Karthauses Bücherwelt …

2. März 2013

Arno Geiger – Es geht uns gut

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Arno Geiger - Es geht uns gut

Arno Geiger – Es geht uns gut

Es geht uns gut

Geiger, Arno


Taschenbuch:
400 Seiten

Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag

ISBN-13: 978-3423135627

 

Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

Philipp Erlach hat das Haus seiner Großmutter in der Wiener Vorstadt geerbt, und die Familiengeschichte, von der er definitiv nichts wissen will, sitzt ihm nun im Nacken. Arno Geiger erzählt sie mit einer Unmittelbarkeit, als wäre jeder Tag der Vergangenheit unsere Gegenwart, und es gelingt ihm, jedes Jahrzehnt in einem einzigen Tag lebendig zu machen. So schildert er das Schicksal von Alma und Richard, die 1938 gerade Ingrid bekommen und nichts mit den Nazis zu tun haben wollen. Vom fünfzehnjährigen Peter, der 1945 mit den letzten Hitlerjungen durch die zerbombten Straßen läuft. Von Ingrid, die mit dem Studenten Peter eine eigene Familie gründen will, und von Philipp, dem Sohn der beiden. Arno Geiger erzählt mit einer Unmittelbarkeit, als wäre jeder Tag der Vergangenheit unsere Gegenwart. Höchst anschaulich gelingt es ihm, ein trauriges und komisches Jahrhundert lebendig zu machen.

Meine Meinung

Bei diesem Roman hatte ich ein paar Startschwierigkeiten. Aber als ich mich an den Erzählstil Arno Geigers gewöhnt hatte, war es, als würde ich die Familie schon lange kennen. Die Rahmenhandlung bildet die vom 16. April bis 20. Juni 2001 spielende Geschichte um Philipp Erlach, der ein Verhältnis mit der verheirateten Johanna hat. Er hat kein Ziel, ihm fehlt der Halt, er tändelt durchs Leben. Doch das von seiner Großmutter geerbte Haus muss entrümpelt werden und so muss Philipp sich nun, obwohl die Familienbande bei ihm nicht sonderlich ausgeprägt sind, der Vergangenheit seiner Familie stellen. In diesen Handlungsstrang um Philipp wurde die Geschichte der Familie gewoben. Beginnend mit dem Jahr 1938 wird in jedem Jahrzehnt an einem für Österreich und/oder für die Familie bedeutenden Tag Rückschau gehalten. So kann der Leser verfolgen, wie aus dem ehemaligen Minister ein an Demenz erkrankter alter Mann wird und wie sich eine brave Tochter zu einer aufmüpfigen jungen Frau entwickelt. Dabei werden immer wieder Informationen zum gesellschaftlichen und politischen Geschehen eingestreut, die die Ereignisse im Familienleben unterstreichen sollen. Alle Familienmitglieder, zu den meisten fiel es mir schwer Sympathien zu entwickeln, wirken lebensecht und sehr natürlich und entsprechen dem jeweiligen Zeitgeist. Daraus wird sehr gut sichtbar, wie sich das Leben in der Familie im Laufe der von Autor betrachteten 70 Jahre gewandelt hat, wie wesentlich weniger streng auf die Einhaltung und das Erhalten von Werten geachtet wurde.

Dabei erzählt Arno Geiger seinen Roman in dem für ihn so typischen Stil mit Einklammerungen und Einfügungen so gleichmäßig ruhig und unaufgeregt, nicht ohne Witz, detailgetreu und mit viel Empathie, so als würde man mit ihm bei einer Tasse Kaffee sitzen und er lediglich auf die Frage ‚Wie geht es euch?‘ antworten.

„Es geht uns gut“ habe ich mit viel Freude gelesen. Die Familiengeschichte wirkt leicht erzählt, folgt aber konsequent einer Struktur und einem roten Faden. Einzig die speziellen österreichischen Begriffe und Wendungen ließen mich gelegentlich innehalten, störten im Textverständnis aber nicht.

