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30. März 2015 / Karthause

Claire Hajaj – Ismaels Orangen

Quelle: Blanvalet Verlag

Originaltitel: Ishmael’s Oranges

Gebundene Ausgabe: 448 Seiten

Verlag: Blanvalet Verlag

ISBN-13: 978-3764505165

Der Verlag über das Buch

Jaffa, April 1948. Der siebenjährige Salim Al-Ismaeli, Sohn eines palästinensischen Orangenzüchters, freut sich darauf, die ersten Früchte des Orangenbaums zu ernten, der zu seiner Geburt gepflanzt wurde. Doch der Krieg bricht aus und treibt die ganze Familie in die Flucht. Von nun an hat Salim nur noch einen Traum: Eines Tages zu seinem Baum zurückzukehren und im Land seiner Väter zu leben.

Zur selben Zeit wächst Judith als Tochter von Holocaust-Überlebenden in England auf – und sehnt sich danach, irgendwann ein normales und glückliches Leben führen zu dürfen. Als Salim und Judith sich im London der Sechzigerjahre begegnen und ineinander verlieben, nimmt das Schicksal seinen Lauf und stellt ihre Liebe auf eine harte Probe …

Der Verlag über die Autorin

Claire Hajaj, 1973 in London geboren, hat ihr bisheriges Leben zwischen zwei Kulturen, der jüdischen und der palästinensischen, verbracht und versucht, sie zu vereinbaren. In ihrer Kindheit lebte sie sowohl im Nahen Osten als auch im ländlichen England. Sie bereiste alle vier Kontinente und arbeitete für die UN in Kriegsgebieten wie Burma oder Baghdad. Sie schrieb Beiträge für den BBC World Service, außerdem veröffentlichte sie Artikel in Time Out und Literary Review. Ihren Master in Klassischer und Englischer Literatur hat sie in Oxford gemacht. Zur Zeit lebt sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Beirut.

Interview mit Claire Hajaj zu “Ismaels Orangen”

Meine Gedanken zum Buch

Während in Jaffa 1948 der siebenjährige Salim Al-Ismaeli darauf wartet, erstmals die Früchte des anlässlich seiner Geburt gepflanzten Orangenbaums ernten zu können, bricht der Krieg aus. Israel hat gerade erst seine Unabhängigkeit erklärt, als Armeeeinheiten einer Allianz arabischer Staaten das Land angriffen. Ohne die ersehnte Ernte muss Salims Familie nach Nazareth zu einer Tochter des Vaters aus erster Ehe fliehen. Als dann auch noch seine Mutter mit seinem jüngeren Bruder die Familie verlässt, ist der Junge vollends entwurzelt, und wächst zudem unter dem Einfluss des immerwährenden und alles bestimmenden Nahostkonflikts auf.

In einer weiteren Handlungsebene lernt der Leser Judith, die Tochter von Holocaust-Überlebenden, kennen und kann immer wieder einen Blick auf ihre Entwicklung und die wichtigsten Etappen in ihrem jungen Leben werfen. Schließlich treffen sich beide in London und entgegen aller Konventionen und dem Willen der Familien verlieben sich der Palästinenser und die Jüdin ineinander und heiraten.

Wer die politischen Gegebenheiten kennt, fragt sich, ob eine solche Liebe zwischen den Kulturen Bestand haben kann. Auch für Salim und Judith ist das die entscheidende Frage. Von den Familien wird ihre Beziehung nicht akzeptiert und auch gesellschaftlich ist nicht leicht für das Paar. Diese Schilderungen gehören zu den überzeugendsten des Romans. Sie sind durchweg glaubhaft. Claire Hajaj ist selbst Tochter einer jüdischen Mutter und eines palästinensischen Vaters und wusste damit genau über die Schwierigkeiten und Belastungen, denen eine solche Beziehung ausgesetzt ist, Bescheid.

In loser Zeitfolge berichtet die Autorin vom Jahr 1948 bis 1987 episodenhaft von den entscheidenden Ereignissen im Leben der Protagonisten. Da immer wieder längere Zeiträume aus der Betrachtung ausgespart wurden, vermisste ich ein wenig Informationen über das Leben der Helden, insbesondere Salims, in der Zwischenzeit. Sehr interessant fand ich die zeitgeschichtlichen Bezüge, die besonders in der ersten Hälfte des Romans in ihrer Auswirkung auf das Leben der einfachen Menschen beschrieben wurden.

