Karthauses Bücherwelt …

18. Mai 2013

Kevin Powers – Die Sonne war der ganze Himmel

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Die Sonne war der ganze Himmel

Powers, Kevin

Originaltitel: The Yellow Birds

Gebundene Ausgabe: 240 Seiten

Verlag: S. FISCHER

ISBN-13: 978-3100590299

Kurzbeschreibung

Das aufsehenerregendste amerikanische Debüt seit Jahren: die ergreifende Geschichte einer Freundschaft im Irakkrieg

Die beiden jungen Amerikaner John Bartle, 21, und Daniel Murphy, 18, haben keine Zeit erwachsen zu werden. Als Soldaten werden sie gemeinsam in den Irak geschickt, in einen Krieg, auf den sie niemand vorbereitet hat. Was John und Daniel in der glühenden Hitze der Wüste am Leben hält, ist ihre Angst – und ein Versprechen, das John Daniels Mutter gegeben hat: Er wird auf Daniel aufpassen, was immer kommen mag…
Ein großer Roman, wie wir ihn noch nicht gelesen haben, der uns ein Land im Krieg von seiner nahbaren, verletzlichen Seite zeigt. Vor allem aber die Geschichte einer Freundschaft: klar, poetisch und schmerzlich schön erzählt.

Über den Autor

Kevin Powers war von 2004 bis 2005 als US-Soldat im Irak stationiert, wo er als Maschinengewehrschütze in Mosul und Tal Afar kämpfte.
Aufgewachsen in Richmond, Virginia, studierte er an der Virginia Commonwealth University und der University of Texas, Austin, wo er Poetry Fellow am Michener Center war. ›Die Sonne war der ganze Himmel‹ ist sein Romandebüt. Es wurde zum New York Times-Bestseller und mit dem Guardian First Book Award, dem Hemingway Foundation/PEN Award, dem Flaherty-Dunnan First Novel Prize und dem American Academy of Arts and Letters’ Sue Kaufman Prize for First Fiction ausgezeichnet.

Meine Meinung

“Der Krieg wollte uns im Frühling töten.”

Mit diesen Worten beginnt dieser beeindruckende und aufwühlende Roman. Aber schnell wird deutlich, er tötet nicht nur im Frühling, er ist allgegenwärtig und mit ihm der Tod. Das wird dem Leser auf beklemmende Weise deutlich gemacht. Der 21-jährige John Bartle war schon vor dem Kriegseinsatz bei der Army, als es plötzlich ernst wurde:

„Es war eine ganz gute Zeit gewesen, die Army bot mir die Möglichkeit, abzutauchen. Ich muckte nicht auf und tat, was man mir auftrug. Niemand erwartete viel von mir, und ich verlangte wenig. Ich hatte so gut wie nie einen Gedanken an einen Kriegseinsatz verschwendet, und nun, da er kurz bevorstand, suchte ich vergeblich nach einem Gefühl innerer Dringlichkeit, das den Ereignissen entsprach, die sich in meinem Leben zu entfalten begannen.“

John Bartle, Protagonist des Romans, kann ohne weiteres als Alter Ego des Autors angesehen werden. Kevin Powers war wie er von 2004 bis 2005 im Irak stationiert. In diesem Roman verarbeitet er seine eigenen Erfahrungen auf literarische Weise. Beeindruckend ist der sprachliche Stil, der durch die Übersetzung ins Deutsche kaum Schaden genommen zu haben scheint. Der Übersetzer Henning Ahrens hat ausgezeichnete Arbeit geleistet. Auf schon fast poetische Weise beschreibt der Autor die Schrecken des Irak-Krieges, die Gluthitze in der Wüste und die Ängste der Soldaten und ihrer Angehörigen. Dies scheint auf den ersten Blick ein Widerspruch zu sein, Kevin Powers beweist aber eindringlich, auch das Grauen hat schöne Worte verdient und wird dadurch nur noch empathischer und bedrückender. Ich kann mich nicht erinnern in den letzten Jahren einen Roman gelesen zu haben, bei dem sich Schönheit und Gräuel so hervorragend ergänzten.

Der Leser begleitet den Private John Bartle in der Zeit von 2003 bis 2009 und bekommt Einblicke ins Leben und Sterben der us-amerikanischen Kampfeinheit. Aber das Leben ist ein blanker Überlebenskampf und das Sterben ein Verrecken. Powers entreißt dem Irak-Krieg jede Art von Glorifizierung und Mythos, er stellt ihn dar, wie er ist, grauenvoll, brutal, unmenschlich.

Diese Geschichte erzählt Kevin Powers nicht chronologisch, sondern wechselt zwischen den verschiedenen Zeitebenen. In den Kapiteln, die die Zeit nach Bartles Irakeinsatz betreffen, wird deutlich, dass der Krieg die Soldaten nicht nur physisch, sondern auch psychisch zerstört.

