Karthauses Bücherwelt …

13. Oktober 2011

Louis Begley – Der Fall Dreyfus

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Der Fall Dreyfus
Louis Begley
Originaltitel: Why The Dreyfus Affair Matters
Gebundene Ausgabe: 247 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag
ISBN-13: 978-3518420621

Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

Im September 1894 entdeckte der französische Geheimdienst eine undichte Stelle im Generalstab der Armee: Militärische Geheimnisse wurden verraten, ausgerechnet an die Deutschen. Indizien für eine Täterschaft fehlten, doch ein Verdacht genügte. Nur wenige Wochen später wurde Hauptmann Alfred Dreyfus verhaftet, des Landesverrats für schuldig befunden und zu lebenslanger Verbannung auf der Teufelsinsel verurteilt. Kaum jemand zweifelte an der Richtigkeit des Urteils: Dreyfus war Jude. Dass ein »echter« Franzose einer solchen Tat fähig wäre, schien undenkbar. Louis Begley, der in diesem Buch zum ersten Mal aus seinem reichen Wissen als Anwalt schöpft, rekonstruiert den heute fast vergessenen Fall Dreyfus: die Hintergründe und Intrigen, die kriminellen Manipulationen in höchsten Kreisen, die Spaltung der französischen Gesellschaft in »Dreyfusards« und ihre konservativen Gegner. Begley zeigt, wie Antisemitismus und Rassismus in einer vermeintlich liberalen Gesellschaft funktionieren, damals wie heute: Vorannahmen führen zur Anklage, Racial Profiling ersetzt die Suche nach der Wahrheit, Beweise werden fabriziert. Und Guantánamo liegt der Teufelsinsel näher, als man glauben mag.

Meine Meinung

Nach den Romanen von Louis Begley griff in nun zu diesem Essay. Darin stellt Louis Begley die Affäre um den wegen Landesverrat verurteilten und auf die Teufelsinsel verbannten französischen Juden Alfred Dreyfus den Vorgängen von Guantánamo gegenüber. Dabei deckt er Analogien auf, die man auf Anhieb nicht für möglich hält, trennen diese beiden Geschehnisse doch gut 100 Jahre. Aber Rechtsbeugung, Manipulation von Beweisen und weil nur sein kann, was auch sein darf ist die Wahrheitsfindung in beiden Fällen nicht vorurteilsfrei, die Folgen für die Betroffenen waren und sind jeweils unmenschliche Haftbedingungen. Begley beleuchtet die Dreyfus-Affäre wesentlich ausführlicher als das aktuelle Geschehen. Er sucht die Ursachen für Dreyfus’ Verurteilung bereits im deutsch-französischen Krieg von 1871 und analysiert den zunächst latenten, aber immer stärker werdenden Antisemitismus im Frankreich der damaligen Zeit. Louis Begley greift bei seinem Buch auf seine unfangreichen juristischen Erfahrungen und Kenntnisse zurück. Zwischen dem Schriftsteller und dem Rechtsanwalt kommt es zur fruchtbaren Symbiose. Das schlägt sich besonders in der guten Lesbarkeit und der aufgebauten Spannung dieses doch komplizierten Falles nieder. Die schier unübersichtliche Anzahl von Fakten, Beweisen und Originalzitaten werden durch den gelungenen populärwissenschaftlichen Stil leichter verdaulich. Im Vorwort seines in Buchform erschienenen Essays wird die Hoffnung deutlich, die er in die Präsidentschaft Barak Obamas setzt. Eine aktuelle Einschätzung der Lage im Lager Guantánamo durch Louis Begley würde mich schon sehr interessieren. Dieses Buch kann ich allen Politikinteressieren guten Gewissens empfehlen.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Louis Begley wurde am 6. Oktober 1933 unter dem Namen Ludwik Begleiter als Sohn polnischer Juden in einer kleinen Stadt im Osten Polens (heute Ukraine) geboren. Er selbst und seine Mutter entgingen, als katholische Polen getarnt, dem Holocaust. Nach dem Ende des Krieges kam die Familie wieder zusammen. Vier Monate blieben sie in Paris, wo Vater und Sohn Englisch lernten. Im März 1947 siedelte die Familie Begleiter in die USA über und ließ sich in Flatbush/Brooklyn nieder, wo sie den Namen Begley annahm.1950 erhielt Louis Begley ein Harvard-College-Stipendium und wurde damit zum Harvard College zugelassen; 1954 legte er sein Examen in Englischer Literatur ab. Von 1956 bis 1959 studierte er an der Harvard Law School und arbeitete im Anschluss bis zum Jahr 2004 als Anwalt in der Kanzlei Debevoise & Plimpton. Ende der sechziger Jahre arbeitete er bei der französischen Niederlassung von Debevoise in Paris. 1991 legte Louis Begley seinen ersten Roman vor: Wartime Lies, (Lügen in Zeiten des Krieges), New York 1991 – Suhrkamp 1994. Er gilt als ein wichtiges Dokument der literarischen Erinnerung an den Holocaust. Louis Begley lebt in New York.

