Karthauses Bücherwelt …

30. März 2013

Victor Hugo – Die Elenden

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Die Elenden

Victor Hugo

Gebundene Ausgabe: 1352 Seiten

Verlag: Manesse-Verlag

ISBN-13: 978-3717580065

Der Manesse Verlag über das Buch

Victor Hugo war ein engagierter Dichter avant la lettre. Sein großer, visionärer Roman ist eine Verteidigungsrede für die Elenden, für jene, die unter ihrer Not leiden und die ihre Not entehrt.

Im Mittelpunkt des monumentalen Romans steht die Geschichte des entlassenen Häftlings Jean Valjean, der nur durch die selbstlose Hilfe eines Bischofs wieder in die Gesellschaft zurück- und den Glauben an die Menschen wiederfindet. Unter falschem Namen baut er sich in Paris eine neue Existenz auf und sorgt für die junge Cosette, deren Mutter elend an Schwindsucht gestorben ist. Er muss jedoch seine wahre Identität geheim halten. Als Cosette sich in den aufstrebenden Advokaten Marius verliebt, versucht er, die beiden Liebenden auseinanderzutreiben – so sehr fürchtet er die Trennung von seiner Adoptivtochter. Mit dem Beginn der Pariser Arbeiteraufstände von 1832 überschlagen sich die Ereignisse: Marius gerät in den Straßenkämpfen in Lebensgefahr, und Valjeans Vergangenheit wird zur zunehmenden Bedrohung für Cosettes Glück.

Meine Meinung

“Eine Gesellschaft, die das Elend zulässt, eine Menschheit, die den Krieg zulässt, scheint mir minderwertig… Ich verdamme die Sklaverei, verjage das Elend, ich behandle die Krankheit, ich erhelle die Nacht, ich hasse den Hass. Darum habe ich ‘Die Elenden’ geschrieben.” Victor Hugo

Victor Hugo baut seinen großen Roman, sowohl vom Inhalt als auch vom Umfang her, um den Lebensweg des ehemaligen Galeerensträflings Jean Valjean auf. Wegen eines gestohlenen Brotes inhaftiert und nach mehreren missglückten, die Bestrafung verlängernden, Fluchtversuchen dauerte seine Strafe 19 lange Jahre. Nach seiner Entlassung hilft ihm der Bischof von Digne uneigennützig, wieder den rechten Weg zu finden. Valjean schlägt ihn ein, er wird geläutert und entwickelt sich zum Gutmenschen. Trotzdem bleibt er ein Leben lang ein Verfolgter. Von Beginn an sind die Rollen in den Positionen Gut und Böse eindeutig besetzt, das sind die gegensätzlichen Pole, die die Handlung bestimmen. Man findet sie ebenso in Arm und Reich, Mann und Frau, Liebe und Hass sowie im ehrbaren Bürger und im Strafgefangenen. Die sich aus diesen Konstellationen ergebenden Konflikte sind das Konstrukt, um das sich die Geschichte rankt.

Sehr bewusst habe ich mich für eine möglichst ungekürzte Fassung des Romans entschieden und so kann auch ich nicht abstreiten, dass ich beim Lesen Längen empfand. Den gekürzten Ausgaben wird auch mit Sicherheit nichts an der zentralen Handlung abhanden gekommen sein. Ich vermute jedoch, die Streichungen gehen zu Lasten des Zeitgefühls, der Tiefe und des Gesamteindrucks. Letztlich sind diese Ausschweifungen aber dem Realisten Hugo geschuldet. Detailliert beschreibt er das Leben und die Lebensumstände seiner Figuren. Er schaut sozusagen in jeden Winkel, unter jeden Teppich. Er ist kein Autor, der schnell zum Wesentlichen kommt. Das ist auch gar nicht seine Intention. Er will dem Leser ein Bild seiner Zeit vermitteln, dokumentieren und überliefern. So gibt es ganze Kapitel, die scheinbar nichts mit der eigentlichen Handlung zu tun haben. Trotzdem las sich der Roman für mich flüssig und nicht ohne Spannung. In “Die Elenden” wird aber auch deutlich, dass Victor Hugo ein sehr politischer Mensch war. Dem Pariser Juni-Aufstand im Jahr 1832 widmet er einen großen Teil seines Romans. Die Geschichte des kleinen Gavroche ist es auch, die mich am meisten beeindruckte.

“Die Elenden” ist ein großartiger Roman, einer der besten, den die Weltliteratur zu bieten hat. Dass ich die Ausführlichkeit an einigen Stellen beklage, hat nichts mit der Qualität des Romans zu tun, die ist unbestritten. Es spiegelt lediglich meinen Geschmack wider.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Victor Hugo (1802-1885) lebte nach einem kurzen Studium an der Ecole Polytechnique als Schriftsteller in Paris. Seinen ersten Roman veröffentlichte er bereits 1819, zahlreiche weitere Romane, Theaterstücke und Lyrik folgten. Er gründete zwei literarische Zeitschriften und wurde 1841 Mitglied der Académie française. Ab 1843 engagierte er sich politisch; wegen seiner Opposition gegen Napoléon III musste er 1851 Frankreich verlassen und lebte bis 1870 in Belgien, Jersey und Guernsey. Die Jahre im Exil wurden zu seiner literarisch fruchtbarsten Zeit. Hugo wurde im Panthéon beigesetzt.

3. Dezember 2012

Die Comtessa – Ulf Schiewe

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http://ecx.images-amazon.com/images/I/51oxP0X954L._BO2,204,203,200_AA300_SH20_OU03_.jpgDie Comtessa

Schiewe, Ulf

Gebundene Ausgabe: 560 Seiten
Verlag: Droemer
ISBN-13: 978-3426198872

Südfrankreich Mitte des 12. Jahrhunderts. Die 15-jährige Ermengarda, Erbin von Narbona, wird aus politischen Gründen zur Ehe mit dem Grafen von Tolosa gezwungen. Ihre Stiefmutter Ermessenda, Vescomtessa und Regentin von Narbona und Bettgefährtin des mächtigen Grafen Alfons, setzt ihren ganzen Ehrgeiz daran, durch diese vorteilhafte Verbindung ihre eigene Position zu stärken. Aber noch vor dem Vollzug der Ehe flieht Ermengarda mit Hilfe der ihr zutiefst ergebenen jungen Ritter, Felipe und Arnaut, in Richtung Spanien. Es beginnt ein Katz und Maus Spiel mit den Verfolgern, die alles daran setzen, die Flüchtige und ihre Begleiter dingfest zu machen.

