Karthauses Bücherwelt …

31. Januar 2011

Thomas Mann – Der Zauberberg

Der Zauberberg
Thomas Mann
Gebundene Ausgabe: 1.040 Seiten
Verlag: Berlin Aufbau Verlag
ASIN: B004165YVY

Hans Castorp, früh verwaist, hat gerade sein Studium als Schiffbauingenieur beendet und fährt für 3 Wochen nach Davos, um seinen Vetter Joachim Ziemßen zu besuchen, der dort im internationalen Sanatorium „Berghof“ seine Lungenerkrankung kuriert. Anfangs fühlt er sich fast wie ein Fremdkörper bei „Denen da oben“. Er hat Schwierigkeiten mit der Eingewöhnung, auch die ungewohnte Höhenlage macht ihm zu schaffen. Hofrat Behrens, leitender Arzt im „Berghof“, attestiert ihm bereits bei der ersten Begegnung, er sei total anämisch. Im Sanatorium lernt Hans den Humanisten Settembrini kennen, der ihm beizeiten rät, den Berg mit all seiner Morbidität zu verlassen. Aber Hans verliebt sich in die femme fatal, Clawdia Chauchat. Als Hans Castorp während seines Besuches infolge einer Erkältung selbst immer mehr Anzeichen für eine „schwere“ Erkrankung an sich entdeckt, lässt er sich eingehend untersuchen und nimmt, nachdem eine feuchte Stelle in seiner Lunge diagnostiziert wurde, von der geplanten Abreise Abstand und bleibt. Insgesamt 7 Jahre verbringt er in dem Sanatorium zwischen üppigen Mahlzeiten, Liegekuren und anregenden Gesprächen.

Der ursprünglich als Novelle konzipierte Roman entstand in der Zeit von 1913-1924 und sollte das groteske Gegenstück zu „Tod in Venedig“ sein. Inspiriert wurde Mann dazu während eines Besuches bei seiner Ehefrau, die sich wegen eines Lungenleidens in einem Davoser Sanatorium aufhielt. Dies war meine erst vollständige Begegnung mit dem Zauberberg, in jüngeren Jahren verfügte ich noch nicht über das Durchhaltevermögen, das einem dieser Roman abverlangt. Dabei ist es keinesfalls eine kompliziert gesponnene Handlung, die den Leser fordert, es ist das Textverständnis. Ungezählte Anspielungen, Bezüge, Symbole und Metaphern aus Philosophie, Mythologie, Theologie und Musik müssen erkannt und in ihren Zusammenhang mit dem Text gebracht werden. Ich bin keineswegs so vermessen, zu behaupten, ich hätte sie alle erkannt. Mir stellt sich eher die Frage, ob das vollständige Verstehen des Werkes wirklich möglich ist. Aber ich denke, mit jedem Lesen nähert man sich dem Kern des Buchs ein Stückchen mehr und so ist ein re-read schon vorprogrammiert. Deshalb werde ich hier keine Bewertung abgeben, sondern nur ein paar meiner Gedanken zum Zauberberg formulieren. Der wunderbare Umgang mit der Sprache, der Thomas Mann zu eigen ist, macht das Lesen des Romans zum Erlebnis. Stellenweise wirkt sie sehr künstlerisch künstlich, aufgesetzt und verkopft, dann wieder bissig ironisch, aber diese Art zu schreiben ist wohl einmalig. Oft wird der Leser vom Erzähler direkt angesprochen. Da sind Momente, in denen man förmlich spürt, wie nahe dieser seinem Protagonisten steht. Andererseits gibt es wieder Passagen, in denen der Erzähler ihn völlig neutral und mit großer Distanziertheit betrachtet. Dieser Spagat zwischen Nähe und Distanz ist grandios gelungen. Einen großen Teil von „Der Zauberberg“ nehmen Betrachtungen von Zeit und Raum, Leben und Tod ein, sei dies in Gedankenspielen des Hans Castorp während seiner Liegekuren, in der Unterhaltung mit seinem Vetter, Joachim Ziemßen, in den Gesprächen mit seinen um ihn buhlenden Mentoren Settembrini und Naphta, oder in deren oft hitzig geführten Debatten. Diese in die Handlung implizierten Gedankengänge sind es wert, Zeit darauf zu verwenden, sie mitzugehen und weiterzuspinnen.