9. September 2011

Danijela Albrecht – Balkan bittersüß

Balkan bittersüß
Abenteuer Alltag in Bosnien-Herzegowina
Taschenbuch mit Bildteil, 200 S.
ISBN: 978-3-940855-11-4
Preis: 14,50 EUR

Danijela Albrecht nimmt den Leser in ihrem Buch mit auf die Reise nach Bosnien-Herzegowina. Aber was ist das für ein Buch, das sie ihren Lesern präsentiert? Eine Biografie, ein Reisebericht? Von jedem ein wenig trifft es wohl am ehesten. Wohin der Ausflug geht, ist klar. Denkt man an das Land, fällt einem sicher zuerst der brutale Krieg ein, der in den 1990er Jahren dort tobte und der auch an Danijela Albrechts Familie nicht spurlos vorüberging. Episodenhaft erzählt die Autorin von Erlebnissen mit ihrer Familie, die zum Teil in der ganzen Welt verstreut lebt, zu Familientreffen aber immer wieder zusammen findet und für die schon das simple Passieren der Landesgrenze zur Grenzerfahrung wird. Da ist Großvater Milan, der von einer Wiedervereinigung der Familie nach seinen Tod träumt. Der Leser lernt neben vielen anderen Begebenheiten das Big Biznes kennen und wird Zeuge einer traditionellen Hochzeit. Bei dieser steht nicht das Essen im Mittelpunkt, sondern das Trinken, der wilde Tanz der Männer, das würdevolle Tanzen der Frauen und die Unterhaltung. Aber für Danijela Albrecht scheint ihre Baka, die Großmutter, die fest in ihrem traditionellen Leben verankert ist und die das moderne Leben der Familienmitglieder nicht wirklich versteht und erst recht nicht gut heißt, die wichtigste Person in Drežnica zu sein. Das wird in der liebevollen Art, wie sie über ihre Baka berichtet, überdeutlich.
Es sind aber nicht nur die Familienangehörigen, die das Buch mit Leben füllen. Unterhaltsam und äußerst informativ erzählt Danijela Albrecht von einem kulturell und religiös zerrissenen Land, diese Kluft ist Bestandteil des täglichen Lebens und für jeden deutlich spürbar. Sie beleuchtet die Schwierigkeiten im bosnisch-kroatisch-serbischen Zusammenleben bis hin zu der Frage, warum für Amerikaner immer andere Regeln und Gesetze gelten als für den Rest der Welt.
An der warmherzigen Erzählweise der Autorin wird deutlich, wie tief sie noch in Bosnien-Herzegowina verwurzelt ist und wie sehr sie dieses Land liebt. Aber sie scheut auch nicht die kritischen Töne, die sie auf eine sehr charmante Art anschlägt. Davon lässt sie auch ihre Familie nicht gänzlich unverschont.
Diese literarische Reise mit Danijela Albrecht in das Land ihrer Familie fand ich sehr unterhaltsam und nicht minder informativ. Der gefällige Schreibstil der Autorin macht das Buch sehr leicht zu lesen und vermittelt schon nach wenigen Seiten das Gefühl zu dieser Familie zu gehören und alte Bekannte zu treffen, die auf der letzten Seite vom Leser wie gute Freunde verabschiedet werden. Auch schwierige Themen im Zusammenleben der Kulturen und Religionen spart sie nicht aus, erzählt aber immer mit einem Augenzwinkern und viel Verständnis für alle Seiten. Ich kann das vom Dryas Verlag veröffentlichte Buch, das mir von Blog dein Buch als Rezensionsexemplar – vielen Dank dafür – zur Verfügung gestellt wurde, guten Gewissen weiterempfehlen. Ich bewerte „Balkan bittersüß“ mit 4 von 5 Sternen und bestellt werden  kann es direkt beim Verlag.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Danijela Albrecht, geboren 1976, studierte Anglistik, Geschichte und Erziehungswissenschaften an der Universität Heidelberg und an der University of Connecticut (USA). Sie ist verheiratet, lebt in Mannheim und arbeitet an der Popakademie Baden-Württemberg. Ihre Familie mütterlicherseits stammt aus Bosnien-Herzegowina, so dass die Autorin seit ihrer frühen Kindheit immer wieder kürzere und längere Zeiträume in Bosnien-Herzegowina verbrachte.

