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24. April 2015 / Karthause

Thilo Bode – Die Freihandelslüge

Quelle: DVA

Quelle: DVA

Warum TTIP nur den Konzernen nützt – und uns allen schadet

Gebundene Ausgabe: 272 Seiten

Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt

ISBN-13: 978-3421046796

Kurzbeschreibung (Quelle: Deutsche Verlags-Anstalt)

Der Staatsstreich der Konzerne

In Deutschland und Europa wächst der Widerstand gegen das geplante Freihandelsabkommen TTIP. Thilo Bode schildert anschaulich und mit analytischer Schärfe, wie TTIP Verbraucherrechte und Umweltstandards gefährdet. Die Konzerne drohen über unsere Zukunft zu bestimmen – stärkere Arbeitnehmer- und Verbraucherrechte hängen ebenso wie ein wirkungsvoller Umweltschutz von ihrer Gnade ab. Dies gilt es mit aller Macht zu verhindern. Thilo Bode zeigt, was sich bei den Geheimverhandlungen zwischen der Europäischen Union und den USA ereignet und was für uns alle auf dem Spiel steht.Deutsche Verlags-Anstalt

Über de Autor (Quelle: Deutsche Verlags-Anstalt)

Thilo Bode, geboren 1947, studierte Soziologie und Volkswirtschaft. 1989 wurde er Geschäftsführer von Greenpeace Deutschland, 1995 von Greenpeace International. 2002 gründete er die Verbraucherorganisation Foodwatch.

Meine Gedanken zum Buch

Derzeitig laufen die Verhandlungen zur Transatlantischen Handels- und Investitionspartnerschaft (engl. Transatlantic Trade and Investment Partnership, TTIP). Dabei geht es offiziell um die Reduzierung von Handelshemmnissen. Das soll die Wirtschaft beider Seiten stärken. Soweit so gut, aber nach und nach wurden immer mehr kritische Stimmen laut und dann fiel auf, dass die offizielle Informationspolitik zu diesem Thema nicht die beste ist, um es vorsichtig auszudrücken. Nun bringt Thilo Bode mit seinem Buch „Die Freihandelslüge“ Licht ins Dunkel.

Mit TTIP, so wie es jetzt geplant ist und derzeit verhandelt wird, wollen globale Konzerne ein Regelwerk etablieren, das fast ausschließlich ihren Interessen dient, das zu Lasten der großen Mehrheit geht, zu Lasten von Verbrauchern, Arbeitnehmern und vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen, zu Lasten der Umwelt, der Souveränität der Länder, der Demokratie. TTIP wäre ein weiterer Schritt in Richtung jener „marktkonformen Demokratie“ in der sich alles den Freiheits- und Gestaltungsansprüchen globaler Konzerne unterordnen soll.“ S. 223

Auf den ersten einhundert Seiten wird ausführlich erklärt, was sich hinter TTIP überhaupt verbirgt. Das geschieht durchaus allgemeinverständlich, sodass sich jeder, der sich ein bisschen dafür interessiert, ein gutes Rüstzeug bekommt, den zweiten Teil der Abhandlung, wie TTIP uns im Alltag betreffen wird, zu verstehen. Dass es dabei um weit mehr geht als um die schon breit geführte Chlor-Hähnchen-Diskussion, wird schnell jedem klar. Natürlich geht es darum, unbelastete Lebensmittel auf den Teller zu bekommen, aber auch der Schutz vor Giften ist mindestens ebenso bedeutsam. Eine gegenseitige Anerkennung der Chemiestandards ist nahezu unmöglich, zu weit liegen diese auseinander. Ein Beispiel verdeutlicht das. In Europa gilt das Vorsorgeprinzip als Kompromiss zwischen den Schutzinteressen von Mensch und Umwelt einerseits und den Wirtschaftsinteressen andererseits. Deshalb muss in Europa ein Unternehmen, welches eine Chemikalie auf den Markt bringen will, die Unschädlichkeit dieser für Mensch und Umwelt nachweisen. In den USA gilt weitestgehend das Nachsorgeprinzip, das darauf basiert, dass die Schädlichkeit eines Stoffes im Nachhinein wissenschaftlich nachgewiesen werden muss. Man sieht, schon die grundlegende Herangehensweise ist konträr.

