anderen brutal getötet wurden. War ihr Leben bis eben noch glücklich und voller Hoffnung, sie war endlich eine Frau und mit Robbenfänger verlobt worden, so stand sie nun ganz auf sich gestellt in dem zerstörten Dorf vor den Leichen ihrer Lieben. Sie dachte an Selbstmord und bestattete die Toten. Als sie dann noch ihren kleinen Bruder lebend fand, siegte der Lebenswille in ihr, ihm wollte sie das Leben retten und so fuhr sie mit dem Kanu hinaus aufs Meer, um den Jungen zu dem auf einer entfernten Insel lebenden Großvater zu bringen, in ständiger Angst, auf weitere Krieger aus dem Volk der Kurzen zu treffen. Als sie an einem einsam erscheinenden Strand rastete, traf sie auf den alten, seit Jahren allein lebenden Schamanen Shuganan. Er schnitzte aus Elfenbein Figuren, von denen eine ungeheure Kraft ausging, aber auch er konnte den kleinen Bruder von Chagak nicht retten. Diese beschloss, zu bleiben, aber dann kamen auch auf diese Insel Männer vom Stamm der Kurzen und Mann-der-tötet zwang Chagak, seine Frau zu sein…

Wer weiß schon wie sich das Leben der Ureinwohner vor 9000 Jahren auf den Aleuten gestaltete? Sue Harrison weiß sehr genau davon zu berichten und nach dem Lesen dieses Romans habe ich auch eine recht gutes Bild davon bekommen. Die Autorin hat unter anderem die Sprachen der Ureinwohner Amerikas studiert und insgesamt neun Jahre für diesen Roman recherchiert. Dadurch gelingt es ihr sehr gut, dem Leser eine Vorstellung vom Alltagsleben der Ureinwohner zu vermitteln. Beeindruckend fand ich die Beschreibungen von den ganz alltäglichen Arbeiten mit den steinzeitlichen Hilfsmitteln, die das Leben und das Überleben in diesem lebensfeindlich erscheinenden Lebensraum sicherten. Sie berichtet ausführlich von Ritualen und dem Glauben, von Bräuchen und Eigenarten der Eingeborenen. Stellenweise fand ich diese Beschreibungen etwas ausufernd und für die Handlung zu gewichtig. Auch die Charaktere waren mir ein wenig zu einseitig gezeichnet. Es wurde streng unterschieden in Freund und Feind, in gut und böse. Aber insgesamt betrachtet, war dieser Roman gut und flüssig zu lesen, ist spannend geschrieben und bietet interessante Einblicke in das Leben der Vorfahren der Eskimos, wie es sich zu Urzeiten abgespielt haben könnte. Das Buch beinhaltet zudem noch eine Karte und ein sehr nützliches Glossar, das die im Text verwendeten Begriffe der Ureinwohner erklärt.

„Vater Himmel, Mutter Erde“ ist der erste Teil der Ivory-Carver-Trilogie die weiteren Teile sind „Schwester Mond“ und „Bruder Wind“.

 

Über den Autor (Quelle: Klappentext)

Sue Harrison hat englische Literatur und die Sprachen der Ureinwohner Amerikas studiert. Für „Vater Himmel, Mutter Erde“ hat sie neun Jahre lang recherchiert. – Geographie, Archäologie, Antropologie und Kulturgeschichte der Aleuten. Sue Harrison, 1950 geboren, lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Pickford, Michigan.

22. Februar 2011

Sabine Weigand – Die silberne Burg

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Die silberne Burg
Sabine Weigand
Gebundene Ausgabe: 572 Seiten
Verlag: Krüger, Frankfurt
ISBN-13: 978-3810526649

1390 – 1428. Infolge des Judenschuldenerlasses wurde der jüdische Geldverleiher Levi Lämmlein über Nacht mittellos und musste Nürnberg verlassen. In Köln fand er mit seiner Frau und der Tochter Sara eine neue Heimat. Bereits in ihrer Kindheit freundeten sich Sara und Salo an. Als sie dann Jahre später heirateten, schien das Glück nahezu perfekt und sie waren ihrer silbernen Burg als Ort des Schutzes und des Friedens sowie Stätte des Seelenglücks sehr nahe. Doch schon ein halbes Jahr später starb Salo und nach einem Jahr musste Sara Chajim, den älteren Bruder Salos, heiraten, wie die Tradition es erforderte. Als sie seine Misshandlungen nicht mehr ertragen konnte, floh Sara nach München zu ihrem Onkel Jehuda, der dort ein anerkannter Medicus war. Auch in Sara erwachte das Interesse an der Medizin und nach einigem Zögern wurde Jehuda für seine Nichte zum Lehrmeister.

Ezzo ist der illegitime Sohn des Grafen von Rieden. Nach dessen unerwartetem Tod erhob der Bruder des Grafen Anspruch auf den Besitz, er verbrannte das Testament, woraufhin Ezzo die Burg verließ und sich als Ritter in die Dienste der ungarischen Königin stellte, aber den Kampf um sein Erbe gab er nicht auf.

Ciaran, der irische Mönch, der lange Zeit im Ungewissen über seine Herkunft war, wurde von den Lollarden in die Bestrebungen um eine Reform der katholischen Kirche hineingezogen. Mit einem geheimen Papier von John Wyclif, das seine Eltern hinterließen, machte er sich auf den Weg zu Jan Hus.

Die Wege der drei Protagonisten kreuzten sich. Gemeinsam mit fahrenden Gauklern traten sie die gemeinsame Reise zum Konzil von Konstanz an.

Zu Beginn dieses historischen Romans verlaufen die Handlungsstränge um die Medica, den Ritter und den Mönch parallel. So war ich eine ganze Weile gespannt, was die Drei verbinden könnte. Dieser Ausgangspunkt wurde von Sabine Weigand sehr geschickt gewählt. Der Leser wird Zeuge von christlicher Gewalt bei den Judenpogromen, von Vorurteilen aufgrund des unterschiedlichen Glaubens und von der vorlutherischen Reformationsbewegung innerhalb der katholischen Kirche. Die Autorin gibt aber auch einen sehr guten Einblick in die mittelalterliche Medizingeschichte. So kämpft die jüdische Ärztin Sara, sie ist historisch verbürgt, gegen überlieferte, aber unwirksame Heilmethoden an, die nur dem Geldbeutel der sogenannten Heiler gut taten und setzt mutig und erfolgreich auf Neues. Ausführlich werden jüdische Rituale beschrieben und die Unterschiede und Ähnlichkeiten von jüdischem und christlichem Glauben herausgearbeitet. Aber auch die Geschichte des unter dem Eindruck von John Wyclif’s Lehren stehenden Jan Hus, der für seine offene Kritik an der verweltlichten Kirche und der Lasterhaftigkeit der Kirchenmänner während des Konzils von Konstanz als Ketzer verbrannt wurde, ist in diesem Roman vortrefflich erzählt worden. Wie bereits in den anderen mir bekannten Romanen von Sabine Weigand sind in diesem die Personen sehr natürlich und menschlich mit Stärken und (nicht immer liebenswerten) Schwächen ausgestattet und passen sich auch sprachlich sehr gut ihrer Zeit an. Neben fiktiven Figuren bereicherten zahlreiche historisch verbürgte die Handlung. Aber alle wirkten real und lebensecht und in ihren Gefühlen sehr glaubhaft und nachvollziehbar. Zwischen den einzelnen Kapitel waren immer wieder Zeitdokumente, Behandlungsanweisungen für die Ärzte und Gedichte eingeschoben. Das lockerte die Handlung nicht nur auf sonder erhöhte die Authentizität des Romans. Besonders gut hat mir das Ende des Romans gefallen. Nachdem im Titel und auch zu Beginn der Handlung die silberne Burg thematisiert wurde, findet sich dieses Motiv zum Ende hin wieder und schließt somit den Handlungskreis. Ungewöhnlich, aber sehr gut , fand ich die Erzählperspektive. Die einzelnen Handlungsstränge berichten in der 3. Person von ihren Protagonisten. Die Erzählart wechselt aber in den eingeschobenen Kapiteln, in denen Sara in der Ich-Form direkt ihre Sicht der Dinge schildert.

„Die silberne Burg“ ist ein wirklich hervorragend komponierter und sehr ausgewogener Roman, der alle Anforderungen, die ich an einen wirklich historischen Roman stelle, voll erfüllt. Er ist unterhaltend, spannend, äußerst informativ und historisch korrekt.

