Karthauses Bücherwelt …

15. März 2013

Titus Müller – Nachtauge

Einsortiert unter: 2013,Belletristik — Karthause @ 07:48
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Nachtauge

Müller, Titus

Gebundene Ausgabe: 480 Seiten

Verlag: Karl Blessing

ISBN-13: 978-3896674586

Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

Seit drei Jahren macht der britische Geheimdienst MI5 Jagd auf “Nachtauge”. Hinter diesem Codenamen verbirgt sich eine deutsche Spionin, die Schienen und Brücken zerstört und Verfolger kaltblütig umbringt. Jetzt steht sie vor ihrem größten Coup: der Aufdeckung einer womöglich kriegsentscheidenden großen Operation der britischen Luftwaffe. Diese bereitet die Bombardierung der größten deutschen Stauseeanlagen vor. Erstes Ziel: die Möhnetalsperre.

Hier arbeiten über tausend ukrainische Frauen unter entwürdigenden Bedingungen in einer Munitionsfabrik. Im Lager unterstehen sie dem Befehl von Georg Hartmann. Er gerät unter Druck, weil Gerüchte kursieren, dass er nicht hundertprozentig auf Parteilinie sei. Tatsächlich ist er bei den Arbeiterinnen weit weniger gefürchtet als die brutalen Männer vom Werkschutz. Ahnt Hartmann, dass einige Frauen, unter ihnen auch die ihm sympathische Nadjeschka, einen spektakulären Fluchtversuch planen?

Meine Meinung

In „Nachtauge“ gibt es zwei, lange Zeit parallel verlaufende Handlungsstränge, die der Autor geschickt miteinander verknüpft. Lesern, denen die Geschehnisse des 16./17. Mai 1943 im Kreis Soest nicht geläufig sind, erschließt sich erst recht spät der Zusammenhang der beiden Geschichten, so ist Spannung garantiert.

Vor 100 Jahren wurde die Möhnetalsperre erbaut und vor 70 Jahren von der britischen Luftwaffe bombardiert und zerstört. Die Ereignisse im deutschen Neheim und den verzweifelten Kampf der britischen Spionageabwehr thematisiert Titus Müller in diesem Roman. Sehr bildhaft schildert er das Leben und den Alltag im Lager der ukrainischen Zwangsarbeiterinnen und die Versuche Georg Hartmanns, ihnen das Leben wenigstens ein kleines bisschen zu erleichtern. Er versucht, so unauffällig wie möglich Vorschriften zu umschiffen, schmuggelt Romane russischer Klassiker ins Lager, bittet um größere Essensrationen und bessere medizinische Betreuung. Sein Tun bleibt aber nicht lange unbemerkt. Den Blockwart hat er bereits verärgert, weil er es bisher umgehen konnte, zu spenden. Als dieser in daraufhin denunziert, wurde es auch für Axel Rottländer schwer, seine schützende Hand über den Schwager zu halten. Als dieser sich dann auch noch mit der Ukrainerin in der Öffentlichkeit zeigt, läuft die Gestapo-Maschinerie an. Auch der in England angesiedelte Teil der Romanhandlung um die Jagd auf die kaltblütige deutsche Agentin war durchaus überzeugend. Die Angst vor dem Scheitern der kriegsentscheidenden Operation wurde sehr glaubhaft und nachvollziehbar beschrieben.

Durch seine gekonnte, der Zeit angemessene Wortwahl und die angenehme sprachliche Gestaltung des Romans bekommt der Leser ein gutes Gefühl für die Zeit. Seine Protagonisten hat Titus Müller sehr facettenreich charakterisiert. Alle hatten Stärken und Schwächen. Ihr Handeln war nachvollziehbar und, was ich ganz besonders schätze, sie machten im Laufe der Handlung eine Entwicklung durch.

Sowohl die Operation Chastise als auch die Liebesgeschichte von Georg und Nadjeschka haben einen wahren Hintergrund. Letztere wurde sehr gefällig in die Romanhandlung eingefügt und wirkte weder aufgesetzt noch in irgendeiner Weise kitschig, sondern einfach sehr natürlich. Die Angst und Zweifel waren logisch und nachvollziehbar.

„Nachtauge“ las ich fast an einem Stück. Ich konnte den Roman nicht aus der Hand legen bevor die letzte Seite gelesen war. Er war spannend und hat mich von Anfang bis zum Ende gefesselt. Ich hatte das Gefühl, dem Bericht von Zeitzeugen zu lauschen. In dem Buch sind noch Anmerkungen des Autors zu den historischen Ereignissen und Hintergründen enthalten. Dadurch wird die wirklich spannende Lektüre abgerundet. Ich empfehle diesen Roman sehr gern weiter.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Titus Müller, geboren 1977 in Leipzig, studierte in Berlin Literatur, Geschichtswissenschaft und Publizistik. 1998 begründete er die Literaturzeitschrift “Federwelt”. 2002 war er Mitbegründer des Autorenkreises Historischer Roman “Quo vadis”. Im gleichen Jahr veröffentlichte er, 24 Jahre jung, seinen ersten Roman: “Der Kalligraph des Bischofs”. Es folgten weitere historische Romane wie “Die Brillenmacherin” (2005).Titus Müller wurde mit dem C. S. Lewis- Preis und den Sir Walter-Scott-Preis ausgezeichnet. 2011 erschien im Blessing Verlag sein Roman über den Untergang der Titanic: “Tanz unter Sternen”.

Mein besonderer Dank gilt dem Karl Blessing Verlag für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

21. Februar 2013

Thomas Hardy – Tess

Einsortiert unter: 2013,Klassiker/Weltliteratur — Karthause @ 19:43
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Tess

Hardy, Thomas

Originaltitel: Tess of the d’Urbervilles

Taschenbuch: 592 Seiten

Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag

ISBN-13: 978-3423141888

Unter dem Titel “Tess of the d’Urbervilles. A Pure Woman Faithfully Presented” veröffentlichte Thomas Hardy im Jahr 1891 diesen Roman zum ersten Mal in seiner ursprünglichen Langform.

Es war nicht einfach für mich, meine moralischen Vorstellungen beiseite zu lassen und mich gänzlich auf die Viktorianische Zeit einzulassen. Hardy machte mir es mir leicht, ein Bild vom Alltagsleben seiner Protagonisten zu bekommen. Detailliert und realistisch schildert er die schwere Arbeit in der Landwirtschaft, den Stand der Technik und das Leben der Landbevölkerung. Tess beschreibt er zu Beginn als junges und lebenslustiges Mädchen, das mit ihren Freundinnen in den Frühling tanzt. Das Schicksal, Angel und Alec und Moralvorstellungen der damaligen Zeit stehen aber einer glücklichen Zukunft von Tess im Weg. Ausgangspunkt für Tess‘ tiefen Fall war nicht zuletzt die Lebensweise ihrer Eltern. Der Vater trank, die Mutter war ein einfältiges, kindliches Wesen. Beide machten nur so viel wie unbedingt nötig, um das Überleben der Familie zu sichern. Als sie dann von der noblen Abstammung der Durbeyfields erfuhren, sehen sie darin eine Möglichkeit, ihrem Elend zu entfliehen. Tess, die älteste Tochter sollte den reichen Verwandten Alec d‘Ubervilles heiraten. Tess wurde herausgeputzt und zu den vermeintlichen Verwandten geschickt. Alec fand auch Gefallen an dem jungen, frischen Mädchen, statt sie zu heiraten vergewaltigte er sie. Tess floh zurück ins Elternhaus, bekam ein Kind, das jedoch nur kurze Zeit lebte. Tess war ein gefallenes Mädchen, eine aussichtsreiche Heirat war undenkbar geworden. Daraufhin verließ sie ihr Dorf und fand eine Anstellung auf einem Hof in Talbothays, wo sie Angel Clare trifft, der ihr bereits bei dem am Anfang des Romans besagtem Frühlingfest auffiel und sie aber damals nicht beachtete. Ihr Gewissen verbietet es Tess seinen Heiratsantrag anzunehmen. Schließlich stimmt sie aber doch zu. Am Hochzeitstag gestehen sich beide ihre Vergangenheit ein. Angel, der Pfarrerssohn, verlässt Tess und geht nach Brasilien. Tess muss sich allein durchschlagen und trifft wieder auf Alec…

Thomas Hardy erzählt Tess‘ Geschichte aus der Sicht eines moralisierenden, allwissenden Erzählers. Dabei tritt besonders deutlich die Doppelmoral viktorianischer Zeit zutage. Was heute kaum noch einen Menschen peinlich berühren würde, führte Tess an den Rand des Abgrunds und ließ sie den letzten Schritt darüber hinaus selbst tun. Ihr Niedergang ist unaufhörlich und das Ende vorauszuerahnen. Dabei deutet Hardy stets nur an, vermeidet jede Schilderung mit sexuellem Hintergrund und überlässt dem Leser das Angedeutete zur Interpretation. Die Sprache des Romans wirkt mitunter schwülstig und etwas angestaubter, als ich dies bei einem vor gut 120 Jahren geschriebenen Roman erwarten durfte. Sowohl der Sprachstil und auch diese Andeutungen störten mich persönlich ein wenig. Da war ich aus anderen in diesem Zeitalter entstandenen Romanen anderes gewöhnt. Ich möchte keineswegs detailgetreue Schilderungen von Vergewaltigungen lesen, aber im moralischen Nebel möchte ich als Leserin auch nicht stehen gelassen werden.

Die männlichen Protagonisten, die Tess zunächst so verschieden sieht, gleichen sich in ihrem selbstgerechten Egoismus und ihrem Umgang mit Tess wie eineiige Zwillinge. Alec schmückt sich mit einem erkauften Titel. Angel scheinbar gebildet, ist gefangen in seinem enggewebten Netz moralischer Vorstellungen. Beide sind Männer, die für diese Zeit stehen und wurden von Hardy hervorragend in Szene gesetzt.

