Karthauses Bücherwelt …

30. März 2013

Victor Hugo – Die Elenden

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Die Elenden

Victor Hugo

Gebundene Ausgabe: 1352 Seiten

Verlag: Manesse-Verlag

ISBN-13: 978-3717580065

Der Manesse Verlag über das Buch

Victor Hugo war ein engagierter Dichter avant la lettre. Sein großer, visionärer Roman ist eine Verteidigungsrede für die Elenden, für jene, die unter ihrer Not leiden und die ihre Not entehrt.

Im Mittelpunkt des monumentalen Romans steht die Geschichte des entlassenen Häftlings Jean Valjean, der nur durch die selbstlose Hilfe eines Bischofs wieder in die Gesellschaft zurück- und den Glauben an die Menschen wiederfindet. Unter falschem Namen baut er sich in Paris eine neue Existenz auf und sorgt für die junge Cosette, deren Mutter elend an Schwindsucht gestorben ist. Er muss jedoch seine wahre Identität geheim halten. Als Cosette sich in den aufstrebenden Advokaten Marius verliebt, versucht er, die beiden Liebenden auseinanderzutreiben – so sehr fürchtet er die Trennung von seiner Adoptivtochter. Mit dem Beginn der Pariser Arbeiteraufstände von 1832 überschlagen sich die Ereignisse: Marius gerät in den Straßenkämpfen in Lebensgefahr, und Valjeans Vergangenheit wird zur zunehmenden Bedrohung für Cosettes Glück.

Meine Meinung

“Eine Gesellschaft, die das Elend zulässt, eine Menschheit, die den Krieg zulässt, scheint mir minderwertig… Ich verdamme die Sklaverei, verjage das Elend, ich behandle die Krankheit, ich erhelle die Nacht, ich hasse den Hass. Darum habe ich ‘Die Elenden’ geschrieben.” Victor Hugo

Victor Hugo baut seinen großen Roman, sowohl vom Inhalt als auch vom Umfang her, um den Lebensweg des ehemaligen Galeerensträflings Jean Valjean auf. Wegen eines gestohlenen Brotes inhaftiert und nach mehreren missglückten, die Bestrafung verlängernden, Fluchtversuchen dauerte seine Strafe 19 lange Jahre. Nach seiner Entlassung hilft ihm der Bischof von Digne uneigennützig, wieder den rechten Weg zu finden. Valjean schlägt ihn ein, er wird geläutert und entwickelt sich zum Gutmenschen. Trotzdem bleibt er ein Leben lang ein Verfolgter. Von Beginn an sind die Rollen in den Positionen Gut und Böse eindeutig besetzt, das sind die gegensätzlichen Pole, die die Handlung bestimmen. Man findet sie ebenso in Arm und Reich, Mann und Frau, Liebe und Hass sowie im ehrbaren Bürger und im Strafgefangenen. Die sich aus diesen Konstellationen ergebenden Konflikte sind das Konstrukt, um das sich die Geschichte rankt.

Sehr bewusst habe ich mich für eine möglichst ungekürzte Fassung des Romans entschieden und so kann auch ich nicht abstreiten, dass ich beim Lesen Längen empfand. Den gekürzten Ausgaben wird auch mit Sicherheit nichts an der zentralen Handlung abhanden gekommen sein. Ich vermute jedoch, die Streichungen gehen zu Lasten des Zeitgefühls, der Tiefe und des Gesamteindrucks. Letztlich sind diese Ausschweifungen aber dem Realisten Hugo geschuldet. Detailliert beschreibt er das Leben und die Lebensumstände seiner Figuren. Er schaut sozusagen in jeden Winkel, unter jeden Teppich. Er ist kein Autor, der schnell zum Wesentlichen kommt. Das ist auch gar nicht seine Intention. Er will dem Leser ein Bild seiner Zeit vermitteln, dokumentieren und überliefern. So gibt es ganze Kapitel, die scheinbar nichts mit der eigentlichen Handlung zu tun haben. Trotzdem las sich der Roman für mich flüssig und nicht ohne Spannung. In “Die Elenden” wird aber auch deutlich, dass Victor Hugo ein sehr politischer Mensch war. Dem Pariser Juni-Aufstand im Jahr 1832 widmet er einen großen Teil seines Romans. Die Geschichte des kleinen Gavroche ist es auch, die mich am meisten beeindruckte.

“Die Elenden” ist ein großartiger Roman, einer der besten, den die Weltliteratur zu bieten hat. Dass ich die Ausführlichkeit an einigen Stellen beklage, hat nichts mit der Qualität des Romans zu tun, die ist unbestritten. Es spiegelt lediglich meinen Geschmack wider.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Victor Hugo (1802-1885) lebte nach einem kurzen Studium an der Ecole Polytechnique als Schriftsteller in Paris. Seinen ersten Roman veröffentlichte er bereits 1819, zahlreiche weitere Romane, Theaterstücke und Lyrik folgten. Er gründete zwei literarische Zeitschriften und wurde 1841 Mitglied der Académie française. Ab 1843 engagierte er sich politisch; wegen seiner Opposition gegen Napoléon III musste er 1851 Frankreich verlassen und lebte bis 1870 in Belgien, Jersey und Guernsey. Die Jahre im Exil wurden zu seiner literarisch fruchtbarsten Zeit. Hugo wurde im Panthéon beigesetzt.

10. März 2013

Upton Sinclair – Öl!

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Öl! Upton Sinclair

Öl! Upton Sinclair

Öl!

Sinclair, Upton

Originaltitel: Oil!

Gebundene Ausgabe: 768 Seiten

Verlag: Manesse Verlag

ISBN-13: 978-3717522546

„Es ist das umfangreichste meiner Bücher und es ist besonders sorgfältig recherchiert. Es ist voller Abenteuer und sozialer Gegensätze, keine Geschichte könnte wahrer sein.“ Upton Sinclair

Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

Ein Schlüsselroman über die Tyrannei des Raubtierkapitalismus.

«Öl!» ist das US-Epos über die legendäre Zeit der Ölbarone: übers schnelle Geld und die Faszination jenes Rohstoffs, der wie kein anderer das Antlitz der modernen Zivilisation geprägt hat. Mit ökonomischer Klarsicht schildert Sinclair den Wettlauf ums «schwarze Gold», skrupellose Verteilungskämpfe und das beispiellose Auseinanderdriften von Arm und Reich. Ein Glanzstück welthaltiger, engagierter Romankunst!

J. Arnold Ross hat es mit Ehrgeiz, Gerissenheit und Glück zum Erdölmagnaten gebracht, Sohn Bunny ist zum Erben seines «schmierigen Reichtums» auserkoren. Doch statt sich seiner Privilegien zu freuen, verbringt er jede freie Minute auf den Erdölfeldern Kaliforniens und entdeckt dort seine Sympathien für die einfachen Leute. Fortan pendelt der junge Idealist zwischen den Sphären, ohne in einer davon je ganz heimisch zu werden: weder in den verschwörerischen Machtzirkeln seines Vaters noch im gärenden Arbeitermilieu, aber auch nicht auf dem Universitätscampus, geschweige denn in Hollywoods Glamourwelt. Zwischen allen Fronten stehend, muss er erkennen, dass das Leben ehernen Gesetzen von Habgier und Betrug gehorcht. Selten ist die Frage nach einer menschenwürdigen Gesellschaft literarisch eindringlicher gestaltet worden als am Schicksal des edelmütigen Ölprinzen Bunny Ross.

Meine Meinung

Der Einstieg in die Handlung erfolgt im Jahr 1912. J. Arnold Ross führt seinen zu diesem Zeitpunkt 12jährigen Sohn J. Arnold Ross jun., genannt Bunny, an das Ölgeschäft heran. Er selbst hat den Aufstieg in die hart umkämpfte Branche geschafft und sein Sohn soll einmal weiterführen, wofür der Vater den Grundstein legte. So erfährt schließlich auch der Leser, worauf es in diesem Geschäft ankommt, auf den Einsatz von Ellbogen, auf Geld, ein gutes Händchen für die Probebohrungen und möglichst wenige Skrupel. Aber Bunny ist anders als sein ehrgeiziger Vater. Die Freundschaft mit Paul, einem 4 Jahre älteren Landarbeiterjungen, lässt ihn die Welt auch aus einer anderen Perspektive sehen. So sympathisiert Bunny offen mit Sozialisten und den entstehenden Gewerkschaften. Er beschwert sich über Missstände und prangert die gewissenlose Habgier der Ölmagnaten an. Upton Sinclair gelingt es meisterhaft beide Seiten ausgezeichnet und überzeugend darzustellen. Er beschreibt die unternehmerischen Risiken ebenso wie die unmenschlichen Arbeitsbedingungen der Lohnarbeiter und deren gnadenlose Ausbeutung. Sinclair erklärt die politischen Hintergründe dieser Zeit und gibt damit ein beeindruckendes Bild der Unternehmenskultur in den USA der 1920er Jahre wieder. Von US-Präsident Roosevelt als Muckraker und von W. I. Lenin als „Gefühlssozialist“ bezeichnet, übt Upton Sinclair in seinem Roman „Öl!“ offene Gesellschaftskritik und thematisiert soziale Gegensätze und Ungerechtigkeiten. Dennoch ist sein Werk sehr unterhaltsam, lässt es doch den Leser auch einen Blick hinter die Kulissen der Roaring Twenties werfen und liefert zu dem auch noch eine hochspannende Familiengeschichte mit hervorragend gezeichneten Figuren, die facettenreich charakterisiert und lebensecht dargestellt wurden. Sie haben Stärken und Schwächen, an denen sich der Leser mit Verständnis oder auch Missfallen reiben kann.