Bereits Ulf Schiewes Debütroman „Der Bastard von Tolosa“ habe ich mit großer Begeisterung gelesen. „Die Comtessa“ setzt dessen Handlung etwa zwei Generationen später fort. Es ist nicht zwingend erforderlich, den Vorgängerroman gelesen zu haben, der Autor lässt keine Frage zu früherem Geschehen offen, verliert sich aber auch nicht im endlosen Wiederaufwärmen von bereits Bekanntem. Ich habe mich aber sehr gefreut, „alte Bekannte“ wiederzutreffen. Sollte ich diesen Roman kurz charakterisieren fielen mir sofort opulent und bildgewaltig dazu ein. Der Autor lässt seinen Leser das Mittelalter erleben. Er erklärt für jeden verständlich die politische Situation und die Kräfteverteilung der herrschenden Adligen, er beschreibt das Leben der handelnden Personen von den Alltagsaufgaben bis hin zur Verrichtung der Notdurft ohne dabei den Leser zu langweilen oder zu ermüden. Darüber hinaus schildert er die Schönheit der Landschaft und die Härten für den, der in der Natur und von der Natur überleben muss. Auch die zu bestehenden Abenteuer passen sich sehr gut in die Handlung und wirken zu keinem Zeitpunkt übertrieben oder gar unangemessen.

An ein, zwei Stellen waren mir Ermengarda und ihre männlichen Beschützer ein wenig zu modern, sprich, Ermengarda war mir zu emanzipiert, was Filipe und Arnaut ohne aufzubegehren auch hinnahmen. Ich konnte dies nur unter dem Gesichtspunkt akzeptieren, wenn ich bedachte, dass die junge Vescomtessa im Rang über den ihr treu ergebenen Rittern stand.

In die Romanhandlung ist dezent eine sich anbahnende Liebesgeschichte eingeflochten worden. Mich hat das in diesem Fall nicht gestört. Sie erschien mir glaubhaft und war jenseits von Kitsch und flachem Liebesgestammel. Besonders Ermengarda gefiel mir dabei in ihrer inneren Zerrissenheit.

Obwohl man schon rein intuitiv die Protagonisten als sympathisch oder einschätzt, oder sie eher in ihrer Art und Weise ablehnt, nur wenige stehen zwischen den Lagern, ordne ich diesen Roman zu den anspruchsvollen Romanen dieses Genres zu. Das ist nicht zuletzt der der Zeit angepassten Sprache zu verdanken. Dazu gibt es ein umfangreiches Glossar, ein Verzeichnis der urkundlich erwähnten Personen und drei Karten. Diese machte es mir beim Lesen sehr leicht. Die Flüchtenden konnte ich so genau verfolgen und hatte dadurch stets eine geografische Orientierung.

„Die Comtessa“ braucht sich als Roman nicht hinter „Der Bastard von Tolosa“ zu verstecken. Letzterer hat mir nur eine Winzigkeit besser gefallen. Ulf Schiewe hat mit „Die Comtessa“ einen Roman geschrieben, der sowohl von den Handelnden, die eine gelungene Mischung aus fiktiven und verbürgten Personen sind, als auch von der Handlung her der Bezeichnung „historisch“ gerecht wird. Die von Ulf Schiewe inszenierte Reise ins Mittelalter habe sehr gern unternommen und freue mich auf weitere. Ich empfehle den Roman sehr gern weiter.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Ulf Schiewe wurde 1947 geboren. Eigentlich wollte er Kunstmaler werden, doch statt der “brotlosen Kunst” widmete er sich der Technik und wurde Software-Entwickler und später Marketingmanager für Softwareprodukte. Seit frühester Jugend war Ulf Schiewe eine Leseratte, den spannende Geschichten in exotischer Umgebung faszinierten. Im Lauf der Jahre erwuchs aus der Lust am Lesen der Wunsch, selbst einen großen historischen Roman zu schreiben, der in den “Bastard von Tolosa” , seinen ersten Roman, mündete. Ulf Schiewe ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und lebt in München.

28. Juni 2012

Jean-Michel Guenassia – Der Club der unverbesserlichen Optimisten

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Der Club der unverbesserlichen Optimisten

Guenassia, Jean-Michel

OT: Le Club des incorrigibles Optimistes

Taschenbuch: 685 Seiten

Verlag: Insel Verlag

ISBN-13: 978-3458358367

 

Der Roman beginnt mit einem Ende, der Beerdigung eines der ganz Großen, Jean-Paul Sartre, im Jahr 1980. Michel Marini nimmt daran teil und begegnet dort einem Bekannten aus alten Zeiten. Das ruft Erinnerungen hervor, über die Michel als Ich-Erzähler dieses Romans berichtet.

Die Handlung setzt im Jahr 1959 ein, Michel feiert seinen 12. Geburtstag. Der Leser begleitet ihn durch die Zeit des Erwachsenwerdens. Er stammt aus gut situiertem Haus, die Eltern betreiben ein sich stetig vergrößerndes Handelsunternehmen. Die Mathematikprüfungen besteht Michel nur bei Anwesenheit seines Banknachbarn, kurz gesagt, auf sich allein gestellt versagt er, dagegen sind seine Leistungen beim Kickern kaum zu übertreffen. Den heimischen Diskussionen über schulische Leistungen überdrüssig, begleitet Michel seinen älteren Bruder Franck immer häufiger zum Kickern ins Bistro „Balto“. Durch eine von ihm bislang nicht beachtete Tür gelangt er in ein Nebenzimmer, in dem sich eine illustre Gesellschaft von Emigranten aus dem Ostblock, Igor, der ehemalige Arzt aus Leningrad, Tibor, der homosexuelle Schauspieler aus Ungarn und Leonid, der einstige sowjetische Pilot, aber auch die intellektuelle Elite wie Jean-Paul Sartre und Joseph Kessel zum Schachspielen, Diskutieren, Erinnern, Philosophieren und nicht zuletzt zum Trinken treffen und den „Club der unverbesserlichen Optimisten“ bilden. An ihrer optimistischen Weltsicht können auch ihre oftmals schlechten Erfahrungen und ihre derzeitig schwierige Situation nichts ändern. In eingefügten Rückblenden erfährt der Leser von einem auktorialen Erzähler, warum die einstmals erfolgreichen Leute als fast mittellose Emigranten in Paris gestrandet sind. Nach und nach wird Michel der Club zum zweiten Zu Hause und dessen Mitglieder werden Freunde. Als Franck sich als Freiwilliger für den Algerienkrieg meldet, später desertiert und schließlich des Mordes angeklagt wird, legt sich ein Schatten über die scheinbare Familienidylle.