Waren zunächst die Charaktere gut gezeichnet, wurden sie spätestens mit dem Aufenthalt der Familie in Kuwait immer schablonenhafter und die Entwicklung der Geschehnisse wurde etwas vorhersehbarer. So kam es zu einer Kühle und Distanziertheit zwischen den Protagonisten und mir, die so auf den ersten Seiten des Romans nicht zu erwarten war.

Trotz meiner Kritikpunkte habe ich „Ismaels Orangen“ sehr gern gelesen. Besonders die Kindheit Salims und Judiths hat mich gefesselt. Der Roman ist recht flüssig zu lesen. Zu Beginn musste ich mir fremde Begriffe noch recht häufig im Glossar nachlesen, mit der Zeit prägte ich mir die wichtigsten jedoch ein und der Lesefluss wurde seltener durch das Nachschlagen unterbrochen.

Der Nahostkonflikt begleitet mich schon mein ganzes Leben. Dieser sehr lesenswerte und interessante Roman hat meinen Blick auf einen politischen Brennpunkt gelenkt, über den ich mich künftig noch weiter informieren werde. Ich empfehle ihn gern allen zeitgeschichtlich interessierten Lesern. Er ist ein zum Nachdenken anregender Roman, der neben der Geschichte einer großen Liebe auch viel Wissenswertes vermittelt.

28. März 2015 / Karthause

Anna McPartlin – Die letzten Tage von Rabbit Hayes

Quelle: Rowohlt Verlag

OT: The Last Days of Rabbit Hayes

Taschenbuch: 464 Seiten

Verlag: rororo

ISBN-13: 978-3499269226

Kurzbeschreibung (Quelle: amazon.de)

Erst wenn das Schlimmste eintritt, weißt du, wer dich liebt.

Stell dir vor, du hast nur noch neun Tage. Neun Tage, um über die Flüche deiner Mutter zu lachen. Um die Hand deines Vaters zu halten (wenn er dich lässt). Und deiner Schwester durch ihr Familienchaos zu helfen. Um deinem Bruder den Weg zurück in die Familie zu bahnen. Nur neun Tage, um Abschied zu nehmen von deiner Tochter, die noch nicht weiß, dass du nun gehen wirst …

Die Geschichte von Rabbit Hayes: ungeheuer traurig. Ungeheuer tröstlich.

Über die Autorin (Quelle: amazon.de)

Obwohl Anna McPartlin noch keine 40 Jahre alt ist, sagt sie, dass sie bereits mehrere Leben gelebt habe. In der Tat verlief vor allem ihre Kindheit turbulent und alles andere als einfach. 1972 in Dublin geboren, erlebte sie als 5-jährige die Trennung ihrer Eltern, ein Jahr später erkrankte ihre Mutter an Multipler Sklerose. Bis Anna McPartlin 12 Jahre alt war, kümmerte sie sich um ihre kranke Mutter. Dann zog sie zu Tante und Onkel, die ihr die Familie zu ersetzen versuchten, in die Grafschaft Kerry. Dass dies prägende Jahre waren, wissen ihre Leser, denn die Bücher von Anna McPartlin spielen oft in dieser Gegend. Mit ihren bewegenden Geschichten, in denen es meist um Schicksalsschläge und die Kraft der Liebe und Freundschaft geht, hat sie eine große Lesergemeinde gewonnen. Bereits mit ihrem ersten Buch “Weil du bei mir bist” (2006) gelang McPartlin der Sprung in die Bestsellerlisten. Dabei wollte sie zunächst Schauspielerin werden und führte in den 1990er Jahren ein alternatives Theater in Dublin. Während sie dort als Comedian glänzte, erkannte sie ihr Talent, kurze Sketche zu schreiben und Geschichten zu erzählen. Der Weg für ihren ersten Roman und viele weitere erfolgreiche Bücher war geebnet.

