Karthauses Bücherwelt …

19. Juni 2010

Peter Prange – Der letzte Harem

Einsortiert unter: History — Karthause @ 15:03
Tags: , , ,
Der letzte Harem
Peter Prange
Gebundene Ausgabe: 576 Seiten
Verlag: Weltbild
ISBN-13: 978-3828992573

Die Handlung des Romans umfasst den Zeitraum 1895 bis 1923. Elisa, armenische Christin, und Fatima, muslimische Kurdin, waren gegen den Willen der Eltern beste Freundinnen. Nach einem Massaker in ihrem Heimatdorf wurden sie an den Harem von Abdülhamid II., des letzten Sultans des Omanischen Reiches, verkauft. Fatima avancierte zur Favoritin des Herrschers und Elisa, die ihm ihre Liebesdienste verweigerte, wurde seine Vorleserin. Als Fatima schwanger wurde, fiel sie den Intrigen und Machtkämpfen im Harem zum Opfer, die sie fast nicht überlebte. Nur der von Elisa in den Harem geschmuggelte deutsche Arzt konnte das Schlimmste abwenden. Fatima brachte einen gesunden Knaben zur Welt. Währenddessen gab es außerhalb der Palastmauern Unruhen. Die Jungtürken formierten sich und Zeit des Sultans aller Sultane lief erbarmungslos ab. Für die beiden Frauen begann eine schwierige Zeit.

Peter Prange wurde mir von vielen Lesern als Autor besonders guter historischer Romane ans Herz gelegt. Mit seinem Roman „Der letzte Harem“ hat er den Leser in eine sehr interessante und für mich weitgehend unbekannte Zeit versetzt. Das Osmanische Reich ist im Untergang begriffen und die Türkei steht vor ihrer Gründung. Mit großer Detailtreue und Kenntnis der historischen Begebenheiten schildert er den historisch wahren Hintergrund für seine größtenteils in Konstantinopel angesiedelte Handlung. Dabei beschreibt er die Stadt als eine lebendige, multikulturelle Metropole, in der Angehörige aller großen Religionen zu finden sind. Er schreibt sehr informativ vom Aufbegehren der türkischen Nationalbewegung, was schließlich zum Zerfall des Reiches führte, geht detailliert auf die Massaker an den Armeniern ein und berichtet von den Anfangsjahren der heutigen Türkei. Diesen historischen Rahmen als Hintergrund für einen fundierten Roman zu wählen, fand ich nahezu genial. Allerdings enttäuschte mich die eigentliche Romanhandlung. Zwei Frauen, die eine mehr, die andere weniger in ihr Kismet ergeben, durchleben die Wirren dieser Zeit und die Auflösung des letzten Harems des real existierenden Abdülhamid II., dessen innere Zerrissenheit vom Autor auch gut in Szene gesetzt wurde.

Obwohl der Autor versuchte, die Schwierigkeiten des Lebens für die beiden Hauptfiguren herauszuarbeiten, löste er diese oft durch Zufälle. So hatte der in den Harem geschleuste deutsche Arzt (auch das verlief unerwartet einfach) zur Behandlung von Vergiftungen lediglich ein Gegenmittel gegen Schlangengift dabei, seine Behandlung war trotzdem erfolgreich. Die Charaktere der beiden Protagonistinnen blieben mir über weite Strecken des Buches fremd, sie wirkten mitunter klischeehaft und ihr Handeln inszeniert. Sie traten kaum aus den gut-böse-Schablonen heraus. Alles erschien sehr oberflächlich, teils vorhersehbar und sehr bemüht, um dem historischen Ablauf der Dinge ein passendes Gesicht zu geben. Allesamt waren die Protagonisten schön anzusehen und besonders die Herren waren prächtig gebaut, worauf der Autor immer wieder hinwies, so oft, dass es schon fast lächerlich wurde. Die in der Handlung enthaltenen Liebesgeschichten berührten mich kaum. Die Massaker beschrieb er, wie sie waren, blutig, grausam, unmenschlich. Zu zart besaitet sollte man beim Lesen dieser Passagen nicht sein.

Bemerkenswert fand ich wiederum das Ende das Buches, bei dem nicht das von mir Erwartete eintrat.