Diese Bücher von Sabine Weigand habe ich schon gelesen:

Seelen im Feuer

Die Markgräfin

6. Februar 2011

Tereza Vanek – Die Dichterin von Aquitanien

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Die Dichterin von Aquitanien
Tereza Vanek
Taschenbuch: 704 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag
ISBN-13: 978-3442472260

Frankreich/England in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts. Marie wuchs in ärmsten Verhältnissen auf. Der Spielmann Guillaume, ihr Stiefvater, der sie nach dem frühen Tod der Mutter allein aufzog, legte mehr Wert darauf, sie Lesen und Schreiben zu lehren als ihr die Dinge des Alltags beizubringen. Im Dorf waren sie Außenseiter, sie waren anders alle anderen und über Maries Herkunft wurde getuschelt. Nach seinem Unfall blieb Guillaume gerade noch Zeit ihr die Geschichte ihrer Herkunft zu erzählen. So erfuhr Marie, dass ihre Mutter, eine Magd, mit Geoffry VI., Bruder des englischen Königs Henri II., eine Liaison hatte, dieser für seine illegitime Tochter Geld schickte und ihnen somit das Überleben sicherte. Auf Betreiben Henri II. wurde sie an den Hof geholt und wurde eine der Damen von Königin Aliénor. Doch Maries Aufenthalt am Hof war nur von kurzer Dauer, schnell hatte der König ihre Ehe mit dem wesentlichen älteren walisischen Prinzen Cadell Rhys arrangiert. Doch der jähzornige Waliser ließ sie seine Burg nicht verlassen und misshandelte sie aufs Ärgste. Das Schreiben von Lais gab ihr in ihrer Einsamkeit Halt . Als die der Kunst sehr zugeneigte Königin von ihrem Können erfuhr, holte sie Marie an den Hof zurück und ließ sie jetzt für sich als Dichterin tätig werden. Schnell avancierte Marie zur Lieblingsdame Aliénors. Damit entkam sie zwar ihrer Ehehölle, aber auch am Hof gab es Intrigen, Neid und Machtkämpfe.
Bisher war mir Marie de France, die erste Dichterin Frankreichs, kein Begriff. Aber Tereza Vanek ist es gelungen, mir ihr Leben, die Lebensumstände und die Zeit nahezubringen. Mit Liebe zum Detail und historischer Genauigkeit ließ die Autorin vor meinem inneren Auge ein Bild entstehen, dass ich als sehr realitätsnah empfand. Ich konnte die Widrigkeiten und Beschwerlichkeiten des Lebens zu damaliger Zeit sehr gut nachvollziehen, konnte mir die örtlichen Gegebenheiten vorstellen und an den Gefühlen der Protagonisten teilhaben. Beeindruckt war ich von der ausgesprochen schönen Sprache, mit der das Buch glänzt. Dadurch konnte ich mich problemlos in die Handlungszeit hinein versetzen, hatte aber nie den Eindruck etwas gekünsteltes zu lesen. Dieser wunderbare historische Roman las sich sehr leicht, die Seiten flogen nur so dahin und ich war viel zu schnell am Ende angelangt. Die Charaktere waren facettenreich und vielschichtig gestaltet, fast hätte man den Eindruck bekommen können, Tereza Vanek kenne ihre Helden persönlich. Über 700 Seiten hält die Autorin den Leser in ihrer Geschichte fest. Spannende und ruhigere Szenen wechseln einander ab, aber Langeweile oder Eintönigkeit empfand ich beim Lesen nie. Eine Zeittafel, ein Stammbaum und eine Karte runden den sehr positiven Gesamteindruck ab.
Dieser Roman ist keine Biografie der Marie de France, auch wenn ihr Leben hätte genau so gewesen sein können, aber er ist auch keiner dieser zur Zeit den Buchmarkt überschwemmenden „Die …in“-Romane. „Die Dichterin von Aquitanien“ ist eine Perle unter den historischen Romanen, mit ihm werden Leser zu „Zeitzeugen“ längst vergangener Zeit.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

Tereza Vanek wurde 1966 in Prag geboren und kam als kleines Kind mit ihren Eltern nach München. Sie studierte Anglistik, Romanistik und Slawistik und promovierte über die Darstellung verbrecherischer Frauen im englischen Drama des 17. Jahrhunderts. Sie arbeitete als Fremdsprachenlehrerin, Übersetzerin, Call Center Agent und Teamassistentin und verkaufte im Internet nostalgische Kleidung, bevor sie sich mit ihrem ersten Roman »Schwarze Seide« einen Traum erfüllte und Schriftstellerin wurde. Tereza Vanek lebt und arbeitet in München.

24. Januar 2011

John Boyne – Das Haus zur besonderen Verwendung

Einsortiert unter: 2011,Belletristik,History — Karthause @ 20:04
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Das Haus zur besonderen Verwendung
John Boyne
Originaltitel: The House of Special Purpose
Gebundene Ausgabe: 560 Seiten
Verlag: Arche Verlag
ISBN-13: 978-3716026427

Russland 1915. Georgi Daniilowitsch Jatschmenew, Sohn eines russischen Landarbeiters, rettete dem Vetter des Zaren Nikolaus II. bei einem Attentat das Leben. In Anerkennung dieser Leistung wurde er an den Zarenhof nach St. Petersburg geholt, wo er Leibwächter und Begleiter des kranken Zarewitsch wurde. Durch den engen Kontakt zur Zarenfamilie lernte er bald die Zarentochter Anastasia kennen. Beide verliebten sich ineinander. Da aber diese Liebe schon aufgrund der Herkunft Georgis keine Zukunft haben konnte, blieb sie ein wohlbehütetes Geheimnis. In den folgenden Jahren kam es zu politischen Unruhen in Russland, die sich letztlich in der Oktoberrevolution entluden und Georgi war fest entschlossen, für Anastasia alles zu tun, was in seinen Kräften stand, um sie zu retten. Der Zar hatte bereits abgedankt, als die gesamte Familie schließlich nach Jekaterinburg in Haus zur besonderen Verwendung deportiert wurden.

London 1981. Georgi ist inzwischen schon 82 Jahre alt, sitzt am Sterbebett seiner Frau Soja und sinniert über die Vergangenheit. Die Gedanken gehen zurück in sein Dorf Kaschin. Er denkt über sein Leben im Winterpalais, die Zarenfamilie, die Zeit nach seiner Flucht aus Russland und die Ehe mit Soja nach.

In diesem Roman greift John Boyne die Legende um das Überleben der Zarentochter Anastasia auf. Er erzählt sie aus der Sicht seines Protagonisten Georgi, dieser berichtet auf einer Handlungsebene über die letzten Jahre der Zarenherrschaft in Russland, auf einer weiteren über sein Leben nach den Geschehnissen in Jekaterinburg bis hinein in die Gegenwart und der Leser erlebt förmlich mit, wie aus Georgi und Soja GeorgiundSoja wurden, wie sie selbst nannten, um die Nähe zu demonstrieren, die beide verband. John Boyne hält sich genau an die historisch vorgegebenen Eckpunkte und verknüpft Realität mit Fiktion. Denn wissenschaftlich ist spätestens seit den 1990er Jahren bewiesen, was in jener Nacht im Haus zur besonderen Verwendung geschah. Aber trotzdem ist dieser Roman etwas Besonderes. Er führt den Leser durch Krieg und Revolution ohne Action-Szenen und lässt uns an einer großen Liebe teilhaben, ohne dabei ins Kitschige abzudriften. Es herrschen die leiseren und besinnlicheren Töne in diesem Buch, das mich sehr berührt hat. Immer wieder gibt es Anspielungen auf Tolstois „Anna Karenina“, so z.B. der erste Satz in Boynes Roman oder die Eislaufszene. Sehr gut hat mir auch der Aufbau des Romans gefallen, die zwei Handlungsstränge, die sich immer mehr annähern, um sich dann zu gegebenen Zeitpunkt zu vereinen. Die vielen Zeitsprüngen bauten eher Spannung auf, als sie beim Lesen hinderlich gewesen sein könnten. Es wirkte auch nicht störend, dass ich schon sehr zeitig den Ausgang des Romans hätte vorhersagen können. Die Geschichte war so abwechslungsreich und interessant und sprachlich eindrucksvoll geschrieben, dass es eine Freude war, sie zu lesen. Der Charakter des männlichen Protagonisten Georgi war fein herausgearbeitet und glaubhaft beschrieben. Besonders seine Naivität, mit der er nach St. Petersburg kam und wie er die ihm fremde, luxuriöse Welt entdeckte, schilderte der Autor meisterlich. Die Charaktere der Zarenfamilie, das ist mein einziger kleiner Kritikpunkt, waren mir persönlich etwas zu weich, zu menschenfreundlich, zu volksnah.

Mein Fazit: „Das Haus zur besonderen Verwendung“ ist ein ausgesprochen schöner Roman, der besonders durch seine Sprache besticht. Wenn die Realität auch nicht so war, wie im Roman geschildert, hätte sie doch genau so gewesen sein können.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

John Boyne wurde 1971 in Dublin, Irland, geboren, wo er auch heute lebt. Er studierte “Englische Literatur’ und ‘Kreatives Schreiben’ in Dublin und Norwich. Er ist der Autor von sechs Romanen, darunter “Der Junge im gestreiften Pyjama”, der zwei Irische Buchpreise gewann, für den “British Book Award” nominiert war und vor kurzem verfilmt wurde. John Boynes Romane wurden in über vierzig Sprachen übersetzt.



11. Dezember 2010

Sabine Weigand – Die Markgräfin

Einsortiert unter: 2010,History — Karthause @ 16:53
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Die Markgräfin
Sabine Weigand
Broschiert: 480 Seiten
Verlag: Fischer (Tb.)
ISBN-13: 978-3596159352

Als im Fränkischen Kulmbach bei Bauarbeiten den ca. 400 Jahre alte Leichnam eines Säuglings entdeckt wird, beginnen die örtlichen Hobbyhistoriker mit ihren Nachforschungen. Langsam forschen sie sich durch die Geschichte der Burg, bis sie auf Barbara von Ansbach stoßen. Die Markgräfin wurde 1495 als Tochter des Markgrafen Friedrich des Älteren von Brandenburg-Ansbach und Bayreuth geboren. Noch im Kindesalter wird sie mit dem alten Herzog von Groß Glogau verheiratet. Schon zwei Jahre später stirbt der Herzog und Barbara kehrt zu ihrer Familie zurück. Daraufhin wird per procurationem die Ehe mit dem König von Böhmen arrangiert, die jedoch nie vollzogen wird. 5 lange Jahre wartet Barbara ab, bevor sie um Auflösung dieser Ehe ersucht. Daraufhin wird sie von ihren Brüdern auf der Plassenburg gefangen gehalten.

Sabine Weigand verknüpft in ihrem Roman einen Handlungsstrang aus der Gegenwart mit dem, der sich mit dem Leben der Barbara von Ansbach befasst. Geschickt hat sie beide miteinander verwoben. Denn erst durch die in unserer Zeit vorgenommen Untersuchungen und Forschungen der drei Freizeithistoriker, die man nicht immer richtig ernst nehmen konnte, kommt eine gewisse Spannung in die Geschichte. Es zog sich etwas, ehe ich mit „Die Markgräfin“ warm wurde und zum Highlight hat sich das Buch bis zum Ende hin nicht entwickelt. Dafür besticht es durch exakte Beschreibungen von Lebensstil und Brauchtum des ausgehenden Mittelalter. Leider geht dies zu lasten der agierenden Personen, die mir die gesamte Zeit über fremd und farblos erschienen.

