Karthauses Bücherwelt …

9. September 2011

Danijela Albrecht – Balkan bittersüß

Balkan bittersüß
Abenteuer Alltag in Bosnien-Herzegowina
Taschenbuch mit Bildteil, 200 S.
ISBN: 978-3-940855-11-4
Preis: 14,50 EUR

Danijela Albrecht nimmt den Leser in ihrem Buch mit auf die Reise nach Bosnien-Herzegowina. Aber was ist das für ein Buch, das sie ihren Lesern präsentiert? Eine Biografie, ein Reisebericht? Von jedem ein wenig trifft es wohl am ehesten. Wohin der Ausflug geht, ist klar. Denkt man an das Land, fällt einem sicher zuerst der brutale Krieg ein, der in den 1990er Jahren dort tobte und der auch an Danijela Albrechts Familie nicht spurlos vorüberging. Episodenhaft erzählt die Autorin von Erlebnissen mit ihrer Familie, die zum Teil in der ganzen Welt verstreut lebt, zu Familientreffen aber immer wieder zusammen findet und für die schon das simple Passieren der Landesgrenze zur Grenzerfahrung wird. Da ist Großvater Milan, der von einer Wiedervereinigung der Familie nach seinen Tod träumt. Der Leser lernt neben vielen anderen Begebenheiten das Big Biznes kennen und wird Zeuge einer traditionellen Hochzeit. Bei dieser steht nicht das Essen im Mittelpunkt, sondern das Trinken, der wilde Tanz der Männer, das würdevolle Tanzen der Frauen und die Unterhaltung. Aber für Danijela Albrecht scheint ihre Baka, die Großmutter, die fest in ihrem traditionellen Leben verankert ist und die das moderne Leben der Familienmitglieder nicht wirklich versteht und erst recht nicht gut heißt, die wichtigste Person in Drežnica zu sein. Das wird in der liebevollen Art, wie sie über ihre Baka berichtet, überdeutlich.
Es sind aber nicht nur die Familienangehörigen, die das Buch mit Leben füllen. Unterhaltsam und äußerst informativ erzählt Danijela Albrecht von einem kulturell und religiös zerrissenen Land, diese Kluft ist Bestandteil des täglichen Lebens und für jeden deutlich spürbar. Sie beleuchtet die Schwierigkeiten im bosnisch-kroatisch-serbischen Zusammenleben bis hin zu der Frage, warum für Amerikaner immer andere Regeln und Gesetze gelten als für den Rest der Welt.
An der warmherzigen Erzählweise der Autorin wird deutlich, wie tief sie noch in Bosnien-Herzegowina verwurzelt ist und wie sehr sie dieses Land liebt. Aber sie scheut auch nicht die kritischen Töne, die sie auf eine sehr charmante Art anschlägt. Davon lässt sie auch ihre Familie nicht gänzlich unverschont.
Diese literarische Reise mit Danijela Albrecht in das Land ihrer Familie fand ich sehr unterhaltsam und nicht minder informativ. Der gefällige Schreibstil der Autorin macht das Buch sehr leicht zu lesen und vermittelt schon nach wenigen Seiten das Gefühl zu dieser Familie zu gehören und alte Bekannte zu treffen, die auf der letzten Seite vom Leser wie gute Freunde verabschiedet werden. Auch schwierige Themen im Zusammenleben der Kulturen und Religionen spart sie nicht aus, erzählt aber immer mit einem Augenzwinkern und viel Verständnis für alle Seiten. Ich kann das vom Dryas Verlag veröffentlichte Buch, das mir von Blog dein Buch als Rezensionsexemplar – vielen Dank dafür – zur Verfügung gestellt wurde, guten Gewissen weiterempfehlen. Ich bewerte „Balkan bittersüß“ mit 4 von 5 Sternen und bestellt werden  kann es direkt beim Verlag.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Danijela Albrecht, geboren 1976, studierte Anglistik, Geschichte und Erziehungswissenschaften an der Universität Heidelberg und an der University of Connecticut (USA). Sie ist verheiratet, lebt in Mannheim und arbeitet an der Popakademie Baden-Württemberg. Ihre Familie mütterlicherseits stammt aus Bosnien-Herzegowina, so dass die Autorin seit ihrer frühen Kindheit immer wieder kürzere und längere Zeiträume in Bosnien-Herzegowina verbrachte.

