Karthauses Bücherwelt …

30. Mai 2013

Daniel Wolf – Das Salz der Erde

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Das Salz der Erde

Wolf, Daniel

Taschenbuch: 1152 Seiten

Verlag: Goldmann Verlag

ISBN-13: 978-3442479474

Über das Buch (Quelle: Goldmann Verlag)

Ein grandioses Mittelalter-Epos … um Liebe, Freiheit und das weiße Gold!

Herzogtum Oberlothringen, 1187. Nach dem Tod seines Vaters übernimmt der junge Salzhändler Michel de Fleury das Geschäft der Familie. Doch seine Heimatstadt Varennes leidet unter einem korrupten Bischof und einem grausamen Ritter, der die Handelswege kontrolliert – es regieren Armut und Willkür. Als Michel beschließt, Varennes nach dem Vorbild Mailands in die Freiheit zu führen, steht ihm ein schwerer Kampf bevor. Seine Feinde lassen nichts unversucht, ihn zu vernichten. Nicht einmal vor Mord schrecken sie zurück. Und schließlich gerät sogar seine Liebe zur schönen Isabelle in Gefahr…

Über den Autor

Daniel Wolf, geboren 1977, arbeitete u.a. als Musiklehrer, in einer Chemiefabrik und im Öffentlichen Dienst, bevor er freier Schriftsteller wurde. Schon als Kind begeisterte er sich für alte Ruinen, Sagen und Ritterrüstungen; seine Leidenschaft für Geschichte und das Mittelalter führte ihn schließlich zum historischen Roman. Er lebt mit seiner Frau und zwei Katzen in einer der ältesten Städte Deutschlands.

Meine Meinung

Herzogtum Oberlothringen 1187 – 1206. Geprägt durch die gemeinsame Flucht mit dem Vater Rémy und den Geschwistern in Kindertagen aus der Leibeigenschaft nach Varenne-Saint-Jaques, wo man nach einem Aufenthalt von einem Jahr und einen Tag die Freiheit erlagt, lernt Michel de Fleury früh den Wert dieser schätzen. Mit viel Fleiß schafft es der Vater, ein Handelsgeschäft zu etablieren, das Michel nach dem Tod des Vaters weiterführt. Der Vater ermöglichte es Michel, in Mailand von der Pike auf zu lernen, was es heißt ein Handeltreibender zu sein. Zurück in Varenne wird Michel schmerzlich klar, wie seine Stadt unter der kirchlichen und weltlichen Herrschaft leidet. Handelswege werden kontrolliert, willkürliche Steuern erhoben, das Geld immer wieder verrufen. Aber Michel hat einen Traum, den vom freien Bürgertum in einer freien Stadt, für diesen lebt und kämpft er.

Daniel Wolf siedelt die Handlung seines historischen Romans in der fiktiven Stadt Varenne-Saint-Jaques an. An deren Beispiel macht er für die Leser erlebbar, wie das aufstrebende Bürgertum um seine Rechte kämpfte. Er schildert die Knechtung der Hörigen, das Festhalten der Oberen an traditionellem Gebaren und den immer stärker werdenden Unmut der Gilden. Kurz, der Autor hat ein umfassendes und glaubhaftes Zeit- und Sittenbild des ausgehenden 12. und beginnenden 13. Jh. gezeichnet. Die Helden des Romans sind gut entwickelt. Hatte ich zu Beginn meiner Lektüre noch ein paar Bedenken, dass Michel zu sehr zum Gutmenschen werden könnte, relativierte sich das und auch bei ihm wurden die von mir geschätzten menschlichen Seiten sichtbar. Aber auch der böseste Widersacher konnte mir ein Fünkchen Sympathie abringen.

Dieser monumentale, 1152 Seiten dicke Roman ist in fünf Abschnitte untergliedert, welche wiederum in einzelne Kapitel unterteilt sind. Jedes ist mit einer Orts- und Zeitangabe versehen. Wechselt der Handlungsort, hat der Autor Zwischenüberschriften zur besseren Orientierung für den Leser eingefügt. Das Buch enthält auch einen schematischen Stadtplan von Varenne, eine Übersichtskarte, ein Personenregister und ein ausführliches Glossar.

„Das Salz der Erde“ ist ein gelungener Roman, in dem historische Fakten mit Fiktion gekonnt verknüpft werden. Die Handlung wird konsequent vorangetrieben, wobei dem Leser gelegentlich eine Pause zum Durchatmen und Sammeln seiner Gedanken gegönnt wird. Das geschieht in erster Linie durch die gewollte Vorhersehbarkeit einiger Situationen, die in den dem jeweiligen Ereignis vorhergehenden Szenen fast schon angekündigt wurden. Für meinen Geschmack hätte sich der Roman ein wenig mehr am Titel orientieren können und das Salz und dessen Gewinnung etwas mehr in den Mittelpunkt rücken dürfen. Aber das ist nur ein Gedanke am Rande.

Wer komplexe, gut recherchierte und umfangreiche Mittelalterromane mag, wird an „Das Salz der Erde“ sicher seine Freude haben.

26. Dezember 2012

Carol Birch – Der Atem der Welt

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Der Atem der Welt

Birch, Carol

Originaltitel: Jamrach’s Menagerie

Gebundene Ausgabe: 395 Seiten

Verlag: Insel Verlag

ISBN-13: 978-3458175445

 

 

Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

Jaffy Brown wächst in ärmlichen Verhältnissen auf: Londons Docklands im Jahr 1857 stinken nach Moder und Unrat, sind bevölkert von Matrosen und Huren. Eines Tages begegnet Jaffy einem aus einer Menagerie entlaufenen Tiger, einem herrlichen Geschöpf auf geschmeidigen Pfoten. Eine Begegnung, die ihn in eine fremde, verheißungsvolle Welt voll exotischer Schönheit, wilder Tiere und wundersamer Geschöpfe versetzt. Und die in Jaffy Sehnsucht nach der Weite des Meeres weckt: Mit seinem besten Freund Tim heuert er auf einem Walfänger an, der sie auf eine abenteuerliche Reise führt, tief hinein in die Stürme des Indischen Ozeans. Und schließlich an die Grenzen der Welt und ihres Menschseins. Carol Birch erzählt ihren aufwühlenden Roman mit herausragender Erfindungsgabe, gepaart mit einer leuchtenden sprachlichen Kraft – im Kopf das wogende Meer. Ein Gesang der Geister über den Wassern, von der Verlorenheit auf hoher See und von einer bewegenden Freundschaft, die selbst das Unfassbare überdauert.

Meine Meinung

Carol Birch führt ihre Leser nach London in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Ein wenig lebte in meiner Fantasie die Welt des Charles Dickens auf. Ich lese Romane, die in dieser Zeit angesiedelt sind, an sich sehr gern und selten hat mich einer so zwiegespalten zurückgelassen wie dieser. Den Erzählstil der Autorin mochte ich. Durch die Verwendung vieler Adjektive erscheint die erzählte Geschichte sehr plastisch und man kann sich die Gegebenheiten sehr gut vorstellen. Andererseits hätte ich manches gern noch ausführlicher beschrieben gehabt, so zum Beispiel die Kindheit des Jaffy Brown in den Londoner Docklands. Es fiel mir auch etwas schwer, mich in den Roman einzulesen. So richtig einfangen konnte mich Carol Birch erst zum Zeitpunkt des Schiffbruchs. In diesem Abschnitt waren die Personen besonders gut charakterisiert, so wie im echten Leben in Notsituationen die Charaktereigenschaften besonders gut sichtbar werden, so empfand ich das auch in diesem Fall. Ungeschönt und psychologisch gekonnt wurden die Ängste und Gewissenskonflikte der Protagonisten dargestellt und manch harte Szene musste der Leser verdauen, Szenen, die nahe gingen und in denen auch Abscheu aufkommen konnte. Die Walfangkapitel erinnerten mich sehr an Moby Dick, konnten aber in ihrer Intensität nicht mit dem Klassiker mithalten. Im Nachwort wurde dann auch deutlich, auf welchen wahren Begebenheiten der Roman fundiert und die Parallelen zum Werk von Melville wurden verständlicher.

So hin- und hergerissen, wie ich beim Lesen des Romans war, bin ich auch bei dessen Bewertung, weil ich nicht an handfesten Fakten festmachen kann, was mich gestört hat. Vielleicht waren die Erwartungen meinerseits zu hoch, vielleicht war es das falsche Buch zur falschen Zeit. In Anbetracht der wirklich schönen Beschreibungen von Menschen, Tieren, Begebenheiten und Umwelt vergebe ich 3,5 von 5 Sternen.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Carol Birch, geboren 1951, hat bereits mehrere Romane veröffentlicht und wurde unter anderem mit dem David Higham Award ausgezeichnet. Mit Der Atem der Welt stand Birch auf der Shortlist des Man Booker Prize 2011. Birch lebt in Lancaster.

16. Dezember 2012

Ulf Schiewe – Die Hure Babylon

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Man schreibt das Jahr 1147. Ermengarda, Vescomtessa von Narbona, muss weiterhin ihre Scheinehe aufrecht erhalten. Sie liebt aber Arnaut de Montalban, einen jungen Landadeligen. Dieses Verhältnis ist ein offenes Geheimnis und als Ermengarda dann noch ein Kind von Arnaut erwartet, scheint das Glück auf ihrer Seite. Sie erleidet jedoch eine Fehlgeburt. Arnaut sieht das als Strafe Gottes für die sündhafte Beziehung zu Ermengarda an und schließt sich dem 2. Kreuzzug ins gelobte Land an.

„Die Hure Babylon“ ist der 3. Teil der Montalban-Reihe, die mit „Der Bastard von Tolosa“ begann und schließt zeitlich direkt an seinen unmittelbaren Vorgänger „Die Comtessa“ an. Allerdings können alle Romane von einander losgelöst gelesen werden, Ulf Schiewe versteht es ganz hervorragend, Inhalte aus den vorherigen Romanen in diesem zu wiederholen, ohne den Leser, dem diese bereits bekannt sind, zu langweilen. Wie bereits von mir erwartet, ist auch „Die Hure Babylon“ erzählerisch äußerst eindrucksvoll geschrieben. Besonders die Erkenntnis Arnauts, dass es bei den Kreuzzügen nicht vorrangig um die Verbreitung des Glaubens sondern um Macht und Territoriengewinn geht, war blendend beschrieben. Der Autor schildert das Gemetzel in den Schlachten intensiv und hält sich dabei eng an die zurzeit zur Verfügung stehenden historischen Quellen. Dadurch wirkt der Roman sehr authentisch, verlangt dem Leser aber einiges ab. Nichts wird geschönt, es wird gemordet, abgeschlachtet, vergewaltigt. Der Kreuzzug wird geschildert als das was er war, ein grausamer, brutaler Krieg unter dem Deckmantel des Glaubens.

