Karthauses Bücherwelt …

16. Oktober 2012

Michail A. Scholochow – Der stille Don

Der stille Don
Michail A. Scholochow
OT: Тихий Дон
Gebundene Ausgabe: 1.816 Seiten, 4 Bände
Verlag: Volk und Wissen 

Russland, am Don 1912 – 1920. Grigori Melechow ist Kosak, jung und verliebt in Aksinja, die Ehefrau seines Nachbarn Stepan Astachow. Die Eltern wollen dieser Beziehung ein Ende bereiten und verheiraten ihn mit Natalja. Daraufhin fliehen Grigori und Aksinja. Inzwischen tobt der 1. Weltkrieg und Grigori kämpft in einem Kosakenregiment auf der Seite Russlands. Daheim wendet sich Aksinja dem Sohn des Gutsbesitzers zu, bei dem sie bei ihrer Flucht Arbeit und Unterschlupf fanden. Als Grigori während eines Fronturlaubes davon erfährt, kehrt er zurück zu seiner Ehefrau Natalja. Aber auch die beiden gemeinsamen Kinder können nicht verhindern, dass Grigori immer wieder die Beziehung zu Aksinja aufnimmt. Die Jahre vergehen, es sind Jahre des Krieges, der Oktoberrevolution und des Aufstandes der Weißen gegen die Bolschewiki. Grigori ist stets ein Kämpfer für die Kosaken, mehrfach wurde er verletzt, er nahm aufgrund seiner Verdienste inzwischen den Rang eines Offiziers ein. Er ficht den Kampf aber auf wechselnden Seiten aus. Weder den Weißen noch den Roten fühlt er sich wirklich zugehörig.

 Vor vielen Jahren, in meiner Jugendzeit habe ich „Der stille Don“ zum ersten Mal gelesen. Damals rückte dieses Buch sofort in die erste Reihe meiner Lieblingsbücher auf. Wie ist das aber, wenn man zu einem solchen Roman ungezählte Jahre später wieder greift? Man verfügt über eine ganz andere Weltsicht, viele Dinge haben sich verändert, man wurde reifer und auch anspruchsvoller, was die Lektüre betrifft. Wird das Werk den hohen Erwartungen immer noch gerecht werden?

Im Zentrum von Michail Scholochows Epos steht der Kosak Grigori Melechow, anhand dessen Geschichte, der seiner Familie und seines Kosakendorfes lässt der Autor eine Zeit aufleben, die gekennzeichnet ist durch Krieg, Revolution und Bürgerkrieg. Diese von großen Umbrüchen geprägte und vom Autor historisch korrekt, detailliert und verständlich beschriebene Zeit bildet den großen Hintergrund dieses 1.816 Seiten umfassenden Romans.

Der Protagonist dieses monumentalen Romans ist Grigori Melechow. Er ist ein einfacher Kosak, der mit seiner Scholle tief verwurzelt und ein mutiger Kämpfer ist und dem der Rausch von Liebe und Alkohol nicht fremd ist. Aufgrund seiner Verdienste im Kampf wurde er Offizier, der von der Truppe geachtet und von den ausgebildeten Offizieren aufgrund seiner Herkunft verachtet wird. Als Kosak steht er zwischen den Weißen und den Roten und ebenso wie im Kampf steht der Mann Grigori zwischen zwei Frauen. Er ist innerlich zerrissen und letztlich ein Gescheiterter.

