Dieter Moor – Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht

Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht
Dieter Moor
Taschenbuch: 304 Seiten
Verlag: rororo
ISBN-13: 978-3499624759

Geschichten aus der arschlochfreien Zone

Als Dieter Moor zum erstem Mal mit vollgepacktem Auto samt Anhänger nach Amerika im Brandenburgischen fährt, weiß er noch nicht, was ihn erwartet. Seine Frau hat, mit seiner Zustimmung aber ohne seine vorherige Besichtigung, einen Bauernhof in eben dieser kleinen Gemeinde gekauft. Bei seiner Ankunft waren zwar die Vorbesitzer noch nicht ausgezogen, dafür waren aber schon die eigenen Tiere, Pferde, Esel, Enten, Katzen und Hunde, eingetroffen. So lernt der Neu-Brandenburger schnell, was man in dieser Gegend können muss – improvisieren. Nachdem er erfuhr, dass direkt hinter seinem Grundstück die Landebahn des Flugplatzes endet, ein Nachbar lieber Techno-Partys auf seinem Acker veranstaltet als diesen zu bestellen und vor seinem Haus bald eine Straße entstehen soll, auf der stündlich um die 4000 Kraftfahrzeuge von und nach Berlin verkehren, kommen ihm doch Zweifel, ob die Entscheidung, die Schweiz zu verlassen und ins idyllische Brandenburg zu ziehen, eine gute war. Aber ganz so schlimm, wie er zwischenzeitlich befürchtete, kam es dann doch nicht. Alles wendete sich irgendwie zum Guten. Alles? Naja, fast alles, wenn es das Problem mit der Frischmilch, die es im Dorfkonsum nicht zu kaufen gibt, nicht gäbe.

Zu diesem Buch griff ich aus purer Neugier. Wollte ich doch wissen, was einen Schweizer ausgerechnet ins beschauliche, manchmal verschlafene, gelegentlich öde Brandenburg zieht. (Als Brandenburgerin darf ich das schreiben.) So richtig verstanden habe ich das bis zum Schluss nicht. Gerade Deutschland ist doch bekannt für seine Bürokratie und seinen Regulierungsdrang. Gut, er mag das Preußische, das Geradlinige, das Klare. Leider erfuhr der Leser nicht, was der Autor über seine erste Einkommensteuererklärung in deutschen Landen dachte. Aber genug genörgelt und gewundert. Die Geschichte, die Dieter Moor seinen Lesern erzählt, ist ungemein unterhaltend. Frei von der Leber weg, als wäre er bei einer Stammtischrunde, beschreibt er seine Ankunft in der Fremde, die ihm inzwischen zur Heimat wurde. Dabei kommt er allerdings nicht umhin, so manches Klischee und Vorurteil zu bedienen. Manche relativiert er jedoch oder baut sie gänzlich ab. Ob er die Anekdoten und Anekdötchen wirklich alle so erlebt hat, sei dahingestellt. Letztlich ist es mir auch egal, denn die Lesestunden, die ich mit seinem Buch verbrachte, waren amüsant, obwohl in der zweiten Hälfte des Buches das Erzähltempo deutlich langsamer wurde und die eine oder andere Länge entstand. Er thematisiert u. a. auch die Tierhaltung und das Landleben als Lebensform und legt seine Sicht der Dinge dazu dar. Dieter Moor berichtet aber nicht nur von seinen eigenen Erlebnissen und Erfahrungen, er erzählt auch die Lebensgeschichte einiger seiner Mitmenschen nach und hinterfragt, warum sie so sind, wie sie sind. So lernt der Leser Bauer Müsebeck, Teddy und seine Brüder, Schwester Alma mit ihrer Tochter und die kittelschürzetragende Besitzerin des Dorfladens und Gattin des Bürgermeisters Frau Widdel näher kennen, alles Originale, aber trotz ihrer Macken allesamt irgendwie liebenswert. Und so hält er dem brandenburger Leser auch schon mal den Spiegel vor die Nase. Macht nischt, so sind wa halt, und wenn der Fettnapf im Weg steht, treten wir auch gern mal rein. Nach zwei Jahren ist Moor der nette (angepasste) Nachbar geworden und hat sich in die Dorfgemeinschaft integriert, das hat nicht jeder Neuzugang Amerikas geschafft.

So ganz glücklich bin ich aber, trotz etlicher Lacher, mit dem Buch nicht geworden. Irgendwie ging seine „Einbürgerung“ zu glatt, oder aber die Schwierigkeiten waren nicht witzig genug, um in dieses Buch einzufließen.

 

Über den Autor (Quelle: amazon.de)

Dieter Moor, 1958 in Zürich geboren, ist Schauspieler und Moderator. Anfang der 90er Jahre moderierte er das preisgekrönte Medienmagazin „Canale Grande“ auf VOX. Nach verschiedenen Stationen beim deutschen und eigenen Talkshows im österreichischen und Schweizer Fernsehen präsentiert Dieter Moor seit 2007 das ARD-Kulturmagazin „Titel, Thesen, Temperamente“. Gemeinsam mit seiner Frau Sonja betreibt er in der Nähe von Berlin einen Demeter-Bauernhof.

 

Im Oktober 2011 erscheinen von ihn neue Geschichten aus der arschlochfreien Zone: „Bauer sucht Frau mit Trecker“

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2 Antworten zu Dieter Moor – Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht

  1. Steffi schreibt:

    Huhu Heike,
    bis jetzt finde ich das Buch „ganz nett“ … die auf der Rückseite angekündigten Lachkrämpfe haben sich noch nicht eingestellt. Ich lese das Buch, weil ich Dieter Moor mag, seine Sendung „Bauer sucht Kultur“ war stark.
    Bin mal gespannt, wie es weitergeht. Gerade geht die Technoparty auf dem Flugplatz los 😎
    LG, Steffi

    • Karthause schreibt:

      Hallo Steffi, die Lachkrämpfe blieben auch bei mir aus. Ich fand es amüsant und ganz witzig geschrieben (zumindest am Anfang). In der zweiten Hälfte wird ja alles etwas „ruhiger“. LG Heike

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