Die Auswirkungen von TTIP auf unser Alltagsleben werden gewaltig sein, es wird kaum ein Lebens- Wirtschafts- und Industriebereich nicht davon tangiert werden. Kernpunkte werden aber die Chemikalien, Lebensmittel, Landwirtschaft, Tierschutz und nicht zuletzt die Arbeitnehmerrechte sein. (vgl S. 9) Der Verbraucher wird letztlich auf der Strecke bleiben und sich den dann in Gesetzesform gebrachten Konzerninteressen beugen müssen.

Wollen wir dieses Freihandelsabkommen so wie es jetzt verhandelt wird? Nein. Deshalb ist es wichtig, sich zu informieren und dazu trägt das von Thilo Bode vorgelegte Sachbuch in einem beachtlichen Maße bei. Denn nur wer informiert ist, kann sich (s)eine Meinung bilden und auch vertreten.

Wir brauchen starke Zivilgesellschaften und starke Parlamente, die auf der Grundlage eines fairen Interessenausgleichs transparent debattieren und dann entscheiden, nach welchen Regeln internationaler Handel funktionieren soll.“ S 223

Bis wir an diesem Punkt angelangt sind, fehlen neben starken Zivilgesellschaften, die ihren Unmut äußern, vor allem noch die starken Parlamente, die Transparenz in die Verhandlungen bringen und die jeden Verdacht von Lobbywirtschaft von vornherein entkräften können. Darum informiert Euch!!!

23. April 2015 / Karthause

Franz-Olivier Giesbert – Ein Diktator zum Dessert

Quelle: carl's books

Quelle: carl’s books

Ein Diktator zum Dessert

Franz-Olivier Giesbert

Originaltitel: La cuisinière d’Himmler

Broschiert: 336 Seiten

Verlag: carl’s books

ISBN-13: 978-3570585382

 

Kurzbeschreibung (Quelle: carls’s books)

Rose ist 105 Jahre alt, eine begnadete Köchin mit einem kleinen Restaurant in Marseille. Sie hat den Genozid an den Armeniern, die Schrecken der Nazizeit und die Auswüchse des Maoismus erlebt. Deshalb hat sie vor nichts und niemandem mehr Angst. Für den Fall, dass ihr jemand blöd kommt, trägt sie immer einen Colt in der Tasche. Sie lässt sich von Mamadou, ihrem jugendlichen Gehilfen im Restaurant, auf dem Motorrad durch Marseille kutschieren, hört Patti Smith, treibt sich im Internet auf Singlebörsen herum und denkt auch im biblischen Alter immer nur an das Eine. Und sie meint, dass sie nun alt genug ist, ihre Memoiren zu schreiben: Um das Leben zu feiern und die Weltgeschichte das Fürchten zu lehren.

Über den Autor (Quelle: carl’s books)

Franz-Olivier Giesbert, 1949 in Wilmington (USA) geboren, lebt seit seinem dritten Lebensjahr in Frankreich. Nach der Ausbildung zum Journalisten arbeitete er zunächst im Feuilleton von Paris-Normandie, bis er sich 1971 mit dem Nouvelle Observateur dem politischen Journalismus zuwandte. Ab 1998 war er Chefredakteur von Le Figaro, ab 2000 von Le Point. Außerdem moderiert er literarische Sendungen im Fernsehen. Seit 1977 schreibt er Romane und Biografien, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde und die in viele Weltsprachen übersetzt wurden.