8. Juni 2011

Elke Heidenreich – Passione

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Passione
Elke Heidenreich
Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: Hanser Belletristik
ISBN-13: 978-3446233256

Elke Heidenreichs Liebe zur Musik ist längst nicht mehr unbekannt. In ihrem Buch „Passione. Eine Liebeserklärung an die Musik“ veröffentlichte sie eine Textsammlung zum Thema Musik. Dabei hat sie das Buch in zwei große Abschnitte geteilt, „Über die Oper“ und „Über Musik und Musiker“. Aber diese Abhandlungen sind nicht neu, es sind zum Beispiel Reden zur Eröffnung von Festspielen oder anderweitige Texte, die in „Passione“ lediglich zusammengefasst wurden.
So erzählt Elke Heidenreich wie sie für sich die Oper im Alter von 13 Jahren entdeckt hat und wie daraus eine nicht mehr nur stille Leidenschaft wurde. Inzwischen ist sie eine der größten Förderer der Kölner Kinderoper und schreibt selbst Libretti.
„Passione“ ist eine gelungene Mischung aus Information, Unterhaltung und Begeisterung. Wer Elke Heidenreich kennt, weiß, ihre Liebeserklärung an die Musik muss voller Empathie und Enthusiasmus sein. Sie brennt förmlich für die Musik und so kann dieses Buch nur ein emotionales und entflammtes Plädoyer für die Musik sein, in der Elke Heidenreich zueignen, ganz speziellen Art verfasst und natürlich subjektiv, aber egal wie, man kann sich ihrer Euphorie auch nur schwer entziehen. Und so saß ich mit einem guten Glas Wein bei leisen Violinenklängen und genoss dieses Buch.

Über den Autor (Quelle: Wikipedia)
Elke Heidenreich (* 15. Februar 1943 in Korbach als Elke Helene Rieger) ist eine deutsche Schriftstellerin, Literaturkritikerin, Kabarettistin, Moderatorin, Journalistin und Opern-Librettistin.
Elke Heidenreich wuchs in Essen als Tochter eines Kfz-Mechanikers und Tankstelleninhabers auf, verließ 1958 ihr Elternhaus und bestand 1963 in Bonn das Abitur. Sie studierte von 1963 bis 1969 in München, Hamburg und Berlin Germanistik, Publizistik, Theatergeschichte und Religionswissenschaft. 1965 heiratete sie Gert Heidenreich, trennte sich später von ihm und heiratete 1972 Bernd Schroeder, von dem sie seit 1995 ebenfalls getrennt lebt. Sowohl mit Gert Heidenreich als auch mit Bernd Schroeder arbeitet sie bis heute zusammen. Der Hamburger Pianist und Komponist Marc-Aurel Floros ist seit 2006 ihr Lebensgefährte. Von 1970 an ist Heidenreich als freie Autorin und Literaturkritikerin für Presse, Funk und Fernsehen tätig. Seit 2008 ist sie die Herausgeberin der “Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann”, in der Romane und Sachbücher mit musikalischen Themen erscheinen. Sie begann ihren Berufsweg in den Medien als freie Mitarbeiterin beim Hörfunksender SWF3. Heute lebt Elke Heidenreich in Köln und in der Eifel.

12. April 2011

Rebecca Skloot – Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks

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Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks
Rebecca Skloot
OT: The Immortal Life of Henrietta Lacks
Gebundene Ausgabe: 512 Seiten
Verlag: Irisiana
ISBN-13: 978-3424150759

Henrietta Lacks war Mutter von fünf Kindern und spürte seit geraumer Zeit einen Knoten am Muttermund. Als es zu Blutungen kam, ging sie zur gynäkologischen Untersuchung ins John Hopkins Hospital. Der Befund war eindeutig: Gebärmutterhalskrebs. Henrietta war Afroamerikanerin und in den Genuss einer über das Allernotwendigste hinausgehenden Bildung kam sie nie. Auch im Krankenhaus erklärte ihr niemand, welche Untersuchungen erforderlich seien, warum sie wie therapiert würde und sie stellte keine Fragen. Ohne ihre Zustimmung wurden ihr zwei Gewebeproben entnommen, mit denen der Wissenschaftler Georg Gey forschte und mit denen es ihm als Ersten gelang, menschliche Zellen am Leben zu erhalten. Henrietta Lacks starb am 4. Oktober 1951, ihre Zellen leben heute noch und sind aus der modernen Medizin nicht wegzudenken.
HeLa-Zellen sind weltweit in allen Forschungslaboratorien unabdingbar. Sowohl die Medizin- als auch die Genforschung sind ohne sie nicht mehr vorstellbar. Sie wurden ins Weltall transportiert, um an ihnen die Wirkung der Schwerelosigkeit zu erforschen und wurden atomarer Strahlung ausgesetzt, um deren Folgen abschätzen zu können. Sie dienen der Erforschung von Impfstoffen ebenso wie der Entwicklung neuer Therapien gegen Krebs und AIDS. Rebecca Skloot hat sich mit ihrem Buch einem äußerst interessanten Thema zugewandt und es für die Leser sehr ansprechend und allgemeinverständlich umgesetzt. Als Sachbuch konzipiert, bietet es neben der Wissensvermittlung noch gute Unterhaltung. Leser, die sich für belletristisch umgesetzte Medizingeschichte interessieren, werden auch an diesem Werk Freude haben, denn es ist gleichzeitig eine Familiengeschichte. Die Impertinenz ehrgeiziger Mediziner wird in diesem Buch ebenso thematisiert wie ethische Fragen der Wissenschaft und der zu damaliger Zeit in den USA vorherrschende Rassismus. Rebecca Skloot macht öffentlich, was bislang nicht bekannt war. Sie schreibt von den immensen Summen, die mit diesen Zellen verdient wurden und werden und von der Armut der Familie Lacks, die davon keinen Cent sah und verdeutlicht damit die Kernfrage, wem gehören diese Zellen. Die Autorin bereitet dieses Thema nicht chronologisch auf. Aber als Orientierung ist zu Beginn eines jeden Kapitels am oberen Seitenrand ein Zeitstrahl abgedruckt, der über die in diesem Abschnitt behandelte Zeit Auskunft gibt. Außerdem enthält das Buch auf Fotos der Familie Lacks, ausführliche Anmerkungen und ein Personenregister.
„Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks“ ist ein wissenschaftliches, spannendes und zutiefst menschliches Buch. Es informiert, macht nachdenklich und lässt sich darüber hinaus noch ausgezeichnet lesen. Ich empfehle es gern weiter.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Rebecca Skloot hat Biologie und Kreatives Schreiben studiert. Sie ist prämierte Wissenschaftsjournalistin und Bloggerin, deren Artikel unter anderem im „New York Times Magazine“, Discover Magazine“ und in „The Oprah Magazine“ veröffentlicht wurden. Als Korrespondentin hat sie für NPR’s RadioLab und PBS’s Nova ScienceNOW gearbeitet. Sie unterrichtet Naturwissenschaftler im kreativen Schreiben an der University of Memphis und an der University of Pittsburgh und hält zahlreiche Vorträge. “Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks“ ist ihr erstes Buch, an dem sie 10 Jahre gearbeitet hat und dem auf Anhieb der Sprung unter die Top Ten der New-York-Times-Bestellerliste gelang.