Mein Fazit: „Die Markgräfin“ war das Debüt von Sabine Weigand. Auch wenn es von mir noch die eine oder andere Kritik gibt, ist es ein durchaus lesenswerter historischer Roman.

 

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

Sabine Weigand stammt aus Franken. Sie ist Historikerin und arbeitet als Ausstellungsplanerin im Museum von Schwabach. Die Spur der Markgräfin entdeckte sie bei ihren Forschungen zur Geschichte der Plassenburg bei Kulmbach, einer der größten Festungsanlagen Nordeuropas – dem Schauplatz ihres Romans.. “Die Markgräfin” ist ihr erster Roman.

2. Dezember 2010

Deana Zinßmeister – Der Hexenturm

Einsortiert unter: 2010,Challenge,History — Karthause @ 17:40
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Der Hexenturm
Deana Zinßmeister
Taschenbuch: 448 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag
ISBN-13: 978-3442472482

Im Saarland um 1618. In Deana Zinßmeisters Roman „Das Hexenmal“ lernte der Leser die Geschichte der fünf jungen Eichsfelder Johann, Franziska, Katharina, Clemens und Burghard kennen, die auf der Flucht vor der Anklage der Hexerei ihre Heimat verlassen mussten. In diesem Buch, das direkt die Handlung des Vorgängers aufgreift, treffen wir die Fünf wieder und begleiten sie auf ihrer Flucht durch Hessen bis hin ins Saarland. Auf dem Gestüt Rehmringer werden sie, trotz des Todes des alten Pferdehändlers, von dessen Witwe freundlich aufgenommen und finden Arbeit und Unterkunft. Dies ist für einige Alteingesessene auf dem Hof und den der Witwe nahestehenden Amtsmann Johann von Baßy ein Dorn im Auge. Sie müssen auf der Hut sein, denn die Hexenverfolgung wird auch in ihrer neuen Heimat zelebriert. Zur gleichen Zeit ist auch der dem Leser aus dem 1. Teils der Geschichte bekannte Magier Barnabas unterwegs, in seinem Gefolge Sevatius und eine Kinderhexe.

Wie schon im „Hexenmal“ ist die Geschichte durch verschiedene Handlungsstränge geprägt. Durch nicht zu lange Kapitel hält Deana Zinßmeister die Spannung und vermeidet Längen. Ihr angenehmer und flüssig zu lesender Schreibstil ließ mich als Leser förmlich durch das Buch eilen. Die Autorin legt auch in diesem Roman großen Wert auf Details, das macht ihre Geschichten so beeindruckend authentisch. Das Alltagsleben, die damit verbundenen Schwierigkeiten, Sorgen und Nöte werden nachvollziehbar. Die belegten historischen Persönlichkeiten, die ihre Auftritte in dem Roman haben, lassen Geschichte lebendig werden.

In diesem Roman werden zwar immer wieder die Schicksale der Protagonisten in Rückblenden erzählt, so dass man ihn auch ohne Kenntnis des 1. Teils lesen und verstehen kann. Um aber die Entwicklung der Charaktere nachvollziehen zu können, sehe ich es als hilfreich an „Das Hexenmal“ gelesen zu haben. Die Story und auch die Charaktere haben in diesem 2. Teil für mich deutlich an Tiefe gewonnen. Besonders gelungen fand ich die Person des Magier Barnabas, der in seiner Bösartigkeit auch Skrupel hatte, die immer wieder deutlich wurden. Nur ganz wenige Charaktere bleiben etwas eindimensional, wie z.B. Servatius, der in jeder Beziehung einfach nur böse war. Aber letztlich war er in seinem Tun und Denken auch wieder überzeugend. Auch das Zusammenleben in der Gruppe wurde durch die Autorin realistisch und als nicht einfach beschrieben. Gab es doch im Verlauf der Handlung manch kritische Situationen für die Protagonisten zu meistern, an denen die Freundschaft der einstigen Zweckgemeinschaft zu zerbrechen drohte. Es kamen aber nicht nur die die in dem Roman zu Wort, die die konsequente Hexenverfolgung predigten und gnadenlos vollzogen. Auch die Lichtfänger konnten Akzente setzen und einen Hauch von Hoffnung hinterlassen.

Mein Fazit: Nach dem ich mit „Das Hexenmal“ ein wenig haderte, weil mir die Handlungsstränge zu losgelöst voneinander erschienen, hat sich das in „Der Hexenturm“ völlig relativiert. Ich habe mich sehr gern von Deana Zinßmeister durch dieses dunkle Kapitel unserer Geschichte führen lassen und freue mich schon auf die nächste „Zeitreise“ mit ihr. Ich kann diesen schnörkellosen historischen Roman jedem Liebhaber dieses Genres empfehlen.

 

Über den Autor

Deana Zinßmeister hat sich mit dem Schreiben einen Traum erfüllt und ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. Bereits mit ihrem ersten historischen Roman »Das Hexenmal« gelang ihr auf Anhieb ein Erfolg. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern im Saarland.

28. November 2010

Titus Müller – Der Kalligraph des Bischofs

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Turin im 9. Jahrhundert. Germunt ist auf der Flucht vor seinen Häschern in der Bischofsstadt angekommen. Er soll seine Stiefmutter getötet haben und fristet sein Leben durch Diebstähle. Der neu ernannte Bischof Claudius, auch gerade in der Stadt eingetroffen, nimmt sich seiner an, erkennt sein Talent und lässt ihn in den schönen Künsten unterrichten. Aber Claudius, der das Bilderverbot predigt, hat starke Widersacher. Er muss die Stadt gegen die Sarazenen verteidigen und seinem ärgsten Feind, dem Grafen Godeoch, die Stirn bieten.

Titus Müllers Debütroman ist in einer Zeit angesiedelt, von der ich bisher recht selten gelesen habe. Dabei gelingt es ihm sehr gut die örtlichen Gegebenheiten und die historischen Umstände zu beschreiben. Der Handlungsaufbau war schlüssig, wenn auch etwas zufallslastig und die Geschichte an sich hatte ihre spannenden Momente. Allerdings konnte ich mich nur schlecht in die Figur des Germut hineinversetzen. Was er leistete, war stellenweise schier übermenschlich und realitätsfern. Interessant fand ich dagegen wieder den Charakter des Bischof Claudius, der sich mit seinen Ideen und Vorstellung gegen die Kirche wandte. Auch die Auseinandersetzung mit der Kirche war sehr lesenswert. Das eigentliche Thema, die Kalligraphie, hätte ich gern etwas ausführlicher behandelt gehabt. Alles in allem war das Buch lesenswert. Ich habe schon den aktuellen Roman „Die Jesuitin von Lissabon“ von Titus Müller gelesen und konnte dabei feststellen, dass er sich als Autor, besonders was das Zeichnen von Charakteren anbetrifft, spürbar weiterentwickelt hat.

Über den Autor

Titus Müller, 1977 in Leipzig geboren, studierte Neuere deutsche Literatur, Mittelalterliche Geschichte und Publizistik in Berlin. Er erhielt den Würth-Literaturpreis und den C.S. Lewis-Preis. “Das Mysterium” wurde 2008 mit dem Sir Walter Scott-Preis als bester historischer Roman des Jahres ausgezeichnet. Titus Müller lebt in München. Bisher erschienen von ihm: “Der Kalligraph des Bischofs”, “Die Priestertochter”, “Die sieben Häupter”, “Der zwölfte Tag”, “Die Brillenmacherin”, “Die Todgeweihte”.

Mehr über den Autor und seine Romane ist unter www.titusmueller.de zu finden.

12. November 2010

Andrea Schacht – Das Spiel des Sängers

Einsortiert unter: 2010,History — Karthause @ 18:38
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Andrea Schacht führt ihre Leser in diesem Roman auf die Burg Langel zur Zeit der Minnesänger. Dort will Ritter Ulrich wegen des Mordes an dem Burgherren Eberhard die Lehennachfolge klären. Neben den Bewerbern ist auch der Barde Hardo Lautenschläger eingeladen worden. Er soll für eine gute Stimmung in der Runde sorgen. Aber ist die Unterhaltung der Gäste wirklich sein ausschließliches Anliegen? Diese Frage stellt sich nach dem Mord am Burgvogt und einem Anschlag auf Hardo um so dringender. Wer hatte ein Motiv? Oder besser, wer hatte keines? Ritter Ulrich will die Tat auf seine ganz persönliche Art und Weise lösen. Er lässt die Zugbrücke hoch ziehen. Da die Burg nun nicht mehr verlassen werden kann, muss auf Gedeih und Verderb jeder mit jedem auskommen und jeder weiß, eine(r) hat die Tat begangen. Die Spannung zwischen den Gästen nimmt zu, als ihnen bewusst wird, dass die von Hardo allabendlich vorgetragene Minne seine Lebensgeschichte ist, die weit mehr mit der Burg verbandelt ist als viele erwarteten und in der sich einige von ihnen wieder finden.

