Friedrich Chr. Delius – Bildnis der Mutter als junge Frau

„Laufen Sie, junge Frau, laufen Sie, wenn Sie wollen laufen, der Kind sich freut, wenn Sie laufen.“ Dies hat der Frauenarzt der jungen, schwangeren Deutschen geraten. Eigentlich wollte sie die letzten Wochen der Schwangerschaft zusammen mit ihrem Ehemann in Rom verbringen, der wurde aber kurzfristig zu Hitlers Afrika-Corps abkommandiert, keiner weiß wann er zurückkehrt. So läuft sie im Januar 1943 allein durch das ihr fremde Rom, der Leser begleitet sie auf ihren Wegen und erfährt ihre Gedanken. Diese werden mehr als Splitter in die Erzählung geworfen. Ganz so, als würde man selbst auf einem Spaziergang durch Kleinigkeiten zu immer neuen Gedanken angeregt. Das macht das Lesen dieses Buches nicht leicht. Dazu kommt, dass die 126 Seiten lediglich von einem Satz gefüllt werden. Kommata und kleine willkürlich gewählte Absätze, nicht immer entspricht ein neuer Absatz einem neuen Gedanken, wird die Geschichte gegliedert. Nach der ersten Stunde habe ich dann dieses Buch auch genervt zur Seite gelegt. Am Tag darauf, zum Glück war es ein Sonntag, habe ich mich ihm dann ganz in Ruhe noch einmal gewidmet und erstaunlicherweise fand ich plötzlich eine Art Rhythmus, das Lesen wurde angenehm und ich konnte mich auf diesen Stil einlassen.

Mit der Protagonistin konnte ich mich nicht so recht anfreunden. Freiwillig und gegen den Willen ihrer Eltern ist sie nach Italien gegangen, freiwillig bleibt sie, aber die ihr unbekannte Sprache will sie nicht lernen. Gedanken über die politische Situation macht sie sich nur widerstrebend, die Gespräche der Mitbewohnerinnen des evangelischen Konvents verwundern sie, denn sie reden sehr frei über Hitler und die Judenfrage. Aber immer öfter drängt sich die Angst in ihren Kopf, Angst, der Krieg könnte verloren gehen, Angst, ihrem Gert könne etwas passieren, täglich kommen so viele Gefallenenmeldungen.

„Bildnis der Mutter als junge Frau“ ist eine Liebeserklärung von Friedrich Chr. Delius an seine Mutter. Denn er war es, der sie in dieser Zeit begleitete. Fein arbeitet er ihre Gedanken heraus. Manchmal hatte ich das Gefühl, beim Schreiben befand er sich im Zwiegespräch mit ihr. Ihm ist ein sehr einfühlsames und intensives Buch gelungen, das in seiner Ruhe mich als Leser nachhaltig beeindruckt hat. Ich könnte mir gut vorstellen, dass Romkenner noch mehr Freude an diesem Buch haben könnten als ich. Leider war ich noch nie in der ewigen Stadt.

Gebundene Ausgabe: 126 Seiten
Verlag: Rowohlt, Berlin (September 2006),
ISBN-10: 3871345563
ISBN-13: 978-3871345562
Gelesen: Januar 2007
14,90 EUR

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