Colum McCann – Die große Welt

Die große Welt
Colum McCann
Gebundene Ausgabe: 537 Seiten
Verlag: Rowohlt, Reinbek
ISBN-13: 978-3498045111

New York. August 1974. Auf einem zwischen den Twin Towers gespannten Seil balanciert im 110. Stockwerk, etwa 500 Meter über der Erde ein Hochseilartist. Für die Passanten scheint in diesem Moment die große Welt stillzustehen. Fasziniert und wie gebannt schauen sie an den Himmel und betrachten diesen Balanceakt.

Aber unten auf der Erde geht das Leben weiter. Es ist für viele ein nicht weniger riskanter Drahtseilakt. Da ist Corrigan. Der gläubige Ire, hilfsbereit und aufopferungsvoll bis zur Selbstaufgabe. Selbst keusch und in Armut lebend, unterstützt er die Prostituierten der Bronx. Sein Bruder ist gekommen und bemüht sich, Corrigans Leben in andere Bahnen zu lenken, versucht ihn aus diesem gefährlichen Viertel zu holen. Aber dessen Weg ist durch seine Kindheit vorgezeichnet. Tillie, die 38jährige Großmutter und Jazzlyn, ihre Tochter, sind Straßenhuren und nehmen Corrigans Hilfe wie selbstverständlich an. Ihr Leben ist hart und nicht immer bewegen sie sich auf legalen Gebiet. Eine Geschichte von Huren und eine von Heiligen, beide eng verknüpft. Aber auch das Künstlerpärchen Lara und Blain sind durch die Geschehnisse um Corrigan in diese Handlung involviert und stehen ebenso wie alle anderen am Scheideweg.

Eine weitere Geschichte führt den Leser zu den New Yorker Müttern, die ihre Söhne im Vietnamkrieg verloren. Sie haben ein gemeinsames Schicksal, Claire allerdings fühlt sich zu der Gruppe nicht so ganz dazugehörig, sie gehört zur New Yorker Oberschicht. Claires Ehemann ist Richter, und er verhandelt just an diesem Tag den Prozess, in den Tillie und Jazzlyn verstrickt sind und wünscht sich nicht mehr als den Prozess um den Artisten zu übernehmen.

Immer wieder, zwischen den fiktiven Einzelschicksalen, greift Colum McCann die Rahmenhandlung, die auf dem realen Hochseilakt des Philippe Petit fußt, auf und verwebt die einzelnen Handlungsstränge miteinander. Das verbindende Element ist der Abgrund, vor dem alle Protagonisten in ihrer speziellen Situation stehen. Wer stürzt ab, wer kann sich halten? Lest selbst.

Colum McCann ist ein begnadeter Erzähler. Noch kein Buch von ihm hat mich enttäuscht. Schon nach wenigen Seiten bin ich gefangen von seinem Stil, seiner Sprache, seinen Stories, seinen lebensechten Protagonisten. In seinem Roman „Die große Welt“ hat er es geschafft, den Blick des Lesers vom Mikrokosmos der einzelnen Personen auf das Große alles Verbindende zu lenken. Er lässt gezielt Gegensätze aufeinander prallen, die schon angesprochene Konstellation von Hure und Heilige, aber auch Reich und Arm, Gesetzeshüter und Gesetzesbrecher und nicht zuletzt Leben und Tod. All dies wird stimmig, mit einem guten Auge fürs Detail, geradlinig, sehr feinfühlig, intensiv und authentisch erzählt.

Mein Fazit: Ich wünschte, es würde mehr Bücher dieser Art geben, für die ich eher Feierabend mache, nur schnelle Mahlzeiten zubereite und die Nacht lesend verbringe. All das habe ich für dieses Buch getan. Leider hatte das Buch nur 537 Seiten und die waren viel zu schnell gelesen. Es war mein ganz persönliches Highlight im Jahr 2009.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

Colum McCann wurde 1965 in Dublin geboren. Er arbeitete als Journalist, Farmarbeiter und Lehrer und unternahm lange Reisen durch Asien, Europa und Amerika. für seine Erzählungen erhielt McCann, der heute in New York lebt, zahlreiche Literaturpreise, unter anderem den Hennessy Award for Irish Literature sowie den Rooney Prize.

Von Colum McCann las ich bisher:

Der Tänzer (2005)
Zoli (2007)

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter 2009, Belletristik abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Colum McCann – Die große Welt

  1. Hilpirella schreibt:

    danke für diese rezension! bin schon oft an diesem buch vorbeigelaufen und hab immer wieder gezögert, weil ich dachte: wieviel gute bücher kann colum mccann noch schreiben… es scheint sich aber zu lohnen – kommt auf meine leseliste für’s neue jahr.
    viele grüße,
    uschi (ein lesehuhn)

    • Karthause schreibt:

      Es ist ja immer ein bisschen Geschmackssache. Aber wenn du McCanns Bücher bisher gut fandest, wird dir auch dieses gefallen. Ich fand es ist sein intensivstes. LG Heike

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s