Der Roman trägt den Untertitel: ‘Eine reine Frau’. Dies ist der einzige Hinweis darauf, wie Thomas Hardy in Wirklichkeit über die Scheinmoral dachte und mit dem er versuchte, die Tragödie um Tess ins rechte Licht zu rücken.

„Tess“ habe ich sehr gern gelesen. Er vermittelte mir ein eindrucksvolles Bild vom Dasein der einfachen Landarbeiter im viktorianischen England. Trotzdem mir persönlich ein paar Kleinigkeiten nicht so gefielen, sehe ich den Stellenwert dieses Romans in der Weltliteratur und bin froh ihn gelesen zu haben. Gerne empfehle ich ihn weiter.

Über den Autor

Thomas Hardy, geboren am 2. Juni 1840, war Sohn eines Baumeisters. Er ging nach der Architektenlehre nach London und begann neben seiner Arbeit als Kirchenrestaurator zu schreiben. 1871 erschien der erste seiner berühmten ›Wessex‹-Romane, die alle in seiner heimatlichen Umgebung angesiedelt sind. Hardy hinterließ ein umfangreiches Werk, darunter 14 Romane und fast 1000 Gedichte. Er starb am 11. Januar 1928.

5. Oktober 2012

Susanne Goga – Das Leonardo-Papier

Einsortiert unter: 2011,History — Karthause @ 16:38
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Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

Wenn ein einzelnes Blatt Papier den Tod bedeuten kann …

England 1821: Georgina Fielding ist im besten heiratsfähigen Alter, interessiert sich aber mehr für Geologie als für potenzielle Ehemänner. Als sie eine wertvolle Fossiliensammlung und ein rätselhaftes Notizbuch erbt, ist ihre Neugier geweckt. Mithilfe des Reiseschriftstellers Justus von Arnau begibt sie sich auf die Spurensuche. Rätsel gibt ihnen insbesondere eine einzelne Manuskriptseite auf. Sie ist in Spiegelschrift geschrieben wie die Werke Leonardo da Vincis – und hat einen brisanten Inhalt…

Susanne Goga lässt uns an den Anfängen jener revolutionären Wissenschaft teilhaben, die im frühen 19. Jahrhundert an den Grundfesten des Glaubens rüttelte: der Geologie. Zugleich aber ist »Das Leonardo-Papier« die packende Geschichte einer jungen Frau, die sich über Konventionen hinweg setzt und ihren guten Ruf riskiert, um das Geheimnis ihrer Herkunft zu lösen – und ihr persönliches Glück zu erobern.

Ein fesselnder historischer Roman, in dem Leonardo da Vincis »Codex Leicester«, das teuerste Buch der Welt, eine entscheidende Rolle spielt.

Meine Meinung

Geologie ist für mich nicht unbedingt ein Wissensgebiet, das ich mir als Hintergrund für eine Romanhandlung gewünscht hätte. Wahrscheinlich ist auch dies der Grund, neben dem Titel, der mich eine der unzähligen Verschwörungsgeschichten vermuten lies, weswegen ich dem Roman über Jahre hinweg keine Beachtung schenkte. Umso mehr war ich überrascht, als sich dieser Roman als ein wirklich gut recherchierter historischer Roman entpuppte. Schon der Prolog zog mich in seinen Bann. Er warf Fragen auf und versprach Spannung. Aber mindestens ebenso spannend war das, was Susanne Goga an Geologischem in den Roman einbaute. Diese Wissenschaft war noch recht jung und befand sich im Aufbruch. Vieles war noch nicht bekannt, aber sie stand schon im klaren Konflikt zu dem, was die Bibel lehrte. Dieses Erwachen der Wissenschaft verband die Autorin sehr gekonnt mit dem Erwachen der Georgina Fielding, die auf eigenen Beinen stehen wollte und von ihrer Tante aber in eine gute Ehe gedrängt werden sollte. So wie die Wissenschaftler an dem althergebrachten Glauben rüttelten, so kämpfte Georgina gegen altgediente Moralvorstellungen.

Susanne Goga verfügt über eine sehr bildliche Sprache, so dass zusammen mit der eigenen Vorstellungskraft die Handlung förmlich wie in einem Film abläuft. Sie versteht es wunderbar, Wissensvermittlung und Unterhaltung zu verbinden.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
SUSANNE GOGA, 1967 geboren, ist eine renommierte Literaturübersetzerin. Sie schrieb zwei historische Kriminalromane, bevor sie sich mit „Das Leonardo-Papier” (2009 im Diana Verlag erschienen) dem klassischen historischen Roman zuwandte. Susanne Goga lebt mit ihrer Familie in Mönchengladbach.

22. Juli 2012

Nicole C. Vosseler – Jenseits des Nils

Einsortiert unter: 2012,History — Karthause @ 17:30
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Jenseits des Nils

Nicole C. Vossler

Gebundene Ausgabe: 576 Seiten

Verlag: Bastei-Lübbe

ISBN-13: 978-3785724477

Sommer 1881. Nicole C. Vosseler lässt zu Beginn ihres Romans die elitäre Welt des englischen Adels aufleben. Die jungen Männer beendeten gerade ihr Studium am Royal Military College in Sandhurst, wer aus einer anderen gesellschaftlichen Schicht kommt hat es schwer. Die Damen leben das luxuriöse Leben gehobener Töchter aus gutsituiertem Hause. Nur Ada war auf einer längeren Europareise und möchte gern ihren eigenen Weg gehen und auf eigenen Beinen stehen. Ein wenig fühlt man zurückversetzt in die Welt der Jane Austen. Fünf junge Männer, Jeremy, Stephen, Leonard, Simon und Royston, gerade haben sie das Royal Military College in Sandhurst beendet und vier junge Ladies verlebten einen letzten unbeschwerten Sommer voller Ausgelassenheit, Sommerfeste erster tiefer Gefühle in Surrey. Bereits im Herbst ziehen die jungen Männer für das Empire in den ersten Sudankrieg und werden mit den Schrecken des Krieges in aller Konsequenz konfrontiert. Für die Daheimgebliebenen beginnt eine Zeit der Ungewissheit, des Wartens und der Hoffnung. Für alle ist dieser Krieg eine Zeit der Veränderung und des Umbruchs und alle in den Krieg gezogenen erleiden Blessuren an Leib und/oder Seele, nicht alle kehren zurück nach Hause.

Leicht und heiter beginnt Nicole C. Vosseler diesen Roman. Man meint den Sommer zu spüren und die Ausgelassenheit der jungen Hauptfiguren mitzuerleben. Doch der Sommer endet und der Hebst beginnt. Damit beginnt für die jungen Leute der Ernst des Lebens. Die Kadetten müssen in den Sudan und erleben den Krieg an eigenen Leib. Diesen beschreibt Nicole C. Vosseler sehr gekonnt, eindringlich, unverblümt und direkt und mit allen Schrecken und Gräueln, die man damit verbindet. Sie schafft es, dass ich mich als Leserin in die Männer hinein versetzen, die Schrecken und Leiden im Kampf und der Gefangenschaft nachvollziehen konnte. Ich kann mich nicht erinnern, von einer Autorin solch sachkundige und detaillierte Szenen von Schlachten und Gemetzeln gelesen zu haben. Aber ebenso eindrucksvoll schildert Nicole C. Vosseler die Bilderbuchkulisse des englischen Landadels, die langsam Risse bekommt, die Erwartungen, Hoffnungen und Träume der Frauen, aber auch deren Sorgen und Ängste.

Dieser Roman ist eine sehr gelungene Mischung aus Historie, Abenteuer und Liebe. Wobei die Autorin immer die wahre Geschichte als Gerüst benutzt, in die sie ihre Romanhandlung einfügt. Die in diesem Roman enthaltene(n) Liebesgeschichte(n) sind unaufdringlich und stimmig in die Handlung eingebaut und gleiten nicht ins Kitschige ab. Der Krieg im Sudan, das Leben in Surrey, die Sehnsucht nach den Söhnen und Verlobten – all das spiegelt das Leben auf den Landsitzen der englischen Adligen zum Ende des 19. Jahrhunderts wider. „Jenseits des Nils“ lebt wie alle Romane der Autorin besonders von ihrer sehr bildreichen ausdrucksstarken Sprache, die wesentlich dazu beiträgt, diesen Roman zu einem Wohlfühlroman werden zu lassen.

Auch wenn die Romanbiografie der Emily Ruete „Sterne über Sansibar“ immer noch mein Lieblingsroman der Autorin ist, erscheint mir dieser Roman als ihr komplexester, weil das Denken und Tun der Handelnden nicht vorhersehbar war, es viele unverhoffte Wendungen gab und die Charaktere lebensecht und glaubhaft agierten. Ich wünsche diesem Roman noch viele begeisterte Leser. 4,5 Sterne

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Nicole Vosseler stammt aus Villingen-Schwenningen. Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Psychologie in Tübingen und Konstanz. Sie lebt und arbeitet in Konstanz.

14. März 2012

William Boyd – Eine große Zeit

Einsortiert unter: 2012,Belletristik — Karthause @ 18:24
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Eine große Zeit

William Boyd

Originaltitel: Waiting for Sunrise

Gebundene Ausgabe: 480 Seiten

Verlag: Berlin Verlag

ISBN-13: 978-3827010667

1913-1915. Lysander Rief, ein junger und kurz vor der Hochzeit stehender Schauspieler aus London, kam nach Wien, um sich durch eine Psychoanalyse seines sehr speziellen Problems zu entledigen. Im Wartezimmer von Dr. Bensimon lernte er Hettie Bull kennen und verliebte sich in sie. Hettie gewährte Lysander Eintritt die Wiener Künstlerszene und in ihr Bett, zeigte ihn dann aber wegen Vergewaltigung an. Zwei britische Agenten retteten ihn vor der Verurteilung und dem Gefängnis, fordern aber später Spionage für Großbritannien als Gegenleistung von ihm.