Die im Roman agierenden Figuren kommen in meinen Augen alle nicht über menschliches Mittelmaß hinaus, ein Punkt, der bei Hans Castorp direkt angesprochen wird. Aber gerade diese Mittelmäßigkeit wurde von Thomas ganz phantastisch umgesetzt. Vor dem Hintergrund von Krankheit und Tod, als Metapher für Untergang und Verfall, fehlt es an der Lichtgestalt, der positiv besetzten Person und trotzdem leidet das Werk darunter nicht.

Ein weiterer Aspekt, der mich stark beeindruckt hat, ist der Handlungsort, diese scheinbare Parallelwelt, in der die Uhren anders ticken und die Zeit sich nicht an die physikalischen Gesetze hält. Nur selten wird die Hermetik des Berghofs verlassen, kaum wird über den Tellerrand geschaut. Auch dem Zeitfluss passt sich der Roman an. Liest man über Hans Castorps ersten Aufenthaltstag im Sanatorium über 3 Kapitel, vergehen die folgenden sieben Jahre in nur vier weiteren Kapiteln. Abschließend kann ich für mich feststellen, dass ich froh bin, dieses literarische Meisterwerk gelesen zu haben, es war eine wirkliche Bereicherung meines Leserlebens, ich werde wieder zu dem Buch greifen – vielleicht in sieben Jahren.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

Bis heute gilt er vielen als der Inbegriff der deutschen Literatur: Thomas Mann (1875-1955), der Literaturnobelpreisträger von 1929. Diese höchste Auszeichnung erhielt er für seinen ersten Roman “Die Buddenbrooks”, ein Jahrhundertwerk, das als Schlüsselroman seiner Zeit gilt. Kurz nach diesem Triumph begann für Thomas Mann die Zeit des Exils, zunächst in der Schweiz, unterbrochen von Reisen in die USA, wo ihm 1938 die Ehrendoktorwürde der Columbia University, New York, verliehen wurde. 1941 siedelte er nach Kalifornien über, drei Jahre später wurde er amerikanischer Staatsbürger. 1952 kehrte Thomas Mann in die Schweiz zurück, wo er 1955 starb. Zu seinen bekanntesten Werken gehören “Der Tod in Venedig”, “Der Zauberberg” und “Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull”.

12. Januar 2011

Lew Tolstoi – Krieg und Frieden

Krieg und Frieden
Lew Tolstoi
OT: Vojna i mir
Gebundene Ausgabe: 2288 Seiten
Verlag: Hanser
ISBN-13: 978-3446235755

Pierre Besuchow, unehelicher Sohn des reichen Grafen Kirill Wladimirowitsch Besuchow, erbt nach dessen Tod nicht nur den Titel, sondern auch das immense Vermögen des Vaters. Das öffnet dem vorher als tollpatschig und manierenlos belächelten Pierre endgültig die Türen zur höheren Gesellschaft. Lange sucht er nach seinem Platz im Leben, wild sind die Trinkgelage an denen er teilnimmt. Vertrauensselig lässt er sich von seinen Verwaltern hintergehen und von seien vermeintlichen Freunden ausnutzen. Seine erste Ehe mit Hélèn Kuragin wurde arrangiert und verlief unglücklich.

Fürst Andrej Nikolajewitsch Bolkonski zieht 1805 in den Krieg gegen Napoléon, weil es für ihn die bessere Alternative zu seiner Ehe ist, in der er sich nicht mehr wohl fühlt. Seine Frau stirbt bei der Geburt des Sohnes, der daraufhin von Andrejs Schwester Marja im Hause des Vaters aufgezogen wird. Die Prinzessin selbst wird von ihrem despotischen Vater aufs ärgste bevormundet und unterdrückt, erst nach dessen Tod beginnt für sie ein glücklicheres Leben.