„Der Club der unverbesserlichen Optimisten“ ist ein in die Zeitgeschichte vom Ende der 1950er bis zur Mitte der 1960er Jahre eingebetteter Entwicklungsroman. Der Autor, Jahrgang 1949, verknüpft das Erwachsenwerden Michels äußerst gekonnt mit dem historischen Geschehen. Dabei ist anzunehmen, dass eine Vielzahl persönlicher Erlebnisse und Erfahrungen in diesen Roman eingeflossen sind. Die Handlung wirkt leicht erzählt, schreitet trotz der eingefügten Rückblenden stets voran und zeichnet ein brillantes Zeitportrait. Der Roman fesselt den Leser nicht durch actiongeladene Szenen. Er beeindruckt durch die ruhige Erzählweise und eine Handlung, die zum Ende hin dann auch noch dramatisch wird. Unaufdringlich bringt Jean-Michel Guenassia dem Leser auf literarische Weise den zur Zeit der Romanhandlung in voller Blüte stehenden Existentialismus nahe. Er greift die Gedanken Sartres und Camus auf, verwebt sie in seinem Roman und transportiert dadurch gekonnt den Zeitgeist und die Stimmung im Paris der 60er Jahre. Insofern ist dieses Debüt auch ein philosophischer Roman. Die Figuren scheinen aus dem Leben gegriffen, Verfolgte, Querdenker, Philosophen, Schachspieler, Einsame, Flüchtlinge, Menschen wie Du und ich, Franzosen Russen, Ungarn, Deutsche. Die Atmosphäre ist dicht und greifbar. Man meint, beim Lesen den Qualm der Gitanes erahnen zu können. Stilistisch ist dieser Roman sehr ausgereift. Es wechseln sich tiefgründige mit humorvollen Szenen ab, das trägt dazu bei, dass er sich sehr angenehm lesen lässt. Er widerspiegelt das gewisse Flair, das man, auch ohne Kenntnis des Handlungsortes, Paris zuordnen würde und das auch trotz der Übersetzung sehr präsent ist.

„Der Club der unverbesserlichen Optimisten“ ist ein Roman, der beste Unterhaltung mit der Vermittlung von Zeitgeschehen verbindet. Er hat mich über Tage gefesselt und mich zu weiteren Recherchen angeregt. Ich empfehle ihn sehr gern weiter, nicht nur an die Liebhaber der französischen Literatur.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Jean-Michel Guenassia, geboren 1950 in Algier, lebt in Paris. Er war einige Jahre Anwalt und schreibt heute für Fernsehen und Theater. Die Veröffentlichung des Clubs, sein spätes Debüt als Romancier, erregte in Frankreich großes Aufsehen.

27. August 2011

Theresa Révay – Die weißen Lichter von Paris

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Petersburg, Paris, Berlin 1917-1945. Die im Jahr 1917 15-jährige Xenia Ossolin, Tochter des russischen Gardegenerals Fjodor Sergejewitsch Ossolin, wuchs bis zur Oktoberrevolution behütet und in einer heilen Welt auf. Als dann aber ihr Vater erschossen wurde, war sie gezwungen mit ihrer jüngeren Schwester Mascha, dem neugeborenen Bruder Kyrill, ihrer von Schwangerschaft und Entbindung geschwächten Mutter, die die Flucht nicht überlebte, und ihrem Kindermädchen über Odessa nach Paris zu fliehen. In Paris lebten die Emigranten unter ärmlichsten Verhältnissen, Xenia musste allein für die Familie sorgen und arbeitete als Näherin für ein Pariser Modehaus. Nur mit viel Mühe und mit zusätzlichen Näharbeiten, an denen die ganze Familie saß, schafften sie es zu überleben. Ihre Verhältnisse besserten sich erst als ein Modemacher Xenia kennen lernte und sie unter seine Fittiche nahm. Schnell wurde sie zum gefeierten Mannequin. So traf sie dann den deutschen Fotografen Max von Passau. Für ihn war Xenia die Liebe seines Lebens, aber sie hatte in ihrem Leben schon zu viel Schreckliches erfahren und zu viele Verluste beklagen müssen, um sich ganz auf ihn einlassen zu können.

Liest man die Kurzbeschreibung dieses Romans oder schaut man das Cover an, meint man, einen leichten, kitschigen Liebesroman vor sich zu haben. Aber der in „Die weißen Lichter von Paris“ gespannte Bogen geht weit darüber hinaus und die Liebesgeschichte ist nur ein Teil dieser umfassenden Familiensaga. Die Autorin thematisiert die Russischen Revolution, die Glamourwelt der Pariser Modeszene, die verrückten 1920er Jahre in Paris und Berlin, die politisch aufgeladene Situation der ausgehenden Weimarer Republik, den Fanatismus im Dritten Reich und die Widerstandsbewegung gegen das Naziregime sowie die Okkupation Frankreichs durch Nazideutschland. Der geschichtliche Hintergrund ist sehr gut recherchiert leicht verständlich ausgebreitet worden und so eng mit der Romanhandlung verknüpft, dass der Leser in einer atmosphärisch dichten Erzählung, die immer wieder durch Anekdoten von realen Persönlichkeiten aufgelockert wird, gefangen ist. Theresa Révay ist ein Konglomerat aus einem historisch korrekten Roman, einem Politthriller und einer gefühlvollen Liebesgeschichte gelungen. Sie scheut sich nicht, die Gräueltaten aus den bewegten Zeiten der Oktoberrevolution und dem Dritten Reich zu schildern und die daraus resultieren Ängste darzulegen. Aber auch die zarten Gefühle einer entstehenden Liebe werden von der Autorin sehr feinfühlig beschrieben. Aufgrund ihrer Fähigkeit politische Situationen einfach zu erklären und ihre Protagonisten wirklichkeitsnah agieren zu lassen, ist mit diesem Roman ein beeindruckendes Zeit- und Gesellschaftsbild entstanden. Theresa Révays öffnet dem Leser ein Fenster in die damalige Zeit, indem sie gelebtes und nicht doziertes Geschichtswissen vermittelt. Auch die Charakterisierung der Vielzahl ihrer Figuren ist ausgesprochen gut gelungen, alle sind Menschen mit guten und schlechten Eigenschaften, psychologisch ausgefeilt und nicht schablonenhaft. Dabei ist eine Unterscheidung von Realität und Fiktion kaum möglich. Die Lebensumstände der Protagonisten wirken sehr realistisch, die Gefühle sind nachvollziehbar und glaubhaft. Man kann mit Xenia, Mascha, Kyrill, Max, Sarah, Marietta, Kurt und Gabriel mitfühlen und ihre Entscheidungen, auch wenn sie nicht immer richtig sind, nachvollziehen, nichts wirkt künstlich oder aufgesetzt.

Als einzigen Kritikpunkt sehe ich, die im Buch immer wieder vorkommenden Ausblicke auf künftiges Geschehen. Da verlor sich die leichte, elegante Sprache der Autorin und steigerte sich ein wenig ins Pathoshafte.