Meine Meinung

Vor vier Jahren wurde bei Mia Hayes, genannt Rabbit, Brustkrebs diagnostiziert. Sie kämpfte, wurde erfolgreich behandelt und führte ein ganz normales Leben. Aber dann meldete sich der Krebs wieder, mit Metastasen in der Leber und den Knochen, Stadium IV. Zum Sterben wird sie in ein Hospitz gebracht. Es heißt nun, zu regeln, was zu regeln ist und Abschied zu nehmen, von Juliet, der 12-jährigen Tochter, den Eltern, den Geschwistern, der besten Freundin. Vorrangig ist dabei die Sorge um Juliet. Erst nach und nach erkennt das Mädchen, wie ernst und hoffnungslos die Lage ihrer Mutter ist und dass sie eher Tage als Wochen vom Tod trennen. Die Familie sorgt sich rührend um Rabbit. Aber wer soll sich um Juliet kümmern? Die über 70-jährigen Eltern? Die Schwester, die von ihrer eigenen Familie gefordert ist? Der Bruder, der Single ist und zwischen Irland und den USA pendelt?

„Die letzten Tage von Rabbit Hayes“ ist in neun Teile gegliedert, einen für jeden Tag, den sie noch lebt. Dabei wird dem Leser auch die Sicht der Familienangehörigen und Freunde nahe gebracht. In kurzen Abschnitten kommen sie in den neun Teilen zu Wort. Rabbits letzte Tage werden zwar chronologisch erzählt, trotzdem gibt es immer wieder Rückblicke und Erinnerungen, die über Mias Träume vermittelt werden. So nimmt die Autorin der Thematik ein wenig die Schwere, denn der Leser lernt auch die junge, gesunde Frau kennen. Nicht so gut gefallen hat mir das Gezänk, bei wem letztlich Juliet aufwachsen soll. Schön, dass alle für sie eintreten wollten, aber mir wurde des zu flach und ein wenig zu klischeehaft beschrieben. So wie mich auch die Sprache in dem Roman nicht vollends überzeugt hat. Das Buch lebt hauptsächlich von den Dialogen, die dann auch recht häufig oberflächlich gefärbt waren. Dabei hätte gerade dieser Roman alle Möglichkeiten gehabt auch tiefer gehende Gedanken einzubringen. Allerdings wurde auf den von mir eingangs befürchteten weinerlichen Grundton verzichtet.

Kurzum, in „Die letzten Tage von Rabbit Hayes“ hat die Autorin ein schweres Thema aufgegriffen und versucht, es leicht zu erzählen. Mir war das stellenweise ein wenig zu leicht. Trotzdem hatte ich mit diesem Roman angenehme und unterhaltsame Lesestunden.

26. März 2015 / Karthause

Richard Dübell – Der Jahrhundertsturm

JahrhundertsturmTaschenbuch: 1056 Seiten

Verlag: Ullstein Taschenbuch

ISBN-13: 978-3548286648

Klappentext

Alvin von Briest ist ein echter Preuße. Er fühlt sich den alten Traditionen seines Heimatlandes verpflichtet, auch wenn es ihm nicht immer leicht fällt. Auf Rat seines Freundes Otto von Bismarck entscheidet er sich sogar für eine Militärlaufbahn.

Ganz anders sein Freund Paul Baermann. Paul stammt aus dem Münchner Bürgertum und ist ein Mann des Fortschritts. Seine einzige Liebe gilt der Eisenbahn. Bis er in Paris Louise Ferrand kennenlernt, die ihn mit ihrer Schönheit verzaubert. Doch Louise ist schon einem anderen versprochen – seinem besten Freund. Sie heiratet Alvin von Briest, der sie vor Hunger und Tod gerettet hat. Ihr Herz aber gehört Paul.

Während in Berlin Barrikaden gebaut werden, die Eisenbahn ihren Siegeszug in Europa antritt und sich Deutschland schließlich unter Bismarck eint, gehen Alvin, Paul und Louise ihren ganz eigenen Weg.

Über den Autor (Quelle: Ullstein Verlag)

Richard Dübell, geboren 1962, lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen bei Landshut. Als Autor von historischen Romanen stürmt er seit Jahren die Bestsellerliste. Inzwischen ist er aber auch als Krimi-Autor bekannt.