Dieser monumentale Roman über den beeindruckenden Siegeszug des Öls und den ungeheuren Einfluss der Ölmagnaten auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft hat auch in unserer heutigen Zeit nichts an Bedeutung verloren, im Gegenteil, er ist aktueller denn je.

Wer vor dicken Wälzern nicht zurückschreckt, Abhandlungen über technische Gegebenheiten und Technologien nicht scheut, Familiengeschichten mag und gern lebendige Zeitgeschichte erfahren will, wird mit diesem Roman einen Glücksgriff machen. Mich hat er nachhaltig beeindruckt.

Die im Manesse Verlag erschienene Neuübersetzung von Andrea Ott ist sehr dicht an die Entstehungszeit des Romans angelehnt. Auf damals noch nicht ins Deutsche eingesickerte Anglizismen wurde verzichtet. Auch die etwas komplexeren technischen Abschnitte sind leicht lesbar und verständlich. Dieser Ausgabe ist ein äußerst interessantes Nachwort von Ilja Trojanow beigefügt, das den geschichtlichen Hintergrund noch einmal explizit beleuchtet, die Rezeption des Romans in Deutschland beschreibt und näher auf den Autor eingeht.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Upton Sinclair (1878–1968), in einfachsten Verhältnissen aufgewachsen, war seit seinem Erstling „The Jungle“ als „mudraker“ verschrien: als Autor, der mit seinen Werken Dreck aufwühlt. Über „Oil!“ (1927) ließ der Autor stolz verlauten, dieser Roman „voller Abenteuer und sozialer Gegensätze“ sei sein am gründlichsten recherchiertes Werk überhaupt.

Mein Dank gilt dem Manesse Verlag für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

21. Februar 2013

Thomas Hardy – Tess

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Tess

Hardy, Thomas

Originaltitel: Tess of the d’Urbervilles

Taschenbuch: 592 Seiten

Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag

ISBN-13: 978-3423141888

Unter dem Titel “Tess of the d’Urbervilles. A Pure Woman Faithfully Presented” veröffentlichte Thomas Hardy im Jahr 1891 diesen Roman zum ersten Mal in seiner ursprünglichen Langform.

Es war nicht einfach für mich, meine moralischen Vorstellungen beiseite zu lassen und mich gänzlich auf die Viktorianische Zeit einzulassen. Hardy machte mir es mir leicht, ein Bild vom Alltagsleben seiner Protagonisten zu bekommen. Detailliert und realistisch schildert er die schwere Arbeit in der Landwirtschaft, den Stand der Technik und das Leben der Landbevölkerung. Tess beschreibt er zu Beginn als junges und lebenslustiges Mädchen, das mit ihren Freundinnen in den Frühling tanzt. Das Schicksal, Angel und Alec und Moralvorstellungen der damaligen Zeit stehen aber einer glücklichen Zukunft von Tess im Weg. Ausgangspunkt für Tess‘ tiefen Fall war nicht zuletzt die Lebensweise ihrer Eltern. Der Vater trank, die Mutter war ein einfältiges, kindliches Wesen. Beide machten nur so viel wie unbedingt nötig, um das Überleben der Familie zu sichern. Als sie dann von der noblen Abstammung der Durbeyfields erfuhren, sehen sie darin eine Möglichkeit, ihrem Elend zu entfliehen. Tess, die älteste Tochter sollte den reichen Verwandten Alec d‘Ubervilles heiraten. Tess wurde herausgeputzt und zu den vermeintlichen Verwandten geschickt. Alec fand auch Gefallen an dem jungen, frischen Mädchen, statt sie zu heiraten vergewaltigte er sie. Tess floh zurück ins Elternhaus, bekam ein Kind, das jedoch nur kurze Zeit lebte. Tess war ein gefallenes Mädchen, eine aussichtsreiche Heirat war undenkbar geworden. Daraufhin verließ sie ihr Dorf und fand eine Anstellung auf einem Hof in Talbothays, wo sie Angel Clare trifft, der ihr bereits bei dem am Anfang des Romans besagtem Frühlingfest auffiel und sie aber damals nicht beachtete. Ihr Gewissen verbietet es Tess seinen Heiratsantrag anzunehmen. Schließlich stimmt sie aber doch zu. Am Hochzeitstag gestehen sich beide ihre Vergangenheit ein. Angel, der Pfarrerssohn, verlässt Tess und geht nach Brasilien. Tess muss sich allein durchschlagen und trifft wieder auf Alec…

Thomas Hardy erzählt Tess‘ Geschichte aus der Sicht eines moralisierenden, allwissenden Erzählers. Dabei tritt besonders deutlich die Doppelmoral viktorianischer Zeit zutage. Was heute kaum noch einen Menschen peinlich berühren würde, führte Tess an den Rand des Abgrunds und ließ sie den letzten Schritt darüber hinaus selbst tun. Ihr Niedergang ist unaufhörlich und das Ende vorauszuerahnen. Dabei deutet Hardy stets nur an, vermeidet jede Schilderung mit sexuellem Hintergrund und überlässt dem Leser das Angedeutete zur Interpretation. Die Sprache des Romans wirkt mitunter schwülstig und etwas angestaubter, als ich dies bei einem vor gut 120 Jahren geschriebenen Roman erwarten durfte. Sowohl der Sprachstil und auch diese Andeutungen störten mich persönlich ein wenig. Da war ich aus anderen in diesem Zeitalter entstandenen Romanen anderes gewöhnt. Ich möchte keineswegs detailgetreue Schilderungen von Vergewaltigungen lesen, aber im moralischen Nebel möchte ich als Leserin auch nicht stehen gelassen werden.

Die männlichen Protagonisten, die Tess zunächst so verschieden sieht, gleichen sich in ihrem selbstgerechten Egoismus und ihrem Umgang mit Tess wie eineiige Zwillinge. Alec schmückt sich mit einem erkauften Titel. Angel scheinbar gebildet, ist gefangen in seinem enggewebten Netz moralischer Vorstellungen. Beide sind Männer, die für diese Zeit stehen und wurden von Hardy hervorragend in Szene gesetzt.

Der Roman trägt den Untertitel: ‘Eine reine Frau’. Dies ist der einzige Hinweis darauf, wie Thomas Hardy in Wirklichkeit über die Scheinmoral dachte und mit dem er versuchte, die Tragödie um Tess ins rechte Licht zu rücken.

„Tess“ habe ich sehr gern gelesen. Er vermittelte mir ein eindrucksvolles Bild vom Dasein der einfachen Landarbeiter im viktorianischen England. Trotzdem mir persönlich ein paar Kleinigkeiten nicht so gefielen, sehe ich den Stellenwert dieses Romans in der Weltliteratur und bin froh ihn gelesen zu haben. Gerne empfehle ich ihn weiter.

Über den Autor

Thomas Hardy, geboren am 2. Juni 1840, war Sohn eines Baumeisters. Er ging nach der Architektenlehre nach London und begann neben seiner Arbeit als Kirchenrestaurator zu schreiben. 1871 erschien der erste seiner berühmten ›Wessex‹-Romane, die alle in seiner heimatlichen Umgebung angesiedelt sind. Hardy hinterließ ein umfangreiches Werk, darunter 14 Romane und fast 1000 Gedichte. Er starb am 11. Januar 1928.

16. Oktober 2012

Michail A. Scholochow – Der stille Don

Der stille Don
Michail A. Scholochow
OT: Тихий Дон
Gebundene Ausgabe: 1.816 Seiten, 4 Bände
Verlag: Volk und Wissen 

Russland, am Don 1912 – 1920. Grigori Melechow ist Kosak, jung und verliebt in Aksinja, die Ehefrau seines Nachbarn Stepan Astachow. Die Eltern wollen dieser Beziehung ein Ende bereiten und verheiraten ihn mit Natalja. Daraufhin fliehen Grigori und Aksinja. Inzwischen tobt der 1. Weltkrieg und Grigori kämpft in einem Kosakenregiment auf der Seite Russlands. Daheim wendet sich Aksinja dem Sohn des Gutsbesitzers zu, bei dem sie bei ihrer Flucht Arbeit und Unterschlupf fanden. Als Grigori während eines Fronturlaubes davon erfährt, kehrt er zurück zu seiner Ehefrau Natalja. Aber auch die beiden gemeinsamen Kinder können nicht verhindern, dass Grigori immer wieder die Beziehung zu Aksinja aufnimmt. Die Jahre vergehen, es sind Jahre des Krieges, der Oktoberrevolution und des Aufstandes der Weißen gegen die Bolschewiki. Grigori ist stets ein Kämpfer für die Kosaken, mehrfach wurde er verletzt, er nahm aufgrund seiner Verdienste inzwischen den Rang eines Offiziers ein. Er ficht den Kampf aber auf wechselnden Seiten aus. Weder den Weißen noch den Roten fühlt er sich wirklich zugehörig.

 Vor vielen Jahren, in meiner Jugendzeit habe ich „Der stille Don“ zum ersten Mal gelesen. Damals rückte dieses Buch sofort in die erste Reihe meiner Lieblingsbücher auf. Wie ist das aber, wenn man zu einem solchen Roman ungezählte Jahre später wieder greift? Man verfügt über eine ganz andere Weltsicht, viele Dinge haben sich verändert, man wurde reifer und auch anspruchsvoller, was die Lektüre betrifft. Wird das Werk den hohen Erwartungen immer noch gerecht werden?

Im Zentrum von Michail Scholochows Epos steht der Kosak Grigori Melechow, anhand dessen Geschichte, der seiner Familie und seines Kosakendorfes lässt der Autor eine Zeit aufleben, die gekennzeichnet ist durch Krieg, Revolution und Bürgerkrieg. Diese von großen Umbrüchen geprägte und vom Autor historisch korrekt, detailliert und verständlich beschriebene Zeit bildet den großen Hintergrund dieses 1.816 Seiten umfassenden Romans.