Mit „Eine große Zeit“ ist William Boyd ein wirklich großer Roman gelungen. Spannung, Zeitgeschichte und Unterhaltung verbindet der Autor auf sehr gekonnte Art und Weise. So war es nicht schwer, die Zeit um 100 Jahre zurückzudrehen, um sich in Lysander Riefs Welt zu orientieren. Detailliert und authentisch beschreibt Boyd seine Handlungsorte und schon nach kurzer Lesezeit baute sich die Kulisse des Romans vor dem inneren Auge auf. Dem „Kopfkino“ stand nichts mehr entgegen. Mit Lysander Rief wurde ein glaubwürdiger und sympathischer Held geschaffen, den man als Leser gern durch die Stationen seines Lebens begleitet, mit dem man mitfiebert und –hofft. Aber auch die anderen handelnden Personen waren gut gezeichnet und Kinder ihrer Zeit. Die Handlung war spannungsgeladen. Durch die zwei Erzählebenen, in einer berichtet ein Erzähler und in den „Autobiographischen Untersuchungen“ schildert der Protagonist seine persönlichen Eindrücke, erhält der Leser eine komfortable Außen- und Innenwahrnehmung der Handlung und der Persönlichkeiten. Dadurch wurde es förmlich möglich mit den Protagonisten die Handlung zu erleben. Das Zusammenspiel von fein gezeichneten Charakteren, spannender Handlung und hervorragenden Beschreibungen von Ort und Zeit erfüllen den Zeitraum von 1913 – 1915 mit Leben und lassen den Leser in der Vergangenheit auftauchen, so dass er das Gefühl hat, Augenzeuge zu sein. So schafft er es auf beeindruckende Weise ein wirklichkeitsnahes Zeitgefühl zu vermitteln. Wie nebenbei erklärt der Autor dabei auch noch politische Hintergründe und den Stand der Technik zu Beginn des Ersten Weltkrieges.

Sprachlich ist der Roman von William Boyd auf einem hohen Niveau angesiedelt, kraftvoll und mitreißend, das findet man bei diesem Genre eher selten, deshalb ist es besonders erwähnenswert.

„Eine große Zeit“ ist ein echter Boyd. Mich hat das Buch gefesselt und aufs angenehmste unterhalten. Dieser Roman bekommt meine uneingeschränkte Leseempfehlung.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

William Boyd, 1952 in Ghana geboren, gehört zu den überragenden europäischen Erzählern der Gegenwart. Er schreibt Romane, Kurzgeschichten und Drehbücher und wurde vielfach ausgezeichnet.William Boyd lebt mit seiner Frau in London und Südfrankreich.

6. März 2012

Jussi Adler-Olsen – Das Alphabethaus

Einsortiert unter: 2012,Krimi/Thriller — Karthause @ 17:14
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Das Alphabethaus

Jussi Adler-Olsen

Originaltitel: Alfabethuset
Taschenbuch: 592 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN-13: 978-3423248945

1944. Während eines Aufklärungsfluges im deutschen Luftraum stürzen James und Bryan, beide englische Piloten, in der Nähe von Dresden ab. Bei ihrer Flucht retten sie sich vor ihren Verfolgern in einen Lazarettzug voller Soldaten mit Kriegsneurosen und schlüpfen in die Identität zweier deutscher SS-Angehöriger, die sie kurzerhand verschwinden lassen. Die Fahrt endet im Freiburger „Alphabethaus“, in dem die Soldaten wieder kriegstauglich gemacht werden sollen. James und Bryan müssen nun unter allen Umständen vermeiden, enttarnt zu werden, aber sie sind nicht die einzigen Simulanten in der Klinik…
Im Jahr 1972, ist Bryan anlässlich der Olympischen Spiele wieder in Deutschland und macht sich auf die Suche nach seinem Freund James, den er vor 28 Jahren im Breisgau zurück ließ. Dabei trifft er auf alte Bekannte, die nicht erfreut sind, dass er Vergangenes ans Tageslicht bringt.

„Das Alphabethaus“ ist der Debütroman von Jussi Adler-Olsen, der nach den Erfolgen seiner Thriller um den Ermittler Mørck in Deutschland veröffentlicht wurde. Unglückerweise assoziiert das Cover einen Zusammenhang zur Mørck-Reihe. Das ist aber nicht der Fall, dieser Roman, den ich nur bedingt ins Thriller-Genre einordnen würde, steht für sich allein.
Schon nach wenigen Seiten hatte mich die Handlung gefangen genommen und im 1. Teil wurde die Spannung stetig gesteigert. Leider blieb das nicht durchgehend so. Zu Beginn des 2. Teils, der im Jahr 1972 spielt, empfand ich ein paar Längen und las ich den Roman mit deutlich mehr Distanz. Spannung kam zwar nach ein paar ein paar Kapiteln wieder auf, dem Autor gelang es jedoch bis zum Ende hin nicht mehr, mich so zu fesseln wie zu Beginn des Buches, obwohl in dieser Teil deutlich mehr Thrillerelemente aufwies.
Beeindruckend waren für mich die glaubhaft beschriebenen Abschnitte in der psychiatrischen Klinik, der Alltag, die Behandlungsmethoden und Charakteristiken der Erkrankungen wurden sehr gekonnt und detailreich in Szene gesetzt. Jussi Adler-Olsens Roman ist sprachlich sehr einfach gestaltet, er verzichtet auf sehr actiongeladene und blutige Beschreibungen, dafür steht das Zwischenmenschliche für ihn in diesem Roman im Vordergrund, was ich als sehr angenehm empfand. Kurze, prägnante Sätze bestimmen seinen Stil. Seine Protagonisten waren recht gut charakterisiert, ließen sich jedoch recht offensichtlich in gut oder böse einordnen.
Trotz meiner angeführten Kritikpunkte und einiger kleinerer Ungereimtheiten habe ich diesen Roman von Jussi Adler Olsen gern gelesen. Er hat mir angenehme Lesestunden beschert und mich gut unterhalten.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Jussi Adler-Olsen wurde am 2. August 1950 unter dem bürgerlichen Namen Carl Valdemar Jussi Henry Adler-Olsen in Kopenhagen geboren. Er studierte Medizin, Soziologie, Politische Geschichte und Film. Bevor er 1995 mit dem Schreiben begann, arbeitete er in verschiedensten Berufen: als Redakteur für Magazine und Comics, als Koordinator der dänischen Friedensbewegung, war Verlagschef im Bonnier-Wochenblatt TV Guiden und Aufsichtsratsvorsitzender bei verschiedenen Energiekonzernen. Sein Hobby: Das Renovieren alter Häuser. Er ist verheiratet und Vater eines Sohnes. 1997 erschien sein erster Roman ›Das Alphabethaus‹ (ab Februar 2012 auch in Deutschland). Er erreichte in Schweden, Holland und Finnland, Spanien, Südamerika und Norwegen die Spitzen der Bestsellerlisten. Es folgten die Romane ›Firmaknuseren‹ (2003) und ›Washington Dekretet‹ (2006), bevor er 2007 mit dem ersten Fall für Carl Mørck, ›Erbarmen‹, einen Riesenerfolg hatte. 2008 stürmte er auch mit ›Schändung‹, dem zweiten Fall für Carl Mørck, 2009 mit ›Erlösung‹, dem dritten Fall für Carl Mørck, und 2010 mit ›Verachtung‹, dem vierten Fall für Carl Mørck, (in DK: ‘Jounal 64′; ab September 2012 auch in Deutschland) die Bestsellerlisten. Die auf zehn Teile angelegte Carl-Mørck-Serie wird ab 2012 im Rahmen einer europäischen Co-Produktion (Zentropa und ZDF) für Kino und Fernsehen verfilmt. Jussi Adler-Olsen wurde u. a. ausgezeichnet mit dem Harald-Mogensen-Krimipreis 2009 für ›Erlösung‹, dem Reader’s Bookprize 2010, einem der bedeutendsten Literaturpreise Dänemarks, dem Glass Key Award 2010 – dem bedeutendsten Krimipreis Skandinaviens. Jussi Adler-Olsen ist außerdem Preisträger des Goldenen Lorbeers 2011, der wichtigsten literarischen Auszeichnung Dänemarks für das Gesamtwerk eines Autors. ‘Erlösung’ ist Jahresbestseller 2011 in Deutschland. Jussi Adler-Olsen ist Dauergast auf der SPIEGEL-Bestsellerliste.

