Michael Köhlmeier – Abendland

Abendland
Michael Köhlmeier
Gebundene Ausgabe: 784 Seiten
Verlag: Hanser Belletristik
ISBN-13: 978-3446209138

Der im Sterben liegende 95jährige Mathematiker Carl Jacob Candoris spricht mit seinem Freund und Schützling Sebastian Lukasser über sein Leben und hat den Wunsch, dass seine Biografie nach seinem Tod veröffentlicht wird. Mit Carls Biografie ist die des Sebastian Lukasser und seiner Familie eng verknüpft. Candoris lernt den begnadeten Jazzmusiker Georg Lukasser, Sebastians Vater, in einem Jazzkeller kennen und schätzen. Er wird zu dessen Mäzen, Schutzengel, Freund und auch Gebieter. Eine Rolle, in die er den Sohn, Sebastian, mit einbezieht. So wurde in „Abendland“ auch die Geschichte der Lukassers erzählt, stellenweise hat man den Eindruck, diese Familie steht im Mittelpunkt des Buches und Carl steht im Hintergrund und zieht die Fäden. Hier sehe ich eine enge Verknüpfung mit dem schriftstellerischen Werk des Sebastian Luskasser, der auch über berühmte Musiker Doppelbiografien schrieb. Mit dieser schon umfangreichen Lebensgeschichte und Beichte des Carl Candoris verknüpft Köhlmeier noch die bedeutenden Ereignisse des 20. Jahrhunderts.

Michael Köhlmeier erzählt „Abendland“ nicht geradlinig, sondern eher verwinkelt und konstruiert. Er weicht immer wieder vom roten Faden ab und schiebt neue Anekdoten ein. Der Roman nimmt den Leser mit auf die Reise nach Innsbruck, Wien, Frankfurt/Main die USA und, und, und. Er konfrontiert mit Musikthemen, dem 3. Reich, der Wissenschaft, dem Bau der Atombombe, dem Rassismus in den USA und der RAF – um nur einige Themen zu nennen. Ich fand mich zeitweise in einem literarisch-historischen Irrgarten wieder. Begebenheit aus der Geschichte des 20. Jh. werden oft nur angerissen. Köhlmeier fordert von seinem Leser die Kenntnis des Geschehens. Deshalb wirkten diese Passagen anfangs oberflächlich und unausgegoren.

Die Kritik lässt nun den Eindruck aufkommen, das Buch hätte mir nicht gefallen. Genau das Gegenteil trifft es aber. Ich habe „Abendland“ sehr gern gelesen. Es ist aber unbestritten ein Buch, dessen Vielfalt sich erst beim wiederholten Lesen erschließen wird. Lange standen für mich zwei Fragen im Raum, da war einerseits die nach der Rolle des Carl Jacob Candoris in diesem Roman, in dem der eigentliche Biograf ja im Mittelpunkt zu stehen schien. Aber nach und nach wurde deutlich, dass Candoris der Macher im Hintergrund ist, er hält die Fäden in der Hand wie bei einem Puppenspiel und somit ist seine bedeutendste Funktion die des Überwachers, des Regisseurs. Andererseits bewegte mich die Frage, ob es Sebastian Lukasser vermag, sich von seinem schier übermächtigen Schatten zu lösen.

„Abendland“ ist wohl eines der vielschichtigsten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Zum „nebenbei lesen“ ist es nicht geeignet, es fordert die gesamte Aufmerksamkeit seines Lesers, da sonst zu viele Facetten nicht erkannt werden. Ich habe sicher auch noch viele nicht wahrgenommen. Selten habe ich selbst beim Lesen eines Buches so viel recherchiert. Aber gerade diese Themenvielfalt lässt den Roman, dieses Epos manchmal etwas überladen und unüberschaubar wirken. Er hätte damit auch 3 oder 4 Romane füllen können. Bevor ich diesen Roman las, habe ich ihn als Hörbuch – hervorragend gesprochen von Jürgen Uter – gehört. Durch das nochmalige Lesen wurde mir vieles verständlicher und greifbarer. „Abendland“ ist mit Sicherheit ein Buch, das ich in absehbarer Zeit wieder zur Hand nehmen werde. In der Zwischenzeit werde ich mich mit den anderen Werken Köhlmeiers auseinandersetzen.

Über den Autor (Quelle: Amazon)

Michael Köhlmeier, geboren 1949, wuchs in Hohenems/Vorarlberg auf, wo er auch heute lebt. Für sein Werk wurde der österreichische Bestsellerautor unter anderem mit dem Manes-Sperber-Preis, dem Anton-Wildgans-Preis und dem Grimmelshausen-Preis ausgezeichnet.

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