Der Protagonist dieses monumentalen Romans ist Grigori Melechow. Er ist ein einfacher Kosak, der mit seiner Scholle tief verwurzelt und ein mutiger Kämpfer ist und dem der Rausch von Liebe und Alkohol nicht fremd ist. Aufgrund seiner Verdienste im Kampf wurde er Offizier, der von der Truppe geachtet und von den ausgebildeten Offizieren aufgrund seiner Herkunft verachtet wird. Als Kosak steht er zwischen den Weißen und den Roten und ebenso wie im Kampf steht der Mann Grigori zwischen zwei Frauen. Er ist innerlich zerrissen und letztlich ein Gescheiterter.

Der Roman entstand in der Zeit von 1928 bis 1940. Das lässt vermuten, dass sich der Autor, der als linientreu gilt, in diesem Werk zum Agitator der Kommunisten aufschwingen würde – aber weit gefehlt. Er beschreibt die politische Situation weitgehend neutral, analysiert die Schwächen auf beiden Seiten und bringt stellenweise recht unverblümte Kritik an. Er unterscheidet nicht nach gut und böse, weder bei den Menschen noch bei den Ideologien. Er lässt seine Figuren durch ihr Handeln zeigen, welche Position sie einnehmen und überlässt die Wertung dessen dem Leser. So bringt der Autor seinem Leser die russische Seele ohne viel Pathos und Propaganda nahe und zeichnet ein äußerst gelungenes Zeit- und Sittenbild. Denn es sind die kleinen Dinge des Alltags und der Natur, auf die Michail Scholochow den Blick des Lesers lenkt und die er so wunderbar beschreibt, sei es das Wasserholen am Brunnen oder die Schönheit der Donsteppe an einen Sommerabend. Genau das sind die Szenen, die der Leser benötigt, um von den harten Kriegsszenen Abstand zu gewinnen. Diese schildert er schonungslos, ungeschönt und vor allem sehr glaubhaft. So hat Scholochow mir Menschen nahe gebracht, von denen ich weiß, es sind fiktive Figuren, von denen ich aber auch sagen kann, genau diese Menschen hätten zu dieser Zeit im Dongebiet leben können. Trotzdem war ich als Leser nur ein stiller Beobachter der Szenerie. Für mich hat dieser Roman keinen Helden, nur Menschen, die liebten und litten.

Der Tod ist ein ständiger Begleiter in diesen 4 Bänden. Krankheiten und Kriege lassen viele Menschen zu zeitig sterben, wieder andere legen selbst Hand an sich oder werden hinterrücks von fremder Hand aus Rache getötet. Trotzdem ist „Der stille Don“ ein Roman, der den Leser nicht traurig, sondern eher nachdenklich stimmt. Der Roman ist gezeichnet von ungeheurer Sprachgewalt und Inhaltsfülle, er lebt von vielen kleinen Details, die der Autor sehr bewusst in die Romanhandlung eingebaut hat.

Michail Scholochow erhielt für diesen Roman den Nobelpreis für Literatur. Allerdings stehen auch ungeklärte oder auch nicht zu klärende Plagiatsvorwürfe im Raum. Dazu kann ich mich nicht äußern, aber egal wie, der Roman selbst ist dieser hohen Auszeichnung würdig.

Mein Fazit: Mich hat „Der stille Don“ auch als Wiederholungslektüre wieder voll in seinen Bann gezogen. Leser, die fiktive Geschichten vor historischer Kulisse in Monumentalform mögen und die für diese historische Epoche mit ihren aufeinanderprallenden Ideologien offen sind, werden an diesen Roman ihre Freude haben.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Michail Scholochow (1905 – 1984) begann 1923 seine literarische Karriere mit Erzählungen aus dem Kosakenleben. ›Der stille Don‹, erschienen 1928 – 1940, machte ihn zu einem der populärsten russischen Schriftsteller. 1965 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

31. Januar 2011

Thomas Mann – Der Zauberberg

Der Zauberberg
Thomas Mann
Gebundene Ausgabe: 1.040 Seiten
Verlag: Berlin Aufbau Verlag
ASIN: B004165YVY

Hans Castorp, früh verwaist, hat gerade sein Studium als Schiffbauingenieur beendet und fährt für 3 Wochen nach Davos, um seinen Vetter Joachim Ziemßen zu besuchen, der dort im internationalen Sanatorium „Berghof“ seine Lungenerkrankung kuriert. Anfangs fühlt er sich fast wie ein Fremdkörper bei „Denen da oben“. Er hat Schwierigkeiten mit der Eingewöhnung, auch die ungewohnte Höhenlage macht ihm zu schaffen. Hofrat Behrens, leitender Arzt im „Berghof“, attestiert ihm bereits bei der ersten Begegnung, er sei total anämisch. Im Sanatorium lernt Hans den Humanisten Settembrini kennen, der ihm beizeiten rät, den Berg mit all seiner Morbidität zu verlassen. Aber Hans verliebt sich in die femme fatal, Clawdia Chauchat. Als Hans Castorp während seines Besuches infolge einer Erkältung selbst immer mehr Anzeichen für eine „schwere“ Erkrankung an sich entdeckt, lässt er sich eingehend untersuchen und nimmt, nachdem eine feuchte Stelle in seiner Lunge diagnostiziert wurde, von der geplanten Abreise Abstand und bleibt. Insgesamt 7 Jahre verbringt er in dem Sanatorium zwischen üppigen Mahlzeiten, Liegekuren und anregenden Gesprächen.

Der ursprünglich als Novelle konzipierte Roman entstand in der Zeit von 1913-1924 und sollte das groteske Gegenstück zu „Tod in Venedig“ sein. Inspiriert wurde Mann dazu während eines Besuches bei seiner Ehefrau, die sich wegen eines Lungenleidens in einem Davoser Sanatorium aufhielt. Dies war meine erst vollständige Begegnung mit dem Zauberberg, in jüngeren Jahren verfügte ich noch nicht über das Durchhaltevermögen, das einem dieser Roman abverlangt. Dabei ist es keinesfalls eine kompliziert gesponnene Handlung, die den Leser fordert, es ist das Textverständnis. Ungezählte Anspielungen, Bezüge, Symbole und Metaphern aus Philosophie, Mythologie, Theologie und Musik müssen erkannt und in ihren Zusammenhang mit dem Text gebracht werden. Ich bin keineswegs so vermessen, zu behaupten, ich hätte sie alle erkannt. Mir stellt sich eher die Frage, ob das vollständige Verstehen des Werkes wirklich möglich ist. Aber ich denke, mit jedem Lesen nähert man sich dem Kern des Buchs ein Stückchen mehr und so ist ein re-read schon vorprogrammiert. Deshalb werde ich hier keine Bewertung abgeben, sondern nur ein paar meiner Gedanken zum Zauberberg formulieren. Der wunderbare Umgang mit der Sprache, der Thomas Mann zu eigen ist, macht das Lesen des Romans zum Erlebnis. Stellenweise wirkt sie sehr künstlerisch künstlich, aufgesetzt und verkopft, dann wieder bissig ironisch, aber diese Art zu schreiben ist wohl einmalig. Oft wird der Leser vom Erzähler direkt angesprochen. Da sind Momente, in denen man förmlich spürt, wie nahe dieser seinem Protagonisten steht. Andererseits gibt es wieder Passagen, in denen der Erzähler ihn völlig neutral und mit großer Distanziertheit betrachtet. Dieser Spagat zwischen Nähe und Distanz ist grandios gelungen. Einen großen Teil von „Der Zauberberg“ nehmen Betrachtungen von Zeit und Raum, Leben und Tod ein, sei dies in Gedankenspielen des Hans Castorp während seiner Liegekuren, in der Unterhaltung mit seinem Vetter, Joachim Ziemßen, in den Gesprächen mit seinen um ihn buhlenden Mentoren Settembrini und Naphta, oder in deren oft hitzig geführten Debatten. Diese in die Handlung implizierten Gedankengänge sind es wert, Zeit darauf zu verwenden, sie mitzugehen und weiterzuspinnen.

Die im Roman agierenden Figuren kommen in meinen Augen alle nicht über menschliches Mittelmaß hinaus, ein Punkt, der bei Hans Castorp direkt angesprochen wird. Aber gerade diese Mittelmäßigkeit wurde von Thomas ganz phantastisch umgesetzt. Vor dem Hintergrund von Krankheit und Tod, als Metapher für Untergang und Verfall, fehlt es an der Lichtgestalt, der positiv besetzten Person und trotzdem leidet das Werk darunter nicht.

Ein weiterer Aspekt, der mich stark beeindruckt hat, ist der Handlungsort, diese scheinbare Parallelwelt, in der die Uhren anders ticken und die Zeit sich nicht an die physikalischen Gesetze hält. Nur selten wird die Hermetik des Berghofs verlassen, kaum wird über den Tellerrand geschaut. Auch dem Zeitfluss passt sich der Roman an. Liest man über Hans Castorps ersten Aufenthaltstag im Sanatorium über 3 Kapitel, vergehen die folgenden sieben Jahre in nur vier weiteren Kapiteln. Abschließend kann ich für mich feststellen, dass ich froh bin, dieses literarische Meisterwerk gelesen zu haben, es war eine wirkliche Bereicherung meines Leserlebens, ich werde wieder zu dem Buch greifen – vielleicht in sieben Jahren.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

Bis heute gilt er vielen als der Inbegriff der deutschen Literatur: Thomas Mann (1875-1955), der Literaturnobelpreisträger von 1929. Diese höchste Auszeichnung erhielt er für seinen ersten Roman “Die Buddenbrooks”, ein Jahrhundertwerk, das als Schlüsselroman seiner Zeit gilt. Kurz nach diesem Triumph begann für Thomas Mann die Zeit des Exils, zunächst in der Schweiz, unterbrochen von Reisen in die USA, wo ihm 1938 die Ehrendoktorwürde der Columbia University, New York, verliehen wurde. 1941 siedelte er nach Kalifornien über, drei Jahre später wurde er amerikanischer Staatsbürger. 1952 kehrte Thomas Mann in die Schweiz zurück, wo er 1955 starb. Zu seinen bekanntesten Werken gehören “Der Tod in Venedig”, “Der Zauberberg” und “Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull”.