Der Roman entstand in der Zeit von 1928 bis 1940. Das lässt vermuten, dass sich der Autor, der als linientreu gilt, in diesem Werk zum Agitator der Kommunisten aufschwingen würde – aber weit gefehlt. Er beschreibt die politische Situation weitgehend neutral, analysiert die Schwächen auf beiden Seiten und bringt stellenweise recht unverblümte Kritik an. Er unterscheidet nicht nach gut und böse, weder bei den Menschen noch bei den Ideologien. Er lässt seine Figuren durch ihr Handeln zeigen, welche Position sie einnehmen und überlässt die Wertung dessen dem Leser. So bringt der Autor seinem Leser die russische Seele ohne viel Pathos und Propaganda nahe und zeichnet ein äußerst gelungenes Zeit- und Sittenbild. Denn es sind die kleinen Dinge des Alltags und der Natur, auf die Michail Scholochow den Blick des Lesers lenkt und die er so wunderbar beschreibt, sei es das Wasserholen am Brunnen oder die Schönheit der Donsteppe an einen Sommerabend. Genau das sind die Szenen, die der Leser benötigt, um von den harten Kriegsszenen Abstand zu gewinnen. Diese schildert er schonungslos, ungeschönt und vor allem sehr glaubhaft. So hat Scholochow mir Menschen nahe gebracht, von denen ich weiß, es sind fiktive Figuren, von denen ich aber auch sagen kann, genau diese Menschen hätten zu dieser Zeit im Dongebiet leben können. Trotzdem war ich als Leser nur ein stiller Beobachter der Szenerie. Für mich hat dieser Roman keinen Helden, nur Menschen, die liebten und litten.

Der Tod ist ein ständiger Begleiter in diesen 4 Bänden. Krankheiten und Kriege lassen viele Menschen zu zeitig sterben, wieder andere legen selbst Hand an sich oder werden hinterrücks von fremder Hand aus Rache getötet. Trotzdem ist „Der stille Don“ ein Roman, der den Leser nicht traurig, sondern eher nachdenklich stimmt. Der Roman ist gezeichnet von ungeheurer Sprachgewalt und Inhaltsfülle, er lebt von vielen kleinen Details, die der Autor sehr bewusst in die Romanhandlung eingebaut hat.

Michail Scholochow erhielt für diesen Roman den Nobelpreis für Literatur. Allerdings stehen auch ungeklärte oder auch nicht zu klärende Plagiatsvorwürfe im Raum. Dazu kann ich mich nicht äußern, aber egal wie, der Roman selbst ist dieser hohen Auszeichnung würdig.

Mein Fazit: Mich hat „Der stille Don“ auch als Wiederholungslektüre wieder voll in seinen Bann gezogen. Leser, die fiktive Geschichten vor historischer Kulisse in Monumentalform mögen und die für diese historische Epoche mit ihren aufeinanderprallenden Ideologien offen sind, werden an diesen Roman ihre Freude haben.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Michail Scholochow (1905 – 1984) begann 1923 seine literarische Karriere mit Erzählungen aus dem Kosakenleben. ›Der stille Don‹, erschienen 1928 – 1940, machte ihn zu einem der populärsten russischen Schriftsteller. 1965 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

28. Februar 2011

Irène Némirovsky – Die Hunde und die Wölfe

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Die Hunde und die Wölfe
Irène Némirovsky
Originaltitel: Les chiens et les loups
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Knaus
ISBN-13: 978-3813502831

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ada Sinner wuchs in ärmlichen Verhältnissen im Judenviertel einer unbenannten ukrainischen Stadt auf. Ihre Mutter war tot und so musste sie ihren Vater bei seinen Geschäften als Handelsvertreter begleiten. Nachdem der Bruder des Vaters verstorben war, zogen dessen Witwe Rhaissa mit den Kindern Lilla und Ben bei Ada und Israel Sinner ein. Da der Vater Ada nun von der Tante betreut wusste, ging er in der Folge allein seinen Geschäften nach. Während eines Pogroms flüchteten Ada und Ben in die Oberstadt, das Viertel der Reichen, in ein Haus, das Ada schon seit langem bestaunte, das Haus der reichen Sinners. Hier lernte sie ihren Cousin Harry kennen, es war eine schicksalhafte Begegnung, denn sie konnte ihn danach nicht mehr vergessen.