Meine Gedanken zum Buch

Das zwanzigste Jahrhundert sah die Vernichtung der Juden, der Armenier und der Tutsis. Die Blutbäder der Kommunisten und der Antikommunisten, der Faschisten und der Antifaschisten. Die politischen Hungersnöte in der Sowjetunion, der Volksrepublik China und in Nordkorea, die die angeblich so widerspenstigen Bauern dezimierten. Den zweiten Weltkrieg mit seinen 60 oder 70 Millionen Opfern, ausgelöst von Adolf Hitler, dem Erfinder des industriellen Massenmordes. Dazu die Schandtaten in Belgisch-Kongo, Biafra und Kambodscha.“ S. 307/308

Die 1907 geborene Rouzane, später Rose genannt, hat fast das gesamte 20. Jahrhundert miterlebt. Die Geschichte meinte es nicht gut mit ihr. Ihre Eltern, ihre Lieben, ihre Kinder und auch ihre Katze wurden ihr genommen. Den Genozid an den Armeniern bekam sie am eigenen Leib zu spüren und überlebte nur mit viel Glück. Aber auch Himmler und Mao beeinflussten ihren Lebensweg nicht unwesentlich. Nun, im Jahr 2012, findet Rose, die es als Köchin und Inhaberin des „La Petite Provence“ zu Achtung und Anerkennung in der Marseiller Gesellschaft und darüber hinaus brachte, es sei an der Zeit, auf ihr Leben zurückzublicken und ein Buch zu schreiben.

Ich fragte mich nachdem ich den Klappentext und die ersten Seiten dieses Romans gelesen hatte, wird das nicht ein bisschen viel? Werden die Gräuel des 20. Jahrhunderts ein einziges Leben nicht vollkommen überfrachten? Aber diese Klippe wurde von Franz-Olivier Giesbert erfolgreich umschifft. Zwar ist Roses Leben in der Realität schwer vorstellbar, aber mit diesen Roman ist dem Autor die Fiktion gelungen, ein Jahrhundert in ein Menschenleben zu verpacken, ohne dabei schwülstig, oberflächlich oder maßlos überladen daherzukommen, obwohl einige ihrer Bekannt- und Liebschaften mir dann doch ein wenig weit hergeholt vorkamen. Dennoch habe ich dieses Buch sehr gern und sehr schnell gelesen. Mit der Ich-Erzählerin Rose durch die Geschichte zu wandern, war abwechslungsreich, unterhaltsam und durchaus amüsant. Sie selbst bezeichnet dieses Jahrhundert als eines der Mörder. Sie passt ganz wunderbar hinein, denn nicht immer ist sie warmherzig und liebenswert, die Rache macht einen beachtlichen Teil ihres Wesens aus.

Franz-Olivier Giesbert hat es verstanden, den Leser auch durch die dunklen Momente der Historie leicht, mit Witz und Charme und trotzdem nicht auf Tiefe verzichtend zu geleiten. Ein Grund dafür ist sicher der Rose eigene Glaube an die Macht der Liebe, des Lachens und der Rache. Dabei entwickelt sie für letztere ein ganz besonderes Händchen.

Bemerkenswert sind auch noch die „Beigaben“ dieses Buches. Die beliebtesten Rezepte aus Roses Küche sind darin enthalten, ebenso wie ein Glossar und eine kleine Bibliothek des Jahrhunderts für alle Interessierten, die sich gerne weitergehend mit dieser Zeit befassen wollen.

Rose Geschichte endet mit den Worten:

Das Leben ist wie ein gutes Buch, wie eine Erzählung, ein Roman, ein Geschichtswerk. Man gewinnt die Figuren lieb und lässt sich mit der Handlung mitreißen. Und am Ende, ob man es nun schreibt oder liest, hat man nie Lust auf den Schlusspunkt.“
S. 314

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

22. April 2015 / Karthause

Andreas Gruber – Todesurteil

Quelle: Goldmann Verlag

Quelle: Goldmann Verlag

2. Fall um das Ermittlerduo Sneijder/Nemez

Taschenbuch: 576 Seiten

Verlag: Goldmann Verlag

ISBN-13: 978-3442480258

Kurzbeschreibung (Quelle: Goldmann Verlag)

In Wien verschwindet die zehnjährige Clara. Ein Jahr später taucht sie völlig verstört am nahen Waldrand wieder auf. Ihr gesamter Rücken ist mit Motiven aus Dantes “Inferno” tätowiert – und sie spricht kein Wort. Indessen nimmt der niederländische Profiler Maarten S. Sneijder an der Akademie des BKA für hochbegabten Nachwuchs mit seinen Studenten ungelöste Mordfälle durch. Seine beste Schülerin Sabine Nemez entdeckt einen Zusammenhang zwischen mehreren Fällen – aber das Werk des raffinierten Killers ist noch lange nicht beendet. Seine Spur führt nach Wien – wo Clara die einzige ist, die den Mörder je zu Gesicht bekommen hat …

