Karthauses Bücherwelt …

11. Mai 2011

Marie-Sabine Roger – Das Labyrinth der Wörter

Einsortiert unter: 2011,Belletristik — Karthause @ 18:21
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Das Labyrinth der Wörter
Marie-Sabine Roger
Originaltitel: La tête en friche
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: Hoffmann und Campe
ISBN-13: 978-3455402544

Der grobschlächtige Germain Chazes, Mitte 40, wird von (fast) allen für einen Dummkopf gehalten und sehr klug ist er wohl wirklich nicht, dafür ist er aber ein guter, einfacher und ehrlicher Kerl. Seine Zeit verbringt er mit Gelegenheitsjobs, mit dem Zählen der Tauben im Park, mit dem Schnitzen von Tierminiaturen und immer wieder setzt er seinen Namen auf die Liste der Kriegsgefallenen am Denkmal. Eines Tages trifft er auf „seiner“ Parkbank Margueritte Escoffier, eine 86jährige Dame aus dem nahegelegenen Altersheim, auch sie zählt die Tauben. So kommen beide ins Gespräch und ohne sich zu verabreden, treffen sie sich nun öfter. Eine ungewöhnliche Freundschaft entsteht. Margueritte ist sehr belesen, liebt die Literatur und nach und nach weckt sie auch Germains Interesse an den Büchern. Sie liest ihm Camus vor, schenkt ihm ein Wörterbuch, lehrt ihn den Umgang damit und versucht ihn feinfühlig aus dem Labyrinth der Wörter herauszuführen.
Marie-Sabine Roger erzählt in „Das Labyrinth der Wörter“ ein modernes Märchen über eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen dem fast Analphabeten Germain und der gebildeten, feinsinnigen Margueritte. Dabei bedient sie sich der Ich-Form aus der Sicht des Germain Chazes. Die Personenbeschreibungen haben mir sehr gut gefallen. Der ungehobelte und ungebildete Recke Germain trifft auf eine 40 Jahre ältere Dame, beide können schon von der Statur unterschiedlicher nicht sein, denn Margueritte reicht, auf der Parkbank sitzend, mit den Füßen nicht einmal bis auf den Boden. Aber auch in ihrer Persönlichkeit sind beide grundverschieden, ebenso wie ihr Umfeld, das sie prägte. Seit ich das Cover der DVD sah, habe ich die Romanfiguren mit Gérard Depardieu und Gisèle Casadesus besetzt. Von und mit diesen Protagonisten lebt das gesamte Buch. Mit ungeheurer Leichtigkeit erzählt die Autorin, wie sich Germain seinen Weg durch die für ihn oft unverständlichen Worte bahnt. Wie in einem Wörterbuch sind immer wieder manche Worte kursiv gedruckt und dazu wurden kurze Worterklärungen eingefügt. So kann sich der der Vielzahl der Wörter mächtige Leser besser in die Situation des des Lesens Ungeübten einfühlen. Ich hätte mir allerdings ein wenig mehr Bezug zu Büchern gewünscht. Der Klappentext hat da wohl etwas zu viel versprochen. Von dieser zugegebenermaßen rührenden Geschichte hatte ich mir auch ein wenig mehr Tiefe versprochen. Die unzähligen im Buch enthaltenen poesiebuchreifen Weisheiten täuschten diesen Anspruch leider nur vor. Viele der angesprochenen Themen wurden nur recht kurz abgehandelt und so war es dem Leser selbst überlassen, seine Gedanken spielen zu lassen. Das empfinde ich meistens sogar als sehr angenehm, dieses Buch hätte ich aber gern etwas ausgearbeiteter gehabt.
„Das Labyrinth der Wörter“ ist eine charmante Fiktion über Respekt, Toleranz, Liebe und Freundschaft, die irgendwo zwischen einem umgekehrten Aschenputtel und Forrest Gump angesiedelt ist. Sie ist leicht lesbar und die eine oder andere Stelle ist es wert, gedanklich weitergesponnen zu werden. Ich habe das Buch gern gelesen und bin gespannt auf die Verfilmung, die als DVD demnächst erscheinen wird.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Marie-Sabine Roger wurde 1957 in Bordeaux geboren und lebt in Südfrankreich. Sie arbeitete einige Jahre als Grundschullehrerin, ehe sie sich ganz der Schriftstellerei widmete. Von ihren Romanen wurden mehrere ausgezeichnet. »Das Labyrinth der Wörter« erhielt den Prix Inter 2009.

