Louis Begley – Ehrensachen

Harvard zu Beginn der 50er Jahre. Sam, Henry Archie beziehen eine gemeinsame, zum Harvard College gehörende Wohnung. Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft, des ungleichen Werdeganges werden die drei grundverschiedenen jungen Männer Freunde fürs Leben.

Der Ich-Erähler Sam Standisch stammt aus den Berkshires und war bereits lange Jahre in Internaten, das wurde ihm durch den Bruder seines Großvaters ermöglicht, der für den Jungen Trust zur Finanzierung seiner Ausbildung einrichtete. Sam wurde adoptiert, seine wirklichen Wurzeln findet er nie. Zu seinen Eltern hat er ein recht loses Verhältnis, schon früh hatte er sich von ihnen gelöst, dafür war nicht zuletzt das Alkoholproblem der beiden die Ursache.

Henry White ist ein aus Polen stammender Jude. Die Nazi-Zeit überlebten er und seine Eltern dank mutiger Freunde, die sie versteckten. Nach dem 2. Weltkrieg wanderte die Familie nach Amerika aus, wo sie den Familiennamen von Weiß in White änderten und der Vater eine Textilfabrik gründete. Henrys Bindung an das Elternhaus ist sehr eng, hauptsächlich begründet durch die Ängste seiner traditionsbewussten Mutter, die weiß, dass es doch in Amerika zu dieser Zeit noch mehr als ein erheblicher Makel ist, Jude zu sein und deshalb fürchtet, Henry könnte seine jüdische Abstammung verleugnen, denn sein eigenes Selbstverständnis ist ein anderes. Er sagt über sich selbst:

Solange es Leute gibt, die es kümmert, ob ich ein Jude bin, der vorgibt, keiner zu sein, so lange muss ich Jude bleiben, auch wenn ich mir innerlich nicht jüdischer vorkomme als ein geräucherter Schweineschinken. Wenn jemand mich fragt, muss ich sagen, dass ich Jude bin – es sei denn, diese Wahrheit bringt mich in ein Konzentrationslager oder kostet mich das Leben. Das bin ich mir schuldig, sonderbar für einen wie mich, der nicht glaubt, dass er irgendwem irgendwas schuldet. Aber es ist eine Ehrensache für mich.“ (Seite 49)

Archibald P. Palmer III. entstammt einer texanischen Offiziersfamilie. Er genießt das Leben und die Mädchen. Das Studium beschäftigt ihn eher nebenbei.

Louis Begley legt die Geschichte der Freundschaft der drei Männer, in deren Mittelpunkt eigentlich immer Henry steht , über einen Zeitraum an, der fast bis zur Gegenwart reicht. Da bekannt ist, dass auch Begley in Harvard studierte, drängten sich bei mir Parallelen zu seinem Leben auf, die der Autor aber in Interviews jedoch verneint hat. Zumindest verfügt er einen großen Erfahrungsschatz Harvard betreffend, aus dem er beim Schreiben seines Romans schöpfen konnte. Er zeichnet ein grandioses Bild dieser jungen, aufstrebenden und erfolgshungrigen Männer, jeder träumte seinen american dream und realisiert ihn auf ganz individuelle Weise. Sam wird ein erfolgreicher Autor. Henry und Archie gehen nach dem College zur Army. Daran anschließend studiert Henry Jura in Harvard und Archie beginnt ein Studium in Philadelphia, das er jedoch abbricht, um einen Job bei einer Investmentbank an der Wallstreet anzunehmen.

Dieses Buch ist Begley’s Hommage an Amerika, aber trotz aller Ehrerbietung findet auch gesellschaftskritische Worte. „Ehrensachen“ ist ein fantastischer Roman, der mich sehr beeindruckt hat, besonders weil er so vielfältig in den Handlungssträngen ist und die Charaktere der Protagonisten so brillant beschrieben wurden, dass sie mit Leben erfüllt waren. Der gesamte Roman findet seinen uneingeschränkten Bezug zur Realität durch die geschickt in die Handlung integrierten historischen Begebenheiten.

„Ehrensachen“ ist ein Zeitzeugnis und ein Loblied an die Freundschaft. „Ehrensachen“ ist ein Roman über das Amerika des ausgehenden 20. Jahrhundert, der hervorragend geschrieben ist und nachdenklich macht, der von tiefen Gedanken geprägt ist, aber den Leser auch schmunzeln lässt.

OT: The Matter of Honor
Gebundene Ausgabe: 444 Seiten
Verlag: Suhrkamp
ISBN-10: 351841870X
ISBN-13:
978-3518418703
Gelesen: August 2007

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