Andrea Schachts Romane sind für mich inzwischen schon ein Garant für gute Unterhaltung. Sie helfen mir beim Abschalten nach einem stressreichen Arbeitstag. So erging es mir auch mit „Das Spiel des Sängers“. Mit dem ihr eigenen Humor und Wortwitz schafft die Autorin es, die Zeit der Minne vor meinem inneren Auge mit Leben zu erfüllen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie ihre Charaktere sehr gekonnt und einfühlsam in die Geschichte einbringt. Man spürt, dass die Akteure Andrea Schacht am Herzen liegen und so berichtet sie über Hardo, Ulrich, Engelin, Casta, Margarethe und wie sie alle hießen auch mit einem Augenzwinkern und natürlich taucht auch wieder ein Katerchen in der Handlung auf. Von Beginn an war dieses Buch spannend und auch als das Ende absehbar war, büßte es nichts von seinem Reiz ein. Das ist wohl auch der Tatsache geschuldet, dass Hardo in seinen Gesängen immer nur häppchenweise Episoden aus seinem Leben preis gibt und dann wieder die Ent- und Verwicklungen der Burggäste thematisiert werden. Dadurch, dass die in der Handlung vorkommenden Personen auf der Burg eingeschlossen sind, berichtet Andrea Schacht über ein sehr abgeschottetes Terrain. Manchmal fühlte ich das Flair der guten, alten englischen Krimis. Dabei hatte ich ja eigentlich einen reinen historischen Roman erwartet. Zu der Krimihandlung und der Historie kam noch die eine oder andere offene oder versteckte Liebelei und somit waren alle Bedingungen für flüssig zu lesende, humorvolle und auch spannende Unterhaltung gegeben. Abgerundet wurde sehr positive Gesamteindruck durch die passend zu Handlung eingefügten Texte alter Minnegesänge und die sehr ansprechende Gestaltung des Buches.

Über den Autor

Andrea Schacht war lange Jahre als Wirtschaftsingenieurin und Unternehmensberaterin tätig, hat dann jedoch ihren seit Jugendtagen gehegten Traum verwirklicht, Schriftstellerin zu werden. Ihre historischen Romane um die scharfzüngige Kölner Begine Almut Bossart gewannen auf Anhieb die Herzen von Lesern und Buchhändlern. Mit »Die elfte Jungfrau« kletterte Andrea Schacht erstmals auf die SPIEGEL-Bestsellerliste, die sie seither mit schöner Regelmäßigkeit immer neu erobert. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Katzen in der Nähe von Bonn.

10. November 2010

Bettina Hennig – Luise. Königin aus Liebe

Einsortiert unter: 2010,Challenge,History — Karthause @ 18:32
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Luise. Königin aus Liebe
Bettina Hennig
Taschenbuch: 704 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag
ISBN-13: 978-3442464067

Luise, Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz, wächst gemeinsam mit ihrer Schwester Friederike nach dem Tod von Mutter und Stiefmutter bei der Großmutter in Darmstadt auf. Diese setzt alles daran, ihre beiden Enkeltöchter standesgemäß zu verheiraten. Ihre Bemühungen wurden mit einer Doppelhochzeit belohnt. Weihnachten 1793 heiratet Luise den Preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm und Friederike ehelicht dessen Bruder Friedrich Ludwig (genannt Louis). Während man Luises Heirat noch eine Liebesheirat nennen kann, heiraten Friederike und Louis aus Gründen der Staatsräson.

Bettina Hennig widmet sich in ihrem ersten Roman einer der wohl schillerndsten weiblichen Persönlichkeiten am Preußischen Hof. Sie beschreibt Luise als anmutig schöne junge Frau, die durch ihre Unbekümmertheit und ihr unaristokratisches Auftreten bei Hofe zunächst einige schmerzliche Erfahrungen machen musste. Ihr Leben in einer Zeit mit großen politischen Umwälzungen blieb von den historischen Ereignissen nicht unbeeinflusst. Wobei die Flucht vor Napoleons Truppen sicher eines der einschneidendsten Erlebnisse ihres kurzen Lebens waren. Mit großer, der Zeit entsprechenden Wortgewandtheit bringt die Autorin dem Leser das nicht immer einfache Leben der im Volke so beliebten Preußenkönigin nahe. Dabei legt sie aber eindeutig den Schwerpunkt auf die Liebe von Luise, die Liebe zum König, zu den Kindern, die immer wieder aufkommende Verliebtheit in andere Männer und die Liebe zum Volk. Natürlich schreibt Bettina Hennig auch über die politischen Ereignisse und über den Krieg. Aber als das Bestimmende in Luises Leben wird, wie der Titel schon sagt, die Liebe gesehen. Ich fand das etwas bedauerlich und hätte Luise gern im Spiegel ihrer Zeit gesehen. Ansonsten weiß die Autorin ihre Leser mit ausführlichen Geschichten und detailreich ausgeschmückten Histörchen vom Leben am Hof zur Zeit Friedrich Wilhelm III. zu unterhalten. Sehr gut hat mir die Darstellung der historischen Personen gefallen. Sie erschienen nie stereotyp, sondern facettenreich und lebensnah. Und so ist auch Luise nicht nur die lebenslustige, manchmal etwas oberflächliche junge Frau, der Leser erlebt sie auch zweifelnd und besorgt. Sehr gut wurde das Wachsen der Beziehung zwischen Luise und Friedrich Wilhelm geschildert. Denn von einer Liebesheirat der beiden zu sprechen, macht nur Sinn, wenn man als das Gegenstück die verordnete Ehe von Friederike und Louis sieht, bei der von keiner Seite Gefühle oder auch nur Sympathie eine Rolle spielten.
Bis auf meinen genannten Kritikpunkt, der aber nicht so schwerwiegend ist, schließlich weist der Buchtitel auf die Gewichtung der Fakten hin, empfand ich dieses Buch als einen sehr gelungenen Erstlingsroman, der dem Leser eine illustre historische Persönlichkeit wirklich nahe bringt und Lust auf weitere Lektüre in dieser Zeit macht. Über weitere Romane der Autorin würde ich mich freuen.

Über den Autor
Bettina Hennig, geboren 1963 in Hamburg, studierte nach ihrer Ausbildung zur Cutterin in Hamburg Film- und Sprachwissenschaften sowie Informatik. Seit 1992 ist sie als Redakteurin bei verschiedenen Boulevardzeitungen und Illustrierten tätig. Bekannt sind ihre Interviews mit internationalen Stars wie z. B. Madonna. Derzeit promoviert sie zum Thema »Klatschjournalismus«. Sie lebt mit dem Künstler Karmers in Hamburg. »Luise. Königin aus Liebe« ist ihr erster Roman.

Dies war das erste Buch, das ich im Rahmen der History-Challenge „Der Geschichte auf der Spur“ gelesen habe. Damit ist die Etappe „Neuzeit – Zeit des Umbruchs 1789 -1815“ abgedeckt.

5. Oktober 2010

Kirsten Schützhofer – Die Konfektmacherin

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Die Konfektmacherin
Kirsten Schützhofer
Taschenbuch: 608 Seiten
Verlag: Diana Verlag
ISBN-13: 978-3453354401

Südfrankreich, nach 1685. Catherine Jospin war 10 Jahre alt, als ihr Mutter starb und ihr ein Büchlein mit Rezepten hinterließ. Sie und ihre Schwestern Marietta und Julie waren protestantischen Glaubens. Eine Tatsache, die mit der Ablösung des Edikt von Nantes durch das von Fontainebleau durch Ludwig IX. für die Anhänger des falschen Glaubens höchst gefährlich war. Ihnen drohte Verfolgung, Gefängnis und auch der Tod. Nachdem infolge des Verrats durch die du Ports die Älteste der Schwestern, Marietta, gemeinsam mit ihrem Mann festgenommen wurden, mussten Catherine und Julie fliehen. Gemeinsam mit Mathieu, dem Freund seit Kindestagen und Verlobter Catherines, wollten sie über die Berge in Richtung Genf fliehen. Schon bald wurde Mathieu von den beiden Mädchen getrennt, die nun versuchten, sich mit Hilfe des Fluchthelfers Luc nach Orléans durchzuschlagen. Aber Barnabas du Port und sein Sohn Adrien, angestachelt durch den Vater, geben die Suche nach den Schwestern nicht auf. Ein Geheimnis aus alten Zeiten liegt über den beiden Familien.

Mit „Die Konfektmacherin“ hat Kirsten Schützhofer ihren vierten historischen Roman vorgelegt. Der Titel versprach einen jener süßlichen „Die …in“-Romane, die derzeitig in den Buchhandlungen unübersehbar sind. Dafür war allerdings zu wenig Konfektmacherin drin. Zum Glück. Die Autorin ist ihrem bekannten Stil treu geblieben und hat historische Genauigkeit, Glaubwürdigkeit und Realitätsnähe dem lieblichen Gesäusel vorgezogen. Ihre Protagonisten wirkten menschlich mit eben jenen Stärken und Schwächen, die einen vollwertigen Charakter ausmachen. So gab es Personen, die man schnell in sein Herz schloss und solche, deren Tun und Lassen man eher mit Skepsis betrachtete. Sehr exakt und detailliert schilderte die Autorin die historischen Gegebenheiten und zeigt vor dem Hintergrund der Hugenottenverfolgung infolge des Edikts von Fontainebleau auf, wie wichtig gegenseitige Toleranz und Akzeptanz für ein friedliches Zusammenleben der Menschen sind. Wie ein roter Faden zieht sich das nicht miteinander Sprechen durch die elf Jahre umfassende Handlung. Was den Protagonisten das Leben erschwert, aber das zieht natürlich auch einen Zuwachs an Spannung nach sich. Mit viel Liebe zum Detail wird der Alltag der Menschen zur damaligen Zeit sehr anschaulich beschrieben. Die im Roman enthaltenen Liebesgeschichten drängen nur sehr selten in den Vordergrund, obwohl sie doch die Handlung in einem gewissen Maße prägen. Sie sind lebens- und gefühlsnah beschrieben, sind aber weder kitschig noch romantisch verklärt, was dem historischen Hintergrund der Handlung auch nicht angemessen wäre. Das Buch ist flüssig und ohne größere Längen geschrieben, es zieht den Leser von Beginn an in den Bann und lässt sich sehr gut lesen.