Der Roman ist in fünf Teile gegliedert. Jeder einzelne beginnt mit einem Kapitel, das aus der Sicht Ermengardas in der Ich-Form geschrieben wurde. Dadurch behält der Leser auch die Geschehnisse in Narbona im Auge.

Die Personen in diesem Roman sind, wie in allen des Autors, sehr gekonnt charakterisiert. Sie erscheinen wirklichkeitsnah und lebensecht, man hat das Gefühl, der Autor berichtet von guten Bekannten, die Stärken und auch Schwächen haben. Man kann mit ihnen mitfiebern, mitleiden und sich an ihnen reiben. Allesamt sind sie Kinder ihrer Zeit.

Besonders beeindruckt haben mich die Passagen mit den tiefen, fast schon philosophischen Gedanken zum Thema Krieg. Sie gaben diesem im 12. Jahrhundert angesiedelten Roman eine ungemeine Aktualität.

Dem Buch ist ein umfangreiches Glossar beigefügt, das die im Roman verwendeten unbekannten und fremdsprachigen Begriffe sehr gut erklärt. Neben einem Personenverzeichnis, das die urkundlich erwähnten Personen benennt rundet eine Landkarte das Buch ab.

Wer gern gut recherchierte, schlüssig geschriebene, unterhaltsame Romane liest, sich von den Gräueln des Kreuzzuges nicht abschrecken lässt, wird in „Die Hure Babylon“ einen wunderbar opulenten, bild- und sprachgewaltigen historischen Roman finden, mit dem man in die Vergangenheit förmlich eintauchen und seine Geschichtskenntnisse auffrischen kann. Für mich hat dieser Roman alles was ein wirklich gutes Buch benötigt.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Ulf Schiewe wurde 1947 geboren. Eigentlich wollte er Kunstmaler werden, doch statt der “brotlosen Kunst” widmete er sich der Technik und wurde Software-Entwickler und später Marketingmanager für Softwareprodukte.

Seit frühester Jugend war Ulf Schiewe eine Leseratte, den spannende Geschichten in exotischer Umgebung faszinierten. Im Lauf der Jahre erwuchs aus der Lust am Lesen der Wunsch, selbst einen großen historischen Roman zu schreiben, der in den “Bastard von Tolosa”, seinen ersten Roman, mündete. Ulf Schiewe ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und lebt in München.
Mehr Information über den Autor findet man unter www.ulfschiewe.de

8. Dezember 2012

Die Plantage – Catherine Tarley

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Die Plantage

Tarley, Catherine

Taschenbuch: 880 Seiten

Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag

ISBN-13: 978-3423249430

South Carolina im Jahr 1781. Der amerikanische Unabhängigkeitskrieg hat Antonia Lorimer zur Witwe gemacht, ihr Mann fiel britischen Milizen zum Opfer. Nun kehrt sie auf ihre Plantage Legacy zurück, die im Krieg schwer beschädigt wurde und auf der durch die Misswirtschaft ihres Mannes eine hohe Schuldenlast liegt. Eines Abends findet sie in ihrem Stall den durch Misshandlungen schwer verwundeten britischen Soldaten William Marshall. Antonia pflegt den Mann, der eigentlich ein Feind ist, gesund. Aus Dankbarkeit und Schuldgefühlen heraus, greift er Antonia beim Wiederaufbau der Plantage tatkräftig unter die Arme. Nach seiner Genesung setzt sie ihn als Verwalter ein und verliebt sich in ihn.

Catherine Tarley nimmt den Leser mit auf die Plantage Legacy in South Carolina. Schon nach wenigen Seiten ist man in die Handlung eingetaucht, die von einem mystisch angehauchten Prolog eingeleitet wird. Die Südstaatenatmosphäre ist an sich recht schnell präsent und damit auch die Probleme der damaligen Zeit. Die Folgen des Krieges lasteten schwer auf den Plantagen. Sklaven sind geflüchtet, damit fehlte es an Arbeitskräften. Legacy selbst war durch Antonias Ehemann vor dessen Tod schon an den Rand des wirtschaftlichen Ruins getrieben worden. Die Autorin versteht es sehr anschaulich diese Schwierigkeiten in Szene zu setzen und den Leser von der Härte der Situation zu überzeugen.

Die vier Hauptpersonen des Romans, Antonia Lorimer, William Marshal, Andrew Tyler, Banker in Charles Town und Algernon Reed, reichster Farmer der Umgebung, werden von der Autorin gut eingeführt, charakterisiert und in ihren Beziehungen durch die Handlungsfäden gut miteinander verflochten. Antonia stößt in dem Roman immer wieder an Grenzen, sie schwankt zwischen der Naivität der gutsituierten Farmerstochter und der aufgeklärten, gebildeten jungen Frau. Das macht sie in einigen Situationen unglaubwürdig. Das naive „Weibchen“ konnte ich eher abnehmen als die toughe Frau, weil sie in vielen Situationen wahrlich hilflos war. Die am besten charakterisierte Person ist jedoch Algernon Reed. Der reiche und erfolgreiche Farmer wird immer wieder von den Dämonen seiner psychischen Krankheit heimgesucht. Hervorragend hat Catherine Tarley diese beiden Seiten des Mannes entwickelt. Alle anderen Figuren erschienen mir jedoch sehr schablonenhaft und farblos.

Die wechselnde Erzählperspektive in den elf Teilen entwirft ein umfassendes Bild des Lebens in der damaligen Zeit. Durch die verschiedenen Blickwinkel kommt man als Leser den Romanfiguren näher und kann ihr Denken und Handeln besser nachvollziehen. So lernt der Leser auch die Personen ein wenig besser kennen, die scheinbar nicht im unmittelbar im Fokus der Handlung standen. Allerdings kommt dadurch und durch die zeitlichen Sprünge eine gewisse Unruhe auf, die mich ein wenig störte.

Sehr gut gewählt fand ich den zeitlichen Rahmen der Handlung, der Unabhängigkeitskrieg wird meinem Empfinden nach deutlich seltener als der Bürgerkrieg behandelt. Ebenso hat mir gefallen, dass dieser Krieg nicht allgegenwärtig thematisiert wurde, aber sehr deutlich wurde, wie er die Entscheidungen, die Gedanken und das Tun der Personen beeinflusste.

In einem Anhang ist dem Roman ein Glossar beigefügt. Die verwendete Karte ist leider nur dekoratives Beiwerk, wirklich nützlich ist sie ob des gewählten Maßstabes nicht.

„Die Plantage“ ist ein recht dialoglastiger Roman und obwohl die Autorin durch das Verwenden von vielen Fremdwörtern versucht hat, ihm einen höheren Anspruch zu verleihen, war er trotz der 880 Seiten schnell zu lesen. Es ist ein netter Südstaatenschmöker, in dem die Romantik nicht zu kurz kam, aber auch nicht überstrapaziert wurde. Catherine Tarley schnitt in dem Roman eine Vielzahl von Themen an und trotz der angeführten Kritikpunkte bescherte er mir unterhaltsame Lesestunden.

Mein Dank gilt dem Deutschen Taschenbuch Verlag  für das zur Verfügung stellen des Rezensionsexemplars.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Catherine Tarley geboren 1957, arbeitete nach ihrem Studium als Dramaturgin für einen US-amerikanischen Filmproduzenten. Im Jahr 2001 kam sie als Produktmanagerin zu einem süddeutschen Buchverlag. Sie lebt mit ihrer Familie in München.

3. Dezember 2012

Die Comtessa – Ulf Schiewe

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http://ecx.images-amazon.com/images/I/51oxP0X954L._BO2,204,203,200_AA300_SH20_OU03_.jpgDie Comtessa

Schiewe, Ulf

Gebundene Ausgabe: 560 Seiten
Verlag: Droemer
ISBN-13: 978-3426198872

Südfrankreich Mitte des 12. Jahrhunderts. Die 15-jährige Ermengarda, Erbin von Narbona, wird aus politischen Gründen zur Ehe mit dem Grafen von Tolosa gezwungen. Ihre Stiefmutter Ermessenda, Vescomtessa und Regentin von Narbona und Bettgefährtin des mächtigen Grafen Alfons, setzt ihren ganzen Ehrgeiz daran, durch diese vorteilhafte Verbindung ihre eigene Position zu stärken. Aber noch vor dem Vollzug der Ehe flieht Ermengarda mit Hilfe der ihr zutiefst ergebenen jungen Ritter, Felipe und Arnaut, in Richtung Spanien. Es beginnt ein Katz und Maus Spiel mit den Verfolgern, die alles daran setzen, die Flüchtige und ihre Begleiter dingfest zu machen.

Bereits Ulf Schiewes Debütroman „Der Bastard von Tolosa“ habe ich mit großer Begeisterung gelesen. „Die Comtessa“ setzt dessen Handlung etwa zwei Generationen später fort. Es ist nicht zwingend erforderlich, den Vorgängerroman gelesen zu haben, der Autor lässt keine Frage zu früherem Geschehen offen, verliert sich aber auch nicht im endlosen Wiederaufwärmen von bereits Bekanntem. Ich habe mich aber sehr gefreut, „alte Bekannte“ wiederzutreffen. Sollte ich diesen Roman kurz charakterisieren fielen mir sofort opulent und bildgewaltig dazu ein. Der Autor lässt seinen Leser das Mittelalter erleben. Er erklärt für jeden verständlich die politische Situation und die Kräfteverteilung der herrschenden Adligen, er beschreibt das Leben der handelnden Personen von den Alltagsaufgaben bis hin zur Verrichtung der Notdurft ohne dabei den Leser zu langweilen oder zu ermüden. Darüber hinaus schildert er die Schönheit der Landschaft und die Härten für den, der in der Natur und von der Natur überleben muss. Auch die zu bestehenden Abenteuer passen sich sehr gut in die Handlung und wirken zu keinem Zeitpunkt übertrieben oder gar unangemessen.

An ein, zwei Stellen waren mir Ermengarda und ihre männlichen Beschützer ein wenig zu modern, sprich, Ermengarda war mir zu emanzipiert, was Filipe und Arnaut ohne aufzubegehren auch hinnahmen. Ich konnte dies nur unter dem Gesichtspunkt akzeptieren, wenn ich bedachte, dass die junge Vescomtessa im Rang über den ihr treu ergebenen Rittern stand.