Gedanken zum Buch

Die Romanhandlung setzt im Jahr 1840 ein, endet im Sommer 1871 und wird auf zwei Ebenen entwickelt. Eine führt den Leser ins Preußische. Alvin von Briest, Zweitgeborener, geht nach dem Tod seines Vaters leer aus und schlägt auf Ratschlag seines Freundes Otto von Bismarck die Militärlaufbahn ein. Zur gleichen Zeit will sich der Münchener Paul Baermann zum Dampfmaschineningenieur ausbilden lassen. Ein Zwischenfall setzt diesem Traum aber ein jähes Ende. Beide begegnen sich in Berlin und ihr Weg führt sie nach Paris, dort arbeiten sie für Eisenbahngesellschaft und planen das Streckennetz. Schließlich verlieben sie sich in die gleiche Frau, aber Alvin heiratet Louise.

Anhand des Schicksals der drei Hauptfiguren breitet Richard Dübell für seine Leser ein beeindruckendes historisches Panorama aus, in dem Zeitgeist sowie politische und technische Entwicklungen für das entsprechende Kolorit sorgen. So wird deutlich, welche Bedeutung der Ausbau des Eisenbahnnetzes und der Entwicklung der Telegrafie sowohl für die Zivilbevölkerung als auch für das Militär hat. Paul, als Vertreter der Zivilisten und Alvin als Militärangehöriger stehen mit ihrem Gedankengut jeweils für ihre Gesellschaftsschicht. Die politische Ebene wird hauptsächlich durch Otto von Bismarck geprägt, dem als Freund Alvins zwar keine Hauptrolle, aber trotzdem eine bedeutende in diesem Roman einnimmt. Die historischen Ereignisse reichen von der Märzrevolution im Jahr 1848 bis hin zur Gründung des Deutschen Reiches 1871.

Das Verknüpfen von historischem Geschehen, technischem Fortschritt, Reflexion der gesellschaftlichen Entwicklung und fiktiver Romanhandlung ist Richard Dübell ausgesprochen gut gelungen. Er hat meisterlich erzählt und in dem über 1000 Seiten umfassenden Roman keine Längen aufkommen lassen. So baute sich vor meinem inneren Auge ein umfassendes authentisches Zeitbild auf. Ein wenig habe ich mich lediglich an der Ménage-à-trois zwischen Louise, Alvin und Paul gestoßen. Es gelingt mir nicht, mir vorzustellen, dass diese Beziehung in aller Öffentlichkeit ohne Konsequenzen – zumindest für Alvins militärische Laufbahn – in der beschriebenen Zeit gelebt werden konnte. Das schmälert meinen sehr positiven Eindruck nicht wesentlich. Denn Richard Dübell ist es gelungen, mich wie ein stiller Beobachter zu den einzelnen Schauplätzen zu führen und mir die Atmosphäre hautnah zu vermitteln.

„Der Jahrhundertsturm“ ist ein sehr interessanter und ebenso unterhaltsamer Roman, gut durchdacht und intelligent aufgebaut, dazu ist er nicht nur leicht zu lesen, sondern auch noch sehr lesenswert. Wer wie ich die Verbindung von erzählter und erdachter Geschichte und einem faktischen historischen Rahmen sehr mag, wird bei diesem sehr gut aufgehoben sein.

19. März 2015 / Karthause

Robert Louis Stevenson – Die Schatzinsel

Quelle: Hanser Verlag

Die Schatzinsel
Robert Louis Stevenson
Originaltitel:
Treasure Island
Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: Hanser
ISBN-13: 978-3446243460

Klappentext (Auszug)

Stevensons berühmtester Roman, Geniestreich und Meisterwerk zugleich, erzählt von der Expedition zur See und der Bergung des Piratenschatzes von Käptn Flint. Sein eigentlicher Held ist der mutige Junge Jim Hawkins, umgeben von skurrilen und dubiosen, von seriösen und verkommenen Figuren, darunter Squire Trelawney und Doktor Livesey, Käptn Smollett und John Silver, die der Autor in einer herrlich klassischen Szenerie auftreten lässt: zwischen Bodennebel und teerverschmierten Schiffstauen, zwischen Blockhaus und Pulverdampf, in bedrängten Lagen diesseits und jenseits der Reling.

Die Schatzinsel hat die Leser vom ersten Augenblick an gefesselt und Generationen von Schriftstellern inspiriert – von Mark Twain bis Marcel Proust, von Henry James bis Berthold Brecht. Die Fahrt der Hispaniola geht nicht nur auf eine exotische Insel, sondern in die Abgründe der menschlichen Seele. Es ist eine Parabel über Geldgier, eingefasst in das schöne Kleid des Abenteuers. Hier geht es nicht um Liebe, nicht um Status, nicht um den gesellschaftlichen Alltag, nicht um verlorene Illusionen. Es geht um das nackte Überleben.