26. Januar 2012

22 Britannia Road – Amanda Hodgkinson

Einsortiert unter: 2012,Belletristik — Karthause @ 19:15
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Janusz und Silvana lernen sich Ende der 1930er Jahre in Warschau kennen und lieben. Sie heiraten und bekommen ihren Sohn Aurek. Dann überfällt 1939 Deutschland Polen und nichts ist für die kleine Familie mehr wie es war. Janusz kämpft gegen die Deutschen. Er wird von seiner Truppe getrennt und nutzt die Gelegenheit zur Flucht. Gemeinsam mit seinen zwei Begleitern schlägt er sich über Frankreich bis nach Großbritannien durch. Silvana muss mit ihrem Sohn aus Warschau fliehen, sie ist ganz auf sich gestellt und muss eine lange Zeit mit dem Kind im Wald verbringen. Sie durchlebt eine Zeit unvorstellbarer Schrecken und Ängste.
6 Jahre nachdem sich Janusz und Silvana zum letzten Mal sahen, stehen sie sich nun in England wieder gegenüber. Janusz hat alles daran gesetzt, seine Frau und seinen Sohn zu finden. In Ipswich hat er in der 22 Britannia Road ein Nest für sie vorbereitet. Er hat schon gut Fuß gefasst in der neuen Heimat und will britischer als die Briten selbst sein. Aber die Jahre der Trennung haben beide entfremdet. Aurek ist schwer traumatisiert. Alle haben eine eigene, schwierige Vergangenheit, von der sie sich nur schwer lösen und über die noch schlechter miteinander reden können. Das Gestern liegt wie ein dunkler Schatten über ihnen und auch das Heute legt ihnen große Hürden in den Weg. Der Neustart der Familie gestaltet sich äußerst schwierig. Aber die Probleme liegen nicht nur im Vergangenen, die Folgen der langen Trennung reichen bis in die Gegenwart und bereiten Silvana und Janusz Probleme. Das größte ist wohl die Sprachlosigkeit. Sie hat Schwierigkeiten mit der Eingewöhnung, er will ein perfektes britisches Leben führen. Die Situation beginn zu eskalieren, als Silvana an Janusz gerichtete Briefe einer Frau findet und auch sie von einem anderen Mann umworben wird.
Mit ihrem Erstling legt Amanda Hodgkinson ein starkes, beachtenswertes Buch vor. Sie erzählt die Geschichte einer kleinen polnischen Familie, die nach 6 Jahren Trennung 1946 in Ipswich wieder zusammen findet. Auf eine sehr eindringliche Weise beschreibt sie nachvollziehbar die Entfremdung, die es zwischen den Eheleuten gibt. Sie lässt die Leser in eine kranke Kinderseele schauen und macht damit das Leiden des kleinen Aurek greifbar, der sich an seine Mutter wie ein Ertrinkender klammert und zu dem Janusz nur ganz langsam Zugang bekommt. Für das Verständnis der Protagonisten lässt sie den Leser immer wieder zurück blicken, damit erschließt sich einem ganz langsam die harte Vergangenheit der drei und ihre Gedanken und Reaktionen werden (größtenteils) verständlich, wodurch der Roman eine ganz besondere Tiefe und Kraft erfährt. „22 Britannia Road“ lässt sich trotz der schweren Thematik wunderbar leicht lesen. Diese Familiengeschichte wird von der Autorin ruhig und stetig in der Handlung fortschreitend erzählt. Sie ist emotional, aber keineswegs rührselig geschrieben. Besonders beeindruckt hat mich die Beschreibung der Nachkriegszeit in Ipswich. Amanda Hodgkinson hat mit ihrem Roman ein wirklich gelungenes Sittenbild dieser Zeit gezeichnet. Ein Glücksgriff gelang dem Verlag bei der Auswahl des Coverbildes. Das äußere Erscheinungsbild und der Inhalt des Buches sind vollkommen harmonisch.
„22 Britannia Road“ ist ein Buch, dass sich wie im Flug lesen ließ und dessen Thematik den Leser zwar emotional beansprucht, aber nicht zu gefühlsbetont ist. Ich habe diesen Roman sehr gern gelesen und damit wieder eine Autorin gefunden, deren weitere Werke ich gespannt erwarte.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Amanda Hodgkinson, geboren in Burnham-on-Sea in Somerset/England, aufgewachsen in Essex and Suffolk, studierte Creative Writing an der University of East Anglia. Sie lebt im Süden Frankreichs auf dem Land mit ihrem Mann und zwei Töchtern. »22 Britannia Road« ist ihr erster Roman.

11. Januar 2012

Gegen alle Zeit – Tom Finnek

Einsortiert unter: 2011,History — Karthause @ 18:55
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Nach der Premierenfeier der „Bettleroper“ wird Henry Ingram mit einem unvorstellbaren Kater wach – und um fast 300 Jahre in der Zeit zurückversetzt. Er erwacht in einem stinkenden Keller in der illustren Gesellschaft von Dieben, Gaunern und Huren im London des Jahres 1724 als Captain Machead. Gemeinsam mit ihnen erlebt er spannende Abenteuer. Dabei kommt auch Henry selbst über kurz oder lang mit dem Gesetz in Konflikt und wird zum gesuchten Verbrecher.
Bisher ernteten Zeitreiseromane nie viel Lob von mir, um ehrlich zu ist sein, ich habe noch nie einen beendet. So griff ich ein wenig skeptisch zu dem neuen historischen Roman Tom Finneks. Meine Zweifel erwiesen sich jedoch als haltlos. „Gegen alle Zeit“ ein Abenteuerroman, eine Gaunergeschichte, ein Zeitreiseroman, aber vor allem ein sehr gut geschriebener historischer Roman. Als Leser konnte man das Gefühl bekommen, der Autor hat selbst so einen Zeitensprung hinter sich, so detailliert und bildhaft schildert er das alte London, mit all seinen Einwohnern, Gerüchen und Geräuschen. Mit dem Finger auf dem im Buch enthaltenen Stadtplan Londons wusste ich mich schnell in der Stadt zu orientieren und konnte den Protagonisten auf ihren Wegen folgen. Sehr gelungen waren auch die von Henry Ingram gezogenen Vergleiche vom heutigen und damaligen Aussehen der Stadt. Der Autor zeichnet mit seiner Geschichte ein hervorragendes Panorama Londons im frühen 18. Jahrhundert.
„Gegen alle Zeit“ ist keine Fortsetzung von Finneks knapp 60 Jahre vorher spielenden Roman „Unter der Asche“, aber manch Bekannter begegnet dem Leser auch in diesem Buch und die eine oder andere Begebenheit des Vorgängerromans kommt auch in diesem zur Sprache. Die Protagonisten des Romans gehören nicht zur Oberschicht. Es sind die kleinen Ganoven, Diebe, Betrüger und Huren, die dem Roman das menschliche Kolorit verleihen. Sie alle sind Persönlichkeiten mit Eigenheiten, Stärken und Schwächen, aber auf ihre ganz besondere Art doch liebenswert. Wie ein roter Faden zieht sich die Bettleroper von John Gay durch diesen Roman. Deren Figuren sind es, denen Tom Finnek mit seinem Roman Leben eingehaucht hat. Das Buch ist sehr flüssig zu lesen, die Sprache ist sehr angenehm und der Zeit angepasst. Leider mag man das Buch kaum aus der Hand legen und ist so viel zu schnell auf der letzten Seiten angelangt. Ein ausführlicher Epilog tröstet über das fehlende Nachwort ein wenig hinweg. Darin wird deutlich, welche Figuren der Fantasie des Autors entspringen und welche einen realen Hintergrund haben.
Auch vom optischen Aspekt ist dieses Buch etwas Besonderes, ein wahrer Hingucker. Der zur Handlung passende Schutzumschlag, der enthaltene Stadtplan, das Lesebändchen und nicht zuletzt die wunderschönen Illustrationen von Tina Dreher vor jedem neuen Teil und Kapitel runden den äußerst positiven Leseeindruck ab.
Mein Fazit: „Gegen alle Zeit“ ist ein farbenprächtiger und detailreicher Schmöker, im positivsten Sinne des Wortes. Man taucht als Leser ab in die damalige Zeit und ist bei der Rückkehr in die Gegenwart traurig, das Henry, Bess, Blueskin und all die anderen in ihrer Welt geblieben sind. Ich wünsche diesem Roman viele begeisterte Leser.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Tom Finnek, 1965 in Westfalen geboren, lebt als Filmjournalist und Schriftsteller in Berlin. Als Autor (unter dem Namen Mani Beckmann) beschäftigt er sich schon länger mit historischen Stoffen, insbesondere zum Münsterland. Für ihn ist London mit seiner langen, wechselhaften Geschichte genauso faszinierend wie Berlin. Tom Finnek ist verheiratet und hat zwei kleine Söhne, auf die er sehr stolz ist.
Weitere Informationen: http://www.tomfinnek.de

13. Juli 2011

Tom Finnek – Unter der Asche

Einsortiert unter: 2011,History — Karthause @ 19:10
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Unter der Asche
Tom Finnek
Taschenbuch: 656 Seiten
Verlag: Bastei Lübbe
ISBN-13: 978-3404160518

