Karthauses Bücherwelt …

8. August 2009

Joseph Roth – Hotel Savoy

Einsortiert unter: 2009,Belletristik — Karthause @ 15:03
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Hotel Savoy

Joseph Roth

Gebundene Ausgabe: 123 Seiten

Verlag: Kiepenheuer & Witsch

ISBN-13: 978-3462036695

Im Hotel Savoy, in einer nicht näher benannten Stadt im Osten Europas, treffen sich die verschiedensten Menschentypen. Es sind Gewinner und Verlierer der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, sie sind in diese Kategorien nach ihrer Unterbringung in den verschiedenen Etagen des 864 Zimmer umfassenden Hotels einzuordnen. Leben in den unteren Stockwerken die Erfolgreichen in großem Luxus, so treffen sich in der 6. und 7. Etage die Gestrandeten der Gesellschaft, die mit Mühe die nächste Miete begleichen können, oder dafür ihre Koffer an den Fahrstuhlführer Ignatz verpfänden. So bringt Joseph Roth dem Leser ehemalige Soldaten und Kriegsgefangene, Millionäre und Pleitiers, Schmuggler und Schieber, Kommunisten und Tänzerinnen näher. Über allen jenen wacht Ignatz. Alle Personen beschreibt Roth ganz wunderbar, charakterisiert sie gekonnt, immer mit einem feinen Hauch Ironie. So lebt auch der aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrte Gabriel Dan, der Ich-Erzähler, in diesem Hotel. Er wird nach einiger Zeit der Sekretär des Millionärs Bloomfield, der aus lange geheim gehaltenen Gründen regelmäßig in diesem Hotel absteigt und als Gönner der Armen gilt. Er ist deren Hoffnungsträger, die Lichtgestalt im irdischen Jammertal. Dan erfasst die Gesuche der Armen an den Reichen und verstrickt sich in beide Lager. Schließlich geht infolge eines Streiks das Hotel in Flammen auf. Eine kleine Welt ist – stellvertretend für die Große – aus den Fugen geraten und damit dem Untergang geweiht.

„Hotel Savoy“ ist einer der frühen Romane Joseph Roths, aber ich ertappte mich immer wieder dabei, dass ich ihn gedanklich an „Radetzkymarsch“ und „Die Kapuzinergruft“ anschließen ließ. Schon in diesem Frühwerk wird die Prägnanz und Brillanz der Sprache Joseph Roths deutlich. Er erweckt die verschiedensten Charaktere zum Leben, lässt sie förmlich aufeinanderprallen. Ob arm oder reich, alle Personen wirken lebensecht und glaubwürdig. Ganz famos beschreibt er mit großer Symbolhaftigkeit die Wirren nach dem Krieg, das vielfältige Leben im Hotel, die Hoffnungen, Träume und Illusionen, die dann letztendlich mit dem Hotel untergehen. „Hotel Savoy“ ist für mich ein ganz besonderes Buch, es geht unter die Haut, berührt und weckt Verständnis. Alle Bücher des Autors sind für mich sowohl stilistische als auch sprachliche Perlen, von denen es viel zu wenig gibt.

Über den Autor

Joseph Roth wurde 1894 in Schwabendorf b. Brody in Ostgalizien geboren und verstarb am 27.05.1939 in Paris. Roth war als Journalist u.a. in Berlin und Wien tätig, ehe er als Korrespondent für die “Frankfurter Zeitung” alle europäischen Großstädte bereiste. Seit 1933 emigrierte Roth schrittweise über Wien nach Marseille, Nizza und schließlich Paris. Dort verfiel er aus Verzweiflung dem Alkoholismus und verstarb in einem Armenhospital.