Mit diesem Roman ist Arno Geiger ein beachtenswerter Familienroman gelungen, der ohne Pathos und Sentimentalitäten auskommt und sowohl unterhaltsam als auch anspruchsvoll ist. Mir bescherte er sehr angenehme Lesestunden.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Arno Geiger, geboren 1968 in Bregenz, Vorarlberg, wuchs in Wolfurt/Österreich auf. Er studierte Deutsche Philologie, Alte Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck und Wien. Seit 1993 ist er freier Schriftsteller. 1986 – 2002 war Arno Geiger im Sommer auch als Videotechniker bei den Bregenzer Festspielen tätig. 1996 und 2004 nahm er am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen. 2008 wurde Arno Geiger mit dem “Johann-Peter-Hebel-Preis” geehrt und 2011 mit dem “Friedrich Hölderlin-Preis” für sein bisheriges literarisches Werk sowie mit dem “Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2011″ ausgezeichnet. 2012 erhielt er den “Literaturpreis der Österreichischen Industrie – Anton Wildgans”.

29. April 2011

Arno Geiger – Der alte König in seinem Exil

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Der alte König in seinem Exil
Arno Geiger
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Hanser
ISBN-13: 978-3446236349

Für uns alle ist die Welt verwirrend, und wenn man es nüchtern betrachtet, besteht der Unterschied zwischen einem Gesunden und einem Kranken vor allem im Ausmaß der Fähigkeit, das Verwirrende an der Oberfläche zu kaschieren. Darunter tobt das Chaos.” (Arno Geiger „Der alte König in seinem Exil“, Seite 57)

Arno Geigers Vater ist an Alzheimer erkrankt und seit einem Jahr im Pflegeheim. Nach und nach verliert der 1926 geborene August Geiger seine Erinnerung. Lange bemerkte die Familie nichts von dem schleichenden Ausbruch der Krankheit, erste Anzeichen wurden als Schusseligkeit bewertet und mit Ermahnungen wie „Reiß’ dich zusammen!“ abgetan. Das Verhältnis von Arno Geiger zu seinem Vater war nicht immer unproblematisch, aber nun im Angesicht der fortschreitenden Krankheit baut er Brücken zu ihm und es erwächst ein ganz neues Verhältnis zwischen Vater und Sohn. So zeigt auch dieses Buch, im Leben hat alles zwei Seiten.

Es ist ungemein schmerzhaft, mitzuerleben, wie ein Vater ins Vergessen sinkt und auch seine Kinder nicht mehr erkennt. Für Arno Geiger ist dies Anlass, offen über die Krankheit, aber auch über seine Familie zu schreiben. Er nutzt die Gelegenheit, das Leben seines Vaters aufzuarbeiten, erzählt aus dessen Leben, von den Höhen und Tiefen der väterlichen Krankengeschichte, sehr warmherzig von schweren, aber notwendigen Entscheidungen, die die Familie treffen musste und von dem schlechtem Gewissen der Angehörigen dem Kranken gegenüber. Durch diese Auseinandersetzung mit der Krankheit, dem Vater und letztlich mit sich selbst, kommen sich Vater und Sohn wieder näher, sie lernen einander auf eine andere, freundschaftliche Weise neu kennen. Geiger erzählt viele Geschichten und Anekdoten, anhand derer sich der Leser ein eigenes Bild vom Menschen August Geiger machen kann. Er ist nicht ohne Fehler, aber er ist wohl das, was man einen guten Menschen nennt. Obwohl der Leser deutlich spürt, die Krankheit hat den Vater voll im Griff, wirkt dieses Buch nie mitleidhaschend oder gar weinerlich geschrieben, sondern eher unterhaltend und erstaunlich leicht. „Der alte König in seinem Exil“ habe ich trotz der ernsten Thematik von Beginn an genossen. Besonders beeindruckt bin ich wieder von Geigers Einfühlungsvermögen und der Art wie es ihm gelingt, mit Worten Emotionen zu transportieren. Das Buch verströmte für mich von der ersten Seite an eine große Ruhe und Wärme und obwohl er das Schicksal des Vaters der Öffentlichkeit preisgab, hat er ihm seine Würde belassen und ihn nie bloß gestellt.

Über den Autor (Quelle: buecher.de)

Arno Geiger, geboren 1968 in Bregenz, Vorarlberg, wuchs in Wolfurt/Österreich auf. Er studierte Deutsche Philologie, Alte Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck und Wien. Seit 1993 lebt er als freier Schriftsteller. 1986 bis 2002 war er im Sommer auch als Videotechniker bei den Bregenzer Festspielen tätig. 1996 und 2004 nahm Arno Geiger am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen. 2008 wurde Arno Geiger mit dem “Johann-Peter-Hebel-Preis” geehrt.