Über den Autor (Quelle: Goldmann Verlag)

Andreas Gruber, 1968 in Wien geboren, lebt als freier Autor mit seiner Familie und vier Katzen in Grillenberg in Niederösterreich. Er hat bereits mehrere äußerst erfolgreiche und preisgekrönte Erzählungen und Romane verfasst.
Autoren-Homepage

Meine Gedanken zum Buch

Den ersten Fall um das Ermittlerduo Maarten S. Sneijder und Sabine Nemez habe ich damals förmlich verschlungen, somit wurde dieser 2. Teil für mich praktisch zur Pflichtlektüre. Der eigenwillige, unangepasste – um nicht zu sagen kauzige – Profiler Sneijder hat alles Potential, um zum Kultermittler zu avancieren. Obwohl er alles andere als liebenswürdig und der typische Ermittler ist, mag ich ihn besonders, vielleicht auch gerade deswegen. Als Figur ist er eigentlich recht einfach gezeichnet, er ist das Ekel in persona, das stellt er konsequent unter Beweis. Aber zwischen den Zeilen lernt man auch einen anderen Sneijder kennen, den, der die Fähigkeiten der Studentin Sabine Nemez richtig einschätzt, sie fordern und fördern will und sich voll und ganz für sie einsetzt. Dieser Thriller bekommt durch seinen Ermittler die Facetten, die ihn von der Masse der Thriller abheben.

„Todesurteil“ wird in zwei Handlungsebenen erzählt. Die eine umfasst das Geschehen um die Studentin Sabine Nemez, die von Sneijder an die Akademie des BKA für hochbegabten Nachwuchs in Wiesbaden geschleust wurde und sich dort im Rahmen ihrer Ausbildung mit bislang ungeklärten Kriminalfällen befassen muss, wobei sie zwischen einigen recht schnell einen Zusammenhang entdeckt. Der zweite Handlungsstrang ist in Wien angesiedelt. Dort taucht Clara, ein zehnjähriges Mädchen, das ein Jahr lang vermisst wurde, wieder auf. Sie konnte ihrem Peiniger entkommen, der auf ihren Rücken Motive aus Dantes Inferno tätowierte. Die Staatsanwältin, Melanie Dietz, ermittelt und die Spuren führen unter anderem nach Wiesbaden.

Sowohl Sabine Nemez als auch Melanie Dietz sind persönlich in die Fälle involviert, sie sind hoch motiviert, diese aufzuklären und wagen auch mutige Alleingänge, die den Thriller zwar spannend machen, aber nicht unbedingt realitätsnah sind. Aber egal, ich habe schließlich einen Thriller gelesen und keinen Dokumentarbericht bezüglich polizeilicher Ermittlungsarbeit. Und dieser Thriller hat alles, was ich von diesem Genre erwarte. Er ist eingänglich geschrieben, leicht und flüssig zu lesen, hat einen durchgehend zunehmenden Spannungsbogen, ist psychologisch gut konstruiert und weist etliche unerwartete Wendungen auf. Die Atmosphäre ist dunkel und dicht und auch mich hartgesottene Thrillerleserin hat so manche Szene sehr berührt.

Wenn ich den letzten Sätzen dieses Thrillers Glauben schenken darf, hat Maarten S. Sneijder schon einen neuen Fall im Köcher, ich hoffe sehr, dass Andreas Gruber seine Leser nicht zu lange darauf warten lässt.

Wer spannende, rasante und gut durchdachte Thriller mit speziellen Ermittlern mag, wird bei diesem voll und ganz auf seine Kosten kommen. Ich fühlte mich von ihm sehr gut unterhalten.