13. August 2011

Lisa Moos – Das erste Mal und immer wieder

Einsortiert unter: 2011,Biografie/Erfahrungen — Karthause @ 10:37
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Das erste Mal und immer wieder
Lisa Moos
Broschiert: 320 Seiten
Verlag: Schwarzkopf & Schwarzkopf
ISBN-13: 978-3896029591

Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)
In diesem Buch erzählt Lisa Moos intim, offen und detailliert über ihre Erfahrungen als Prostituierte: Leidenschaft, Hemmungslosigkeit, Schattenseiten und sexuelle Obsessionen – und warum sie die Hoffnung auf “die große Liebe” niemals aufgegeben hat. “In meinem Leben habe ich circa sechstausendmal sexuelle Handlungen jeder Art mit Männern vorgenommen. Fünfmal wurde mir Gewalt angetan, davon zweimal in meiner eigenen Familie.” Bereits in ihrer Kindheit muss Lisa Moos die Vergewaltigung durch den Großvater und die Schläge des Stiefvaters erleiden. Die Erfahrungen von Gewalt, Sex und männlicher Dominanz bestimmen schon früh ihr Leben.
Mit 16 wird Lisa schwanger und braucht Geld für eine Abtreibung. Ohne Schulabschluss und Berufsausbildung bieten sich ihr kaum Perspektiven. In einem Bordell in ihrer Heimatstadt empfängt sie ihren ersten Freier. Viele weitere folgen.
Mit 26 Jahren hat Lisa schon alle Höhen und Tiefen des Hurenlebens kennengelernt: Sie hat sich auf dem Straßenstrich angeboten, in schäbigen Bordellen “angeschafft”, aber auch als Edelhure in Luxus-Etablissements gearbeitet. Sie berichtet, wie sie ihren Körper für fünfzig Mark in Hinterhöfen verkauft, von Sexorgien mit reichen Geschäftsmännern, Sado-Maso-Partys und von den Obsessionen und besonderen Wünschen ihrer Stammkunden und Freier.
Die Trennung von Beruf und Privatleben fällt Lisa nicht leicht, ihre zwei Ehen scheitern, um das Sorgerecht für ihre beiden Söhne muss sie immer wieder kämpfen. Nur der kleine Christopher bleibt ihr. Mit ihm möchte sie ein neues Leben im Süden beginnen. Doch auch hier holt ihre Vergangenheit sie ein …

Meine Meinung

Schonungslos offen und detailliert berichtet Lisa Moos über ihre Vergangenheit als Prostituierte und wenn ich offen und detailliert schreibe, meine ich das genau so. Nicht alle Episoden ihres Lebens sind leicht verdaulich und somit nicht unbedingt sensiblen Gemütern zuzumuten. Die Sprache ist oft derb und direkt. Sie umschreibt nicht und nennt die Dinge beim Namen.
Besonders bewegt haben mich die ganz persönlichen Dinge, z.B. die nicht unbeschwerte Kindheit, die Freigabe ihres zweiten Sohnes zu Adoption und immer wieder ihre Rückkehr zur Prostitution. Letzteres konnte ich nicht nur nicht verstehen, es machte mich fassungslos. Aber Lisa Moor hat für sich diesen Weg gewählt, es steht mir nicht zu über ihr Leben zu urteilen. Ein Urteil bilde ich mir nur zu ihrem Buch und dieses ist durchaus lesenwert.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Lisa Moos wurde in Göttingen geboren. Sie arbeitete mehr als zwanzig Jahre als Prostituierte. Seit zehn Jahren lebt sie mit ihrem Sohn auf Mallorca, wo sie auch ihr Buch geschrieben hat.

8. Mai 2011

Renate Welsh – Dieda oder Das fremde Kind

Einsortiert unter: Belletristik,Biografie/Erfahrungen — Karthause @ 10:46
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Österreich im 2. Weltkrieg. Sie war noch ein kleines Mädchen als die Mutter starb. Der Vater heiratete wieder und zu der Frau sollte sie Mutti sagen. Das umging sie ständig. Die Erinnerungen an ihre Mutti waren zu tief und sie fühlte sich schuldig an ihrem Tod. Als dann der Krieg näher kam und Bomben auch auf Wien fielen, musste die Kleine mit ihrer Stiefmutter den Vater, die geliebten Großeltern und Wien verlassen. Sie gingen in ein Dorf in den Bergen zur Familie der Frau und eigentlich hätte es sehr idyllisch sein können. Aber die Familie begegnete dem Mädchen mit Kälte und Ablehnung. Als sie ein Gespräch der Erwachsenen mitbekam, in dem sie „Die da“ genannt wurde, besteht sie energisch darauf, weiterhin Dieda genannt zu werden.