22. Januar 2011

Dieter Moor – Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht

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Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht
Dieter Moor
Taschenbuch: 304 Seiten
Verlag: rororo
ISBN-13: 978-3499624759

Geschichten aus der arschlochfreien Zone

Als Dieter Moor zum erstem Mal mit vollgepacktem Auto samt Anhänger nach Amerika im Brandenburgischen fährt, weiß er noch nicht, was ihn erwartet. Seine Frau hat, mit seiner Zustimmung aber ohne seine vorherige Besichtigung, einen Bauernhof in eben dieser kleinen Gemeinde gekauft. Bei seiner Ankunft waren zwar die Vorbesitzer noch nicht ausgezogen, dafür waren aber schon die eigenen Tiere, Pferde, Esel, Enten, Katzen und Hunde, eingetroffen. So lernt der Neu-Brandenburger schnell, was man in dieser Gegend können muss – improvisieren. Nachdem er erfuhr, dass direkt hinter seinem Grundstück die Landebahn des Flugplatzes endet, ein Nachbar lieber Techno-Partys auf seinem Acker veranstaltet als diesen zu bestellen und vor seinem Haus bald eine Straße entstehen soll, auf der stündlich um die 4000 Kraftfahrzeuge von und nach Berlin verkehren, kommen ihm doch Zweifel, ob die Entscheidung, die Schweiz zu verlassen und ins idyllische Brandenburg zu ziehen, eine gute war. Aber ganz so schlimm, wie er zwischenzeitlich befürchtete, kam es dann doch nicht. Alles wendete sich irgendwie zum Guten. Alles? Naja, fast alles, wenn es das Problem mit der Frischmilch, die es im Dorfkonsum nicht zu kaufen gibt, nicht gäbe.

Zu diesem Buch griff ich aus purer Neugier. Wollte ich doch wissen, was einen Schweizer ausgerechnet ins beschauliche, manchmal verschlafene, gelegentlich öde Brandenburg zieht. (Als Brandenburgerin darf ich das schreiben.) So richtig verstanden habe ich das bis zum Schluss nicht. Gerade Deutschland ist doch bekannt für seine Bürokratie und seinen Regulierungsdrang. Gut, er mag das Preußische, das Geradlinige, das Klare. Leider erfuhr der Leser nicht, was der Autor über seine erste Einkommensteuererklärung in deutschen Landen dachte. Aber genug genörgelt und gewundert. Die Geschichte, die Dieter Moor seinen Lesern erzählt, ist ungemein unterhaltend. Frei von der Leber weg, als wäre er bei einer Stammtischrunde, beschreibt er seine Ankunft in der Fremde, die ihm inzwischen zur Heimat wurde. Dabei kommt er allerdings nicht umhin, so manches Klischee und Vorurteil zu bedienen. Manche relativiert er jedoch oder baut sie gänzlich ab. Ob er die Anekdoten und Anekdötchen wirklich alle so erlebt hat, sei dahingestellt. Letztlich ist es mir auch egal, denn die Lesestunden, die ich mit seinem Buch verbrachte, waren amüsant, obwohl in der zweiten Hälfte des Buches das Erzähltempo deutlich langsamer wurde und die eine oder andere Länge entstand. Er thematisiert u. a. auch die Tierhaltung und das Landleben als Lebensform und legt seine Sicht der Dinge dazu dar. Dieter Moor berichtet aber nicht nur von seinen eigenen Erlebnissen und Erfahrungen, er erzählt auch die Lebensgeschichte einiger seiner Mitmenschen nach und hinterfragt, warum sie so sind, wie sie sind. So lernt der Leser Bauer Müsebeck, Teddy und seine Brüder, Schwester Alma mit ihrer Tochter und die kittelschürzetragende Besitzerin des Dorfladens und Gattin des Bürgermeisters Frau Widdel näher kennen, alles Originale, aber trotz ihrer Macken allesamt irgendwie liebenswert. Und so hält er dem brandenburger Leser auch schon mal den Spiegel vor die Nase. Macht nischt, so sind wa halt, und wenn der Fettnapf im Weg steht, treten wir auch gern mal rein. Nach zwei Jahren ist Moor der nette (angepasste) Nachbar geworden und hat sich in die Dorfgemeinschaft integriert, das hat nicht jeder Neuzugang Amerikas geschafft.