Über den Autor (Quelle: Wikipedia)

Robert Louis Balfour Stevenson (* 13. November 1850 in Edinburgh; † 3. Dezember 1894 in Vailima, nahe Apia, Samoa) war ein schottischer Schriftsteller des viktorianischen Zeitalters. Stevenson litt an Tuberkulose und wurde nur 44 Jahre alt; jedoch hinterließ er ein umfangreiches Werk von Reiseerzählungen, Abenteuerliteratur und historischen Romanen sowie Lyrik und Essays. Bekannt geworden sind vor allem der Jugendbuchklassiker Die Schatzinsel und die Schauernovelle Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde, die sich dem Phänomen der Persönlichkeitsspaltung widmet und als psychologischer Horrorroman gelesen werden kann. Einige Romane sind heute noch populär und haben als Vorlagen für zahlreiche Verfilmungen gedient.

Meine Gedanken zum Buch

„Die Schatzinsel“ ist eines der Bücher, die mich schon als junger Leser stark beeindruckten. Damals war es das Abenteuer, das der junge Jim Hawkins erleben durfte, die unterschwellige Gefahr die von den Piraten, insbesondere von Long John Silver ausging. Heute ist es weniger der Gruselfaktor, der mich dieses Buch genießen ließ, eher ist es die gekonnte Darstellung der Abgründe die sich in den menschlichen Charakteren auftut. Obwohl diese sehr plakativ in gut und böse eingeordnet sind, ist es spannend ihren Ideen und Winkelzügen zu folgen. Trotzdem sind sie alle auf ihre eigene Art einzigartig und bleiben im Gedächtnis. Auch Jim Hawking, der kein Kind mehr, aber auch bei weitem noch nicht erwachsen ist, besticht durch seine Handlungen, unüberlegt, ohne das Risiko seines Tuns abzuwägen, mutig, voller jugendlichem Tatendrang.

Der Spannungsbogen wird durchgehend hochgehalten, dazu trägt auch ein kurzzeitiger Wechsel des Erzählers in der Mitte des Romans bei. So erweitert sich die Perspektive und man bekommt noch einen Blick auf die Geschichte als nur den des Ich-Erzählers Jim Hawkins.

Sprachlich kann man sich zwar gut in die Handlungszeit hineinversetzen, allerdings kommt mir persönlich die Übersetzung von Andreas Nohl ein wenig glatt vor. Die sich auch in meinem Besitz befindliche Übersetzung von Karl Lerbs ist wesentlich markiger und weniger modern und verbreitet durch die Ausdrucksweise etwas mehr Piratenflair. Die neue Übersetzung ist sehr leicht und flüssig lesbar und keineswegs misslungen.

Das Buch als solches  besticht durch die Fadenbindung, die sehr gute Papierqualität und die darin enthaltenen Informationen zur Entstehungsgeschichte des Romans. Auf den Umschlagsinnseiten finde man vorn eine Abbildung der Schatzkarte des Käptn Flint. Hinten im Buch ist eine Zeichnung eines zweimastigen Toppsegelschoners mit Beschriftung der wichtigsten Bauteile, damit auch die passionierten Landratten sich auf hoher See auf dem Segelschiff zurechfinden können.

“Die Schatzinsel“ ist kein ausschließlicher Jugendroman, auch wenn man schon etwas länger erwachsen ist, kann man mit diesem Roman angenehme, spannende und unterhaltsame Lesestunden genießen.