Geschichten, die eine schwierige Kindheit thematisieren, gibt es viele und doch ist diese besonders. Renate Welsh erzählt in dem sehr persönlichen Buch von ihren eigenen Kindheitserlebnissen, von Heimweh und der ungestillten Sehnsucht eines Kindes nach Menschen, die es lieben, vom Leben einer Außenseiterin. Das ist besonders bedrückend, wenn man bedenkt, das Mädchen war zu Beginn der Handlung erst fünf Jahre alt. So berichtet sie von einer Familie in der das Wort das Großvaters galt, Widerspruch wurde nicht geduldet, dafür gab es drakonische Strafen. So hatten alle Angst vor dem alten Mann, der den Führer verherrlichte und auf die „deutschen Werte“ pochte. Kinder hatten nichts zu sagen, sondern zu gehorchen. Schnell wurde er für mich dadurch zum Unsympath und ich musste mir ständig die Zeit und ihre Umstände ins Gedächtnis rufen, um die sich vor ihm duckenden Frauen zu verstehen. Die Schikanen, die die Kleine erdulden musste, reichten von Liebes- und Essensentzug hin zur Züchtigung. Briefe des geliebten Vaters wurden vorenthalten, der Kontakt zu den Großeltern unterbunden. Immer wieder wurde das Augenmerk auf das damalige Alltagsgeschehen gelenkt und Episoden daraus anschaulich für den Leser dargestellt. Renate Welsh bedient sich dabei einer sehr klaren, aber doch einfühlsamen Sprache mit der sie die Geschichte aus der Sicht der 5jährigen mit all ihrer kindlichen Naivität erzählt, die den Roman, trotz der geschilderten Bösartigkeiten dem Kind gegenüber, so liebenswert macht. Dieser Roman ist ein Jugendbuch, aber auch die Junggebliebenen finden darin eine gut lesbare und interessante Lektüre.

Ich erliege ja zur Zeit immer öfter dem Charme der Schreibweise österreichischer Schriftsteller, zu der Köhlmeier-Geiger-Haslinger-Riege gesellt sich jetzt noch Renate Welsh. Alle können sie sehr gut die Gefühle und Denkweisen ihrer Charaktere vermitteln und sich in die sie für den Leser mit Leben erfüllen. Deshalb freut es mich umso mehr wieder eine neue Autorin für mich entdeckt zu haben.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Renate Welsh, geboren 1937 in Wien, studierte Englisch, Spanisch und Staatswissenschaften und schreibt seit 1970 sowohl Kinder- und Jugendbücher als auch Bücher für Erwachsene. Ihr Werk wurde vielfach ausgezeichnet. Sie lebt in Wien.

Taschenbuch: 192 Seiten * Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag * ISBN-13: 978-3423252539

6. Februar 2010

Alexander von Schönburg – Die Kunst des stilvollen Verarmens

Einsortiert unter: 2010,Fach- und Sachbuch — Karthause @ 14:39
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Die Kunst des stilvollen Verarmens
Alexander von Schönburg
Broschiert: 240 Seiten
Verlag: Rowohlt Tb.
ISBN-13: 978-3499616686