16. Mai 2010

Arno Geiger – Alles über Sally

Einsortiert unter: 2010,Belletristik — Karthause @ 12:40
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Seit 30 Jahren sind Sally und Alfred verheiratet. Diese lange Zeit spürt man in ihrer Beziehung, längst haben sich Alltag und Gewöhnlichkeit in der Ehe breit gemacht. Das Leben geht seinen Gang, bis sie im Urlaub in England die Mitteilung erreicht, in ihr Haus in Wien sei eingebrochen worden. Die Wohnung wurde verwüstet. Auch Alfreds Tagebücher, die er seit gefühlten Ewigkeiten akribisch führt, wurden von den Einbrechern nicht verschont. Alfred versinkt in Selbstmitleid und bricht sich schließlich noch ein Bein. Sally dagegen, die Unstete, die Impulsive, die Lebenshungrige, wird aktiv. Sie renoviert das Haus und stürzt sich in eine Affäre mit Erik, dem Freund der Familie. Die Kinder zeigen sich mehr oder weniger desinteressiert. Die Rollen sind in dieser Ehe seit langem verteilt, Sally ist die Starke, Alfred eher schwach, fast schon ein Langweiler. Aber sie haben sich arrangiert.

Mit diesem Buch erging es mir wie in einer langen Beziehung, Höhen und Tiefen wechselten ab. Eintönigen Stellen folgten kurzweiligen, in gegenwärtige Betrachtungen wurden geschickt Rückblenden eingebaut. Die beiden Eheleute wurden so treffend realistisch charakterisiert, dass beim Lesen bald ein vertrautes Gefühl bei mir aufkam. Beeindruckend empfand ich, wie genau Arno Geiger die kleinen alltäglichen Situationen im Ehealltag schilderte und wie gut er sich in das Seelenleben seiner Protagonistin einfühlen konnte.

„Alles über Sally“ ist ein Roman der „Brüche“, neben den handlungsbedingten Brüchen, Einbruch, Beinbruch und Ehebruch, gibt es fast ganz am Ende noch einen Stilbruch. „Alfreds Monolog“ unterscheidet absolut vom Stil der vorangegangenen und dem noch folgenden Kapitel. Damit setzt Geiger einen augenfälligen Kontrast und grenzt Alfred ganz deutlich von Sally ab.

Am Ende zeigt Arno Geiger auf, dass die Ursache für Sallys Ehebruch nicht einzig in ihrer Person begründet liegt. Sie ist zwar die Titelgeberin und Hauptfigur des Romas, aber auch Alfreds Innenleben wird beleuchtet und so zeigt sich, das der penible Tagebuchschreiber auch andere Facetten besitzt und nicht nur ein Langweiler ist.

Bis zum Schluss stellten sich ich mir die Fragen, was hält diese Ehe zusammen, führen die beiden überhaupt eine glückliche Ehe? Für mich habe ich diese Fragen beantwortet. Aber genau diese Antworten können sicher von Leser zu Leser unterschiedlich ausfallen und das ist das, was „Alles über Sally“ ausmacht. Dieses Buch lädt förmlich ein zum Reflektieren, zum Werten, zum Vergleichen.

Mir hat dieser Alltagsroman mit Szenen einer Ehe sehr gut gefallen. Der hintergründige Humor des Autors, die nüchterne Bestandsaufnahme der Ehesituation, die gelungenen Charaktere der Protagonisten und die feinfühligen Beschreibungen derer Gefühle trösteten mich über die oder andere gefühlte Länge hinweg.

Auf dieses Buch wurde ich durch die Empfehlung des mdr figaro aufmerksam. Ich wurde nicht enttäuscht.

Über den Autor

Arno Geiger, geb. 1968 in Bregenz, Vorarlberg, wuchs in Wolfurt/Österreich auf. Er studierte Deutsche Philologie, Alte Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck und Wien. Seit 1993 lebt er als freier Schriftsteller. 1986-2002 war er im Sommer auch als Videotechniker bei den Bregenzer Festspielen tätig. 1996 und 2004 nahm Arno Geiger am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen. 2008 wurde Arno Geiger mit dem ‘Johann-Peter-Hebel-Preis’ geehrt.

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