28. Oktober 2007

Khaled Hosseini – Drachenläufer

Einsortiert unter: 2007,Belletristik — Karthause @ 20:55
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Amir, Sohn eines wohlhabenden Paschtunen und Hassan, ein Hazara und Sohn des Dieners von Amirs Vater, werden von der gleichen Amme gestillt und wachsen gemeinsam auf. Hassan würde für Amir alles tun. Amir selbst sieht diese Beziehung wesentlich egoistischer. Er nutzt seine bessere Herkunft aus, er ist stolz, wenn er Hassan etwas vorlesen kann, dieser kann weder lesen noch schreiben, aber auf den Gedanken, es dem Freund zu lehren, kommt er nicht. Auch die Beziehung Amirs zu seinem Vater ist sehr kompliziert. Amir liest viel und schreibt eigene Geschichten. Der Vater erwartet vom Sohn, dass er Fußball spielt und die traditionellen Wettkämpfe im Drachensteigen gewinnt. Letzteres gelingt ihm zwar mit Hassans Hilfe, aber Hassan muss diesen Sieg Amirs teuer bezahlen. Der Freund könnte zwar helfend einschreiten als Hassan in größter Not ist, er verrät jedoch die Freundschaft. Für ihn ist der Sieg beim Drachensteigen wichtig, er hat endlich die Aufmerksamkeit des Vaters erlangt, nach der er sich so lange sehnte. Der Verrat, den Amir an Hassan beging, verfolgt ihn noch als erwachsener Mann. Amir, der schon Ende der 70er Jahre mit dem Vater in die USA geflüchtet ist, findet keine Ruhe. Als er Jahre später dann die Möglichkeit bekommt, seine Schuld abzutragen, macht er sich auf den Weg nach Afghanistan.

Die Handlung des Romas beginnt Mitte der 70er Jahre und zieht sich in verschiedenen Episoden bis in unsere jüngste Vergangenheit hin. Dem Autor gelingt es hervorragend, Details aus dem Alltag in Afghanistan auf interessante Weise mit der Handlung des Buches zu verknüpfen. Politische Hintergründe werden beleuchtet und ich konnte mir ein gutes Bild über die Lebensumstände der Bewohner Kabuls zu Zeiten des Friedens, aber auch unter der sowjetischen Besatzung und unter der Taliban-Herrschaft machen. Er scheute auch nicht die realitätsnahe Schilderung von Gräueltaten, die in Kriegzeiten an der Tagesordnung waren. Trotzdem hatte ich als Leser nie den Eindruck ein Voyeur zu sein. Denn ich lachte mit dem Protagonisten, ich litt mit ihm, ich verachtete ihn und ich liebte ihn. Dies war nur durch die fantastische Erzählweise Khaled Hossenis möglich, der diesen Roman so einfühlsam und in einem so lebendigen Stil schrieb, dass ich zeitweise das Gefühl hatte, eine wahre Geschichte zu lesen. Das ist aber nicht zuletzt des Ich-Erzählers Amir geschuldet, der mich mit seiner nicht zu blumigen aber spürbaren arabischen Erzählweise völlig in seinen Bann zog. Manche Passagen waren fast schon poetisch. Mir persönlich war das Ende des Buches mit etwas zu viel Action beladen, zu amerikanisch. Aber das ist Geschmacksache, spannend war es auf jeden Fall. Zusammenfassend kann ich sagen, dass „Drachenläufer“ ein äußerst bemerkenswertes Buch ist, das ich sehr gern weiterempfehle. Ich hoffe, von diesem Autor noch viele Bücher lesen zu können, er ist ein wunderbarer Erzähler.

Taschenbuch: 385 Seiten
Verlag: Bvt Berliner Taschenbuch Verlag
ISBN-13: 978-3833301490

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