12. Januar 2011

Lew Tolstoi – Krieg und Frieden

Krieg und Frieden
Lew Tolstoi
OT: Vojna i mir
Gebundene Ausgabe: 2288 Seiten
Verlag: Hanser
ISBN-13: 978-3446235755

Pierre Besuchow, unehelicher Sohn des reichen Grafen Kirill Wladimirowitsch Besuchow, erbt nach dessen Tod nicht nur den Titel, sondern auch das immense Vermögen des Vaters. Das öffnet dem vorher als tollpatschig und manierenlos belächelten Pierre endgültig die Türen zur höheren Gesellschaft. Lange sucht er nach seinem Platz im Leben, wild sind die Trinkgelage an denen er teilnimmt. Vertrauensselig lässt er sich von seinen Verwaltern hintergehen und von seien vermeintlichen Freunden ausnutzen. Seine erste Ehe mit Hélèn Kuragin wurde arrangiert und verlief unglücklich.

Fürst Andrej Nikolajewitsch Bolkonski zieht 1805 in den Krieg gegen Napoléon, weil es für ihn die bessere Alternative zu seiner Ehe ist, in der er sich nicht mehr wohl fühlt. Seine Frau stirbt bei der Geburt des Sohnes, der daraufhin von Andrejs Schwester Marja im Hause des Vaters aufgezogen wird. Die Prinzessin selbst wird von ihrem despotischen Vater aufs ärgste bevormundet und unterdrückt, erst nach dessen Tod beginnt für sie ein glücklicheres Leben.

Nikolaj, Natascha und Petja sind die Kinder des über seine Verhältnisse lebenden Grafen Rostow. Nikolaj zieht begeistert in den Krieg. Als dies Jahre später auch der Jüngste, Petja, tun will, hat die Euphorie deutlich nachgelassen, das lag nicht nur an den fehlenden finanziellen Mitteln, die für die Ausstaffierung des Jungen aufgebracht werden mussten. So wurden immer öfter die Gedanken auf eine reiche Heirat der Kinder als letzte Hoffnung gelenkt. So ist prinzipiell die Hochzeit Nataschas mit Fürst Andrej bereits beschlossene Sache. Einzig sein Vater, der gegen diese Verbindung ist, fordert von Andrej eine „Wartezeit“ von einem Jahr. Während dieser verliebt sich Natascha in Anatol, nach dem gescheiterten Versuch mit ihm durchzubrennen, löst sie das Verlöbnis mit Andrej.

Pünktlich zum 100. Todestag des großen russischen Dichters Lew Tolstoi legt der Hanser Verlag die Neuübersetzung seines Epos „Krieg und Frieden“ von Barbara Conrad-Lütt vor. Laut dem Verlag soll sie sich stark an das Original angelehnt haben.

Wer bei „Krieg und Frieden“ eine nette Familiensaga erwartet, der wird bitter von diesem Werk enttäuscht sein. Tolstoi erzählt die Russische Geschichte in der Zeit von 1805 bis 1820. In diesem historischen Rahmen, der geprägt ist durch die Napoléonischen Kriege und den Russlandfeldzug Bonapartes, lässt er eine Vielzahl von Personen agieren. Im Mittelpunkt seiner Erzählung stehen die adligen Familien Rostow, Besuchow und Bolkonski, deren Leben Schnittpunkte bei mehreren Generationen aufweist. In verschiedenen Handlungssträngen wird der Leser mit dem Leben und den Lebensumständen dieser Familien sowie mit ihren Ansichten zum Krieg und zu weltanschaulichen Themen vertraut gemacht. So hat Tolstoi nicht nur ein monumentales Epos sondern auch ein Sittenbild dieser Zeit geschaffen. Aus seiner Biographie ist mir bekannt, welch großen Wert Lew Tolstoi auf historische Genauigkeit gelegt hat. Er beschäftigte sich intensiv mit den Napoléonischen Kriegen und konnte so die militärischen Aktivitäten realistisch, detailgetreu und fast minutiös schildern. Ich empfand die Art und Weise der Schilderung der Kriege als besondere Stärke Tolstois. Er lenkt das Augenmerk des Lesers auf das Grauen, das im Krieg das Leben und Sterben begleitet. Er zeigt verschiedene Ansichten und Standpunkte bezüglich des Krieges und schildert ausführlich die Taktiken und Truppenaufstellungen der sich gegenüberstehenden gegnerischen Parteien, berichtet von Kriegseuphorie und nackter Angst. Aber letztlich bleibt immer der Mensch mit seinen Empfindungen, im Mittelpunkt von Tolstois Werk. Sicher ziehen sich die Ausführungen über das Militärische schon gelegentlich über 10 und mehr Seiten. Tolstoi hat es meisterhaft verstanden seine Charaktere sowohl mit Leben als auch mit Gedanken auszufüllen. Es sind Menschen, wie es sie zur Zeit der Handlung gegeben haben mag, sie wirken lebendig und wirklichkeitsnah. Als langweilig oder besonders schwer zu lesen empfand ich das Buch nicht. Im Gegenteil, Tolstois Schreibstil versetzte mich in die Welt des alten Russlands, vor meinem inneren Auge entstanden Bilder, die mich beim Lesen des Buches begleiteten. Die französischen Dialoge störten mich an keiner Stelle, waren doch die entsprechenden Übersetzungen als Fußnote der jeweiligen Seite zu finden. Sehr interessant empfand ich auch das Nachwort und die zusätzlichen Erläuterungen.

„Krieg und Frieden“ ist einer jener Romane, von denen es leider nur wenige gibt, Meisterwerke der Weltliteratur.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Leo Tolstoi (1828-1910) entstammte einem alten russischen Adelsgeschlecht. Nach ausgedehnten Reisen durch Europa zog er sich auf sein Familiengut zurück und schrieb dort seine großen Werke. Unter dem Eindruck Rousseauscher Ideen verurteilte er Kultur und Zivilisation als das natürlich Menschentum verfälschende Elemente. Werke u.a.: “Krieg und Frieden”, “Anna Karenina”, “Die Kreuzersonate”, “Meine Beichte”.

17. Januar 2010

Lew Tolstoi – Anna Karenina

Einsortiert unter: 2009,Klassiker/Weltliteratur — Karthause @ 11:06
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Anna Karenina
Lew Tolstoi
Gebundene Ausgabe: 1284 Seiten
Verlag: Hanser
ISBN-13: 978-3446234093

Anna Arkadjewna Karenina kommt von Petersburg nach Moskau, um im Ehestreit ihres Bruders Stepan Oblonski (Stiwa) zu vermitteln. Kitty, Stiwas Schwägerin, ist in den Grafen Wonski verliebt und hat in Erwartung seines Antrages den Heiratsantrag des Gutsbesitzers Konstantin Lewin abgelehnt. Auf einem Ball trifft Anna Wronski wieder, er hat nur noch Augen für die verheiratete Anna und die junge Kitty versinkt in ihrem Unglück. Anna, nur nach außen hin  glücklich scheinend, mit dem hohen Staatsbeamten Alexej Karenin verheiratet, stürzt sich in eine Affäre mit dem jungen Offizier. Diese Liaison bleibt nicht ohne Folgen, Anna bringt ein Mädchen zur Welt. Mit ihrem Ehemann kann sie nicht weiter zusammenleben, sie verlässt ihn und den gemeinsamen Sohn, lässt alle Konventionen hinter sich und ist bereit den Preis zu zahlen. Für die Gesellschaft ist sie damit untragbar geworden. Gesellschaftlich fallen gelassen, moralisch verurteilt und isoliert lebend, den Sohn vermissend und die Tochter nicht liebend, wartet sie auf die Einwilligung des Ehemannes in die Scheidung. Doch er versagt ihr diese. Auch in der Beziehung zu Wronski ist große anfängliche Verliebtheit gewichen, Eifersucht, Unverständnis, Wut haben im Alltag Einzug gehalten. Man spürt ihre innere Zerrissenheit. Für Anna erscheint die Situation ausweglos.

Kitty hat nach einem längeren Kuraufenthalt in Deutschland erkannt, dass ihr Herz doch für Lewin schlägt. Beide heiraten und schon bald wird der  Sohn geboren. Er ist zwar glücklich, die Frau, die er aufrichtig liebt, geheiratet zu haben, zufrieden ist aber auch er nicht. Er strebt nach Veränderungen im Landleben und arbeitet an einem Buch über seine sehr fortschrittlichen Visionen zur Modernisierung Landwirtschaft.

Stiwa und Dolly Oblonski stellen das Bindeglied zwischen diesen zwei Handlungssträngen dar. Beide haben sich arrangiert, der Ehebruch Stiwas, der zu Beginn des Romans die Ehe fast hat zerbrechen lassen, ist kein Thema mehr. Beide leben mehr oder weniger ihr eigenes Leben, geprägt durch ständige Geldprobleme, denn Stiwa ist noch immer der Lebemann, inzwischen nur diskreter.

