Karthauses Bücherwelt …

8. Juni 2012

Carmen Lobato – Im Land der gefiederten Schlange

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Im Land der gefiederten Schlange

Lobato, Carmen

Taschenbuch: 768 Seiten

Verlag: Knaur TB

ISBN-13: 978-3426509791

 

Als die Hartmanns 1830 Hamburg nach einem wirtschaftlichen Desaster verließen, war Katharina noch nicht geboren. Sie wollten in Mexiko mit Handel wieder auf die Beine kommen, dorthin waren bereits einige Zeit zuvor Familienangehörige gegangen. Sie träumten von erfolgreichen Geschäften, um später als angesehene Kaufleute wieder in der Heimat zurückzukehren. Aber das Leben spielte ihnen hart mit, sie wurden nicht, wie geplant, erwartet und mit offenen Armen empfangen. Sie erlebten Krieg und Belagerung und auch in der Familie gab es Kämpfe und Schicksalsschläge, dazu sorgte das Geheimnis um Katharinas Herkunft für zusätzliche Unruhe.

„Im Land der gefiederten Schlange“ ist kein typischer Auswandererroman, wie man aktuell so viele in den Regalen des Buchhandels findet. Dieser Roman ist etwas Besonderes. Er vereint auf sehr angenehme Weise einen gut recherchierten historischen Roman und ist gleichzeitig eine berührende Liebesgeschichte, die sich in den historischen Rahmen einfügt und davon auch beeinflusst wird. Die Liebe zwischen der Tochter der Einwanderer und dem jungen Mexikaner wird sehr gefühlvoll beschrieben und ist für mein Verständnis in keiner Weise kitschig. Die Historie, die von der Autorin sehr anschaulich beschrieben und vermittelt wird, dient diesem Roman nicht nur als Kulisse, sie ist das Gerüst, an dem sich die Handlung orientiert und mit der sie sich entwickelt. Geschichte und Story werden von Carmen Lobato gekonnt zu einem beeindruckenden Ganzen verwoben. Dieser Roman gewährt dem Leser aber auch tiefen Einblick in die Familiengeschichte der deutschen Handelsfamilie in der Zeit von 1830 1867. So geht es um die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander, um das Festhalten an alten Traditionen und der Schwierigkeit, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Es gibt Krisen und Schicksalsschläge zu bewältigen und es gibt ein dunkles Familiengeheimnis. Dieser historische Roman enthält also alles, was von einer guten Familiensaga erwartet wird. Ich habe dadurch eine Familie kennen lernen dürfen, die mich, trotz aller Widrigkeiten und der diversen persönlichen Schwächen, die die einzelnen aufweisen (oder vielleicht gerade deshalb), sehr beeindruckte. Jede einzelne Figur ist ein Kind ihrer Zeit und hat Charakter, keine ist stereotyp oder hölzern. Alle durchlaufen eine persönliche Entwicklung. Bei der beeindruckenden Zahl von handelnden Personen gebührt der Autorin dafür ein extra dickes extra Lob. Durch die wechselnden Perspektiven beim Erzählen lenkt Carmen Lobato den Blick des Lesers immer wieder auf die Sichtweise anderer Personen, so dass nach und nach eine Art Vertrautheit zu allen Hauptfiguren aufkommt. Ganz besonders aber beeindruckte mich, wie gut es ihr gelang, die Gedanken und Sichtweisen der der indigenen Einwohner dem Leser zu vermitteln und dabei deren Traditionen und Riten zu erklären. Neben all dem überzeugt die Autorin auch durch einen sehr angenehmen gefälligen Sprachstil. Die Handlung war nicht voraussehbar, immer wieder gab es Wendungen und Ereignisse, mit denen ich so nicht gerechnet hätte.

Obwohl das Buch „nur“ ein Taschenbuch ist, überzeugt es doch durch seine Aufmachung. Zusätzlich sind ein Glossar und ein umfangreiches Personenverzeichnis in dem Roman enthalten.