Jahre vergingen und Rhaissa war mit den erwachsen gewordenen Kindern nach Paris gezogen; Ada und Ben hatten geheiratet. Da erfuhr Ada, die Malerin war, dass sich auch Harry, nicht weit entfernt von ihnen, in Paris aufhielt. Gab es doch noch Hoffnung für ihren geheimen Traum? …

In „Die Hunde und die Wölfe“ erzählt Irène Némirovsky die Geschichte der Jüdin Ada Sinner und ihrer Familie, eine Geschichte von Armut und Reichtum, von Emigration und Anpassung, von der Liebe, von Träumen und von der Angst. Ihr gelingt es, diese großen Themen in das doch relativ dünne Buch zu packen, ohne es überladen wirken zu lassen. So schildert sie gekonnt anhand von Israel und Samuel Sinner, von Ben und Harry, Ada und Laurence die krassen Gegensätze zwischen Arm und Reich und den Versuch Adas, den tiefen Graben zwischen diesen Welten durch ihre große Liebe überbrücken. Sie zeigt aber auch deutlich auf, dass die Situation der Protagonisten um Ada auch in der neuen Heimat nicht unbedingt einfacher wurde. Sie mussten wieder ums Überleben kämpfen und waren auch in Paris nur jüdisches Gesindel, wogegen Harry gleich der Schritt in die bessere Gesellschaft gelang. Sehr stimmungsvoll, immer ein wenig melancholisch überschattet und trotzdem nicht ausschließlich hoffnungslos breitet die Autorin das Schicksal ihrer Protagonisten vor dem Leser aus. So wurden die Träume von einem besseren Leben, der Wunsch einfach dazu zu gehören greifbar und nachvollziehbar. Nicht so überzeugend empfand ich die (Zweck-)Ehe von Ada und Ben. Dramaturgisch passte sie gut ins Geschehen, andererseits passte diese Entscheidung so gar nicht zu Bens Charakter, für den es immer nur um Alles oder Nichts ging, Ada für Alles jedoch nicht bereit war. Ihre Geschichte hat mich, besonders zum Ende hin, sehr berührt. Gern hätte ich sie noch ein Stück auf ihrem Weg begleitet.
Beeindruckt war ich besonders von der Beschreibung der historischen Kulisse, dem armseligen Leben der „kleinen“ Juden im zaristischen Russland, den Problemen der Migranten und deren Angst, ausgewiesen zu werden.

„Die Hunde und die Wölfe“ ist kein Liebesroman im klassischen Sinn. Durch die genaue Darstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse ließe sich dieser Roman schon fast ins historische Genre einordnen, zumal die Liebesgeschichte, die sich durch die Handlung zieht, überhaupt nicht süßlich verkitscht anmutet.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

Irène Némirovsky wurde 1903 als Tochter eines reichen russischen Bankiers in Kiew geboren und kam während der Oktoberrevolution nach Paris. Dort studierte sie französische Literatur an der Sorbonne. Irène heiratete den weißrussischen Bankier Michel Epstein, bekam zwei Töchter und veröffentlichte ihren Roman “David Golder”, der sie schlagartig zum Star der Pariser Literaturszene machte. Viele weitere Veröffentlichungen folgten. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach und die Deutschen auf Paris zu marschierten, floh sie mit ihrem Mann und den Töchtern in die Provinz. Während der deutschen Besetzung erhielt sie als Jüdin Veröffentlichungsverbot. In dieser Zeit arbeitete sie an einem großen Roman über die Okkupation. Am 13. Juli 1942 wurde Irène Némirovsky verhaftet und starb wenige Wochen später in Auschwitz. 2005 entzifferte Némirovskys Tochter Denise Epstein das Manuskript, das als „Suite française“ veröffentlicht und zur literarischen Sensation wurde.

24. Januar 2011

John Boyne – Das Haus zur besonderen Verwendung

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Das Haus zur besonderen Verwendung
John Boyne
Originaltitel: The House of Special Purpose
Gebundene Ausgabe: 560 Seiten
Verlag: Arche Verlag
ISBN-13: 978-3716026427

Russland 1915. Georgi Daniilowitsch Jatschmenew, Sohn eines russischen Landarbeiters, rettete dem Vetter des Zaren Nikolaus II. bei einem Attentat das Leben. In Anerkennung dieser Leistung wurde er an den Zarenhof nach St. Petersburg geholt, wo er Leibwächter und Begleiter des kranken Zarewitsch wurde. Durch den engen Kontakt zur Zarenfamilie lernte er bald die Zarentochter Anastasia kennen. Beide verliebten sich ineinander. Da aber diese Liebe schon aufgrund der Herkunft Georgis keine Zukunft haben konnte, blieb sie ein wohlbehütetes Geheimnis. In den folgenden Jahren kam es zu politischen Unruhen in Russland, die sich letztlich in der Oktoberrevolution entluden und Georgi war fest entschlossen, für Anastasia alles zu tun, was in seinen Kräften stand, um sie zu retten. Der Zar hatte bereits abgedankt, als die gesamte Familie schließlich nach Jekaterinburg in Haus zur besonderen Verwendung deportiert wurden.