Liebhaber von Romanen, bei denen geschichtsrelevante Ereignisse nicht nur bloße Kulisse sind, sondern die Handlung leiten und die noch dazu sehr genau recherchiert und gut beschrieben sind, werden an „Die Konfektmacherin“ viel Freude haben.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

Kirsten Schützhofer, 1972 geboren, war in der Erwachsenenbildung tätig, bevor sie 1999 in Leipzig den Studiengang Bibliothekswesen begann. Sie verbrachte längere Zeit am Goethe Institut in Bordeaux sowie in Bibliotheken in Colmar und in den Archives de Paris. Heute arbeitet sie als Bibliothekarin. „Die Konfektmacherin“ ist ihr vierter Roman im Diana-Verlag.

Homepage von Kirsten Schützhofer

PS: Wer jetzt Lust auf Süßes verspürt, kann sie die Leckerei aus Montelimar hier anschauen. Gucken macht auch nicht dick. ;-)

8. September 2010

Nicole Vosseler – Sterne über Sansibar

Einsortiert unter: 2010,History — Karthause @ 19:02
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Sterne über Sansibar
Nicole Vosseler
540 Seiten Verlag: Bastei Lübbe GmbH & Co.KG
ISBN-13: 978-3785723814

Sansibar, Mitte des 19. Jahrhunderts. Sayyida Salima bint Said, Sultanstochter aus Sansibar, hat eine recht unbeschwerte Kindheit, die zwar vom Islam geprägt wurde, aber bei weitem nicht den strengen Regeln unterlag wie das Leben ihrer Verwandten im Oman. Allerdings sind unterschwellig Neid, Missgunst und Eifersucht zwischen den Ehefrauen und deren Kindern deutlich zu spüren. Schon in der Kindheit hat Salima einen starken Willen. Regeln sind für sie nur akzeptabel, wenn sie deren Sinn auch versteht. Sie lernt zwar lesen, das Schreiben ist ihr als Mädchen jedoch untersagt, deshalb lernt sie es heimlich. Als ihr Vater, der Sultan, stirbt, brechen offen Machtkämpfe aus. Majid, der neue Sultan, hat nicht zuletzt wegen seiner angeschlagenen Gesundheit viele Gegner. Es werden Intrigen gesponnen und kommt zur offenen Revolte, in die sich auch Salima, die inzwischen eine junge Frau ist, verstrickt. Der misslungene Umsturzversuch hat für Salima zwar keine Strafe zur Folge, aber sie wird jetzt als Verräterin angesehen. So flieht sie aus dem Palast auf die von ihrer Mutter geerbten Plantagen. Als sie nach einiger Zeit wieder in die Stadt zurückkehrt, lernt sie den deutschen Kaufmann Heinrich Ruete kennen und lieben. Um diese verbotene Liebe mit einem Ungläubigen leben zu können, flieht sie von der Insel. Sie konvertiert zum Christentum, trägt von nun an den Namen Emily und geht nach der Geburt ihres ersten Sohnes gemeinsam mit ihrem Ehemann und der Hoffnung auf ein glückliches Leben nach Hamburg.

Die Geschichte der Emily Ruete, Prinzessin von Sansibar, ist eine wahre Geschichte. In ihrem Leben gibt es so viele Zufälle und schicksalhafte Wendungen, dass ich bei einem fiktiven Roman dem Autor wohl eine blühende Fantasie bescheinigt und das Buch als unglaubhaft abgestempelt hätte. Aber die besten Geschichten werden noch immer vom Leben geschrieben. Nicole Vosseler griff für die Recherche die von Emily Ruete selbst verfassten Aufzeichnungen als Fäden auf, die sie dann zu dieser äußerst gelungenen Romanbiografie verwob. Die Autorin nähert sich ihrer Protagonistin sehr liebe- und rücksichtsvoll, stellt sie nie bloß und versucht immer, die Hintergründe ihrer Handlungen schlüssig zu erläutern, versäumt es aber nicht ihren Charakter in seiner ganzen Kompliziertheit darzustellen. Aber auch die Nebenfiguren leben, haben gute und schlechte Eigenschaften und verleihen damit dem Roman die volle Authenzität. Sie arbeitet unauffällig anhand der Erlebnisse von Emily Unterschiede zwischen der christlichen und moslemischen Kultur heraus und erklärt sie ohne dabei zu dozieren und öffnet dem Leser damit ein Fenster in eine fremde Welt voller Exotik. Wie schon in ihren anderen Büchern konnte ich auch bei diesem Buch die Augen schließen und mich in die Welt der Protagonistin versetzen. So begleitete ich Salima durch das exotische Sansibar, konnte den Geruch von Gewürznelken und Meer spüren, fröstelte mit ihr in Hamburg und hörte das Klappern der Pferdekutschen. Besonders gut gelang es der Autorin die innere Unruhe Emilys, ihr Getriebensein und ihre Heimatlosigkeit darzustellen. Wenn für mich auch als im Hier und Jetzt fest verwurzelter Mensch nicht jede Handlung der Protagonistin nachvollziehbar war, war es mir doch möglich, diese zu respektieren.

Bisher habe ich alle historischen Romane (mit Ausnahme der Jugendbücher) von Nicole Vosseler gelesen, aber mit keinem habe ich mich im Nachhinein so intensiv auseinandergesetzt. Bewundernswert finde ich es immer wieder, wie detailliert sie dem Leser Eindrücke und Empfindungen beschreibt, ohne sich dabei zu verzetteln und ins Langatmige abzudriften. Mit diesem Buch beweist die Autorin, dass auch ein schwieriges Thema so umsetzbar ist, dass es für den Leser einfach zu lesen und leicht verständlich ist, daneben aber auf äußerst informative und unterhaltsame Weise Wissen vermittelt.

Mein Fazit: Gut geschriebene Romanbiografien gehören zu meinem Lieblingsgenre, die der Emily Ruete gehört für mich zu den Besten. Ich mochte bisher alle Bücher von Nicole Vosseler, aber mit diesem hat sie die Latte, an der sich die zukünftigen Romane der Autorin messen lassen müssen, sehr hoch gelegt.

Über den Autor

Nicole Vosseler stammt aus Villingen-Schwenningen. Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Psychologie in Tübingen und Konstanz. Sie lebt und arbeitet in Konstanz.

Mehr über Nicole Vosseler und ihre Bücher ist auf ihrer Homepage zu finden. Dort gibt es auch noch jede Menge Zusatzmaterial zu ihren Büchern.

9. Juli 2010

Titus Müller – Die Jesuitin

Einsortiert unter: 2010,History — Karthause @ 19:04
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Die Jesuitin von Lissabon
Titus Müller
Gebundene Ausgabe: 453 Seiten
Verlag: Rütten & Loening
ISBN-13: 978-3352007828

Lissabon 1755. Antero Moreira de Mendonça, einst die rechte Hand des Jesuitenführers Gabriel Malagrida, kehrt nach längerer Abwesenheit in die Stadt am Tejo zurück. Bei den Jesuiten hat er eine naturwissenschaftliche Ausbildung genossen. Seit er sich von dem Orden jedoch abwandte, weil dieser Schuld am Tod seiner geliebten Julie trägt, muss er den Hass des vom Volk als Prophet verehrten Ordenmannes fürchten. So ist er schon seit Jahren auf der Flucht. Unmittelbar nach seiner Rückkehr bemerkt er eigenartige Erscheinungen, so sind z. B. Quellen plötzlich schwefelhaltig, die Tiere reagieren verstört. Für ihn deutet alles auf eine bevorstehende Naturkatastrophe hin. Er will noch warnen, aber es ist zu spät. Ein verheerendes Erdbeben zerstört die Stadt, tausende Menschen kommen ums Leben. Antero sorgt sich um seine Tochter, Samira, die er bei der deutschen Kaufmannsfamilie Oldenburg versteckt hält. Sowohl Leonor, älteste Tochter des deutschen Kaufmannes, als auch seine Tochter haben das Erdbeben überlebt. Gemeinsam mit Leonor versucht er nun zu beweisen, dass ein Erdbeben nicht gottgewollt ist. Aber Leonor ist auch für Anteros ärgsten Widersacher, Malagrida, keine Unbekannte. Der nennt sie freundschaftlich seine Jesuitin.

Der Klappentext verspracht eine Liebesgeschichte zwischen Antero und Leonor. Also die bekannte Konstellation in einem der momentan inflationär auf dem Buchmarkt zu findenden „Die …in“-Romane. Ich war dementsprechend auf leichte und wohl auch seichte Unterhaltung eingestellt. Titus Müller war mir als Autor unbekannt. Wohl nur deshalb verfiel ich in diesen Irrglauben. Schon der zu Beginn geschilderte Sturm ließ mich aufhorchen und weckte sofort mein Interesse an diesem Roman. Realitätsnah, kraftvoll und wortgewandt beschrieb der Autor dieses Naturereignis und diesem Stil blieb er bis zum Ende treu. So gab es keine rührseligen Szenen, kein Liebesgeflüster und auch keinen kitschigen Herzschmerz. Dafür zeichnete der Autor auf beeindruckende Weise, das Bild einer von einer Katastrophe ungeahnten Ausmaßes heimgesuchten Stadt. Die Ängste der Menschen wurden nachvollziehbar, deren Reaktionen und Handlungen waren verständlich. Immer wieder gab es Verweise auf die politische Situation und den damaligen Stand der Technik und der Wissenschaft. Das machte den gesamten Roman so authentisch und glaubwürdig. Die im Roman enthaltenen Erklärungen zur politischen Lage, zum Jesuitenorden, zur Erdbebenforschung und die technischen Details wurden so geschickt in die Handlung integriert, dass sie zwar hervorragende Recherche belegten, jedoch nie dozierend wirkten.

Titus Müllers Protagonisten waren nicht nur Charaktere, sie besaßen auch Charakter und durchliefen in Handlungsverlauf eine Entwicklung. Zudem wurde von der ersten Seite an kontinuierlich ein Spannungsbogen aufgebaut, der bis zum Ende hin gehalten werden konnte.