„Anna Karenina“ ist für mich ein Meisterwerk, das Buch der Bücher, schon x-mal gelesen ist mir dafür kein Superlativ zu platt. Tolstoi ist ein begnadeter Beobachter und meisterhafter Erzähler. Er schafft es Szenen so mit Worten zu illustrieren, dass sie einem wie ein Film vor Augen ablaufen, genannt seien dafür stellvertretend das Pferderennen, Lewins Jagd im Schnepfensumpf und Dollys Besuch bei Anna. Seine Protagonisten sind alle lebensechte Menschen, sie haben Stärken und Schwächen. Kein einziger ist nur gut oder nur schlecht. Dabei beschreibt er die Charaktere ausgefeilt, facettenreich und psychologisch fundiert, so dass der Leser bei ihnen mühelos eine Entwicklung verfolgen kann. Lew Tolstoi breitet in diesem Mammutwerk verschiedene Lebensphilosophen und Lebensstile aus. Setzt sich mit der Familie und dem Sinn des Lebens an sich auseinander und baut darum die Geschichte um die drei adligen Familien auf.

Der Roman hat mehrere Handlungsstränge, zwischen denen wechselt Tolstoi immer wieder in seiner Erzählung, so dass das Schicksal seiner Hauptpersonen auch aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird. Aber er arbeitet auch deutlich das Verbindende und Trennende zwischen den einzelnen Familien heraus, so dass wirklich der Eindruck entsteht, man kenne alle Protagonisten schon seit Jahr und Tag. Die Beschreibungen von Personen und Szenarien sind meist sehr umfangreich, bildhaft und detailliert. Aber beim Lesen der fast 1.300 Seiten kam nie Langeweile oder Ermüdung auf. Ich habe immer den Drang verspürt, mehr zu erfahren und weiter am Leben der Familien teilzunehmen. So wird dann letzten Endes deutlich, dass die glücklichen Familien einfach nur glücklich sind, sich die unglücklichen Familien jedoch in ihrem Unglück von einander unterscheiden.

Immer wieder werden „Effi Briest“, „Madame Bovary“ und „Anna Karenina“, die großen Ehebrecherinnen in der Literatur, miteinander verglichen. Für mich ist Tolstois Werk auf Grund seiner Erzählkunst und seines Einfühlungsvermögens in die Charaktere der herausragende Roman.

Mein Fazit: Dieses wunderbare Buch werde ich wohl noch einige Male lesen und genießen. Etwas besseres und ausgereifteres habe ich in der Literatur noch nicht gefunden. Es waren für mich wieder Lesestunden voller Freude und Leselust.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Leo Tolstoi (1828-1910) entstammte einem alten russischen Adelsgeschlecht. Nach ausgedehnten Reisen durch Europa zog er sich auf sein Familiengut zurück und schrieb dort seine großen Werke. Unter dem Eindruck Rousseauscher Ideen verurteilte er Kultur und Zivilisation als das natürlich Menschentum verfälschende Elemente. Werke u.a.: “Krieg und Frieden”, “Anna Karenina”, “Die Kreuzersonate”, “Meine Beichte”.

14. Dezember 2008

Hans Fallada – Wolf unter Wölfen

Einsortiert unter: 2008,Klassiker/Weltliteratur — Karthause @ 14:27
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Berlin, Sommer 1923. Die Inflation galoppiert, die Verzweiflung und Aussichtslosigkeit der Menschen ist grenzenlos. Wolfgang Pagel wohnt mit seiner Freundin Petra Ledig in der Georgenkirchstraße im dritten Hinterhof, vier Treppen bei Pottmadam, die untervermietet. Ursprünglich entstammt er einer angesehenen Familie, mit der er sich jedoch überworfen hat. Nun lebt er, arbeitslos, ohne Lebensinhalt und -ziel, das unstete Leben eines Glücksspielers. Trotzdem will er Petra heiraten, muss jedoch erst noch das Geld für die Trauung auftreiben. Um zu seinem Freund, der ihm das Geld leihen soll, fahren zu können, bringt er die Kleidung der Freundin ins Pfandhaus. Aber sein Versuch, an das Geld zu kommen, scheitert. So muss er später von seiner Mutter erfahren, dass Petra von Pottmadam auf die Straße gesetzt wurde. Dort wurde sie halbnackt von der Polizei aufgegriffen und eingesperrt.

In einem zweiten Erzählstrang erfährt der Leser wie sich das Leben in ländlicher Gegend gestaltet. Zur gleichen Zeit versucht der Rittergutspächter Joachim von Prackwitz-Neuenlohe in Berlin Arbeitslose als Erntehelfer anzuwerben. Sein Pachtvertrag ist gespickt mit verzwickten Klauseln, die einzig dazu dienen sollen, die Unfähigkeit des Pächters zu belegen, denn der Verpächter ist der Schwiegervater von Prackwitz-Neuenlohe, dieser will den ungeliebten Schwiegersohn ruinieren und so die Scheidung von seiner Tochter erzwingen.

Dieses Werk Falladas wurde im Jahr 1937 veröffentlicht und zählt zu den bedeutendsten, die zur Zeit des Nationalsozialismus erschienen sind. Da sich aus dem Roman Parallelen zum Naziregime ergaben, wurde das Buch bereits kurz nach seinem Erscheinen wieder aus dem Handel gezogen.

Die Handlung des Romans ist sehr vielschichtig. Sie gewährt Einblick in die verschiedenen Gesellschaftsschichten. Eindrucksvoll schilderte der Autor den Kampf der Mittelschicht gegen den sozialen Abstieg. Die Figuren sind in ihrem sozialen Umfeld fein charakterisiert und geschickt in Szene gesetzt. Besonders die Entwicklung des Wolfgang Pagels ist bemerkenswert. Aber ebenso wie die Figuren berichtet Fallada umfassend über das politische und gesellschaftliche Geschehen während der Inflation. So entstand ein fantastisches, farbiges und lebensnahes Zeit- und Sittenbild.

Hervorzuheben ist auch die Sprache, deren sich Fallada bedient. Die Protagonisten lässt er in der ihnen eigenen Mundart sprechen. Das macht das Lesen stellenweise etwas mühsam, weil es ungewohnt ist, es wird aber nie langweilig, sondern rundet das Bild, das vor dem inneren Auge entstand, ab. Irgendwie schlichen sich beim Lesen auch immer wieder die Bilder von Heinrich Zille in meinen Kopf.

Mein Fazit: „Wolf unter Wölfen“ ist ein äußerst interessant zu lesender Roman, der auch viele Bezüge zum aktuellen Wirtschaftsgeschehen aufweist. Der Titel ist für die gesamte Handlung programmatisch, es geht schließlich um das Fressen oder das Gefressen werden. Dieses Buch (bei mir waren es zwei) kann ich guten Gewissens empfehlen.

Gebundene Ausgabe: 916 Seiten * Verlag: Aufbau-Verlag * ASIN: B0000BHXDA

5. Dezember 2008

Iwan A. Gontscharow – Oblomow

Einsortiert unter: 2008,Klassiker/Weltliteratur — Karthause @ 15:37
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Der russische Gutsbesitzer Oblomow verlässt nur ungern seine Liegestatt. Dort empfängt er seine Besucher, dort verbringt er den Tag, dort schmiedet er große Pläne, die er aber nie umsetzt. Der Schlafrock ist sein liebstes Kleidungsstück. Im Nichtstun sieht er seinen Lebensinhalt. Seit 12 Jahren wohnt er bereits in St. Petersburg, seit dem hat er sein Gut nicht mehr besucht. Weil er sich nicht kümmert und weil er bis an die Grenzen des Erträglichen ausgenutzt wird, fallen die Erträge jährlich geringer aus. Seine Freunde sind, bis auf eine Ausnahme, Schmarotzer, die ihm die Zeit und vor allem sein Geld stehlen. Auch sein Diener Sachar ist Nutznießer von Oblomows Desinteresse und Gleichgültigkeit. Einzig sein Freund aus der Jugendzeit, Andrej Karlowitsch Stolz, schafft es, ihn aus seiner Lethargie herauszureißen. Ist er da, was auch in Oblomows Augen viel zu selten geschieht, verlässt er seine Ruhestätte, er rafft sich auf, die vom Freund empfohlenen Bücher zu lesen und zeigt Interesse an seiner Umwelt. Stolz gelingt es auch, Oblomow mit Olga bekanntzumachen. Für kurze Zeit kann Oblomow über seinen Schatten springen und die Liebe genießen. Jedoch lassen ihn Selbstzweifel und Unentschlossenheit diese Beziehung beenden und er fällt in stärker denn je in alte Verhaltensmuster zurück.

Ilja Oblomow ist wohl der faulste, trägste, unentschlossenste und apathischste Romanheld, der Literatur, aber er ist ein auf seine Art ein liebenswerter Protagonist. Der Begriff der „Oblomowerei“ für die Langeweile und den Müßiggang hat auch in den deutschen Wortschatz Einzug gehalten. Als Abkömmling des russischen Landadels steht Oblomow für das feudalistische Althergebrachte, sein Gegenspieler im Roman ist der deutschstämmige Kaufmann Stolz, der den Aufbruch in die neue Zeit verkörpert. Da Gontscharow seinen Roman logisch und intelligent aufgebaut hat, ist das Ende zwar vorhersehbar, aber nicht in der Vielzahl seiner Details. Hat mir der Roman in seinen ersten drei Teilen schon gut gefallen, war der Schlussteil sozusagen die Krönung für mich. Zu Beginn des Buches stellte ich mir immer wieder die Frage, wie man so wie unser Held werden kann. Die Beantwortung folgt in „Oblomows Traum“, welcher als Erzählung bereits 1848 veröffentlicht wurde. Mit seinem Protagonisten provoziert Gontscharow gekonnt, seine feine Ironie macht das Buch zu etwas Besonderem. Besonders hervorheben möchte ich die wunderbare Charakterisierung der in der Handlung vorkommenden Personen. Alle sind sie fein gezeichnete Individuen, die beim Lesen zum Leben erweckt werden.

