Arno Surminski – Die Vogelwelt von Auschwitz

Der Pole Marek Rogalski ist Insasse des KZ Auschwitz – unschuldig, wie er immer wieder betont. Er ist einem Malertrupp zugeteilt worden. Früher war er Kunststudent in Krakau, nun streicht er Baracken an. Hans Grote, Wachmann der SS in Auschwitz, ist mehr der Natur zugetan als dem Alltag in einem Konzentrationslager. Er stellt bei der Lagerleitung den Antrag, die Vogelwelt von Auschwitz erforschen zu dürfen. Das wird ihm genehmigt und Marek wird ihm als Assistent zur Seite gestellt und soll nun Vögel skizzieren und präparieren. Marek erkennt schnell, dass Grote einer der Deutschen ist, der die Pflicht erfüllt und Befehle ausführt, aber darüber das Nachdenken verweigert. Beide lernen sich bei der täglichen Arbeit näher kennen und wundern sich darüber, wie ähnlich sie einander eigentlich sind. Die Wünsche des Polen sind nicht viel anders als die des Deutschen. Beide wollen heim, Grote zu seiner Frau und den Kindern, Marek zu seiner Verlobten. Mehr als einmal spielt der Pole mit dem Gedanken, bei den Ausflügen in die Natur einfach nur die Weichsel zu durchschwimmen und nach Krakau zu Eva zu gehen. Die Sonderbehandlung Mareks bringt ihm zwar mehr Freiheiten, aber er bemerkt auch den Neid der anderen Insassen.

Als ich dieses Buch in meiner Buchhandlung liegen sah, irritierte mich zuerst der Titel. Provokant, das geht gar nicht, waren meine ersten Gedanken, irgendwie war ich peinlich berührt und empört. Ich war jedoch sehr überrascht, als ich diese Novelle las. Von Provokation oder gar „heiler Welt“ war nichts zu spüren. Einen Vogelkundler gab es unter den SS-Leuten in Auschwitz wirklich. Seine Studie, die den Titel „Beobachtungen über die Vogelwelt von Auschwitz“ trägt, wurde in einer wissenschaftlichen Wiener Zeitschrift veröffentlicht. Neben der überraschend friedlichen Tätigkeit des Vogelkundlers wird aber auch der grausame KZ-Alltag nicht ausgespart. Da wird der Leser mit fehlgeschlagenen Pharma-Versuchen, der Massenvernichtung und Hinrichtungen zur Abschreckung konfrontiert. Hervorragend entwickelte und charakterisierte Surminski die beiden Protagonisten Hans Grote und Marek Rogalski. Die Dialoge der beiden sind einzigartig. In der Naivität ihrer Gedanken übertrafen sie sich gegenseitig. Ich hegte für keinen besondere Sympathien, sondern konnte das Buch eher als neutraler Beobachter lesen. Es war flüssig und leicht zu lesen, war aber trotzdem keine leichte Kost. Besonders erschreckend waren Szenen, in denen für den Schutz der Vögel eingetreten wurde, wenig später aber das geplante massenhafte Töten von Insassen als absolut normal dargestellt wurde. Damit beschreibt der Autor meisterhaft, wie verabscheuungswürdig und perfide dieses System war. Arno Surminski war mir bisher als Autor nur dem Namen nach geläufig. Ich hatte noch keinen Roman von ihm gelesen. Diese Novelle hat mich aber voll überzeugt.

Mein Fazit: „Die Vogelwelt von Auschwitz“ ist ein leicht zu lesendes Buch mit einem sehr herben Nachgeschmack. Es macht ergriffen und auch fassungslos. Die schönen Naturbeschreibungen in Verbindung mit dem bestialischen Geschehen im KZ lassen sehr zwiespältige Gefühle aufkommen. Trotzdem kann ich jedem, der sich dieser Thematik gewachsen fühlt, dieses Buch empfehlen.

Über den Autor

Arno Surminski 1934 in Jäglack (Ostpreußen) geboren, arbeitet seit 1972 freiberuflich als Wirtschaftsjournalist und Schriftsteller. Er hat neunzehn Romane und Erzählbände veröffentlicht, darunter die Bestseller „Jokehnen“, „Sommer vierundvierzig“ und die Erzählbände „Aus dem Nest gefallen“ und „Die masurischen Könige“. 2008 erhielt Arno Surminski den Hannelore-Greve-Literaturpreis.

Gebundene Ausgabe: 191 Seiten * Verlag: Langen/Müller * ISBN-13: 978-3784431260

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