Kluun – Mitten ins Gesicht

Stijn und Carmen sind jung und erfolgreich und leben in den Niederlanden. Sie lieben sich, ihre kleine Tochter und das Leben und führen eigentlich eine glückliche Ehe. Aber Stijn geht fremd, wann immer sich ihm eine Gelegenheit dazu bietet. Er kann nicht anders. Doch Carmen ist seine große Liebe. Eines Tages schlägt das Schicksal hart und erbarmungslos zu, sozusagen mitten ins Gesicht. Carmen erkrankt an einer äußerst aggressiven Form von Brustkrebs. Der Behandlungsmarathon beginnt, Chemotherapien, Bestrahlungen, Brustamputation. Dazwischen erlebt der Leser immer wieder ein Stück Normalität, so gut wie es der Gesundheitszustand Carmens gerade zulässt. Stijn tut alles für seine Frau, stößt aber auch an seine Grenzen und ist von der Situation überfordert. Er hat eine „Scheißangst“ und flüchtet sich in immer neue Affären. Als auch die Ärzte Carmen dann nicht mehr helfen können, bleibt nur noch ein Ausweg: Sterbehilfe.

Seit ein paar Monaten stand dieses Buch, das als Geschenk zu mir kam, unbeachtet im Regal. Ein Lesetipp weckte dann mein Interesse und so musste ich feststellen, dass Kluun ein ganz anderes Buch geschrieben hat, als ich erwartete. Offen und ehrlich geht Stijn mit seinen Schwächen um. Er versucht zur ergründen und zu begründen, warum er das Fremdgehen braucht. Er hinterfragt seine Beziehung zu Carmen. War ich anfangs noch der Meinung dieser notorische Fremdgänger sei so ziemlich das Letzte, was frau als Ehemann braucht, so wandelte sich dieses Bild zu meinem eigenen Erstaunen im Laufe der Zeit grundlegend.

Die einfache, deutliche und realitätsnahe Schilderung der Krankheit in allen Phasen hat mich betroffen gemacht. Die Kraft von Carmen und Stijn hat mich beeindruckt. Dieses Buch hat eine Vielzahl von Emotionen in mir geweckt, die Palette reicht von tiefer Trauer bis hin zum entspannten Schmunzeln. Dieses Buch ist etwas Besonderes.

Besonders ist auch die Aufmachung des Buches. Neu in die Handlung eingreifende Personen werden in kleinen Kästchen vorgestellt, ebenso die besuchten Lokalitäten. Jedes Kapitel wird durch ein Zitat aus einem Musikstück bekannter Künstler eingeleitet.

Mein Fazit: „Mitten ins Gesicht“ ist ein besonderes Buch im Genre der Erfahrungsberichte. Es ist nicht darauf angelegt, die Tränendrüsen des Lesers zu beanspruchen. Es schildert in Nahaufnahme wie der Krebs unbarmherzig und schonungslos das Leben und Lieben der Familie grundlegend verändert. Besonders das Ende hat mich sehr nachdenklich gestimmt. Die Fortsetzung dieses Buchs „Ohne sie“ werde ich mit Sicherheit auch lesen.

Broschiert: 368 Seiten * Verlag: Fischer (TB) * ISBN-13: 978-3596169115

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