In die Romanhandlung ist dezent eine sich anbahnende Liebesgeschichte eingeflochten worden. Mich hat das in diesem Fall nicht gestört. Sie erschien mir glaubhaft und war jenseits von Kitsch und flachem Liebesgestammel. Besonders Ermengarda gefiel mir dabei in ihrer inneren Zerrissenheit.

Obwohl man schon rein intuitiv die Protagonisten als sympathisch oder einschätzt, oder sie eher in ihrer Art und Weise ablehnt, nur wenige stehen zwischen den Lagern, ordne ich diesen Roman zu den anspruchsvollen Romanen dieses Genres zu. Das ist nicht zuletzt der der Zeit angepassten Sprache zu verdanken. Dazu gibt es ein umfangreiches Glossar, ein Verzeichnis der urkundlich erwähnten Personen und drei Karten. Diese machte es mir beim Lesen sehr leicht. Die Flüchtenden konnte ich so genau verfolgen und hatte dadurch stets eine geografische Orientierung.

„Die Comtessa“ braucht sich als Roman nicht hinter „Der Bastard von Tolosa“ zu verstecken. Letzterer hat mir nur eine Winzigkeit besser gefallen. Ulf Schiewe hat mit „Die Comtessa“ einen Roman geschrieben, der sowohl von den Handelnden, die eine gelungene Mischung aus fiktiven und verbürgten Personen sind, als auch von der Handlung her der Bezeichnung „historisch“ gerecht wird. Die von Ulf Schiewe inszenierte Reise ins Mittelalter habe sehr gern unternommen und freue mich auf weitere. Ich empfehle den Roman sehr gern weiter.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Ulf Schiewe wurde 1947 geboren. Eigentlich wollte er Kunstmaler werden, doch statt der “brotlosen Kunst” widmete er sich der Technik und wurde Software-Entwickler und später Marketingmanager für Softwareprodukte. Seit frühester Jugend war Ulf Schiewe eine Leseratte, den spannende Geschichten in exotischer Umgebung faszinierten. Im Lauf der Jahre erwuchs aus der Lust am Lesen der Wunsch, selbst einen großen historischen Roman zu schreiben, der in den “Bastard von Tolosa” , seinen ersten Roman, mündete. Ulf Schiewe ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und lebt in München.

5. Oktober 2012

Susanne Goga – Das Leonardo-Papier

Einsortiert unter: 2011,History — Karthause @ 16:38
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Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

Wenn ein einzelnes Blatt Papier den Tod bedeuten kann …

England 1821: Georgina Fielding ist im besten heiratsfähigen Alter, interessiert sich aber mehr für Geologie als für potenzielle Ehemänner. Als sie eine wertvolle Fossiliensammlung und ein rätselhaftes Notizbuch erbt, ist ihre Neugier geweckt. Mithilfe des Reiseschriftstellers Justus von Arnau begibt sie sich auf die Spurensuche. Rätsel gibt ihnen insbesondere eine einzelne Manuskriptseite auf. Sie ist in Spiegelschrift geschrieben wie die Werke Leonardo da Vincis – und hat einen brisanten Inhalt…

Susanne Goga lässt uns an den Anfängen jener revolutionären Wissenschaft teilhaben, die im frühen 19. Jahrhundert an den Grundfesten des Glaubens rüttelte: der Geologie. Zugleich aber ist »Das Leonardo-Papier« die packende Geschichte einer jungen Frau, die sich über Konventionen hinweg setzt und ihren guten Ruf riskiert, um das Geheimnis ihrer Herkunft zu lösen – und ihr persönliches Glück zu erobern.

Ein fesselnder historischer Roman, in dem Leonardo da Vincis »Codex Leicester«, das teuerste Buch der Welt, eine entscheidende Rolle spielt.

Meine Meinung

Geologie ist für mich nicht unbedingt ein Wissensgebiet, das ich mir als Hintergrund für eine Romanhandlung gewünscht hätte. Wahrscheinlich ist auch dies der Grund, neben dem Titel, der mich eine der unzähligen Verschwörungsgeschichten vermuten lies, weswegen ich dem Roman über Jahre hinweg keine Beachtung schenkte. Umso mehr war ich überrascht, als sich dieser Roman als ein wirklich gut recherchierter historischer Roman entpuppte. Schon der Prolog zog mich in seinen Bann. Er warf Fragen auf und versprach Spannung. Aber mindestens ebenso spannend war das, was Susanne Goga an Geologischem in den Roman einbaute. Diese Wissenschaft war noch recht jung und befand sich im Aufbruch. Vieles war noch nicht bekannt, aber sie stand schon im klaren Konflikt zu dem, was die Bibel lehrte. Dieses Erwachen der Wissenschaft verband die Autorin sehr gekonnt mit dem Erwachen der Georgina Fielding, die auf eigenen Beinen stehen wollte und von ihrer Tante aber in eine gute Ehe gedrängt werden sollte. So wie die Wissenschaftler an dem althergebrachten Glauben rüttelten, so kämpfte Georgina gegen altgediente Moralvorstellungen.

Susanne Goga verfügt über eine sehr bildliche Sprache, so dass zusammen mit der eigenen Vorstellungskraft die Handlung förmlich wie in einem Film abläuft. Sie versteht es wunderbar, Wissensvermittlung und Unterhaltung zu verbinden.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
SUSANNE GOGA, 1967 geboren, ist eine renommierte Literaturübersetzerin. Sie schrieb zwei historische Kriminalromane, bevor sie sich mit „Das Leonardo-Papier” (2009 im Diana Verlag erschienen) dem klassischen historischen Roman zuwandte. Susanne Goga lebt mit ihrer Familie in Mönchengladbach.

30. September 2012

Nicole C. Vosseler – Das Herz der Feuerinsel

Das Herz der Feuerinsel

Vosseler, Nicole C.

Broschiert: 608 Seiten

Verlag: Goldmann Verlag

ISBN-13: 978-3442477968

 

Der Verlag schreibt über diesen Roman:

Amsterdam 1882. Auf der Überfahrt von Amsterdam nach Batavia schließen zwei Frauen Freundschaft, die unterschiedlicher kaum sein könnten: die ernsthafte Jacobina, Tochter aus gutem Hause, und die temperamentvolle Floortje aus einfachen Verhältnissen. Beide träumen vom Glück in der Ferne, und berauscht von der exotischen Schönheit der Tropen wähnen sie sich im Paradies. Nach und nach jedoch offenbart der Garten Eden seine Abgründe, und während auf Jacobina ein böser Verdacht fällt, gleitet Floortje ab in die Prostitution. Als der bislang so friedliche Vulkan Krakatau ausbricht, beginnt für die beiden Freundinnen ein Kampf um Leben und Tod …

Meine Meinung:

Die Romane von Nicole C. Vosseler wandern schon fast automatisch kurz nach dem Erscheinen in mein Regal. Auch in diesem nimmt sie den Leser wieder mit auf eine Reise in ein exotisches Land und dessen Vergangenheit. Zwei jungen Frauen, Jacobina und Floortje, folgt man nach Batavia. Während Jacobina als Gouvernante für die beiden Kinder der Familie de Jong zu sorgen hat, sucht Floortje ihr Glück in einer „guten Partie“. Als sie fast am Ziel ihrer Wünsche ist, nimmt das Leben eine entscheidende Wendung, die sie letzten Endes in die Prostitution führt. Dieser Roman, den Nicole C. Vosseler im Goldmann Verlag veröffentlichte, unterscheidet sich nicht nur in der Farbe des Covers von ihren vorherigen Romanen. Er ist um einiges härter und auch stellenweise etwas derber. Das ergibt sich schon aus dem Werdegang Flootjes. Aber auch für Jacobina ist der Weg nicht so eben, wie man auf den ersten 100 Seiten erahnen mag. Sie muss Niederlagen und herbe Enttäuschungen einstecken sowie sich gegen einen bösen Verdacht zur Wehr setzen.

Die einzelnen Personen wurden sehr gut charakterisiert. Sie waren facettenreich wie das Leben selbst und nicht nur eindimensional wie bei vielen anderen Romanen dieses Genres. Beide Protagonistinnen haben eine Entwicklung durchlaufen, als Naivchen kamen sie ins Land und sind an den Hürden, die das Schicksal für sie bereit hielt, gereift. Wunderbar sind die Farbenpracht, Schönheit und Üppigkeit der Natur in die Geschichte eingeflochten. Aber neben all dem Schönen liest man von sich häufenden kleineren Erdbeben, die im zweiten Teil des Romans im Ausbruch des Krakataus münden und damit gleichzeitig mit der Romanhandlung ihren Höhepunkt erleben. Somit werden einem auf sehr anschauliche Weise zwei Seiten eines scheinbaren Paradieses aufgezeigt. Gleich geblieben ist im Vergleich zu den anderen Romanen der Autorin die ihr eigene, wunderbar bildhafte Sprache, mit der sie bei mir das Kopfkino in Gang setzt.

„Das Herz der Feuerinsel“ ist ein Roman über Freundschaft und Liebe, über ein scheinbares Paradies mit all seinen Schattenseiten, über menschliche Abgründe und über einen der bekanntesten Vulkanausbrüche in der Geschichte der Menschheit. Mir hat das Buch sehr gut gefallen, auch wenn ich über den Ausbruch des Krakataus und dessen Folgen gern noch etwas mehr gelesen hätte.

7. September 2012

Die vierte Zeugin – Heike Koschyk (Hsg.), Alf Leue (Hsg.)

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Die vierte Zeugin

Koschyk, Heike, Leue, Alf (Hsg.)

Taschenbuch: 400 Seiten

Verlag: Aufbau Taschenbuch

ISBN-13: 978-3746628790

Auszug aus dem Klappentext

Köln im Jahre 1534. Ein ungewöhnlicher Gerichtsfall hält die Stadt in Atem: Der Londoner Geschäftsmann Richard Charman verklagt die Tuchhändlerwitwe Agnes Imhoff, um eine Schuld ihres unter rätselhaften Umständen verstorbenen Ehemanns Andreas zu begleichen. Agnes droht alles zu verlieren. Als sie versucht, ihre Unschuld an den Taten ihre Mannes zu beweisen, offenbart sich nicht nur ein Familiendrama, Stück für Stück gelangen tödliche Intrigen, Lügen und politische Verflechtungen ans Licht, die bis ins englische Königshaus reichen. Doch bis zuletzt stellt sich die Frage: Wer ist Agnes Imhoff wirklich – Opfer oder Täter?

