„Das Telefon ist der beste Freund des Einsamen, und Telefongespräche nach Mitternacht sind Unterhaltungen mit Geistern.“, so der Klappentext.
Der Ich-Erzähler telefoniert mit Vorliebe nachts um eins. Er telefoniert mir der Nachbarin, mit Richard, mit der Ex-Freundin und auch mit ihm völlig fremden Menschen, nur um zu sprechen und seiner Einsamkeit zu entfliehen. Alle seine Gesprächspartner bleiben imaginär, die Telefonate stehen großteils für sich, nur wenige bilden einen Zusammenhang. Aber alle sind herausgelöst aus der dem Leser unbekannten Alltagswelt des Erzählers. Unterschwellig erkennt man jedoch die Probleme des Erzählers, dessen vermeintlich einzige Schnittstelle zur Außenwelt das Telefon ist.
Michael Köhlmeier ist ja mit jedem Buch, das ich von ihm las, ein wenig mehr zu einem meiner Lieblingsautoren avanciert. „Nachts um eins am Telefon“ hat mich allerdings nicht so begeistert wie zum Beispiel „Madalyn“ oder „Idylle mit ertrinkendem Hund“. Es ist deshalb nicht schlecht, keineswegs. Aber ich empfand es als schade, dass für mich die Figuren nicht greifbar waren, sie blieben unwirklich, – wie im Klappentext schon geschrieben – Geister. Einige der Gespräche erschlossen sich für mich auch inhaltlich nicht, ich fühlte mich nicht dazugehörig, wie ein Außenstehender, ein Lauscher. Vielleicht hat Michael Köhlmeier dies auch genau so bezweckt, aber ich fühlte mich nicht richtig wohl dabei.
„Nachts um eins am Telefon“ ist weder ein Roman noch eine Sammlung von Kurzgeschichten, es sind Fragmente, die durch die Person des Erzählers verbunden sind. Sie wirkten unglaublich traurig und melancholisch auf mich, sodass ich mich fragte, was den Erzähler wohl in diese Einsamkeit getrieben hat. Bestechend ist auch in diesem Buch der Stil Michael Köhlmeiers, poetisch, ausdrucksstark und feinsinnig. Schon allein deshalb ist es lesenswert.
Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Michael Köhlmeier, geboren 1949 in Hard am Bodensee, studierte Germanistik und Politikwissenschaft, sowie Philosophie und Mathematik. Er erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen, darunter: Rauriser Literaturpreis, J.-P.-Hebel-Preis, Manès-Sperber-Preis, Anton-Wildgans-Preis. In Österreich erlangte er mit seinen Nacherzählungen von Sagen des klassischen Altertums größte Popularität.