 

13. Februar 2009

Joseph Roth – Hiob

Einsortiert unter: 2009,Belletristik — Karthause @ 18:53
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“Erinnere dich Mendel,…erinnere dich an Hiob. Ihm ist Ähnliches geschehen wie dir…. Auch er lästerte Gott. Und doch war es nur eine Prüfung gewesen.” (S. 156)

Mendel Singer ist ein einfacher orthodoxer Jude. Er lebt mit seiner Familie in einem kleinen Ort in Galizien. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Dorfschullehrer. Er lebt, wie schon sein Vater lebte, gottesfürchtig, bescheiden, schicksalsergeben. Aber mit der Geburt des 4. Kindes gerät seine Welt aus den Fugen. Menuchim ist krank, er leidet an Epilepsie, kann nicht laufen und nicht sprechen. Deborah, Mendels Ehefrau, scheut keinen Weg, um ihrem kranken Sohn zu helfen. Ein Rabbi gibt ihr folgende Worte mit auf den Weg:

“Menuchim, Mendels Sohn wird gesund werden. Seinesgleichen wird es nicht viele geben in Israel. Der Schmerz wird ihn weise machen, die Häßlichkeit gütig, die Bitternis milde und die Krankheit stark. Seine Augen werden weit sein und tief, seine Ohren hell und voll Widerhall. Sein Mund wird schweigen, aber wenn er die Lippen auftun wird, werden sie Gutes künden.” (S. 20)

Diese Prophezeiung birgt zwar Hoffnung, scheint aber abwegig zu sein. Die Jahre vergehen und es wird deutlich, dass die Familie Singer in Auflösung begriffen ist. Beide Söhne verlassen das Haus, Jonas wird Soldat, Schemarjah (später Sam) geht nach Amerika. Mirjam entfremdet sich geistig von der Familie, sie ist mit einigen Kosaken liiert. Mendel, Deborah und Mirjam folgen Schemarjah nach Amerika und Menuchim wird im Schtetl zurückgelassen. Aber auch die Eheleute Mendel und Deborah sind einander fremd geworden. Mendel sagt an einer Stelle, er könne Deborahs Gesicht nicht mehr ertragen. Aber auch in Amerika kommen auf Mendel weitere Schicksalsschläge zu. Er beginnt mit Gott zu hadern und lehnt sich in seiner Verzweiflung gegen ihn auf und verflucht ihn. Und dann, als man es kaum noch glauben mag, wird ihm ein ungeheures Glück zuteil.

Nach „Radetzkymarsch“ und „Kapuzinergruft“ war „Hiob“ der dritte Roman, den ich von Joseph Roth las. Wie bereits die anderen beiden, zog er mich sofort in seinen Bann. Joseph Roths Art und Weise zu erzählen, einfach, sachlich und schnörkellos, dabei kompetent und einfühlsam, ist es, die mich jedes Buch von ihm, schon wegen der Sprachmelodie, genießen lässt. Nichts finde ich übertrieben oder gar schwülstig, er findet für alles das richtig Maß. Seine Figuren sind lebensecht und im Gegensatz zu den von mir bereits gelesen Büchern gibt es in „Hiob“ auch fantastisch beschriebene Frauen; Deborah, die Mutter, die lange Zeit die war, die die Familie lenkt und Mirjam, in ihrer Auflehnung gegen das Althergebrachte, sind mir schnell ans Herz gewachsen. Aber am meisten liebe ich diesen Autor für seine Kunst, große Gefühle in passende klare Worte zu fassen. Bevor ich zu diesem Buch griff, zögerte ich eine Weile. Ich wusste nicht, sollte ich vielleicht doch erst (mal wieder) zur Bibel greifen und mich mit der Thematik vertraut machen? Ich entschied mich dagegen und ich habe es nicht bereut. Roth verstand es ganz ausgezeichnet, dieses schwierige Thema umzusetzen und dem Leser nahe zu bringen.

Mein Fazit: „Hiob“ ist ein Meisterwerk. Es hat mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt und tief berührt. Es wird garantiert einen Re-read geben und ich bin mir heute schon sicher, viele neue Facetten dieses Roman entdecken zu können.

Über den Autor

Joseph Roth wurde 1894 in Schwabendorf b. Brody in Ostgalizien geboren und verstarb am 27.05.1939 in Paris. Roth war als Journalist u.a. in Berlin und Wien tätig, ehe er als Korrespondent für die “Frankfurter Zeitung” alle europäischen Großstädte bereiste. Seit 1933 emigrierte Roth schrittweise über Wien nach Marseille, Nizza und schließlich Paris. Dort verfiel er aus Verzweiflung dem Alkoholismus und verstarb in einem Armenhospital.