Wie man ohne Geld reich wird

In diesem Buch geht es nicht um die wirklich Armen in der Gesellschaft. Es geht eher um den Personenkreis, der sich nach und nach von seinem Reichtum und Wohlstand verabschieden musste. So beschreibt Autor in seinem Buch den Werdegang seiner Familie. Langsam aber stetig verarmten die von Schönburgs und Unterschlupf bei noch reichen Mitgliedern der Familie zu finden, ist heutzutage kaum möglich. Früher hingegen war das üblich. Man hatte kein Geld und lebte bei der reichen Verwandtschaft wie die Made im Speck. Auch der Alexander von Schönburg war an manchen Luxus gewöhnt. Er arbeitete in der Medienbranche, bis er eines Tages arbeitslos wurde. Am eigenen Leib hat er erfahren müssen, wie es ist, den Gürtel enger zu schnallen und trotzdem „stilvoll“ zu leben. Erfahrungen, die er selbst und auch seine Familie machen mussten, beschreibt und verallgemeinert er in diesem Buch. Aber als einen Ratgeber sehe ich es deshalb noch lange nicht an. Unterhaltsam war es allemal. Der witzige Schreibstil hat mir gut gefallen, so hatte ich das Buch in sehr kurzer Zeit gelesen. Schönburg bedient mit diesem Buch zweifellos den Zeitgeist. Aber sein Verarmen vollzieht sich auf einem recht hohen Niveau. Nicht für jeden ist es eine Chance und ein Glücksfall, sich den Arbeitsweg zu ersparen, weil man ja von daheim auch arbeiten kann. Nicht jeder kann von Champagner auf Mineralwasser umsteigen, weil er noch nie zu der Klientel gehörte, die sich Schampus leisten konnte. Bei vielen ist bei Asti Spumante schließlich schon das Ende der Fahnenstange erreicht. Und wie viele können nicht auf große und weite Urlaubsreisen verzichten, weil sie sich noch nie welche leisten konnten. Das ist nämlich genau das Problem in dem Buch. Den wirklich Armen kann er keine Ratschläge geben, denn dass ein gemütliches Spaghetti-Essen mit Freunden genussvoller sein kann als in ein Sterne-Restaurant „schön essen zu gehen“, ist nicht nur für wirklich Arme eine Binsenweisheit. Aber wenn man Schönburgs Gedanken, dass sich Reich und Arm nicht nur über Geld definiert, weiterverfolgt, gehe ich mit ihm wieder guten Gewissens konform. Denn die wirklich wichtigen Dinge im Leben kann man für Geld sowieso nicht kaufen. Also bleibt die Schlussfolgerung, gut zu überlegen, wofür man sein Geld ausgibt, bringt der gekaufte Luxus wirklich mehr Lebensfreude oder wird er zur Belastung.

Mein Fazit: „Die Kunst des stilvollen Verarmens“ bringt nicht wirklich Neues ans Tageslicht, es bedient Bekanntes auf unterhaltsame Weise. Mir waren schon vor der Lektüre einige Weisheiten des Autors bekannt, denn ich habe sein Buch nicht gekauft, sondern nur geliehen. Danke, liebe Katha, wir sind auf dem richtigen Weg.

Über den Autor

Alexander von Schönburg, Jahrgang 1969, war lange freier Journalist und hat u.a. für “Esquire”, “Die Zeit” und die “Vogue” geschrieben. Bis 2002 war er Redakteur der Berliner Seiten der FAZ. Außerdem gehörte er dem popliterarischen Quintett an, das 1999 “Tristesse Royale” herausgab. Zurzeit lebt und arbeitet Schönburg als freier Autor in Potsdam und Berlin. 2003 erschien “Der fröhliche Nichtraucher. Wie man gut gelaunt mit dem Rauchen aufhört”.

4. Oktober 2009

Michaela Vieser – Tee mit Buddha

Einsortiert unter: 2009,Biografie/Erfahrungen — Karthause @ 17:39
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Tee mit Buddha Michaela Vieser Gebundene Ausgabe: 304 Seiten Verlag: Pendo  ISBN-13: 978-3866122109
Tee mit Buddha
Michaela Vieser
Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
Verlag: Pendo
ISBN-13: 978-3866122109

Michaela Vieser studiert in London Japanologie. Den Studenten wird ein Auslandssemester angeraten, aber Michaela Vierser will weit mehr. Ihr Traum ist es, in ein Zen-Kloster zu gehen. Trotz längerer Recherche sieht sie dafür aber keine Möglichkeit. Kurz davor, ihren Traum zu begraben, macht ein japanischer Mönch, der an der Universität Buddhismus lehrt und von von ihrem Ansinnen erfuhr, ihr das Angebot, ein Jahr in seinem Mutterkloster zu verbringen. Das ist zwar kein Zen-Kloster, sondern gehörte zur Jodo-Shinshu-Strömung und liegt im Süden des Landes. Im Kloster leben ca. 100 Bewohner, Mönche, Familien, japanische Angestellte, Studenten. Das Kloster ist ein Spiegelbild der Gesellschaft im Kleinen. Michaela hat 3 Jahre lang die Sprache studiert und macht sich nun als erste Westeuropäerin auf, ihr Jahr im japanischen Kloster in Angriff zu nehmen.

Lange bevor ich dieses Buch las, war ich mir nicht sicher, ob es etwas für mich ist, oder eher nicht. Und um ehrlich zu sein, ich weiß es nach der Lektüre noch immer nicht.

