Karthauses Bücherwelt …

17. Januar 2011

Ingo Schulze – Adam und Evelyn

Einsortiert unter: 2010,Belletristik — Karthause @ 20:49
Tags: , ,

http://www.amazon.de/Adam-Evelyn-Roman-Ingo-Schulze/dp/3423138769/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1295293608&sr=1-1Kurzbeschreibung (Quelle: Amazon.de)

Ingo Schulze erzählt vom Spätsommer 1989 – und entdeckt in der Wendezeit die menschliche Urgeschichte von Verbot und Verlockung, Liebe und Erkenntnis. Im Spiel mit dem biblischen Mythos von Adam und Eva gelingt ihm eine grandiose Tragikomödie.

Die Frauen lieben Adam, weil er ihnen schöne Kleider schneidert. Und Adam liebt schöne Frauen. Abgesehen davon liebt er Evelyn. Die aber ertappt ihn eines heißen Augusttages 1989 in flagranti. Statt mit Adam fährt Evelyn gemeinsam mit einer Freundin und deren Westcousin an den Balaton. Und Adam fährt mit seinem alten Wartburg hinterher. Ungarn will die Grenze gen Westen öffnen. Plötzlich ist das Paradies zum Greifen nah – und alle müssen sich entscheiden.

Meine Meinung

Das Cover kann einen schon abschrecken. Mich hat es über lange Zeit vom Lesen abgehalten, zu süßlich, zu ostalgisch verklärt, das waren meine Vorurteile zu diesem Buch. Ich musste sie revidieren. Sehr dialoglastig, was aber nicht störend ist, erzählt der Autor die Geschichte von Adam, der von den Frauen geliebt wird, weil er ihnen schöne Kleider näht und dann die Anproben mitunter sehr individuell gestaltet. Als Evelyn ihn auf frischer Tat erwischt und ihm dann sagt, er solle doch abhauen, bekommt dieser Satz in Anbetracht der Zeit gleich noch eine ganz andere Bedeutung. Auf sehr unterhaltsame und amüsante Weise, immer mit einem Augenzwinkern, erzählt Ingo Schulz die Liebesgeschichte von Adam und Evelyn und ihren Verlockungen. Seine Protagonisten hat er sehr realistisch und sehr menschlich gezeichnet. Sie haben Schwächen und Stärken, sie sind liebenswert normal.

Ingo Schulzes Schreibstil ist fast schon minimalistisch. Oft reißt er Szenen nur an, kurze knappe Sätze reichen ihm dafür aus. Immer lässt er Raum für eigene Gedanken. Trotzdem gelingt es ihm ein beeindruckendes, wenn auch manchmal künstlerisch überspitztes Bild der Wendezeit zu zeichnen. Dabei spart er nicht an Details und kleinen witzigen, manchmal auch traurigen Begebenheiten aus dem Leben seiner Protagonisten.

Sein hohes Erzähltempo hält der Autor ziemlich konsequent bis zum Schluss durch, einzig in der Mitte gibt es ein wenig Zeit zum Durchatmen. So ist die 320 Seiten umfassende Erzählung über die Vertreibung aus dem Paradies (oder eher ins Paradies?) schnell gelesen.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

Ingo Schulze, 1962 in Dresden geboren, studierte von 1983 bis 1988 klassische Philologie in Jena. Anschließend war er bis 1990 als Dramaturg am Landestheater Altenburg, dann in einer Zeitungsredaktion tätig. Diese Arbeit führte ihn 1993 für ein halbes Jahr nach Sankt Petersburg. Seither lebt er als freier Autor in Berlin. 2006 erhielt Ingo Schulz den Peter-Weiss-Preis der Stadt Bochum und 2008 den Samuel-Bogumil-Linde-Preis für Literatur.

27. März 2009

Uwe Tellkamp – Der Turm

Einsortiert unter: 2009,Belletristik — Karthause @ 18:41
Tags: , , ,

Klappentext

Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch: Das Dresdner Villenviertel, vom real existierenden Sozialismus längst mit Verfallsgrau überzogen, schottet sich ab. Resigniert, aber humorvoll kommentiert man den Niedergang eines Gesellschaftssystems, in dem Bildungsbürger eigentlich nicht vorgesehen sind. Anne und Richard Hoffmann, sie Krankenschwester, er Chirurg, stehen im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren: Kann man den Zumutungen des Systems in der Nische, der »süßen Krankheit Gestern« der Dresdner Nostalgie entfliehen wie Richards Cousin Niklas Tietze – oder ist der Zeitpunkt gekommen, die Ausreise zu wählen? Christian, ihr ältester Sohn, der Medizin studieren will, bekommt die Härte des Systems in der NVA zu spüren. Sein Weg scheint als Strafgefangener am Ofen eines Chemiewerks zu enden. Sein Onkel Meno Rohde steht zwischen den Welten: Als Kind der »roten Aristokratie« im Moskauer Exil hat er Zugang zum seltsamen Bezirk »Ostrom«, wo die Nomenklatura residiert, die Lebensläufe der Menschen verwaltet werden und deutsches demokratisches Recht gesprochen wird.