Gebundene Ausgabe: 202 Seiten * Verlag: Kiepenheuer & Witsch * ISBN-13: 978-3462034059

19. August 2008

Joseph Roth – Die Kapuzinergruft

Einsortiert unter: 2008,Klassiker/Weltliteratur — Karthause @ 10:23
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Der Ich-Erzähler Franz Ferdinand Trotta, Enkel des Bruders des Helden von Solferino und somit aus dem nicht geadelten Zweig der Familie, erzählt die Geschichte der Trottas weiter. Er beginnt kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges und endet mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Dieser Roman ist faktisch die Fortsetzung von Roths „Radetzkymarsch“.

War der Untergang der Donaumonarchie im „Radetzkymarsch“ das bestimmende Thema, greift Roth in „Kapuzinergruft“ weiter und die Zeit nach dem Ende der Monarchie wird als ein schwieriger Neuanfang mit melancholischen, teils traurigen, aber immer sehr schönen Worten beschrieben.

Franz Ferdinand erbte von seinem Vater ein nicht unerhebliches Vermögen, welches dieser während seiner Zeit in Amerika machte. Franz Ferdinand liebte das Leben, besonders die Freuden desselben. Er war leichtsinnig, genoss es, Geld zu haben und dieses ohne nachzudenken ausgeben zu können. So lebt er die Nacht und verschläft den Tag. Erst nach dem Besuch seines Vetters, dem Maronibrater Joseph Branco Trotta, wird er etwas nachdenklicher. Als während seines Besuches in Zlotogrod der Krieg ausbricht, entschließt sich Franz Ferdinand, mit Joseph Branco und dessen Freund, dem Fiaker Reisinger, Seite an Seite zu kämpfen und sich von seinen alten Lebefreunden zu trennen.

Franz Ferdinand Trotta zeigt nie großen Elan, wenn es gilt etwas zu bewältigen. Aber nach seiner Rückkehr aus dem Krieg verharrt er förmlich in Erstarrung. Seine größte Tat scheint mir die Zeugung seines Sohnes zu sein. Auch sein gesamtes Umfeld wirkt verstört, ratlos, als hätte es den Boden unter den Füßen verloren. Alle diskutierten mehr als sie sich betätigen. Man versucht zwar einen Neuanfang nachdem das Kurzwarengeschäft missglückt war. In einem zweiten Anlauf wird mit dem Umbau des Hauses der Trottas zur Pension begonnen. Aber ständig hatte ich den Eindruck, alles geschehe halbherzig, eine gewisse Resignation und die Trauer um die gute alte Zeit, die so unwiderruflich vorüber ist, war spürbar. Recht sorglos wurden Hypotheken aufgenommen und Schecks ausgestellt. Glücksritter hatten ihre große Stunde und die Gutgläubigen zahlten drauf. So ganz kann man sich noch nicht von der dekadenten Lebensweise der Vorkriegszeit lösen, wo es ums Leben ging und nicht ums Geld. Von letzteren gab es genug, die Lebenszeit war schließlich begrenzt.

Eine ganz besondere Rolle kommt der Mutter des Franz Ferdinand zu. Sie lebt ihr Leben in festen Ritualen und Ansichten. Sie lebt die Tradition, das Althergebrachte. Sie darf ehrwürdig sterben, während eine hoffnungs- und ziellose Generation planlos zurück bleibt.

So steht auch die Kapuzinergruft, die letzte Ruhestätte der österreichischen Kaiser, für den Untergang des Reiches. Die ehemaligen Untertanen bleiben gefühlt führerlos zurück. Mit der neuen Republik können sie nicht anfangen. Alles ist im Zerfall begriffen. Kulturelle Werte und Traditionen gelten nicht mehr, sogar die Adelstitel wurden abgeschafft. Auch das Geld, von dem in früheren Zeit immer ausreichend vorhanden war, verliert unaufhaltsam seinen Wert.

