John Boyne – Das Haus zur besonderen Verwendung

Das Haus zur besonderen Verwendung
John Boyne
Originaltitel: The House of Special Purpose
Gebundene Ausgabe: 560 Seiten
Verlag: Arche Verlag
ISBN-13: 978-3716026427

Russland 1915. Georgi Daniilowitsch Jatschmenew, Sohn eines russischen Landarbeiters, rettete dem Vetter des Zaren Nikolaus II. bei einem Attentat das Leben. In Anerkennung dieser Leistung wurde er an den Zarenhof nach St. Petersburg geholt, wo er Leibwächter und Begleiter des kranken Zarewitsch wurde. Durch den engen Kontakt zur Zarenfamilie lernte er bald die Zarentochter Anastasia kennen. Beide verliebten sich ineinander. Da aber diese Liebe schon aufgrund der Herkunft Georgis keine Zukunft haben konnte, blieb sie ein wohlbehütetes Geheimnis. In den folgenden Jahren kam es zu politischen Unruhen in Russland, die sich letztlich in der Oktoberrevolution entluden und Georgi war fest entschlossen, für Anastasia alles zu tun, was in seinen Kräften stand, um sie zu retten. Der Zar hatte bereits abgedankt, als die gesamte Familie schließlich nach Jekaterinburg in Haus zur besonderen Verwendung deportiert wurden.

London 1981. Georgi ist inzwischen schon 82 Jahre alt, sitzt am Sterbebett seiner Frau Soja und sinniert über die Vergangenheit. Die Gedanken gehen zurück in sein Dorf Kaschin. Er denkt über sein Leben im Winterpalais, die Zarenfamilie, die Zeit nach seiner Flucht aus Russland und die Ehe mit Soja nach.

In diesem Roman greift John Boyne die Legende um das Überleben der Zarentochter Anastasia auf. Er erzählt sie aus der Sicht seines Protagonisten Georgi, dieser berichtet auf einer Handlungsebene über die letzten Jahre der Zarenherrschaft in Russland, auf einer weiteren über sein Leben nach den Geschehnissen in Jekaterinburg bis hinein in die Gegenwart und der Leser erlebt förmlich mit, wie aus Georgi und Soja GeorgiundSoja wurden, wie sie selbst nannten, um die Nähe zu demonstrieren, die beide verband. John Boyne hält sich genau an die historisch vorgegebenen Eckpunkte und verknüpft Realität mit Fiktion. Denn wissenschaftlich ist spätestens seit den 1990er Jahren bewiesen, was in jener Nacht im Haus zur besonderen Verwendung geschah. Aber trotzdem ist dieser Roman etwas Besonderes. Er führt den Leser durch Krieg und Revolution ohne Action-Szenen und lässt uns an einer großen Liebe teilhaben, ohne dabei ins Kitschige abzudriften. Es herrschen die leiseren und besinnlicheren Töne in diesem Buch, das mich sehr berührt hat. Immer wieder gibt es Anspielungen auf Tolstois „Anna Karenina“, so z.B. der erste Satz in Boynes Roman oder die Eislaufszene. Sehr gut hat mir auch der Aufbau des Romans gefallen, die zwei Handlungsstränge, die sich immer mehr annähern, um sich dann zu gegebenen Zeitpunkt zu vereinen. Die vielen Zeitsprüngen bauten eher Spannung auf, als sie beim Lesen hinderlich gewesen sein könnten. Es wirkte auch nicht störend, dass ich schon sehr zeitig den Ausgang des Romans hätte vorhersagen können. Die Geschichte war so abwechslungsreich und interessant und sprachlich eindrucksvoll geschrieben, dass es eine Freude war, sie zu lesen. Der Charakter des männlichen Protagonisten Georgi war fein herausgearbeitet und glaubhaft beschrieben. Besonders seine Naivität, mit der er nach St. Petersburg kam und wie er die ihm fremde, luxuriöse Welt entdeckte, schilderte der Autor meisterlich. Die Charaktere der Zarenfamilie, das ist mein einziger kleiner Kritikpunkt, waren mir persönlich etwas zu weich, zu menschenfreundlich, zu volksnah.

Mein Fazit: „Das Haus zur besonderen Verwendung“ ist ein ausgesprochen schöner Roman, der besonders durch seine Sprache besticht. Wenn die Realität auch nicht so war, wie im Roman geschildert, hätte sie doch genau so gewesen sein können.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

John Boyne wurde 1971 in Dublin, Irland, geboren, wo er auch heute lebt. Er studierte „Englische Literatur‘ und ‚Kreatives Schreiben‘ in Dublin und Norwich. Er ist der Autor von sechs Romanen, darunter „Der Junge im gestreiften Pyjama“, der zwei Irische Buchpreise gewann, für den „British Book Award“ nominiert war und vor kurzem verfilmt wurde. John Boynes Romane wurden in über vierzig Sprachen übersetzt.



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