Karthauses Bücherwelt …

28. Juli 2012

Jan Guillou – Die Brückenbauer

Einsortiert unter: 2012,History — Karthause @ 17:03
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Die Brückenbauer

Jan Guillou

Originaltitel: Brobyggarna

Gebundene Ausgabe: 784 Seiten

Verlag: Heyne

ISBN-13: 978-3453268258

 

Norwegen, Ende des 19. Jahrhunderts. Als sowohl der Vater als auch der Onkel von Lauritz, Oscar und Sverre Lauritzen vom Fischfang nicht zurückkehrten, waren die Jungen gezwungen, in einer Seilerei zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Aber das Schicksal meinte es gut mit ihnen, ihr Geschick und Technikverständnis fiel auf und sie wurden von der Stiftung „Die gute Absicht“ gefördert. So wurde ihnen zunächst der Besuch eines Polytechnikums ermöglicht, danach wurden sie zum Studium der Ingenieurswissenschaften an die damals führenden Universität nach Dresden geschickt. Nach erfolgreichem Abschluss des Studiums erwarteten die Stiftungsmitglieder, dass die jungen Diplomingenieure ihre Schuld beim Eisenbahn- und Brückenbau in der Umgebung von Bergen abtragen. Aber nur Lauritz kehrte zurück, Oscar flüchtete nach einer Enttäuschung nach Deutsch-Ostafrika und Sverre setzte sich nach England ab und verschwand damit gänzlich aus dem Blickfeld des Lesers.

Jan Guillou war mir als Autor bisher unbekannt, der Klappentext des Romans versprach ein packendes, atmosphärisches, farbenprächtiges und großes Jahrhundertabenteuer. Das machte mich neugierig, obwohl ich diese Ankündigung schon als sehr vollmundig empfand.

„Die Brückenbauer“ ist in einer einfachen, aber gefälligen Sprache geschrieben, dadurch war das Buch für mich sehr flüssig zu lesen und die knapp 800 Seiten erschienen nicht zu umfangreich. Die technischen Abhandlungen über den Eisenbahn- und Brückenbau fand ich sehr gelungen. Sie langweilten mich nicht, im Gegenteil, sie regten mich an, selbst nachzulesen und weitergehende Informationen zu sammeln. Besonders gefielen mir die Ausführungen zu den sehr unterschiedlichen Bedingungen des Baus in Afrika und Norwegen. Beide Extreme wurden vom Autor gut beschrieben und sehr glaubhaft dargestellt und ich konnte mir ein gutes Bild über die damaligen Arbeitsweisen und den Stand der Technik verschaffen. Auch die Stimmung des anbrechenden 20. Jahrhunderts als Zeit des Auf- und Umbruchs hat der Autor gut eingefangen und den Zeitgeist sowie die historischen Hintergründe gut beschrieben.

Allerdings blieben mir die Figuren ein wenig zu farblos. Die Brüder Lauritz und Oscar waren kaum voneinander zu unterscheiden, nur der Handlungsort und die damit verbundenen geänderten Lebensumstände sorgten für eine Abwechslung. Auch ihr Leben verlief mir ein wenig zu geradlinig, insbesondere deshalb, weil es außer in ihren Liebesangelegenheiten nur unterschwellig Probleme in ihrem Leben gab. Sverre, der dritte Bruder, verschwand bereits im ersten Drittel des Romans aus dem Blickfeld des Lesers. Da kann man nur auf die weiteren geplanten Teile hoffen. Die Liebesgeschichten der Protagonisten empfand ich als sehr konstruiert. Als dann auch noch gegen Ende mehrere Kapitel nur auf Ingeborg ausgerichtet waren und auch sie in Norwegen fast ohne Stolpersteine durchs Leben schritt, war ich ein wenig enttäuscht. Bei der Beschreibung der Eigentümlichkeiten der verschiedenen Nationen, bedient der Autor alle denkbaren Klischees. So gab es die guten Deutschen, die bösen und brutalen Engländer und, was mich am meisten ärgerte, die kanibalistisch veranlagten Ureinwohner. Der Szene in der Missionsstation wurde für meine Begriffe zu viel Raum gegeben. Solche effekthaschende Darstellungen gingen leider zu Lasten der Charakterisierung der Personen.