Kevin Powers hat mit „Die Sonne war der ganze Himmel“ ein beeindruckendes Romandebüt abgeliefert. Er schont den Leser nicht und führt sie sprachgewaltig in die Welt des Krieges, des Tötens und getötet Werdens, der Angst und des Schreckens. Dieser unglaublich intensive Roman hat mich tief berührt und nachhaltig beeindruckt. Dieser wichtige Roman ist eine unbedingte Leseempfehlung von mir.

15. April 2013

Abbas Khider – Brief in die Auberginenrepublik

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Brief in die Auberginenrepublik

Khider, Abbas 

Gebundene Ausgabe: 160 Seiten

Verlag: Edition Nautilus

ISBN-13: 978-3894017705

Kurzbeschreibung

Oktober 1999 im Irak herrscht Saddam Hussein, in Libyen Gaddafi, in Ägypten Mubarak, in Syrien Hafiz al-Assad und in Jordanien König Abdullah II bin Hussein. Die arabische Facebook und Twitter-Revolution gegen die Despoten ist noch fernste Zukunft. Einen Brief an der Zensur vorbeizuschicken, ist ein langwieriges und gefährliches Abenteuer. Das nach dem Golfkrieg verhängte Handelsembargo treibt die irakische Bevölkerung ins Elend einzig Auberginen gibt es im Überfluss, sodass die Iraker ihrem Land den Beinamen »Auberginenrepublik « verpasst haben. Salim, ein ehemaliger Student, schlägt sich im libyschen Exil als Bauarbeiter durch. Er war wegen des Besitzes verbotener Bücher verhaftet worden. Über seinen Onkel ist ihm die Flucht aus dem Irak gelungen, doch er hat nie wieder von seiner Familie, seinen Freunden und vor allem von seiner Geliebten Samia gehört, deren Namen er auch unter Folter nicht preisgegeben hatte. Nun erfährt er in Bengasi von einem die ganze arabische Welt überspannenden Netzwerk von illegalen Briefboten und wagt es, Samia einen Brief mit einem Lebenszeichen zu senden…

Über den Autor

Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren. 1996 floh er nach einer Verurteilung aufgrund »politischer Gründe« und nach einer zweijährigen Gefängnisstrafe aus dem Irak. Von 1996 bis 1999 hielt er sich als illegaler Flüchtling verschiedenen Ländern auf, seit 2000 lebt er in Deutschland. Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft in München und Potsdam. Zurzeit lebt Abbas Khider in Berlin.

Meine Meinung

Salim ist ein ehemaliger Student, der wegen des Besitzes illegaler Bücher im Irak verhaftet wurde. Sein Onkel verhalf ihm zur Flucht aus dem Gefängnis und dem Land. Nach einigen Zwischenetappen ist er in Bengasi gestrandet und verdingt sich dort als Bauarbeiter, wie viele im Exil lebende. Seit zwei Jahren hat er nichts mehr von seiner Familie gehört. Auf offiziellem Weg kann er wegen der Zensur keine Briefe in die Heimat schicken, da erfährt er zufällig von dem Netzwerk illegaler Briefboten. Er schreibt einen Brief an seine Geliebte Samia und schickt ihn auf die Reise.

Der eigentliche Protagonist dieses Romans ist ein Brief, dessen abenteuerlichen Weg der Leser auf seiner Reise von Bengasi über Kairo und Amman bis hin nach Bagdad verfolgen kann. Jedes der 7 Kapitel ist der Person an dem Ort gewidmet, bei der sich der Brief gerade befindet. So lernt der Leser Menschen kennen, die dem Regime, wie der Absender, zum Opfer gefallen sind, aber auch die, die in dem Brieftransport eine Geschäftsidee sehen, mit der sie ihr Geld verdienen und dann gibt es noch die, die sich dem Regime unterworfen haben und für die Zensurbehörde arbeiten. Aber es gibt auch die Menschen, die vollkommen uneigennützig einem Heimatlosen einfach nur helfen wollen.

Man merkt diesem Roman an, dass sein Autor aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen konnte. Denn Parallelen zu dem Exil-Iraker Salim, dem Schreiber der des Briefes, sind kaum zu übersehen. Ob der Roman autobiografisch ist, lasse ich dahingestellt. Inspirationen fand Abbas Khider dazu in seiner eigenen Vergangenheit gewiss genügend. Gekonnt flicht er in seine Erzählung immer wieder Passagen ein, die über die Situation der im Exil lebenden Iraker und die politischen Gegebenheiten in deren Heimat Auskunft geben. Der Roman wirkt dadurch auf mich ungeheuer glaubhaft. Abbas Khider schreibt sehr wortgewaltig, mitunter auch sehr poetisch, nie nur bitterernst, vieles schmückt er mit einem Fünkchen Humor. Sehr gerne lese ich die richtig dicken Wälzer. Aber ein Autor wie Abbas Khider gibt mir dann wieder zu verstehen, es bedarf nicht der vielen Worte für einen wirklich guten Roman, auch 160 Seiten können einem eine ganz Welt nahe bringen, wenn man auch an manchem Ort gern etwas länger geblieben wäre.