Meine Meinung

Viele Köche verderben den Brei, so sagt der Volksmund. Trifft dies im übertragenen Sinn auch auf Autoren zu? „Die vierte Zeugin“ ist ein Projekt des Autorenkreisen Quo Vadis, dem Tanja Kinkel, Oliver Pötzsch, Martina Andrè, Peter Prange, Titus Müller, Heike Koschyk, Lena Falkenhagen, Alf Leue, Caren Benedikt, Ulf Schiewe, Marlene Klaus und Katrin Burseg angehören. Gemeinsam erzählen sie die Geschichte der Tuchhändlerwitwe Agnes Imhoff, die von dem Londoner Händler Richard Charman verklagt wird, die Geschäftsschulden ihres durch undurchsichtige Umstände ums Leben gekommenen Ehemannes zu begleichen. Der Roman basiert auf einem Dokument über eine Gerichtsverhandlung aus dem 16. Jahrhundert, das beim Einsturz des Kölner Stadtarchives schwer beschädigt wurde. Jeder der AutorInnen steht Pate für eine der im Roman handelnden Personen bzw. den Prolog und den Epilog. Ich hatte damit gerechnet, dass es bei den verschiedenen Abschnitten zu deutlich spürbaren Stilwechseln kommen würde. Da aber jede Person, die ihre Sicht der Dinge darlegt, von einem anderen Autor beschrieben wurde, sind diese Brüche nur vermeintlich. Beim Lesen hatte ich immer das Gefühl, das gerade durch den Wechsel der Autoren die Figuren besonders individuell erscheinen. Somit hat jede einen anderen Charakter und zeigt Facetten, die die Handelnden sehr wirklichkeitsgetreu erscheinen ließen. Der Spannungsbogen wurde konsequent gehalten und auch als es zu einem Zeitsprung kommt und die Geschichte viele Jahre später fortgesetzt wird, der Leser den Ausgang des Prozesses schon kannte und das Ende der Geschichte erahnte, kam es noch einmal zum deutlichen Aufleben der Spannung und somit zum Finale Grande. Bei diesem historischen Roman handelt es sich aber keineswegs um einen trockenen Gerichtsroman. Die Autoren erwecken die damalige Zeit zum Leben und schicken Figuren auf die Handlungsbühne, die dem Leser den Alltag vor etwa 500 Jahren vor Augen führen. Dabei stehen Fragen zu den Rechten einer Frau in der damaligen Zeit im Mittelpunkt. Deren Tragweite wird erst so richtig klar, verdeutlicht man sich, dass Dokumente über diesen Prozess die Jahrhunderte überdauerten.

Von dem Autorenkreis Quo Vadis sind als Gemeinschaftsromane bereits „Das dritte Schwert“, „Der zwölfte Tag“ und „Die sieben Häupter“ erschienen. Nachdem ich weiß, dass der von vielen Köchen zubereitete Brei verdorben sein soll, kann ich nach der Lektüre von „Die vierte Zeugin“ sagen, diese 12 Autoren stehen für hervorragende, historisch fundierte Unterhaltung. Zu den bereits erschienenen historischen Romanen der Autorengruppe werde ich nach und nach auch noch greifen.

Mein Fazit: Wer einen historischen Roman, der auf einem realen Fall basiert, mit großartig gezeichneten Personen lesen möchte, wird mit „Die vierte Zeugin“ sicher sehr gute und spannende Unterhaltung finden.

Mein Dank den Herausgebern für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

28. Juli 2012

Jan Guillou – Die Brückenbauer

Einsortiert unter: 2012,History — Karthause @ 17:03
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Die Brückenbauer

Jan Guillou

Originaltitel: Brobyggarna

Gebundene Ausgabe: 784 Seiten

Verlag: Heyne

ISBN-13: 978-3453268258

 

Norwegen, Ende des 19. Jahrhunderts. Als sowohl der Vater als auch der Onkel von Lauritz, Oscar und Sverre Lauritzen vom Fischfang nicht zurückkehrten, waren die Jungen gezwungen, in einer Seilerei zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Aber das Schicksal meinte es gut mit ihnen, ihr Geschick und Technikverständnis fiel auf und sie wurden von der Stiftung „Die gute Absicht“ gefördert. So wurde ihnen zunächst der Besuch eines Polytechnikums ermöglicht, danach wurden sie zum Studium der Ingenieurswissenschaften an die damals führenden Universität nach Dresden geschickt. Nach erfolgreichem Abschluss des Studiums erwarteten die Stiftungsmitglieder, dass die jungen Diplomingenieure ihre Schuld beim Eisenbahn- und Brückenbau in der Umgebung von Bergen abtragen. Aber nur Lauritz kehrte zurück, Oscar flüchtete nach einer Enttäuschung nach Deutsch-Ostafrika und Sverre setzte sich nach England ab und verschwand damit gänzlich aus dem Blickfeld des Lesers.

Jan Guillou war mir als Autor bisher unbekannt, der Klappentext des Romans versprach ein packendes, atmosphärisches, farbenprächtiges und großes Jahrhundertabenteuer. Das machte mich neugierig, obwohl ich diese Ankündigung schon als sehr vollmundig empfand.

„Die Brückenbauer“ ist in einer einfachen, aber gefälligen Sprache geschrieben, dadurch war das Buch für mich sehr flüssig zu lesen und die knapp 800 Seiten erschienen nicht zu umfangreich. Die technischen Abhandlungen über den Eisenbahn- und Brückenbau fand ich sehr gelungen. Sie langweilten mich nicht, im Gegenteil, sie regten mich an, selbst nachzulesen und weitergehende Informationen zu sammeln. Besonders gefielen mir die Ausführungen zu den sehr unterschiedlichen Bedingungen des Baus in Afrika und Norwegen. Beide Extreme wurden vom Autor gut beschrieben und sehr glaubhaft dargestellt und ich konnte mir ein gutes Bild über die damaligen Arbeitsweisen und den Stand der Technik verschaffen. Auch die Stimmung des anbrechenden 20. Jahrhunderts als Zeit des Auf- und Umbruchs hat der Autor gut eingefangen und den Zeitgeist sowie die historischen Hintergründe gut beschrieben.

Allerdings blieben mir die Figuren ein wenig zu farblos. Die Brüder Lauritz und Oscar waren kaum voneinander zu unterscheiden, nur der Handlungsort und die damit verbundenen geänderten Lebensumstände sorgten für eine Abwechslung. Auch ihr Leben verlief mir ein wenig zu geradlinig, insbesondere deshalb, weil es außer in ihren Liebesangelegenheiten nur unterschwellig Probleme in ihrem Leben gab. Sverre, der dritte Bruder, verschwand bereits im ersten Drittel des Romans aus dem Blickfeld des Lesers. Da kann man nur auf die weiteren geplanten Teile hoffen. Die Liebesgeschichten der Protagonisten empfand ich als sehr konstruiert. Als dann auch noch gegen Ende mehrere Kapitel nur auf Ingeborg ausgerichtet waren und auch sie in Norwegen fast ohne Stolpersteine durchs Leben schritt, war ich ein wenig enttäuscht. Bei der Beschreibung der Eigentümlichkeiten der verschiedenen Nationen, bedient der Autor alle denkbaren Klischees. So gab es die guten Deutschen, die bösen und brutalen Engländer und, was mich am meisten ärgerte, die kanibalistisch veranlagten Ureinwohner. Der Szene in der Missionsstation wurde für meine Begriffe zu viel Raum gegeben. Solche effekthaschende Darstellungen gingen leider zu Lasten der Charakterisierung der Personen.

Dieser Roman ist eine interessante Familiengeschichte, deren Potential jedoch nicht vollständig ausgereizt wurde. Aber immerhin wurde mein Interesse an weiteren Romanen des Autors geweckt und wenn ich auch kein Serienleser bin, freue ich mich auf die in Aussicht gestellten folgenden Teile mit diesen Protagonisten, zumal ja die Hoffnung besteht, den in diesem Band aus den Augen verlorenen Sverre doch noch einmal zu treffen.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Jan Guillou wurde 1944 im schwedischen Södertälje geboren und ist einer der prominentesten Journalisten seines Landes. Seine preisgekrönten Kriminalromane um den Helden Coq Rouge erreichten Millionenauflagen. Auch mit seiner historischen Romansaga um den Kreuzritter Arn gelang ihm ein Millionenseller, die Verfilmungen zählen in Schweden zu den erfolgreichsten aller Zeiten. Heute lebt Jan Guillou in Stockholm.

22. Juli 2012

Nicole C. Vosseler – Jenseits des Nils

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Jenseits des Nils

Nicole C. Vossler

Gebundene Ausgabe: 576 Seiten

Verlag: Bastei-Lübbe

ISBN-13: 978-3785724477

Sommer 1881. Nicole C. Vosseler lässt zu Beginn ihres Romans die elitäre Welt des englischen Adels aufleben. Die jungen Männer beendeten gerade ihr Studium am Royal Military College in Sandhurst, wer aus einer anderen gesellschaftlichen Schicht kommt hat es schwer. Die Damen leben das luxuriöse Leben gehobener Töchter aus gutsituiertem Hause. Nur Ada war auf einer längeren Europareise und möchte gern ihren eigenen Weg gehen und auf eigenen Beinen stehen. Ein wenig fühlt man zurückversetzt in die Welt der Jane Austen. Fünf junge Männer, Jeremy, Stephen, Leonard, Simon und Royston, gerade haben sie das Royal Military College in Sandhurst beendet und vier junge Ladies verlebten einen letzten unbeschwerten Sommer voller Ausgelassenheit, Sommerfeste erster tiefer Gefühle in Surrey. Bereits im Herbst ziehen die jungen Männer für das Empire in den ersten Sudankrieg und werden mit den Schrecken des Krieges in aller Konsequenz konfrontiert. Für die Daheimgebliebenen beginnt eine Zeit der Ungewissheit, des Wartens und der Hoffnung. Für alle ist dieser Krieg eine Zeit der Veränderung und des Umbruchs und alle in den Krieg gezogenen erleiden Blessuren an Leib und/oder Seele, nicht alle kehren zurück nach Hause.

Leicht und heiter beginnt Nicole C. Vosseler diesen Roman. Man meint den Sommer zu spüren und die Ausgelassenheit der jungen Hauptfiguren mitzuerleben. Doch der Sommer endet und der Hebst beginnt. Damit beginnt für die jungen Leute der Ernst des Lebens. Die Kadetten müssen in den Sudan und erleben den Krieg an eigenen Leib. Diesen beschreibt Nicole C. Vosseler sehr gekonnt, eindringlich, unverblümt und direkt und mit allen Schrecken und Gräueln, die man damit verbindet. Sie schafft es, dass ich mich als Leserin in die Männer hinein versetzen, die Schrecken und Leiden im Kampf und der Gefangenschaft nachvollziehen konnte. Ich kann mich nicht erinnern, von einer Autorin solch sachkundige und detaillierte Szenen von Schlachten und Gemetzeln gelesen zu haben. Aber ebenso eindrucksvoll schildert Nicole C. Vosseler die Bilderbuchkulisse des englischen Landadels, die langsam Risse bekommt, die Erwartungen, Hoffnungen und Träume der Frauen, aber auch deren Sorgen und Ängste.