London 1666. Nur wenige Wochen nach dem verheerenden Brand der vier fünftel von London in Schutt und Asche legte, wurde der vermeintliche Täter, der Franzose Robert Hubert, hingerichtet. Aber hatte er sich wirklich der Brandstiftung schuldig gemacht?
Der 13-jährige Geoffrey Ingram lebte unter elenden Bedingungen, sein Vater, ein Säufer, starb an der Pest. Die Mutter verließ die Familie bereits kurz nach Geoffs Geburt, sein älterer Bruder Edward verschwand vor Jahren und Jezebel, seine Schwester, wurde seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen. Nun musste sich der Junge allein durchschlagen. Abends arbeitete er bei einem Spelunkenwirt, der seine Wut über das Verschwinden Jezebels, sie war seine Bedienung, an dem Jungen ausließ. Sonntags besuchte er die kostenlose Armenschule von Master Gerrard, dem Eremit von St. Olave. Dieser animierte den Jungen, dem geheimnisvollen Verschwindens seiner Familienmitglieder auf den Grund zugehen und seine Geschichte aufzuschreiben.
In Rückblicken, in denen abwechselnd der Ich-Erzähler Geoffrey und ein auktorialer Erzähler über die Geschehnisse berichten, erfährt der Leser die wechselvolle Geschichte der Familie Ingram. Dabei kommt es vor, dass bereits bekannte Gegebenheiten auch aus anderer Perspektive noch einmal geschildert werden. Das fand ich sehr gelungen, als Leser bekam man so von allen Aspekten und Sichtweisen des Geschehens Kenntnis, was der Suche nach der Wahrheit sehr dienlich war. Die Geschichten der vielen Protagonisten, die alle aus den unteren Gesellschaftsschichten stammten, waren einerseits so – zum Teil auch ineinander – verworren und verknüpft, wurden aber nicht zuletzt durch die unterschiedlichen Erzählperspektiven so glänzend aufgelöst, dass man diesen historischen Roman nur ungern zur Seite legen wollte. Tom Finneks Charaktere lebten. Kein einziger fiel der schwarz-weiß-Malerei zum Opfer, es waren allesamt Personen, von denen man sich gut vorstellen konnte, dass sie genau so zu dieser Zeit gelebt haben könnten, mit ihren guten und schlechten Eigenschaften, ihren harten Schicksalen und den wenigen kleinen Freuden des Alltags. Der Autor behandelt aber auch ohne sich zu verzetteln eine Unmenge Nebenthemen in seinem Roman, wie zum Beispiel die Pest, die Geschichte der Digger und nicht zuletzt den großen Brand. Er erklärt politische und gesellschaftliche Hintergründe ebenso, wie er gekonnt eine Liebesgeschichte in die Handlung eingebaut hat, die einerseits sehr gefällig zu lesen ist, andererseits nicht aufdringlich oder gar kitschig wirkt. Alle diese detailreichen Handlungsfäden verwebt Tom Finnek zu einem äußerst gelungenen Ganzen, zu einem wirklich gelungenen historischen Romane. Dazu trug besonders der Ich-Erzähler Geoff bei. Er führte mich mit einer liebenswerten Schnodderigkeit im Stil von Huckleberry Finn in eine Welt, die der Feder eines Charles Dickens entstammen könnte. Tom Finnek ist ein Erzähler, der mit seinen Worten Bilder malt, die sich im Kopf des Lesers verselbständigen.
Leider ist das Taschenbuch nicht mit dem Stadtplan Londons ausgestattet, warum der Verlag darauf verzichtete, ist für mich nicht nachvollziehbar. Ein Glossar und eine Karte von der Umgebung von Oxshott sind aber auch in dieser Ausgabe enthalten.
Dieser Roman über Liebe und Hass, Schuld und Sühne, Erbitterung und Rache hat mir äußerst unterhaltsame und kurzweilige Lesestunden beschert. Für mich ist „Unter der Asche“ ein besonderer Roman in der Flut der historischen Romane, den ich sehr gern auch anderen Lesern empfehle.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Tom Finnek, 1965 in Westfalen geboren, lebt als Filmjournalist und Schriftsteller in Berlin. Als Autor (unter dem Namen Mani Beckmann) beschäftigt er sich schon länger mit historischen Stoffen, insbesondere zum Münsterland. Für ihn ist London mit seiner langen, wechselhaften Geschichte genauso faszinierend wie Berlin.
Tom Finnek ist verheiratet und hat zwei kleine Söhne, auf die er sehr stolz ist.
Weitere Informationen: www.tomfinnek.de

28. Juni 2011

Eve Haas – Das Geheimnis des Notizbuchs

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Das Geheimnis des Notizbuchs
Eve Haas
Taschenbuch: 288 Seiten
Verlag: Heyne Verlag
ISBN-13: 978-3453601703

Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

Vier Frauen, ein Notizbuch und ein unglaubliches Familiengeheimnis

Deutschland 1934: Eve ist neun, als sie mit ihren Eltern von Berlin nach London emigriert. Sie glaubt, aus einer jüdischen Familie zu stammen. Als Eve – Jahre später – beschließt, ihrer Herkunft auf den Grund zu gehen, entdeckt sie jedoch eine ganz andere Geschichte: Ihr Ururgroßvater war Prinz August von Preußen, der seine Tochter zum Schutz vor Neidern als Kind seines jüdischen Schneiders ausgab. Diese Entscheidung, die Eves Urgroßmutter 1843 das Leben rettete, wird ihrer Großmutter – ein Jahrhundert später – zum Verhängnis…

 Meine Meinung

Eve Haas erfuhr von der Existenz des geheimen Notizbuches bereits in jungen Jahren. Gleichzeitig wurde ihr das Versprechen abgenommen, dieses Geheimnis auch weiterhin zu bewahren. Zum Glück für die Leser, aber auch für die Historiker, begann sie doch viele Jahre später mit Nachforschungen, die sie bis in die für die Öffentlichkeit verschlossenen DDR-Archive führte. Das Ergebnis ihrer jahrelangen und unermüdlichen Ahnenforschung glich aber einer kleinen historischen Sensation. Das Leben des August von Preußen, Eve Haas’ Ururgroßvater, erschien in einem ganz neuen Licht, waren seine Ehe mit Emilie und die gemeinsame Tochter Charlotte weitgehend unbekannt. Als Leser begleitete man Eve Haas von dem Zeitpunkt, an dem sie von dem Notizbuch erfuhr, bis hin zu dem Tag, der ihr auch die letzte dunkle Stelle der Familienbiografie erhellte. So setzte man gemeinsam mit der Autorin ein Puzzle zusammen, dass spannend wie ein guter Krimi war. Veröffentlicht hat die Autorin ihr Buch erst im Alter von 85 Jahren, es ist ihr Lebenswerk. Da Eve Haas ihr Buch in der Ich-Form schrieb, fühlt man sich als Leser besonders angesprochen und in die Forschung involviert. So bekamen besonders ihre Nachforschungen im DDR-Archiv den gewissen Kick. Auch wenn mich da ein wenig das Gefühl beschlich, dieser Abschnitt ihrer Suche, sei besonders düster geschildert worden. Aber bei ihrer Vergangenheit empfindet man den Aufenthalt in einem totalitären System mit Sicherheit auch besonders bedrohlich. Mit ihrem Buch bringt Eve Haas dem Leser nicht nur ihre eigene bewegte Familiengeschichte nahe. Sie bereitet damit gleichzeitig ein Stück bisher unbekannter preußischer Geschichte auf, die höchst interessant ist und auch angesehene Historiker beeindruckt hat.
“Das Geheimnis des Notizbuchs” ist eine wahre Familiengeschichte, die ich sehr gern und mit viel Begeisterung gelesen habe. Die angenehme Sprache und die gut aufbereiteten historischen Fakten machten das Buch zu einem Leseerlebnis.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Eve Haas wurde 1924 in Breslau geboren. 1934, ein Jahr nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, emigrierte sie mit ihrer Familie nach England. Schon früh begann sie, zu schreiben und als freie Autorin für Zeitschriften zu arbeiten. Sie war über 42 Jahre verheiratet und hat drei Söhne. Eve Haas lebt in Hampstead bei London.

6. Februar 2011

Tereza Vanek – Die Dichterin von Aquitanien

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Die Dichterin von Aquitanien
Tereza Vanek
Taschenbuch: 704 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag
ISBN-13: 978-3442472260

Frankreich/England in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts. Marie wuchs in ärmsten Verhältnissen auf. Der Spielmann Guillaume, ihr Stiefvater, der sie nach dem frühen Tod der Mutter allein aufzog, legte mehr Wert darauf, sie Lesen und Schreiben zu lehren als ihr die Dinge des Alltags beizubringen. Im Dorf waren sie Außenseiter, sie waren anders alle anderen und über Maries Herkunft wurde getuschelt. Nach seinem Unfall blieb Guillaume gerade noch Zeit ihr die Geschichte ihrer Herkunft zu erzählen. So erfuhr Marie, dass ihre Mutter, eine Magd, mit Geoffry VI., Bruder des englischen Königs Henri II., eine Liaison hatte, dieser für seine illegitime Tochter Geld schickte und ihnen somit das Überleben sicherte. Auf Betreiben Henri II. wurde sie an den Hof geholt und wurde eine der Damen von Königin Aliénor. Doch Maries Aufenthalt am Hof war nur von kurzer Dauer, schnell hatte der König ihre Ehe mit dem wesentlichen älteren walisischen Prinzen Cadell Rhys arrangiert. Doch der jähzornige Waliser ließ sie seine Burg nicht verlassen und misshandelte sie aufs Ärgste. Das Schreiben von Lais gab ihr in ihrer Einsamkeit Halt . Als die der Kunst sehr zugeneigte Königin von ihrem Können erfuhr, holte sie Marie an den Hof zurück und ließ sie jetzt für sich als Dichterin tätig werden. Schnell avancierte Marie zur Lieblingsdame Aliénors. Damit entkam sie zwar ihrer Ehehölle, aber auch am Hof gab es Intrigen, Neid und Machtkämpfe.
Bisher war mir Marie de France, die erste Dichterin Frankreichs, kein Begriff. Aber Tereza Vanek ist es gelungen, mir ihr Leben, die Lebensumstände und die Zeit nahezubringen. Mit Liebe zum Detail und historischer Genauigkeit ließ die Autorin vor meinem inneren Auge ein Bild entstehen, dass ich als sehr realitätsnah empfand. Ich konnte die Widrigkeiten und Beschwerlichkeiten des Lebens zu damaliger Zeit sehr gut nachvollziehen, konnte mir die örtlichen Gegebenheiten vorstellen und an den Gefühlen der Protagonisten teilhaben. Beeindruckt war ich von der ausgesprochen schönen Sprache, mit der das Buch glänzt. Dadurch konnte ich mich problemlos in die Handlungszeit hinein versetzen, hatte aber nie den Eindruck etwas gekünsteltes zu lesen. Dieser wunderbare historische Roman las sich sehr leicht, die Seiten flogen nur so dahin und ich war viel zu schnell am Ende angelangt. Die Charaktere waren facettenreich und vielschichtig gestaltet, fast hätte man den Eindruck bekommen können, Tereza Vanek kenne ihre Helden persönlich. Über 700 Seiten hält die Autorin den Leser in ihrer Geschichte fest. Spannende und ruhigere Szenen wechseln einander ab, aber Langeweile oder Eintönigkeit empfand ich beim Lesen nie. Eine Zeittafel, ein Stammbaum und eine Karte runden den sehr positiven Gesamteindruck ab.
Dieser Roman ist keine Biografie der Marie de France, auch wenn ihr Leben hätte genau so gewesen sein können, aber er ist auch keiner dieser zur Zeit den Buchmarkt überschwemmenden „Die …in“-Romane. „Die Dichterin von Aquitanien“ ist eine Perle unter den historischen Romanen, mit ihm werden Leser zu „Zeitzeugen“ längst vergangener Zeit.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

Tereza Vanek wurde 1966 in Prag geboren und kam als kleines Kind mit ihren Eltern nach München. Sie studierte Anglistik, Romanistik und Slawistik und promovierte über die Darstellung verbrecherischer Frauen im englischen Drama des 17. Jahrhunderts. Sie arbeitete als Fremdsprachenlehrerin, Übersetzerin, Call Center Agent und Teamassistentin und verkaufte im Internet nostalgische Kleidung, bevor sie sich mit ihrem ersten Roman »Schwarze Seide« einen Traum erfüllte und Schriftstellerin wurde. Tereza Vanek lebt und arbeitet in München.