Der Roman hat meine Erwatungen an ein gutes Buch voll erfüllt. Historische Genauigkeit, durchgehende Spannung, eine unaufdringliche Liebesgeschichte, die zum einem nicht kitschig und zum anderen nicht bis in alle Details ausgearbeitet ist, beiläufige, nicht wertende Wissensvermittlung und ein sehr angenehmer Erzählstil machen diesen Roman aus. Zum Glück liegt schon mit „Der Himmel über den Linden“ für mich bereit, so brauche ich mich von den liebgewonnenen Protagonisten nur ein paar Minuten trennen.

24. Mai 2011

Alex Capus – Léon und Louise

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Léon und Louise Alex Capus Gebundene Ausgabe: 320 Seiten  Verlag: Hanser ISBN-13: 978-3446236301Nur weit weg von Dir bin ich ganz bei mir, nur fern von Dir kann ich es wagen, mich Dir zu öffnen ohne mich zu verlieren.“

 Die Familie nimmt in der Kathedrale Notre Dame de Paris Abschied von Léon, als eine Unbekannte dazu kommt, den aufgebahrten Léon küsst und wortlos wieder geht. Diese Situation ist Anlass für Léons Enkel die Lebensgeschichte des Großvaters zu erzählen.

1918 lernt Léon die lebenslustige Louise kennen. Beide verlieben sich ineinander. Auf der Heimfahrt von einem gemeinsamen Ausflug an den Atlantik werden sie von einem Luftangriff überrascht und schwer verletzt. Jeder glaubt, der andere sei tot. 10 Jahre später, Léon hat inzwischen mit Yvonne eine Familie gegründet und arbeitet im chemischen Labor der Polizei, trifft er seine Jugendliebe wieder. Sie verleben eine gemeinsame Nacht und trennen sich, nachdem Louise von ihm das Versprechen verlangte nicht nach ihr zu suchen

Vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erzählt Alex Capus die Liebesgeschichte von Léon und Louise, die mich so ein wenig an die durch das tiefe Wasser getrennten Königskinder erinnerte. Zwei junge Menschen, die sich ineinander verliebten und doch nicht zueinander finden konnten. Capus zeichnet ein feines Bild von Léon, den der Leser schon in dessen Kindheit kennen lernt und dann durch sein Leben begleitet. Er ist facettenreich charakterisiert, sein Handeln ist nachvollziehbar, wenn auch nicht immer zu verstehen. Anders ergeht es dem Leser mit den weiblichen Protagonisten des Romans. Da Léons Enkel der Erzähler dieser Geschichte ist und er diese schließlich nur durch den Großvater kennt, blieben sowohl Yvonne als auch Louise stets nur konturenhaft dargestellt. Ihre Gedanken und die Beweggründe für ihr Tun mussten oft mehr erahnt als erlesen werden. So lag über die gesamte Handlung der Fokus fast ausschließlich auf Léon und der Wunsch, mehr über die beiden Frauen zu erfahren, blieb unerfüllt.

Trotzdem hat Alex Capus mit diesem Roman eine Liebesgeschichte vorgelegt, wie ich sie mag, schnörkellos, kitschfrei und trotzdem in einem fast poetischen Erzählstil mit einer Prise Humor und sehr gelungenen Dialogen, leicht zu lesen und dabei nicht ohne Anspruch. Viele Gedanken, die es wert waren weitergesponnen zu werden, wurden nur angerissen. Diese hätten auch im Buch gern weitergeführt werden dürfen, 100 Seiten mehr hätten mich nicht gestört, aber wahrscheinlich hätte ich diesen Roman dann als vollkommener empfunden.

Mein Fazit: „Léon und Louise“ ist eine sehr schöne Dreiecksgeschichte über Liebe und Verantwortung. Die wenigen Kritikpunkte schmälerten meine Lesefreude nur wenig. Ich empfehle dieses Buch gern weiter.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Alex Capus, geb. 1961 in Frankreich, Studium der Geschichte und Philosophie in Basel. Journalist bei verschiedenen Schweizer Tageszeitungen. Der Autor lebt heute als freier Schriftsteller in Olten.

11. Mai 2011

Marie-Sabine Roger – Das Labyrinth der Wörter

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Das Labyrinth der Wörter
Marie-Sabine Roger
Originaltitel: La tête en friche
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: Hoffmann und Campe
ISBN-13: 978-3455402544

Der grobschlächtige Germain Chazes, Mitte 40, wird von (fast) allen für einen Dummkopf gehalten und sehr klug ist er wohl wirklich nicht, dafür ist er aber ein guter, einfacher und ehrlicher Kerl. Seine Zeit verbringt er mit Gelegenheitsjobs, mit dem Zählen der Tauben im Park, mit dem Schnitzen von Tierminiaturen und immer wieder setzt er seinen Namen auf die Liste der Kriegsgefallenen am Denkmal. Eines Tages trifft er auf „seiner“ Parkbank Margueritte Escoffier, eine 86jährige Dame aus dem nahegelegenen Altersheim, auch sie zählt die Tauben. So kommen beide ins Gespräch und ohne sich zu verabreden, treffen sie sich nun öfter. Eine ungewöhnliche Freundschaft entsteht. Margueritte ist sehr belesen, liebt die Literatur und nach und nach weckt sie auch Germains Interesse an den Büchern. Sie liest ihm Camus vor, schenkt ihm ein Wörterbuch, lehrt ihn den Umgang damit und versucht ihn feinfühlig aus dem Labyrinth der Wörter herauszuführen.
Marie-Sabine Roger erzählt in „Das Labyrinth der Wörter“ ein modernes Märchen über eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen dem fast Analphabeten Germain und der gebildeten, feinsinnigen Margueritte. Dabei bedient sie sich der Ich-Form aus der Sicht des Germain Chazes. Die Personenbeschreibungen haben mir sehr gut gefallen. Der ungehobelte und ungebildete Recke Germain trifft auf eine 40 Jahre ältere Dame, beide können schon von der Statur unterschiedlicher nicht sein, denn Margueritte reicht, auf der Parkbank sitzend, mit den Füßen nicht einmal bis auf den Boden. Aber auch in ihrer Persönlichkeit sind beide grundverschieden, ebenso wie ihr Umfeld, das sie prägte. Seit ich das Cover der DVD sah, habe ich die Romanfiguren mit Gérard Depardieu und Gisèle Casadesus besetzt. Von und mit diesen Protagonisten lebt das gesamte Buch. Mit ungeheurer Leichtigkeit erzählt die Autorin, wie sich Germain seinen Weg durch die für ihn oft unverständlichen Worte bahnt. Wie in einem Wörterbuch sind immer wieder manche Worte kursiv gedruckt und dazu wurden kurze Worterklärungen eingefügt. So kann sich der der Vielzahl der Wörter mächtige Leser besser in die Situation des des Lesens Ungeübten einfühlen. Ich hätte mir allerdings ein wenig mehr Bezug zu Büchern gewünscht. Der Klappentext hat da wohl etwas zu viel versprochen. Von dieser zugegebenermaßen rührenden Geschichte hatte ich mir auch ein wenig mehr Tiefe versprochen. Die unzähligen im Buch enthaltenen poesiebuchreifen Weisheiten täuschten diesen Anspruch leider nur vor. Viele der angesprochenen Themen wurden nur recht kurz abgehandelt und so war es dem Leser selbst überlassen, seine Gedanken spielen zu lassen. Das empfinde ich meistens sogar als sehr angenehm, dieses Buch hätte ich aber gern etwas ausgearbeiteter gehabt.
„Das Labyrinth der Wörter“ ist eine charmante Fiktion über Respekt, Toleranz, Liebe und Freundschaft, die irgendwo zwischen einem umgekehrten Aschenputtel und Forrest Gump angesiedelt ist. Sie ist leicht lesbar und die eine oder andere Stelle ist es wert, gedanklich weitergesponnen zu werden. Ich habe das Buch gern gelesen und bin gespannt auf die Verfilmung, die als DVD demnächst erscheinen wird.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Marie-Sabine Roger wurde 1957 in Bordeaux geboren und lebt in Südfrankreich. Sie arbeitete einige Jahre als Grundschullehrerin, ehe sie sich ganz der Schriftstellerei widmete. Von ihren Romanen wurden mehrere ausgezeichnet. »Das Labyrinth der Wörter« erhielt den Prix Inter 2009.