16. April 2015 / Karthause

Rolf Hosfeld – Tucholsky. Ein deutsches Leben

Quelle: Siedler Verlag

Quelle: Siedler Verlag

Gebundene Ausgabe: 320 Seiten

Verlag: Siedler Verlag

ISBN-13: 978-3886809745

Kurzbeschreibung (Quelle: Siedler Verlag)

Goldenes Herz und eiserne Schnauze – Das Leben des Kurt Tucholsky

Kurt Tucholsky (1890–1935), zeitweiliger Mitherausgeber der legendären Berliner Wochenschrift „Die Weltbühne”, war Journalist, Satiriker, Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor, Lyriker und politischer Aktivist. Ein Buch über das Leben und Wirken dieses außergewöhnlichen Deutschen, der den Kampf gegen Militarismus und Kadavergehorsam zum Thema seines Lebens und Schreibens machte.

Journalisten wie er hätten Erfolg, aber keine Wirkung, schon gar nicht über den Tag hinaus, meinte Tucholsky – widerlegte diese These jedoch aufs Glänzendste durch sein Werk, das bis heute geliebt und gelesen wird. Mit scharfer Feder schrieb und dichtete er über das, was er mit stets wachem Auge beobachtete, erfuhr und erlebte, und erwies sich als hellsichtiger Gesellschaftskritiker im Geist Heinrich Heines.

Innerlich zerrissen, rast- und heimatlos führte er ein Leben zwischen Berlin, Paris und Schweden. Als Prototyp des modernen Intellektuellen stand er der Linken nahe, beklagte aber gleichzeitig die Erosion bürgerlicher Werte. Atmosphärisch dicht erzählt Rolf Hosfeld das kurze, intensive Leben Tucholskys und entwirft dabei ein anschauliches Panorama seiner Zeit und seines Werks.

Über den Autor (Quelle: Siedler Verlag)

Rolf Hosfeld, geboren 1948, promovierte über Heinrich Heine, arbeitete als Dozent, Verlagslektor, Redakteur, Feuilletonchef der Wochenzeitung »Die Woche«, Film- und Fernsehproduzent und Regisseur sowie Chefredakteur der Buchreihe »Kulturverführer«. Er verfasste zahlreiche Bücher zu kultur- und zeitgeschichtlichen Themen. Für seine in mehrere Sprachen übersetzte Karl-Marx-Biographie »Die Geister, die er rief« wurde er mit dem Preis »Das politische Buch 2010« der Friedrich-Ebert-Stiftung ausgezeichnet. Bei Siedler erschien von ihm zuletzt die Biographie »Tucholsky. Ein deutsches Leben« (2012). Rolf Hosfeld lebt in der Nähe von Potsdam.

Gedanken zum Buch

Kurt Tucholsky ist für mich ein ganz besonderer Schriftsteller. Ich liebe seine Gedichte, die mir schon in recht jungen Jahren nahegebracht wurden.

Auf gut 270 Seiten breitet der Autor Rolf Hosfeld dem Leser das viel zu kurze Leben und das umfassende Werk des außergewöhnlichen Mannes aus. Die einzelnen Lebensetappen werden durch eine Reihe von Fotografien untermalt. In einem ausführlichen Anhang sind noch einmal die Stationen seines Lebens tabellarisch zusammengefasst. Darüber hinaus gibt ein umfangreiches Literaturverzeichnis weiterführende Hinweise und ein Personenverzeichnis rundet diese Biografie ab.

Rolf Hosfeld ist eine äußerst lesenswerte Biografie Kurt Tucholskys gelungen. Er setzt damit dem Publizisten, Kabarettautor, Liedertexter, Romanautor, Lyriker und Gesellschaftskritiker ein Denkmal. Gleichzeitig zeichnet er ein eindrucksvolles Gesellschafts- und Zeitbild.

Mich hat besonders der Abschnitt über Tucholskys Exilzeit interessiert und beeindruckt. Als in Deutschland die Nationalsozialisten immer mehr an Macht und Einfluss gewannen, ging er im Jahr 1930 in der Hoffnung nach Schweden, dass diese viel „zu klug [seien], um störend in die große Politik einzugreifen.“ (S. 227)

Diese Biografie des zeichnet sich durch eine ungeheure Detailfülle und die klare und sachliche Sprache aus. Hosfeld zeichnet ein facettenreiches Bild des Künstlers und Privatmannes Tucholsky. Ich lege sie jedem ans Herz, der mehr über diesen beeindruckenden und leider etwas in Vergessenheit geratenen Mann und seine Zeit erfahren möchte, gibt sie doch einen sehr guten Ein- und Überblick in das Leben und über das Werk Tucholskys.