So ganz glücklich bin ich aber, trotz etlicher Lacher, mit dem Buch nicht geworden. Irgendwie ging seine „Einbürgerung“ zu glatt, oder aber die Schwierigkeiten waren nicht witzig genug, um in dieses Buch einzufließen.

 

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Dieter Moor, 1958 in Zürich geboren, ist Schauspieler und Moderator. Anfang der 90er Jahre moderierte er das preisgekrönte Medienmagazin “Canale Grande” auf VOX. Nach verschiedenen Stationen beim deutschen und eigenen Talkshows im österreichischen und Schweizer Fernsehen präsentiert Dieter Moor seit 2007 das ARD-Kulturmagazin „Titel, Thesen, Temperamente“. Gemeinsam mit seiner Frau Sonja betreibt er in der Nähe von Berlin einen Demeter-Bauernhof.

 

Im Oktober 2011 erscheinen von ihn neue Geschichten aus der arschlochfreien Zone: „Bauer sucht Frau mit Trecker“

27. Oktober 2010

Andrea Schacht – Götterfunkeln

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Götterfunkeln
Andrea Schacht
Taschenbuch: 392 Seiten
Verlag: Sieben Verlag
ISBN-13: 978-3941547018

Die letzten Tage im Dezember 2011. Nach dem Maja-Kalender steht das Ende der Welt unmittelbar bevor. Die 31-jährige Helena verlor vor 2 Jahren ihren Ehemann Julian. Kurz vor dem Jahreswechsel erhält sie eher zufällig, weil sie nach einem Streit mit ihrer Mutter wütend das Haus verließ und ihre Bekannte Zara traf, die Möglichkeit, einen Blick in die Zukunft zu werfen und zu schauen, was für Paradiese auf die Erretteten für die Zeit danach warten. Mit weiteren 20 Auserwählten begibt sie sich, immer in Begleitung ihres Katers Dante, mit einem UFO auf die Reise. Das Paradies selbst stellt sich als eine Art Themenpark dar. Alles wurde gerade umgestaltet, die Besucher sollen sich schließlich wohl fühlen, und die Götter halten Rat, wie es mit der Erde weiter gehen soll. So wandern die Besucher durch die Insel der Seligen und treffen dort auf Goethe, in Walhall begegnen sie Wagner. Nacheinander werden die Paradiese aller irdischen Religionen besucht und die Gäste kommen mit den Göttern ins Gespräch. Vielleicht gibt es ja auch noch Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Julian.

Unterdessen beginnt auf der Erde die verzweifelte Suche nach den spurlos verschwundenen Angehörigen.