11. März 2015 / Karthause

Inger-Maria Mahlke – Wie Ihr wollt

Quelle: Berlin Verlag

Gebundene Ausgabe: 272 Seiten
Verlag: Berlin Verlag
ISBN-13: 978-3827012135

Klappentext

September 1571: Elisabeth I. herrscht in England, und Mary Grey ist wütend. Sie ist sechsundzwanzig, kleinwüchsig, hat einen Thronanspruch und keine Geduld mehr. Seit einigen Jahren steht sie unter Hausarrest, da sie ohne die Erlaubnis ihrer königlichen Cousine geheiratet hat. Ihr Ehemann stirbt und auch sonst sind sie alle tot: ihre Schwestern Jane und Katherine und ihre Eltern, einige von ihnen hingerichtet. Mary Grey will die Kontrolle über ihr Leben zurück, einen eigenen Haushalt und das Sorgerecht für ihre Stiefkinder. Doch nichts passiert, und anstatt das still hinzunehmen und sich anzupassen, begehrt sie auf gegen das System Königshof, seine Zufälligkeiten, seine Willkür und Unfreiheit, seine mühsamen Rituale und ökonomischen Zwänge. Sie beginnt, sich Notizen zu machen, die Vergangenheit aufzureihen, sie so zu erzählen, dass es recht ist. Nur um zu dem Schluss zu kommen, dass ihr und ihrer Familie Handeln ebenso amoralisch war, wie das aller anderen. Dass sie die Rituale mochte. Dass Gunst wie eine warme Perle ist, die im Magen aufbricht und in alle Glieder strömt. Und dann ist da auch noch Ellen …

Über die Autorin (Quelle: Berlin Verlag)

Inger-Maria Mahlke, geboren 1977 in Hamburg, wuchs in Lübeck auf, studierte Rechtswissenschaften an der FU Berlin und arbeitete am Lehrstuhl für Kriminologie. Preisträgerin des 17. Open Mike 2009 sowie des ersten Debütpreises des HarbourFront-Literaturfestivals 2010 für ihren Roman »Silberfischchen«. 2012 Ernst-Willner-Preis bei den »Tagen der deutschsprachigen Literatur« in Klagenfurt für einen Auszug aus ihrem zweiten Roman »Rechnung offen«, der im Frühjahr 2013 im Berlin Verlag erschien, von Kritik und Lesern gefeiert und 2014 mit dem Karl-Arnold-Preis der Akademie der Künste und Wissenschaften von NRW ausgezeichnet wurde. Im März 2015 erscheint ihr neuer Roman. Sie lebt in Berlin.

Meine Gedanken zum Buch

Im September 1571 herrscht in England Elisabeth I.. Günstlingswirtschaft ist an der Tagesordnung und wer in Ungnade fällt, verliert auch leicht den Kopf. Mary Grey hat ihre Cousine, die Königin verärgert, sie heiratete ohne deren Erlaubnis und steht nun seit Jahren unter Hausarrest. Dagegen begehrt sie auf, sie nimmt die ihr zugewiesenen Rolle nicht hin, will selbstbestimmt leben. So schreibt sie eine Art Tagebuch und schildert ihre ganz persönliche Sicht der Dinge. Dabei geht es um Gunst und Missgunst, um Moral und unmoralisches Verhalten, um Zwänge und Wünsche. Mary ist ganz auf sich gestellt. Ihr Mann ist tot, ihre Schwestern ebenfalls. Nur Ellen ist für sie da…

Ich werde schreiben. Alles aufreihen. Das Leben der Mary Grey. Wer immer will, kann sehen. Kann urteilen. …

Es muss ja nicht gleich ein fertiger Bericht sein, am Stück heruntergeschrieben. Als wäre Erleben eine glatte Einheit und keine unübersichtliche Ansammlung von Augenblicken, die, egal, wie fest man sie zusammenpresst, nicht einfach ein Ganzes ergeben. Als gäbe es erkennbare Grenzen, die bestimmen, was dazugehört und was nicht. Ein Anfang und ein Ende. Eine Summe.

Also nur Bröckchen. Notizen. Zusammengetragen und vorläufig.“ (S. 39 „Wie ihr wollt“)

Inger-Maria Mahlke hat einen sehr unkonventionellen Roman geschrieben. In einer Anmerkung wendet sie sich persönlich an die Leser und weist darauf hin, dass sie keinen historischen Roman geschrieben hat, sondern sich einen historischen Stoff literarisch angeeignet hat. So hat sie einen sehr modernen Roman in einer historischen Kulisse vorgelegt, der sich ganz besonders durch die Sprache von anderen Romanen abhebt. Jung und modern ist ihr Stil, dazu wortgewandt, bissig, ironisch und auch humorvoll. Immer wieder stellte ich fest, dass sich zwar die Zeiten geändert haben, viele Probleme von damals aber auch heute von ebenso großer Aktualität sind.