London 1981. Georgi ist inzwischen schon 82 Jahre alt, sitzt am Sterbebett seiner Frau Soja und sinniert über die Vergangenheit. Die Gedanken gehen zurück in sein Dorf Kaschin. Er denkt über sein Leben im Winterpalais, die Zarenfamilie, die Zeit nach seiner Flucht aus Russland und die Ehe mit Soja nach.

In diesem Roman greift John Boyne die Legende um das Überleben der Zarentochter Anastasia auf. Er erzählt sie aus der Sicht seines Protagonisten Georgi, dieser berichtet auf einer Handlungsebene über die letzten Jahre der Zarenherrschaft in Russland, auf einer weiteren über sein Leben nach den Geschehnissen in Jekaterinburg bis hinein in die Gegenwart und der Leser erlebt förmlich mit, wie aus Georgi und Soja GeorgiundSoja wurden, wie sie selbst nannten, um die Nähe zu demonstrieren, die beide verband. John Boyne hält sich genau an die historisch vorgegebenen Eckpunkte und verknüpft Realität mit Fiktion. Denn wissenschaftlich ist spätestens seit den 1990er Jahren bewiesen, was in jener Nacht im Haus zur besonderen Verwendung geschah. Aber trotzdem ist dieser Roman etwas Besonderes. Er führt den Leser durch Krieg und Revolution ohne Action-Szenen und lässt uns an einer großen Liebe teilhaben, ohne dabei ins Kitschige abzudriften. Es herrschen die leiseren und besinnlicheren Töne in diesem Buch, das mich sehr berührt hat. Immer wieder gibt es Anspielungen auf Tolstois „Anna Karenina“, so z.B. der erste Satz in Boynes Roman oder die Eislaufszene. Sehr gut hat mir auch der Aufbau des Romans gefallen, die zwei Handlungsstränge, die sich immer mehr annähern, um sich dann zu gegebenen Zeitpunkt zu vereinen. Die vielen Zeitsprüngen bauten eher Spannung auf, als sie beim Lesen hinderlich gewesen sein könnten. Es wirkte auch nicht störend, dass ich schon sehr zeitig den Ausgang des Romans hätte vorhersagen können. Die Geschichte war so abwechslungsreich und interessant und sprachlich eindrucksvoll geschrieben, dass es eine Freude war, sie zu lesen. Der Charakter des männlichen Protagonisten Georgi war fein herausgearbeitet und glaubhaft beschrieben. Besonders seine Naivität, mit der er nach St. Petersburg kam und wie er die ihm fremde, luxuriöse Welt entdeckte, schilderte der Autor meisterlich. Die Charaktere der Zarenfamilie, das ist mein einziger kleiner Kritikpunkt, waren mir persönlich etwas zu weich, zu menschenfreundlich, zu volksnah.

Mein Fazit: „Das Haus zur besonderen Verwendung“ ist ein ausgesprochen schöner Roman, der besonders durch seine Sprache besticht. Wenn die Realität auch nicht so war, wie im Roman geschildert, hätte sie doch genau so gewesen sein können.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

John Boyne wurde 1971 in Dublin, Irland, geboren, wo er auch heute lebt. Er studierte “Englische Literatur’ und ‘Kreatives Schreiben’ in Dublin und Norwich. Er ist der Autor von sechs Romanen, darunter “Der Junge im gestreiften Pyjama”, der zwei Irische Buchpreise gewann, für den “British Book Award” nominiert war und vor kurzem verfilmt wurde. John Boynes Romane wurden in über vierzig Sprachen übersetzt.