Die Autorin erzählt von ihrem Leben in der für sie völlig fremden Welt, auch von der Ernüchterung, die sie in der ersten Zeit überkam. Ihre Erwartungen waren durchaus anders als die Realität. Als Leser ließ sie mich am Alltagsleben in diesem Kloster teilhaben, am Tagesablauf, an der Bedeutung der Gebete, an Ritualen, an Grundlegendem und Profanen.  Sie machte mich unter anderem mit der Teezeremonie, Ikebana, Kendo und der Kalligrafie vertraut. Mit viel Witz erzählt sie die verschiedensten Anekdoten und beschreibt die Fettnäpfchen, die sich ihr in den Weg stellten und in die sie trat. Dabei berichtet sie nicht in der zeitlichen Abfolge, sie erzählt, in dem sie in jedem Kapitel des Buches eine Person und die gemeinsamen Erlebnisse vorstellt. So erfuhr ich zwar vieles über Japan und die japanische Denk- und Lebensweise, aber trotzdem sprang der Funke zum Buch nicht über. Mir blieb vieles fremd, auch die Autorin selbst, vor allem weil die Emotionen für mich nicht immer nachvollziehbar waren und mir die gedankliche Tiefe fehlte. Der Sprachstil ist sehr einfach gehalten. Auch hatte ich gehofft, ein paar tiefgründigere Informationen über den Buddhismus zu bekommen. So bleibe ich ein wenig enttäuscht zurück und frage mich nun, ob ich einfach zu viel erwartet habe, oder ob das Buch nicht mehr hergab.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Michaela Vieser, geb. 1972, hat während und nach ihrem Japanologiestudium in Japan gelebt. Sie hat u. a. ein Jahr mit buddhistischen Mönchen verbracht, die Kunst der japanischen Bergasketen erforscht und das Drehbuch zu einem preisgekrönten Dokumentarfilm geschrieben. Zurück in Deutschland, arbeitete sie für Scholz & Friends an der Kampagne »Deutschland – Land der Ideen« mit. Vieser übersetzt außerdem japanische Drehbücher, schreibt u. a. für Geo, Financial Times,Vanity Fair, NZZ und arbeitet als Trendscout. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Berlin.

11. Februar 2009

Anonyma – Eine Frau in Berlin

Einsortiert unter: 2009,Biografie/Erfahrungen — Karthause @ 15:52
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“Es ist das einzigartige Zeugnis eines Opfers von Gewalt, das seine Souveränität bewahrt und sich seiner historischen Situation bewusst ist. Es bietet Geschichte aus erster Hand, verdeutlicht nachdrücklich die Traumatisierung einer ganzen Gesellschaft: in seiner Menschlichkeit und Reife ein erschütterndes Dokument von Grausamkeit und Schamgefühl, Überlebenswillen und Selbstbehauptung, in dem die deutsche Wirklichkeit des Dritten Reichs in einem neuen Licht gebrochen scheint.” Literaturen

Meine Meinung

Eine Frau in Berlin“ sind die über etwa 2 Monate geführten persönlichen Tagebücher der Autorin. Als sie diese schrieb, war sie von dem Gedanken einer späteren Veröffentlichung weit entfernt. Sie tat es für sich, um Vergewaltigungen und Übergriffe russischer Soldaten bestmöglich zu verarbeiten. So entstand ein Zeitdokument, das seinesgleichen sucht. Kaum vorstellbar waren die erlebten Grausamkeiten, bewundernswert der Überlebenswille der Autorin, die sich mit dieser schrecklichen Situation arrangieren musste und konnte. Es wird ein Kapitel der letzten Kriegs- und ersten Friedenstage angesprochen, dass nicht oft den Zugang zur Literatur findet, viel zu oft wird es einfach totgeschwiegen. Aus diesem Grund ist das Buch der anonymen Autorin äußerst bemerkenswert.

Meine Erwartungen an dieses Buch waren recht hoch und wurden – abgesehen von der brisanten Problematik – enttäuscht. An den Schreibstil konnte ich von der ersten bis zur letzten Seite nicht gewöhnen. Wenn ich bedenke, dass die Autorin über ihr eigenes Erleben schrieb, fehlten mir jegliche Emotionen. Ich vermisste Gefühle wie Wut, Abscheu und Ekel. Die Gräueltaten wurden ausführlich, aber nüchterner als die Ankündigung eines Tiefdruckgebietes im Wetterbericht geschildert. Ich mag keine Bücher, in denen sich Autoren einem Seelenstriptease unterziehen, aber diese verstandesmäßige Erörterung war mein Ding nicht. Häufig führt das bewusste Aussparen von Gefühlen zu einer gewissen Eindringlichkeit, aber auch das empfand ich in diesem Buch nicht so. Gut herausgearbeitet wurde hingegen der Zusammenhalt der Hausbewohner in der schwierigen Zeit und der Zerfall dieser Gemeinschaft, sobald sich die Bedingungen ein wenig besserten.