Dieser Roman ist eine interessante Familiengeschichte, deren Potential jedoch nicht vollständig ausgereizt wurde. Aber immerhin wurde mein Interesse an weiteren Romanen des Autors geweckt und wenn ich auch kein Serienleser bin, freue ich mich auf die in Aussicht gestellten folgenden Teile mit diesen Protagonisten, zumal ja die Hoffnung besteht, den in diesem Band aus den Augen verlorenen Sverre doch noch einmal zu treffen.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Jan Guillou wurde 1944 im schwedischen Södertälje geboren und ist einer der prominentesten Journalisten seines Landes. Seine preisgekrönten Kriminalromane um den Helden Coq Rouge erreichten Millionenauflagen. Auch mit seiner historischen Romansaga um den Kreuzritter Arn gelang ihm ein Millionenseller, die Verfilmungen zählen in Schweden zu den erfolgreichsten aller Zeiten. Heute lebt Jan Guillou in Stockholm.

10. August 2010

Jo Nebø – Headhunter

Einsortiert unter: 2010,Krimi/Thriller — Karthause @ 17:39
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Headhunter
Jo Nesbø
Originaltitel: Hodejegerne
Broschiert: 301 Seiten
Verlag: Ullstein Tb
ISBN-13: 978-3548280455

Als Headhunter ist Roger Brown eine Berühmtheit. Seine Kunden vertrauen ihm blind. Seiner Frau finanziert er eine Galerie und sein extravaganter Lebensstil übersteigt seine Einkünfte bei weitem. Lebensart ist für ihn wichtig, er braucht sie, um seine recht geringe Körpergröße zu kompensieren. Geschickt nutzt er die Gespräche mit den Bewerbern, um in Erfahrung zu bringen, ob diese Kunstgegenstände besitzen. Dieses Wissen nutzt er dann für sein „Hobby“ – Kunstraub. Nur durch diesen Nebenverdienst schafft er es, seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Als er einem Rubensgemälde auf der Spur ist, laufen die Dinge allerdings nicht so wie geplant.

Jo Nesbø ist für mich ein Synonym für spannende Unterhaltung mit dem Kommissar Harry Hole. In diesem Thriller steht der Täter im Mittelpunkt des Geschehens. Der Leser begleitet den Ich-Erzähler Roger Brown und hat somit einen ganz anderen als den von Nesbø sonst verwendeten Zugang zu dem Geschehen. Da dieser Thriller sich so von den bisherigen des Autors unterscheidet, verbietet sich ein Vergleich mit den Harry-Hole-Fällen von allein. Aber nichts desto trotz ist auch Headhunter ein spannender und rasanter Thriller, den man gern und schnell liest. Unverhoffte Wendungen, ausdrucksvolle Charaktere und versteckte Hinweise auf das wirkliche Geschehen machen den Unterhaltungswert dieses Thrillers aus. Allerdings wirkt die Handlung stellenweise ein wenig unglaubwürdig. Die Headhunter-Szene bildet einen interessanten Hintergrund für diesen Kriminalfall. Die Auflösung des Falles lies mich zwar schmunzeln, irgendwie hatte Nesbø es doch geschafft mich auf die Seite von Brown zu ziehen, trotzdem fand ich sie fast etwas einfallslos.

Mein Fazit: „Headhunter“ ist ein gut zu lesender, aber kein überragender Thriller, der den Leser schnell in den Bann zieht. Mir hat er, bis auf das Ende, recht gut gefallen. Wer spannende Unterhaltung sucht, ist bei diesem Nesbø sicher nicht gänzlich falsch.

Über den Autor

Jo Nesbø, geb. 1960, ist Ökonom, Schriftsteller und Musiker. Er ist der erfolgreichste Autor Norwegens, in 17 Ländern mit seinen Büchern vertreten, darunter die USA und England.

25. Januar 2010

Jo Nesbø – Leopard

Einsortiert unter: 2010,Krimi/Thriller — Karthause @ 19:55
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Leopard
Jo Nesbø
Originaltitel: Panserhjerte
Gebundene Ausgabe: 704 Seiten
Verlag: Ullstein HC
ISBN-13: 978-3550087745

Nach seinem letzten Fall um den Schneemann brauchte Harry Abstand, Abstand zur Polizei, Abstand zu Norwegen, Abstand zu seinem bisherigen Leben. Die Trennung von Rakel und deren Sohn hat ihn sehr mitgenommen. Unterschlupf hat er in Hongkong gefunden. Aber in Ruhe leben kann er auch dort nicht. Alkohol, Opium und Pferdewetten sind für ihn zum Lebensinhalt geworden. Wegen seiner Schulden bei den Tiraden, der chinesischen Mafia, kann er auch das Land nicht verlassen, denn sie haben ihm seinen Pass als Pfand abgenommen. Die junge norwegische Ermittlerin Kaja Solness fliegt im Auftrag von Gunnar Hagen, Leiter des Morddezernates, nach Hongkong, um Hole zurück nach Norwegen zu holen, denn dort treibt erneut ein vermeintlicher Serienmörder sein Unwesen. Dies sind aber nicht die einzigen Handlungsorte, der Leser verfolgt die Ermittlungen noch in Ruanda, im Kongo und in Leipzig.

