Karthauses Bücherwelt …

23. August 2011

Buch der Woche (33. KW 2011)

Einsortiert unter: Allgemeines,Empfehlungen — Karthause @ 14:34
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In dieser Woche empfiehlt der mdr figaro „Jáchymov“ von Josef Haslinger.

Amazon schreibt dazu:

Kurzbeschreibung

Sie begegnen sich zufällig: der Verleger und die Tänzerin. Er sucht Heilung im alten Kurhotel von Jáchymov und stößt dabei auf das Grauen dieses Ortes. Die Tänzerin beginnt ihm eine Geschichte zu erzählen, die sie ihr Leben lang begleitet hat. Es ist die Tragödie ihres Vaters. Als Torwart der tschechoslowakischen Eishockey-Nationalmannschaft seit den 1930er Jahren ein Star, konnten ihn seine Erfolge nicht vor der Willkürherrschaft des kommunistischen Regimes schützen. Dann wurde er verhaftet. Man deportierte ihn in die Arbeitslager von Jáchymov, einem Uranbergwerk in einem Tal des Erzgebirges. Nach fünf Jahren wird er amnestiert und als Todkranker entlassen. Seiner Familie bleibt nichts, als ihm beim langsamen Sterben zuzusehen. Die Tochter wird zur Chronistin einer ungewissen Erinnerung, der sie nicht mehr entkommen kann.
Josef Haslinger erzählt in seinem neuen Roman eine Familiengeschichte, verstrickt in die Tragödien des 20. Jahrhunderts.

Über den Autor

Josef Haslinger, 1955 in Zwettl/Niederösterreich geboren, lebt in Wein und Leipzig. Seit 1996 lehrt Haslinger als Professor für literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Haslinger erhielt zahlreiche Preise, zuletzt den Preis der Stadt Wien und den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels. 2010 wird Josef Haslinger der Mainzer Stadtschreiber.

5. März 2010

Josef Haslinger – Phi Phi Island. Ein Bericht

Einsortiert unter: 2010,Belletristik — Karthause @ 17:52
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Phi Phi Island. Ein Bericht
Josef Haslinger
Gebunden 203 Seiten
S. Fischer Verlag
ISBN-13: 978-3100300591

“wir überlebenden von koh phi phi waren eine zufällige auslese. in unserem hotel standen die chancen fünfzig zu fünfzig. doch das große gericht hatte keinen gerechtigkeitssinn. wir waren zu viert gekommen und sind zu viert wieder abgereist.” (aus: Haslinger, Josef: Phi Phi Island, S. 11.)

Über Weihnachten 2004 wollte die Familie Haslinger ausspannen, eigentlich sollte sie die Reise wieder in die Karibik führen. Aber der begeisterte Bericht von Freunden ließ sie ihre Planungen ändern und so reiste Josef Haslinger gemeinsam mit seiner Frau und seinen 18jährigen Zwillingen auf das zu Thailand gehörende Urlaubsparadies Phi Phi Island. Ihre zu einem Urlaubsresort gehörenden Bungalows standen unmittelbar am Strand. Am Morgen des 26. Dezember 2004 beratschlagten die Haslingers gerade den Tagesablauf, als das Schreien von Menschen sie aufschreckte und das Unglück über sie hereinbrach. Plötzlich stieg das Wasser und sie versuchen noch auf das Dach des Verwaltungsgebäudes zu gelangen, aber die Welle trennte die Familie und Haslinger erkannte, dass er dem Tod ins Auge schaute:

“diese erkenntnis kam zwar schockartig, aber ihr folgte keine verzweiflung. es war eher eine art bedauern darüber, dass ich nicht anders sterben darf, sondern hier im dreck verrecken muss.” (aus: Haslinger, Josef: Phi Phi Island, S. 79)

Alle vier Haslingers überlebten mit viel Glück. Hunderttausende starben.

Vielfach wurde Haslinger, nachdem er und seine Familie, abgesehen von den kleineren körperlichen Blessuren, gesund nach Österreich zurückkehrte, darauf angesprochen, er hätte ja nun DEN Stoff für einen neuen Roman. Lange Zeit hatte er jedoch nicht die Absicht, über das Erlebte zu schreiben. Und dann schrieb er (s)einen Bericht, um das Trauma zu verarbeiten, seine persönliche Therapie. So besuchte er gemeinsam mit seiner Frau ein Jahr später den Ort der Katastrophe noch einmal. Er wollte einfach das Geschehene verstehen lernen und wissen wie das Leben in dem einstigen Urlaubsparadies weitergeht und die Menschen vor Ort mit der Situation leben. Im Buch selbst wirkt es stellenweise so, als suche er für diese Veröffentlichung eine Rechtfertigung.

Abwechselnd berichtet Haslinger von den Geschehnissen während und nach dem Tsunami bis zur glücklichen Heimreise, von seinen Eindrücken auf der zweiten Reise nach Phi Phi Island und von seinen Gedanken und Empfindungen während des Schreibens. Einfach, schnörkellos, nüchtern und ohne große Worte beschreibt er wie eine Katastrophe über sich, seine Familie und tausende andere Menschen hereinbrach. Aber genau dieser Stil ist es, der beim Leser eine Gänsehaut auslöst und den Schrecken greifbar macht. Aber der Autor schildert die Dinge nicht nur aus seiner Sicht, er lässt andere Betroffene zu Wort kommen und setzt denen, die nicht das Glück hatten zu überleben, mit seinem Bericht ein Denkmal.

Der gesamte Bericht ist konsequent in Kleinbuchstaben geschrieben. Kein Großbuchstabe ziert den Satzbeginn oder den Eigennamen. Ich war zunächst etwas verwundert, gestört hat es mich nicht. Im Buch folgt auch noch eine Erklärung zu der ungewohnten Schreibweise.

Mein Fazit: Phi Phi Island ist der pathosfreie Bericht eines vom Tsunami betroffenen Autors. Er grenzt sich wohltuend von den sogenannten Schicksalsromanen ab, heischt nicht nach zusätzlichen Effekten und drückt nicht durch schwülstige Worte auf die Tränendrüsen. Emotionen werden beim Leser ausschließlich durch sehr sachliche Berichterstattung und das dadurch einsetzende „Kopfkino“ erzeugt. Josef Haslingers Bericht ist äußerst lesens- und empfehlenswert.

Über den Autor

Josef Haslinger, 1955 in Zwettl/Niederösterreich geboren, lebt in Wien und Leipzig. Seit 1996 lehrt Haslinger als Professor für literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 1995 erschien sein Roman “Opernball”, 2000 “Das Vaterspiel”. Sein letztes Buch, “Zugvögel”, erschien im Frühjahr 2006. Haslinger erhielt zahlreiche Preise, zuletzt den Preis der Stadt Wien und den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels.

Zu seinem Bericht fand ich in der WELT-ONLINE ein Interview. Hier kann es gelesen werden.

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