12. Januar 2011

Lew Tolstoi – Krieg und Frieden

Krieg und Frieden
Lew Tolstoi
OT: Vojna i mir
Gebundene Ausgabe: 2288 Seiten
Verlag: Hanser
ISBN-13: 978-3446235755

Pierre Besuchow, unehelicher Sohn des reichen Grafen Kirill Wladimirowitsch Besuchow, erbt nach dessen Tod nicht nur den Titel, sondern auch das immense Vermögen des Vaters. Das öffnet dem vorher als tollpatschig und manierenlos belächelten Pierre endgültig die Türen zur höheren Gesellschaft. Lange sucht er nach seinem Platz im Leben, wild sind die Trinkgelage an denen er teilnimmt. Vertrauensselig lässt er sich von seinen Verwaltern hintergehen und von seien vermeintlichen Freunden ausnutzen. Seine erste Ehe mit Hélèn Kuragin wurde arrangiert und verlief unglücklich.

Fürst Andrej Nikolajewitsch Bolkonski zieht 1805 in den Krieg gegen Napoléon, weil es für ihn die bessere Alternative zu seiner Ehe ist, in der er sich nicht mehr wohl fühlt. Seine Frau stirbt bei der Geburt des Sohnes, der daraufhin von Andrejs Schwester Marja im Hause des Vaters aufgezogen wird. Die Prinzessin selbst wird von ihrem despotischen Vater aufs ärgste bevormundet und unterdrückt, erst nach dessen Tod beginnt für sie ein glücklicheres Leben.

Nikolaj, Natascha und Petja sind die Kinder des über seine Verhältnisse lebenden Grafen Rostow. Nikolaj zieht begeistert in den Krieg. Als dies Jahre später auch der Jüngste, Petja, tun will, hat die Euphorie deutlich nachgelassen, das lag nicht nur an den fehlenden finanziellen Mitteln, die für die Ausstaffierung des Jungen aufgebracht werden mussten. So wurden immer öfter die Gedanken auf eine reiche Heirat der Kinder als letzte Hoffnung gelenkt. So ist prinzipiell die Hochzeit Nataschas mit Fürst Andrej bereits beschlossene Sache. Einzig sein Vater, der gegen diese Verbindung ist, fordert von Andrej eine „Wartezeit“ von einem Jahr. Während dieser verliebt sich Natascha in Anatol, nach dem gescheiterten Versuch mit ihm durchzubrennen, löst sie das Verlöbnis mit Andrej.

Pünktlich zum 100. Todestag des großen russischen Dichters Lew Tolstoi legt der Hanser Verlag die Neuübersetzung seines Epos „Krieg und Frieden“ von Barbara Conrad-Lütt vor. Laut dem Verlag soll sie sich stark an das Original angelehnt haben.

Wer bei „Krieg und Frieden“ eine nette Familiensaga erwartet, der wird bitter von diesem Werk enttäuscht sein. Tolstoi erzählt die Russische Geschichte in der Zeit von 1805 bis 1820. In diesem historischen Rahmen, der geprägt ist durch die Napoléonischen Kriege und den Russlandfeldzug Bonapartes, lässt er eine Vielzahl von Personen agieren. Im Mittelpunkt seiner Erzählung stehen die adligen Familien Rostow, Besuchow und Bolkonski, deren Leben Schnittpunkte bei mehreren Generationen aufweist. In verschiedenen Handlungssträngen wird der Leser mit dem Leben und den Lebensumständen dieser Familien sowie mit ihren Ansichten zum Krieg und zu weltanschaulichen Themen vertraut gemacht. So hat Tolstoi nicht nur ein monumentales Epos sondern auch ein Sittenbild dieser Zeit geschaffen. Aus seiner Biographie ist mir bekannt, welch großen Wert Lew Tolstoi auf historische Genauigkeit gelegt hat. Er beschäftigte sich intensiv mit den Napoléonischen Kriegen und konnte so die militärischen Aktivitäten realistisch, detailgetreu und fast minutiös schildern. Ich empfand die Art und Weise der Schilderung der Kriege als besondere Stärke Tolstois. Er lenkt das Augenmerk des Lesers auf das Grauen, das im Krieg das Leben und Sterben begleitet. Er zeigt verschiedene Ansichten und Standpunkte bezüglich des Krieges und schildert ausführlich die Taktiken und Truppenaufstellungen der sich gegenüberstehenden gegnerischen Parteien, berichtet von Kriegseuphorie und nackter Angst. Aber letztlich bleibt immer der Mensch mit seinen Empfindungen, im Mittelpunkt von Tolstois Werk. Sicher ziehen sich die Ausführungen über das Militärische schon gelegentlich über 10 und mehr Seiten. Tolstoi hat es meisterhaft verstanden seine Charaktere sowohl mit Leben als auch mit Gedanken auszufüllen. Es sind Menschen, wie es sie zur Zeit der Handlung gegeben haben mag, sie wirken lebendig und wirklichkeitsnah. Als langweilig oder besonders schwer zu lesen empfand ich das Buch nicht. Im Gegenteil, Tolstois Schreibstil versetzte mich in die Welt des alten Russlands, vor meinem inneren Auge entstanden Bilder, die mich beim Lesen des Buches begleiteten. Die französischen Dialoge störten mich an keiner Stelle, waren doch die entsprechenden Übersetzungen als Fußnote der jeweiligen Seite zu finden. Sehr interessant empfand ich auch das Nachwort und die zusätzlichen Erläuterungen.