Heute, 150 Jahre nach seinem Erscheinen, hat dieser Roman eine ungeheure Aktualität erlangt – allerdings genau als Negation dessen, was Gontscharow aussagen wollte. In der heutigen Zeit mit ihrer Hektik, dem Hetzen von einem Termin zum anderen, dem Zeigen des aktiven Lebens, ist ein wenig Oblomowerei sicher ein gesunder Gegenpol zum geschäftigen Alltagsleben.

Mein Fazit: Mit „Oblomow“ schuf Iwan Gontscharow ein Meisterwerk, das ihn als Autor auf eine Stufe mit Tolstoi und Turgenjew hebt. Dabei ist dieses Buch einfach, mit vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten und schnörkellos geschrieben. Mich hat dieses Werk überzeugt. Zu Unrecht ist es nicht so bekannt wie die anderen Werke der großen russischen Literaten. „Die Schlucht“, seinen letzten Roman, möchte ich in absehbarer Zeit auch noch lesen.

Hier reiche ich noch die Meinung von Heidi nach, wir haben das Buch gemeinsam gelesen.

Taschenbuch: 717 Seiten * Verlag: Insel, Frankfurt * ISBN-13: 978-3458346647

3. Oktober 2008

Theodor Fontane – Effi Briest

Einsortiert unter: 2008,Klassiker/Weltliteratur — Karthause @ 11:01

Effi wuchs behütet im märkischen Havelland auf. Mit 17 Jahren heiratete sie auf Wunsch ihrer Eltern den deutlichen älteren Landrat Baron von Innstetten, der etwa 20 Jahre zuvor bereits mit Effis Mutter befreundet war. Effi folgt ihrem Ehemann in den Badeort Kessin. Dort kann sie sich aber nicht einleben, sie fühlt sich weder in ihrem neuen zu Hause wohl, noch findet sie Anschluss an die dortige Gesellschaft. Einzig mit dem Apotheker verbindet sie eine Freundschaft. Als sie den Major Crampas kennen lernt, ein bekannter Frauenheld, beginnt zwischen beiden eine Affäre. Geert von Innstetten ist auf der Karriereleiter eine Stufe nach oben gestiegen. So kann Effi bereits 1¼ Jahr nach ihrem Umzug nach Kessin den ungeliebten Ort verlassen, um in Berlin eine geeignete Wohnung für sich, ihren Mann und die gemeinsame Tochter zu suchen. Damit hat auch die Affäre mit dem Major für Effi ein Ende gefunden. Jahre später findet Innstetten die aus dieser Liaison stammenden Briefe und erst jetzt hat der Seitensprung Effis Folgen.

Fontane besticht in „Effi Briest“ mit seinem sehr leicht zu lesenden Stil. Schnell war ich in der nicht anspruchsvollen Handlung drin. Die 17 jährige Effi fühlt sich selbst noch mehr Kind als Frau, so ist sie von ihrer kurzfristigen Heirat, die die Eltern veranlassten etwas überfordert. Nach dem Einzug im Haus ihres Mannes fühlt sie sich, als wäre sie aus dem Nest gefallen. Der Mann kommt seinen Dienstpflichten nach, sie findet und sucht keine Betätigung. Für diesen ersten Teil der Handlung nimmt sich Fontane sehr viel Zeit. Die Langeweile und die Unzufriedenheit Effis, die zum Teil auch aus ihrer Unreife resultiert, wurde auch für mich deutlich spürbar und zur Herausforderung. Ich haderte mit der Protagonistin. Aber mit dem Auftreten des Major Crampas wird die Handlung deutlich lebendiger und mit dem Umzug der Innstettens nach Berlin wurde für mich das Buch ein richtig schöner Gesellschaftsroman, in dem zum Ende hin auch noch deutlich Sozialkritik zu erkennen war. „Wanderungen durch die Mark“ prägten mein Fontanebild. Leider fand ich in „Effi Briest“ viel zu wenige seiner wunderbaren Beschreibungen.

In den nächsten Monaten werde ich mich auch noch mit zwei anderen bekannten Ehebrecherinnen der Weltliteratur beschäftigen. Madame Bovary und Anna Karenina erwarten mich schon.

Gebundene Ausgabe: 456 Seiten * Verlag: Fischer (Tb) * ISBN-13: 978-3596509157

 

3. September 2008

Arthur Schnitzler – Traumnovelle

Einsortiert unter: 2008,Klassiker/Weltliteratur — Karthause @ 17:58

 

Kurzbeschreibung (www.amazon.de)

Die Geschichte einer Ehe in faszinierenden und beklemmenden Bildern: Nach den unheimlichen erotischen Erlebnissen einer Nacht, seinen in einer traumhaften Wirklichkeit und ihren im Traum, erkennen beide ihre unerfüllten Wünsche und Begierden und finden einen Weg aus der Krise.

Faszinierend schildert Arthur Schnitzler das parallele, stark erotisch bestimmte Erleben des Paares Fridolin und Albertine. Er ließ sich auf mysteriöse Weise in eine orgiastische Gesellschaft führen – sie ist in die Erregung eines unvergleichbaren Traumes geglitten. Die Fremde, die Fridolin in dieser leidenschaftlichen Nacht kennenlernt, opfert sich für ihn, weil in dieser bacchantischen Runde jeder Uneingeweihte zum Tode verurteilt ist. Albertine gibt sich im Traum einem eher zufälligen Bekannten hin und sieht ruhig zu, wie ihr Mann für seine Treue zu ihr sich kreuzigen lässt. Fridolin erkennt, als sie ihm dies erzählt, in der Fremden seine eigene Frau.

Das Buch diente als Vorlage für den Film “Eyes Wide Shut” von Stanley Kubrick mit Tom Cruise und Nicole Kidman in den Hauptrollen.

Meine Meinung

Lange, viel zu lange, stand dieses Meisterwerk ungelesen in meinem Regal. Fast schon in minimalistischen Stil beschreibt Schnitzler die Szenen einer Ehe. Mit wenigen Worten vermag er beeindruckende Bilder zu zeichnen, er führt den Leser immer dicht an der Grenze zwischen Traumwelt und Realität. Kein Wort ist zu viel oder überflüssig. Erstaunlich welche Tiefe und Fülle er auf nur 95 Seiten bannen kann. Schnitzler bediente sich dabei vieler zu deutender Traumbilder – Freud lässt grüßen – die ich zugegebenermaßen oft sicher nur unzureichend zu interpretieren vermochte. Für seine Zeit erzählt Schnitzler erstaunlich frei von den offenen und versteckten erotischen Wünschen der Eheleute; von den Erlebnissen Fridolins, der in allen Frauen immer nur Albertine suchte und von der Wehmut, die Albertine befiel, wenn sie daran dachte, ohne jegliche erotische Erfahrung in die Ehe gegangen zu sein.

Traumnovelle“ ist trotz der Kürze, wahrscheinlich aber gerade deswegen, ein äußerst komplexes Werk, das mich zwar fasziniert, aber sich mir in seiner Gänze noch nicht völlig erschlossen hat. Es wartet also auf ein „noch einmal Lesen“, das wird aber erst geschehen, nachdem ich mich ein wenig in die Welt Sigmund Freuds eingelesen habe.

Gebundene Ausgabe: 95 Seiten * Verlag: Anaconda * ISBN-13: 978-3938484562

19. August 2008

Joseph Roth – Die Kapuzinergruft

Einsortiert unter: 2008,Klassiker/Weltliteratur — Karthause @ 10:23
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Der Ich-Erzähler Franz Ferdinand Trotta, Enkel des Bruders des Helden von Solferino und somit aus dem nicht geadelten Zweig der Familie, erzählt die Geschichte der Trottas weiter. Er beginnt kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges und endet mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Dieser Roman ist faktisch die Fortsetzung von Roths „Radetzkymarsch“.

War der Untergang der Donaumonarchie im „Radetzkymarsch“ das bestimmende Thema, greift Roth in „Kapuzinergruft“ weiter und die Zeit nach dem Ende der Monarchie wird als ein schwieriger Neuanfang mit melancholischen, teils traurigen, aber immer sehr schönen Worten beschrieben.

Franz Ferdinand erbte von seinem Vater ein nicht unerhebliches Vermögen, welches dieser während seiner Zeit in Amerika machte. Franz Ferdinand liebte das Leben, besonders die Freuden desselben. Er war leichtsinnig, genoss es, Geld zu haben und dieses ohne nachzudenken ausgeben zu können. So lebt er die Nacht und verschläft den Tag. Erst nach dem Besuch seines Vetters, dem Maronibrater Joseph Branco Trotta, wird er etwas nachdenklicher. Als während seines Besuches in Zlotogrod der Krieg ausbricht, entschließt sich Franz Ferdinand, mit Joseph Branco und dessen Freund, dem Fiaker Reisinger, Seite an Seite zu kämpfen und sich von seinen alten Lebefreunden zu trennen.

Franz Ferdinand Trotta zeigt nie großen Elan, wenn es gilt etwas zu bewältigen. Aber nach seiner Rückkehr aus dem Krieg verharrt er förmlich in Erstarrung. Seine größte Tat scheint mir die Zeugung seines Sohnes zu sein. Auch sein gesamtes Umfeld wirkt verstört, ratlos, als hätte es den Boden unter den Füßen verloren. Alle diskutierten mehr als sie sich betätigen. Man versucht zwar einen Neuanfang nachdem das Kurzwarengeschäft missglückt war. In einem zweiten Anlauf wird mit dem Umbau des Hauses der Trottas zur Pension begonnen. Aber ständig hatte ich den Eindruck, alles geschehe halbherzig, eine gewisse Resignation und die Trauer um die gute alte Zeit, die so unwiderruflich vorüber ist, war spürbar. Recht sorglos wurden Hypotheken aufgenommen und Schecks ausgestellt. Glücksritter hatten ihre große Stunde und die Gutgläubigen zahlten drauf. So ganz kann man sich noch nicht von der dekadenten Lebensweise der Vorkriegszeit lösen, wo es ums Leben ging und nicht ums Geld. Von letzteren gab es genug, die Lebenszeit war schließlich begrenzt.