Gleich zu Beginn des Romans wird man Zeuge eines äußerst grausamen und perfide ausgeklügelten Mordes an einer Frau. War „Schneemann“ schon nichts für Zartbesaitete, empfand ich „Leopard“ im Vergleich zum Vorgängerbuch noch einmal als eine deutliche Steigerung.

Die Handlung verläuft in verschiedenen Strängen. Neben den Ermittlungen in den Mordfällen ging es in diesem Thriller auch um das Kompetenzgerangel zwischen dem Morddezernat und dem Kriminalamt.

Temporeich erzählt Jo Nesbø vom Fortschreiten der Ermittlungen, von Fehlschlägen und der behördlichen Rivalität. Mikael Bellman, Chef des Kriminalamtes und selbsternannter Platzhirsch, will mit seinem Team allein die Fälle lösen und erkennt die Kompetenz des Morddezernates nicht an. Ruhe kommt in dieses Buch immer dann, wenn Harry Hole seinen todkranken Vater am Sterbebett besucht. Es ist ein leises Abschiednehmen von Vater und Sohn, dass gefühlvoll und eindringlich beschrieben wurde. Eine weiter Handlungsebene ist die unvermeidliche Lovestory. Die gehört wohl einfach zu diesem Genre.

Prinzipiell hat mir „Leopard“ recht gut gefallen. Der Spannungsbogen wurde kontinuierlich aufgebaut und auch bis zum Ende hin gehalten. Die Morde sind zwar brutal, aber gerade noch erträglich und auch die Ermittler sind nicht zimperlich und müssen einiges einstecken. Jo Nesbø erzählt gekonnt und baut geschickte Cliffhanger ein, so lässt er dem Leser Zeit zum Durchatmen und zum stillen Weiterfiebern und hält ihn so vor allen Dingen bei der Stange. Der Thriller ist leicht und flüssig zu lesen, zieht den Leser schnell in seinen Bann und entwickelt dann eine gewisse Eigendynamik. Mir fiel es doch recht schwer, das Buch zur Seite zu legen. Nesbø nutzt intelligent die Zutaten, die einen guten Thriller ausmachen, durchkonstruierte Morde als Grundlage, ein bisschen Liebesgeflüster fürs Gefühl und einige unverhoffte Wendungen für die Spannung. Einzig die Figur des Harry Hole hat mir in diesem Fall nicht so zugesagt. Zwar gelingt es dem Autor gut, seine Sucht und Schwächen zu beschreiben, aber den Widrigkeiten seines Berufsalltags kann er trotzen, obwohl er psychisch und physisch sehr mitgenommen scheint. Nicht jeder kann seine persönlichen Defizite so gut überspielen.

Mein Fazit: „Leopard“ ist der 8., gut in Szene gesetzte Fall des Ermittlers Harry Hole. Wer sich nicht an der Spezifik des Ermittlers stört, rasante und blutige Kriminalromane bevorzugt und Liebhaber dieses Genres ist, für den wird dieses Buch kein Fehlgriff sein.

Über den Autor (Quelle: Wikipedia)

Jo Nesbø (* 23. März 1960 in Oslo) ist ein norwegischer Musiker und Autor.

Nach einer Ausbildung als Diplom-Kaufmann und Finanzanalyst an der Norwegischen Handelshochschule Bergen war er neben seiner Aufgabe als Sänger und Komponist der Popgruppe Di Derre als Makler und Journalist tätig.

Hauptperson von Nesbøs bisherigen Kriminalromanen ist der alkoholkranke, alleinstehende Hauptkommissar Harry Hole, der zumeist brutale Mordfälle lösen muss.

Nesbø erhielt als Auszeichnung den norwegischen Riverton-Preis und den skandinavischen Krimipreis (Glasnøkkelen) für seinen Debütroman Flaggermusmannen. Sein Roman Rotkehlchen brachte ihm 2000 den norwegischen Buchhandelspreis ein und wurde 2004 zum besten norwegischen Krimi aller Zeiten (Tidenes beste norske krim) gewählt. Seine Werke wurden in die schwedische, finnische, dänische, englische, niederländische, französische, polnische und deutsche Sprache übersetzt.