Dieser Roman ist eine sehr gelungene Mischung aus Historie, Abenteuer und Liebe. Wobei die Autorin immer die wahre Geschichte als Gerüst benutzt, in die sie ihre Romanhandlung einfügt. Die in diesem Roman enthaltene(n) Liebesgeschichte(n) sind unaufdringlich und stimmig in die Handlung eingebaut und gleiten nicht ins Kitschige ab. Der Krieg im Sudan, das Leben in Surrey, die Sehnsucht nach den Söhnen und Verlobten – all das spiegelt das Leben auf den Landsitzen der englischen Adligen zum Ende des 19. Jahrhunderts wider. „Jenseits des Nils“ lebt wie alle Romane der Autorin besonders von ihrer sehr bildreichen ausdrucksstarken Sprache, die wesentlich dazu beiträgt, diesen Roman zu einem Wohlfühlroman werden zu lassen.

Auch wenn die Romanbiografie der Emily Ruete „Sterne über Sansibar“ immer noch mein Lieblingsroman der Autorin ist, erscheint mir dieser Roman als ihr komplexester, weil das Denken und Tun der Handelnden nicht vorhersehbar war, es viele unverhoffte Wendungen gab und die Charaktere lebensecht und glaubhaft agierten. Ich wünsche diesem Roman noch viele begeisterte Leser. 4,5 Sterne

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Nicole Vosseler stammt aus Villingen-Schwenningen. Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Psychologie in Tübingen und Konstanz. Sie lebt und arbeitet in Konstanz.

8. Juni 2012

Carmen Lobato – Im Land der gefiederten Schlange

Einsortiert unter: 2012,History — Karthause @ 17:41
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Im Land der gefiederten Schlange

Lobato, Carmen

Taschenbuch: 768 Seiten

Verlag: Knaur TB

ISBN-13: 978-3426509791

 

Als die Hartmanns 1830 Hamburg nach einem wirtschaftlichen Desaster verließen, war Katharina noch nicht geboren. Sie wollten in Mexiko mit Handel wieder auf die Beine kommen, dorthin waren bereits einige Zeit zuvor Familienangehörige gegangen. Sie träumten von erfolgreichen Geschäften, um später als angesehene Kaufleute wieder in der Heimat zurückzukehren. Aber das Leben spielte ihnen hart mit, sie wurden nicht, wie geplant, erwartet und mit offenen Armen empfangen. Sie erlebten Krieg und Belagerung und auch in der Familie gab es Kämpfe und Schicksalsschläge, dazu sorgte das Geheimnis um Katharinas Herkunft für zusätzliche Unruhe.

„Im Land der gefiederten Schlange“ ist kein typischer Auswandererroman, wie man aktuell so viele in den Regalen des Buchhandels findet. Dieser Roman ist etwas Besonderes. Er vereint auf sehr angenehme Weise einen gut recherchierten historischen Roman und ist gleichzeitig eine berührende Liebesgeschichte, die sich in den historischen Rahmen einfügt und davon auch beeinflusst wird. Die Liebe zwischen der Tochter der Einwanderer und dem jungen Mexikaner wird sehr gefühlvoll beschrieben und ist für mein Verständnis in keiner Weise kitschig. Die Historie, die von der Autorin sehr anschaulich beschrieben und vermittelt wird, dient diesem Roman nicht nur als Kulisse, sie ist das Gerüst, an dem sich die Handlung orientiert und mit der sie sich entwickelt. Geschichte und Story werden von Carmen Lobato gekonnt zu einem beeindruckenden Ganzen verwoben. Dieser Roman gewährt dem Leser aber auch tiefen Einblick in die Familiengeschichte der deutschen Handelsfamilie in der Zeit von 1830 1867. So geht es um die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander, um das Festhalten an alten Traditionen und der Schwierigkeit, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Es gibt Krisen und Schicksalsschläge zu bewältigen und es gibt ein dunkles Familiengeheimnis. Dieser historische Roman enthält also alles, was von einer guten Familiensaga erwartet wird. Ich habe dadurch eine Familie kennen lernen dürfen, die mich, trotz aller Widrigkeiten und der diversen persönlichen Schwächen, die die einzelnen aufweisen (oder vielleicht gerade deshalb), sehr beeindruckte. Jede einzelne Figur ist ein Kind ihrer Zeit und hat Charakter, keine ist stereotyp oder hölzern. Alle durchlaufen eine persönliche Entwicklung. Bei der beeindruckenden Zahl von handelnden Personen gebührt der Autorin dafür ein extra dickes extra Lob. Durch die wechselnden Perspektiven beim Erzählen lenkt Carmen Lobato den Blick des Lesers immer wieder auf die Sichtweise anderer Personen, so dass nach und nach eine Art Vertrautheit zu allen Hauptfiguren aufkommt. Ganz besonders aber beeindruckte mich, wie gut es ihr gelang, die Gedanken und Sichtweisen der der indigenen Einwohner dem Leser zu vermitteln und dabei deren Traditionen und Riten zu erklären. Neben all dem überzeugt die Autorin auch durch einen sehr angenehmen gefälligen Sprachstil. Die Handlung war nicht voraussehbar, immer wieder gab es Wendungen und Ereignisse, mit denen ich so nicht gerechnet hätte.

Obwohl das Buch „nur“ ein Taschenbuch ist, überzeugt es doch durch seine Aufmachung. Zusätzlich sind ein Glossar und ein umfangreiches Personenverzeichnis in dem Roman enthalten.

„Im Land der gefiederten Schlange“ ist ein anspruchsvoller historischer Roman, der eine sehr schöne Liebesgeschichte und eine komplexe Familiengeschichte enthält. Er unterhält den Leser über fast 800 Seiten und wenn man das Buch aus der Hand gelegt hat, kann man mit Fug und Recht behaupten, einen Roman für Herz und Verstand gelesen zu haben.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Carmen Lobato ist Romanistin und hat sich zeitlebens für den lateinischen Teil Amerikas interessiert. Durch ihre mexikanisch-andalusische Schwiegermutter entdeckte sie ihre Passion für die faszinierende Vielfalt Mexikos. Carmen Lobato ist als Dozentin tätig und lebt mit ihrer Familie in verschiedenen europäischen Städten.

8. Februar 2012

Deana Zinßmeister – Der Schwur der Sünderin

Einsortiert unter: 2012,History — Karthause @ 18:16
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Man schreibt das Jahr 1525. Anna Maria kehrt von ihrer Suche nach den Brüdern zurück ins heimische Mehlbach. Aber sie kommt nicht nur mit ihrem überlebenden Bruder, sie bringt mit Veit auch einen Fremden mit, den sie heiraten möchte. Sowohl die Familie als auch die Dorfbewohner begegnen ihm mit skeptischer Zurückhaltung. Als dann nach ihrer Ankunft auch noch Wölfe nahe dem Dorf auftauchen und Veit gesehen wird, wie er mit ihnen spricht, entstehen schnell Behauptungen, er sei ein Werwolf. Am Tag der geplanten Hochzeit wird Veit auf brutalste Weise festgenommen. Anna Maria muss sich wieder auf eine gefährliche Reise begeben und den Vater suchen, der auf einer angeblichen Pilgerreise ist. Er soll das Leben des Geliebten retten.

Unmittelbar an den Vorgängerroman „Die Gabe der Jungfrau“ knüpft dieser zweite Teil an. Durch geschickt eingebaute Erinnerungen könnte man diesen auch ohne Kenntnis des Vorgängers genießen. Wie schon der erste Teil ist auch dieser ein wirklicher historischer Roman. Deana Zinßmeister lässt den Leser mit den Romanfiguren Geschichte erleben. Dafür integriert sie die Ergebnisse ihrer umfangreichen Recherche gekonnt in das Geschehen und beim Lesen erschließen sich fundiert, aber unaufdringlich, die Lebensumstände sowie gesellschaftliche und politische Zusammenhänge der damaligen Zeit. Äußerst interessant beschrieb die Autorin die sich ihrem Ende entgegengehenden Bundschuhaufstände und damit das Doppelleben des Anführers der Bundschuhbewegung Joß Fritz alias Daniel Hofmeister. Auch in diesem Roman liegt ihr Fokus auf den einfachen Menschen. Sehr einfühlsam schildert sie die Lebensumstände und Ansichten der Dorfbewohner, die allem Unbekannten gegenüber sehr skeptisch auftreten, Aberglauben nachhängen und Gerüchten gern Glauben schenken. Darunter hat am meisten Veit zu leiden. Seine innige Beziehung zu den Wölfen jagt den Menschen Angst ein, sie glauben die gegen ihn erhobenen Vorwürfe und unterstützen die Diffamierung leichtgläubig.

Häufig kann bei Fortsetzungen der 2. Teil nicht mehr an das Niveau des ersten Teils anknüpfen, nicht so bei diesem Roman. Deana Zinßmeister gelingt es scheinbar mühelos, die Atmosphäre und den roten Faden wieder aufzunehmen. Ihre Charaktere entwickeln sich ohne Unterbrechung weiter. Sie werden gefühlvoll und realistisch in ihren guten und nicht so guten Eigenschaften beschrieben und wachsen dem Leser schnell ans Herz.

Diesen überzeugenden, sehr gelungenen historischen Roman runden eine im Buch enthaltene Karte, ein Personenverzeichnis und ein ausführliches Nachwort ab. Darin gibt die Autorin Auskunft darüber, welche Ereignisse und Personen real waren und welche ihrer Fantasie entsprangen. Aber eigentlich ist das ganz egal. Denn genau so, wie sie die Geschichte um die Familie Hofmeister geschrieben hat, hätte sie sich wirklich zugetragen haben können. Was wünscht man sich als Leser mehr? Eigentlich bleibt nur noch ein Wunsch offen, der nach weiteren unterhaltsamen, spannenden und bewährt guten Romanen der Autorin.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Deana Zinßmeister widmet sich seit einigen Jahren ganz dem Schreiben historischer Romane. Bei ihren Recherchen wird sie von führenden Fachleuten unterstützt, und für ihren Bestseller »Das Hexenmal« ist sie sogar den Fluchtweg ihrer Protagonisten selbst abgewandert. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern im Saarland.