„Kapuzinergruft“ empfand ich als noch melancholischer als „Radetzkymarsch“. Bei Letztgenanntem spürte ich noch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. So endet dieses Buch mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich und für mich steht das gleich mit Hoffnungslosigkeit. Sehr deutlich wurde die Sehnsucht nach der Monarchie.

Wieder hat mich die sprachliche Gestaltung eines Joseph-Roth-Romans fasziniert. Die Emotionen, die er mit ein paar Sätzen zu erwecken vermag, finde ich bei manch anderem Autoren nicht in ganzen Büchern. Mit seinen Worten und den ausgefeilten, manchmal auch verschachtelten Sätzen lässt der Autor Bilder in meinen Gedanken entstehen und verleiht den Personen seines Romans Leben. Die von einer dichten Atmosphäre getragene Traurigkeit war für mich körperlich greifbar.

Ein wenig haben mich die Namensgleichheiten zu Personen aus „Radetzkymarsch“ irritiert, die aber personell nicht untersetzt waren. Einen Grafen Chojnicki und einen Diener namens Jacques gab es in beiden Romanen, es waren aber nicht die gleichen Personen. Mir ist nicht recht klar geworden, was Joseph Roth mit diesem Kunstgriff bezwecken wollte.

Mein Fazit: „Kapuzinergruft“ ist ein äußerst lesenswerter Roman, der ein anschauliches Sittenbild der jungen österreichischen Republik zeichnet. Joseph Roth ist mit diesem Buch nun endgültig in meinen ganz persönlichen Autoren-Olymp eingezogen.

Gebundene Ausgabe: 189 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-13: 978-3462036459

29. Juli 2008

Joseph Roth – Radetzkymarsch

Einsortiert unter: 2008,Klassiker/Weltliteratur — Karthause @ 18:36
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Inhaltsangabe (Achtung! Hier wird der gesamte Inhalt wiedergegeben.)

1859 rettete der aus bäuerlichen Verhältnissen stammende, junge Infanterieleutnant Joseph Trotta Kaiser Franz Joseph I. in der Schlacht von Solferino das Leben. Die für den Kaiser bestimmte Kugel traf den Leutnant in die Schulter. Aus Dankbarkeit verlieh ihm der Kaiser den Maria-Theresia-Orden, beförderte ihn zum Hauptmann und erhob ihn in den Adelsstand. Jahre später, Joseph von Trotta und Sipolje war inzwischen verheiratet und hatte einen Sohn, Franz. Als er im Lesebuch seines Sohnes die Geschichte seiner Heldentat völlig verändert las. Er bat um eine Audienz beim Kaiser und trug ihm seine Beschwerde vor. Franz Joseph versuchte ihn zu beschwichtigen und riet ihm, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Joseph von Trotta zog für sich die Konsequenzen und schied als Major und in den Freiherrenstand erhoben aus dem Militär aus.

Seinen herangewachsenen Sohn drängte er in eine Beamtenkarriere. Franz studierte Jura und wurde später Bezirkshauptmann in einer Stadt in Mähren. Der Held von Solferino war zwischenzeitlich verstorben, Baron Franz von Trotta und Sipolje führte das regelmäßige Leben eines Beamten der k.u.k. Monarchie. Am Sonntagmorgen erklang der Radetzkymarsch, am Mittag gab es Tafelspitz, am Nachmittag kam der Kapellmeister zu den von Trottas auf Besuch.