Andrea Schacht war mir bisher als Autorin von historischen Romanen bekannt und die Bücher, die ich von ihr las, sind mir in bester Erinnerung geblieben. Und nun liegt zu meiner großen Überraschung ein Endzeitroman der Autorin vor. Das machte mich doch mehr als neugierig. Als dann gleich zu Beginn der Handlung ein UFO ins Spiel kam, war ich für kurze Zeit etwas ernüchtert. Aber nur um mich mit um so mehr Spaß durch den paradiesischen Themenpark zu lesen. Mit viel Wortwitz, Ironie, und Augenzwinkern sowie manch skurriler Idee führt die Autorin ihre Leser durch die himmlische Verkaufsschau. So erfuhr ich, dass ich dort nicht überrascht sein sollte, Kunstrasen und einen moderne Fortbewegungsmittel nutzenden Hermes vorzufinden und natürlich ist auch das Paradies nicht von Sparzwängen verschont geblieben. Der Märtyrer wird mit Dart-Pfeilen malträtiert und Jesus begegnet mir als Hippie. Lust zum Verweilen hatte ich lediglich an einer der vielen Stationen, die alle sehr detailreich und illuster beschrieben wurden. Aber es ging der Autorin nicht nur darum dem Leser ein Schmunzeln und auch einen lauten Lacher abzuringen. Immer wieder trafen die Besucher auf ihrer Besichtigungstour auf ein altes, zerlumptes Mütterchen, deren Identität es zu ergründen hieß und die erst ganz am Ende wirklich bekannt wird. Mit fortschreitender Handlung werden die dem Buch innewohnenden Gedanken immer tiefer und das anfangs als spaßig empfundene Buch wird ernster. Der Leser wird mit Ideen und Gedanken konfrontiert wird, die es lohnt, weiter zu spinnen. Als einzigen (kleinen) Kritikpunkt sehe ich, dass ich schon ziemlich zu Beginn des Buches die endgültige logische Auflösung erahnte. Da der Weg dorthin aber ein überaus netter war, fällt das kaum ins Gewicht. Einen so farbenfrohen und doch zugleich tiefsinnigen Endzeitroman hätte ich in meinen kühnsten Träumen nicht erwartet. Für mich war dieses Genre bisher eher düster und ernst besetzt. Aber dieser witzig-spritzige Roman, der mit leichter Feder geschrieben zu sein scheint, lässt sich wunderbar lesen, ist amüsant, kurzweilig und unterhaltsam und lässt mich doch nachdenklich zurück – er ist so ganz anders als von mir erwartet. Andrea Schacht hat mich eben noch nie enttäuscht. Ich würde mir mehr Bücher dieser Art von der Autorin wünschen, die mit diesem Werk einen sehr unkonventionellen Weg gegangen ist.

Ich danke der Buchcouch und dem Sieben Verlag für Buch.

Näheres über die Autorin und ihre Bücher ist auf ihrer Homepage zu finden.

25. Dezember 2009

Kalender

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Jedes Jahr aufs Neue überlege ich, welche(r) Kalender mich im folgenden Jahr begleiten. Für das Büro ist das relativ einfach, es wird einer, der mich mit seinen Motiven an meinen Urlaub erinnert. Da hatte ich die Wahl zwischen Nordsee und Rom. So gibt es inmitten von Zahlen, Tabellen, Instruktionen und „hochwichtigen“ E-Mails auch mal die Möglichkeit, die Gedanken schweifen zu lassen und durchzuatmen. (Lieber Chef, falls du das lesen solltest, natürlich nicht zu lange.) Im Jahr 2010 hängt dieser an meiner Bürowand:

Aber welcher Kalender darf in Karthauses Wohnung ziehen? Das war in diesem Jahr etwas komplizierter. Aber auch hier ist die Entscheidung nun gefallen: für den Literaturkalender Leselust. Es ist übrigens seit langer Zeit zum ersten Mal, dass in meiner Wohnung kein Katzenkalender hängt. Aber vielleicht bekommt dafür in 2010 ein neues Kätzchen bei mir wieder ein Heim und einen Futternapf.

Nun bin ich für das Jahr 2010 gerüstet. Ich bin schon gespannt, was ich für Buch- und Autorenendeckungen vor mir habe. In den nächsten Tage werde ich das alte Jahr Revue passieren lassen.

3. April 2009

Michael Gantenberg – Neu-Erscheinung

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Kurzbeschreibung (www.amazon.de)
Paul Elmar Litten lebt in einer sehr überschaubaren Kreisstadt: 50.000 Einwohner, die Hälfte katholisch, die andere das Gegenteil. Paul ist verheiratet, arbeitet als Lokalredakteur beim Westfälischen Heimatboten und will endlich mal zeigen, welches Talent wirklich in ihm schlummert. Er macht einen geheimen Deal mit dem Herausgeber und veröffentlicht als Bella Gabor einen spektakulären Fortsetzungsroman auf Seite 1 des Heimatboten: Die Messias , die Geschichte von Jesu Zwillingsschwester Hannah, die nach zweitausend Jahren Unsterblich- und Enthaltsamkeit endlich das wahre Leben leben will: Sie möchte Liebe finden, Sex haben und vielleicht auch ein paar Kilo abnehmen, möglicherweise sogar gleichzeitig. Das Ganze schlägt ein wie eine Bombe im idyllisch sortierten Westfalen, und auch Pauls Frau ist begeistert nur ahnt sie nicht, wer Bella Gabor wirklich ist …

Meine Meinung
Dieses Buch kam als Wanderbuch zu mir und ich las es in einer Zeit, die nicht wirklich toll für mich war. Schon mit dem quittegelben Umschlag versprach es ein wenig Sonnenschein, der Inhalt hielt dieses Versprechen.
Jesus hatte eine Zwillingsschwester, wer hätte das gedacht. Aber Paul Elmar Litten, Lokalredakteur beim Westfälischen Heimatboten, macht dies zum Plot eines Fortsetzungsromans in der örtlichen Presse. Die Messias will sich natürlich emanzipieren und die Geschichte bekommt eine Aktualität und wird förmlich zum Selbstläufer. Aber es ist nicht nur diese unglaubliche Story, es sind die Geschichten der Leser der Lokalzeitung drumherum, die teilweise skurril, teilweise urkomisch sind. Gantenberg hat ein wunderbares Geschick Menschen zu beobachten und sie im Buch überspitzt darzustellen. Und irgendwie hatte ich schon das Gefühl, solche Typen auch zu kennen. Er nimmt mit Witz die Kleinkarierten, die Frömmler und die Scheinheiligen auf die Schippe, versteht es damit zu unterhalten und von den Alltagsproblemen abzulenken. Für mich war es eine gelungene Abwechslung.