28. Februar 2011

Irène Némirovsky – Die Hunde und die Wölfe

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Die Hunde und die Wölfe
Irène Némirovsky
Originaltitel: Les chiens et les loups
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Knaus
ISBN-13: 978-3813502831

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ada Sinner wuchs in ärmlichen Verhältnissen im Judenviertel einer unbenannten ukrainischen Stadt auf. Ihre Mutter war tot und so musste sie ihren Vater bei seinen Geschäften als Handelsvertreter begleiten. Nachdem der Bruder des Vaters verstorben war, zogen dessen Witwe Rhaissa mit den Kindern Lilla und Ben bei Ada und Israel Sinner ein. Da der Vater Ada nun von der Tante betreut wusste, ging er in der Folge allein seinen Geschäften nach. Während eines Pogroms flüchteten Ada und Ben in die Oberstadt, das Viertel der Reichen, in ein Haus, das Ada schon seit langem bestaunte, das Haus der reichen Sinners. Hier lernte sie ihren Cousin Harry kennen, es war eine schicksalhafte Begegnung, denn sie konnte ihn danach nicht mehr vergessen.

Jahre vergingen und Rhaissa war mit den erwachsen gewordenen Kindern nach Paris gezogen; Ada und Ben hatten geheiratet. Da erfuhr Ada, die Malerin war, dass sich auch Harry, nicht weit entfernt von ihnen, in Paris aufhielt. Gab es doch noch Hoffnung für ihren geheimen Traum? …

In „Die Hunde und die Wölfe“ erzählt Irène Némirovsky die Geschichte der Jüdin Ada Sinner und ihrer Familie, eine Geschichte von Armut und Reichtum, von Emigration und Anpassung, von der Liebe, von Träumen und von der Angst. Ihr gelingt es, diese großen Themen in das doch relativ dünne Buch zu packen, ohne es überladen wirken zu lassen. So schildert sie gekonnt anhand von Israel und Samuel Sinner, von Ben und Harry, Ada und Laurence die krassen Gegensätze zwischen Arm und Reich und den Versuch Adas, den tiefen Graben zwischen diesen Welten durch ihre große Liebe überbrücken. Sie zeigt aber auch deutlich auf, dass die Situation der Protagonisten um Ada auch in der neuen Heimat nicht unbedingt einfacher wurde. Sie mussten wieder ums Überleben kämpfen und waren auch in Paris nur jüdisches Gesindel, wogegen Harry gleich der Schritt in die bessere Gesellschaft gelang. Sehr stimmungsvoll, immer ein wenig melancholisch überschattet und trotzdem nicht ausschließlich hoffnungslos breitet die Autorin das Schicksal ihrer Protagonisten vor dem Leser aus. So wurden die Träume von einem besseren Leben, der Wunsch einfach dazu zu gehören greifbar und nachvollziehbar. Nicht so überzeugend empfand ich die (Zweck-)Ehe von Ada und Ben. Dramaturgisch passte sie gut ins Geschehen, andererseits passte diese Entscheidung so gar nicht zu Bens Charakter, für den es immer nur um Alles oder Nichts ging, Ada für Alles jedoch nicht bereit war. Ihre Geschichte hat mich, besonders zum Ende hin, sehr berührt. Gern hätte ich sie noch ein Stück auf ihrem Weg begleitet.
Beeindruckt war ich besonders von der Beschreibung der historischen Kulisse, dem armseligen Leben der „kleinen“ Juden im zaristischen Russland, den Problemen der Migranten und deren Angst, ausgewiesen zu werden.

„Die Hunde und die Wölfe“ ist kein Liebesroman im klassischen Sinn. Durch die genaue Darstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse ließe sich dieser Roman schon fast ins historische Genre einordnen, zumal die Liebesgeschichte, die sich durch die Handlung zieht, überhaupt nicht süßlich verkitscht anmutet.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

Irène Némirovsky wurde 1903 als Tochter eines reichen russischen Bankiers in Kiew geboren und kam während der Oktoberrevolution nach Paris. Dort studierte sie französische Literatur an der Sorbonne. Irène heiratete den weißrussischen Bankier Michel Epstein, bekam zwei Töchter und veröffentlichte ihren Roman “David Golder”, der sie schlagartig zum Star der Pariser Literaturszene machte. Viele weitere Veröffentlichungen folgten. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach und die Deutschen auf Paris zu marschierten, floh sie mit ihrem Mann und den Töchtern in die Provinz. Während der deutschen Besetzung erhielt sie als Jüdin Veröffentlichungsverbot. In dieser Zeit arbeitete sie an einem großen Roman über die Okkupation. Am 13. Juli 1942 wurde Irène Némirovsky verhaftet und starb wenige Wochen später in Auschwitz. 2005 entzifferte Némirovskys Tochter Denise Epstein das Manuskript, das als „Suite française“ veröffentlicht und zur literarischen Sensation wurde.