Mit „Wie ihr wollt“ hat mich die Autorin vollkommen überzeugt. Den Gegensatz des historischen Themas und der jungen Sprache schafft sie zu harmonisieren. Sie hat mich nachdenklich gemacht und mich lächeln lassen. Sie schreibt scharfzüngig und gleichzeitig ein wenig schelmisch.

Das Buch wird durch einen Stammbaum und eine umfangreiche Figurenliste ergänzt. Das erleichtert es besonders Lesern wie mir, denen die Elisabethanische Zeit nicht ganz so vertraut ist, die Orientierung.

Kurzum, dieser Roman kommt in historischem Gewand daher und spricht doch das Heute deutlicher an als manch zeitgenössisches Werk. Ich habe es sehr genossen, dieses Buch zu lesen. Meine Überraschung über den zunächst ungewöhnlichen Stil wandelte sich schnell in Freude darüber, ein nichtalltägliches, sich vom Mainstream sehr angenehm abhebendes Buch in Händen zu halten.

4. März 2015 / Karthause

P. M. Biografie

Quelle: P. M. Magazin

Das Leben schreibt die besten Geschichten. Das sagte man sich wohl auch in der Redaktion des P. M. Magazins. So erschien am 13. Februar 2015 erstmals die neue P. M. Biografie und bereichert das Spektrum der jetzt 18 (wenn ich richtig informiert bin) Ableger des P. M. Magazins.

Im Fokus dieses Magazins stehen unter anderem SchauspielerInnen, MusikerInnen, Wirtschaftsgrößen und Politiker.

Vom Cover der ersten Ausgabe lächelt charmant die Oscarpreisträgerin Cate Blanchett. Die man dann in einem sehr interessanten Artikel auch näher kennenlernen darf. So wird ihr Weg zur Schauspielerei beleuchtet. Den ersten Anstoß dazu gab der Tod ihres Vaters als Cate erst 10 Jahre alt war. Für sie war das Schlüpfen in die verschiedenen Rollen eine Möglichkeit, den Schicksalsschlag zu verarbeiten. Eine Filmografie und wunderbare Fotos runden diesen Artikel ab.

Neben der großen Schauspielerin befasst sich diese Ausgabe mit Amal Alamuddin Clooney, Nina Hagen, Zoella und Mads Mikkelsen. In der Rubrik „Biografie in Bildern“ werden auf sechs Seiten die wichtigsten Lebensetappen von Bill Gates vorgestellt. Aber auch für historisch interessierte Leser biete dieses Magazin etwas. Als große Frau der Weltgeschichte wird Teresa von Ávila vorgestellt und Kronprinz Rudolf von Habsburg, der Sohn von Kaiserin Sisi, wird ein Porträt gewidmet.

Außerdem gibt es Tipps für Bibliophile und Cineasten und zu guter letzt ist eine Rubrik „letzte Adresse“ in dem Heft enthalten, die in diesem Fall zur Abteilung Ehrengräber des Wiener Zentralfriedhof, Tor 3, Gruppe 40, Grab 44 führt, wo der von mir sehr geschätzte und unvergessene Johann Hölzel alias Falco ruht.

P. M. Biografie ist ein sehr interessantes Magazin, das als Zielgruppe wohl hauptsächlich die weibliche Leserschaft anvisiert. Dies finde ich etwas bedauerlich. Mir persönlich sind ein wenig zu viele Prominente, denen die Yellow Press schon ausreichend Aufmerksamkeit widmet, in diesem Magazin zu finden. Aber vielleicht findet die Redaktion ja im Laufe der Zeit auch noch weitere Themengebiete.

Das Magazin umfasst 98 Seiten, erscheint vierteljährlich und ist für 5 Euro im Zeitschriftenhandel erhältlich.