Das Buch enthielt ein aufschlussreiches und erklärendes Nachwort. Die Gestaltung ist ansprechend. Als einzigen Kritikpunkt sehe ich die Wahl des Titels an, der meines Erachtens aus rein im Marketing verankerten Gründen so gewählt wurde. Für „Die Jesuitin von Lissabon“ war eindeutig zu wenig Jesuitin enthalten. Wer einen Liebesroman vor historischer Kulisse erwartete, wird bitter enttäuscht werden. Liebhaber guter historischer Romane kommen dagegen voll auf ihre Kosten.

Mein Fazit: „Die Jesuitin von Lissabon“ ist ein gut durchdachter, logisch aufgebauter historischer Roman, der dem Leser bildhaft eine vergangene Zeit mit einer entsetzlichen Katastrophe vor Augen führt. Dieser verband gekonnt Unterhaltung und Wissenserwerb und entgegen meiner Erwartung nie trivial. Ich empfehle dieses Buch sehr gern weiter.

Über den Autor

Titus Müller, 1977 in Leipzig geboren, studierte Neuere deutsche Literatur, Mittelalterliche Geschichte und Publizistik in Berlin. 2002 rief er mit Kollegen den Autorenkreis Historischer Roman “Quo Vadis” ins Leben. 2005 wurde er mit dem C.S. Lewis-Preis ausgezeichnet. Im selben Jahr belegte er den zweiten Platz beim Würth-Literaturpreis. Seit 2007 moderiert Titus Müller die Literatursendung Auserlesen auf rheinmaintv. Er lebt im Weserbergland. Bei Aufbau sind bisher von ihm erschienen: “Der Kalligraph des Bischofs”, “Die Priestertochter”, “Die sieben Häupter”, “Der zwölfte Tag”, “Die Brillenmacherin”, “Das Mysterium” und “Die Todgeweihte”.

Homepage von Titus Müller

19. Juni 2010

Peter Prange – Der letzte Harem

Einsortiert unter: History — Karthause @ 15:03
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Der letzte Harem
Peter Prange
Gebundene Ausgabe: 576 Seiten
Verlag: Weltbild
ISBN-13: 978-3828992573

Die Handlung des Romans umfasst den Zeitraum 1895 bis 1923. Elisa, armenische Christin, und Fatima, muslimische Kurdin, waren gegen den Willen der Eltern beste Freundinnen. Nach einem Massaker in ihrem Heimatdorf wurden sie an den Harem von Abdülhamid II., des letzten Sultans des Omanischen Reiches, verkauft. Fatima avancierte zur Favoritin des Herrschers und Elisa, die ihm ihre Liebesdienste verweigerte, wurde seine Vorleserin. Als Fatima schwanger wurde, fiel sie den Intrigen und Machtkämpfen im Harem zum Opfer, die sie fast nicht überlebte. Nur der von Elisa in den Harem geschmuggelte deutsche Arzt konnte das Schlimmste abwenden. Fatima brachte einen gesunden Knaben zur Welt. Währenddessen gab es außerhalb der Palastmauern Unruhen. Die Jungtürken formierten sich und Zeit des Sultans aller Sultane lief erbarmungslos ab. Für die beiden Frauen begann eine schwierige Zeit.

Peter Prange wurde mir von vielen Lesern als Autor besonders guter historischer Romane ans Herz gelegt. Mit seinem Roman „Der letzte Harem“ hat er den Leser in eine sehr interessante und für mich weitgehend unbekannte Zeit versetzt. Das Osmanische Reich ist im Untergang begriffen und die Türkei steht vor ihrer Gründung. Mit großer Detailtreue und Kenntnis der historischen Begebenheiten schildert er den historisch wahren Hintergrund für seine größtenteils in Konstantinopel angesiedelte Handlung. Dabei beschreibt er die Stadt als eine lebendige, multikulturelle Metropole, in der Angehörige aller großen Religionen zu finden sind. Er schreibt sehr informativ vom Aufbegehren der türkischen Nationalbewegung, was schließlich zum Zerfall des Reiches führte, geht detailliert auf die Massaker an den Armeniern ein und berichtet von den Anfangsjahren der heutigen Türkei. Diesen historischen Rahmen als Hintergrund für einen fundierten Roman zu wählen, fand ich nahezu genial. Allerdings enttäuschte mich die eigentliche Romanhandlung. Zwei Frauen, die eine mehr, die andere weniger in ihr Kismet ergeben, durchleben die Wirren dieser Zeit und die Auflösung des letzten Harems des real existierenden Abdülhamid II., dessen innere Zerrissenheit vom Autor auch gut in Szene gesetzt wurde.

Obwohl der Autor versuchte, die Schwierigkeiten des Lebens für die beiden Hauptfiguren herauszuarbeiten, löste er diese oft durch Zufälle. So hatte der in den Harem geschleuste deutsche Arzt (auch das verlief unerwartet einfach) zur Behandlung von Vergiftungen lediglich ein Gegenmittel gegen Schlangengift dabei, seine Behandlung war trotzdem erfolgreich. Die Charaktere der beiden Protagonistinnen blieben mir über weite Strecken des Buches fremd, sie wirkten mitunter klischeehaft und ihr Handeln inszeniert. Sie traten kaum aus den gut-böse-Schablonen heraus. Alles erschien sehr oberflächlich, teils vorhersehbar und sehr bemüht, um dem historischen Ablauf der Dinge ein passendes Gesicht zu geben. Allesamt waren die Protagonisten schön anzusehen und besonders die Herren waren prächtig gebaut, worauf der Autor immer wieder hinwies, so oft, dass es schon fast lächerlich wurde. Die in der Handlung enthaltenen Liebesgeschichten berührten mich kaum. Die Massaker beschrieb er, wie sie waren, blutig, grausam, unmenschlich. Zu zart besaitet sollte man beim Lesen dieser Passagen nicht sein.

Bemerkenswert fand ich wiederum das Ende das Buches, bei dem nicht das von mir Erwartete eintrat.

Mein Fazit: „Der letzte Harem“ ist ein leicht zu lesender Roman, der den historischen Hintergrund hervorragend schildert und daneben eine Handlung mit dem Charme einer Soap Opera vor exotischer Kulisse aufweist.

Über den Autor

Peter Prange, geboren 1955, promovierte mit einer Arbeit zur Philosophie und Sittengeschichte der Aufklärung. Nach seinem Durchbruch als Romanautor mit “Das Bernstein-Amulett” folgte die grandiose Weltenbauer-Trilogie: “Die Principessa”, “Die Philosophin” und “Die Rebellin”. Zuletzt erschien 2007 bei Droemer sein Bestseller “Der letzte Harem”. Peter Prange lebt als freier Schriftsteller in Tübingen.

Homepage des Autors

22. Mai 2010

Corina Bomann – Das Krähenweib

Das KrähenweibCorina BomannGebundene Ausgabe: 523 SeitenVerlag: KnaurISBN-13: 978-3426663158

Die Krähen leben dann am besten, wenn sie frei sind.“

Man schreibt das Jahr 1701. Annalena Habrecht, eine Henkerstochter und als Kind schon wegen ihrer Herkunft gehänselt, wurde mit dem Henkersgehilfen Peter Mertens verheiratet. Diese Ehe war alles andere als glücklich. Glück empfand der brutale Mertens nur, wenn er seine Frau misshandeln und erniedrigen und ihr die Furcht im Gesicht ablesen konnte. Aber dann kam der Tag, an dem Annalena sich wehrte. Sie flüchtete und kam über Umwege in das aufstrebende Berlin, wo sie im Hause des Gewürzhändlers Röber eine Anstellung als Magd fand. Kurze Zeit später lernt sie den Apothekerlehrling Johann Friedrich Böttger kennen. Dieser betätigt sich im Geheimen als Alchimist. Er versucht sich in der Kunst, Gold herzustellen. Als seine Versuche publik werden und vom Preußenkönig ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt wird, flüchtet er mit Annalena nach Wittenberg und gelangt dort in die Gefangenschaft von Kurfürst August dem Starken. Annalena bekommt zunächst eine Anstellung als Küchenmagd am sächsischen Hof und wird bald von ihrer Vergangenheit eingeholt.

Wie der Zufall es so wollte, begegnete ich zum zweiten Mal in diesem Jahr in meiner Lektüre einer Henkerstochter. Doch die Geschichten sind grundverschieden. Corina Bomann verknüpft die spannende fiktive Geschichte der Henkerstochter Annalena eng mit der wahren Lebensgeschichte des Johann Friedrich Böttger. Dabei führt sie den Leser an historische Stätten, die sie so real beschreibt, dass man nur die Augen schließen muss, um sie vor sich zu sehen. Die Verbindung von Fiktion und Wirklichkeit ist fließend und nicht spürbar. So bekommt man als Leser den Eindruck, genau so hätte sich das Leben der beiden Protagonisten abspielen können.

Eindrucksvoll, aber nicht voyeuristisch, berichtet die Autorin von der ehelichen Gewalt, die die junge Frau erdulden musste und deren Narben immer wieder die Vergangenheit in ihren Gedanken und Ängsten aufleben ließ.

Den einzelnen Kapiteln sind häufig Abschnitte mit geheimen Aufzeichnungen von Böttger vorangestellt, die aus seinen Briefen und der Phantasie der Autorin entstanden. Diese Passagen lassen den Roman authentisch wirken. Ebenso wirken die im Roman vorkommenden Charaktere, lebensecht, wirklichkeitsnah und nicht schablonenhaft. Mit ihnen kann man mitfühlen und mitfiebern und an den Höhen und Tiefen des Lebens teilhaben.

Das Buch ist in den Prolog und weitere 4 Teile gegliedert. Die Kapitel haben ein angenehme Länge. Wie ein roter Faden ziehen sich die Krähen durch das Buch, deren Bedeutung sich beim Lesen erschließt. Eine kleine Krähe ziert jeweils das Vorblatt für einen neuen Abschnitt, ein Detail, das neben der aussagekräftigen Karte belegt, wie liebevoll das Buch gestaltet wurde. Einzig ein Lesebändchen könnte den Gesamteindruck des Äußeren noch aufwerten. Das aufschlussreiche Nachwort möchte ich nicht unerwähnt lassen. Es gibt Auskunft zu den im Roman vorkommenden historischen Persönlichkeiten und erklärt einige Details und Hintergründe der Handlung näher.