Taschenbuch: 480 Seiten * Verlag: Goldmann Verlag * ISBN-13: 978-3442472499

11. Januar 2012

Gegen alle Zeit – Tom Finnek

Einsortiert unter: 2011,History — Karthause @ 18:55
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Nach der Premierenfeier der „Bettleroper“ wird Henry Ingram mit einem unvorstellbaren Kater wach – und um fast 300 Jahre in der Zeit zurückversetzt. Er erwacht in einem stinkenden Keller in der illustren Gesellschaft von Dieben, Gaunern und Huren im London des Jahres 1724 als Captain Machead. Gemeinsam mit ihnen erlebt er spannende Abenteuer. Dabei kommt auch Henry selbst über kurz oder lang mit dem Gesetz in Konflikt und wird zum gesuchten Verbrecher.
Bisher ernteten Zeitreiseromane nie viel Lob von mir, um ehrlich zu ist sein, ich habe noch nie einen beendet. So griff ich ein wenig skeptisch zu dem neuen historischen Roman Tom Finneks. Meine Zweifel erwiesen sich jedoch als haltlos. „Gegen alle Zeit“ ein Abenteuerroman, eine Gaunergeschichte, ein Zeitreiseroman, aber vor allem ein sehr gut geschriebener historischer Roman. Als Leser konnte man das Gefühl bekommen, der Autor hat selbst so einen Zeitensprung hinter sich, so detailliert und bildhaft schildert er das alte London, mit all seinen Einwohnern, Gerüchen und Geräuschen. Mit dem Finger auf dem im Buch enthaltenen Stadtplan Londons wusste ich mich schnell in der Stadt zu orientieren und konnte den Protagonisten auf ihren Wegen folgen. Sehr gelungen waren auch die von Henry Ingram gezogenen Vergleiche vom heutigen und damaligen Aussehen der Stadt. Der Autor zeichnet mit seiner Geschichte ein hervorragendes Panorama Londons im frühen 18. Jahrhundert.
„Gegen alle Zeit“ ist keine Fortsetzung von Finneks knapp 60 Jahre vorher spielenden Roman „Unter der Asche“, aber manch Bekannter begegnet dem Leser auch in diesem Buch und die eine oder andere Begebenheit des Vorgängerromans kommt auch in diesem zur Sprache. Die Protagonisten des Romans gehören nicht zur Oberschicht. Es sind die kleinen Ganoven, Diebe, Betrüger und Huren, die dem Roman das menschliche Kolorit verleihen. Sie alle sind Persönlichkeiten mit Eigenheiten, Stärken und Schwächen, aber auf ihre ganz besondere Art doch liebenswert. Wie ein roter Faden zieht sich die Bettleroper von John Gay durch diesen Roman. Deren Figuren sind es, denen Tom Finnek mit seinem Roman Leben eingehaucht hat. Das Buch ist sehr flüssig zu lesen, die Sprache ist sehr angenehm und der Zeit angepasst. Leider mag man das Buch kaum aus der Hand legen und ist so viel zu schnell auf der letzten Seiten angelangt. Ein ausführlicher Epilog tröstet über das fehlende Nachwort ein wenig hinweg. Darin wird deutlich, welche Figuren der Fantasie des Autors entspringen und welche einen realen Hintergrund haben.
Auch vom optischen Aspekt ist dieses Buch etwas Besonderes, ein wahrer Hingucker. Der zur Handlung passende Schutzumschlag, der enthaltene Stadtplan, das Lesebändchen und nicht zuletzt die wunderschönen Illustrationen von Tina Dreher vor jedem neuen Teil und Kapitel runden den äußerst positiven Leseeindruck ab.
Mein Fazit: „Gegen alle Zeit“ ist ein farbenprächtiger und detailreicher Schmöker, im positivsten Sinne des Wortes. Man taucht als Leser ab in die damalige Zeit und ist bei der Rückkehr in die Gegenwart traurig, das Henry, Bess, Blueskin und all die anderen in ihrer Welt geblieben sind. Ich wünsche diesem Roman viele begeisterte Leser.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Tom Finnek, 1965 in Westfalen geboren, lebt als Filmjournalist und Schriftsteller in Berlin. Als Autor (unter dem Namen Mani Beckmann) beschäftigt er sich schon länger mit historischen Stoffen, insbesondere zum Münsterland. Für ihn ist London mit seiner langen, wechselhaften Geschichte genauso faszinierend wie Berlin. Tom Finnek ist verheiratet und hat zwei kleine Söhne, auf die er sehr stolz ist.
Weitere Informationen: http://www.tomfinnek.de

10. Dezember 2011

Tracy Chevalier – Das Mädchen mit dem Perlenohrring

Einsortiert unter: 2011,History,Uncategorized — Karthause @ 18:10
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Das Mädchen mit dem Perlenohrring
Tracy Chevalier
Originaltitel: Girl with a Pearl Earring
Taschenbuch: 349 Seiten
Verlag: List Taschenbuch
ISBN-13: 978-3548600697

Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

Delft 1664. Als der Vater bei einem Arbeitsunfall sein Augenlicht verliert, wird die junge Griet, um die Familie zu unterstützen, als Dienstmagd in den Haushalt des angesehenen Malers Johannes Vermeer gegeben. Die Schikanen von Vermeers eifersüchtiger Gattin ließen sich kaum ertragen, wären da nicht die faszinierenden Bilder des Meisters, die Griet auf magische Weise in ihren Bann ziehen. Immer häufiger ruht der Blick des Künstlers auf ihr; schließlich beginnt Vermeer, sie heimlich zu malen. Doch als er Griet bittet, einen Perlenohrring anzulegen, beschwört er damit eine Katastrophe herauf, die nicht nur für Griet ungeahnte Folgen hat …

Meine Meinung

Wer kennt nicht das Gemälde Vermeers, auf dem ein Mädchen mit großen Augen, einem blau-weißen Tuch ums Haar und einem Perlenohrring zu sehen ist. Tracy Chevalier erzählt um dieses Gemälde die fiktive Geschichte der Dienstmagd Griet, die in diesem Roman als Ich-Erzählerin fungiert. Sie berichtet über die Umstände, die sie ins Hause Vermeer geführt haben, von der eifersüchtigen Gattin des Malers und von der Kunst des Malens. Die Autorin schildert auf eine ganz ruhige, stille und einfühlsame Art das Leben in diesem Künstlerhaushalt. Als Leser nimmt man am täglichen Leben teil, besucht mit der Magd den Markt und bewirtet die wohlhabenden Gäste. Damit entsteht ein beeindruckend authentisches Alltags- und Sittenbild über das Leben in Delft in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts. Das überaus Besondere sind aber die Beschreibungen der Bilder, die Vermeer in dieser Zeit schuf. Da ich viele seiner Gemälde kenne, hatte ich das Gefühl, bei deren Entstehung stiller Beobachter zu sein.

Die Charaktere sind sehr feinfühlig beschrieben. Die Personen wirken auffallend lebendig und deren Gefühle sind nachvollziehbar. So wird die Eifersucht von Vermeers Ehefrau ebenso glaubhaft beschrieben, wie die Leidenschaft, der Egoismus und Feigheit des Malers oder die Rolle der schüchternen Griet als seine Muse.

Ich habe dieses Buch sehr gern gelesen. Es nahm mich mit auf eine äußerst interessante Reise in die Vergangenheit.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Tracy Chevalier, geboren 1962, wuchs in Washington D. C. auf. 1984 zog sie nach England, wo sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn auch heute noch lebt. Ihr Roman Das Mädchen mit dem Perlenohrring wurde ein internationaler Bestseller und ein großer Kinoerfolg.

25. November 2011

Mani Beckmann – Moorteufel

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Moorteufel
Mani Beckmann
Taschenbuch: 528 Seiten
Verlag: Bastei Lübbe
ISBN-13: 978-3404142729

Ahlbeck im Münsterland, 1814. Der junge Jeremias Vogelsang, Sohn des Ahlbecker Magisterbauern, hat sich in die Tochter des Amtmannes verliebt. Trotz der Standesunterschiede träumt er von einer gemeinsamen Zukunft. Doch dann gerät die Welt der Ahlbecker ins Wanken. Der Amtmann beginnt eine Hetzjagd auf die jungen Männer, die sich dem Kriegsdienst entzogen haben. Auch Jeremias ist einer dieser Deserteure. Der Amtmann möchte nun zwei Fliegen mit einer Klappe fangen, kann er Jeremias festnehmen, ist er auch gleichzeitig den unstandesgemäßen Verehrer seiner Tochter Lotte los. Jeremias flüchtet ins Moor. Im alten Gesindehaus des abgebrannten Moorbauernhofs findet er Unterschlupf, allerdings muss er schnell feststellen, diese Behausung ist auch schon von anderen zwielichtigen Gestalten entdeckt worden. Während Jeremias sich nun im Moor versteckt hält, kommt er alten Geschichten auf die Spur, die auch ihn selbst und die Umstände seiner Geburt betreffen.

Vor dem Hintergrund der napoleonischen Befreiungskriege erzählt Mani Beckmann vom Konflikt zwischen den Nachbardörfern Ahlbeck und Oldendorf. Eine Geschichte, die besonders von deren Hauptpersonen, den einfachen Dorfbewohnern, lebt. Sehr bildhaft stellt er die schwierige Lebenssituation der Bauern dar. Die Armut wird greifbar, das Leben ist alles andere als leicht, sie haben nur das Notwendigste zum Überleben. Marodierende Banden nehmen von dem Wenigen noch das, was sie brauchen oder zu brauchen denken. Sehr gut hat mir auch die Beschreibung der einzelnen Schauplätze gefallen. Das Moor, die Höfe, alles entstand klar und deutlich in meiner Fantasie. Jeremias Vogelsang, der Hauptakteur und Ich-Erzähler, ist ein gelungener Charakter, gegen den es die anderen Personen etwas schwer haben, richtig zur Geltung zu kommen. Er war ein junger Mann, mit Träumen, die zerplatzten und aus denen wieder neue entstanden. Allerdings war er mir manchmal ein wenig zu naiv. Sein „Da hätte ich selbst drauf kommen können“ wurde etwas zu sehr strapaziert. Dagegen hätte ich mir den historischen Hintergrund ein wenig mehr beleuchtet gewünscht. Das hätte die Geschichte „runder“ gemacht. Das Geschehen wurde sehr ruhig erzählt, trotzdem fehlte es nicht an Spannung. Als Leser wusste man nie mehr als der Protagonist, so konnte man mit ihm ahnen, spekulieren und wieder Gedanken verwerfen.

