Titus Müller – Die Jesuitin

Die Jesuitin von Lissabon
Titus Müller
Gebundene Ausgabe: 453 Seiten
Verlag: Rütten & Loening
ISBN-13: 978-3352007828

Lissabon 1755. Antero Moreira de Mendonça, einst die rechte Hand des Jesuitenführers Gabriel Malagrida, kehrt nach längerer Abwesenheit in die Stadt am Tejo zurück. Bei den Jesuiten hat er eine naturwissenschaftliche Ausbildung genossen. Seit er sich von dem Orden jedoch abwandte, weil dieser Schuld am Tod seiner geliebten Julie trägt, muss er den Hass des vom Volk als Prophet verehrten Ordenmannes fürchten. So ist er schon seit Jahren auf der Flucht. Unmittelbar nach seiner Rückkehr bemerkt er eigenartige Erscheinungen, so sind z. B. Quellen plötzlich schwefelhaltig, die Tiere reagieren verstört. Für ihn deutet alles auf eine bevorstehende Naturkatastrophe hin. Er will noch warnen, aber es ist zu spät. Ein verheerendes Erdbeben zerstört die Stadt, tausende Menschen kommen ums Leben. Antero sorgt sich um seine Tochter, Samira, die er bei der deutschen Kaufmannsfamilie Oldenburg versteckt hält. Sowohl Leonor, älteste Tochter des deutschen Kaufmannes, als auch seine Tochter haben das Erdbeben überlebt. Gemeinsam mit Leonor versucht er nun zu beweisen, dass ein Erdbeben nicht gottgewollt ist. Aber Leonor ist auch für Anteros ärgsten Widersacher, Malagrida, keine Unbekannte. Der nennt sie freundschaftlich seine Jesuitin.

Der Klappentext verspracht eine Liebesgeschichte zwischen Antero und Leonor. Also die bekannte Konstellation in einem der momentan inflationär auf dem Buchmarkt zu findenden „Die …in“-Romane. Ich war dementsprechend auf leichte und wohl auch seichte Unterhaltung eingestellt. Titus Müller war mir als Autor unbekannt. Wohl nur deshalb verfiel ich in diesen Irrglauben. Schon der zu Beginn geschilderte Sturm ließ mich aufhorchen und weckte sofort mein Interesse an diesem Roman. Realitätsnah, kraftvoll und wortgewandt beschrieb der Autor dieses Naturereignis und diesem Stil blieb er bis zum Ende treu. So gab es keine rührseligen Szenen, kein Liebesgeflüster und auch keinen kitschigen Herzschmerz. Dafür zeichnete der Autor auf beeindruckende Weise, das Bild einer von einer Katastrophe ungeahnten Ausmaßes heimgesuchten Stadt. Die Ängste der Menschen wurden nachvollziehbar, deren Reaktionen und Handlungen waren verständlich. Immer wieder gab es Verweise auf die politische Situation und den damaligen Stand der Technik und der Wissenschaft. Das machte den gesamten Roman so authentisch und glaubwürdig. Die im Roman enthaltenen Erklärungen zur politischen Lage, zum Jesuitenorden, zur Erdbebenforschung und die technischen Details wurden so geschickt in die Handlung integriert, dass sie zwar hervorragende Recherche belegten, jedoch nie dozierend wirkten.

Titus Müllers Protagonisten waren nicht nur Charaktere, sie besaßen auch Charakter und durchliefen in Handlungsverlauf eine Entwicklung. Zudem wurde von der ersten Seite an kontinuierlich ein Spannungsbogen aufgebaut, der bis zum Ende hin gehalten werden konnte.

Das Buch enthielt ein aufschlussreiches und erklärendes Nachwort. Die Gestaltung ist ansprechend. Als einzigen Kritikpunkt sehe ich die Wahl des Titels an, der meines Erachtens aus rein im Marketing verankerten Gründen so gewählt wurde. Für „Die Jesuitin von Lissabon“ war eindeutig zu wenig Jesuitin enthalten. Wer einen Liebesroman vor historischer Kulisse erwartete, wird bitter enttäuscht werden. Liebhaber guter historischer Romane kommen dagegen voll auf ihre Kosten.

Mein Fazit: „Die Jesuitin von Lissabon“ ist ein gut durchdachter, logisch aufgebauter historischer Roman, der dem Leser bildhaft eine vergangene Zeit mit einer entsetzlichen Katastrophe vor Augen führt. Dieser verband gekonnt Unterhaltung und Wissenserwerb und entgegen meiner Erwartung nie trivial. Ich empfehle dieses Buch sehr gern weiter.

Über den Autor

Titus Müller, 1977 in Leipzig geboren, studierte Neuere deutsche Literatur, Mittelalterliche Geschichte und Publizistik in Berlin. 2002 rief er mit Kollegen den Autorenkreis Historischer Roman „Quo Vadis“ ins Leben. 2005 wurde er mit dem C.S. Lewis-Preis ausgezeichnet. Im selben Jahr belegte er den zweiten Platz beim Würth-Literaturpreis. Seit 2007 moderiert Titus Müller die Literatursendung Auserlesen auf rheinmaintv. Er lebt im Weserbergland. Bei Aufbau sind bisher von ihm erschienen: „Der Kalligraph des Bischofs“, „Die Priestertochter“, „Die sieben Häupter“, „Der zwölfte Tag“, „Die Brillenmacherin“, „Das Mysterium“ und „Die Todgeweihte“.

Homepage von Titus Müller

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2 Antworten zu Titus Müller – Die Jesuitin

  1. Pingback: Anonymous

  2. Nerolaan schreibt:

    Titus Müller liest jetzt am Montag live bei lovelybooks.
    Ich glaube, dass seh ich mir mal an 🙂

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