Über den Autor
Michael Gantenberg (* 1961) war WDR-Radiomoderator, Gastgeber des Satiremagazins »Extra 3« und schrieb für DIE ZEIT und die FAZ. Für die RTL-Komödie »Ritas Welt« erhielt er den Grimme-Preis und den Deutschen Fernsehpreis. Er entwickelte »Alles Atze« und »Nikola« und arbeitete als TV-Autor für den »Großen Deutschtest« (mit Hape Kerkeling). 2008 startet sein erster Kinofilm »U-900« mit Atze Schröder und Yvonne Catterfeld. Michael Gantenberg lebt mit seiner Familie in der Nähe des Sauerlandes.

Gebundene Ausgabe: 364 Seiten * Verlag: Piper Verlag GmbH * ISBN-13: 978-3938060261

23. Juni 2008

Charlotte Roche – Feuchtgebiete

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Die 18-jährige Helen liegt nach einer missglückten Intimrasur wegen einer Analfissur im Krankenhaus. Diese Situation will sie ausnutzen, damit ihre geschiedenen Eltern wieder zusammenkommen. Als ihre Wunde aber schneller heilt, als sie ihr Vorhaben umsetzen kann, greift sie zum letzten Mittel, um ihren Aufenthalt verlängern zu können. Sie reißt sich ihre frische Operationswunde bewusst selbst auf. Soweit die eigentliche Handlung, dafür würden an sich 2 DIN A4 Seiten genügen. Die 219 Seiten des Buches werden gefüllt mit detaillierten Beschreibungen von Helens Körper, insbesondere der Körperöffnungen, ihres (sehr eigentümlichen) Hygieneverhaltens, ihrer Masturbationstechniken. Mir ist jetzt jeder einzelne Geschmack und Geruch der verschiedenen Körperflüssigkeiten der jungen Frau bekannt. Die Konsistenz würde natürlich nicht ausgelassen.

Nachdem „Feuchtgebiete“ sozusagen in aller Munde war – was für ein zum Buch passendes Wortspiel – wollte ich mir meine eigene Meinung darüber bilden. Ich habe sie mir gebildet. Das Buch empfand ich weder als ekelerregend noch als skandalös. Ich fühlte mich auch nicht provoziert. „Feuchtgebiete“ hat mich einfach nur gelangweilt. Auf gut 200 Seiten wird versucht, gegen Tabus anzuschreiben und dem gegenwärtigen Hygieneverhalten den Kampf anzusagen. Um dies zu erreichen, war die Autorin bemüht, sämtliche Fettnäpfchen zu betreten und dem Leser eine derb-vulgäre, eher gossenhaft wirkende Sprache zu präsentieren. Zwischenzeitlich war ich versucht dieses Buch zur Seite zu legen. Ich habe mich aber dann anders entschieden, nur um festzustellen, ob mir eine Grimmepreisträgerin wirklich nicht mehr zu sagen hat.

Ich gehe jedoch davon aus, dass Charlotte Roche akribisch für dieses Werk recherchiert hat. Das würde mich beruhigen, denn würde das doch beweisen, dass ich bedenkenlos öffentliche Toiletten auf jedwede Weise benutzen kann und mich trotzdem bester, wahrscheinlich sogar noch besserer Gesundheit erfreuen werde.

Mein Fazit: Ich kann Charlotte Roche nur zu ihrem Marketing-Erfolg gratulieren, ein literarischer Erfolg ist es wohl eher nicht. Für mich gehört dieses Buch in die Kategorie „Bücher, die die Welt nicht braucht“. Zum Glück war mein Exemplar nur ein geliehenes.

Broschiert: 219 Seiten
Verlag: Dumont Buchverlag
ISBN-13: 978-3832180577

16. Dezember 2007

Selma Lagerlöf – Weihnachtsgeschichten

Einsortiert unter: 2007,sonstiges — Karthause @ 13:07

Klappentext

Zum Vorlesen und Selberlesen: der zweite Band der Lagerlöf-Edition im dtv zum 150. Geburtstag der großen schwedischen Autorin am 20. November 2008. Es ist vor allem der Sagen- und Märchenschatz der skandinavischen Heimat, den Selma Lagerlöf festhält, um den Zauber der winterlichen Festzeit einzufangen. In schlichter Sprache erzählt, begleiten diese Geschichten seit Generationen viele Menschen. In einer Zeit, in der Kommerz und Profitstreben die Advents- und Weihnachtszeit dominieren, treffen diese spannenden und stimmungsvollen Erzählungen mitten ins Herz und laden zum Innehalten und Träumen ein. Die vorliegende Sammlung wurde eigens für die Taschenbuchausgabe zusammengestellt und mit einem Nachwort von Holger Wolandt versehen.