Mein Fazit: „Das Krähenweib“ ist ein empfehlenswerter historischer Roman, der die Geschichte wieder aufleben lässt und dem Leser deutlich mehr als nur eine Liebesgeschichte zu bieten hat.

Über den Autor

Corina Bomann wurde 1974 in Parchim geboren. Heute lebt sie mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern.

Gebundene Ausgabe: 523 Seiten * Verlag: Knaur * ISBN-13: 978-3426663158

11. Mai 2010

Oliver Pötzsch – Die Henkerstochter

Einsortiert unter: 2010,History — Karthause @ 18:13
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Die Henkerstochter
Oliver Pötzsch
Broschiert: 511 Seiten
Verlag: Ullstein Tb
ISBN-13: 978-3548268521

Im bayrischen Schongau kam ein Junge auf mysteriöse Art und Weise um Leben und auf der Schulter trug er ein eingeritztes Hexensymbol. Schnell ist wurde die Hebamme Martha Stechlin als Hexe dingfest gemacht und eingekerkert. Aber weitere Morde an Kindern geschahen. Bei allen fand man das ominöse Zeichen. Damit war klar, die Hebamme ist mit dem Teufel im Bunde. Der wurde dann von einigen Schongauern auch leibhaftig gesehen. Einzig der Henker Jakob Kuisl, seine Tochter Magdalena und Simon Fronwieser, der junge Stadtmedicus, glauben an die Unschuld der vormals so beliebten Hebamme. Für die drei begann ein Wettlauf gegen die Zeit, denn die Hexe soll schnellstmöglich brennen.

Oliver Pötzsch, selbst Nachfahre der Kuisl-Dynastie, hat sich in seinem Roman ein interessantes Thema gewählt. Von verschiedenen Seiten wurde mir dieses Buch empfohlen. Nun habe ich es gelesen und könnte meine Meinung kurzfassen: nett.

Dem Autor gelingt es in seinem Roman die Figur des Henkers mit Leben zu erfüllen. Glaubwürdig berichtet er, das dieser am Töten auch keine Freude hat, aber auf Grund seiner Herkunft aus einer Henkersfamilie, keine andere Möglichkeit des Gelderwerbs hat. Die Charakterisierung der anderen Protagonisten fand ich als nicht so gelungen. Sie blieben mir ohne wirkliche Tiefe, dafür aber in manchen Beziehungen etwas überzeichnet, denn in den entscheidenden Momenten gelang ihnen vieles. Mit Hilfe des Zufalls waren es richtige Helden.

Insgesamt gesehen ist „Die Henkerstochter“ ein solider historischer Roman mit einigem Lokalkolorit. Er hat einen starken Anfang und lässt dann aber deutlich nach. Dazu kamen einige Längen, die mich störten. Das Ende empfand ich als sehr simpel. Deshalb werde ich die Folgebände wohl mit großer Wahrscheinlichkeit nicht lesen.

Über den Autor

Oliver Pötzsch, Jg. 1970, arbeitet seit Jahren als Filmautor für den Bayerischen Rundfunk, vor allem für die Kultsendung quer. Er ist ein Nachfahre der Kuisls, die vom 16. bis zum 19. Jahrhundert die berühmteste Henker-Dynastie Bayerns waren. Oliver Pötzsch lebt in München.

4. Mai 2010

Tanja Kinkel – Im Schatten der Königin

Einsortiert unter: 2010,History — Karthause @ 21:35
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Der Schatten der Königin
Tanja Kinkel
Gebundene Ausgabe: 424 Seiten
Verlag: Droemer/Knaur
ISBN-13: 978-3426198179

England im September 1560. Elizabeth I. ist seit zwei Jahren Königin und dabei ihre Macht zu konsolidieren, als Amy Dudley, Ehefrau von Robert Dudley, dem treuen Gefährten der Königin seit Jugendtagen, tot am Fuße einer Treppe aufgefunden wird. Wie kam es dazu? War es ein Unfall, Mord oder Selbstmord?

Amy führte seit Jahren ein Leben im Schatten der jungen Königin. Denn ihr Mann verbrachte die meiste Zeit am Hof und nicht nur das Volk dichtete Robert und der unverheirateten Elizabeth eine Liaison an. Da Amys Tod, den beiden in die Karten spielt, kam schnell der Verdacht auf, Robert hätte seine Frau ermordet oder den Mord in Auftrag gegeben. Um seine Unschuld zu beweisen, schickt Robert seinen engen Vertrauten Thomas Blount an den Ort des Geschehens. Robert selbst kann nichts weiter tun als abzuwarten, denn die Königin hat ihren Günstling auf dessen Besitz verbannt. Thomas folgt diesem Auftrag nur widerwillig, auch ihn verbindet ein Geheimnis mit der Toten. Aber auch die Königin selbst wird in Verbindung mit dem Tod von Amy gebracht. Das ruft ihre Gouvernante Kat Ashley auf den Plan.

Tanja Kinkel nimmt die Leser mit auf eine Reise ins elizabethanische England und stellt den bis heute rätselhaft gebliebenen Tod der Amy Dudley in den Mittelpunkt. Vor diesem realen historischen Hintergrund werden Intrigen und Ränkespiele inszeniert, geht es um Hass, Liebe und Macht. Ihre Protagonisten, historisch verbürgte und fiktive, werden gekonnt in die überlieferte Kulisse eingefügt. Die Sprache ist der Zeit angepasst, aber nicht so verstaubt, dass es beim Lesen Mühe bereitet. Die Geschichte wird aus der Sicht der zwei Ich-Erzähler, Thomas Blount und Kat Ashley, erzählt. Das war für mich ungewöhnlich, aber gut. So offeriert die Autorin dem Leser ein runde, authentisch wirkende Story, die sich so zugetragen haben könnte, aber vielleicht ganz anders war. Die große Realitätsnähe erreicht Tanja Kinkel nicht zuletzt durch ihre dokumentierte akribische Recherche, ein ausführliches Quellenverzeichnis belegt das. Aber auch vom äußeren Eindruck ist dieser Roman sehr gelungen. Leider empfand ich den mittleren Teil des Buches etwas mit Längen behaftet, die Spannung kam mir persönlich etwas abhanden, aber der Schluss versöhnte mich wieder. Als einen kleinen Kritikpunkt möchte ich noch den fehlerhaften Eintrag von Thomas Blount im Stammbaum bemerken. Aber nach dem Wikipedia-Besuch war bei mir die Verwirrung aufgelöst.

Mein Fazit: Tanja Kinkels „Im Schatten der Königin“ ist ein gelungener historischer Roman mit einer an einen Kriminalroman grenzenden Handlung. Auch in diesem Roman bewies die Autorin wieder ihr Gespür für interessante geschichtsrelevante Themen. Für Anhänger der Tudors wird dieser Roman ein Muss sein, für alle anderen Leser ist er eine gute, unterhaltsame Lektüre.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Tanja Kinkel, 1969 in Bamberg geboren, verfaßte bereits im Alter von acht Jahren ihre erste Erzählung. Heute ist die promovierte Germanistin eine der erfolgreichsten Autorinnen historischer Romane, die regelmäßig die Bestsellerlisten erobern und in neun Sprachen übersetzt werden. Schon 1992 wurden ihre ersten beiden Bücher mit dem Bayerischen Staatsförderpreis für junge Schriftsteller ausgezeichnet. “Wenn es nicht wahr ist, dann ist es eine gute Geschichte”, so zitiert Tanja Kinkel ein italienisches Sprichwort und umschreibt damit zugleich ihr persönliches Erfolgsrezept.

26. April 2010

Sabrina Capitani – Der verborgene Brunnen

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Der verborgene Brunnen
Sabrina Capitani
Broschiert: 379 Seiten
Verlag: Piper
ISBN-13: 978-3492252027

Ende des 10. Jahrhunderts in der Provence. Kassia, eine Halbsarazenin, ist 16 Jahre alt und schon als Säugling in ein Kloster gekommen. Nun macht sie sich mit dem Pfarrer des Dorfes Roubion auf den Weg, um einen alten Witwer zu heiraten. Als sie ihr Ziel erreichen, ist dieser aber gerade verstorben. Von ihrer Mitgift kauft sie sich ein Stück Land. Aber bald wird die Wasserknappheit zum Problem. Der Quellmeister sucht vergeblich, aber sein Sohn Ramon, von vielen als Dorftrottel verspottet, findet auf dem Land einen verborgenen Brunnen. Als dieser von beiden wieder hergerichtet wird, gibt er sein Geheimnis preis – das Skelett eines Fremden. Von den Leuten im Dorf will keiner etwas wissen. Als Kassia nachfragt, stößt sie auf eine Mauer aus Schweigen und Ablehnung.

Mit diesem Buch bekam ich einen wunderbaren historischen Roman zu lesen. Sehr liebevoll beschrieb Sabrina Capitani die karge und trockene Landschaft in der Provence. Sie zeigte eindrucksvoll auf, welche Bedeutung es hat, über eine Quelle oder einen Brunnen zu verfügen. Aber sie beschreibt auch das Miteinander, das Angewiesensein auf den Nachbarn, den Zusammenhalt in der Gemeinschaft und die sich für den Ausgeschlossenen ergebenden Probleme. Kassia war eine, die nicht dazu gehörte. Erschwerend kam für sie noch hinzu, dass sie als Halbsarazenin mit Vorurteilen leben musste und so auf Misstrauen und Feindseligkeit stieß. Aber sie meisterte alle Situationen, ohne dabei künstlich zu wirken. Sie war eine sehr sympathische Hauptfigur, mit der man sofort mitfühlen konnte. Mit sehr viel Liebe zum Detail beschrieb die Autorin die Lebensumstände in dem abgelegenen Dorf, das Leben im Einklang mit der Natur und öffnete dem Leser so ein Fenster in eine lang vergangene Zeit. Auch das Zusammentreffen verschiedener Religionen ist ein Thema, das in diesem Roman einen wichtigen Stellenwert hat und dadurch eine Brücke in unsere zeit schlägt.

