János Székely – Verlockung

Béla wurde unehelich in einem ungarischen Dorf geboren. Anna, die Mutter, war arm und arbeitete als Wäscherin in Budapest für den Lebensunterhalt, deshalb gab sie den Sohn in die Obhut von Tante Rozika, die mit der Betreuung von außerehelichen Kindern und mit anderen Liebesdiensten ihr Geld verdiente. Bei Rozika hatten die Kinder ein schweres, von Armut und Lieblosigkeit geprägtes Leben. Da Bélas Mutter des öfteren Schwierigkeiten hatte, den Unterhalt für ihren Sohn zu zahlen, musste er bereits als kleiner Junge für sein Essen hart arbeiten. Den Schulbesuch musste er sich erkämpfen, denn in der Zeit, in der er die Schulbank drückte, konnte er im Haushalt nicht helfen. Irgendwann brach der Kontakt zur Mutter ab, erst acht Jahre später, als Béla das Dorf verlassen musste, trafen sich Mutter und Sohn wieder. Fortan lebten sie in Budapest. Armut und Hunger begleite ihr tägliches Leben. Béla fand in einem Hotel Arbeit als Liftboy und eines Tages tauchte auch der Vater des Jungen auf.

János Székely erzählt in diesem Roman die Geschichte von Béla im Ungarn zwischen den Weltkriegen. Selbst in bitterer Armut lebend, wird Béla in dem Luxushotel mit der Welt der Reichen konfrontiert. Er erfährt, dass auch diese Welt mit Tücken behaftet und nicht ungefährlich ist. Trotzdem verliebt er sich in eine reiche Dame, die im Hotel als Dauergast logiert. Der Autor lässt den Leser in beide Welten schauen. Er beschreibt die Dekadenz der Reichen genauso eindringlich wie den Hunger und die Nöte der Armen. Kommunistische Ideen werden ebenso thematisiert wie Bespitzelungen; Menschen, die die Notlage anderer schamlos ausnutzen stehen denen gegenüber, die in ihrer Abhängigkeit machtlos sind. Sehr realistisch und prägnant sind die Bilder, die der Autor im Kopf des Lesers entstehen lässt. Das liegt aber sicher auch daran, dass dieser Roman autobiografische Züge trägt. Beeindruckend fand ich die Entwicklung Bélas, der von Kindheit an nur größte Armut kennen gelernt hat, aber seine Würde nie verlor.

Verlockung“ ist in einer einfachen, sehr gut lesbaren Sprache geschrieben und bis auf einige Längen im Mittelteil hat mich das Buch gefesselt. Wortwitz wechselt mit sachlicher Erzählung, facettenreiche, bildhafte Beschreibungen runden die Geschichte ab, in der ein eindrucksvolles Bild über das Leben von Arm und Reich im Ungarn der 20er und 30er Jahre gezeichnet wird. Besonders hervorheben möchte ich noch, das trotz der Armut, die ständig präsent ist, keine trübselige, graue Stimmung aufkommt. Es wird weder das Mitleid des Lesers eingefordert noch auf die Tränendrüse gedrückt. Das empfand ich als sehr angenehm. Auch das Ende, das Platz für eigene Spekulationen lässt, fand ich sehr gelungen.

Mein Fazit: „Verlockung“ ist ein bemerkenswerter Roman über Armut, Liebe, Würde und Hoffnung. Mich hat er sehr beeindruckt. Ich habe das Buch sehr gern gelesen und empfehle es ebenso gern weiter.

Über den Autor (Quelle: Auszug aus dem Klappentext)

János Székely, geboren 1901 in Budapest, kam auf der Flucht vor dem Horthy-Regime als Achtzehnjähriger nach Berlin. Er verfasste zahlreiche Drehbücher für Stummfilmstars wie Brigitte Helm, Willy Fritsch, Marlene Dietrich, Emil Jannings. 1934 lädt Ernst Lubitsch ihn zur Arbeit nach Hollywood ein; 1938 wandert Székely endgültig aus. Während der McCarthy-Ära wiederum verfolgt, verbrachte er mit seiner Frau und seiner Tochter einige Jahre in Mexiko, bevor er, bereits schwer erkrankt, 1957 einem Angebot der DEFA nach Berlin folgte. Er starb dort 1958.

Gebundene Ausgabe: 811 Seiten * Verlag: Schirmergraf * ISBN-13: 978-3865550156

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