In epischer Sprache, in eingehend-liebevollen wie dramatischen Szenen entwirft Uwe Tellkamp ein monumentales Panorama der untergehenden DDR, in der Angehörige dreier Generationen teils gestaltend, teils ohnmächtig auf den Mahlstrom der Revolution von 1989 zutreiben, der den Turm mit sich reißen wird.

Meine Meinung

Nach 976 gelesenen Seiten lege ich nun das Buch aus der Hand und ich fühle mich wahrlich wie nach einer Turmbesteigung. Ich war atemlos vom Lesen, habe mich durch einige Abschnitte gequält und zwischendurch immer wieder die Rückblicke genossen. Um es auf den Punkt zu bringen, dieses Buch zu lesen bedurfte schon einiger Anstrengung, besonders bei den experimentellen Passagen. An sich gefiel mir der Stil Tellkamps sehr gut. Die verschiedenen Spielarten des Sprachgebrauchs, die Wortgewalt, die Sprachgewandtheit und der immer wieder hervor blitzende Witz, das Überzeichnen bis ins Groteske beeindruckten mich. Diese Bandbreite der Sprache und dann die Verbindung von Dialogen, Beschreibungen, Briefen und Tagebüchern in anderen Romanen vorgefunden zu haben, kann ich mich im Moment gar nicht erinnern. Jedes Kapitel las sich anders, manche lasen sich leicht und flüssig, andere waren eine Herausforderung. Manche Stellen mussten förmlich erarbeitet werden und nicht immer war mir danach klar, was der Autor damit nun wirklich zum Ausdruck bringen wollte. Dann gab es wieder Stellen voller Poesie, die so gar nicht zum zuvor genannten K(r)ampf-Lesen passten, die einfach nur schön waren. Eigentlich passte jedes Wort, auch wenn manche im ersten Augenblick ungewohnt oder ungebräuchlich waren. Bemerkenswert fand ich auch, dass Tellkamp es bis zum Ende hin durchhielt jeder Person seinen eigenen Sprachstil zuzugestehen.

Erinnerungen wurden wach und das „Weißt du noch…?“ stand ab und an im Raum. Bei einigen der Protagonisten drängten sich Parallelen zu real existierenden Persönlichkeiten förmlich auf. Tellkamp sprach viele kleine Alltagsdinge an, die mich auch schon mal schmunzeln ließen, ob das nun die Mintkissen, mein geliebter grüner Parka aus Jugendtagen oder der Minolpirol war. Stellenweise gab es jedoch eine richtige Flut solcher Dinge, weniger wäre in dem Fall nicht weniger authentisch gewesen.

Die Protagonisten wurden vom Autor gut gewählt und ebenso gut in Szene gesetzt. Allerdings fehlte ihnen häufig das, was den Menschen letztlich ausmacht, das Gefühl. Oft erschienen sie mir in Situationen, die Gefühl forderten, blutleer und kalt. Ein ausführlicheres Personenverzeichnis wäre wünschenswert gewesen.

Gefallen hat mir die Aufmachung des Buches mit der Karte auf den Buchinnenseite. Dort wurden die wichtigsten Handlungsorte in die Dresdner Umgebung gebracht, eine DDR im Kleinformat.

Mein Fazit: „Der Turm“ ist ein für mich einzigartiger Roman. Selten musste (wollte) ich mich durch ein Buch so hindurch arbeiten und empfand dabei noch Freude. Es ist ein monumentales Werk, ein Epos, mit ein paar kleinen Schwächen. Ich hoffe auf einen zweiten Teil, Tellkamp bezeichnet ihn als Wenderoman, endet aber genau 1989. Ich wäre neugierig, wie die Türmer die neue gesellschaftliche Situation erleben. Da geht doch noch was, Herr Tellkamp, oder?


Gebundene Ausgabe: 976 Seiten * Verlag: Suhrkamp Verlag * ISBN-13: 978-3518420201

Theme: Rubric. Bloggen Sie auf WordPress.com.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 35 Followern an