David Grossman – Eine Frau flieht vor einer Nachricht

Eigentlich war Ofers Militärdienst gerade zu Ende und er wollte gemeinsam mit Ora, seiner Mutter, eine Wanderung durch Galiläa machen. Eigentlich. Doch dann meldet er sich freiwillig für weitere 28 Tage zu einem Kriegseinsatz ins Westjordangebiet. Ora weiß was der Krieg und seine Folgen aus den Menschen machen kann. Sie ist entsetzt und denkt an das Schlimmste, das eintreten könnte. Aber ihre Gedanken gehen weiter. Was ist, wenn sie nicht daheim ist, wenn die Nachricht kommt? So überredet sie Avram, ihren alten Freund, Geliebten und Vater von Ofer, dazu, mit ihr gemeinsam zu wandern. Sie will über Ofer sprechen und Avram den Sohn näher bringen, den er so gar nicht kennt. Sie denkt, so lange sie über ihn spricht, muss er am Leben sein, eine gegenteilige Nachricht kann sie ja nicht erreichen. Avram ist ein gebrochener Mann, die Kriegsgefangenschaft hat ihn psychisch und physisch schwer zugesetzt. Aber diese Wanderung, die auch etwas von einer Pilgerreise hat, bringt die beiden einander wieder näher. Anfangs hört Avram nur zwangsläufig die Erzählungen Oras über ihr Leben mit Ofer, seinen Bruder Adam und ihrem Mann, Ilan, von dem sie inzwischen getrennt ist und der wiederum auch mit Avram befreundet war. Aber nach und nach wächst sein Interesse an der Unterhaltung. Er trägt seinen Teil dazu bei, erzählt von seinen schrecklichen Erlebnissen im Krieg und in der Gefangenschaft. So laufen sie fernab aller Nachrichten und ein wenig auch jenseits der Zeit.

Mit diesem Buch, meinem ersten des Autors, legt David Grossman ein beeindruckendes Werk gegen den Krieg und für die Aussöhnung vor. Eindrucksvoll schildert er förmlich nebenbei den Alltag in Israel. Er berichtet vom schwierigen Leben der Palästinenser, von der ständigen Angst vor Terroranschlägen in der israelischen Bevölkerung und von den Ängsten, die Frauen und Mütter ausstehen, wenn ihre Männer und Söhne zu Kriegseinsätzen gehen und er widmet den Problemen der Palästinenser, die sich illegal in Israel aufhalten, einen kurzen Abschnitt. Aber er schildert eben auch die andere Seite. Er macht die Schrecken des Krieges am Beispiel von Avram und Ilan deutlich. Was die beiden erleben müssen, kommt dem Begriff Hölle schon recht nahe.

Besonders imponiert mir jedoch, wie der Autor es schafft, sich in die Gefühls- und Gedankenwelt seiner Protagonistin Ora, die ihr Leben lang zwischen den zwei Männern steht, hineinzuversetzen. Psychologisch feinfühlig beschreibt er ihre Gemütsverfassung, ihre Ängste und Hoffnungen.

Die Wanderung zieht sich als roter Faden durch die Handlung, immer wieder wird sie durch Dialoge und Monologe unterbrochen. Aber ich fühlte mich ständig als stiller Begleiter und Zuhörer an der Seite von Ora und Avram. „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ ist ein äußerst intensiver und dichter Roman, der von Beginn an eine gewisse bedrückende Stimmung vermittelt, die jedoch immer wieder durch charmante Anekdoten aus der Vergangenheit unterbrochen wird. Trotzdem ist die alltäglich Bedrohung fast körperlich spürbar. Dabei urteilt oder verurteilt David Grossman nicht. Er ergreift nicht Partei. Er führt allerdings dem Leser die Sinnlosigkeit von Kriegen eindrucksvoll vor Augen, nachdrücklich, prägnant, greifbar. Auf der anderen Seite schreibt er über die Kraft der Liebe, einfühlsam, sensibel, mitfühlend. Er bedient sich eines ganz wunderbaren Sprachstils, der auch durch die Übersetzung nicht abgeschwächt wurde.

Mein Fazit: „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ ist eines der Bücher, die mich bisher am meisten beeindruckten. Es hat mich in jeder Hinsicht überzeugt. Ich wünsche dem Buch eine große, weltweite Leserschar.

Über den Autor

David Grossman, 1954 in Jerusalem geboren, ein dezidierter Verfechter einer friedlichen Lösung des Nahostkonflikts, gehört wegen seiner differenzierten politischen Haltung und ungewöhnlichen Erzählphantasie zu den herausragenden Schriftstellern der jüngeren Generation.

Originaltitel: Ischa borachat me-bessora * Gebundene Ausgabe: 736 Seiten * Verlag: Hanser Belletristik * ISBN-13: 978-3446233973

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2 Antworten zu David Grossman – Eine Frau flieht vor einer Nachricht

  1. Steffi schreibt:

    Wunschzettelverdächtig 🙂

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