Karthauses Bücherwelt …

8. Februar 2011

Janne Teller – Nichts. Was im Leben wichtig ist

Einsortiert unter: 2010,Jugendbuch — Karthause @ 18:11
Tags: , , , ,
Nichts
Was im Leben wichtig ist
Janne Teller
Originaltitel: Intet
Broschiert: 139 Seiten
Verlag: Hanser
ISBN-13: 978-3446235960
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 14 – 15 Jahre

“Nichts bedeutet irgendwas, deshalb lohnt es sich nicht, irgendwas zu tun.” Mit diesem, die Schüler der 7. Klasse einer dänischen Kleinstadt, schockierenden Satz, verlässt Pierre Anthon die Schule und sitzt von nun an auf einem Pflaumenbaum, beschimpft seine ehemaligen Schulkameraden, wirft ihnen seine Wahrheiten an den Kopf, lacht sie aus und provoziert. Sind die Schüler zunächst irritiert, steigert sich das über Beunruhigung bis hin zur Angst. Dann aber werden sie aktiv. Sie beginnen in einem alten Sägewerk die Dinge zusammenzutragen, die für sie im Leben wichtig sind. So wollen sie einen Berg von Bedeutung sammeln, um Pierre zu beweisen, dass er Unrecht hat. Aber dann gerät die Situation außer Kontrolle, sie eskaliert. Und am Ende des Buches steht die Erkenntnis: “Ich weiß, dass man mit der Bedeutung nicht spaßen soll.”

Auf dieses Buch wurde ich zunächst durch „Die Vorleser“ aufmerksam, kurz darauf bekam ich die Empfehlung dafür auch von anderen Seiten. Die Idee für das Buch fand ich sehr gelungen. Janne Teller ließ die Sammlung der für die Jugendlichen bedeutsamen Sachen mit eigentlich recht belanglosen Dingen beginnen, um sie dann aber konsequent so zu steigern, dass die Schüler sich gegenseitig existentiell Bedeutungsvolles abverlangten. Als das Experiment dann letzten Endes immer brutaler wurde und schließlich aus dem Ruder lief, kamen unweigerlich Assoziationen zu Morton Rhue’s „Die Welle“ auf.

Als recht unbefriedigend empfand ich die Zeichnung der Personen. Ich weiß nicht, ob sich die Autorin bewusst zurückgehalten hat, Charaktere herauszuarbeiten, um eben das Augenmerk auf den eigentlichen Kern der Geschichte zu lenken, oder ob es ihr einfach nicht gelungen ist, lebensnahe Figuren zu beschreiben. Ich hätte mir auch gewünscht, dass dieses Buch mehr als nur 139 Seiten umfasst, um mehr Raum für eine philosophisch fundierte Tiefe zu haben. Als philosophisches Werk sehe ich das Jugendbuch von Janne Teller nicht an, dafür genügt es nicht, Bedeutung als Begriff nur anzureißen. Eine gelungene Anregung zum Nachdenken über den Sinn des Lebens und den Begriff Bedeutung liefert sie damit allemal. Schon die Widersprüchlichkeit des Titels bietet für eine ausgiebige Diskussion die Grundlage.

Aber auch sprachlich hat mich dieses Buch nicht überzeugt. Besonders die sich ständig wiederholenden Steigerungen störten mich.

Dieses Buch ist es durchaus wert, kontrovers diskutiert zu werden. Es ist für junge Leser ab 14 Jahre geeignet, es wäre aber in jedem Fall empfehlenswert, mit den Jugendlichen nach oder während der Lektüre Grundzüge und Geschehnisse des Buches gemeinsam mit Erwachsenen zu erörtern.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

Janne Teller wurde 1964 geboren. Die ehemalige UN-Mitarbeiterin und gelernte Ökonomin lebt derzeit in Paris.Sigrid Engeler, geboren 1950 in Wolfenbüttel, lebt heute in Kiel. Sie übersetzte aus dem Dänischen, Norwegischen und Schwedischen.