 

 

Mein Fazit: Selma Lagerlöfs „Weihnachtsgeschichten“ sind eine Auswahl von 12 ihrer liebsten Geschichten. Die meisten sind über 100 Jahre alt. Die schwedische Nobelpreisträgerin schreibt über ihre heimischen Bräuche, die Bedeutung der Nächstenliebe und den Wunsch nach einem geruhsamen und friedvollen Weihnachtsfest. Dieses Buch in seiner fast schon naiven Schreibweise erinnert an eine gute alte Zeit, mit weißhaarigen Großmüttern, die den Kindern Geschichten erzählen oder vorlesen, an eine Zeit ohne dieses hektische Alltagstreiben und ohne Konsumwahn. Eine große innere Ruhe kehrt beim Lesen der so warmherzigen Geschichten ein. Diese Geschichten sind nostalgisch aber nicht kitschig. Mit einem Wort: schön. Mit diesem Buch habe ich ein sehr gute Wahl getroffen. Dem Klappentext kann ich nichts mehr hinzufügen. Er spricht für sich und trifft es genau.

Broschiert: 224 Seiten
Verlag: Dtv
ISBN-13: 978-3423136037
9,50 EUR

 

 

28. Oktober 2007

Friedrich Chr. Delius – Bildnis der Mutter als junge Frau

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“Laufen Sie, junge Frau, laufen Sie, wenn Sie wollen laufen, der Kind sich freut, wenn Sie laufen.” Dies hat der Frauenarzt der jungen, schwangeren Deutschen geraten. Eigentlich wollte sie die letzten Wochen der Schwangerschaft zusammen mit ihrem Ehemann in Rom verbringen, der wurde aber kurzfristig zu Hitlers Afrika-Corps abkommandiert, keiner weiß wann er zurückkehrt. So läuft sie im Januar 1943 allein durch das ihr fremde Rom, der Leser begleitet sie auf ihren Wegen und erfährt ihre Gedanken. Diese werden mehr als Splitter in die Erzählung geworfen. Ganz so, als würde man selbst auf einem Spaziergang durch Kleinigkeiten zu immer neuen Gedanken angeregt. Das macht das Lesen dieses Buches nicht leicht. Dazu kommt, dass die 126 Seiten lediglich von einem Satz gefüllt werden. Kommata und kleine willkürlich gewählte Absätze, nicht immer entspricht ein neuer Absatz einem neuen Gedanken, wird die Geschichte gegliedert. Nach der ersten Stunde habe ich dann dieses Buch auch genervt zur Seite gelegt. Am Tag darauf, zum Glück war es ein Sonntag, habe ich mich ihm dann ganz in Ruhe noch einmal gewidmet und erstaunlicherweise fand ich plötzlich eine Art Rhythmus, das Lesen wurde angenehm und ich konnte mich auf diesen Stil einlassen.

Mit der Protagonistin konnte ich mich nicht so recht anfreunden. Freiwillig und gegen den Willen ihrer Eltern ist sie nach Italien gegangen, freiwillig bleibt sie, aber die ihr unbekannte Sprache will sie nicht lernen. Gedanken über die politische Situation macht sie sich nur widerstrebend, die Gespräche der Mitbewohnerinnen des evangelischen Konvents verwundern sie, denn sie reden sehr frei über Hitler und die Judenfrage. Aber immer öfter drängt sich die Angst in ihren Kopf, Angst, der Krieg könnte verloren gehen, Angst, ihrem Gert könne etwas passieren, täglich kommen so viele Gefallenenmeldungen.

“Bildnis der Mutter als junge Frau” ist eine Liebeserklärung von Friedrich Chr. Delius an seine Mutter. Denn er war es, der sie in dieser Zeit begleitete. Fein arbeitet er ihre Gedanken heraus. Manchmal hatte ich das Gefühl, beim Schreiben befand er sich im Zwiegespräch mit ihr. Ihm ist ein sehr einfühlsames und intensives Buch gelungen, das in seiner Ruhe mich als Leser nachhaltig beeindruckt hat. Ich könnte mir gut vorstellen, dass Romkenner noch mehr Freude an diesem Buch haben könnten als ich. Leider war ich noch nie in der ewigen Stadt.

Gebundene Ausgabe: 126 Seiten
Verlag: Rowohlt, Berlin (September 2006),
ISBN-10: 3871345563
ISBN-13: 978-3871345562
Gelesen: Januar 2007
14,90 EUR

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