Mein Fazit: „Eine Frau in Berlin“ ist ein Buch über eine historisch bedeutsame Zeit. Anonyma schildert in ihm ein Einzelschicksal, das für tausende andere Frauenschicksale steht. Ich habe von schrecklichen Dingen gelesen, hatte jedoch dabei immer den Eindruck, diese würden von einer Unbeteiligten erzählt.

Über den Autor (www.amazon.de)

Es war der Wunsch der Autorin, dass ihr Name ungenannt bleibt. Nur deshalb erlaubte sie, dass nach ihrem Tod die Tagebücher wieder veröffentlicht werden durften. Denn schon als ihre Notizen in den späten 50er Jahren erst in den USA und dann in Deutschland erschienen, sah sich die Autorin unglaublichen Anfeindungen ausgesetzt. Seit dem Erscheinen in der “Anderen Bibliothek” gibt es in der Presse einige Spekulationen über die Identität der Autorin – und über die Authentizität des Textes. Walter Kempowski sprach sich in einem Gutachten für die Echtheit der Tagebücher aus; wir respektieren auch weiterhin den Wunsch der Verstorbenen, ungenannt zu bleiben.

Gebundene Ausgabe: 300 Seiten * Verlag: Eichborn * ISBN-13: 978-3821847375

28. Oktober 2007

Hape Kerkeling – Ich bin dann mal weg

Einsortiert unter: 2007,Biografie/Erfahrungen — Karthause @ 21:00
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Als Pilger den Jakobsweg zu wandern. Ausgerüstet mit seinem roten Rucksack, 11 kg schwer, kanadischen Boots und einem Reiseführer macht er sich am 09. Juni 2001 in Saint-Jean-Pied-de-Port auf den Weg, um am 20. Juli

2001 in Santiago de Compostela anzukommen.

Früh stößt er an seine körperlichen Grenzen. Die Füße schmerzen und das eine oder andere überflüssige Kilo, das sich bei dem bekennenden Couch Potato angesammelt hat, wird zur Last. Aber Hape geht seinen Weg, Schritt für Schritt und Tag für Tag, nur unterbrochen von kurzen Auszeiten, wenn der geschundene Körper sein Recht einforderte. Auf dem Jakobsweg lässt er seinem Blick und seinen Gedanken freien Lauf. Er lernt viele interessante, manchmal auch skurrile Menschen kennen. An all dem lässt er den Leser teilhaben, so dass man neben Impressionen des Pilgerweges auch den ungeschminkten Kerkeling kennen lernt. Für mich ist er während des Lesens vom Comedian zu einem recht normalen Menschen geworden, der in seinem Buch, das in Tagebuchform geschrieben wurde, über kleine, alltägliche Dinge sinniert und auch tiefgreifende Überlegungen anstellt. So ist er am Ende seines Pilgerweges nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich verändert und gereift. Entsprechend ist er der Beantwortung der auf der ersten Etappe von ihm aufgeworfenen Frage „Wer bin ich?“ sehr viel näher gekommen.

Das Buch ist in einer einfachen, leicht verständlichen Sprache gehalten, die sich flüssig liest und dabei Spaß macht. Menschlichen Schwächen, auch den eigenen, begegnet Kerkeling mit einem Augenzwinkern und dem ihm eigenen Humor. Die Selbstironie ist nie übertrieben, sondern glaubhaft. Beeindruckt hat mich der nachdenklich Hape Kerkeling, der sich im wahrsten Sinne des Wortes Gedanken über Gott und die Welt macht und dabei kein Blatt vor den Mund nimmt.

Mein Fazit: „Ich bin dann mal weg“ ist ein Reisebericht, ein Tagebuch und ein Promibuch, aber jeder dieser Kategorien möchte ich gern „aber der anderen Art“ hinzufügen. Für mich waren es 320 Seiten sehr angenehmen Lesestoffes mit überraschendem Tiefgang und nett zu lesenden Banalitäten. Vom Jakobsweg selbst hätte ich mir ein paar mehr Eindrücke gewünscht. Den Lesespaß an sich hat das aber nicht gemindert.

Gebundene Ausgabe 344 Seiten
Verlag: Malik
ISBN-13:978-3890293127

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