4. Mai 2010

Tanja Kinkel – Im Schatten der Königin

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Der Schatten der Königin
Tanja Kinkel
Gebundene Ausgabe: 424 Seiten
Verlag: Droemer/Knaur
ISBN-13: 978-3426198179

England im September 1560. Elizabeth I. ist seit zwei Jahren Königin und dabei ihre Macht zu konsolidieren, als Amy Dudley, Ehefrau von Robert Dudley, dem treuen Gefährten der Königin seit Jugendtagen, tot am Fuße einer Treppe aufgefunden wird. Wie kam es dazu? War es ein Unfall, Mord oder Selbstmord?

Amy führte seit Jahren ein Leben im Schatten der jungen Königin. Denn ihr Mann verbrachte die meiste Zeit am Hof und nicht nur das Volk dichtete Robert und der unverheirateten Elizabeth eine Liaison an. Da Amys Tod, den beiden in die Karten spielt, kam schnell der Verdacht auf, Robert hätte seine Frau ermordet oder den Mord in Auftrag gegeben. Um seine Unschuld zu beweisen, schickt Robert seinen engen Vertrauten Thomas Blount an den Ort des Geschehens. Robert selbst kann nichts weiter tun als abzuwarten, denn die Königin hat ihren Günstling auf dessen Besitz verbannt. Thomas folgt diesem Auftrag nur widerwillig, auch ihn verbindet ein Geheimnis mit der Toten. Aber auch die Königin selbst wird in Verbindung mit dem Tod von Amy gebracht. Das ruft ihre Gouvernante Kat Ashley auf den Plan.

Tanja Kinkel nimmt die Leser mit auf eine Reise ins elizabethanische England und stellt den bis heute rätselhaft gebliebenen Tod der Amy Dudley in den Mittelpunkt. Vor diesem realen historischen Hintergrund werden Intrigen und Ränkespiele inszeniert, geht es um Hass, Liebe und Macht. Ihre Protagonisten, historisch verbürgte und fiktive, werden gekonnt in die überlieferte Kulisse eingefügt. Die Sprache ist der Zeit angepasst, aber nicht so verstaubt, dass es beim Lesen Mühe bereitet. Die Geschichte wird aus der Sicht der zwei Ich-Erzähler, Thomas Blount und Kat Ashley, erzählt. Das war für mich ungewöhnlich, aber gut. So offeriert die Autorin dem Leser ein runde, authentisch wirkende Story, die sich so zugetragen haben könnte, aber vielleicht ganz anders war. Die große Realitätsnähe erreicht Tanja Kinkel nicht zuletzt durch ihre dokumentierte akribische Recherche, ein ausführliches Quellenverzeichnis belegt das. Aber auch vom äußeren Eindruck ist dieser Roman sehr gelungen. Leider empfand ich den mittleren Teil des Buches etwas mit Längen behaftet, die Spannung kam mir persönlich etwas abhanden, aber der Schluss versöhnte mich wieder. Als einen kleinen Kritikpunkt möchte ich noch den fehlerhaften Eintrag von Thomas Blount im Stammbaum bemerken. Aber nach dem Wikipedia-Besuch war bei mir die Verwirrung aufgelöst.

Mein Fazit: Tanja Kinkels „Im Schatten der Königin“ ist ein gelungener historischer Roman mit einer an einen Kriminalroman grenzenden Handlung. Auch in diesem Roman bewies die Autorin wieder ihr Gespür für interessante geschichtsrelevante Themen. Für Anhänger der Tudors wird dieser Roman ein Muss sein, für alle anderen Leser ist er eine gute, unterhaltsame Lektüre.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Tanja Kinkel, 1969 in Bamberg geboren, verfaßte bereits im Alter von acht Jahren ihre erste Erzählung. Heute ist die promovierte Germanistin eine der erfolgreichsten Autorinnen historischer Romane, die regelmäßig die Bestsellerlisten erobern und in neun Sprachen übersetzt werden. Schon 1992 wurden ihre ersten beiden Bücher mit dem Bayerischen Staatsförderpreis für junge Schriftsteller ausgezeichnet. “Wenn es nicht wahr ist, dann ist es eine gute Geschichte”, so zitiert Tanja Kinkel ein italienisches Sprichwort und umschreibt damit zugleich ihr persönliches Erfolgsrezept.

21. März 2010

David Nicholls – Zwei an einem Tag

Einsortiert unter: 2010,Belletristik — Karthause @ 14:45
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Es ist der 15. Juli 1988. Emma und Dexter, beide 20 Jahre alt, verbringen nach ihrer Abschlussfeier am College eine gemeinsame Nacht. Tags darauf geht jeder seiner Wege, aber die Zwei wollen Freunde fürs Leben bleiben, nicht mehr und nicht weniger. Für beide beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Dexter, ein gutaussehender, charismatischer, junger Mann aus begütertem Hause, genießt das Leben. Er wechselt die Frauen und seine Aufenthaltsorte häufig, ist auf den Partys ein gern gesehener Gast, ist Drogen und dem Alkohol nicht abgeneigt und findet irgendwann eine Anstellung bei einem Fernsehsender. Kurzum, er ist oberflächlich und geht dem Ernst des Lebens gern aus dem Weg und wird nur schwer erwachsen. Die bodenständige, kluge und aus einfachen Verhältnissen stammende Emma ist der krasse Gegensatz zu ihm, sie ist das hässliche Entlein, die graue Maus mit der dicken Hornbrille. Beharrlich geht sie ihren Weg, der nicht nur geradlinig nach oben führt. Sie erkämpft sich Erfolge. Und als er auf Karriereleiter nach unten steigt, veröffentlicht sie ihr erstes Buch.

20 Jahre macht David Nicholls eine Art Hausbesuch bei den beiden Protagonisten, immer am 15. Juli schaut er auf deren Leben und erzählt von den Veränderungen und Entwicklungen, der beiden, die sich nie vergessen konnten. Ihre Wege kreuzen sich immer wieder, nur um kurz darauf wieder auseinander zu gehen. Aber gänzlich reißt der Kontakt zwischen ihnen nie ab, wenn es auch gelegentliche Funkstillen gibt.

Christine Westermann sagte zu dem Roman: „Eine herrliche Liebesgeschichte. Das schönste Buch des Jahres!“ Dem kann ich mich leider nicht anschließen, auch den gesamten Hype um dieses Buch kann ich nicht so ganz nachvollziehen. Die Idee an sich fand ich sehr gut. Deshalb freute ich mich sehr, als ich dieses Buch endlich in den Händen hielt. Das war es dann aber auch mit meiner Begeisterung, denn die Umsetzung der Idee hat mich nicht überzeugt. Die ganze Geschichte ist sehr einfach geschrieben und hatte für mein Empfinden deutliche Längen. Die Protagonisten wurden eher schablonenhaft beschrieben, Emma war recht konsequent und zielstrebig auf dem Weg nach oben, Dexter war nach einem Höhenflug auf der entgegengesetzten Spur des Lebens. Beide treffen und trennen sich immer wieder, aber was sie miteinander verband, konnte ich nicht so richtig nachvollziehen. Und auch das Ende, hat mich dann nicht verwundert. Eine dramatische Steigerung musste es schließlich noch geben. Obwohl jedoch in jedem Jahr immer nur ein Tag im Leben der beiden Protagonisten beleuchtet wurde, hatte ich nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Es gelang dem Autor die Geschichte trotzdem stimmig zu erzählen. Schade, ich hatte einfach mehr von diesem Buch erwartet.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

DAVID NICHOLLS, geboren 1966, war Schauspieler, bevor er Drehbuchautor von so beliebten Serien wie Cold Feet, I Saw You und Rescue Me wurde. Bei Kein & Aber erschien 2005 sein erster, erfolgreicher Roman Keine weiteren Fragen (Starter for Ten). Dessen Verfilmung erfolgte im Herbst 2005 durch Tom Hanks Produktionsfirma Playtone, welche die Filmrechte des zweiten Romans, Ewig Zweiter (The Understudy), ebenfalls erworben hat. David Nicholls lebt als Drehbuchautor und Autor in London.

11. Januar 2010

Charlotte Lyne – Das Haus Gottes

Einsortiert unter: 2009,History — Karthause @ 18:19
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Das Haus Gottes
Charlotte Lyne
Rowohlt TB 704 Seiten
ISBN-13: 978-3499249181

Klappentext

Portsmouth, 1336. Die tatkräftige Dorothy heiratet den gut aussehenden Symond, Sohn des berühmten Schiffsbauers Aimery Fletcher. Doch schon bald zerbricht ihr Traum vom Glück: Symond entpuppt sich als Taugenichts und Frauenheld. Dorothy muss zusehen, wie sie sich und ihre Kinder über die Runden bringt. Da geschieht eine unfassbare Katastrophe: Die Franzosen legen Portsmouth in Schutt und Asche; es ist der Beginn des Hundertjährigen Krieges. In ihrer Verzweiflung wendet sich Dorothy dem Schwiegervater zu. Aber kann ein Mann ihr helfen, von dem es heißt, er habe seine untreue Ehefrau ermordet?