Eine ganz besondere Rolle kommt der Mutter des Franz Ferdinand zu. Sie lebt ihr Leben in festen Ritualen und Ansichten. Sie lebt die Tradition, das Althergebrachte. Sie darf ehrwürdig sterben, während eine hoffnungs- und ziellose Generation planlos zurück bleibt.

So steht auch die Kapuzinergruft, die letzte Ruhestätte der österreichischen Kaiser, für den Untergang des Reiches. Die ehemaligen Untertanen bleiben gefühlt führerlos zurück. Mit der neuen Republik können sie nicht anfangen. Alles ist im Zerfall begriffen. Kulturelle Werte und Traditionen gelten nicht mehr, sogar die Adelstitel wurden abgeschafft. Auch das Geld, von dem in früheren Zeit immer ausreichend vorhanden war, verliert unaufhaltsam seinen Wert.

„Kapuzinergruft“ empfand ich als noch melancholischer als „Radetzkymarsch“. Bei Letztgenanntem spürte ich noch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. So endet dieses Buch mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich und für mich steht das gleich mit Hoffnungslosigkeit. Sehr deutlich wurde die Sehnsucht nach der Monarchie.

Wieder hat mich die sprachliche Gestaltung eines Joseph-Roth-Romans fasziniert. Die Emotionen, die er mit ein paar Sätzen zu erwecken vermag, finde ich bei manch anderem Autoren nicht in ganzen Büchern. Mit seinen Worten und den ausgefeilten, manchmal auch verschachtelten Sätzen lässt der Autor Bilder in meinen Gedanken entstehen und verleiht den Personen seines Romans Leben. Die von einer dichten Atmosphäre getragene Traurigkeit war für mich körperlich greifbar.

Ein wenig haben mich die Namensgleichheiten zu Personen aus „Radetzkymarsch“ irritiert, die aber personell nicht untersetzt waren. Einen Grafen Chojnicki und einen Diener namens Jacques gab es in beiden Romanen, es waren aber nicht die gleichen Personen. Mir ist nicht recht klar geworden, was Joseph Roth mit diesem Kunstgriff bezwecken wollte.

Mein Fazit: „Kapuzinergruft“ ist ein äußerst lesenswerter Roman, der ein anschauliches Sittenbild der jungen österreichischen Republik zeichnet. Joseph Roth ist mit diesem Buch nun endgültig in meinen ganz persönlichen Autoren-Olymp eingezogen.

Gebundene Ausgabe: 189 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-13: 978-3462036459

29. Juli 2008

Joseph Roth – Radetzkymarsch

Einsortiert unter: 2008,Klassiker/Weltliteratur — Karthause @ 18:36
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Inhaltsangabe (Achtung! Hier wird der gesamte Inhalt wiedergegeben.)

1859 rettete der aus bäuerlichen Verhältnissen stammende, junge Infanterieleutnant Joseph Trotta Kaiser Franz Joseph I. in der Schlacht von Solferino das Leben. Die für den Kaiser bestimmte Kugel traf den Leutnant in die Schulter. Aus Dankbarkeit verlieh ihm der Kaiser den Maria-Theresia-Orden, beförderte ihn zum Hauptmann und erhob ihn in den Adelsstand. Jahre später, Joseph von Trotta und Sipolje war inzwischen verheiratet und hatte einen Sohn, Franz. Als er im Lesebuch seines Sohnes die Geschichte seiner Heldentat völlig verändert las. Er bat um eine Audienz beim Kaiser und trug ihm seine Beschwerde vor. Franz Joseph versuchte ihn zu beschwichtigen und riet ihm, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Joseph von Trotta zog für sich die Konsequenzen und schied als Major und in den Freiherrenstand erhoben aus dem Militär aus.

Seinen herangewachsenen Sohn drängte er in eine Beamtenkarriere. Franz studierte Jura und wurde später Bezirkshauptmann in einer Stadt in Mähren. Der Held von Solferino war zwischenzeitlich verstorben, Baron Franz von Trotta und Sipolje führte das regelmäßige Leben eines Beamten der k.u.k. Monarchie. Am Sonntagmorgen erklang der Radetzkymarsch, am Mittag gab es Tafelspitz, am Nachmittag kam der Kapellmeister zu den von Trottas auf Besuch.

Sein Sohn Carl Joseph von Trotta ging nach Beendigung der Schule zum Militär. Bei den Ulanen lebte er zwischen Exerzierplatz und Kasino, auf dem Klavier des Bordells wurde immer wieder der Radetzkymarsch gespielt. Aber Carl Joseph fand in seinem Leben beim Militär keine Erfüllung. Er sehnte sich nach einfachen Arbeiten auf dem Land. In seinem Regiment lernte er den Arzt Max Demant kennen. Beide wurden Freunde. Für Max war das wohl der einzige Freund, den er je hatte. Unglückliche Umstände führten dazu, dass Demant in einem Duell ums Leben kam. Carl Joseph hinterließ er seinen Säbel und seine Taschenuhr. Weil Carl Joseph eine Mitschuld am Tod seines Freundes sah, ließ er sich in das in Grenznähe zu Russland stationierte Jägerbataillon versetzen. Dort tickten die Uhren anders. Der Kaiser wurde salopp nur Franz Joseph genannt, wenn von ihm die Rede war und der Graf Chojnicki sah bereits die Monarchie zerfallen. Carl Joseph tappte blauäugig in eine Schuldenaffäre. Das hatte einen erheblichen Ehrenverlust zur Folge und er musste mit der unehrenhaften Entlassung aus dem Militär rechnen. Aber noch immer schützte der Kaiser die von Trottas. Er ließ die Sache erledigen. Die Heldentat des Großvaters zahlte sich noch immer aus. Nachdem der Kaiser die unsäglich Affäre um Carl Joseph beendet hatte, die Schulden beglichen waren und Kapturak die Garnisonsstadt verlassen hatte, quittierte der Enkel des Helden von Solferino den Dienst. Vom Grafen Chojnicki bekam er ein Häuschen zugeteilt, dass er sich mit dem Förster teilen musste. Er kümmerte sich nun um die Abrechnungen des Grafen. Ich hatte den Eindruck, dass er zum ersten Mal wirklich zufrieden war. Er hatte seine Scholle gefunden. Aber dann kam der Krieg und er nahm die Uniform wieder und ging zu seinem Jägerbataillon zurück. Nach einem langen Marsch war die Truppe durstig. Carl Joseph von Trotta ging zum Brunnen, um Wasser zu holen. Auf dem Rückweg trafen ihn feindliche Kugeln. Er fiel nicht mit dem Gewehr in der Hand, sondern mit zwei Wassereimern. Er war nicht der Held, sondern nur der Enkel des Helden.

Meine Meinung

Radetzkymarsch“ habe ich als ein ganz wunderbares Buch empfunden. Joseph Roth ist ein wahrer Künstler des Wortes. Seine Beschreibungen haben mich tief beeindruckt. Er kann mit einfachen Worten eine Atmosphäre schaffen, die für den Leser spürbar und erlebbar wird. Ich habe lange kein Werk ähnlicher Brillanz gelesen. Die Charaktere sind hervorragend gezeichnet, die Handlungen dieser dazu stimmig. Joseph Roth vermag aber auch hintergründige Ironie, die stellenweise schon ins Satirische überging, gekonnt und bewusst einzusetzen.

Die Protagonisten symbolisieren mit ihrem Stand in der Gesellschaft die Säulen der k.u.k. Monarchie. Der Großvater, Held von Solferino, steht für das noch „gesunde“ Militär, die funktionierende Stütze der Gesellschaft. Franz von Trotta als Bezirkshauptmann verkörpert das Beamtentum, er ist ein treuer Diener des Staates. Der weichliche Carl Joseph von Trotta fühlt sich in seiner Rolle bei der Armee nicht wohl. Er sehnt sich zurück zu den Wurzeln der Familie und repräsentiert so den Untergang des Systems. Roth zeichnet Bilder mit Symbolcharakter in dieses Buch, am meisten beeindruckten mich die Krähen als Prophetenvögel und die Stimmung am Vorabend des I. Weltkrieges. Und durch die ganz gesamte Handlung zieht sich unaufdringlich der Radetzkymarsch.

Auffällig war auch, dass es in diesem Buch kaum Frauen gab, die in die Handlung eingriffen. Das empfand ich jedoch nicht als Mangel, sondern als direkte Folge der doch recht militärlastigen Handlung.

Mein Fazit: „Radetzkymarsch“ ist ein äußerst gelungenes Werk, das den Niedergang der k.u.k. Monarchie auf sehr einprägsame Weise beschreibt. In meiner persönlichen Bestenliste wird es ganz weit oben einen Platz finden. „Kapuzinergruft“ werde ich in kürze lesen. Die Erwartungen daran sind entsprechend hoch.