Mein Fazit: „Der letzte Harem“ ist ein leicht zu lesender Roman, der den historischen Hintergrund hervorragend schildert und daneben eine Handlung mit dem Charme einer Soap Opera vor exotischer Kulisse aufweist.

Über den Autor

Peter Prange, geboren 1955, promovierte mit einer Arbeit zur Philosophie und Sittengeschichte der Aufklärung. Nach seinem Durchbruch als Romanautor mit “Das Bernstein-Amulett” folgte die grandiose Weltenbauer-Trilogie: “Die Principessa”, “Die Philosophin” und “Die Rebellin”. Zuletzt erschien 2007 bei Droemer sein Bestseller “Der letzte Harem”. Peter Prange lebt als freier Schriftsteller in Tübingen.

Homepage des Autors

2. November 2009

Zülfü Livaneli – Glückseligkeit

Einsortiert unter: 2009,Belletristik — Karthause @ 20:16
Tags: , , ,
P1010290
Glückseligkeit – Zülfü Livaneli
Originaltitel: Mutluluk
Gebundene Ausgabe: 313 Seiten
Verlag: Klett-Cotta
ISBN-13: 978-3608937923

Die 15jährige Meryem lebt in einem ostanatolischen Dorf und wird vom Imam vergewaltigt. Sie hat damit Schande über ihre Familie gebracht und es gibt nur zwei Möglichkeiten, wie die Ehre wieder hergestellt werden kann: Selbstmord oder Ehrenmord. Bis zur Entscheidung bleibt das Mädchen im Keller des Hauses eingesperrt.

Cemal, Meryems Cousin, ist Soldat. Er kämpft in den Bergen gegen die PKK-Anhänger. Dabei ist sein Jugendfreund selbst Kurde.

Eine dritte Hauptperson des Buches ist Irfan. Er ist Professor an der Universität von Istanbul, ist wohlhabend und leidet an Depressionen, Ängsten und der Midlife-Crisis. Nach und nach verknüpfen sich die verschiedenen Handlungsstränge miteinander und ein vielschichtiger, interessanter und lebensnaher Roman eröffnet sich dem Leser, der gleichzeitig einen erstaunlich tiefen Einblick in den türkischen Familienalltag gewährt.

Livaneli Zülfü erzählt in „Glückseligkeit“ die Geschichte dieser drei am Scheideweg stehenden Protagonisten, die wie ihr Land, aus dem sie stammen, zwischen Tradition und Moderne hin- und hergerissen werden. So wie die drei Hauptpersonen ganz verschieden Umfeldern entstammen, wird das Leben in der Türkei aus deren grundverschiedenen Sichtweisen geschildert und aufgezeigt, wie westliche und traditionelle Lebensart, Stadt- und Landleben, Fortschritt und Rückständigkeit aufeinander prallen. Deutlich weist der Autor auf Doppelmoral und Falschheit hin und geht weit über die Ehrenmordproblematik hinaus.

„Glückseligkeit“ ist ein atmosphärisch dichter, sehr intensiver Roman, der eindringlich die bekannten Probleme im türkischen Kulturkreis thematisiert. Lediglich die Zeichnung der Charaktere blieb mir häufig zu einfach. Da lag vielleicht auch an der Komplexität der Handlung, die für eine feinere Charakterisierung kaum noch Platz ließ.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, ich las es fast am Stück und war beeindruckt von der mutigen Schilderung der gesellschaftlichen Zustände in der Türkei und der nicht unkritischen Sichtweise. Ich konnte mit den Protagonisten bei der Suche nach ihrer Glückseligkeit mithoffen und –fiebern. Glückseligkeit ist ein Roman, der Anspruch und Unterhaltung auf äußert gelungene Weise vereint.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

Zülfü Livaneli wurde 1946 in Konya-Ilgin (Türkei) geboren. In den 70er Jahren war er wegen seiner politischen Anschauungen gezwungen, die Türkei zu verlassen, erst 1984 kehrte er zurück. Seitdem ist er einer der bekanntesten Sänger der Türkei, der auch international große Erfolge feierte. Einige Jahre war er Mitglied des türkischen Parlaments, besonders setzte er sich dabei für die türkisch-griechische Aussöhnung ein. Seine Bücher werden weltweit gelesen.

Theme: Rubric. Bloggen Sie auf WordPress.com.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 31 Followern an