 

13. Juni 2010

Johanna Adorján – Eine exklusive Liebe

Eine exklusive Liebe
Johanna Adorján
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
ISBN-13: 978-3630872919

Vera und István haben als ungarische Juden den Holocaust überlebt. Infolge des ungarischen Aufstandes im Jahre 1956 flohen sie nach Dänemark. Dort zogen sie gemeinsam ihre Kinder groß und als István dann 1991 schwer erkrankte planten sie den gemeinsamen Tod. Als am 13. Oktober 1991 der Tag dann gekommen war, brachte Vera den Hund zu Freunden, denen sie von einer Reise erzählte, räumte die Wohnung auf und kümmerte sich ein letztes Mal um die Rosen. Tage später fand man die beiden, die miteinander alt wurden und sich so liebten, dass der Tod sie nicht scheiden konnte, Hand in Hand in ihrem Bett.

„Davon sprechen wir nicht.“ Damit verdrängten Vera und István ihre Erlebnisse aus den Zeiten des Holocaust und der Zeit als Kommunisten im Ungarn der Nachkriegszeit. „Davon sprechen wir nicht.“, beschloss auch die Familie der beiden nach ihrem Tod. Aber 16 Jahre danach brach Johanna Adorján ihr Schweigen und setzte sich mit dem gemeinsamen Sterben ihrer Großeltern auseinander. Minutiös rekonstruierte die Autorin den letzten Tag ihrer Großeltern und versuchte weiße Flecken in deren Leben durch die Befragung von noch lebenden Bekannten und Freunden Veras und Istváns mit Wissen zu färben. So entstand die Geschichte der Liebe eines außergewöhnlichen Paares, dass sich aus großem Respekt voreinander ein Leben lang siezte. Eine Liebe, die so außergewöhnlich, so exklusiv war, dass sich darin nur Platz für die Eheleute fand.

Am Anfang hatte ich ein paar Bedenken, da die Schilderungen der Zeitzeugen doch zum Teil sehr oberflächlich waren, dass nicht wirklich klar wird, warum beide den gemeinsamen Tod wählten. Schließlich war Vera an die 10 Jahre jünger als ihr Mann, immer noch eine schöne Frau und für ihr Alter recht gesund. Die Vielzahl der Befragungen schuf jedoch ein wirklich rundes und nachvollziehbares Bild des Ehepaares. Vieles, was erst schwer verständlich erschien, wurde nach und nach greifbar. Manches blieb für immer verloren.

In verschiedenen, abwechselnden Erzählperspektiven berichtet die Autorin ohne zu moralisieren oder zu werten, sie hinterfragt und analysiert die ihr vorliegenden Fakten und rekonstruiert so den letzten Tag im Leben ihrer Großeltern. Sie klärt damit aber auch ihre eigenen Identitätsfragen und sucht nach ihren Wurzel.

Die Sprache von Johanna Adorján ist von angenehmer Leichtigkeit, nüchtern und trotz der Thematik oft mit leisem Humor gespickt.

Beim Lesen bekam ich häufig eine Gänsehaut, so berührte mich das Buch. Ich war beeindruckt von der Tiefe der Gefühle und der Eindringlichkeit der Sprache. Trotz einiger offen gebliebener Fragen, weil ja über vieles nicht gesprochen wurde, ist mir dieses ruhige Buch ans Herz gewachsen.

Mein Fazit: „Eine exklusive Liebe“ ist das außergewöhnliche Liebesgeschichte eines faszinierenden Paares, das einander so nah war, dass sie im Tod nicht getrennt sein wollten.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Johanna Adorján, 1971 in Stockholm geboren, studierte in München Theater- und Opernregie. Seit 1995 arbeitet sie als Journalistin, seit 2001 in der Feuilleton-Redaktion der »FAS«. »Eine exklusive Liebe« ist ihr erstes Buch.

Theme: Rubric. Bloggen Sie auf WordPress.com.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 33 Followern an