7. April 2015 / Karthause

Wahl der BücherTreff-Leserlieblinge 2014

Der BücherTreff sucht die Leserlieblinge 2014. Die Nominierungsphase der besten Bücher des Jahres 2014 ist inzwischen abgeschlossen und nun darf noch bis zum 19. April 2015 in den Kategorien

  • Erzählungen
  • Fantasy
  • Historische Romane
  • Jugendbücher
  • Krimis/Thriller
  • Liebesromane
  • Sachbücher
  • Science Fiction

abgestimmt werden.

Möchtet Ihr noch mitmachen? Mit einem Klick auf das oben verlinkte Banner gelangt Ihr zur Abstimmungsseite. Dort findet ihr die in den einzelnen Kategorien Nominierten, die auf Eure Stimme warten.

 

6. April 2015 / Karthause

Dörte Hansen – Altes Land

Quelle: Knaus Verlag

Quelle: Knaus Verlag

Gebundene Ausgabe: 288 Seiten

Verlag: Albrecht Knaus Verlag

ISBN-13: 978-3813506471

 

Der Verlag über das Buch

Zwei Frauen, ein altes Haus und eine Art von Familie

Das „Polackenkind“ ist die fünfjährige Vera auf dem Hof im Alten Land, wohin sie 1945 aus Ostpreußen mit ihrer Mutter geflohen ist. Ihr Leben lang fühlt sie sich fremd in dem großen, kalten Bauernhaus und kann trotzdem nicht davon lassen. Bis sechzig Jahre später plötzlich ihre Nichte Anne vor der Tür steht. Sie ist mit ihrem kleinen Sohn aus Hamburg-Ottensen geflüchtet, wo ehrgeizige Vollwert-Eltern ihre Kinder wie Preispokale durch die Straßen tragen – und wo Annes Mann eine Andere liebt. Vera und Anne sind einander fremd und haben doch viel mehr gemeinsam, als sie ahnen.

Mit scharfem Blick und trockenem Witz erzählt Dörte Hansen von zwei Einzelgängerinnen, die überraschend finden, was sie nie gesucht haben: eine Familie.

Der Verlag über die Autorin

Dörte Hansen, geboren 1964 in Husum, lernte in der Grundschule, dass es außer Plattdeutsch noch andere Sprachen auf der Welt gibt. Die Begeisterung darüber führte zum Studium etlicher Sprachen wie Gälisch, Finnisch oder Baskisch und hielt noch an bis zur Promotion in Linguistik. Danach wechselte sie zum Journalismus, war einige Jahre Redakteurin beim NDR und arbeitet heute als Autorin für Hörfunk und Print. Sie lebt in der Nähe von Hamburg. „Altes Land“ ist ihr erster Roman.

Meine Gedanken zum Buch

Es gibt Bücher, die sprechen mich auf den ersten Blick an. „Altes Land“ von Dörte Hansen war so eines und das Innere des Romans hielt, was das Äußere versprach.

Dit Huus is mien un doch nich mien, de no mi kummt, nennt’t ook noch sien.“ (S. 7)

In dem Roman über Fluchten und der Suche nach Geborgenheit, über das entwurzelt Sein und das Heimatgefühl breitet die Autorin sehr leise, aber eindringlich ein Panorama von Land und Leuten in den nahe der Elbe gelegenen Obstmarschen aus. Sie erzählt von Hildegard, die nach dem Krieg als Flüchtling auf den Hof kam und durch ihre Heirat mit Karl, dem Hoferben, ein Stück Heimat suchte, aber nie dort ankam und wieder ging. Ganz anders Vera, ihre Tochter, die, von ihrer Mutter verlassen, mit Karl dort bleibt und über Jahrzehnte keine Hand an Haus und Hof legt, um etwas zu verändern. Sie lebt dort, doch ihre Wurzeln sind nur an der Oberfläche.