„Moorteufel“ habe ich recht gern gelesen, mich hat das Buch gut unterhalten. Der Roman führte mich in eine Gegend, die eher selten zum Handlungsort auserkoren wird. So werde ich mich in absehbarer Zeit wieder auf die literarische Reise nach Ahlbeck begeben und den beiden Folgebänden („Die Kapelle im Moor“ und „Teufelsmühle“) meine Beachtung schenken.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Mani Beckmann, 1965 in Alstätte/Westfalen geboren, studierte Film- und Fernsehwissenschaft und Publizistik in Berlin. Er ist freier Filmjournalist und Drehbuchlektor sowie Autor von Kriminalromanen und historischen Romanen. Mani Beckmann ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen. Er lebt mit seiner Familie in Berlin.

13. Oktober 2011

Louis Begley – Der Fall Dreyfus

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Der Fall Dreyfus
Louis Begley
Originaltitel: Why The Dreyfus Affair Matters
Gebundene Ausgabe: 247 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag
ISBN-13: 978-3518420621

Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

Im September 1894 entdeckte der französische Geheimdienst eine undichte Stelle im Generalstab der Armee: Militärische Geheimnisse wurden verraten, ausgerechnet an die Deutschen. Indizien für eine Täterschaft fehlten, doch ein Verdacht genügte. Nur wenige Wochen später wurde Hauptmann Alfred Dreyfus verhaftet, des Landesverrats für schuldig befunden und zu lebenslanger Verbannung auf der Teufelsinsel verurteilt. Kaum jemand zweifelte an der Richtigkeit des Urteils: Dreyfus war Jude. Dass ein »echter« Franzose einer solchen Tat fähig wäre, schien undenkbar. Louis Begley, der in diesem Buch zum ersten Mal aus seinem reichen Wissen als Anwalt schöpft, rekonstruiert den heute fast vergessenen Fall Dreyfus: die Hintergründe und Intrigen, die kriminellen Manipulationen in höchsten Kreisen, die Spaltung der französischen Gesellschaft in »Dreyfusards« und ihre konservativen Gegner. Begley zeigt, wie Antisemitismus und Rassismus in einer vermeintlich liberalen Gesellschaft funktionieren, damals wie heute: Vorannahmen führen zur Anklage, Racial Profiling ersetzt die Suche nach der Wahrheit, Beweise werden fabriziert. Und Guantánamo liegt der Teufelsinsel näher, als man glauben mag.

Meine Meinung

Nach den Romanen von Louis Begley griff in nun zu diesem Essay. Darin stellt Louis Begley die Affäre um den wegen Landesverrat verurteilten und auf die Teufelsinsel verbannten französischen Juden Alfred Dreyfus den Vorgängen von Guantánamo gegenüber. Dabei deckt er Analogien auf, die man auf Anhieb nicht für möglich hält, trennen diese beiden Geschehnisse doch gut 100 Jahre. Aber Rechtsbeugung, Manipulation von Beweisen und weil nur sein kann, was auch sein darf ist die Wahrheitsfindung in beiden Fällen nicht vorurteilsfrei, die Folgen für die Betroffenen waren und sind jeweils unmenschliche Haftbedingungen. Begley beleuchtet die Dreyfus-Affäre wesentlich ausführlicher als das aktuelle Geschehen. Er sucht die Ursachen für Dreyfus’ Verurteilung bereits im deutsch-französischen Krieg von 1871 und analysiert den zunächst latenten, aber immer stärker werdenden Antisemitismus im Frankreich der damaligen Zeit. Louis Begley greift bei seinem Buch auf seine unfangreichen juristischen Erfahrungen und Kenntnisse zurück. Zwischen dem Schriftsteller und dem Rechtsanwalt kommt es zur fruchtbaren Symbiose. Das schlägt sich besonders in der guten Lesbarkeit und der aufgebauten Spannung dieses doch komplizierten Falles nieder. Die schier unübersichtliche Anzahl von Fakten, Beweisen und Originalzitaten werden durch den gelungenen populärwissenschaftlichen Stil leichter verdaulich. Im Vorwort seines in Buchform erschienenen Essays wird die Hoffnung deutlich, die er in die Präsidentschaft Barak Obamas setzt. Eine aktuelle Einschätzung der Lage im Lager Guantánamo durch Louis Begley würde mich schon sehr interessieren. Dieses Buch kann ich allen Politikinteressieren guten Gewissens empfehlen.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Louis Begley wurde am 6. Oktober 1933 unter dem Namen Ludwik Begleiter als Sohn polnischer Juden in einer kleinen Stadt im Osten Polens (heute Ukraine) geboren. Er selbst und seine Mutter entgingen, als katholische Polen getarnt, dem Holocaust. Nach dem Ende des Krieges kam die Familie wieder zusammen. Vier Monate blieben sie in Paris, wo Vater und Sohn Englisch lernten. Im März 1947 siedelte die Familie Begleiter in die USA über und ließ sich in Flatbush/Brooklyn nieder, wo sie den Namen Begley annahm.1950 erhielt Louis Begley ein Harvard-College-Stipendium und wurde damit zum Harvard College zugelassen; 1954 legte er sein Examen in Englischer Literatur ab. Von 1956 bis 1959 studierte er an der Harvard Law School und arbeitete im Anschluss bis zum Jahr 2004 als Anwalt in der Kanzlei Debevoise & Plimpton. Ende der sechziger Jahre arbeitete er bei der französischen Niederlassung von Debevoise in Paris. 1991 legte Louis Begley seinen ersten Roman vor: Wartime Lies, (Lügen in Zeiten des Krieges), New York 1991 – Suhrkamp 1994. Er gilt als ein wichtiges Dokument der literarischen Erinnerung an den Holocaust. Louis Begley lebt in New York.

11. Oktober 2011

Buch der Woche (40. KW 2011)

In dieser Woche empfiehlt der mdr figaro „Der Traum des Kelten“ von Mario Vargas Llosa.

Amazon schreibt dazu:

Kurzbeschreibung

Gequält von Mückenstichen, Schlafentzug und Verzweiflung sitzt Roger Casement 1916 in einer Gefängniszelle im Londoner Pentonville Prison und wartet auf seine Hinrichtung. Der einstige Held ist zum Geächteten geworden. Nun erinnert sich Casement an sein Leben als Diplomat und Abenteurer, der sich dem Kampf gegen die grausamen Kolonialherren im Kongo und Amazonas gewidmet hatte. Gegen die Habgier, Brutalität und Unersättlichkeit, die die Eroberer gegenüber den Eingeborenen walten ließen. – Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Audio CD .

Über den Autor

Mario Vargas Llosa, geboren 1936 in Arequipa/Peru, studierte Geistes- und Rechtswissenschaften in Lima und Madrid. Bereits während seines Studiums schrieb er für verschiedene Zeitschriften und Zeitungen und veröffentlichte erste Erzählungen, ehe 1963 sein erster Roman Die Stadt und die Hunde erschien. Der peruanische Romanautor und Essayist ist stets als politischer Autor aufgetreten und ist damit auch weit über die Grenzen Perus hinaus sehr erfolgreich. Zu seinen wichtigsten Werken zählen Das grüne Haus, Das Fest des Ziegenbocks, Tante Julia und der Kunstschreiber und Das böse Mädchen.
Vargas Llosa ist Ehrendoktor verschiedener amerikanischer und europäischer Universitäten und hielt Gastprofessuren unter anderem in Harvard, Princeton und Oxford. 1990 bewarb er sich als Kandidat der oppositionellen Frente Democrático (FREDEMO) bei den peruanischen Präsidentschaftswahlen und unterlag in der Stichwahl. Daraufhin zog er sich aus der aktiven Politik zurück.
Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen erhielt er 1996 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 2010 den Nobelpreis für Literatur. Heute lebt Mario Vargas Llosa in Madrid und Lima.

 

22. September 2011

Susanne Goga – Die Sprache der Schatten

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Die Sprache der Schatten
Susanne Goga
Taschenbuch: 448 Seiten
Verlag: Diana
ISBN-13: 978-3453354685

Susanne Goga führt ihre Leser ins Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die Stadt ist im Aufbruch, den einen bietet sie Möglichkeiten des gesellschaftlichen und beruflichen Aufstiegs, den anderen bietet die Anonymität der Großstadt die Möglichkeit, unauffällig ihr Leben zu leben. In „Die Sprache der Schatten“ begegnet wir beiden Welten. Da ist die junge Fabrikantenwitwe Rika, in die sich der nicht viel jüngere Stiefsohn Alexander verliebt hat, die bemüht ist, nach dem Tod ihres Mannes, die Familie zusammenzuhalten und gleichzeitig ihren eigenen Weg weiterzugehen. Alexander hingegen strebt nach gesellschaftlichen Aufstieg und beruflicher Anerkennung. Er ist ehrgeizig und versucht nicht zuletzt durch seine ganz persönliche Familienplanung, seine Ziele durchzusetzen. Unter denen hat besonders die Schwester Anna zu leiden. Sie ist in einen jungen Juden verliebt, soll aber durch ihre Heirat mit einem Adligen, dem Bruder die Wege in die höhere Gesellschaft ebenen. Stephan Rungrath ist im Auftrag des Vaters, eines Stofffabrikanten, in Berlin. Hier sieht er auch die Möglichkeit unbemerkt seine von Gesetz wegen verbotenen sexuellen Neigungen auszuleben. Nicht zuletzt lernt der Leser den Maler Anthonis kennen, der seinen Lebensunterhalt mit Scherenschnitten bestreitet, so ungewöhnliche Bilder malt und an der damals noch unbekannten Prosopagnosie. leidet.
„Die Sprache der Schatten“ war der erste Roman, den ich von der Autorin Susanne Goga gelesen habe. Umso überraschter war ich, welchen Glücksgriff ich damit machte. In diesem historischen Roman werden eine Vielzahl von Themen angeschnitten. Sei es die Modebranche, die zunehmende Industrialisierung, das schwierige Leben der einfachen Arbeiter, die Gesichtsblindheit des Malers, die Probleme Homosexueller und der aufkeimende Antisemitismus, um nur die wesentlichen zu nennen. Diese thematische Fülle lässt den Roman aber keineswegs überfrachtet erscheinen. Alle Probleme werden genau dosiert in die Handlung eingefügt und ergeben in ihrer Gesamtheit, ein harmonisches Zeitbild des damaligen Berlin. Neben Berlin spielt ein Teil der Handlung im ehemaligen München-Gladbach. Damit eröffnet die Autorin ihren Protagonisten nicht nur eine weitere Bühne, sie setzt ihrer Heimatstadt auch in gewissem Sinne ein Denkmal.
Ein weiteres Highlight in diesem Roman ist die Zeichnung der Charaktere. An erster Stelle möchte da Alexander Hesse nennen. Der bei höher gestellten Personen gern buckelt und sich anbiedert, ihm Untergebene aber mit Unbeugsamkeit und Härte behandelt. Er selbst steckt fest in des Vater Fußstapfen, denen er jedoch nicht gewachsen ist. Dieser so spezielle Charakter wurde von Susanne Goga mit bewundernswerter Feinheit beschrieben. Aber auch die Frauen sind nicht nur vorwärtsstrebend. Sie werden liebenswert durch ihre Zweifel, ihre gelegentliche Naivität, aber andererseits bestechen sie durch Charakterstärke und Gewitztheit. Keine der Figuren ist nur gut, Schwarz-Weiß-Malerei ist der Autorin fremd. Die Sorgen und Nöte der Protagonisten sind geschickt in die Handlung eingebunden, sie wirken lebensnah und geben dem Roman das ganz besondere Zeitkolorit. Trotz der anspruchsvollen Themenfülle ist der Roman wunderbar leicht zu lesen. Man taucht ab in einer vergangenen Zeit, egal ob man den Schauplatz kennt oder nicht, die Autorin übernimmt die Führung in eine vergangene Zeit und lässt sie vor dem inneren Auge wieder auferstehen.