„Krieg und Frieden“ ist einer jener Romane, von denen es leider nur wenige gibt, Meisterwerke der Weltliteratur.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Leo Tolstoi (1828-1910) entstammte einem alten russischen Adelsgeschlecht. Nach ausgedehnten Reisen durch Europa zog er sich auf sein Familiengut zurück und schrieb dort seine großen Werke. Unter dem Eindruck Rousseauscher Ideen verurteilte er Kultur und Zivilisation als das natürlich Menschentum verfälschende Elemente. Werke u.a.: “Krieg und Frieden”, “Anna Karenina”, “Die Kreuzersonate”, “Meine Beichte”.

17. Januar 2010

Lew Tolstoi – Anna Karenina

Einsortiert unter: 2009,Klassiker/Weltliteratur — Karthause @ 11:06
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Anna Karenina
Lew Tolstoi
Gebundene Ausgabe: 1284 Seiten
Verlag: Hanser
ISBN-13: 978-3446234093

Anna Arkadjewna Karenina kommt von Petersburg nach Moskau, um im Ehestreit ihres Bruders Stepan Oblonski (Stiwa) zu vermitteln. Kitty, Stiwas Schwägerin, ist in den Grafen Wonski verliebt und hat in Erwartung seines Antrages den Heiratsantrag des Gutsbesitzers Konstantin Lewin abgelehnt. Auf einem Ball trifft Anna Wronski wieder, er hat nur noch Augen für die verheiratete Anna und die junge Kitty versinkt in ihrem Unglück. Anna, nur nach außen hin  glücklich scheinend, mit dem hohen Staatsbeamten Alexej Karenin verheiratet, stürzt sich in eine Affäre mit dem jungen Offizier. Diese Liaison bleibt nicht ohne Folgen, Anna bringt ein Mädchen zur Welt. Mit ihrem Ehemann kann sie nicht weiter zusammenleben, sie verlässt ihn und den gemeinsamen Sohn, lässt alle Konventionen hinter sich und ist bereit den Preis zu zahlen. Für die Gesellschaft ist sie damit untragbar geworden. Gesellschaftlich fallen gelassen, moralisch verurteilt und isoliert lebend, den Sohn vermissend und die Tochter nicht liebend, wartet sie auf die Einwilligung des Ehemannes in die Scheidung. Doch er versagt ihr diese. Auch in der Beziehung zu Wronski ist große anfängliche Verliebtheit gewichen, Eifersucht, Unverständnis, Wut haben im Alltag Einzug gehalten. Man spürt ihre innere Zerrissenheit. Für Anna erscheint die Situation ausweglos.