3. März 2015 / Karthause

Arno Geiger – Selbstporträt mit Flusspferd

Quelle: Hanser LiteraturVerlage

Gebundene Ausgabe: 288 Seiten

Verlag: Carl Hanser Verlag

ISBN-13: 978-3446247611

Gedanken zum Buch

Wien 2004. Der 22-jährige Julian, Student der Veterinärmedizin, wird von Judith verlassen, das kam nicht unverhofft, sondern deutete sich schon über längere Zeit an. Nur jetzt zog Judith den Schlussstrich, weil die Zeit günstig war und momentan für keinen Prüfungen anstanden, deren Vorbereitung durch eine solche Entscheidung gestört werde könnte. Julian muss die Wohnung verlassen, für deren Nutzung Judiths Vater nachträglich noch einen Mietanteil von ihm fordert. Nun muss er schauen, wie er über die Runden kommt, seine Schulden bezahlt und sein Leben neu ausrichtet. Zunächst kommt er bei einem Freund unter, der ihm auch gleich, weil er mehr Lust auf Urlaub hat, seinen Job überlässt, der darin besteht, das Zwergflusspferd von Professor Beham zu versorgen. Sein Tagesablauf wird schnell durch den des Flusspferdes bestimmt. Im Gleichklang der Sommertage reflektiert Julian über sich und seinen Standort in der Welt. Er lernt aber auch Aiko, die Tochter des Professors kennen und verliebt sich in sie.

Ein wenig war ich irritiert, wie unreif und unfertig der Protagonist Julian mit seinen 22 Jahren war. Er war ein durchaus intelligenter und kluger Kopf, seinen Platz im Leben hat er allerdings noch nicht gefunden, davon war er sogar noch weit entfernt. So reihten sich zunächst auch banale Gedanken aneinander und und mit dem Jüngelchen und sein Gehangel zwischen Liebeskummer, Entscheidungslosigkeit, Weltschmerz und Orientierungslosigkeit konnte ich mich nur schwer erwärmen. Auch die sich langsam entwickelnde Beziehung zu Aiko, die ihm immer wieder bescheinigt, noch die Eierschalen hinter den Ohren zu haben, kam mir ebenso skurril vor wie die Beziehung, die er zu dem Zwergflusspferd entwickelt. Obwohl der Roman von Julian, dem Ich-Erzähler recht persönlich erzählt wird, blieb sie für mich deutlich spürbar eine Fiktion, auf die ich mich nur schwer einlassen konnte. So wie dem Protagonisten die Orientierung fehlte und er danach, bzw. nach einer Person, die sie ihm geben konnte, suchte, so suchte ich etwas die Originalität des Helden. Er war mir zu blass und austauschbar. Aber wahrscheinlich, ist das genau das Bild, das Julian von sich auch hat.

Erst die letzten einhundert Seiten des Romans versöhnten mich mit meiner Entscheidung, das Buch nicht vorzeitig zur Seite gelegt zu haben. Dann wurde die Geschichte runder, Julian begann mehr zu agieren, ließ sich weniger treiben und seine Gedanken wurden tiefer. So machte er wirklich noch eine Entwicklung durch, mit der ich nicht mehr gerechnet hätte.

„Gehe ich rechts oder links? Mache ich mein Studium fertig oder nicht? Wird eine stabile Persönlichkeit aus mir oder ein Niemand, der nichts auf die Reihe kriegt und von allen herumgeblasen wird? Finde ich meinen Platz oder gehe ich unter.

An allen Möglichkeiten bin ich nahe dran. Wenn mir ein, zwei Fehler unterlaufen und ich einmal richtig Pech habe, befinde ich mich im freien Fall. Denn alle Wege, die mir lohnenswert erscheinen, sind gefährlich -“ (S. 276)

Auch wenn ich mit dem Buch zunächst sehr fremdelte, lag dies nicht an der sprachlichen Gestaltung des Romans, sondern an den Problemen, die ich generell mit Mitmenschen habe, die sich dermaßen treiben lassen, im Selbstmitleid suhlen und die Unentschlossenheit leben.

So lässt mich „Selbstporträt mit Flusspferd“ etwas zwiegespalten zurück. Nein, ich musste mich nicht wirklich durch den Roman quälen. Eher hätte ich Julian gern auf den richtigen, besser gesagt auf einen Weg gebracht. Aber eigentlich haben bereits die ersten Seiten dieses Romans gezeigt, dass er diesen schlussendlich auch selbst gefunden haben muss, was mich dann doch wieder versöhnlich stimmt.

Der Verlag über de Autor (Quelle: hanser-literaturverlage.de)

Arno Geiger, 1968 geboren, lebt in Wolfurt und Wien. Sein Werk erscheint bei Hanser, zuletzt Alles über Sally (2009) und Der alte König in seinem Exil (2011). Er erhielt u. a. den Deutschen Buchpreis (2005), den Hebel-Preis (2008), den Hölderlin-Preis (2011) und den Literaturpreis der Adenauer-Stiftung (2011).

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