„… sie konnte hier nicht weg. Sie war ein Moos, das nur an diesen Mauern hielt. Das hier nicht wachsen konnte oder blühen, aber doch bleiben.

Sie war ein Flüchtling, einmal fast erfroren, nie wieder warmgeworden. Ein Haus gefunden, irgendeins, und dort geblieben, um nur nicht wieder in den Schnee zu müssen.“ (S. 222)

Frischen Wind bringt dann Anne, ihre Nichte, auf das Gehöft, die mit ihrem Sohn Leon aus Hamburg-Ottensen vor einer gescheiterten Beziehung und den jungen, ökologisch korrekten Helikopter-Müttern geflohen ist.

Dörte Hansen scheint sie alle persönlich zu kennen, ihre Romanfiguren. Sie hat sie facettenreich und wie aus dem Leben geschnitten beschrieben. Jeder hat seine eigenen charismatischen Zügen, ist ein Wesen, das einzigartig anmutet. Trotz aller Unterschiede sind sich die beiden Heldinnen näher, als sowohl der Leser und auch sie selbst zunächst vermuten. Sie sind allein, Einzelgängerinnen, die sie von der Allgemeinheit abheben. Die Autorin ist eine ausgezeichnete Beobachterin, warmherzig, aber mit spitzer Feder, einem Augenzwinkern und einer gewissen Scharfzüngigkeit zeigt sie unterschiedliche Lebenskonzepte auf.

Dass die Autorin Linguistin ist, merkt man jeder Seite dieses Romans an. Kein Wort ist zu viel, keines zu wenig. Die Geschichte hat Tiefe, Herzenswärme und Witz und ist vollkommen frei von jeglichem Heimatkitsch und Herz-Schmerz-Geplänkel. Ich habe in den letzten Wochen viele gute und sehr gute Bücher gelesen, aber dieses war ein Wohlfühlbuch im allerbesten Wortsinn. Es nahm mich gefangen, in Gedanken schlenderte ich die Dorfstraße entlang und sah all die Menschen, die mir gute Bekannte zu sein schienen, vor meinem inneren Auge.

„Altes Land“ ist ein Roman, mit dem Dörte Hansen in dem ihr eigenen, wunderbaren Sprachstil Land und Leuten ein Denkmal setzt. Ich habe jede Seite genossen, es ist schon jetzt eines meiner Jahreshighlights 2015. Er klingt immer noch in mir nach.

2. April 2015 / Karthause

Peter Zingler – Im Tunnel

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Peter Zingler – Im Tunnel

Gebundene Ausgabe: 574 Seiten

Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt

ISBN-13: 978-3627002145

Der Verlag über das Buch

Paul Zakowski sitzt seit dem frühen Morgen in der Abgangszelle seines Gefängnisses, in dem er ein paar Jahre verbracht hat, und hofft und flucht und betet. Er wartet auf seine Entlassung. Aber die darf eigentlich nicht sein. Nicht, dass er ein Unhold wäre oder ein Gewalttäter. Nein, Zakowski ist Einbrecher, erfolgreicher Einbrecher, und das hat ihm der Staat mit insgesamt acht Jahren und vier Monaten Haft vergolten. Allerdings in drei verschiedenen Prozessen. Von der ersten Strafe hat er inzwischen zwei Drittel verbüßt, der Rest wurde zur Bewährung ausgesetzt. Eigentlich müsste die Staatsanwaltschaft jetzt die anderen beiden Strafen in Vollzug setzen. Zakowski ist sich im Klaren, dass die Telefondrähte in der Anstalt heiß laufen. Jeder will verhindern, dass er freikommt. Bis 17.00 Uhr haben sie Zeit, dann müssen sie ihn rauslassen. In der Abgangszelle, neben dem großen Tor in die Freiheit, harrt Zakowski aus. Während sich draußen die Weichen für seine Zukunft stellen, gerät Zakowski in den Sog seiner Erinnerung: Unerhörte Geschichten und Ereignisse aus seinem Leben steigen in ihm auf, und seine nicht gerade tadellose Vergangenheit fliegt an ihm vorbei.