Sehr gut gefallen hat mir auch der Aufbau des Romans. Zuerst wird die Geschichte von Kassia erzählt, später die der Nonne Douce, die im Kloster eine enge Vertraute unserer Protagonistin war. Da diese beiden Handlungen nicht parallel abliefen, blieb der Spannungsbogen bis zum Ende hin erhalten. In diesem Roman ist aber auch die Geschichte einer Liebe beschrieben, unaufdringlich, mit leisen Worten und wie der gesamte Roman – einfach nur schön.

Mein Fazit: „Der verborgene Brunnen“ ist etwas ganz Besonderes im Genre der historischen Romane, ein Buch das ich von ganzem Herzen empfehlen kann. Im Sommer erscheint ein neuer historischer Roman der Autorin, ich habe ihn mir schon vorgemerkt.

Über den Autor (Quelle Amazon)

Sabrina Capitani, geboren 1953, studierte Germanistik, Publizistik und Kunst in Berlin und arbeitet seit zwanzig Jahren als Autorin für Hörfunk und Fernsehen. Sie schrieb Drehbücher für deutsche Kinderserien, Hörspiele für den SFB, für Radio Bremen und RAI und ist außerdem als freie Malerin tätig.

Homepage der Autorin, die auch unter ihrem Namen Sabine Korsukewitz Romane veröffentlicht hat.

17. April 2010

Deana Zinßmeister – Die Gabe der Jungfrau

Einsortiert unter: 2010,History — Karthause @ 16:57
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Die Gabe der Jungfrau
Deana Zinßmeister
Taschenbuch: 512 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag
ISBN-13: 978-3442470365

Mehlbach in der Kurpfalz um 1525. Die Stimmung war angeheizt, die Welt hatte sich verändert. Es war die Zeit des deutschen Bauernkrieges. Luther hatte vor nicht all zu langer Zeit seine Thesen zur Reformation der Kirche veröffentlicht und Müntzer war in Thüringen und Sachsen der Wortführer der Bauern.

Der freie Bauer Daniel Hofmeister schickte zwei seiner Söhne in den Kampf für die Sache der Bauern. Bevor sie gingen gaben sie jedoch ihrer Schwester Anna Maria das Versprechen, dass einer nicht ohne den anderen heimkehren würde.

Anna Maria besaß die Gabe, sich im Traum von nahestehenden Menschen, deren Tod bevor steht, verabschieden zu können. Eines Nachts sah sie ihre Brüder in verschneiter Landschaft. In großer Sorge und Eile brach sie mit dem Segen des Vaters auf, um Peter und Matthias in den Kriegswirren zu finden und das Schicksal abzuwenden.

Der Leser begleitet die junge Frau auf ihrer abenteuerlichen und nicht ungefährlichen Suche. Dabei verwebt Deana Zinßmeister die verschiedenen Handlungsstränge mit der realen Geschichte so geschickt, dass am Ende die Handlung stimmig ist und der Leser gleichzeitig ein sehr realistisches Bild über das Leben und die Ereignisse dieser bewegten Zeit machen kann. So erfährt man vom Doppelleben des Vaters ebenso wie vom schweren Leben der Bauern und ganz nebenbei, unaufdringlich und mit dem Gespür für das Wesentliche werden die historischen Fakten unterbreitet. Man lernt die Bundschuhbewegung als Wurzel für den Bauernkrieg auf deutschem Boden kennen und die Standpunkte von Luther und Müntzer zu unterscheiden.

Die Beweggründe für das Handeln der Protagonisten werden immer wieder in Rückblenden dargelegt, so wurde den Figuren von Anfang an ein Charakter verliehen und Leben eingehaucht. Sie wuchsen mir ans Herz, ich konnte mit ihnen hoffen und bangen und als ich das Buch schloss, hatte ich das Gefühl gute Bekannte zu verlassen.

In diesem Roman trifft Fiktion auf Realität und es war mir nicht immer möglich reale Personen von denen, die der Feder der Autorin entsprangen, zu unterscheiden.

Das Buch enthält ein umfangreiches Nachwort und ein ausführliches Quellenverzeichnis, das belegt, was beim Lesen schon angenehm auffällt, die Autorin hat eine akribische Recherche betrieben. Ich hätte gern noch ein Personenverzeichnis und eine Karte im Buch gehabt. Solche Beigaben liebe ich. Deren Fehlen laste ich aber keinesfalls der Autorin an.

„Die Gabe der Jungfrau“ ist für mich der beste der bisher von Deana Zinßmeister erschienen Romane. Gut charakterisierte Figuren treffen auf eine interessante und von der Autorin gewohnt gekonnt erzählte Geschichte und sind eingebettet in einen realen historischen Rahmen. Was will man als Leser historischer Romane mehr.

Über den Autor

Deana Zinßmeister hat sich mit dem Schreiben einen Traum erfüllt und ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. Bereits mit ihrem ersten historischen Roman »Das Hexenmal« gelang ihr auf Anhieb ein Erfolg. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern im Saarland.

6. April 2010

Lea Korte – Die Maurin

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Die Maurin
Lea Korte
Broschiert: 663 Seiten
Verlag: Droemer/Knaur
ISBN-13: 978-3426502303

Andalusien zum Ende des 15. Jahrhunderts. Das Land wird beherrscht von erbitterten Kämpfen zwischen Mauren und Kastiliern, ein Kampf der Religionen und Kulturen, die letzte Zeit der Reconquista. In diese historische Handlung ist das Schicksal der jungen Maurin Zahra as-Sulami, enge Vertraute der Sultanin Aischa, eingebaut. Ihre Familie, alter maurischer Adel, ist ein Spiegel der Gesellschaft. Moslems, Christen und Juden sind durch Familienbande miteinander verbunden. So kommt es durch die unterschiedlichen politisch-religiösen Ansichten zu familiären Spannungen, bei denen ihr Halbbruder Yazid schon radikal fanatisch für den Heiligen Krieg, auch innerhalb der Familie, eintritt. Aber auch Zahra kämpft ihren ganz eigenen Kampf. In alter maurischer Tradition erzogen, begehrt sie gegen Sitten, Bräuche und Zwänge auf und will sich mit der ihr gebührenden Rolle als Frau in der Familie nicht abfinden. Sie ist eine beherzte und mutige junge Frau, aber immer wieder wird auch deutlich, dass sie doch in ihren muslimischen Traditionen verwurzelt ist. Wiederholt überschreitet sie Grenzen und auch der vom Vater verhängte Hausarrest zeigt nicht die erwartete Wirkung. So bleibt dem Familienoberhaupt nur noch, die geplante Hochzeit vorzuziehen. Zahras Herz schlägt aber nicht für den für sie ausgewählten Mann. So muss sie viele persönliche Kämpfe und Abenteuer bestehen und wird immer wieder von den religiösen Auseinandersetzungen ihrer Zeit eingeholt.

Lea Korte lässt den Leser in die letzten Jahre der maurischen Herrschaft in Spanien reisen. Und eine Zeitreise ist es wirklich. Sehr anschaulich und historisch fundiert beschreibt sie das Leben von Kastiliern und Mauren und lässt den Leser an Glücksmomenten wie auch am Augenblicken großer Trauer und Not teilhaben. Der Leser begleitet die junge Maurin Zahra, Tochter eines maurischen Vaters und einer zum Islam konvertierten Christin, über 15 Jahre. Sie setzt sich durch, auch in schwierigen Situationen. In nur wenigen Passagen erschien sie mir etwas zu tough. In „Die Maurin“ agieren neben fiktiven Personen historisch verbürgte. Alle sind liebevoll mit viel Detailgenauigkeit in Szene gesetzt. Aufschluss darüber, welche Personen wirklich existierten, gibt dem Leser das Personenverzeichnis. Dies war für mich ebenso hilfreich, wie die sich im Buch befindenden Stammbäume, die Zeittafel und das Glossar.

Die Reconquista war alles andere als eine friedliche Zeit. Auch in Lea Kortes Roman kommt man um diverse Schilderungen von Kampfhandlungen nicht herum. Aber diese oft auch brutalen Szenen dienen nicht dem Selbstzweck, sie untermauern die historische Lage und lassen den Leser auch ein Gefühl für das Leben in dieser Zeit bekommen. Auf der einen Seite stehen die kriegerischen Auseinandersetzungen, auf der anderen Seite die davon betroffene notleidende Bevölkerung, die eigentlich auch den Frieden herbei sehnt. Diese Friedenssehnsucht ist sowohl bei Christen als auch bei den Mauren deutlich spürbar. Besonders hervorheben möchte ich, dass die Autorin keine Partei ergreift und sowohl Christen als auch Moslems in ihren Standpunkten wertungsfrei darstellt.

Abschließend kann ich sagen, „Die Maurin“ ist ein sehr gelungener historischer Roman, den ich sehr gern gelesen habe und den ich ebenso gern weiter empfehle. Das Ende lässt sogar auf eine Fortsetzung hoffen, darüber würde ich mich freuen.

Über den Autor

Lea Korte, geboren 1963, wanderte nach Abschluss ihres Studiums nach Spanien aus, wo sie zuerst in Katalonien und später im Baskenland und in Valencia als Übersetzerin und Autorin lebte. Von Anfang an setzte sie sich intensiv mit der Geschichte und Kultur ihrer Wahlheimat auseinander. Zusammen mit ihrem französischen Mann und ihren beiden Kindern lebt sie heute in Südspanien.

Lea Kortes Blog

Lea Kortes Homepage

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