Kitty hat nach einem längeren Kuraufenthalt in Deutschland erkannt, dass ihr Herz doch für Lewin schlägt. Beide heiraten und schon bald wird der  Sohn geboren. Er ist zwar glücklich, die Frau, die er aufrichtig liebt, geheiratet zu haben, zufrieden ist aber auch er nicht. Er strebt nach Veränderungen im Landleben und arbeitet an einem Buch über seine sehr fortschrittlichen Visionen zur Modernisierung Landwirtschaft.

Stiwa und Dolly Oblonski stellen das Bindeglied zwischen diesen zwei Handlungssträngen dar. Beide haben sich arrangiert, der Ehebruch Stiwas, der zu Beginn des Romans die Ehe fast hat zerbrechen lassen, ist kein Thema mehr. Beide leben mehr oder weniger ihr eigenes Leben, geprägt durch ständige Geldprobleme, denn Stiwa ist noch immer der Lebemann, inzwischen nur diskreter.

„Anna Karenina“ ist für mich ein Meisterwerk, das Buch der Bücher, schon x-mal gelesen ist mir dafür kein Superlativ zu platt. Tolstoi ist ein begnadeter Beobachter und meisterhafter Erzähler. Er schafft es Szenen so mit Worten zu illustrieren, dass sie einem wie ein Film vor Augen ablaufen, genannt seien dafür stellvertretend das Pferderennen, Lewins Jagd im Schnepfensumpf und Dollys Besuch bei Anna. Seine Protagonisten sind alle lebensechte Menschen, sie haben Stärken und Schwächen. Kein einziger ist nur gut oder nur schlecht. Dabei beschreibt er die Charaktere ausgefeilt, facettenreich und psychologisch fundiert, so dass der Leser bei ihnen mühelos eine Entwicklung verfolgen kann. Lew Tolstoi breitet in diesem Mammutwerk verschiedene Lebensphilosophen und Lebensstile aus. Setzt sich mit der Familie und dem Sinn des Lebens an sich auseinander und baut darum die Geschichte um die drei adligen Familien auf.

Der Roman hat mehrere Handlungsstränge, zwischen denen wechselt Tolstoi immer wieder in seiner Erzählung, so dass das Schicksal seiner Hauptpersonen auch aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird. Aber er arbeitet auch deutlich das Verbindende und Trennende zwischen den einzelnen Familien heraus, so dass wirklich der Eindruck entsteht, man kenne alle Protagonisten schon seit Jahr und Tag. Die Beschreibungen von Personen und Szenarien sind meist sehr umfangreich, bildhaft und detailliert. Aber beim Lesen der fast 1.300 Seiten kam nie Langeweile oder Ermüdung auf. Ich habe immer den Drang verspürt, mehr zu erfahren und weiter am Leben der Familien teilzunehmen. So wird dann letzten Endes deutlich, dass die glücklichen Familien einfach nur glücklich sind, sich die unglücklichen Familien jedoch in ihrem Unglück von einander unterscheiden.

Immer wieder werden „Effi Briest“, „Madame Bovary“ und „Anna Karenina“, die großen Ehebrecherinnen in der Literatur, miteinander verglichen. Für mich ist Tolstois Werk auf Grund seiner Erzählkunst und seines Einfühlungsvermögens in die Charaktere der herausragende Roman.

Mein Fazit: Dieses wunderbare Buch werde ich wohl noch einige Male lesen und genießen. Etwas besseres und ausgereifteres habe ich in der Literatur noch nicht gefunden. Es waren für mich wieder Lesestunden voller Freude und Leselust.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Leo Tolstoi (1828-1910) entstammte einem alten russischen Adelsgeschlecht. Nach ausgedehnten Reisen durch Europa zog er sich auf sein Familiengut zurück und schrieb dort seine großen Werke. Unter dem Eindruck Rousseauscher Ideen verurteilte er Kultur und Zivilisation als das natürlich Menschentum verfälschende Elemente. Werke u.a.: “Krieg und Frieden”, “Anna Karenina”, “Die Kreuzersonate”, “Meine Beichte”.