Der Verlag über den Autor

Peter Zingler, 1944 geboren, aufgewachsen im Rheinland. Schulabbruch, danach Ein- und Ausbrecher. Aufenthalte in Marokko, Sizilien, Jamaika, über ein Jahrzehnt in internationalen Gefängnissen. Nach der letzten Haftentlassung 1985 Journalist, Buch- und Filmautor, Regisseur. Drehbücher für mehr als 70 Kino- und Fernsehfilme, darunter 19 Tatort-Folgen. Der Adolf-Grimme-Preisträger und Vater von sechs Kindern lebt in Frankfurt am Main. Die ARD wird im Februar 2015 den Zweiteiler Die Himmelsleiter senden, zu dem Peter Zingler in Anlehnung an seine eigenen Nachkriegserlebnisse das Drehbuch schrieb.

Meine Gedanken zum Buch

Es ist der 30. Dezember. Eine Woche zuvor hatte überraschend ein Richter Paul Zakowski, Peter Zinglers Alter Ego, den Rest seiner zweijährigen Haftstrafe zur Bewährung ausgesetzt. Nun sitzt er seit den frühen Morgenstunden in der Abgangszelle des Gefängnisses und wartet auf seine Entlassung, die eigentlich fast unmöglich erscheint, warten doch noch zwei weitere Gefängnisstrafen auf ihn. Für zwei Jahre und vier Monate des Landgerichts Bonn und weitere vier Jahre des Landgerichts Frankfurt liegen noch keine Vollstreckungsbefehle vor. Hinter den Kulissen wird eifrigst telefoniert und beraten, kann man Zakowski wirklich frei lassen? Wenn bis 17 Uhr keine der beiden Strafen in Vollzug gesetzt wird, muss er entlassen werden. Aber wer ist einen Tag vor Silvester noch zu erreichen? Währenddessen schweifen Pauls Gedanken in die Vergangenheit ab. Wie wurde er zu dem schweren Jungen mit der beachtlichen kriminellen Karriere?

Während der Wartezeit, auf der letzten Etappe seiner Inhaftierung, begleitet der Leser den Protagonisten von 6.00 bis 16.50 Uhr. Mit wechselnden Zeitebenen schafft der Autor eine Art doppelter Spannung. Werden sich die Tore der Haftanstalt wirklich öffnen? Wie sieht die Vergangenheit von Paul Zakowski aus? Die Geschehnisse in der Anstalt werden minutiös geschildert, der Leser weiß in dieser Erzählebene immer etwas mehr als Paul, der nicht über die Geschehnisse hinter den Kulissen informiert ist und nur warten und spekulieren kann. Anders ist es bei Pauls Erinnerungen. Diese werden von einem Erzähler in hauptsächlich in Form von Episoden und Anekdoten geschildert. Durch das Abschweifen von Pauls Gedanken während seiner Wartezeit erhält der Leser eine ausgezeichnete Innensicht auf Paul Zakowski und erfährt, was den Menschen und Täter Zakowski ausmacht. Ich empfand diesen Roman als sehr spannend. Allerdings war dies keine Spannung wie man sie bei einem Thriller findet und die einen fast atemlos lesen ließ. Sie war subtiler, unterschwelliger. Es war das einfache gespannt Sein auf die weitere Handlung.

Ich habe die Geschichte um Paul Zakowski und die Selbstreflexionen des Autors sehr gern und mit viel Begeisterung gelesen. Peter Zingler weiß ganz genau, wovon er schreibt. Dieser Roman ist autobiografisch. Der Sprachstil ist der Handlung sehr angepasst. Das langsame Vergehen der Zeit in der Abgangszelle wird spürbar, im Gegensatz dazu werden die Rückblicke sehr flott und mitunter mit einem Augenzwinkern erzählt.

Mit „Im Tunnel“ hat Peter Zingler den ersten Teil seines autobiografischen Romans vorgelegt. Ich habe ihn sehr gern gelesen und erwarte nun mit entsprechender Vorfreude den auf er letzten Seite angekündigten zweiten Teil. Ein Blick in die Biografie des Autors lässt mich erahnen, dass dies dann der Roman einer außergewöhnlichen Wandlung werden könnte.

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