Ich danke der Edition Nautilus ganz herzlich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

29. März 2012

Abbas Khider – Die Orangen des Präsidenten

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Die Orangen des Präsidenten

Abbas Khider

Gebundene Ausgabe: 160 Seiten

Verlag: Edition Nautilus

ISBN-13: 978-3894017330

“Meine Mutter weinte, wenn sie sehr glücklich war. Sie nannte diesen Widerspruch “Glückstränen”. … Ich erfand eine neue, melancholische Art des Lachens. Man könnte es als “Trauerlachen” bezeichnen. Diese Entdeckung machte ich, als mich das Regime packte und in Ketten warf.” (S. 5)

 Irak 1989. Nach der letzten Abiturprüfung wurde Mahdi Hamama von seinem Freund Ali zur Feier des Tages zu einer Spritztour eingeladen. Ali hatte sich ein Auto geborgt – von den falschen Freunden. Bei einer Polizeikontrolle wurden beide festgenommen und inhaftiert. Eine Verhandlung oder ein Urteil gab es nicht. Mahdi verbringt 2 Jahre im Gefängnis voller Schikanen, Demütigungen, Hunger und Folter bevor. Er flüchtet in seine Rolle als Geschichtenerzähler und kann so wenigstens in Gedanken den Schrecknissen entfliehen.

Abbas Khider hat mit „Die Orangen des Präsidenten“ einen wirklich beeindruckenden Roman vorgelegt. Betrachtet man die Biografie des Autors, so wird deutlich, wie nahe an der Realität dieses Buch angelegt sein muss. Denn Abbas Khider war selbst aus politischen Gründen zwei Jahre in irakischer Haft. Wortgewaltig und ausdrucksstark beschreibt er die elenden Verhältnisse, die Schrecken der Folter, die Erniedrigung, den ständigen Hunger, die Ausweglosigkeit und das Ausgeliefertsein. Dabei liest sich der Roman ausgenommen flüssig. Die Geschichte ist in zwei sehr gegensätzliche Handlungsstränge aufgeteilt. Man erlebt den entsetzlichen Gefängnisalltag einerseits, andererseits folgt der Leser der den Geschichten aus Mahdis Kindheit, wie der von Sami, dem Taubenzüchter, oder der des Geschichtslehrers und Übersetzers Razaq’s. Diese schrecklichen Erlebnisse verbunden mit den Erzählungen aus unbeschwerten und sorglosen Kindertagen machen in ihrem Zusammenspiel den besonderen Reiz dieses wunderbaren Romans aus, der ein Stück irakischer Zeitgeschichte widerspiegelt und der auch Tage nach Beendigung der Lektüre aufgrund seiner Glaubwürdigkeit noch nachwirkt.

„Die Orangen des Präsidenten“ gibt ein bewegendes Zeugnis von Willkür und Gewaltherrschaft ab, das den Leser aber nicht in der Hoffnungslosigkeit zurücklässt. Es ist ein sehr informatives und zugleich äußerst lesenswertes Buch, das nachhaltig beeindruckt. Ich kann es uneingeschränkt empfehlen.

Mein besonderer Dank gilt der Edition Nautilus für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

 Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren. 1996 floh er nach einer Verurteilung aufgrund »politischer Gründe« und nach einer zweijährigen Gefängnisstrafe aus dem Irak. Von 1996 bis 1999 hielt er sich als illegaler Flüchtling verschiedenen Ländern auf, seit 2000 lebt er in Deutschland. Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft in München und Potsdam. Lyrik in verschiedenen Publikationen. Zurzeit lebt Abbas Khider in Berlin. Mit seinem vielbeachteten Debütroman Der falsche Inder (Herbst 2008), den er in deutscher Sprache verfasste, war er auf vielen Literaturveranstaltungen zu Gast, so auf dem Erlanger Poetenfestival 2008, der LitCologne 2009, den 6. Coburger Literaturtagen 2009, dem Internationales Literaturfestival Berlin 2009. Von der Heinrich-Böll-Stiftung erhielt er eine Einladung zu einem Festival in Beirut (April 2009), vom Goethe-Institut zu Lesungen in Jordanien und Syrien (Mai 2009). 2009 erhielt er das Alfred-Döblin-Stipendium der Akademie der Künste Berlin, vom Deutschen Literaturfonds bekam er außerdem ein Arbeitsstipendium der Autorenförderung (2009-2010). Seit 2010 ist Abbas Khider Mitglied des PEN. Im März 2010 wurde Abbas Khider mit dem Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis geehrt.

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