Nikolaj, Natascha und Petja sind die Kinder des über seine Verhältnisse lebenden Grafen Rostow. Nikolaj zieht begeistert in den Krieg. Als dies Jahre später auch der Jüngste, Petja, tun will, hat die Euphorie deutlich nachgelassen, das lag nicht nur an den fehlenden finanziellen Mitteln, die für die Ausstaffierung des Jungen aufgebracht werden mussten. So wurden immer öfter die Gedanken auf eine reiche Heirat der Kinder als letzte Hoffnung gelenkt. So ist prinzipiell die Hochzeit Nataschas mit Fürst Andrej bereits beschlossene Sache. Einzig sein Vater, der gegen diese Verbindung ist, fordert von Andrej eine „Wartezeit“ von einem Jahr. Während dieser verliebt sich Natascha in Anatol, nach dem gescheiterten Versuch mit ihm durchzubrennen, löst sie das Verlöbnis mit Andrej.

Pünktlich zum 100. Todestag des großen russischen Dichters Lew Tolstoi legt der Hanser Verlag die Neuübersetzung seines Epos „Krieg und Frieden“ von Barbara Conrad-Lütt vor. Laut dem Verlag soll sie sich stark an das Original angelehnt haben.

Wer bei „Krieg und Frieden“ eine nette Familiensaga erwartet, der wird bitter von diesem Werk enttäuscht sein. Tolstoi erzählt die Russische Geschichte in der Zeit von 1805 bis 1820. In diesem historischen Rahmen, der geprägt ist durch die Napoléonischen Kriege und den Russlandfeldzug Bonapartes, lässt er eine Vielzahl von Personen agieren. Im Mittelpunkt seiner Erzählung stehen die adligen Familien Rostow, Besuchow und Bolkonski, deren Leben Schnittpunkte bei mehreren Generationen aufweist. In verschiedenen Handlungssträngen wird der Leser mit dem Leben und den Lebensumständen dieser Familien sowie mit ihren Ansichten zum Krieg und zu weltanschaulichen Themen vertraut gemacht. So hat Tolstoi nicht nur ein monumentales Epos sondern auch ein Sittenbild dieser Zeit geschaffen. Aus seiner Biographie ist mir bekannt, welch großen Wert Lew Tolstoi auf historische Genauigkeit gelegt hat. Er beschäftigte sich intensiv mit den Napoléonischen Kriegen und konnte so die militärischen Aktivitäten realistisch, detailgetreu und fast minutiös schildern. Ich empfand die Art und Weise der Schilderung der Kriege als besondere Stärke Tolstois. Er lenkt das Augenmerk des Lesers auf das Grauen, das im Krieg das Leben und Sterben begleitet. Er zeigt verschiedene Ansichten und Standpunkte bezüglich des Krieges und schildert ausführlich die Taktiken und Truppenaufstellungen der sich gegenüberstehenden gegnerischen Parteien, berichtet von Kriegseuphorie und nackter Angst. Aber letztlich bleibt immer der Mensch mit seinen Empfindungen, im Mittelpunkt von Tolstois Werk. Sicher ziehen sich die Ausführungen über das Militärische schon gelegentlich über 10 und mehr Seiten. Tolstoi hat es meisterhaft verstanden seine Charaktere sowohl mit Leben als auch mit Gedanken auszufüllen. Es sind Menschen, wie es sie zur Zeit der Handlung gegeben haben mag, sie wirken lebendig und wirklichkeitsnah. Als langweilig oder besonders schwer zu lesen empfand ich das Buch nicht. Im Gegenteil, Tolstois Schreibstil versetzte mich in die Welt des alten Russlands, vor meinem inneren Auge entstanden Bilder, die mich beim Lesen des Buches begleiteten. Die französischen Dialoge störten mich an keiner Stelle, waren doch die entsprechenden Übersetzungen als Fußnote der jeweiligen Seite zu finden. Sehr interessant empfand ich auch das Nachwort und die zusätzlichen Erläuterungen.

„Krieg und Frieden“ ist einer jener Romane, von denen es leider nur wenige gibt, Meisterwerke der Weltliteratur.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Leo Tolstoi (1828-1910) entstammte einem alten russischen Adelsgeschlecht. Nach ausgedehnten Reisen durch Europa zog er sich auf sein Familiengut zurück und schrieb dort seine großen Werke. Unter dem Eindruck Rousseauscher Ideen verurteilte er Kultur und Zivilisation als das natürlich Menschentum verfälschende Elemente. Werke u.a.: “Krieg und Frieden”, “Anna Karenina”, “Die Kreuzersonate”, “Meine Beichte”.

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