„Im Land der gefiederten Schlange“ ist ein anspruchsvoller historischer Roman, der eine sehr schöne Liebesgeschichte und eine komplexe Familiengeschichte enthält. Er unterhält den Leser über fast 800 Seiten und wenn man das Buch aus der Hand gelegt hat, kann man mit Fug und Recht behaupten, einen Roman für Herz und Verstand gelesen zu haben.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Carmen Lobato ist Romanistin und hat sich zeitlebens für den lateinischen Teil Amerikas interessiert. Durch ihre mexikanisch-andalusische Schwiegermutter entdeckte sie ihre Passion für die faszinierende Vielfalt Mexikos. Carmen Lobato ist als Dozentin tätig und lebt mit ihrer Familie in verschiedenen europäischen Städten.

25. April 2011

Sina Beerwald – Das Mädchen und der Leibarzt

Einsortiert unter: 2011,History — Karthause @ 16:04
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Quedlinburg im Jahre 1802. Die Schwarzen Blattern forderten viele Opfer unter der Bevölkerung. Auch Helena, eine junge Hebamme, muss den Tod ihrer geliebten Großmutter beklagen. Ihr sehnlichster Wunsch war es, ähnlich wie Dorothea Erxleben, sich der Medizin zu widmen zu können und ein Mittel gegen diese Seuche zu finden. Nach einem heftigen Streit mit ihrem Verlobten verließ sie überstürzt Wernigerode. Auf der Flucht kam Helena der Fürstäbtissin vom Stift Quedlinburg nach einem Unfall zu Hilfe. Diese war beeindruckt vom resoluten Handeln Helenas und ermöglichte ihr die Lehre beim Stiftsarzt, Monsieur Dottore Tobler. Dieser war jedoch von seiner neuen Aufgabe alles andere als begeistert. Für ihn war es unvorstellbar, einer Frau sein Wissen weiterzugeben.

Vor dem Hintergrund der Napoleonischen Kriegen und der drohenden Säkularisation führt die Autorin den Leser in das Quedlinburger Stift. Sehr gut gelingt es Sina Beerwald, die Situation zu schildern, in der sich die dort lebenden Damen befinden. So wird auch schnell deutlich, dass Neid, Missgunst, Ränkespiele und Intrigen zum Tagesgeschehen gehören. Davon ist auch Helena, die ja nur Gast im Stift ist, betroffen. Helena, die fest davon überzeugt war, ein Mittel gegen die Schwarzen Blattern zu finden, geht mit ihren Theorien einen Weg, den der Stiftsarzt, der in seinem traditionellen Medizinerdasein verwachsen ist, nicht gehen will, gern aber einen möglichen Heilerfolg als den seinen verbuchen möchte. Für mich ist dieser griesgrämige, missmutige, egoistische Doktor der herausragende Charakter in dem Roman. Er war so facettenreich und glaubhaft beschrieben, da mussten die anderen Protagonisten – wenn auch nur ein wenig – zurückstecken. Besonders haben mich die medizinhistorischen Passagen erfreut. Der Konflikt zwischen der Anwendung althergebrachter Heilmethoden und der Suche nach neuen wurde von der Autorin sehr unterhaltsam gelöst. Dieser historische Roman war sehr angenehm zu lesen, bot gute Unterhaltung und ließ den Leser die Zeit vor gut 200 Jahren erleben. Einzig der Schluss des Romans hat mir nicht so gut gefallen. Das betrifft weniger die Romanhandlung, sondern vorrangig die Dramaturgie. Die letzten Kapitel erschienen mir etwas ereignisüberfrachtet und ein paar Szenen ein wenig widersprüchlich zu sein.

Mein Fazit: „Das Mädchen und der Leibarzt“ ist ein angenehm zu lesender und gut unterhaltender historischer Roman, der dem Leser ein Fenster in die Vergangenheit öffnet und interessantes Stück Medizingeschichte präsentiert. Bei mir wurde das Interesse an den weiteren Romanen der Autorin geweckt.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Sina Beerwald, 1977 in Stuttgart geboren, studierte Wissenschaftliches Bibliothekswesen. Nach ihren erfolgreichen Romanen „Die Goldschmiedin“, „Die Herrin der Zeit“ und „Das blutrote Parfüm“ liegt mit “Das Mädchen und der Leibarzt” nun ihr vierter historischer Roman vor.

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