6. Februar 2011

Tereza Vanek – Die Dichterin von Aquitanien

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Die Dichterin von Aquitanien
Tereza Vanek
Taschenbuch: 704 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag
ISBN-13: 978-3442472260

Frankreich/England in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts. Marie wuchs in ärmsten Verhältnissen auf. Der Spielmann Guillaume, ihr Stiefvater, der sie nach dem frühen Tod der Mutter allein aufzog, legte mehr Wert darauf, sie Lesen und Schreiben zu lehren als ihr die Dinge des Alltags beizubringen. Im Dorf waren sie Außenseiter, sie waren anders alle anderen und über Maries Herkunft wurde getuschelt. Nach seinem Unfall blieb Guillaume gerade noch Zeit ihr die Geschichte ihrer Herkunft zu erzählen. So erfuhr Marie, dass ihre Mutter, eine Magd, mit Geoffry VI., Bruder des englischen Königs Henri II., eine Liaison hatte, dieser für seine illegitime Tochter Geld schickte und ihnen somit das Überleben sicherte. Auf Betreiben Henri II. wurde sie an den Hof geholt und wurde eine der Damen von Königin Aliénor. Doch Maries Aufenthalt am Hof war nur von kurzer Dauer, schnell hatte der König ihre Ehe mit dem wesentlichen älteren walisischen Prinzen Cadell Rhys arrangiert. Doch der jähzornige Waliser ließ sie seine Burg nicht verlassen und misshandelte sie aufs Ärgste. Das Schreiben von Lais gab ihr in ihrer Einsamkeit Halt . Als die der Kunst sehr zugeneigte Königin von ihrem Können erfuhr, holte sie Marie an den Hof zurück und ließ sie jetzt für sich als Dichterin tätig werden. Schnell avancierte Marie zur Lieblingsdame Aliénors. Damit entkam sie zwar ihrer Ehehölle, aber auch am Hof gab es Intrigen, Neid und Machtkämpfe.
Bisher war mir Marie de France, die erste Dichterin Frankreichs, kein Begriff. Aber Tereza Vanek ist es gelungen, mir ihr Leben, die Lebensumstände und die Zeit nahezubringen. Mit Liebe zum Detail und historischer Genauigkeit ließ die Autorin vor meinem inneren Auge ein Bild entstehen, dass ich als sehr realitätsnah empfand. Ich konnte die Widrigkeiten und Beschwerlichkeiten des Lebens zu damaliger Zeit sehr gut nachvollziehen, konnte mir die örtlichen Gegebenheiten vorstellen und an den Gefühlen der Protagonisten teilhaben. Beeindruckt war ich von der ausgesprochen schönen Sprache, mit der das Buch glänzt. Dadurch konnte ich mich problemlos in die Handlungszeit hinein versetzen, hatte aber nie den Eindruck etwas gekünsteltes zu lesen. Dieser wunderbare historische Roman las sich sehr leicht, die Seiten flogen nur so dahin und ich war viel zu schnell am Ende angelangt. Die Charaktere waren facettenreich und vielschichtig gestaltet, fast hätte man den Eindruck bekommen können, Tereza Vanek kenne ihre Helden persönlich. Über 700 Seiten hält die Autorin den Leser in ihrer Geschichte fest. Spannende und ruhigere Szenen wechseln einander ab, aber Langeweile oder Eintönigkeit empfand ich beim Lesen nie. Eine Zeittafel, ein Stammbaum und eine Karte runden den sehr positiven Gesamteindruck ab.
Dieser Roman ist keine Biografie der Marie de France, auch wenn ihr Leben hätte genau so gewesen sein können, aber er ist auch keiner dieser zur Zeit den Buchmarkt überschwemmenden „Die …in“-Romane. „Die Dichterin von Aquitanien“ ist eine Perle unter den historischen Romanen, mit ihm werden Leser zu „Zeitzeugen“ längst vergangener Zeit.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

Tereza Vanek wurde 1966 in Prag geboren und kam als kleines Kind mit ihren Eltern nach München. Sie studierte Anglistik, Romanistik und Slawistik und promovierte über die Darstellung verbrecherischer Frauen im englischen Drama des 17. Jahrhunderts. Sie arbeitete als Fremdsprachenlehrerin, Übersetzerin, Call Center Agent und Teamassistentin und verkaufte im Internet nostalgische Kleidung, bevor sie sich mit ihrem ersten Roman »Schwarze Seide« einen Traum erfüllte und Schriftstellerin wurde. Tereza Vanek lebt und arbeitet in München.

5. Oktober 2010

Kirsten Schützhofer – Die Konfektmacherin

Einsortiert unter: 2010,History — Karthause @ 17:47
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Die Konfektmacherin
Kirsten Schützhofer
Taschenbuch: 608 Seiten
Verlag: Diana Verlag
ISBN-13: 978-3453354401

Südfrankreich, nach 1685. Catherine Jospin war 10 Jahre alt, als ihr Mutter starb und ihr ein Büchlein mit Rezepten hinterließ. Sie und ihre Schwestern Marietta und Julie waren protestantischen Glaubens. Eine Tatsache, die mit der Ablösung des Edikt von Nantes durch das von Fontainebleau durch Ludwig IX. für die Anhänger des falschen Glaubens höchst gefährlich war. Ihnen drohte Verfolgung, Gefängnis und auch der Tod. Nachdem infolge des Verrats durch die du Ports die Älteste der Schwestern, Marietta, gemeinsam mit ihrem Mann festgenommen wurden, mussten Catherine und Julie fliehen. Gemeinsam mit Mathieu, dem Freund seit Kindestagen und Verlobter Catherines, wollten sie über die Berge in Richtung Genf fliehen. Schon bald wurde Mathieu von den beiden Mädchen getrennt, die nun versuchten, sich mit Hilfe des Fluchthelfers Luc nach Orléans durchzuschlagen. Aber Barnabas du Port und sein Sohn Adrien, angestachelt durch den Vater, geben die Suche nach den Schwestern nicht auf. Ein Geheimnis aus alten Zeiten liegt über den beiden Familien.

Mit „Die Konfektmacherin“ hat Kirsten Schützhofer ihren vierten historischen Roman vorgelegt. Der Titel versprach einen jener süßlichen „Die …in“-Romane, die derzeitig in den Buchhandlungen unübersehbar sind. Dafür war allerdings zu wenig Konfektmacherin drin. Zum Glück. Die Autorin ist ihrem bekannten Stil treu geblieben und hat historische Genauigkeit, Glaubwürdigkeit und Realitätsnähe dem lieblichen Gesäusel vorgezogen. Ihre Protagonisten wirkten menschlich mit eben jenen Stärken und Schwächen, die einen vollwertigen Charakter ausmachen. So gab es Personen, die man schnell in sein Herz schloss und solche, deren Tun und Lassen man eher mit Skepsis betrachtete. Sehr exakt und detailliert schilderte die Autorin die historischen Gegebenheiten und zeigt vor dem Hintergrund der Hugenottenverfolgung infolge des Edikts von Fontainebleau auf, wie wichtig gegenseitige Toleranz und Akzeptanz für ein friedliches Zusammenleben der Menschen sind. Wie ein roter Faden zieht sich das nicht miteinander Sprechen durch die elf Jahre umfassende Handlung. Was den Protagonisten das Leben erschwert, aber das zieht natürlich auch einen Zuwachs an Spannung nach sich. Mit viel Liebe zum Detail wird der Alltag der Menschen zur damaligen Zeit sehr anschaulich beschrieben. Die im Roman enthaltenen Liebesgeschichten drängen nur sehr selten in den Vordergrund, obwohl sie doch die Handlung in einem gewissen Maße prägen. Sie sind lebens- und gefühlsnah beschrieben, sind aber weder kitschig noch romantisch verklärt, was dem historischen Hintergrund der Handlung auch nicht angemessen wäre. Das Buch ist flüssig und ohne größere Längen geschrieben, es zieht den Leser von Beginn an in den Bann und lässt sich sehr gut lesen.