Zur Reihe um den Ermittler Harry Hole gehören:

  1. Der Fledermausmann (Flaggermusmannen)
  2. Kakerlaken (Kakerlakkene)
  3. Rotkehlchen (Rødstrupe)
  4. Die Fährte (Sorgenfri)
  5. Das fünfte Zeichen (Marekors)
  6. Der Erlöser (Frelseren)
  7. Schneemann (Snømannen)
  8. Leopard (Panserhjerte)

8. Juni 2009

Erlend Loe – Doppler

Einsortiert unter: 2009,Belletristik — Karthause @ 17:02
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Doppler

Loe, Erlend

Taschenbuch: 149 Seiten
Verlag: KiWi
ISBN-13: 978-3462039429

 

 

Andreas Doppler ist ein tüchtiger norwegischer Familienvater und ein tüchtiger Angestellter im öffentlichen Dienst. Er hat eine tüchtige Frau, tüchtige Kinder, eigentlich sind alle um ihn herum irgendwie tüchtig. Das ist auch ganz normal für ihn – bis zu dem Tag, an dem er auf dem Weg zur Arbeit mit dem Rad im Wald stürzt. Da liegt er leicht benommen, den Blick in den Himmel gerichtet und kommt ins Grübeln. Was bringt diese Tüchtigkeit? Am Abend geht er heim, packt ein paar Sachen und zieht in den Wald. Abgeschieden von den Menschen genießt Doppler die Einsamkeit. Aber er braucht auch Lebensmittel. Die beschafft er sich zunächst aus Düsseldorfs Keller, nachdem dieser aber seine Kellertür verschließt, muss er eine Elchkuh töten. Deren Kalb, von Doppler liebevoll Bongo genannt, wird von nun an sein ständiger Begleiter, Freund und weiches Kopfkissen. Mit dem Supermarktleiter fädelt er geschickt einen Tauschhandel (Elchfleisch gegen Magermilch) ein, so ist er seine größte Sorge los. Als er wieder versucht bei Düsseldorf an Nahrungsmittel zu kommen, erwischt dieser ihn. Aus dieser Begegnung entwickelt sich langsam eine Freundschaft. Dann kommt seine Frau, die ihn hin und wieder besucht und erzählt ihm von ihrer neuen Schwangerschaft. Bis zum Geburtstermin lässt sie ihm die Freiheit im Wald zu leben, aber im Mai soll er heimkehren. Es bleiben 6 Monate …

Wer kauzige, schrullige, eigenbrötlerische Protagonisten mag, wird Andreas Doppler lieben. Ohne Vorwarnung wird er zum Aussteiger und nimmt den Kampf gegen die Tüchtigkeit auf. Er erfreut sich an den kleinen Dingen im Leben, ein hübscher Käfer, eine schöne Abendstimmung, die Zweisamkeit mit dem verwaisten Elchkalb. Auf den ersten Blick ist dies vielleicht eine einfache, oberflächliche Geschichte. Aber beim Lesen wird einem unwillkürlich ein Spiegel vorgehalten und man, zumindest mir ging es so, erkennt eigene Lebenssituationen wieder. Doppler philosophiert über das Leben, die Suche nach Perfektion, die Politik und die eingefahren Gleise, die keiner gern verlässt. Das alles beschreibt Erlend Loe auf eine witzig-ironische Art, die einfach nur Lesespaß bereitet. Das Buch ist einfach und zeitlos geschrieben und entwickelt eine nicht vorher geahnte Gedankentiefe. Die knapp 150 Seiten sind recht schnell gelesen, aber ein kleiner Stachel ist steckengeblieben. Der Gedanke, wie man selbst mit der Zeit umgeht, oder ob Perfektion wirklich alles ist, ist nicht zu verdrängen. „Doppler“ ist ein nachwirkendes Buch.

Sehr gut gefallen haben mir die langsame Entwicklung der Freundschaft zwischen dem Hobbybastler Düsseldorf und Doppler sowie die liebenswerte Vater-Sohn-Geschichte. Einzig das Ende des Buches fand ich persönlich ein wenig zu aufgesetzt, es wirkte nicht realistisch, sondern eher etwas konstruiert.

Mein Fazit: Wer eine kurze, witzig-charmante Geschichte über den Sinn des Lebens lesen möchte, wird mit Erlend Loe’s „Doppler“ eine gute Wahl treffen. In diesem Sinne „Carpe Diem!“ und im Leben geht es um mehr als nur um die Tüchtigkeit.

 

Über den Autor

Erlend Loe, geboren 1969 in Trondheim, Studium der Literaturwissenschaften in Oslo, später an der Dänischen Filmschule in Kopenhagen und an der Kunstakademie in Trondheim. Lebt als Schriftsteller, Drehbuchautor und Übersetzer in Oslo.

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