13. Juli 2011

Tom Finnek – Unter der Asche

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Unter der Asche
Tom Finnek
Taschenbuch: 656 Seiten
Verlag: Bastei Lübbe
ISBN-13: 978-3404160518

London 1666. Nur wenige Wochen nach dem verheerenden Brand der vier fünftel von London in Schutt und Asche legte, wurde der vermeintliche Täter, der Franzose Robert Hubert, hingerichtet. Aber hatte er sich wirklich der Brandstiftung schuldig gemacht?
Der 13-jährige Geoffrey Ingram lebte unter elenden Bedingungen, sein Vater, ein Säufer, starb an der Pest. Die Mutter verließ die Familie bereits kurz nach Geoffs Geburt, sein älterer Bruder Edward verschwand vor Jahren und Jezebel, seine Schwester, wurde seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen. Nun musste sich der Junge allein durchschlagen. Abends arbeitete er bei einem Spelunkenwirt, der seine Wut über das Verschwinden Jezebels, sie war seine Bedienung, an dem Jungen ausließ. Sonntags besuchte er die kostenlose Armenschule von Master Gerrard, dem Eremit von St. Olave. Dieser animierte den Jungen, dem geheimnisvollen Verschwindens seiner Familienmitglieder auf den Grund zugehen und seine Geschichte aufzuschreiben.
In Rückblicken, in denen abwechselnd der Ich-Erzähler Geoffrey und ein auktorialer Erzähler über die Geschehnisse berichten, erfährt der Leser die wechselvolle Geschichte der Familie Ingram. Dabei kommt es vor, dass bereits bekannte Gegebenheiten auch aus anderer Perspektive noch einmal geschildert werden. Das fand ich sehr gelungen, als Leser bekam man so von allen Aspekten und Sichtweisen des Geschehens Kenntnis, was der Suche nach der Wahrheit sehr dienlich war. Die Geschichten der vielen Protagonisten, die alle aus den unteren Gesellschaftsschichten stammten, waren einerseits so – zum Teil auch ineinander – verworren und verknüpft, wurden aber nicht zuletzt durch die unterschiedlichen Erzählperspektiven so glänzend aufgelöst, dass man diesen historischen Roman nur ungern zur Seite legen wollte. Tom Finneks Charaktere lebten. Kein einziger fiel der schwarz-weiß-Malerei zum Opfer, es waren allesamt Personen, von denen man sich gut vorstellen konnte, dass sie genau so zu dieser Zeit gelebt haben könnten, mit ihren guten und schlechten Eigenschaften, ihren harten Schicksalen und den wenigen kleinen Freuden des Alltags. Der Autor behandelt aber auch ohne sich zu verzetteln eine Unmenge Nebenthemen in seinem Roman, wie zum Beispiel die Pest, die Geschichte der Digger und nicht zuletzt den großen Brand. Er erklärt politische und gesellschaftliche Hintergründe ebenso, wie er gekonnt eine Liebesgeschichte in die Handlung eingebaut hat, die einerseits sehr gefällig zu lesen ist, andererseits nicht aufdringlich oder gar kitschig wirkt. Alle diese detailreichen Handlungsfäden verwebt Tom Finnek zu einem äußerst gelungenen Ganzen, zu einem wirklich gelungenen historischen Romane. Dazu trug besonders der Ich-Erzähler Geoff bei. Er führte mich mit einer liebenswerten Schnodderigkeit im Stil von Huckleberry Finn in eine Welt, die der Feder eines Charles Dickens entstammen könnte. Tom Finnek ist ein Erzähler, der mit seinen Worten Bilder malt, die sich im Kopf des Lesers verselbständigen.
Leider ist das Taschenbuch nicht mit dem Stadtplan Londons ausgestattet, warum der Verlag darauf verzichtete, ist für mich nicht nachvollziehbar. Ein Glossar und eine Karte von der Umgebung von Oxshott sind aber auch in dieser Ausgabe enthalten.
Dieser Roman über Liebe und Hass, Schuld und Sühne, Erbitterung und Rache hat mir äußerst unterhaltsame und kurzweilige Lesestunden beschert. Für mich ist „Unter der Asche“ ein besonderer Roman in der Flut der historischen Romane, den ich sehr gern auch anderen Lesern empfehle.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Tom Finnek, 1965 in Westfalen geboren, lebt als Filmjournalist und Schriftsteller in Berlin. Als Autor (unter dem Namen Mani Beckmann) beschäftigt er sich schon länger mit historischen Stoffen, insbesondere zum Münsterland. Für ihn ist London mit seiner langen, wechselhaften Geschichte genauso faszinierend wie Berlin.
Tom Finnek ist verheiratet und hat zwei kleine Söhne, auf die er sehr stolz ist.
Weitere Informationen: www.tomfinnek.de

19. Juni 2011

Eric Walz – Die Schleier der Salome

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Judäa um Christi Geburt. Am Tag der Geburt von Prinzessin Salome ließ König Herodes aus Angst vor der angekündigten Geburt eines Messias alle männlichen Neugeborenen töten, auch Salomes Zwillingsbruder, seinen Enkel. Die jüdische Prinzessin wuchs in einem von Neid, Missgunst, Intrigen, Ränkespielen und Angst geprägten Umfeld auf. Schnell erkannte sie, dass sie als Mädchen in der von Männern dominierten Gesellschaft ohne Bildung kaum eine Chance auf eine herausragende Position am Königshof hat. Den Thora-Unterricht erkämpfte sie sich durch eine List und machte sich damit Kephallion zum Feind. Gleichzeitig wurde aber auch Ihre Tante Akme, die einflussreiche Tetrachin von Ashdod, auf sie aufmerksam und förderte die ehrgeizige Prinzessin. Dann kam Timon, ein junger Grieche auf der Suche nach dem Mörder seines Vaters, an den Hof. Von ihm erfuhr Salome wie wichtig es für sie wäre, auch Kenntnisse in anderen Wissenschaften zu erlangen. Beide kamen sich näher und verliebten sich ineinander, aber Timon hatte inzwischen herausgefunden, wer die Schuld am Tode des Vaters trug…

Eric Walz nimmt den Leser mit auf eine gedankliche Zeitreise. Er schildert Judäa, wie es vor 2000 Jahren ausgesehen haben mag, ein fruchtbares, blühendes und reiches Land. Er beschreibt aber auch die historische Situation am Hof, berichtet von Intrigen, Morden, politischen Strömungen, Machtkämpfen und Revolten. In diese authentische Kulisse bettet er die Lebensgeschichte der jüdischen Prinzessin Salome von deren Geburt, über deren betörenden Tanz vor ihrem Stiefvater Antipas, der ihr dafür den Kopf von Johannes dem Täufer präsentierte, bis hin zu ihrer Zeit als Königin ein. Geschickt baut er ein dazu Gerüst aus historisch verbürgten und fiktiven Personen, die er alle sehr lebensecht charakterisiert, so dass sich letztlich dieser historische Roman wie eine Biografie liest. In einem ausführlichen Nachwort erklärt Eric Walz dem Leser wie weit die Realität reicht und wo die Fiktion einsetzt. Die der Fantasie des Autors entsprungene Liebesgeschichte Salomes mit dem jungen Griechen hätte ich mir etwas weniger vordergründig vorstellen können, störend empfand ich sie jedoch nicht. In „Die Schleier der Salome“ wird der Leser mit zahlreichen Informationen zur Geschichte und Kultur Judäas konfrontiert. Das geschieht aber immer auf eine ganz unaufdringliche und nie dozierende Art und Weise. So verbanden sich in dem Roman die Wissensvermittlung, der sehr angenehm zu lesende Stil des Autors und die interessante und zugleich unterhaltsame Geschichte zu einem wirklichen Leseerlebnis, das mich dazu anregte, mehr über diese bewegte Zeit, um die ich im Roman bisher immer einen Bogen machte, erfahren zu wollen. Sehr interessant fand ich auch die Beschreibungen der strengen Sitten und Bräuche der Juden, des Einflusses der Römischen Besatzer auf das Volk sowie die sich aus dem aufkommenden Christentum ergebenden Veränderungen.

Mein Fazit: „Die Schleier der Salome“ ist ein rundum gelungener historischer Roman von dem man sagen kann, wenn sich die Geschichte so nicht zugetragen hat, hätte es auf jeden Fall aber so gewesen sein können. Das ist in meinen Augen das größte Lob, das man einem Roman aus diesem Genre machen kann. Für mich war dieser Autor eine Entdeckung. Auf seine anderen bereits veröffentlichten Romane bin ich sehr neugierig geworden. Ich empfehle dieses Buch gern weiter.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Eric Walz wurde 1966 in Königstein im Taunus geboren. Im Jahr 2002 erfüllte er sich den Jugendtraum, Bücher zu schreiben. Sein Debütroman Die Herrin der Päpste wurde auf Anhieb ein großer Erfolg. Zuletzt erschien von ihm im Oktober 2007 Die Glasmalerin, ein historischer Kriminalroman, der vor dem Hintergrund des Konzils von Trient spielt. Eric Walz lebt nach vielen Jahren in Berlin heute als Schriftsteller im Umland von Stuttgart.

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