Liebhaber von Romanen, bei denen geschichtsrelevante Ereignisse nicht nur bloße Kulisse sind, sondern die Handlung leiten und die noch dazu sehr genau recherchiert und gut beschrieben sind, werden an „Die Konfektmacherin“ viel Freude haben.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

Kirsten Schützhofer, 1972 geboren, war in der Erwachsenenbildung tätig, bevor sie 1999 in Leipzig den Studiengang Bibliothekswesen begann. Sie verbrachte längere Zeit am Goethe Institut in Bordeaux sowie in Bibliotheken in Colmar und in den Archives de Paris. Heute arbeitet sie als Bibliothekarin. „Die Konfektmacherin“ ist ihr vierter Roman im Diana-Verlag.

Homepage von Kirsten Schützhofer

PS: Wer jetzt Lust auf Süßes verspürt, kann sie die Leckerei aus Montelimar hier anschauen. Gucken macht auch nicht dick. ;-)

26. April 2010

Sabrina Capitani – Der verborgene Brunnen

Einsortiert unter: 2010,History — Karthause @ 15:23
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Der verborgene Brunnen
Sabrina Capitani
Broschiert: 379 Seiten
Verlag: Piper
ISBN-13: 978-3492252027

Ende des 10. Jahrhunderts in der Provence. Kassia, eine Halbsarazenin, ist 16 Jahre alt und schon als Säugling in ein Kloster gekommen. Nun macht sie sich mit dem Pfarrer des Dorfes Roubion auf den Weg, um einen alten Witwer zu heiraten. Als sie ihr Ziel erreichen, ist dieser aber gerade verstorben. Von ihrer Mitgift kauft sie sich ein Stück Land. Aber bald wird die Wasserknappheit zum Problem. Der Quellmeister sucht vergeblich, aber sein Sohn Ramon, von vielen als Dorftrottel verspottet, findet auf dem Land einen verborgenen Brunnen. Als dieser von beiden wieder hergerichtet wird, gibt er sein Geheimnis preis – das Skelett eines Fremden. Von den Leuten im Dorf will keiner etwas wissen. Als Kassia nachfragt, stößt sie auf eine Mauer aus Schweigen und Ablehnung.

Mit diesem Buch bekam ich einen wunderbaren historischen Roman zu lesen. Sehr liebevoll beschrieb Sabrina Capitani die karge und trockene Landschaft in der Provence. Sie zeigte eindrucksvoll auf, welche Bedeutung es hat, über eine Quelle oder einen Brunnen zu verfügen. Aber sie beschreibt auch das Miteinander, das Angewiesensein auf den Nachbarn, den Zusammenhalt in der Gemeinschaft und die sich für den Ausgeschlossenen ergebenden Probleme. Kassia war eine, die nicht dazu gehörte. Erschwerend kam für sie noch hinzu, dass sie als Halbsarazenin mit Vorurteilen leben musste und so auf Misstrauen und Feindseligkeit stieß. Aber sie meisterte alle Situationen, ohne dabei künstlich zu wirken. Sie war eine sehr sympathische Hauptfigur, mit der man sofort mitfühlen konnte. Mit sehr viel Liebe zum Detail beschrieb die Autorin die Lebensumstände in dem abgelegenen Dorf, das Leben im Einklang mit der Natur und öffnete dem Leser so ein Fenster in eine lang vergangene Zeit. Auch das Zusammentreffen verschiedener Religionen ist ein Thema, das in diesem Roman einen wichtigen Stellenwert hat und dadurch eine Brücke in unsere zeit schlägt.

Sehr gut gefallen hat mir auch der Aufbau des Romans. Zuerst wird die Geschichte von Kassia erzählt, später die der Nonne Douce, die im Kloster eine enge Vertraute unserer Protagonistin war. Da diese beiden Handlungen nicht parallel abliefen, blieb der Spannungsbogen bis zum Ende hin erhalten. In diesem Roman ist aber auch die Geschichte einer Liebe beschrieben, unaufdringlich, mit leisen Worten und wie der gesamte Roman – einfach nur schön.

Mein Fazit: „Der verborgene Brunnen“ ist etwas ganz Besonderes im Genre der historischen Romane, ein Buch das ich von ganzem Herzen empfehlen kann. Im Sommer erscheint ein neuer historischer Roman der Autorin, ich habe ihn mir schon vorgemerkt.

Über den Autor (Quelle Amazon)

Sabrina Capitani, geboren 1953, studierte Germanistik, Publizistik und Kunst in Berlin und arbeitet seit zwanzig Jahren als Autorin für Hörfunk und Fernsehen. Sie schrieb Drehbücher für deutsche Kinderserien, Hörspiele für den SFB, für Radio Bremen und RAI und ist außerdem als freie Malerin tätig.

Homepage der Autorin, die auch unter ihrem Namen Sabine Korsukewitz Romane veröffentlicht hat.

10. November 2009

François Lelord – Hector & Hector und die Geheimnisse des Lebens

Einsortiert unter: 2009,Belletristik — Karthause @ 20:25
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Hector & Hector
und die Geheimnisse des Lebens
François Lelord
Gebundene Ausgabe: 222 Seiten
Verlag: Piper
ISBN-13: 978-3492051675

Seit Jahren kenne ich Hector schon, Hector sen., er philosophierte über die Liebe, die Zeit und das Glück und bescherte mir damit sehr schöne Lesestunden. Jetzt gibt es Hector im Doppelpack, Hector sen. und Petit Hector und auch Clara ist dazu gekommen als Ehefrau und Mutter. In diesem Buch sollten wir nun die Welt des kleinen Hectors, die ist schließlich sehr kompliziert, und seine Sicht darauf kennen lernen. Wie sein Vater hat er ein Notizbuch und entdeckt die Welt auf seine eigene Weise.

