Irène Némirovsky – Die Hunde und die Wölfe

Die Hunde und die Wölfe
Irène Némirovsky
Originaltitel: Les chiens et les loups
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Knaus
ISBN-13: 978-3813502831

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ada Sinner wuchs in ärmlichen Verhältnissen im Judenviertel einer unbenannten ukrainischen Stadt auf. Ihre Mutter war tot und so musste sie ihren Vater bei seinen Geschäften als Handelsvertreter begleiten. Nachdem der Bruder des Vaters verstorben war, zogen dessen Witwe Rhaissa mit den Kindern Lilla und Ben bei Ada und Israel Sinner ein. Da der Vater Ada nun von der Tante betreut wusste, ging er in der Folge allein seinen Geschäften nach. Während eines Pogroms flüchteten Ada und Ben in die Oberstadt, das Viertel der Reichen, in ein Haus, das Ada schon seit langem bestaunte, das Haus der reichen Sinners. Hier lernte sie ihren Cousin Harry kennen, es war eine schicksalhafte Begegnung, denn sie konnte ihn danach nicht mehr vergessen.

Jahre vergingen und Rhaissa war mit den erwachsen gewordenen Kindern nach Paris gezogen; Ada und Ben hatten geheiratet. Da erfuhr Ada, die Malerin war, dass sich auch Harry, nicht weit entfernt von ihnen, in Paris aufhielt. Gab es doch noch Hoffnung für ihren geheimen Traum? …

In „Die Hunde und die Wölfe“ erzählt Irène Némirovsky die Geschichte der Jüdin Ada Sinner und ihrer Familie, eine Geschichte von Armut und Reichtum, von Emigration und Anpassung, von der Liebe, von Träumen und von der Angst. Ihr gelingt es, diese großen Themen in das doch relativ dünne Buch zu packen, ohne es überladen wirken zu lassen. So schildert sie gekonnt anhand von Israel und Samuel Sinner, von Ben und Harry, Ada und Laurence die krassen Gegensätze zwischen Arm und Reich und den Versuch Adas, den tiefen Graben zwischen diesen Welten durch ihre große Liebe überbrücken. Sie zeigt aber auch deutlich auf, dass die Situation der Protagonisten um Ada auch in der neuen Heimat nicht unbedingt einfacher wurde. Sie mussten wieder ums Überleben kämpfen und waren auch in Paris nur jüdisches Gesindel, wogegen Harry gleich der Schritt in die bessere Gesellschaft gelang. Sehr stimmungsvoll, immer ein wenig melancholisch überschattet und trotzdem nicht ausschließlich hoffnungslos breitet die Autorin das Schicksal ihrer Protagonisten vor dem Leser aus. So wurden die Träume von einem besseren Leben, der Wunsch einfach dazu zu gehören greifbar und nachvollziehbar. Nicht so überzeugend empfand ich die (Zweck-)Ehe von Ada und Ben. Dramaturgisch passte sie gut ins Geschehen, andererseits passte diese Entscheidung so gar nicht zu Bens Charakter, für den es immer nur um Alles oder Nichts ging, Ada für Alles jedoch nicht bereit war. Ihre Geschichte hat mich, besonders zum Ende hin, sehr berührt. Gern hätte ich sie noch ein Stück auf ihrem Weg begleitet.
Beeindruckt war ich besonders von der Beschreibung der historischen Kulisse, dem armseligen Leben der „kleinen“ Juden im zaristischen Russland, den Problemen der Migranten und deren Angst, ausgewiesen zu werden.

„Die Hunde und die Wölfe“ ist kein Liebesroman im klassischen Sinn. Durch die genaue Darstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse ließe sich dieser Roman schon fast ins historische Genre einordnen, zumal die Liebesgeschichte, die sich durch die Handlung zieht, überhaupt nicht süßlich verkitscht anmutet.

Über den Autor (Quelle: Amazon.de)

Irène Némirovsky wurde 1903 als Tochter eines reichen russischen Bankiers in Kiew geboren und kam während der Oktoberrevolution nach Paris. Dort studierte sie französische Literatur an der Sorbonne. Irène heiratete den weißrussischen Bankier Michel Epstein, bekam zwei Töchter und veröffentlichte ihren Roman „David Golder“, der sie schlagartig zum Star der Pariser Literaturszene machte. Viele weitere Veröffentlichungen folgten. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach und die Deutschen auf Paris zu marschierten, floh sie mit ihrem Mann und den Töchtern in die Provinz. Während der deutschen Besetzung erhielt sie als Jüdin Veröffentlichungsverbot. In dieser Zeit arbeitete sie an einem großen Roman über die Okkupation. Am 13. Juli 1942 wurde Irène Némirovsky verhaftet und starb wenige Wochen später in Auschwitz. 2005 entzifferte Némirovskys Tochter Denise Epstein das Manuskript, das als „Suite française“ veröffentlicht und zur literarischen Sensation wurde.

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2 Antworten zu Irène Némirovsky – Die Hunde und die Wölfe

  1. Krümel schreibt:

    Hattest du es als Wanderbuch nicht mitgelesen?

    LG
    Krümel

  2. Karthause schreibt:

    Nein, da war ich nicht dabei. Jetzt kam es mir in der Bibliothek in die Finger. LG Heike

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