 

Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-13: 978-3462034622

 

21. Mai 2008

Franz Werfel – Eine blassblaue Frauenschrift

Einsortiert unter: 2008,Klassiker/Weltliteratur — Karthause @ 17:37

Leonidas hat reich geheiratet. Ein „geerbter“ Frack ebnete ihm den Eintritt in die Wiener Gesellschaft. Er hat Karriere gemacht und lebt recht sorglos. Aber sein gut organisiertes Leben wird durch einen ganz unerwarteten Brief, den er eines Morgens erhält, erschüttert. Nach 18 Jahren meldet sich bei ihm seine ehemalige Geliebte und bittet ihn, einem nichtarischen 17jährigen Jungen zu helfen, der im Nazideutschland vor größten Problemen steht. Leonidas fühlt sich von der Vergangenheit eingeholt. Wer kann dieser ominöse 17jährige wohl anderes sein als sein Sohn – das Ergebnis einer Affäre, die er schon nicht mehr wahr haben wollte. Er muss Entscheidungen treffen.

Franz Werfel hat die Geschehnisse um diesen mit der blassblauen Frauenschrift geschriebenen Brief in seiner Novelle in einem Tag zusammengefasst. Er beschreibt die Qualen und die Gewissensbisse von Leonidas, aber auch seine Ängste um den Verlust von Ansehen und Stellung und greift damit die Frage nach Wahrheit oder Lüge auf. Die 154 Seiten von Werfels Novelle sind eine einzigartige Charakterstudie des Protagonisten, in die er fast unmerklich die politischen Ereignisse im Österreich des Jahres 1936 einfließen lässt. Die Sprache ist sehr weich, sehr angenehm, aber auch ein wenig altmodisch, was wiederum sehr gut zum Stil dieser Erzählung passt. Werfel benötigt nicht viele Worte, seine Sätze sind prägnant, seine hintergründige Ironie ist wohltuend. „Eine blassblaue Frauenschrift“ ist eine sehr schöne Novelle, die zum Nachdenken anregt und mich deutlich länger als erwartet beschäftigt hat. Aber trotz der schönen Sprache und der feinen Charakterzeichnung konnte der letzte Funke nicht überspringen. Leonidas blieb für mich immer (auf unerklärliche Weise) etwas unnahbar.


Gebundene Ausgabe: 154 Seiten
Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt;
ISBN-13: 978-3596175505

29. März 2008

Günter Grass – Katz und Maus

Einsortiert unter: 2008,Klassiker/Weltliteratur — Karthause @ 09:29

Günter Grass
Katz und Maus

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Gebundene Ausgabe: 195 Seiten
Verlag: Suhrkamp
ISBN-13: 978-3518223321

 

 

 

 

Der Ich-Erzähler Pilenz berichtet im Jahr 1959, aus seinem schlechtem Gewissen heraus, über Joachim Mahlke, seinen Schulfreund aus Danzig zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. War er doch daran beteiligt, dass die Katze auf Mahlkes ständig zuckenden Adamsapfel angesetzt wurde und diesen der Lächerlichkeit preisgab.

Joachim Mahlke, durch seinen übergroßem Kehlkopf gezeichnet, war zu Beginn des Krieges 14 Jahre alt. Er lebte als einziger Mann mit seiner Mutter und deren Schwester zusammen. Sein Vater, ein Lokomotivführer, kam schon Jahre vorher bei einem Unfall ums Leben. Weil Joachim ein kränkelndes Kind war, wurde er erst ein Jahr später eingeschult und hatte aus dem gleichen Grund eine Turnbefreiung. Er war ein guter Schüler, aber kein Streber. Wurde er damals gefragt, was er werden wolle, antwortete er: Clown.

Als er dann für seine Mitschüler überraschend Schwimmen lernte, wurde er der beste Schwimmer und überlegener Taucher. Während eines Kriegssommers verbrachten die Jugendlichen viel Zeit auf einem gesunkenen polnischen Minensuchboot. Mahlke brachte diverse Gegenstände aus dem unter Wasser liegenden Rumpf des Bootes ans Tageslicht, darunter Orden, ein englischer Schraubenzieher und eine Kette mit Marien-Medaillon. Schraubenzieher und Medaillon trug Mahlke von nun an um den Hals, um von der Größe seines Adamsapfels abzulenken.

Mahlke hatte an Mädchen nur wenig Interesse, lediglich für die Jungfrau Maria schwärmte er. Am pubertären Imponiergehabe beteiligte er sich nur, wenn es unumgänglich war.

Eines Tages hielt ein Absolvent des Conradiums, das Danziger Gymnasium, das auch Mahlke besuchte, einen kriegsverherrlichenden Vortag. Dieser war inzwischen Kapitänleutnant eines U-Bootes und Träger des Eisernen Kreuzes. Dem Vortrag folgte eine gemeinsame Turnstunde, nach der dem Kriegshelden das EK fehlte. Mehr möchte ich zum Inhalt an dieser Stelle nicht verraten.

Die erste Hälfte von Grass’ Novelle (bis zum Diebstahl des Ordens) konnte mir noch gefallen. Die auf den ersten Blick oberflächlich erscheinende Geschichte des Joachim Mahlke ließ Platz für Interpretationen. Im zweiten Teil des Buches fand ich deutlich weniger Zugang zu der Lektüre. Längen wechselten mit Wiederholungen und Andeutungen. Hätte ich „Katz und Maus“ nicht gemeinsam mit anderen Lesebegeisterten gelesen, hätte ich mir wohl die letzten 50 Seiten erspart. Denn was mich am meisten störte, war die Sprache, sie war für mich mehr als gewöhnungsbedürftig. Die Harmonie im Klang der Sätze fehlte mir. Es häuften sich Sätze, die aus rein grammatikalischer Sicht, diese Bezeichnung nicht verdienten. Mag es als künstlerisches Stilmittel bezeichnet werden, oder auch als künstlerische Freiheit. Mir als Leserin hat der Stil nicht gefallen. Das Thema der Novelle dagegen hat mir zugesagt.

Was bleibt nach dieser Lektüre? Es bleibt ein gewisse Ratlosigkeit, was wollte Grass wirklich aussagen? Habe ich die Grundaussagen herausgefunden? Auf jeden Fall habe ich wieder einmal etwas von einem Literatur-Nobelpreisträger gelesen. Einige meiner Vorurteile konnte ich abbauen, aber Sehnsucht nach einem weiteren Grass verspüre ich momentan nicht.

 

30. Oktober 2007

Vladimir Nabokov – Lolita

Einsortiert unter: 2007,Klassiker/Weltliteratur — Karthause @ 18:00

   Abbruch nach 125 Seiten :(

Kurzbeschreibung www.amazon.de

Der Roman schildert die unselige Leidenschaft des 1910 in Frankreich geborenen Literaturwissenschaftlers und Privatlehrers Humbert Humbert zu der kindhaften und gleichzeitig frühreifen 12-jährigen Dolores (Lolita) Haze. Humbert Humbert ist Mädchen zwischen neun und vierzehn Jahren verfallen; deren vollkommene Inkarnation findet er in Lolita. Um in ihrer Nähe bleiben zu können, heiratet er ihre Mutter, die Witwe Charlotte Haze; er verursacht indirekt deren Tod und beginnt mit Lolita – aus Furcht vor Entdeckung seiner verbotenen Leidenschaft – ein unstetes Reiseleben durch die USA. Humbert Humbert stellt bald fest, dass sie verfolgt werden, und eines Tages ist Lolita, offenbar mit dem Verfolger im Bunde, verschwunden. Als er sie nach Jahren wiedersieht – verheiratet, schwanger und in ärmlichen Verhältnissen lebend -, weigert sie sich, zu ihm zurückzukehren, doch gelingt es ihm, den Namen des damaligen Nebenbuhlers zu erfahren. Es ist der Dramatiker Clare Quilty, den er in einer furiosen Racheszene erschiesst. Mit sprachlicher und stilistischer Virtuosität geschrieben, zahlreiche literarische Anspielungen aufweisend und mit distanzierender Ironie unterlegt, ist der Roman weder Schilderung der Überschreitung moralischer Schranken noch Diagnose einer dekadenten Epoche, sondern am ehesten die Geschichte einer tragischen Leidenschaft, die ihren Gegenstand – wenn überhaupt – nur um den Preis der Zerstörung erreichen kann. Versuche, den Roman allegorisch zu deuten, wonach sein Thema v. a. in der Konfrontation des alten Europa (Humbert Humbert) mit dem jungen Amerika (Lolita) zu sehen sei, hat Nabokov zurückgewiesen.

Leider konnte ich mich an dieses Buch nicht gewöhnen. Der schwülstige Stil, das Thema an sich … nein. Ich habe es wieder ins Regal gestellt.

29. Oktober 2007

Nikolai Gogol – Die toten Seelen

Einsortiert unter: 2007,Klassiker/Weltliteratur — Karthause @ 20:16

Abruch nach 100 Seiten :(

Kurzbeschreibung www.amazon.de

Die Reise des Kollegienrats Tschitschikow führt durch die Provinz des zaristischen Russland, wo er zu einem Spottpreis ‘tote Seelen’, d.h. verstorbene Leibeigene, einkauft, um diese später zum Marktwert zu verpfänden und so zu Reichtum zu gelangen. So ausgefallen wie dieses Vorhaben ist, so ungewöhnlich gestaltet sich auch Tschitschikows Reise von Gut zu Gut: Es entsteht eine grotesk-komische Sammlung geistig deformierter Grundbesitzer, der wahren ‘toten Seelen’. Ein zeitloses, irrwitziges Bild der ‘condition humaine’.

Die toten Seelen“ war ein re-read für mich. Vor Jahren hat mich dieser Klassiker noch begeistert. Dieses mal leider nicht. Vielleicht war der Abstand für eine Wiederholung zu kurz.

Taschenbuch: 365 Seiten
Verlag: Diogenes; Auflage: 11., Aufl. (Januar 2002)
ISBN-10: 3257203845
ISBN-13: 978-3257203844
Gelesen: Juni 2007 – Abbruch nach 100 Seiten

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