5. Dezember 2008

Iwan A. Gontscharow – Oblomow

Einsortiert unter: 2008,Klassiker/Weltliteratur — Karthause @ 15:37
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Der russische Gutsbesitzer Oblomow verlässt nur ungern seine Liegestatt. Dort empfängt er seine Besucher, dort verbringt er den Tag, dort schmiedet er große Pläne, die er aber nie umsetzt. Der Schlafrock ist sein liebstes Kleidungsstück. Im Nichtstun sieht er seinen Lebensinhalt. Seit 12 Jahren wohnt er bereits in St. Petersburg, seit dem hat er sein Gut nicht mehr besucht. Weil er sich nicht kümmert und weil er bis an die Grenzen des Erträglichen ausgenutzt wird, fallen die Erträge jährlich geringer aus. Seine Freunde sind, bis auf eine Ausnahme, Schmarotzer, die ihm die Zeit und vor allem sein Geld stehlen. Auch sein Diener Sachar ist Nutznießer von Oblomows Desinteresse und Gleichgültigkeit. Einzig sein Freund aus der Jugendzeit, Andrej Karlowitsch Stolz, schafft es, ihn aus seiner Lethargie herauszureißen. Ist er da, was auch in Oblomows Augen viel zu selten geschieht, verlässt er seine Ruhestätte, er rafft sich auf, die vom Freund empfohlenen Bücher zu lesen und zeigt Interesse an seiner Umwelt. Stolz gelingt es auch, Oblomow mit Olga bekanntzumachen. Für kurze Zeit kann Oblomow über seinen Schatten springen und die Liebe genießen. Jedoch lassen ihn Selbstzweifel und Unentschlossenheit diese Beziehung beenden und er fällt in stärker denn je in alte Verhaltensmuster zurück.

Ilja Oblomow ist wohl der faulste, trägste, unentschlossenste und apathischste Romanheld, der Literatur, aber er ist ein auf seine Art ein liebenswerter Protagonist. Der Begriff der „Oblomowerei“ für die Langeweile und den Müßiggang hat auch in den deutschen Wortschatz Einzug gehalten. Als Abkömmling des russischen Landadels steht Oblomow für das feudalistische Althergebrachte, sein Gegenspieler im Roman ist der deutschstämmige Kaufmann Stolz, der den Aufbruch in die neue Zeit verkörpert. Da Gontscharow seinen Roman logisch und intelligent aufgebaut hat, ist das Ende zwar vorhersehbar, aber nicht in der Vielzahl seiner Details. Hat mir der Roman in seinen ersten drei Teilen schon gut gefallen, war der Schlussteil sozusagen die Krönung für mich. Zu Beginn des Buches stellte ich mir immer wieder die Frage, wie man so wie unser Held werden kann. Die Beantwortung folgt in „Oblomows Traum“, welcher als Erzählung bereits 1848 veröffentlicht wurde. Mit seinem Protagonisten provoziert Gontscharow gekonnt, seine feine Ironie macht das Buch zu etwas Besonderem. Besonders hervorheben möchte ich die wunderbare Charakterisierung der in der Handlung vorkommenden Personen. Alle sind sie fein gezeichnete Individuen, die beim Lesen zum Leben erweckt werden.

Heute, 150 Jahre nach seinem Erscheinen, hat dieser Roman eine ungeheure Aktualität erlangt – allerdings genau als Negation dessen, was Gontscharow aussagen wollte. In der heutigen Zeit mit ihrer Hektik, dem Hetzen von einem Termin zum anderen, dem Zeigen des aktiven Lebens, ist ein wenig Oblomowerei sicher ein gesunder Gegenpol zum geschäftigen Alltagsleben.

Mein Fazit: Mit „Oblomow“ schuf Iwan Gontscharow ein Meisterwerk, das ihn als Autor auf eine Stufe mit Tolstoi und Turgenjew hebt. Dabei ist dieses Buch einfach, mit vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten und schnörkellos geschrieben. Mich hat dieses Werk überzeugt. Zu Unrecht ist es nicht so bekannt wie die anderen Werke der großen russischen Literaten. „Die Schlucht“, seinen letzten Roman, möchte ich in absehbarer Zeit auch noch lesen.

Hier reiche ich noch die Meinung von Heidi nach, wir haben das Buch gemeinsam gelesen.

Taschenbuch: 717 Seiten * Verlag: Insel, Frankfurt * ISBN-13: 978-3458346647

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