Auf dieses Buch hatte ich mich gefreut, ja, ich bin bekennender Hector-Leser und -Liebhaber. Aber von der ersten Seite an, war ich irritiert über die Art des Petit Hector. Er sprach zwar Fragen an, die ein Kind schon bewegen können, das Kind in mir konnte er nicht erreichen. Mir kam er viel zu altklug, neunmalschlau und besserwisserisch vor. Die vorherigen Bücher des Autors waren mit Witz und Charme geschrieben, beides vermisste ich hier, ich war einfach nur genervt von der hier offenbarten Naivität. Dabei kann ich nicht einmal eine Aussage über das wirkliche Alter des Jungen machen, ein Schulkind, mehr erschloss sich mir nicht. Allerdings habe ich das Buch ab Seite 100 auch nur noch diagonal gelesen.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

François Lelord, geboren 1953 in Paris, studierte Medizin und Psychologie und wurde Psychiater, schloss 1996 jedoch seine Praxis, um sich und seinen Lesern die wirklich großen Fragen des Lebens zu beantworten. Er ist viel auf Reisen, besonders gerne in Asien, und lebt nach einem Jahr in Kalifornien heute in Paris und Hanoi, wo er seit 2004 Psychiater an der französischen Klinik ist. Seine Bücher »Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück«, »Hector und die Geheimnisse der Liebe« und »Hector und die Entdeckung der Zeit« wurden internationale Erfolge.

31. Oktober 2008

Muriel Barbery – Die letzte Delikatesse

Einsortiert unter: 2008,Belletristik — Karthause @ 16:46
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DER französische Gastronomiekritiker liegt im Sterben. Sein Herz versagt ihm den Dienst. In den letzten Stunden gehen seine Gedanken zurück zu den vielen Geschmackserlebnissen, die ihm sein Beruf beschert hat. Aber er tut sich schwer die Delikatesse seines Lebens klar zu benennen. Ganz langsam nähert er sich dieser jedoch.

Auch aus dem Umfeld des Kritikers kommen in diesem Roman Stimmen, die ihm nicht immer freundlich gesonnen sind. Die Concierge des Hauses in Rue de Grenille, seine Familie, ein Bettler, alle machen sich ihre Gedanken über ihn.

Die letzte Delikatesse“ ist der erste Roman der Autorin Muriel Barbery. Es ist ein nur dünnes Büchlein von 141 Seiten. Aber sein Inhalt bietet weit mehr als nur eine kurze Unterhaltung. Einige der Handelnden sind mir aus der Lektüre von „Die Eleganz des Igels“ bereits bekannt. So fiel es mir nicht schwer, mich sofort in diesem Buch zurechtzufinden. Vom Stil her war ich auch an den Nachfolger erinnert. Jede Person bekam einen eigenen Abschnitt für seine Gedanken über den Sterbenden. Dabei war das Buch so strukturiert, dass die Gedanken derer, mit denen er sein Leben teilte sich mit seinen eigenen zu den verschiedensten Dingen abwechselten. Mir hat dies sehr gut gefallen, obwohl ich solch kurze Abschnitte eigentlich nicht so mag. Hier war es passend.

Ich bin kein Kenner der Feinschmeckerszene, fand aber die Abschnitte über die diversen Lebensmittel und die Gastronomie sehr interessant. Erstaunt war ich über die teilweise recht bissige Sprache, besonders in den Gedanken der Mitmenschen über den Kritiker. Aber er war auch nicht der liebenswerteste Zeitgenosse.

Mein Fazit: „Die letzte Delikatesse“ ist ein unterhaltsamer und nachdenklich stimmender Ausflug in das Reich der Genüsse, der vom nahenden Tod des Gastrokritikers überschattet wird. Es war eine leicht zu lesende und interessante Lektüre, die ich allen, denen „Die Eleganz des Igels“ gefallen hat, empfehlen kann.

Broschiert: 141 Seiten * Verlag: Fischer (Tb.) * ISBN-13: 978-3596160846

28. Oktober 2007

Wolfram Fleischhauer – Die Frau mit den Regenhänden

Einsortiert unter: 2007,Belletristik — Karthause @ 20:19
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Ein Buch, eine Stadt, zwei verschiedene Jahrhunderte, zwei ergreifende Schicksale und die Frage, was die beiden Frauen verbindet.

Im Frühjahr 1867 wird Marie Lazès in Paris unter dem Verdacht verhaftet, ihr Kind in der Seine ertränkt zu haben. Sie beteuert jedoch unbeirrt ihre Unschuld. Für die Ankläger scheint ihre Schuld aber erwiesen, denn dies ist kein Einzelfall zu dieser Zeit. Antoine, ihr Pflichtverteidiger, hat Zweifel an ihrer Schuld. Was ist an diesem Fall so bedeutend, dass sich sogar die Geheimpolizei damit befasst? So beginnt er selbst mit Nachforschungen.

Im Jahr 1992 recherchiert Bruno in einer Pariser Bibliothek für seine Doktorarbeit über die Architektur zur Zeit der Weltausstellung. Dort lernt er Gaëtane kennen, die Recherchen zur gleichen Zeit anstellt. Warum forscht die junge Frau in den Akten eines Kindermordes, der 125 Jahre zurück liegt?

Wolfram Fleischhauer gelingt es ausgezeichnet, beide Handlungsstränge so miteinander zu verweben, dass sie am Ende verschmelzen. Das geschieht wieder in der ihm eigenen wunderbaren Sprache, mit der er den Leser an seinen Roman fesselt. Auch jetzt, Tage nach dem ich dieses Buch beendet habe, beschäftigt mich dieses Buch. Ausführungen zur Geschichte des 2. Kaiserreiches und zur Medizingeschichte runden die Handlung ab und machen Geschichtsunterricht zur Freude. Die Charaktere fand ich sehr gelungen, sie waren facettenreich und menschlich. Auch von der Schilderung der Lebensumstände im Paris des Jahres 1867 war ich sehr beeindruckt. Es war erschütternd zu lesen, wie die Menschen in ihrer bitteren Armut leben mussten. Die Zustände, die in dem Krankenhaus herrschten, waren erschreckend. Konnten die Menschen dort überhaupt gesund werden, oder gingen sie nur zum Sterben dorthin? Letztlich blieb die Erkenntnis zurück, dass sich die Handlungsstränge zwar zeitlich von einander unterscheiden, Geld aber damals wie heute der alles entscheidende Faktor ist und Gewinn und Ansehen wichtiger sind als alles andere.

Bisher wurde ich von noch keinem Roman Wolfram Fleischhauers enttäuscht, obwohl meine Erwartungshaltung bei jedem seiner Bücher sehr hoch war. “Die Frau mit den Regenhänden” ging mir aber besonders unter die Haut. Vielleicht lag es daran, dass die Thematik so aktuell war.

Gebundene Ausgabe:488 Seiten
Verlag:Droemer Knaur
ISBN-13: 978-3426617274

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