Meine Meinung

Die Handlung dieses historischen Romanes beginnt im Jahr 1336, einer Zeit, in der ich mich literarisch nicht zu Hause fühle, wohl auch deshalb, weil mir der historische Hintergrund nicht ausreichend bekannt ist. In „Das Haus Gottes“ geht es um Schuld und Sühne, um Glauben um Liebe, um den Schiffbau, aber auch um historische Ereignisse, die über die Bewohner von Portsmouth hereinbrechen und deren Folgen, so der Stadtbrand, die Pest, der Krieg. Die historische Seite wurde von Charlotte Lyne auf ganz anschauliche Weise geschildert. Die Leiden und die Not der Bevölkerung waren nachvollziehbar. Über das Alltagsgeschehen konnte ich die Protagonisten kennen lernen, die sehr ausgeklügelte und lebensnahe Charaktere hatten. Ihre Handlungen und Gefühle erschienen echt und nachvollziehbar und waren echte Kinder ihrer Zeit, eng verknüpft mit dem historischen Geschehen. Die immer couragiert zupackende Dotty, der weichliche Symond, der blinde John und nicht zuletzt Aimery sind mir schnell zu vertrauten Personen geworden. Hier ist es der Autorin auf herausragende Art und Weise gelungen, Realität und Fiktion zu einen. Die Passagen über den Schiffbau haben mich persönlich ganz besonders angesprochen, ein Thema, das mich schon seit sehr jungen Jahren interessiert.

Dies war der erste Roman, den ich von der Autorin las. Aber die kraftvolle, direkte, der Zeit angepasste, ausdrucksstarke Sprache lassen mich Ausschau nach den anderen bereits erschienen Romanen von Charlotte Lyne halten.

Die in dem Roman enthaltene Liebesgeschichte ist vollkommen unaufdringlich und frei von jeder Form von Kitsch. Ich würde jedem widersprechen, der behauptet, dies sei ein Liebesroman. Für mich ist Charlotte Lynes Roman ein hervorragender historischer Roman, der den Leser über die Zeit und die Lebensweise im 14. Jahrhundert informiert und dazu gehört natürlich auch die Liebe.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

Charlotte Lyne, geboren 1965 in Berlin, studierte Germanistik, Latein, Anglistik und Italienische Literatur in Berlin, Neapel und London. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in London, und wenn sie nicht gerade schreibt, ist sie Übersetzerin und Lektorin.

29. August 2009

Anthony McCarten – Englischer Harem

Einsortiert unter: 2009,Belletristik — Karthause @ 20:11
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Englischer Harem - Anthony McCarten
Englischer Harem
Anthony McCarten
Gebundene Ausgabe: 592 Seiten
Verlag: Büchergilde Gutenberg
ISBN-13: 978-3257066401

Nichts ist so, wie es auf den Blick scheint.

Tracy Pringle, 20 Jahre, wohnt bei ihren Eltern in einem trostlosen und baufälligen 23geschossigen Wohnhaus in einem Londoner Vorort. Sie ist Kassiererin in einem Supermarkt und Tagträumerin. Tief in ihre Traumwelt versunken, reagiert sie bei einem offensichtlichen Diebstahl nicht und verliert infolge dessen ihren Job. Sie bewirbt sich in dem vegetarischen Restaurant „Persischer Garten“ um die Stelle einer Kellnerin. Saaman Sahar, der Inhaber, aus Teheran stammend, Sohn einer Metzgerdynastie, Moslem, Oxford-Absolvent und Mitglied eines anglikanischen Kirchenchores, ist zunächst nicht interessiert. Aber Tracy kämpft und bekommt die Stelle auf Probe. Sie setzt sich intensiv mit der persischen Kultur auseinander, Saaman beantwortet ihr die Fragen so gut er kann, aber schon bald weiß Tracy mehr als er. Schnell freundet sich Tracy mit seinen beiden Ehefrauen an. Firouzeh ist die Witwe seines Bruders, es war für Sam, wie er sich in England nennt, eine Ehrensache, sie zur Ehefrau zu nehmen und ihren Kindern ein Heim zu geben. Yvette ist Französin und auch sie hat er nicht ohne Überlegung geheiratet. Tracy ist vom Leben der Sahar’s begeistert, sie kommt ihrem Chef langsam näher, aus anfänglicher Freundschaft wird schnell Verliebtheit und so wird sie schließlich Ehefrau Nummer 3. Für Tracy’s Eltern ist das zuviel, sie können diesen englischen Harem nicht mit ihrem Weltbild vereinbaren und sind strikt gegen diese Beziehung. Und auch die englischen Behörden bekommen Informationen über diesen ungewöhnlichen Fall von Polygamie und werden aktiv.

Englischer Harem“ ist eine Liebesgeschichte, eine Tragödie, ein Drama, eine Komödie, ein Gesellschaftsroman und eine Familiengeschichte, oder besser gesagt, von jedem etwas. Anthony McCarten betrachtet in seinem Roman die allgemein bekannten Vorurteile Einheimischer gegenüber Migranten und fremden Kulturen – und umgekehrt. Er scheut sich nicht, die gängigen Klischees aufzugreifen und ad absurdum zu führen. Manche Stellen in dem Buch fand ich skurril und überzogen. Als künstlerisches Mittel ist dies aber durchaus geeignet, den Leser nachdenklich zu stimmen, ihm die Augen zu öffnen und ihn in den vorgehaltenen Spiegel schauen zu lassen. Auch ich stellte mir schon mal die Frage, wie ich als Mutter von Tracy reagiert hätte.

Die gegenseitigen Vorurteile und die sich daraus ergebenden Missverständnisse hat der Autor auf sehr nachvollziehbare, warmherzige und intelligente Art und Weise beschrieben. Nie hat er verurteilt, nie den moralischen Zeigefinger erhoben. Er hat Situationen beschrieben und dem Leser die Wertung überlassen. In kürzester Zeit habe ich dieses Buch gelesen. Es hat mich beeindruckt und es hat mich berührt, aber es hat mich auch schmunzeln lassen. Dieses Buch mochte ich von Beginn an sehr gern und das Ende war eine Klasse für sich.

Mein Fazit: „Englischer Harem“ ist weitaus mehr als eine simple Liebesgeschichte einer traumtänzerischen Supermarktkassiererin. Es zeigt unterhaltsam auf, wie wichtig Toleranz und Akzeptanz sind und welche Folgen Vorurteile und Missverständnisse nach sich ziehen können. Die Geschichte um Tracy Sahar wird sicher noch eine Weile in meinem Kopf nachwirken. Selten habe ich Anspruch und Unterhaltung auf so vergnügliche Art verknüpft gefunden.

Über den Autor (Quelle: Diogenes.ch)

Anthony McCarten, geboren 1961 in New Plymouth/Neuseeland. Mit 25 (mit Stephen Sinclair) weltweiter Theatererfolg ›Ladies Night‹, in der unautorisierten Filmadaption (›The Full Monty/Ganz oder gar nicht‹) eine der weltweit erfolgreichsten Filmkomödien. Seine zwei ersten Romane bei Diogenes, ›Superhero‹ (2007) und ›Englischer Harem‹ (2008), waren beide große Kritiker- und Publikumserfolge.

6. Juli 2009

Simon Beckett – Die Chemie des Todes

Einsortiert unter: 2009,Krimi/Thriller — Karthause @ 16:23
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Die Chemie des Todes

Simon Beckett

OT: The Chemistry of Death

Taschenbuch: 432 Seiten

Verlag: Rowohlt

ISBN-13: 978-3499241970

 

 

David Hunter übernimmt in einem kleinen Ort in Norfolk eine Arztpraxis. Seit dem Tod seiner Frau und seiner Tochter hält ihn nichts mehr in London, auch mit seinen Beruf als forensischer Anthropologe will er nichts mehr zu tun haben. Aber in seiner neuen Heimat ist er ein Fremder, ein Zugezogener, er muss gegen Vorurteile kämpfen. Dann wird die Leiche einer Frau gefunden, auch eine Fremde, Hunter hilft der Polizei bei den Untersuchungen und gerät schnell bei den Bewohnern Manhams unter Verdacht. Als kurz darauf noch eine junge Frau verschwindet, eine Einheimische, regiert im vorher so idyllischen Ort die Angst… 

Dieser Roman ist der erste Teil der David-Hunter-Reihe und Simon Beckett ist damit ein spannender Thriller gelungen. Bei mir führte er ein recht langes unbeachtetes Dasein im Regal. Nach dem was ich bisher darüber hörte bzw. las, erwartete ich einen Thriller, der so ziemlich alles, was ich vorher in diesem Genre gelesen habe, in den Schatten stellen sollte. An dem war es nicht ganz. Die Chemie des Todes ist ein solider Thriller, der sich der bekannten Stilmittel bediente, keineswegs schlecht, aber die Freudenbekundungen blieben bei mir aus. Trotzdem habe ich das Buch aufgrund der flüssigen Schreibweise schnell und gern gelesen und freue mich auf die Nachfolger. An die werde ich dann mit etwas weniger großen Erwartungen herangehen. Ich hätte mir gewünscht, dass in dem Thriller ein wenig mehr auf die Arbeit des forensischen Anthropologen eingegangen wird. Aber vielleicht kommt das ja in nächsten Büchern. 

Über den Autor (Quelle: Wikipedia)

Simon Beckett (* 1968[1]in Sheffield, England) ist ein britischer Journalist und Autor. Er ist Verfasser von erfolgreichen Kriminalromanen, die inzwischen in mehrere Sprachen übersetzt wurden.

Nach seinem Abschluss mit einem Master of Arts in englischer Sprache arbeitete Beckett als Immobilienhändler, Lehrer und Schlagzeuger, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Als freiberuflicher Journalist schrieb er für The Times, The Independent on Sunday, The Daily Telegraph, The Observer und andere Publikationen.