Sein Sohn Carl Joseph von Trotta ging nach Beendigung der Schule zum Militär. Bei den Ulanen lebte er zwischen Exerzierplatz und Kasino, auf dem Klavier des Bordells wurde immer wieder der Radetzkymarsch gespielt. Aber Carl Joseph fand in seinem Leben beim Militär keine Erfüllung. Er sehnte sich nach einfachen Arbeiten auf dem Land. In seinem Regiment lernte er den Arzt Max Demant kennen. Beide wurden Freunde. Für Max war das wohl der einzige Freund, den er je hatte. Unglückliche Umstände führten dazu, dass Demant in einem Duell ums Leben kam. Carl Joseph hinterließ er seinen Säbel und seine Taschenuhr. Weil Carl Joseph eine Mitschuld am Tod seines Freundes sah, ließ er sich in das in Grenznähe zu Russland stationierte Jägerbataillon versetzen. Dort tickten die Uhren anders. Der Kaiser wurde salopp nur Franz Joseph genannt, wenn von ihm die Rede war und der Graf Chojnicki sah bereits die Monarchie zerfallen. Carl Joseph tappte blauäugig in eine Schuldenaffäre. Das hatte einen erheblichen Ehrenverlust zur Folge und er musste mit der unehrenhaften Entlassung aus dem Militär rechnen. Aber noch immer schützte der Kaiser die von Trottas. Er ließ die Sache erledigen. Die Heldentat des Großvaters zahlte sich noch immer aus. Nachdem der Kaiser die unsäglich Affäre um Carl Joseph beendet hatte, die Schulden beglichen waren und Kapturak die Garnisonsstadt verlassen hatte, quittierte der Enkel des Helden von Solferino den Dienst. Vom Grafen Chojnicki bekam er ein Häuschen zugeteilt, dass er sich mit dem Förster teilen musste. Er kümmerte sich nun um die Abrechnungen des Grafen. Ich hatte den Eindruck, dass er zum ersten Mal wirklich zufrieden war. Er hatte seine Scholle gefunden. Aber dann kam der Krieg und er nahm die Uniform wieder und ging zu seinem Jägerbataillon zurück. Nach einem langen Marsch war die Truppe durstig. Carl Joseph von Trotta ging zum Brunnen, um Wasser zu holen. Auf dem Rückweg trafen ihn feindliche Kugeln. Er fiel nicht mit dem Gewehr in der Hand, sondern mit zwei Wassereimern. Er war nicht der Held, sondern nur der Enkel des Helden.

Meine Meinung

Radetzkymarsch“ habe ich als ein ganz wunderbares Buch empfunden. Joseph Roth ist ein wahrer Künstler des Wortes. Seine Beschreibungen haben mich tief beeindruckt. Er kann mit einfachen Worten eine Atmosphäre schaffen, die für den Leser spürbar und erlebbar wird. Ich habe lange kein Werk ähnlicher Brillanz gelesen. Die Charaktere sind hervorragend gezeichnet, die Handlungen dieser dazu stimmig. Joseph Roth vermag aber auch hintergründige Ironie, die stellenweise schon ins Satirische überging, gekonnt und bewusst einzusetzen.

Die Protagonisten symbolisieren mit ihrem Stand in der Gesellschaft die Säulen der k.u.k. Monarchie. Der Großvater, Held von Solferino, steht für das noch „gesunde“ Militär, die funktionierende Stütze der Gesellschaft. Franz von Trotta als Bezirkshauptmann verkörpert das Beamtentum, er ist ein treuer Diener des Staates. Der weichliche Carl Joseph von Trotta fühlt sich in seiner Rolle bei der Armee nicht wohl. Er sehnt sich zurück zu den Wurzeln der Familie und repräsentiert so den Untergang des Systems. Roth zeichnet Bilder mit Symbolcharakter in dieses Buch, am meisten beeindruckten mich die Krähen als Prophetenvögel und die Stimmung am Vorabend des I. Weltkrieges. Und durch die ganz gesamte Handlung zieht sich unaufdringlich der Radetzkymarsch.

Auffällig war auch, dass es in diesem Buch kaum Frauen gab, die in die Handlung eingriffen. Das empfand ich jedoch nicht als Mangel, sondern als direkte Folge der doch recht militärlastigen Handlung.

Mein Fazit: „Radetzkymarsch“ ist ein äußerst gelungenes Werk, das den Niedergang der k.u.k. Monarchie auf sehr einprägsame Weise beschreibt. In meiner persönlichen Bestenliste wird es ganz weit oben einen Platz finden. „Kapuzinergruft“ werde ich in kürze lesen. Die Erwartungen daran sind entsprechend hoch.

 

Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-13: 978-3462034622

 

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