Bei Recherchen lernte er die Polizeiarbeit von innen kennen; das gilt insbesondere für seine Erfahrungen mit der Body Farm der University of Tennessee in Tennessee, USA, einer Forschungsanstalt für Verwesungsprozesse. Dieses Wissen verarbeitet er in seinen Romanen.

 

12. November 2008

Helen Dunmore – Der Duft des Schnees

Einsortiert unter: 2008,Belletristik — Karthause @ 18:13
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Klappentext

Niemand weiß es, nur wir zwei.

Was zwischen Catherine und Robert geschieht, ist ein Geheimnis. Es ist ihr größtes Glück, aber es birgt eine unkontrollierbare Gefahr. Niemand weiß es nur sie beide. Und doch ist da immer jenes unausgesprochene „noch nicht“, das ihnen angst macht. Denn eines Tages könnte es ans Licht kommen…

Bruder und Schwester, aufgewachsen in einer Welt der Kälte und des Schweigens, bei ihrem Großvater, der in ihnen nur die Schatten der Vergangenheit sieht, die Schatten einer schändlich zerbrochenen Familie. So klammern sich die Kinder aneinander und entwickeln, als sie heranwachsen, Gefühle, die über die Liebe zwischen Geschwistern hinausgehen. Dabei wissen sie, dass das, was ihnen alles bedeutet, ihnen nur Unglück bringen kann…

“Ein wunderbarer Roman über verbotene Leidenschaften und die unvorstellbaren Folgen einer Liebe gegen jede Vernunft.” (Daily Mail)

“Eine fesselnde Geschichte und so einfühlsam geschrieben, dass sie sich liest wie Musik – Musik für die Augen.” (Sunday Times)

Meine Meinung

Cathy und Rob wachsen bei ihrem Großvater auf. Die Mutter hat die Familie schon vor Jahren verlassen. Der Vater ist in einer Nervenheilanstalt und stirbt dort. So wachsen die Geschwister einer kalten und lieblosen Welt auf. Das Leben ist trist. Sie haben nichts und niemanden, mit dem sie ihre Gefühle teilen können. Nur die Angestellte Kate bringt ihnen Zuneigung entgegen. So haben sie einander schon immer sehr nahe gestanden. Auf ihrer Suche nach Wärme, Geborgenheit, Zärtlichkeit und Liebe verlassen sie das Terrain des Erlaubten.

Der Duft des Schnees“ ist eine Liebesgeschichte, eine ganz besondere Liebesgeschichte. Besonders nicht nur, weil sie die verbotene Liebe zwischen Geschwistern thematisiert, sondern weil sie in einem Stil geschrieben ist, sehr einfühlsam ist. Dabei ist sie weit davon entfernt, eine simple Herz-Schmerz-Story zu sein. Der Roman wirkt nicht konstruiert, alles erscheint sehr lebensnah und real. Die Charaktere der Protagonisten hat die Autorin zu wirklichem Leben erweckt. Der Leser kann den Hoffnungen und Ängsten der Geschwister kaum entgehen, man fühlt mit und kann vor allem verstehen.

Als sehr angenehm empfand ich, dass Helen Dunmore diesen Roman wertungsfrei schrieb. Es kommt zwar zum Ausdruck, dass die beiden wissen, dass ihr Tun verboten ist, aber nie ist der erhobene Zeigefinger der Autorin spürbar.

Helen Dunmore lässt diese Geschichte von Catherine erzählen und diese berichtet, neben der Liebesgeschichte, nüchtern und unsentimental von den Zuständen auf dem Hof, der Sehnsucht nach der Mutter, der Einsamkeit.

Mein Fazit: Helen Dunmores „Der Duft des Schnees“ ist aufgrund der Handlung und des ruhigen, harmonischen Erzählstils eine der besten Liebesgeschichten, die ich je las. Ich wünsche diesem Buch viele, viele Leser.

Taschenbuch: 408 Seiten * Verlag: Lübbe * ISBN-13: 978-3404152063

6. November 2008

Anne Enright – Das Familientreffen

Einsortiert unter: 2008,Belletristik — Karthause @ 16:30
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Nicht immer mögen wir die Menschen, die wir lieben – nicht immer haben wir diese Wahl.“ (S. 149)

Nach Liams Selbstmord trifft sich die Familie seit Jahren zum ersten Mal wieder. Veronica Hegarty’s Gedanken gehen zurück in die Vergangenheit und sie erzählt dem Leser von ihrer Großmutter, die den Mann heiratete, der gut für sie war und nicht den, den sie liebte. Bei ihr verlebten sie als Kinder die Ferien. Sie erzählt von ihrer Mutter, die 12 Kinder bekam und 7 Fehlgeburten erlitt und sich die Namen ihrer Kinder nie merken konnte. Sie berichtet von ihrer Ehe mit Tom, die in einer Sackgasse angelangt ist und von ihren zwei Töchtern, denen sie ein anderes Familienleben ermöglichen möchte als sie es erlebte. Und sie berichtet über Mr Nugent, der ein guter Freund der Großmutter war. Wirklich nur das? In Veronicas Augen trägt er zumindest eine Mitschuld daran, dass Liam mit Steinen in den Hosentaschen ins Wasser ging. Denn die alles entscheidende Frage für Veronica ist die nach dem Warum.

Schon das Cover des Buches zeigt ein nebulöses, tristes Bild und das Buch spiegelt genau diese Stimmung wieder. In Erinnerungsfetzen und Assoziationen lässt uns Veronica an ihrem bisherigen Leben teilhaben. Manche Geschehnisse kennt sie nur durch Erzählungen, andere durch eigenes Erleben und sie schildert diese mit Härte, Wut und Resignation. Von Liebe ist sehr wenig zu spüren in dieser Familie, mehr von Sex und Begierde. Einzig unter den Geschwistern, speziell zwischen Liam und Veronica, gibt es eine gewisse Wärme und Vertrautheit. Ein ständiger Begleiter in diesem Buch ist auch der Alkohol, mit dem die Protagonisten dem Alltagselend zu entfliehen versuchen.

Als Leser blieb ich zu allen Personen deutlich distanziert, ich war lediglich Beobachter und trotz der teilweise erschreckenden Umstände blieben meine Sympathien unverteilt. Viele Geschehnisse wurden nur angerissen, andere auf so neutrale Weise geschildert, dass ich mich fragte weshalb zeigt die Erzählerin an dieser Stelle keinerlei Gefühlsregungen?

Das Familientreffen selbst fand lediglich im letzten Drittel des Buches statt und zeigte deutlich wie zerrissen die Familie eigentlich ist. Zwar gibt es Gemeinsamkeiten, die aber wohl lediglich in Erinnerungen bestehen.

Ganz zum Schluss gibt es noch einen Hoffnungsschimmer, das Buch wird aber in meinem Gedanken immer mit einer gewissen Tristesse behaftet bleiben.

Mein Fazit: „Das Familientreffen“ist eine der düstersten Familiengeschichten, die ich je las. Deshalb ist das Buch nicht schlecht, irgendwie hat es mich in seiner Andersartigkeit auch in seinen Bann gezogen. Am Ende blieb ich mit vielen ungeklärten Fragen zurück, zu vielen, wie ich finde. Trotzdem habe ich dieses Buch gern gelesen.

Dieses Buch gewann den Booker-Preis 2007.

Gebundene Ausgabe: 330 Seiten * Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt * ISBN-13: 978-3421043702

29. Oktober 2007

Deana Zinßmeister – Der Duft der Erinnerung

Einsortiert unter: History — Karthause @ 20:06
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Der Duft der Erinnerung

Deana Zinßmeister

Gebundene Ausgabe: 381 Seiten

Verlag: Moments

ISBN-13: 978-3937670430

„Der Duft der Erinnerung“ ist die gelungene Fortsetzung von „Fliegen wie ein Vogel“. So abrupt wie der erste Teil endete, so lückenlos und harmonisch schloss sich der zweite Teil an. Problemlos war ich wieder in der spannenden Handlung um Luise und Duncan versunken.

Sehr gut gelingt es Deana Zinßmeister auch in diesem Buch, die Gefühle der Protagonisten zu schildern. Das geschieht auf eine so lebensnahe Art und Weise, dass man glauben könnte, es handele sich um reale Menschen und nicht um die Figuren in einem Roman. So fiel es mir leicht deren Denken und Tun nachzuvollziehen und mit ihnen zu fühlen. Trotz des leicht und flüssig zu lesenden Stils ist dieses Buch keine seichte oberflächliche Liebesgeschichte. Die Autorin hat auch tiefgehende Gedanken zu gesellschaftlichen Missständen und Ungerechtigkeiten zur Zeit der englischen Industrialisierung in ihren Roman eingebracht.

Die Charaktere haben sich in diesem 2. Teil auch weiter entwickelt. Sie erschienen mir menschlicher als im Vorgängerroman, auch weil sie in verschiedenen Situationen von Zweifeln gequält wurden. Sie waren eben nicht mehr nur gut, sondern hatten ihre Stärken und Schwächen deutlicher ausgeprägt.

Mir hat „Der Duft der Erinnerung“ noch besser als „Fliegen wie ein Vogel“ gefallen, ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen, zumal sich das Thema unauffällig durch den ganzen Roman schlängelt. Die Titelwahl hätte besser nicht sein können.

Und am Ende des Buches bleibt die Hoffnung, dass es vielleicht doch noch einmal eine Begegnung mit Luise, Duncan und den anderen geben könnte.

Die Leser, die „Fliegen wie ein Vogel“ nicht kennen, könnten auch problemlos den zweiten Teil lesen. Geschickt eingeschobene und den Handlungsablauf keineswegs störende Rückblicke machen die Geschichte stimmig.

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